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Vom landerwalischem Wahnsinn und anderen Dingen

Verfasst: Mittwoch 8. März 2017, 12:26
von Lya Landerwal
[img]http://i.imgur.com/cCL3BiD.png[/img]
  • "Der eine sah dich hart, der andre sah dich milder,
    der wie es ordnet, der wie es zerstört,
    doch was sie sahn, das waren halbe Bilder,
    da dir das Ganze nur allein gehört."

    Gottfried Benn – Das Ganze
Wann war man eigentlich zufrieden?
Konnte vollkommene Zufriedenheit überhaupt erreicht werden?
"Das hier würde man besser machen können... Hier hättest du... Warum machst du nicht... Ist das dein Ernst!?"
Selbstkritik war in einem gewissen Maß sicherlich gesund, doch zu viel davon und man würde Stück für Stück des eigenen Selbstvertrauens verlieren, bis aus einer einst gesunden Selbstkritik die verwachsenden Selbstzweifel wurden.
Ein Streit, eigentlich typisch landerwalisch und sie wurde vom Vater vor die Tür gesetzt – was im ersten Moment sicherlich schlimmer wirkte, als es eigentlich war. Er tat das öfters und noch am selben Tag hatte sich Lya immer wieder reinschleichen können, das war vermutlich irgendeine verkorkste Art der Erziehung, die sie dazu bringen sollte endlich arbeiten zu gehen. Die Familienbeziehungen innerhalb der Landerwal-Familie hatten sowieso für Außenstehende sicherlich etwas rabiates oder unharmonisches an sich, aber so war nun mal auch fast jeder Landerwal irgendwo.

Lya wurde es allerdings ab einem gewissen Punkt zu bunt. Der nervende Vater, der sie immer wieder zum Arbeiten schickte, obwohl sie gar keine Lust hatte, die Großmutter die ihre Tage damit verbrachte über den perfekten Apfelkuchen zu sinnieren und ihre Mutter die gleichsam predigte, dass der Glaube der Herrin der einzig wahre wäre. Neben all dem auch noch ihr Bruder Lyon, von dem sie manchmal glaubte, dass er glaubte, sie wäre ein schlechter Umgang für seine kleine Tochter Lydia.
Als ob!
Kindern 'lustige' Dinge beizubringen, machte halt Spaß.
Letztendlich fand sie sich in einer Kutsche und anschließend auf einem Schiff wieder, auf nach Gerimor, wo sie von dem Aufenthalt ihrer Cousine Lynn wusste. Lynn... ein Landerwal der das 'rabiate' perfektioniert hatte und doch nicht von ihr vermisst werden wollte.

Selbstvertrauen, ja davon hatte Lya augenscheinlich immer etwas im Gepäck, zumindest sorgte sie gerne dafür, das Außenstehende das von ihr glaubten und sie war sich auch ziemlich sicher, dass sie dies gut beherrschte. Gerimor brachte viele neue Facetten in das Leben der kleinen Landerwal, doch neben all dem Neuen, wurden auch alte Dinge manchmal wachgerüttelt. Unheilvoll wie ein kleines, garstiges Monster welches man lieber schlafen lässt, wurde durch die reine Anwesenheit dieses Mannes das schlafende Biest erweckt. Das Biest, welches einfach wollte das er verschwand und sie nicht weiter an Dinge erinnerte, die in längst vergangenen Zeiten ruhten. Da half kein Meckern oder Maulen, kein Prügeln oder Keifen – er verharrte unmittelbar in ihrer Nähe, so wie es schien und das machte sie wütend. Er war wie die manifestierte Gestalt einer leidigen Vergangenheit, die sie so schön in eine Schublade versteckt hatte und wo nur ein Schmuckstück ihr stets als Erinnerung blieb. Zu ihrem Vorteil war Lyon der einzige, der um das erweckte Biest der Vergangenheit wissen konnte... von Lynn und Lyx würde sie vermutlich ehe nur Kommentare ernten, die sie gar nicht hören wollte.

