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Ein Seeman auf dem Meer aus Sand ...

Verfasst: Donnerstag 22. Dezember 2016, 18:27
von Hadir Yazir

Stille umgab ihn … eine friedliche, spannungslose Stille, die nur durch das leise Rauschen des Meeres unterbrochen wurde, welches leise und schmeichelnd an sein Ohr drang, als würde die Stille die sein Heim erfüllte, das Meeresrauschen als Schleier tragen. Als Träger des Namens Yazir, Familienmitglied eines der wohlhabendsten und angesehensten Häuser in Menek’ur hätte er sich auch ein größeres, prunkvolleres Haus leisten können, doch er wusste das er das Rauschen der auslaufenden Wellen, die
sich am sandigen Anfang Menek’urs brechen, brauchte um überhaupt Schlaf zu finden. 10 lange Jahre die er als Kaufmann unter seines Vaters Kommando auf See verbrachte, haben nicht nur Spuren auf seinem Körper, sondern auch auf seiner Seele hinterlassen. Die gänzliche Abwesenheit des Meeres, welches in jener Zeit sein Leben bestimmte, lies ihn unruhig und unstet werden. Es war als wäre man in einem Wachtraum an einem fremden Ort gefangen, von dem man wusste das er nicht real war, weil etwas Entscheidendes fehlte. Aber heute Nacht, fand sein Geist trotz der sanften Geborgenheit, die sein sehr stilvoll eingerichtetes kleines Häuschen verströmte, keine Ruhe. Sein, der Halbdunkelheit angepasster Blick, glitt zum Fenster. Vom kühlen Griff der nächtlichen Brise gepackt, wehten die dünnen, halbdurchsichtigen Gardinen in sanften, beinah hypnotischen Bewegungen vor sich hin. Dabei ließen sie das diffuse, spärliche Licht der nächtlichen Stadt in sein Zimmer, sodass es niemals vollends Dunkel wurde. Seine von den jüngsten Kämpfen gestählte Gestalt, warf einen dunklen Schatten vor dem großen Fenster, als er sich von den weichen Kissen seines Nachtlagers erhob. Seine Finger gruben sich in klammernden Halt um das feste Gestein des Fenstersimses, während die dünnen Fensterschleier, durch das Spiel des Windes bewegt, über die entblößte Haut streiften.

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Zu vieles gab es, dass sich seinem Geist bemächtigte. Eindrücke, Sorgen, Pflichten, von Ehrgeiz getriebene Verantwortungen, Zweifel, Freundschaft, Liebe … die Liste war schier endlos. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, schien sich sein Leben auf den Kopf zu stellen. Als die „goldene Sand“ das Schiff seines Vaters mit Mann und Maus sank und er nur mit Müh und Not überlebte - ein Umstand der einem kleinen Wunder gleichkam - wusste, spürte er, dass Nichts mehr so sein würde wie es gewesen ist. Der Wohlstand seines Vaters und sein Erbe, sein Vermächtnis wurde auf dem Altar der Gier geopfert und lies seinen eigenen Sohn mittellos und verloren in der Fremde zurück. Es war ein mehr als glücklicher Umstand, dass er in dem nächsten Hafen, den er nach dem Unglück erreichte, ein paar Freunde – oder was Kaufmänner als solches bezeichnen, Geschäftspartner wäre wohl die treffendere Bezeichnung gewesen – traf, die den Anstand und die Güte besaßen ihm nach diesem Unglück zumindest eine Überfahrt in die alte, unbekannt gewordene Heimat zu finanzieren. So kehrte er anstatt als Kapitän seines eigenen Schiffes, nur als Vagabund mit edlem Namen und der Hoffnung auf die Großzügigkeit seiner entfernten Verwandten im Gepäck, nach Menek’ur zurück.

