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Ylvi - ein Wölfchen in Wulfgard

Verfasst: Dienstag 3. Januar 2017, 18:51
von Gast
So lange ihre Erinnerungen zurück reichten, hatte sie das Bild ihrer Mutter vor Augen, wie sie am offenen Feuer der Wohnstätte die Felle und Pelze, die ihr Vater brachte, bearbeitete und daraus ihre Kleidung fertigte. Sie war das einzige Mädchen der beiden mit einem ganzen Sack voll Brüder. Mehr als einmal landete sie im heimischen Teich, weil einer von ihnen es als „nötig“ erachtet hatte ihr hitziges Gemüt abzukühlen. Rau war die Behandlung, herzlich das Abtrocknen und Wärmen danach im Rudel. Manches Mal war abends auch der Skalde zu Besuch und erzählte den Kindern, die ihn immer darum anbettelten, die Geschichten von früher. Von den Ahnen und ihren ruhmreichen Taten. Schon früh lernten sie diese zu ehren und ihnen etwas darzubringen.

Es begab sich wieder an einem Abend, als draußen der Winter das Land in seinem eisigen Griff hielt, dass ihre Mutter sie zu sich rief und ihr die ersten Stiche im Leder zeigte. Mit großer Mühe gelang es dem Mädchen, im Schein des Feuers, eine erste, wenn auch etwas unregelmäßige, Naht zu nähen. Ihre Mutter betrachtete die Naht mit einem sachten Lächeln und forderte sie von nun an jeden Abend auf weiterzunähen. Solange, bis die Naht gerade und gleichmäßig war im Übungsleder. So zogen die Jahre durchs Land und aus dem Mädchen wurde langsam eine Frau. Der Vater war schon lange tot, die Brüder aus dem Haus und die Mutter alt. Im Sommer eines Jahres saß sie auf der Wiese vor ihrer Wohnstätte und ihre Mutter saß in einem knarzigen Lehnstuhl neben ihr und wiegte sich sachte im lauen Wind des Abends. Ihre vom Alter raue und schwache Stimme wiederholte die Geschichten von früher, ergänzte sie um das Leben ihres Vaters. Ylvi lauschte den Worten, die einem Singsang gleich vom Wind davon getragen wurden. In ihren Händen lag feines Nähzeug und ihre Finger fanden fast von alleine die Stellen, an denen sie ihre Arbeit verrichten sollten. Vertieft in das, was sie tat, bemerkte sie zuerst nicht, wie die Geschichten und die Stimme ihrer Mutter verstummten. Sie blinzelte und sah, dass die alte Frau im Lehnstuhl aufgehört hatte zu wippen und ihre Augen geschlossen waren. Kein Atemzug hob mehr ihre Brust. Das lose Tuch um ihre Schultern flatterte im Abendwind. Mit Tränen in den Augen erhob sich Ylvi, als ein kräftiger Windstoß über die Ebene fegte, das Tuch ihrer Mutter aufwirbelt und ihr ins Gesicht wehte. Mit zitternden Händen zog sie das Tuch vom Gesicht weg und betrachtete es. Die feinen Blüten rankten sich auf dem Stoff entlang und endeten im Kürzel des Namens ihrer Mutter. Für einen kurzen Moment dachte sie, dass die Buchstaben sich zu ihren Kürzeln veränderten, dann war dieser flüchtige Moment auch schon vorbei und die nächste Windböe entriss ihr das Tuch und wehte es hinaus auf das offene Feld, immer weiter und weiter. Sie wusste nicht, wie lange sie da stand und dem Tuch nachsah, ehe sie ihre Mutter begrub. Als sie vor dem frischen Grab stand, wurde ihr erst klar, was das alles bedeutete. Der Wind, die Veränderungen in ihrem Leben und das Tuch. Früher hatte sie gehört, wie immer von der Dame im Wind gesprochen und wie sie das Schicksal aller Thyren in der Hand hielt und lenkte im Verborgenen. Vielleicht war all dies ihr Weg Ylvi zu sagen, dass es jetzt Zeit war, ihr Leben zu verändern. Jetzt, in diesem Moment.

Kurz entschlossen packte sie alles, was sie besaß und was ihr wichtig war in eine Tasche, verrammelte und verriegelte das Elternhaus und ging in den nächstgelegenen größeren Ort mit Hafen. Dort schickte sie Bretter ab an ihre Brüder mit der Todesnachricht der Mutter und ihrem Fortgang. Sie wusste, das in der Ferne noch welche von ihrem Volk lebten. Sie würde sich auf die Suche machen. Mit einigen Münzen ließ sich der Kapitän eines Schiffes bestechen sie mitzunehmen auf eine lange Reise. Sie genoss die Überfahrt und als sie anlegten, spürte sie die salzige Luft der Küste auf ihren Lippen und ein sachter Wind umwehte sie. Hier war sie richtig. Und sie begab sich auf die Suche nach ihrem Volk.

Verfasst: Dienstag 3. Januar 2017, 19:04
von Gast
Die Wochen gingen ins Land und sie lernte und lernte und lernte. Ein Schnittmuster nach dem anderen grub sich in ihr Gedächtnis und sie verinnerlichte es mit jedem Stich mehr. Wenn nicht ab und an Myrkjartan kommen würde, um ihr etwas zu essen oder zu trinken zu bringen, wäre sie wohl schon längst vom Hocker gefallen. Diese kleinen Gesten lösten immer wieder ein Glücksgefühl in ihr aus und sie freute sich immer, wenn sie den blonden Thyren sah. Er war schon ein strammer Kerl, das musste man ihm lassen und sehr zuvorkommend, vor allem ihr gegenüber wie Norna es ihr geflüstert hatte.