Irgendwann wurde Wut zu Resignation und diese verwandelte sich schließlich in eine ausgewachsene Skulptur der Ignoranz. Ignoranz, die gerne mit Alkohol, Schokoladenkuchen und ablenkenden Gesprächen gefüttert und von einem brummenden Schädel quittiert wurde. Ablenkung finden war hier des Lösungs Zauberwort und so stürzte sie sich einfach in die Arbeit – was ihrem Vater sicherlich gefallen hätte - was jedoch auch mit Rückenschmerzen in Verbindung trat, die sie... auch einfach zu ignorieren versuchte. Die Hilfe bei der Restauration der Krypta, ihre Anwärterschaft bei der Klosterwache, der Aufbau eines Handelshauses und das alltägliche Geschäft. Zusätzlich hatte sie auch in der Drachentaverne in Adoran einen netten Zeitvertreib gefunden, auch wenn jener letztendlich auch in einem brummenden Schädel zerflossen war – aber daraus würde sie sicherlich lernen. Es blieb einfach sich auf ihre kleine Nichte zu freuen, die schon ganz bald da sein würde!

Verfasst: Samstag 11. März 2017, 18:15
von Lya Landerwal
  • Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
    nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
    Tu, was getan muß sein, und eh man dir's gebeut.
    Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

    Paul Fleming – An sich
Ein Sprung in die Vergangenheit.

Ruhig lagen die Straßen in der Mittagshitze da, ein Zirpen und Sirren erfüllte die Luft, von welcher gefühlt zu wenig vorhanden war und jeder, selbst die Landerwals, schien anstrengende oder laute Aktivitäten zu meiden. Die Strahlen der Sommersonne schienen kraftvoll durch die Fenster des kleinen Hauses und ließen den Schopf der kleinen Frau wie ein dunkles Flammenmeer wirken... dann zerriss etwas die vorherrschende Sille.
»Wie kannst du nur!?«
Klirrend zerschellte das Tongefäß hinter dem blonden Mann an der steinernden Mauer, woraufhin jener leicht zusammenzuckte und abwehrend die Hände hob.
»Lya, Lya, Lya! Beruhig dich meine Liebe.«
Von einem Zustand der Beruhigung war allerdings weit und breit nichts zu sehen – denn wieder wurde ein kleines Tongefäß vom Boden gepflückt und kräftig in die Richtung des Ziels geschmettert.
»Ich soll mich beruhigen!? Du hast es schon wieder getan, Lukas! SCHON WIEDER!«
Erneut duckte Lukas sich unter dem Geschoss hinweg, welches ihn diesmal knapper verfehlte. Er wusste das er hier nichts mehr mit reinen Worten bezwecken würde – also ging er in die offensive. Lya registrierte wie der schlanke, doch weitaus kräftigere, Kerl auf sie zukam und schnappt sich erneut ein Geschoss – wieder duckte er sich agil darunter hinweg, so das sie nicht mehr rechtzeitig davon kam. Schon schlossen sich die starken Arme des Mannes um die kleine Frau welche am Keifen und Zetern war.
»Sschh sschhh Liebes, es tut mir Leid.«
Sie spürte wie die Wut, obwohl sie es gar nicht wollte, langsam abebbte als das Gefühl der Geborgenheit überhand nahm und obwohl ihr Verstand sich gegen diese Worte, die sie gefühlte hundert Male gehört hatte, wehrte, hatte sie wieder die Kontrolle verloren. Irgendwann versiegte auch das Motzen und Murren, welches in ein kleines, jämmerliches Schluchzen überging, während Lukas ihr immer wieder über das Haar und den Rücken strich. Als die Lippen auf den rotbraunen Schopf gedrückt wurden, hob sie letztendlich wieder den Blick an um in das Meerblau blicken zu können.
»Es tut dir jedesmal Leid...«
Er unterbrach ihre Worte, indem er sie einfach wieder fester an sich drückte und es wirkte, trotz seiner Taten. Wieder einmal hatte er gewonnen.


Das Hier und Jetzt.

Nachdenklich drehte sie den alten, abgenutzten Pyrianring an ihrem Finger hin und her, während sie über die Esse hinweg aus dem Fenster starrte. Im Nachhinein, fragte sie sich immer wieder, wie naiv sie eigentlich hätte sein können und natürlich war da unglaublich viel, was sie bereute. Eigentlich hatte sie auch gedacht, es schon längst überwunden zu haben, doch dieses verdammte Duplikat von Lukas, war wie eine riesige Schaufel die jede Kleinigkeit aus den Tiefen der Erde ans Tageslicht beförderte. Sie war froh ihre Ablenkung gefunden zu haben, Lyon als stützender Halt, als Stein in der Brandung, die Arbeit als reichhaltiges Futter für die nötige Ignoranz und die Drachentaverne für etwas Heiterkeit in dunklen Stunden. All das war ein Ersatz für die Ablenkungsmethode die sie in Siebenlauten genutzt hatte, welche sich hier aber nur schwerlich umsetzen ließ.
Mit einem Seufzen ließ sie den Ring los und drückte sich langsam wieder hoch, sie zwang sich ein unbekümmertes Lächeln auf und widmete sich wieder der Arbeit. Es war noch einiges zu erledigen, auch wenn sie sich einfach am Liebsten durchgehend Glühwein hinter die Binden kippen würde.


