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Geschichten aus der Vergangenheit

Verfasst: Mittwoch 8. März 2017, 14:46
von Merrik von Aerenaue
Es war einmal, in einem weit entfernten Land, hinter großen, majestätischen Bergen, eine große, prunkvolle Stadt, in der ein kleiner, wohlerzogener Prinz lebte.
Nun ja, es war tatsächlich einmal, aber das ist nicht so lange her, wie es klingt. Nur wenig länger als 2 Dekaden, von heute ausgesehen. Und um ganz ehrlich zu sein ist das Land auch nicht so weit weg. Und schon gar nicht hinter Bergen, eher am anderen Ende eines Ozeans. Groß, ja, groß ist die Stadt tatsächlich.. irgendwie.. je nachdem, was man als Maßstab nimmt. Aber eine Hafenstadt ist nicht ganz so prunkvoll, wie sich der ein oder andere Bürger dieser Stadt wünschen würde. Ach und das mit dem Prinzen entspricht auch nicht so ganz der Wahrheit. Klein, sicherlich, in dem Alter aber auch nicht weiter verwunderlich. Nicht mal eine Dekade alt ist der Lausebengel, was das Wohlerzogen im Übrigen auch direkt widerruft. Im Prinzip war er nur ein – fast – ganz normaler kleiner Junge. Vater, Onkel, Schwester, eine nervige Nachbarin, die sowieso alles besser weiß und die überhaupt nicht versteht, wieso sie der Sohn vom Nachbarn immer so unfreundlich anguckt, weil sie ja so eine nette, alte Frau ist.
Wir reisen in unserer Geschichte also etwa 23 Jahre in die Vergangenheit und an einen anderen Ort.

Am Ende eines großen Flusses, dem Havedor, zwischen zwei Gebirgsketten, an der Ostküste des Festlandet des Königreichs Alumenas, liegt eine Stadt. Groß genug um kein Dorf zu sein, doch hindern die schützenden Berge die Stadt vor dem Wachsen. Dennoch herrscht in dieser Stadt reges Treiben. Als Hafen- und Handelsstadt dient sie als Umschlagplatz für alle möglichen Waren von jenseits der See. Sie liegt verhältnismäßig nah an Gerimor, wenn man sie mit anderen Hafenstädten an der Ostküste vergleichen mag, ist aber besser geschützt und verfügt über eine größere Marine als andere. Manch ein Soldat mag neidisch auf ihreFlotte sein, wenn auch sie der königlichen natürlich nicht das Wasser reichen kann. Dennoch ist sie seit man sich erinnern kann und seit man es aufzeichnet uneingenommen und ungeschlagen in Seeschlachten in der Defensive. Stolz zeigt die kleine Stadt Flagge und ist seit jeher treu der Krone, treu dem Königreich Alumenas. Nicht selten machten sich aus ihrem Hafen abenteuerlustige, königstreue Recken auf, zur zum ewigen Konflikt und ewigen Krieg verdammte Insel, Gerimor. In dieser Stadt, welche Havena genannt wird, wuchs unser kleiner Lausebengel auf.


Er wusste ganz genau, wieso ihn sein Vater, mal wieder, rund gemacht hat. Da war einerseits die gestohlene Weinflasche. Er dachte sich, dass diese eine nicht weiter auffallen würde. Doch hatte sein Vater seinen Keller wohl doch besser im Griff und im Gedächtnis als er dachte. Es war eine von den Weinflaschen ganz hinten gewesen, die schon seit Ewigkeiten daliegen und nicht angefasst werden. Wieso hätte es also auffallen sollen? Aber natürlich machte sein Vater genau an diesem Tag eine Inventur seiner Weine. Die günstigen, häufig produzierten lagen immer ganz vorne im Weinkeller. Das sparte Unmengen an Laufmetern. Wäre es eine davon gewesen wäre es seinem Vater sicherlich noch früher aufgefallen. Allerdings gäbe es dann sicherlich weniger Ärger. Denn die Flasche, die der kleine Brauerssohn mitgehen lassen hatte war nicht nur eine der hintersten, nein, auch eine der teuersten. Dennoch machte sich sein Vater selbst genauso Vorwürfe. „Man kann Kindern eines Brauers nicht vom Alkohol fern halten. Früher oder später kommen sie immer ran. Mein Vater hatte Recht, natürlich.“ Die Stimme des Braumeisters klang mit einem Mal sanft und verständnisvoll, hatte er selbst als Junge doch auch solche Flausen im Kopf und mit seinem Bruder nicht nur einmal etwas Derartiges verbockt. Doch als sein Blick auf das Stück Fleisch fiel wurde er wieder lauter. „Bist du denn des Wahnsinns? Nicht nur, dass das Fleisch das beste und teuerste in der ganzen Gegen ist, es ist das Abendessen von Oberst von Ballurat! Weißt du, was es mich gekostet hat ihm das zu besorgen?“ Seine Stimme wurde wieder etwas ruhiger. „DU weißt doch dass heute Abend das Verlobungsessen von Sir Alrik Curthan von Ballurt ist. Und du weißt genauso, dass er mein bester Freund ist. Was hast du dir also dabei gedacht dir den Wein und das Fleisch für sein Essen unter den Nagel zu reißen?“ Der kleine Junge stand schweigend da, der Kopf gesenkt, die Lippen fest zusammen gepresst. Er mochte es nicht, wenn sein Vater derart streng zu ihm war. Wer mochte das auch schon. Und was er sich dabei dachte? Das würde sein Vater wohl nicht so schnell aus ihm heraus bekommen. Der wiederum reagierte offen verärgert auf das Schweigen seines Sohnes und brummte ihm entgegen. „Du gehst auf dein Zimmer, sofort. Und da bleibst du auch für den Rest des Tages.“ Sein Vater packte die gestohlenen Sachen zusammen und ging verärgert in die Küche, ohne einen weiteren Blick auf seinen Sohn zu werfen. Er musste nicht nach ihm sehen, er wusste, dass sein Sohn hören würde.

