Noemi Piratentochter
Verfasst: Samstag 21. Januar 2017, 22:09
„Wenn du die Augen schließt, verdunkelt sich der Himmel..“, ihre Stimme hatte sie lange im Sinn. Ihren Duft vergaß sie als Erstes, danach wie sie war: Wie sie sich bewegte. Das Lächeln blieb ihr, blitzend weiß in einem dunklen Gesicht. Sie wurde geboren als einer der Ersten auf der Isla Cabeza. - Herzlichen Glückwunsch – Einige bekamen in der Zeit Nachwuchs, ein paar Seemänner nutzten die erfolgreiche Übernahme um sich zu vergnügen. Cabezianerin, etwas was die Tochter eines Piraten früh in die Wiege gelegt wurde und ewig begleiten würde.
Sie war vier. Kaum einen Tag älter. Da ging die schöne Stimme und das weiße Lächeln fort. Ihr Vater war hellhäutig, hellhaarig, blaue Augen. Ihre Mutter das Gegenteil, dunkle Haut, schwarzes Haar, schwarze Augen. Sie war ein Mischling, wie ein Köter auf der Straße. Und irgendwann wohl nicht mehr wert als eben diese. Weshalb ihre Mutter starb? Sie bekam einen zweiten Bastard, bräunliche Haut, helle Augen, helles Haar – Glückwünsch zum zweiten Cabezianer-. Wenn sie gewusst hätte wohin das alles führt, ob sie ihren Kindern das Leben geschenkt hätte? Noemi überlegte sich das häufig in ihrer Jugend. Sie tendierte eher zu Nein. Denn sie entschied sich niemals in ihrem Leben Kinder zu bekommen. Keiner sollte als Cabezianer geboren werden. Es war anders, wenn man von woanders her kam. Man hatte Wurzeln, konnte zurück. Aber wenn die Wurzeln hier begannen.. - Glückwunsch, wie erwähnt -.
So wuchs das schwarzhaarige Mädchen in den entstehenden Gassen Cabezas auf. Die Häuser wurden Jahr für Jahr höher, weil auf die Enge der Bucht nur wenig Platz war. Sie lernte mit ihresgleichen umzugehen. Zudem lernte sie früh, wo es etwas zu holen gab. Ihr Vater war mit zwei Kindern und ohne Frau überfordert, zudem konnte er nicht mehr auf See fahren und war deshalb extrem mies gelaunt. Er war Pirat, kein Kindersitter. An Tagen wo eine Dame auf Noemi wartete, mit ihrem Bruder in den Armen, wusste sie wo Vater war – und das es nichts warmes mehr zu essen gab die nächste Woche. Minfay verlangte viel. Sie trug Jahrelang die gleichen Kleider, bis sie schon halb an ihrem Leib zerfielen. - Oh armes Mädchen -. Ihr war es Recht, sie konnte viel mehr von Händlern, die sich wegen Wildkraut und Rum auf die Isla verirrten erbetteln, wenn sie auch arm aussah. Früh genug begriff sie jedoch, dass ihr Vater das erbettelte und gestohlene nicht für sie oder ihren Bruder ausgab, sondern für sich. Somit versteckte sie die Münzlein. Aber natürlich nicht alles, damit es ja ihr Vater nicht bemerkte.
„Kind, komm' her.“ Sie hörte, ungern wollte sie sich eine kassieren. So zog sie sich auf den Hocker und sah zu dem hellbärtigen Mann, den sie ihren Vater nannte. „Hab' da ein Angebot für dich. Bei Roma am Hafen.“ Er drehte sich gerade einen Stängel zusammen. „Zwei Kronen, ist also ordentlich. Da musst ein wenig Deck schruppen und sowas..“ Sie engte die Augen zusammen. Zwei Kronen war viel, da war bestimmt ein Haken dran. „Morgen früh stehst du da auf der Matte, sonst gibt’s Ohrensausen, klar?“ Er steckte sich den Stängel in den Mundwinkel. „Klar.“, kam es knapp von Noemi. Sie hatte keine Lust auf Schmerzen, keine Lust auf lautes Geschrei und einen weinenden Bruder. Schnell verkroch sie sich in ihre Nische, für zwei Kronen – Für sie wohlgemerkt – musste das morgen ein anstrengender Tag werden.