"Niemals vergessen und niemals vergeben".

Verfasst: Montag 13. März 2017, 16:35
von Lya Landerwal
  • "Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
    Gleichwohl, ob große, ob geringe,
    Im wesentlichen so verpackt,
    Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.
    Wie wolltest du dich unterwinden,
    Kurzweg die Menschen zu ergründen.
    Du kennst sie nur von außenwärts.
    Du siehst die Weste, nicht das Herz"

    Wilhelm Busch – Schein und Sein
In verschiedenen Braunschattierungen verliefen die Maserungen des Gesteins, welche im bunten Flackern der Öllampe immer wieder ihr Aussehen veränderten. Die Umgebung war übersäht von verschiedenen Farben, geschuldet dem bunten Glas der Öllampe, welches eine facettenreiche Farbenlandschaft verteilte. Man würde erwarten das ein solches Bildniss von Stille begleitet wurde, doch tatsächlich erfüllte ein mehr oder weniger regelmäßiges Schnarchen die angewärmte Kellerluft.
Lya löste den grüngrauen Blick vom Farbenspiel und lenkt ihn seitlich gen ihre schlafende Cousine, die regungslos wie ein schnarchender Stein, neben ihr im Bett lag – manchmal wünschte sie sich, genau so unbekümmert wie Lynn schlafen zu können. Vermutlich würde nichtmal eine Horde von Handwerkern die Frau aus ihren Träumen reißen können. Von was sie wohl träumte?
In einer amüsierten Reaktion zuckten die Mundwinkel hinauf, während sie ihren Oberkörper aufrichtete und die Decke ein wenig zur Seite schob. Lynn quittierte das lediglich mit einem kleinen Schmatzen und es machte fast den Anschein, als würde sie selbst im Schlaf Lya davon abhalten wollen, sich aus dem Bett zu bewegen, doch die Feinschmiedin schüttelte den Rotschopf vorsichtig ab und verließ das Zimmerchen auf Zehenspitzen. Sie konnte einfach keine Ruhe finden.

Ihr erster Blick wurde vorsichtig in das kleine Kinderzimmer von Lydia geworfen und zufrieden konnte sie feststellen, wie ihre Nichte zwischen ihren Kuschelbären seelig schlummerte. Eine Weile verharrte sie am Türspalt um dem Mädchen bei seinem ruhigen Schlaf zu beobachten, ehe sie sich auch von diesem Anblick lösen konnte. Langsam erklomm sie die kühlen Stufen mit ihren nackten Füßen, bis sie das Erdgeschoss des Kelpies erreichte. Kurz sondierte sie die Lage, doch bis auf die glühende Esse, die eine angenehme Wärme spendete, konnte sie nichts ausmachen, was irgendwie auf Leben schließen ließ. Trotz der hier herrschenden Wärme fröstelte sie kurz, was durch eine feine Gänsehaut auf ihren Armen und Nacken quittiert wurde – sie konnte wirklich nicht mit Kälte umgehen, nicht mal ansatzweise. Eine Weile verharrte sie auf der Höhe der Essen, möglichst nah an den glühenden Kohlen und betrachtet das weitestgehend im Dunkle liegende Erdgeschoss. Griffiths Arbeitsplatz der bereits von Holzspänen eingeweiht wurde, Rubys Schränkchen und die vielen Kleinigkeiten die eine schwache Reflektion des Lichts der Esse von sich gaben. Schließlich war es der Hammer, der am Rand der Esse lag, der ihre Aufmerksamkeit für wenige Herzschläge länger auf sich zog. Irgendwann schob sich der Bote der Sturheit auf ihre Stirn, in der Form von einer kleinen Furche und ein resignierendes Seufzen untermalte diesen Ausbruch.