In den ersten Tagen fühlte er sich alt … alt und ausgebrannt. Zu alt um nochmal ganz von vorn zu beginnen, zu alt um des Schicksals Wogen noch einmal zu erklimmen, denn schließlich wurde in einer stürmischen Nacht ein Drittel seines Lebens einfach verschlungen. Obwohl seine entfernten Verwandten ihn wirklich gut aufgenommen und in beinah endlos scheinender Großzügigkeit mit allem versorgt hatten, dessen er bedurfte, so war er sich seines Alters dennoch bewusst. Die Vorstellung mit über 30 erlebten Sommern nochmal gänzlich von Vorn zu beginnen, hatte einen ganz eigenen, Zuversicht raubenden Schrecken. Doch wie sie so manches Mal, zu turmhohen Ungetümen aufgepeitschte Wellen überwinden mussten, überwand er auch diesmal jene Hürde. Das feurige Blut in seinen Adern, das Generationen um Generation von Vorfahren und Verwandten zur Armee, zum Kampf trieb, schenkte ihm in den vielen Stunden seiner Übungen überraschend viel Kraft. Es fühlte sich nicht an, als würde er etwas gänzlich Neues lernen, es war mehr als würden die vielen, sich immer wieder wiederholenden Bewegungen und Abläufe der Kämpfe seinen Körper helfen, sich an etwas zu erinnern, was er schlicht vergessen hatte. Anders war sich nicht zu erklären, wie er so schnell, so vertraut im Umgang mit den Waffen werden konnte. Oder wieso die Kreaturen, Bestien und anderen Schrecken denen er begegnete, nicht die Verursacher seiner heutigen Schlaflosigkeit waren. Etwas tiefes, urtümliches war in ihm, etwas dessen Existenz er zuvor vielleicht mal erahnt und gespürt hatte, aber niemals greifen konnte. Doch hier in Menek’ur, im Dienst der tapferen Janitscharen und für sein Haus wurde es von Tag zu Tag deutlicher, wie sich die Sicht langsam wieder schärfte, wenn man sonnengeblendet einen dunkleren Raum betrat. Selbst sein Körper veränderte sich. Die Muskulatur der viel beanspruchten Regionen verschärfte sich, wurde deutlicher, sichtbarer. Sie war nicht nur von roher Kraft, sondern viel mehr einer explosiven Geschwindigkeit erfüllt, ähnlich einer stets zum Angriff bereiten Schlange. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass es ihn auch nicht mehr sonderlich verwundern würde, wenn er alsbald ein Paar giftiger Fangzähne ausbilden würde, doch die Heiterkeit dieser absurden Vorstellung währte nur kurz.