Früher als jeder der versoffenen Landratten stand sie beim Schiff. Der erste Maat kraulte sich gerade seinen zerzausten Morgenbart und schickte mit einem Poklapps die zwei Mädchen aus seiner Kabine als ihm das schwarzhaarige Mädchen auffiel. „Hey!“, gellte er zu diesem rüber. „Komm rüber, musst Noemi sein.“ Sie setzte sich trottend in Bewegung und hüpfte nach den verlassenden Damen an Bord. „Muss Deck sauber machen.“, sagte sie direkt und sah sich auf dem, relativ sauberen, Deck um. „Ne, sicher nicht.“ Der helle Blick rückte zu ihm hoch. „Du setzt mit uns nach Bajard über.“ Einen Moment überlegte sie, dann kam ein stilles Nicken. Die Schläge ihres Vaters taten weh, und sie wollte nicht ohne die Kronen nach Hause kommen. „Sorg' schon dafür, dass dir nichts passiert.“ Er grinste sie breit an und offenbarte eine verfaulte Reihe Zähne. Noemi nahm sich vor niemals solche Zähne zu haben, sie fand sie widerlich. Sie war daher auch erfolgreiche Süßigkeitenverweigerin und rieb sich täglich die Zähne mit der ekligen Paste von Mir'ha ein. Eine Wahrsagerin und Tinkturmixerin die ihr sagte, es sei Wunderwerk für gute Zähne. - Es schmeckte scheußlich und lies sie jeden Morgen würgen -. Ein Schulterrütteln ließ sie aus den Gedanken aufschrecken: „Na Bote!“, kam es von einem betrunkenen Seemann, der sich dann über die Rehling ins Hafenbecken erleichterte. „Bote?“ Der erste Maat winkte ab: „Wirst schon sehen. Wenn du den Rand hältst und machst was wir dir sagen, ist alles gut.“
Sie hielt den Rand. Sie machte was sie sagten. Und so fand sie sich gegenüber einen schwarz berobten Mann wieder. Mit einem Brief in der Hand. Die kalte Hand, sie wirkte wie Tod – Noemi kannte Tote – streckte sich zu ihr aus. Dann legte sie sich auf ihren Schopf nieder. Sie wurde gefragt: „Kennst du den Klabauter?“, die Stimme wirkte wie aus einer surrealen Welt. Zitternd wie von einem Greis, aus dem unter der Kapuze gerade sichtbaren Mund eines jungen Mannes. „Non.“, sprach sie in ihrem unvermeidlichen Dialekt. „Ich wünsche dir, dass du ihn niemals sehen musst. So jung... so süß.“ Sie stierte an der Hand vorbei um unter die Kapuze zu sehen. Dann zog sich die Hand zurück und er schlug den Brief auf. Gerade als sie sich umwenden wollte, griff die Hand erneut voran. Doch nun nicht in tätschelnder Weise, er ergriff sie am Kragen und zog sie zu sich hoch. Nur mit den Zehenspitzen berührte sie den Boden: „Sag dem verdammten Pack mit dem du reist, dass ihre Reise nur gut verläuft wenn ich das wünsche. Sobald die Segel sich schwarz färben und der Sturm sich mehrt, werden die kentern.“ Er stieß das Gör von sich, als wäre er angewiedert von ihm und verschwand schneller als sie es der schmächtigen Gestalt zugestand. Nun verstand sie langsam die zwei Kronen.
„Er..“ Kam aus dem Mund des ersten Maats und er sah sich um. „Du lebst?“ Sie blinzelte irritiert. „Ach du wolltest einen Tausch?“, erklang es nun von – auch damals gar nicht so dummen – Noemi. „Scht, sei still du dummes Gör.“ - eh ich revidiere jetzt nicht meine Aussage..! - Sie wich direkt zurück bei den Worten, da sie eine Ohrfeige oder mehr vermutete, doch es kam nichts. Wieder blinzelte sie irritierter Natur.
„Hat er gesagt wie wir Kontakt aufnehmen könnten?“
„Non.“
„Gar nichts?"
„Non.“
„Bist du dir sicher, kein Deut, kein..“
„Non, nichts.“
Er seufzte aus. „Setz dich da vorne, vor Bajard ans Feuer.. und warte, wenn du ihm siehst, dann gebe ihm das hier..“ Sie nahm das Etwas an sich, es war verpackt. Sie interessierte sich nicht dafür. Na ja, nicht wirklich..