Es ging ihr gewaltig gegen den Strich, das die Drachentaverne in den letzten Abenden auch von einer Person aufgesucht wurde, in dessen Nähe sie nicht verweilen wollte. Erst recht dann, wenn alle weiteren Kommunikationsmöglichkeiten den Ort verließen und sie die Auswahl hatte allein an der Bar zu sitzen oder sich zu ihm zu setzen. Natürlich entschied sie sich in einem solchen Fall für das Verlassen der Taverne. Was ihr den Abend zwar gewaltig versaute, aber wahrscheinlich ihrem Herz gut tat. Sie regte sich schon genug in letzter Zeit auf, weswegen sie umso dankbarer war für jede kleine Ablenkung. Eigentlich.
Lyx seine Präsenz bedeute immer Chaos... auf der einen Seite war er das stolze, zuweilen sogar fürsorgliche Oberhaupt auf Gerimor, doch auf der anderen Seite hatte er ein Talent dafür den empfindlichen Nerv von Lya zu treffen. Die Begriffe Kleid, Tanzen und Lya passten nicht in einen Kontext zusammen und das würden sie auch nicht, umso schlimmer, dass er es geschickt einfädelte das sie nicht drum herum kam. Gut, theoretisch würde sie drumherum kommen, sie könnte sich im Kelpie verschanzen und ihren Widersacher aussperren... aber auf lange Sicht war das sicherlich keine Lösung – auch weil er mit seiner Kraft wahrscheinlich stumpf durch die Tür brechen würde. Prima.
Außerdem würde das nur einmal mehr zeigen, was für eine gewaltige Klatsche sie hatte... wobei das eigentlich auch egal war. Was kümmerte es sie schon, was andere, außerhalb der Familie, dachten?

Ein abermaliges Kopfschütteln und sie löst den Blick vom Werkzeug um sich zurück in den Keller zu ziehen, nicht aber zu Lynn, denn eine andere Tür zog sie an. Auf leisen Sohlen schlüpfte sie über die Schwelle in das winzige Zimmer und betrachtete den Riesen einen Moment, der dort im Bett seelig vor sich her schlummerte. Vorsichtig, mit eiskalten Füßen schlüpfte sie zu ihrem Bruder in das Bett, als wären sie wieder Kinder. Die Kälte die damit Einzug unter die Decke fand reichte wohl aus um Lyon zu wecken, ein kleines, schläfriges Grummeln folgte sogleich.
»Falsches Bett...«
Vermutlich war sein erster Gedanke, das Lya sturzbesoffen einfach die Türen verwechselt hatte... das nahm sie ihm auch nicht übel. Statt wieder den Rückzug anzutreten, kuschelte sie sich einfach an ihn.
»Ich kann nicht schlafen.«
Die Worten reichten aus um Lyon ein kleines Seufzen zu entlocken, aber scheinbar verstand er den Hinweis, denn alles was er tat, war die Arme um das kalte Bündel zu schlingen um diesen damit neben der Wärme auch Trost zu spenden.
»Kaum tut es Lydia nicht mehr... versuch es einfach.«
Ein letztes, schläfriges Gemurmel, dann spürte sie wie ihr Bruder auch schon wieder in das Reich der Träume abdriftete – alles was ihr blieb, war dem ruhigen, monotonem Atem zuzuhören und die Gedanken an die kommende Tortur am Abend zu verdrängen.

Verfasst: Dienstag 14. März 2017, 22:09
von Lya Landerwal
  • "Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
    Und lässt andere kämpfen für seine Sache
    Der muss sich vorsehen: denn
    Wer den Kampf nicht geteilt hat
    Der wird teilen die Niederlage.
    Nicht einmal den Kampf vermeidet
    Wer den Kampf vermeiden will: denn
    Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
    Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."

    Bertolt Brecht – Wer zu Hause bleibt
Sie hatte sich schon... ewig nicht mehr so weiblich gefühlt. Nein, weiblich war der falsche Ausdruck... besser wäre zu sagen, sie hätte sich schon ewig lange nicht mehr wie ein kleines Mädchen gefühlt. Ein kleines Mädchen in einem Traum aus unendlich vielen Klamotten, Pflegeprodukten und Haardiskussionen.
Sie befand sich in der Hölle – eindeutig. Der einzige Hoffnugsschimmer der sich ihr bot, war es ihrem Widersacher auch möglichst unangenehm zu machen, egal wie. Immerhin schien Amelie es einigermaßen zu registrieren, wie sehr sie sich gegen das Kleid sträubte.
»Also ein Tanzabend?«
»Leider.«
»Elegant... gut und Herr Alstedt zahlt?«
»Tut er.«
»Oh gut, ich hab wunderschöne sehr teure Kleider...«

Da war der Punkt erreicht, in dem es ihr recht egal war, wie sie aussah, solange ihr Widersacher dafür tief, äußerst tief, in die Tasche greifen musste und tatsächlich sah sie sich am Ende in einem froschgrünen Stück aus Seide und Gold wieder, wofür eine normale Frau wohl einiges mehr tun würde, als zu meckern und zu grummeln.