Wie Katzen um die warme Milch liefen sie umeinander herum, nahmen immer wieder den Platz neben dem anderen am Feuer ein, selbst eine kurze Umarmung seinerseits war schon vorgekommen. In Momenten, wo sie alleine waren, verfiel er sogar auf Kosenamen. Sie war sein Rehlein. Mit jedem Mal wuchs ein unbestimmtes Gefühl in ihr mehr und mehr. Das Ganze war nicht verborgen geblieben und das eine oder andere Mal wurden sie sogar schon geneckt von Clanern. Myekkar ging sogar so weit zu sagen, dass sie das Handfasting abwarten sollen oder ob Myrkjartan sich nicht neben sie platzen sollte. Ihr Gesicht nahm jedes Mal eine scharlachrote Farbe an und sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Eines wusste sie auf jeden Fall: ER musste den ersten Schritt machen, nicht sie. Weyber mussten warten, bis der Kerl sich traut und die Kerle stehen manchmal auf einer sehr, sehr langen Leitung.

Vielleicht interpretierte sie nur zu viel hinein und ihm ging es gar nicht so wie ihr. Sie grübelte und dachte nach, verkroch sich in ihre Arbeit. Mal sehen was die Zukunft bringen würde.

Verfasst: Mittwoch 4. Januar 2017, 20:34
von Gast
Bis in die Nacht hatte das Thing gedauert, doch nun war sie ein vollwertiges Mitglied des Rudels.

Noch lag sie in den Fellen und betrachtete das Armband an ihrem Handgelenk. Ihre Gedanken schweiften nochmal ab zu dem Vorabend.

Kurz hatte sämtliche Aufmerksamkeit des Rudels auf ihr gelegen, was ihr sehr unangenehm gewesen war. Sie war niemand, der das brauchte. Niemand der darauf Wert legte. Sie wollte einfach nur umgeben sein von ihren Lieben. Links und rechts neben ihr hatten sich Norna und Myrkjartan platziert und sie genoss die Nähe dieser beiden Thyren so sehr. Sie gaben ihr für diesen Moment Sicherheit.

Ylvi drehte sich im Hier und Jetzt auf die Seite. Dort hatte sie das Fell platziert, was Myrkjartan ihr vor einigen Tagen um die Schultern gelegt hatte, damit sie nicht fror. Es war sein Umhang gewesen und bisher hatte er den nicht zurückgefordert. An dem Rehfellumhang haftete der herbe, männliche Duft des hochgewachsenen, blonden Thyren.

Doch lange konnte sie nicht mehr liegen bleiben, also erhob sie sich, zog sich ihr Kleid an und legte sich den Umhang um die Schultern. Es gab noch viel zu tun und sie wollte endlich das Lernen von Schnittmustern beenden.

Verfasst: Dienstag 10. Januar 2017, 20:18
von Gast
Mit einem erleichterten Seufzen legte sie das letzte Schnittmuster beiseite. Ihr Kopf plumpste auf den Tisch und der neue Schmerz verdrängte für einen kurzen Moment den dumpfen, pochenden Schmerz in ihrem Kopf vom Lernen der Muster. Endlich. Endlich war sie durch mit allem Gängigen, was es an Mustern gab. Jetzt fehlten nur noch die, die man von anderen lernen konnte. Aber ein wenig frische Luft würde ihr sicher gut, also erhob sie sich und suchte ihren Weg aus dem Händehaus. Die kalte Luft des Nordens wehte ihr ins Gesicht und sie sog die Luft tief ein.

Sie wanderte eine Weile durch das Dorf, betrachtete die Häuser und dachte nach. Ihre Hände zogen den Umhang, den sie von Myrkjartan hatte, eng um sich, um sich selbst Wärme zu spenden. Sie dachte an die vielen kleinen Momente, wo sie sich verlegen und umständlich gegenüber standen, wo sich keiner wirklich bewegte oder etwas sagte. Sie tanzten umeinander herum, so kam es ihr zumindest manchmal vor. Unbemerkt war das nicht geblieben. Oft genug wurden sie aufgezogen oder es fielen Kommentare wie "Jetzt umarm sie endlich!"... doch sie wussten, dass sie das nicht durften. Die einzige Nähe, die möglich war, war, wenn sie nebeneinander auf einem Baumstamm saßen oder.... sie lächelte.

Er brauchte einen neuen Kilt und dort hatte sie die Möglichkeit ihn zu berühren, ohne dass es unsittlich wirkt. Sie maß ihn aus mit den Händen Seine Augen waren ihren Händen gefolgt, den Bewegungen gefolgt. Dann war dieser Moment vorbei und alles wieder so wie immer. Abstand, umeinander herum tanzen, wenige Worte.

Sie kam ans Feuer und ließ sich daran nieder. Die Beine wurden ausgestreckt und die Füße an der offenen Flamme gewärmt. Langsam wiegte sie den Kopf hin und her. So viele neue Gesichter waren in den letzten Tagen auf der Bildfläche erschienen und sie hatte fast schon Schwierigkeiten sich alle Namen zu merken. Tief furchte sich ihre Stirn und sie rieb sich die Schläfen, die wieder anfingen zu pochen. Auch ihr Nacken war verspannt. Sie hatte eindeutig zu wenig Zeit im Bett verbracht und zu viel Zeit auf dem Schneiderstuhl.