Zum Glück war es gerade soetwas wie Frühling in Gerimor. Zumindest fror sie nicht am Feuer. Sie begegnete lustigen Gestalten. Vor Bajard war es wie an einem Wildkrautfest bei der Plantage. Alle Naselang kam jemand, der einen anderen nicht leiden konnte, dann wurde sich geprügelt und dann ging man weiter. Einmal musste sie zurück weichen, da war so ein weiß Berobter, der sich mit einem dunkel Gekleideten nicht gut vertrug. Der Alleine und Temora. Das hörte sie, es gab wohl das im Märchen so groß ausgeschriebene gute und böse auf Gerimor. Sie lauschte und schnappte Phrasen auf. 'Temora zur Ehr', 'Des Alleinen Segen'. Sie musste Mir'ha unbedingt darüber ausfragen, Mir'ha war eh wie eine Mutter für sie. Dort war sie viel lieber als bei ihrem Vater und.. „He.“ - Da ist er wieder! - Sie schreckte bei der zittrigen Stimme unwillkürlich zusammen. „Gib es mir.“ Sie drehte den Oberkörper zurück und streckte die Hand zu dem bleichen aus. Er ergriff ihre Hand und zog ihr das kleine verschnürte etwas aus der Hand. „Wie liebenswürdig..“ - Oh es klang so falsch, faszinierend – Dann beugte er sich hinab und hauchte aus seinen bleichen, kalten Lippen einen Kuss auf die junge gebräunte Hand. „Gute Reise..“ und dann verschwand er wieder. Sie war wie erstarrt.. ein, zwei.. Minuten. Dann drückte sie sich auf und grinste breit vor sich her: „Das ist ein Kerl!“ - Ernsthaft?! - „Der hat ja Schneid!“, gut gelaunt kehrte sie zum Anlegeplatz zurück und berichtete dem Kapitän, samt ersten Maat, von der 'Guten Reise' und ihrer erfolgreichen Übergabe. Dann setzte das Schiff endlich Segel. Mit ein paar Schmugglerwaren und genug verkauften Wildkraut in den Taschen der Piraten, kehrten sie wieder nach Cabeza zurück.
„Zwei Kronen... eine für dich.. eine für mich als deinen Vermittler.“ das breite Grinsen ihres Vaters ließ ihr allen Zweifel weg kehren: Er hatte hinter ihrer Hand viel mehr ausgemacht. Vielleicht sogar bis zu 10 Kronen. 10! Kronen! Sie würde verrückt werden bei dem Gedanken. Mit ihrer einen großen, ersten Krone in der Hand ließ sie sich in ihrer Nische sinken. Sie funkelte gar magisch. Ihre erste Krone. Na.. war ja gar nicht so schwer, oder?
Die folgenden Aufträge waren nicht mehr so aufregend. Sie sah auch nicht mehr ihren faszinierten Graugerobten. Ab und an musste sie Wildkraut verkaufen als Mittelsmann. Die Arbeit war ihr lieber als das Kisten schleppen und Deck säubern. Mit jungen 16 Jahren lernte sie dabei einen stattlichen Seemann kennen. Er war tollkühn, groß gebaut, breite Schultern.. wallendes Haar. Sie kam ins schwärmen – natürlich nur für sich heimlich, die Jungen hätten sie allesamt veralbert. Zwei Jahre zuvor schnitt einer der Jungen ihr die Haare ab und das nur, weil sie einen anderen Jungen einen Teil ihrer Beute gab. Aber der stand ja auch schmiere! Es wurde von der Bande aber als Liebesbeweis abgetan. Als Antwort auf ihr, mittlerweile wieder Brustlanges Haar, mischte sie dem Jungen Abführmittel in sein Essen. - der Klassiker! - Es war herrlich. Wie er aus dem Haus gejagt kam und sich die Buchse auf offenere Straße runter zog weil – seltsamerweise gerade in dem Moment - der Donnerbalken belegt war. Noemi musste bei den Gedanken bis heute auflachen. Nie wieder wagte es einer der Jungen ihr Haar anzupacken, was sie mit als einziges von einem Jungen unterschied.