...
»Habt ihr eine Bürste für die... Haare.«
»Parfüm braucht ihr auch noch Fräulein Landerwal.«
»Perfektion wären andere Dinge.«
»Ooh grün steht Euch ausgezeichnet.«
»Die Haare müssen dann anders sein.«
»Ich denke ein Kamm kann dort nie schaden.«

...
»Wenn Lyx etwas darüber schreibt... erstick ich ihn mit seinem Kissen.«

Irgendwann fand auch diese Hin und Her ein Ende und sie verließ mit einem viel zu edlen Kleidungsset und Duftwässerchen, von dem sie zuerst das schrecklichste überhaupt nehmen wollte, wieder das HHG und eine schreckliche Offenbarung über den weiteren Verlauf später und sie sah sich in rettender Nähe zu ihrer Schmiede. Wahrscheinlich wäre es aber auch zu optimistisch von ihr gewesen zu denken, sie wäre frei – nein, sie durfte sich belehrende Worte anhören. In diesem Momenten tat sich immer eine innere Zerrissenheit in ihr auf, auf der einen Seite nervten die Menschen der Umgebung sie damit, das jene nicht merkten, warum sie so war und warum sie so handelte – doch auf der anderen Seite, wollte sie auch gar nicht, das irgendjemand hinter den Schleier blicken konnte. Alles was sie wollte, war das sie aufhörten nervende Fragen zu stellen, die sie über Dinge nachdenken ließen, über die sie nicht nachdenken wollte. Gewisse Themen und Fragen waren wie kleine Nadelstiche, die kontinuierlich an der Schale stichelten und kratzten... tatsächlich gab es an dem Abend dann diesen einen kurzen Moment, wo sie ihren Blick verbergen musste, damit ihr Widersacher dies nicht erkennen konnte. Sie dankte Temora für das Klingeln als die Vogtin vor der Tür stand und sie sich in aller Einsamkeit dem Wein widmen konnte, bis Kila sich dazu gesellte und den Abend mit Met versorgte...

Verfasst: Mittwoch 15. März 2017, 13:29
von Lya Landerwal
  • "Nicht müde werden
    sondern dem Wunder
    leise
    wie einem Vogel
    die Hand hinhalten."

    Hilde Domin – Nicht müde werden
Panik!
Ein Gefühl das sich wie Feuer durch ihre Adern fraß und sie für den Moment vergessen ließ, wie kalt es eigentlich noch immer war.
Panik.
Die sie vergessen ließ, wie ein normaler Mensch handeln würde, die sie vergessen ließ, wie man atmete.
Panik.
Die sich einem drohenden Mahnmal gleich in ihrem Inneren verankerte.

Lya, lass den Mist.