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Sein Blick durchbohrte den wabernden Schleier der vor ihm wehenden Vorhänge und glitt unbestimmt durch die verwinkelte Straße und den Hof des an seinem Haus grenzenden Anwesens. Seine Gedanken wanderten zu Iskender, einem Anaan der Azeezah, welcher fast zur selben Zeit mit ihm nach Menek’ur zurückgekehrt ist. Er wusste nicht weshalb, aber zwischen Ihnen spannte sich fast sofort ein dünnes Band der Freundschaft. Man verstand sich gut, obwohl Er und Iskender auf dem ersten Blick grundverschieden erschienen. Er mochte die laute, direkte, unverfrorene und ehrliche Art seines Freundes, selbst wenn diese ihn in Schwierigkeiten brachte. Es war erfrischend anders, soviel anders als Er gelernt hatte zu sein. Einfach mal gegen den Strom schwimmen, auszusprechen was man dachte, auf Anstand und Tradition, selbst auf die eigene Ehre pfeifend … es versprach eine Art von ungekannter, mysteriöser Freiheit, die eine unbekannte Sehnsucht in ihm wachrief. Er würde niemals so handeln, niemals so sein aber insgeheim bewunderte er Iskender dafür sich von keinen der strengen Werte der menekanischen Gesellschaft fesseln zu lassen. Leider war dies auch die Ursache für die Probleme in denen sein Freund nun steckte und Ihn in eine unangenehme Lage brachte. Er hatte sich innerlich schon hundertmal verflucht, Iskender an dem Abend von Tahirs Hochzeit gebeten zu haben Nahlah abzulenken. Die zweite Freundin, welche ihm in der Anfangszeit mit ihrer hilfsbereiten, edlen, vornehmen und tiefsinnigen Art über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen hat. Er vermisste die Gespräche im Basar, welche vom aromatischen Duft von frischem, wohltuendem Mokka begleitet wurden. Sie wirkte so unglücklich, so einsam an jenem Abend der Hochzeit als er sie allein am Strandpavillon antraf. Er hatte gehofft, die freche, unkonventionelle seines Freundes könnte Nahlah von den düsteren Gedanken ablenken, doch stattdessen ist alles aus den Fugen geraten. Hatte er etwas übersehen? Hatte ihn seine Menschenkenntnis tatsächlich so sehr im Stich gelassen, dass er Feuer und Zunder zusammenführte ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben? Wieviel Schuld trug er am Leiden seiner Freundin und der Strafe seines Freundes? Was hätte er anders machen müssen, wie hätte er all die Folgen verhindern können? Fragen wie diese quälten ihn seit Tagen. Es war als hätte er einen der wenigen Menschen hier, die er aufrichtig Freund nannte, direkt an den Rand des dunklen Strudels geleitet, der ihn nun in die Tiefe riss und zu verschlingen drohte. Seit dieser Nacht, dessen genaue Tragik er immer noch nicht in allen Einzelheiten kannte, verging kaum ein Tag an dem er nicht wieder eine Beschwerde über das Verhalten seines Freundes hörte. Die Strafe welche der Emir über Iskender verhängte, war inzwischen verdoppelt worden und zusehends spürte er wie das Band das sein Freund mit der Stadt verband dünner und dünner wurde. Selbst seine eigene Familie fiel ihm schon in den Rücken. Und auch sein Wort schien Iskender nicht zu erreichen. Und so war er dazu verdammt zuzusehen, mit anzusehen wie einer seiner Freunde tiefer und tiefer in einer Dunkelheit versank, deren abscheuliches Ende er bereits vor Augen hatte. Er konnte nicht mehr an den drei schwarzen Leichnamen, die zur Abschreckung im Ahnengrab ausgestellt worden waren vorübergehen, ohne sich zu fragen ob sein Freund sich bald als vierter hinzugesellen würde. Als er den Fehler begann seine Sorge in einem unbedachten Moment eines aufwühlenden Gespräches vor Callista, der Haatim seines Volkes zu teilen, ist es beinah zum Eklat gekommen. Er hatte unbewusst in eine tiefsitzende Wunde gestochen und die tolerante und weise hohe Priesterin seines Volkes verletzt. Er fragte sich ob er bei Nahlah auch so gedankenlos gewesen wäre, wenn sie anstelle von Callista dort gesessen hätte. Eine ernüchternde und beschämende Vorstellung.