Na bis sie eben fünfzehn wurde und es langsam in ihr seltsam begann sich zu verändern. Es war verwirrend für sie selbst und sie wollte es nicht wahrhaben. Mir'ha erklärte ihr die Veränderungen. Immer häufiger war sie bei ihr im Wahrsagerladen und lauschte ihren Weissagungen, beobachtete ihre Arbeit neugierig. Da fielen Münzen, es war unfassbar! Für eine Geschichte zahlten die Männer teilweise bis zu zwei Kronen! Mir'ha ermutigte Noemi in dem Gedanken an den schönen Seemann. Es war schließlich etwas normales. So beobachte sie ihn häufiger und gestand sich zu, dass es vielleicht gar nicht so übel war eine Frau zu werden.
Sie war vier. Kaum einen Tag älter. Da ging die schöne Stimme und das weiße Lächeln fort. Ihr Vater war hellhäutig, hellhaarig, blaue Augen. Ihre Mutter das Gegenteil, dunkle Haut, schwarzes Haar, schwarze Augen. Sie war ein Mischling, wie ein Köter auf der Straße. Und irgendwann wohl nicht mehr wert als eben diese. Weshalb ihre Mutter starb? Sie bekam einen zweiten Bastard, bräunliche Haut, helle Augen, helles Haar – Glückwünsch zum zweiten Cabezianer-. Wenn sie gewusst hätte wohin das alles führt, ob sie ihren Kindern das Leben geschenkt hätte? Noemi überlegte sich das häufig in ihrer Jugend. Sie tendierte eher zu Nein. Denn sie entschied sich niemals in ihrem Leben Kinder zu bekommen. Keiner sollte als Cabezianer geboren werden. Es war anders, wenn man von woanders her kam. Man hatte Wurzeln, konnte zurück. Aber wenn die Wurzeln hier begannen.. - Glückwunsch, wie erwähnt -.
So wuchs das schwarzhaarige Mädchen in den entstehenden Gassen Cabezas auf. Die Häuser wurden Jahr für Jahr höher, weil auf die Enge der Bucht nur wenig Platz war. Sie lernte mit ihresgleichen umzugehen. Zudem lernte sie früh, wo es etwas zu holen gab. Ihr Vater war mit zwei Kindern und ohne Frau überfordert, zudem konnte er nicht mehr auf See fahren und war deshalb extrem mies gelaunt. Er war Pirat, kein Kindersitter. An Tagen wo eine Dame auf Noemi wartete, mit ihrem Bruder in den Armen, wusste sie wo Vater war – und das es nichts warmes mehr zu essen gab die nächste Woche. Minfay verlangte viel. Sie trug Jahrelang die gleichen Kleider, bis sie schon halb an ihrem Leib zerfielen. - Oh armes Mädchen -. Ihr war es Recht, sie konnte viel mehr von Händlern, die sich wegen Wildkraut und Rum auf die Isla verirrten erbetteln, wenn sie auch arm aussah. Früh genug begriff sie jedoch, dass ihr Vater das erbettelte und gestohlene nicht für sie oder ihren Bruder ausgab, sondern für sich. Somit versteckte sie die Münzlein. Aber natürlich nicht alles, damit es ja ihr Vater nicht bemerkte.
„Kind, komm' her.“ Sie hörte, ungern wollte sie sich eine kassieren. So zog sie sich auf den Hocker und sah zu dem hellbärtigen Mann, den sie ihren Vater nannte. „Hab' da ein Angebot für dich. Bei Roma am Hafen.“ Er drehte sich gerade einen Stängel zusammen. „Zwei Kronen, ist also ordentlich. Da musst ein wenig Deck schruppen und sowas..“ Sie engte die Augen zusammen. Zwei Kronen war viel, da war bestimmt ein Haken dran. „Morgen früh stehst du da auf der Matte, sonst gibt’s Ohrensausen, klar?“ Er steckte sich den Stängel in den Mundwinkel. „Klar.“, kam es knapp von Noemi. Sie hatte keine Lust auf Schmerzen, keine Lust auf lautes Geschrei und einen weinenden Bruder. Schnell verkroch sie sich in ihre Nische, für zwei Kronen – Für sie wohlgemerkt – musste das morgen ein anstrengender Tag werden.