Sie brauchte einen kleinen Moment die Panikattacke hinabzukämpfen, ehe sie die Schwelle zum Kelpie überwand und die Tür, mit einem letzten tiefen Durchatmen, hinter sich verschloss. Was für ein Chaos und absurd das sie sich dem auch noch bereitwillig stellte – wo war eigentlich ihre gute alte Ignoranz geblieben? Sie hatte sich vermutlich ein besseres Beispiel an Lynn nehmen sollen. Ein wenig mehr Naivität, ein wenig mehr Sturheit... ein wenig mehr Unbeschwertheit. Oder einfach nur ihre gute alte Ignoranz, die ihr die letzten Jahre eigentlich immer gut gedient hatte.
Sie wurde einfach weich, sie wurde einfach schwach. Etwas rüttelte sie hier wach und das missfiel ihr. Mit einem kleinen Murren stieg sie die Stufen des Kellers hinab um sich neben dem Rotschopf in das Bett zu kuscheln – als würde sie neben einem schlafenden Troll liegen. Aber Lynns männliches Geschnarche war schon lange Jahre ein Teil ihres Lebens gewesen, wahrscheinlich würde es fehlen, wenn sie es nicht mehr hören würde. Leber mit Zwiebeln. Dieser Vergleich. Sie rollte mit den Augen und drehte sich auf die Seite, das Buntglas der Öllampe betrachtend... doch anstatt das sie sich in diesem Anblick vergessen konnte, wirbelten ihre Gedanken unruhigen Krähen gleich, die ihre Bahnen um eine Vogelscheuche zogen.
Heilung?
Vergebung?
Nein, das wollte sie eigentlich nicht.
Sie wollte sich dran erinnern, sie wollte daraus lernen – wenn es nicht mehr schmerzen würde, würde sie vermutlich den gleichen Mist nochmal anstellen. Den gleichen Mist nochmal – es galt dies zu verhindern und wenn sie dafür wie eine ungnädige, alte, frustierte Kratzbürste wirken muss. Unpraktisch, das es zumindest einen außerhalb der Familie nun gab, der einen kurzen Blick hinter diese Fassade geworfen hatte. Das war schlicht und ergreifend nicht gut. Es ließ sie schwach und hilflos wirken und das war wirklich das letzte, was sie brauchte. Die Landerwals waren nicht schwach, die Landerwals waren nicht hilflos – sie waren verrückt und rabiat ja, aber auch stark und stur. Sie bekamen für gewöhnlich die Dinge, die sie auch haben wollten und das, was sie haben wollte, war ironischerweise einfach ein Fleckchen Frieden in ihrer ganz eigenen Welt. Vertrauen wurde ihrer Familie geschenkt, es handelte sich hierbei um ein viel zu zerbrechliches Gefäß, als das es willkürlich vergeben werden sollte – als blieb es dort, wo es seit vielen Jahren verharrte. Bei ihrer Familie.
Zumindest sollte es so sein, aber wenn es nur so wäre... warum hatte sie dann diese Dinge erzählt, die sie unter keinen Umtänden hätte erzählen sollen?
Der Alkohol?
Nein, davon hatte sie den Abend definitiv zu wenig gehabt. Leider, sonst hätte sie es zumindest auf diesen schieben können – ein resignierendes Seufzen entwich ihren Lippen, was Lynn mit einem lauten Aufschnarchen quittierte.

Nicht drüber nachdenken Lya. Einfach schlafen... einfach schlafen.

Sie drehte sich auf die andere Seite und betrachtete die absolut unerotische Schlafhaltung ihrer Cousine, was ihr dann doch ein kleines Schmunzeln auf die Mimik brachte. Sie sollte wirklich mehr wie Lynn sein... und mit diesem Gedanken, mit diesem Vorhaben, schloss sie langsam die Augen um irgendwie einen einigermaßen ruhigen Schlaf zu finden.

Distanz und Ignoranz.
Gut gemacht Lya, gut gemacht.

Verfasst: Donnerstag 27. Juli 2017, 20:26
von Lya Landerwal
  • "Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
    erkanntes Leben, jäher Sinn,
    die Sonne steht, die Sphären schweigen,
    und alles ballt sich zu ihm hin.

    Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
    ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
    und wieder Dunkel, ungeheuer,
    im leeren Raum um Welt und Ich."

    Gottfried Benn – Ein Wort
Die Ruhe hatte lange angedauert, sehr lange – wahrscheinlich einfach zu lange. Nach eben jener Panik, die sie einst packte, als sie glaubte jemanden zu nah an sich herangelassen zu haben, hatte sie sich verschanzt. Das Handelshaus, die Klosterwache und die Familie. Mehr gab es nicht, mehr sollte es nicht geben. Es führte unweigerlich dazu, dass sie nur noch selten Kontakte außerhalb eben jener drei Quellen hatte, was sie aber nicht sonderlich störte – es war sicher. Sie lebte dieses Leben, welches wenig private Besonderheiten mit sich brachte und widmete sich der Unruhe ihrer Umgebung. Fremde Probleme waren ihr eigentlich genau so zuwider wie persönliche, aber wenn sie die Wahl hatte, dann nahm sie natürlich die fremden. Ihr fehlte es wohl einfach ein wenig an Sensibilität, sie nahm viele Dinge einfach zu unbekümmert hin - oder sie war schlicht in manchen Punkten zu egoistisch.

Lyx ist tot.

Die Nachricht traf sie unerwartet und mit der Kraft einer Kanonenkugel, die ihre Magengegend und anschließend ihre Brust zerriss. Im ersten Moment konnte sie nicht reagieren, dann griff sie nach der Hand ihres Bruders, in der stummen Hoffnung die Gefühle, welche sie zu überwältigen drohten, mit seiner Hilfe kontrollieren zu können. Es gelang – keine Träne löste sich.