Als er in seinem Zimmer ankam und die Tür hinter sich schloss seufzte er auf und lehnte sich für wenige Herzschläge gegen die Tür. Er ließ seinen Blick kurz schweifen, auf der Suche nach irgendetwas, das ihn beschäftigen würde, solange er auf seinem Zimmer bleiben musste.
Da waren zum einen kleine hölzerne Figuren, die sein Vater ihm zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Er wurde zu einem großen Jungen, also bekam er auch Spielzeug für große Jungs. Einige der Figuren stellten Soldaten da, mit Turmschild und Schwert oder Wahlweise einem Morgenstern. Andere wiederum hatten Roben an und waren Magier. Natürlich hatte er auch größere Figuren. Was wäre denn ein kleines Heer ohne Gegner wie Drachen oder Dämonen? Er hatte viel und oft mit ihnen gespielt, doch heute hatte er wenig Lust dazu.
Unweit daneben stand sein Bogen, angepasst an seine Größe. Es war bestimmt schon der dritte, den er sein Eigen nennen durfte. Den ersten hatte er, geschickt wie er manchmal war, im Havedor versenkt. Der zweite brach, als er ihn vor Wut gegen einen Felsen schlug. Doch das Bogenschießen war seine wahre Leidenschaft, die von seinem Vater früh entdeckt und natürlich gefördert wurde. Auch wenn er sich dafür schon oft genug selber in den Hinter hätte beißen können. Nicht zuletzt, als sein Sohn auf die Idee kam einfach sein Fenster zu öffnen und aus diesem hinaus zu schießen. Besonders lustig fand er es wohl Hüte von Köpfen herunter zu schießen. Ein Glück für die Hutträger, dass er noch nie an scharfe oder spitze Munition gekommen ist. Doch hatte er heute auch wenig Lust seinen Bogen anzufassen.
Er schlenderte in Richtung des Regals, das links von ihm an der Wand stand und strich seufzend über die Rücken der Bücher, die es beherbergte. Eigentlich waren sie immer akkurat ausgerichtet, alle auf der gleichen Höhe. Doch dieses Mal ragte eines der Bücher ein klein wenig hervor. Er stockte und sah zu eben diesem Buch hin. Seine Finger umgriffen den Buchrücken vorsichtig und zogen es aus der engen Reihe heraus. Die beiden Bücher links und rechts davon kippten direkt aufeinander zu und rangen kurz in einem kleinen Kampf der kippenden Bücher darum, wer stärker war. Tatsächlich war es das Buch mit mehr Rückhalt, welches das andere zurück drängte, wieder aufrichtete und sich triumphierend an das besiegte Buch lehnte. Doch davon bekam der Junge recht wenig mit. Dieser starrte gebannt auf die Front des Buches. Eine geräuschlos knurrende Wolfsfratze starrte ihm bedrohlich und mit angriffslustigen braungoldenen Augen entgegen. Allen Respekt an den Zeichner dieses Machwerkes, der es wohl verstand schon mit dem Titelbild Menschen an Bücher zu fesseln. In blutroter Schrift war darüber das Wort „Wolfsblut“ zu lesen, was sich, einer Haube gleich, auf den Kopf des Wolfes legte. S war einer der Romane, die seine Mutter gelesen hatte, von denen sich sein Vater nach ihrem Tod nicht trennen konnte, selbst wenn er wahrlich kein großer Leser war. Aber er konnte sich generell nur schwerlich von Sachen trennen, die seiner Frau gehörten.
Langsam ging er in Richtung seines Bettes, der Blick weiter gebannt auf das Buch gerichtet, neugierig, aufgeregt, gespannt. Er warf sich auf das Bett und begann schon zu lesen, bevor er es sich wirklich gemütlich machte.
Immerhin hatte er jetzt etwas zu tun, solange er auf seinem Zimmer bleiben musste.



WOLFSBLUT


Kapitel Eins

Das Rudel