Früher als jeder der versoffenen Landratten stand sie beim Schiff. Der erste Maat kraulte sich gerade seinen zerzausten Morgenbart und schickte mit einem Poklapps die zwei Mädchen aus seiner Kabine als ihm das schwarzhaarige Mädchen auffiel. „Hey!“, gellte er zu diesem rüber. „Komm rüber, musst Noemi sein.“ Sie setzte sich trottend in Bewegung und hüpfte nach den verlassenden Damen an Bord. „Muss Deck sauber machen.“, sagte sie direkt und sah sich auf dem, relativ sauberen, Deck um. „Ne, sicher nicht.“ Der helle Blick rückte zu ihm hoch. „Du setzt mit uns nach Bajard über.“ Einen Moment überlegte sie, dann kam ein stilles Nicken. Die Schläge ihres Vaters taten weh, und sie wollte nicht ohne die Kronen nach Hause kommen. „Sorg' schon dafür, dass dir nichts passiert.“ Er grinste sie breit an und offenbarte eine verfaulte Reihe Zähne. Noemi nahm sich vor niemals solche Zähne zu haben, sie fand sie widerlich. Sie war daher auch erfolgreiche Süßigkeitenverweigerin und rieb sich täglich die Zähne mit der ekligen Paste von Mir'ha ein. Eine Wahrsagerin und Tinkturmixerin die ihr sagte, es sei Wunderwerk für gute Zähne. - Es schmeckte scheußlich und lies sie jeden Morgen würgen -. Ein Schulterrütteln ließ sie aus den Gedanken aufschrecken: „Na Bote!“, kam es von einem betrunkenen Seemann, der sich dann über die Rehling ins Hafenbecken erleichterte. „Bote?“ Der erste Maat winkte ab: „Wirst schon sehen. Wenn du den Rand hältst und machst was wir dir sagen, ist alles gut.“
Sie hielt den Rand. Sie machte was sie sagten. Und so fand sie sich gegenüber einen schwarz berobten Mann wieder. Mit einem Brief in der Hand. Die kalte Hand, sie wirkte wie Tod – Noemi kannte Tote – streckte sich zu ihr aus. Dann legte sie sich auf ihren Schopf nieder. Sie wurde gefragt: „Kennst du den Klabauter?“, die Stimme wirkte wie aus einer surrealen Welt. Zitternd wie von einem Greis, aus dem unter der Kapuze gerade sichtbaren Mund eines jungen Mannes. „Non.“, sprach sie in ihrem unvermeidlichen Dialekt. „Ich wünsche dir, dass du ihn niemals sehen musst. So jung... so süß.“ Sie stierte an der Hand vorbei um unter die Kapuze zu sehen. Dann zog sich die Hand zurück und er schlug den Brief auf. Gerade als sie sich umwenden wollte, griff die Hand erneut voran. Doch nun nicht in tätschelnder Weise, er ergriff sie am Kragen und zog sie zu sich hoch. Nur mit den Zehenspitzen berührte sie den Boden: „Sag dem verdammten Pack mit dem du reist, dass ihre Reise nur gut verläuft wenn ich das wünsche. Sobald die Segel sich schwarz färben und der Sturm sich mehrt, werden die kentern.“ Er stieß das Gör von sich, als wäre er angewiedert von ihm und verschwand schneller als sie es der schmächtigen Gestalt zugestand. Nun verstand sie langsam die zwei Kronen.
„Er..“ Kam aus dem Mund des ersten Maats und er sah sich um. „Du lebst?“ Sie blinzelte irritiert. „Ach du wolltest einen Tausch?“, erklang es nun von – auch damals gar nicht so dummen – Noemi. „Scht, sei still du dummes Gör.“ - eh ich revidiere jetzt nicht meine Aussage..! - Sie wich direkt zurück bei den Worten, da sie eine Ohrfeige oder mehr vermutete, doch es kam nichts. Wieder blinzelte sie irritierter Natur.
„Hat er gesagt wie wir Kontakt aufnehmen könnten?“
„Non.“
„Gar nichts?"
„Non.“
„Bist du dir sicher, kein Deut, kein..“
„Non, nichts.“
Er seufzte aus. „Setz dich da vorne, vor Bajard ans Feuer.. und warte, wenn du ihm siehst, dann gebe ihm das hier..“ Sie nahm das Etwas an sich, es war verpackt. Sie interessierte sich nicht dafür. Na ja, nicht wirklich..