Lyx ist wirklich tot.

Vergiftet. Johanna und Lucien konnten nichts mehr unternehmen. Warum hatte Temora nichts unternommen? Das ist der Lauf der Dinge – ja ganz bestimmt, einfach nur... der Lauf der Dinge. Es musste irgendwann so kommen, er hatte eine unausstehliche Art an sich gehabt. Ein Abschiedsbrief? Sein Hut? Der Arsch!

Schwer zu ordnen waren die Gedanken, welche ihr an dem Abend durch den Kopf tigerten, aber immerhin schaffte sie es, wahrscheinlich auch dank Lyon, weitestgehend tränenfrei zu bleiben. Das hätte sie nicht ertragen, nicht vor den Anwesenden. Noch schwieriger war der Brief, den sie Lyx's Eltern und den restlichen Geschwistern übermitteln musste. Sie brauchte eine kleine Ewigkeit, um einigermaßen etwas zustande zu bringen, was irgendwie leserlich und sinnig war – auch hier hatte sie Glück, das Lyon an ihrer Seite war. Der große Bruder, der Fels in der Brandung.

  • 26. Cirmiasum 260
    Adoran – Kelpie Handelshaus


    Der Herrin Segen mit euch Lymar und Anna,

    wahrscheinlich fragt ihr Euch schon, warum ich Euch einen Brief zuschicke und so ist es leider auch keine gute Nachricht, die ich mit diesem übermittel.

    Wir haben heute die Nachricht erhalten, dass Lyx in der gestrigen Nacht verstorben ist. Wir wissen leider nicht viel über den Umstand des Todes, doch war es wohl kein schmerzvolles Ende. Gerne teile ich euch den Zeitpunkt der Beisetzung mit, wenn ihr vorhabt nach Gerimor zu reisen.

    Dem Rest von uns geht es den Umständen entsprechend gut, ich hoffe auch das in der Heimat alles soweit in Ordnung ist, das alles seine gewohnte Bahn läuft. Wir denken an Euch.

    Bitte richtet Mutter und Vater aus, das wir in Gedanken bei Ihnen sind.

    Gez.

    Lya

Den Rest der Nacht verbrachte sie mit etwas, was sie lange nicht so ausgiebig getan hatte: Trinken. Keine Alkoholflasche im Kelpie war in dieser Nacht sicher, bis die Tränen sich nicht mehr bändigen ließen und sie irgendwann neben ihrem Bruder einen unruhigen Schlaf fand.

Verfasst: Freitag 6. Oktober 2017, 15:14
von Lya Landerwal
  • „Und von allem dem schwebt ein Erinnern
    Nur noch um das ungewisse Herz,
    Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
    Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
    Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
    Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
    Glücklich, dass das Schicksal, das uns quälet,
    Uns doch nicht verändern mag!“

    Johann Wolfgang von Goethe - Warum gabst du uns die tiefen Blicke...
Eine Weile verharrte sie vor Lxy Grab, betrachtete das schlichte Äußere der Stätte und die feine Gravur, die sie selber auf den Stein gebracht hatte. Sie konnte es nicht leugnen, dass er fehlte. Fehlte auf seine ganz merkwürdige, eigene Art und Weise. Es fehlten seine Streiche, seine eigentümliche Art mit Dingen umzugehen, es fehlten sein Nerven und auch sein oft unausstehlicher Charakter. Mit einem Seufzen griff sie den Hut, seinen Hut, ein wenig fester mit den Fingern, während sie diesen vor ihre Brust hielt und schließlich, in einer unendlich zäh wirkenden Geste, hob sie den Hut an, drückte ihre Lippen auf diesen und platzierte ihn anschließend auf dem Grab.