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Er wandte seinem Fenster nun den Rücken zu und verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust. Die anhaltende kühle Brise der Wüstennacht, welche des geisterhaften Spiels mit den dünnen Vorhängen nicht müde wurde, ergriff sogar noch von den gegenüber hängenden 'Vorhangs-Schwestern‘ besitz, welche den kleinen Wohn- vom Schlafraum trennten. Auf unheimliche, aber vertraute Art und Weise schien sein kleiner Schlafraum in Bewegung zu sein, während er ab und an die zarte Berührung des Stoffes auf seinem Rücken spüren konnte. Unerwartet intensiv traf ihn eine Woge der Sehnsucht nach der Gesellschaft jener Frau, welche ihm sein Herz gestohlen hatte. So bittersüß war das Verlangen, dass er für einen Moment glaubte und wünschte ihre Gestalt in den Schatten seines dunklen Wohnzimmers erkennen zu können und wider aller Vernunft hoffte, sie würde durch den wabernden Vorhang treten um sich von Ihm umarmen zu lassen. Doch einzig ein kühler Windhauch streifte über seine Haut und ließ die widersinnige Hoffnung in der Kälte des Augenblicks erfrieren. Immer wieder überraschte ihn, zu welch starken und intensiven Gefühlen ihn ihre Anwesenheit verleiten konnte. Mehrfach schon überwand er selbst gesteckte Grenzen und ließ sich von der Macht des Augenblicks fesseln. Kontrollverlust war eines der wenigen Dinge die er abgrundtief verabscheute. Das Gefühl sein Schicksal nicht selber in der Hand zu haben, sich größeren Mächten ausgesetzt zu sehen, die einen wie ein Spielball umherwarfen, wie ein Schiff in einem verheerenden Sturm, dessen einziges Bestreben es sein konnte, nicht von der nächst besten Welle zerschmettert zu werden. Eine solche Machtlosigkeit machte ihn für gewöhnlich rasend, aber merkwürdiger Weise nicht in ihrer Nähe. Stattdessen gestattete er sich, dass treiben lassen, dass verschwimmen von Grenzen zwischen richtig und falsch, auch wenn die mahnende Stimme der Vernunft auch jetzt nicht schwieg und es tief in seinem Kopf dämmerte wie gut es war, dass sie in einem Moment wie diesem nicht bei ihm war. Bald würde es ernst werden, bald schon würde er um die Erlaubnis zur Werbung fragen müssen und er hatte keine Ahnung, wie groß die Hindernisse sein werden, die man ihm sicherlich in den Weg legen würde.

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Er warf einen Blick über die Schulter und sah wie die ersten helleren Flecken am Himmelszelt den neuen, nahenden Tag ankündigten. Es würde noch eine Weile dauern, bis die Sonne gänzlich das Dunkel der Nacht vertrieben hatte, doch jenes war so unausweichlich wie die Veränderung, die der Tag mit sich brachte. Saman, der Cousin welcher vor über 2 Wochen zum stellvertretenden Oberhaupt gewählt wurde, hatte erneut zu einer Familiensitzung gerufen. Hadir hatte kein Zweifel daran, dass es erneut um eine Abstimmung zum Oberhaupt ging. Das was sein, Feras und Tooru‘s beherzter Einspruch beim letzten Mal noch verhindert hatten, würde diesmal geschehen. Saman würde zum neuen Oberhaupt der Familie gewählt werden und er wusste nicht, wie er sich dabei fühlen sollte. Khalida, eine zurecht von allen respektierte, wenn nicht gar DIE respektierlichste Person des Hauses vertraute Saman. Ihr Urteil sollte eigentlich jede seiner Bedenken zerstreuen und doch … doch blieben die Zweifel bestehen. Wie wird Saman das Haus führen, dem sie beide mit ihrem Blut verpflichtet waren? Die zwei Wochen die er als stellvertretendes Oberhaupt fungierte, haben leider nicht geholfen seine Bedenken zu lindern. Zu häufig zeichneten sich zukünftige Probleme ab, zu häufig wirkte Samans Einstellung befremdlich. Letztendlich war es jedoch egal. Diesmal würde kein Einspruch etwas ändern. Sahid blieb verschwunden und damit war die notwendige Legitimation gegeben. Alles was ihm blieb war die Segel neu auszurichten um sie der Richtung anzupassen, aus der der Wind zukünftig wehen würde.

Der Morgen schritt unaufhörlich voran und er gab es auf noch Schlaf finden zu wollen. Er durchschritt den seidenen Vorhang und bückte sich nach den klirrenden Teilen seiner ihm so vertraut gewordenen Rüstung. Wenn er schon wach war, so könnte er wenigstens etwas Sinnvolles tun und eine weitere Wacht in den Ahnengräbern absolvieren. Dort würde er seinen umtriebigen Geist endlich beruhigen. Schlussendlich so dämmerte es ihm, konnte er sowieso nur eines tun: „Segel setzen und Kurs halten.“


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