Zum Glück war es gerade soetwas wie Frühling in Gerimor. Zumindest fror sie nicht am Feuer. Sie begegnete lustigen Gestalten. Vor Bajard war es wie an einem Wildkrautfest bei der Plantage. Alle Naselang kam jemand, der einen anderen nicht leiden konnte, dann wurde sich geprügelt und dann ging man weiter. Einmal musste sie zurück weichen, da war so ein weiß Berobter, der sich mit einem dunkel Gekleideten nicht gut vertrug. Der Alleine und Temora. Das hörte sie, es gab wohl das im Märchen so groß ausgeschriebene gute und böse auf Gerimor. Sie lauschte und schnappte Phrasen auf. 'Temora zur Ehr', 'Des Alleinen Segen'. Sie musste Mir'ha unbedingt darüber ausfragen, Mir'ha war eh wie eine Mutter für sie. Dort war sie viel lieber als bei ihrem Vater und.. „He.“ - Da ist er wieder! - Sie schreckte bei der zittrigen Stimme unwillkürlich zusammen. „Gib es mir.“ Sie drehte den Oberkörper zurück und streckte die Hand zu dem bleichen aus. Er ergriff ihre Hand und zog ihr das kleine verschnürte etwas aus der Hand. „Wie liebenswürdig..“ - Oh es klang so falsch, faszinierend – Dann beugte er sich hinab und hauchte aus seinen bleichen, kalten Lippen einen Kuss auf die junge gebräunte Hand. „Gute Reise..“ und dann verschwand er wieder. Sie war wie erstarrt.. ein, zwei.. Minuten. Dann drückte sie sich auf und grinste breit vor sich her: „Das ist ein Kerl!“ - Ernsthaft?! - „Der hat ja Schneid!“, gut gelaunt kehrte sie zum Anlegeplatz zurück und berichtete dem Kapitän, samt ersten Maat, von der 'Guten Reise' und ihrer erfolgreichen Übergabe. Dann setzte das Schiff endlich Segel. Mit ein paar Schmugglerwaren und genug verkauften Wildkraut in den Taschen der Piraten, kehrten sie wieder nach Cabeza zurück.
„Zwei Kronen... eine für dich.. eine für mich als deinen Vermittler.“ das breite Grinsen ihres Vaters ließ ihr allen Zweifel weg kehren: Er hatte hinter ihrer Hand viel mehr ausgemacht. Vielleicht sogar bis zu 10 Kronen. 10! Kronen! Sie würde verrückt werden bei dem Gedanken. Mit ihrer einen großen, ersten Krone in der Hand ließ sie sich in ihrer Nische sinken. Sie funkelte gar magisch. Ihre erste Krone. Na.. war ja gar nicht so schwer, oder?
Die folgenden Aufträge waren nicht mehr so aufregend. Sie sah auch nicht mehr ihren faszinierten Graugerobten. Ab und an musste sie Wildkraut verkaufen als Mittelsmann. Die Arbeit war ihr lieber als das Kisten schleppen und Deck säubern. Mit jungen 16 Jahren lernte sie dabei einen stattlichen Seemann kennen. Er war tollkühn, groß gebaut, breite Schultern.. wallendes Haar. Sie kam ins schwärmen – natürlich nur für sich heimlich, die Jungen hätten sie allesamt veralbert. Zwei Jahre zuvor schnitt einer der Jungen ihr die Haare ab und das nur, weil sie einen anderen Jungen einen Teil ihrer Beute gab. Aber der stand ja auch schmiere! Es wurde von der Bande aber als Liebesbeweis abgetan. Als Antwort auf ihr, mittlerweile wieder Brustlanges Haar, mischte sie dem Jungen Abführmittel in sein Essen. - der Klassiker! - Es war herrlich. Wie er aus dem Haus gejagt kam und sich die Buchse auf offenere Straße runter zog weil – seltsamerweise gerade in dem Moment - der Donnerbalken belegt war. Noemi musste bei den Gedanken bis heute auflachen. Nie wieder wagte es einer der Jungen ihr Haar anzupacken, was sie mit als einziges von einem Jungen unterschied.
Na bis sie eben fünfzehn wurde und es langsam in ihr seltsam begann sich zu verändern. Es war verwirrend für sie selbst und sie wollte es nicht wahrhaben. Mir'ha erklärte ihr die Veränderungen. Immer häufiger war sie bei ihr im Wahrsagerladen und lauschte ihren Weissagungen, beobachtete ihre Arbeit neugierig. Da fielen Münzen, es war unfassbar! Für eine Geschichte zahlten die Männer teilweise bis zu zwei Kronen! Mir'ha ermutigte Noemi in dem Gedanken an den schönen Seemann. Es war schließlich etwas normales. So beobachte sie ihn häufiger und gestand sich zu, dass es vielleicht gar nicht so übel war eine Frau zu werden.