Ein Abschied – ihr Abschied. Das Loslassen, das sie lange hinausgezögert hatte. Wochen, in denen sie diesen Hut getragen hatte, bis die Einsicht kam, dass dieses Festkrallen sie nicht weiterbringen würde. Vermutlich war es auch dem Kelpie zu verdanken, dass sie genügend Ablenkung gefunden hatte. Viel Arbeit durch viele neue oder neu-alte Mitglieder, viele Veranstaltungen, bei denen sie mitwirken musste – manchmal, so musste sie sich auch eingestehen, war es ihr auch lästig.
Lästig nicht einfach mal abhauen zu können und das zu machen, was sie in der Vergangenheit so oft getan hatte und beim Anblick des Pergamentstapels auf ihrem Schreibtisch, fühlte sie ein beklemmendes Gefühl, als würde sie etwas einsperren. Wenn sie dieses Gefühl ereilte, verkroch sie sich meistens in die Mine, wo bisher noch keiner wagte, sie wegen lästigen Dingen aufzusuchen oder aber ihr Weg führte sie nach Schwingenstein in das Kloster, dessen Ruhe sie willkommen hieß.
So schnell dieses Gefühl kam, so rasch hatte es sich auch meist erledigt – immerhin wollte sie das Kelpie und jedes einzelne seiner Mitglieder lag ihr auf eine ganz eigene Art und Weise am Herzen. Familie, ihre Familie - nicht ganz auf der Stufe mit dem landerwalischen Familienwahnsinn, den sie liebte, aber nahe dran und keinen würde sie missen wollen, auch wenn sie oft genug gern ein paar Schellen verteilen würde. Vielleicht sollte sie das einfach mal machen… irgendwann, wenn es wieder außer Kontrolle geriet.

Tatsache war auch, dass sie froh war, das Aren und Alec ihr einiges an Arbeit abnahmen, sodass sie sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern musste und ebenso war es beruhigend, weil sie nicht immer die treibende Kraft sein musste. Es gab ihr die Freiheit sich ein wenig zu entspannen und nicht alles kritisch zu beäugen, auch wenn sie noch immer das Gefühl hatte, das Kelpie wäre ein Kind, welches noch in seinen Schühchen versuchte zu laufen und bei dem man aufpassen musste, dass man es auffangen könnte, wenn es hinfallen würde.
Zusätzlich musste sie sich auch eingestehen, dass sie sich ein klein wenig Sorgen um Lyon machte. Ihr großer Bruder war zwar weiterhin ihr Fels, ihr Halt, aber sie konnte nicht anders als sich Gedanken darum zu machen, dass er sich zu sehr an den Tod seiner Frau festklammerte. Acht Jahre, so alt, wie Lydia war, war der Tod von Alexa nun her, doch Lyon trug ihr Bild wahrscheinlich immer bei sich … und sah andere Frauen so an, als wäre sie noch da. Er war nicht alt genug um sein Leben lang „allein“ zu bleiben, auch wenn er behauptete, dass es für Lydia besser sei, weil sie eine neue Mutter nicht akzeptieren oder verstehen würde.
Wahrscheinlich würde er, wenn sie ihn drauf ansprechen würde, damit argumentieren, dass sie sich ähnlich verhielt, den Ring bei sich trug und sich weigerte, sich auf etwas einzulassen, was auch nur ansatzweise mit einer romantischen Beziehung gleichzusetzen war – aber es war was anderes, auch wenn er es nicht akzeptieren würde. Sie waren Geschwister, aber sie war jemand, der „allein“ sein konnte, sie war zufrieden mit der Familie und den Freunden, die sie umgaben, während er einfach – da war sie sich sicher – diese Nähe und Zweisamkeit brauchte, es wäre nie so weit mit Alexa geschehen, wenn es nicht so wäre.

So lag es auch nicht in ihrer Macht, etwas zu unternehmen, auch wenn es ihr im Magen lag, wie auch bei Lynns merkwürdiges Verhalten. Gut… Lynn und merkwürdig waren nun keine Begriffe, die man selten zusammen zu hören bekam, jedoch verhielt sie sich für ihre Verhältnisse merkwürdig, was im Prinzip bedeute, dass sie auf der einen Seite nur noch verrückter und auf der anderen Seite stellenweise „normaler“ wurde. Lya konnte es weder richtig beschreiben, noch im Ansatz verstehen oder ergründen – alles, was ihr blieb, war ihre Cousine weiterhin zu beobachten und einen bestimmten Verdacht zu hegen, dessen Aussprechen sich im aktuellen Zustand noch zu unreal und wirr anfühlte.
Mit einem kleinen Stirnrunzeln, als wäre schon der Gedanke an diesen Verdacht zu verwirrend, schüttelte sie nur den Kopf, während sie sich langsam von der Grabstätte abwandte, um zurück ins Kelpie zu kehren, wo sie direkt von der grölenden Lynn empfangen wurde. Hachja… Familie.. und sie konnte nicht anders, als dem wilden Rotschopf ein sanftes Lächeln zu widmen.