Die Geister die ich rief
Verfasst: Freitag 28. Oktober 2016, 15:54
Svartr wurde vor 19 Wintern auf einer der Inseln östlich Gerimors in eine Holzfäller Familie hinein geboren. Seinen Namen erhielt er durch den dunklen Haarschopf, eigentlich mehr ein dunkles Braun als wirkliches Schwarz, den er bereits nach seiner Geburt hatte. Bereits früh erlernte das traditionelle Handwerk seiner Familie um dem isolierten und kleinen Rudel auf der Insel schnell dienlich zu sein. Kontakt zu anderen gab es zwar regelmäßig durch die Fischer und Händler, die auch mal von Insel zu Insel reisten, im Alltag, besonders in den Wintermonaten, sah man aber selten Jemanden von Außerhalb. Durch den Mangel an gleichaltrigen Spielgefährten bekam er schnell den Ruf eines Eigenbrötlers, verbrachte er als Kind viel Zeit damit alleine an den Stränden und in den Wäldern zu spielen, wo er sich Verstecke baute. Wenn sein Vater ihm die Zeit ließ verbrachte er dort alleine und spielte, wie es nur die Fantasie eines Jungen erlaubte, die Heldentaten Thrails, Schlachten gegen die Einwohner Lameriasts und andere längst vergangene Sagen nach.
Als er älter wurde und mehr und mehr die lebhafte Fantasie seiner Kindheit zurückließ, widmete er sich dennoch häufig noch seinen Verstecken in der Wildnis. Die wenigen Tiere der Inseln beobachtend nutzte er sein Können und übte sich darin ihr Gleichnis in Holz festzuhalten. Auch wenn ihm der Umgang mit dem Rudel seiner Heimat natürlich nicht zu schwer fiel, hatte er Schwierigkeiten engere Freundschaften zu knüpfen. Manche der anderen jungen Kerle träumten davon, sich mit der Waffe in der Hand zu beweisen und irgendwann als Clansschwert Ruhm zu erlangen aber er war weder sonderlich stark, noch groß. Vielleicht könnte er einmal ein Wolfsheuler werden aber er kannte keinen, der es ihm beibringen würde. Und ob sein Vater damit glücklich war? Halfr, Sohn des Skagi, rühmte sich wenn er ein paar Met getrunken hatte immer gerne damit, dass man die Insel nach seinem Vater benennen sollte, würde doch kein Haus dort stehen und kein Boot von dort in See stechen ohne seine Familie. Traditionen wären die Balken die ihre Gesellschaft zusammenhielten pflegte er zu sagen.
Eines Tages, wenige Monate nach seinem 18. Winter, begab Svartr sich in das Holzlager nahe Vaters Werkstatt. Sie ließen die vorbereiteten Stämme dort trocknen und lagern, Bögen und Bretter wurden über Tage in Form gebogen und in einem Winkel hatte Svartr mittlerweile seinen eigenen Werktisch errichtet. Die Nacht hatte er eigenartig geschlafen, verschiedene Träume und Albträume ließen ihn kaum Ruhe finden. Die meisten Details hatte er vergessen aber er erinnerte sich wie Schemen auf ihn einredeten, an ihm rissen als würden sie ihm dringlich etwas mitteilen wollen. Im Traum legte er die Hände auf die Ohren, ihr Stimmengewirr war unerträglich. unerträglicher war aber noch ihre Bedürftigkeit. Er konnte ihnen nicht helfen und sie nicht verstehen. Als er von seiner Schlafstätte flüchtete fröstelte er. Ein kalter Schweiß hatte sich über Gesicht und Rücken gelegt. Schnell warf er sich einige Sachen über und wusch sein Gesicht in einer Holzschlüssel.
Er wollte einige Bretter vorbereiten, die der Fischer Vigmundr für Reparaturen seines Bootes benötigte und dies möglichst schnell und eindrucksvoll erledigen. Es würde ihn auf andere Gedanken bringen, der Tag wirkte irgendwie unwirklich, die Außenwelt erschien ihm schrecklich bunt und grell und ein Kopfschmerz kündigte sich an. Sein Drang gute Arbeit zu liefern wurde aber auch von einem Hintergedanken gesteuert. Vigmundrs hatte nämlich drei Töchter aber Svartr interessierte sich nur für eine von ihnen, die blonde Svana, die diesen Sommer 16 werden würde. Vor einigen Monaten hatte er sich, bei seinen Streifzügen durch den Wald, nämlich zu nahe an einem Bach begeben, in dem sie und zwei weitere Mädchen des Dorfes badeten. Die anderen Beiden waren zwar etwas älter aber sie waren dürre, rothaarige Dinger mit Sommersprossen bis zu den Schultern. Er bekam einen guten Ausblick durch die nahen Sträucher ohne sich selbst preiszugeben und beobachtete sie eine Weile. Er hatte Svana immer ein wenig gemieden, jedesmal schien ihm ein Kloß im Hals zu stecken wenn er grüßte. Aber nun wo er sich nicht ihrem prüfenden Blick ausgesetzt sah aber dafür ihre prallen Rundungen begutachten konnte, wurde er etwas mutiger. Als sie das Wasser verließ und er sich vorbeugte um einen besseren Blick auf die unteren Rundungen zu bekommen, raschelte das Gebüsch vor ihm laut und ein aufgeschreckter Vogel machte ein paar Hüpfter hinaus um sich in die Luft zu erheben. Vor Schreck stolperte Svartr fast, der Blick der drei Weiber wanderte augenblicklich zu seinem Versteck. Ohne darüber nachzudenken nahm er die Beine in der Hand und verschwand wie ein Karnickel auf der Flucht im Unterholz. Irrational nahm er einen Umweg, als würden ihn tatsächlich drei nackte Weiber verfolgen.
Die Erinnerung trieb ihm immer noch Farbe in die Wangen, er hatte sie einige Wochen gemieden weil er befürchtet hatte, dass sie ihn erkannt haben. Im Nachhinein war das vielleicht verdächtiger gewesen. Abgelenkt von der schamvollen Erinnerung zog er sich einen dicken Splitter unter den Fingernagel des Daumens und ließ erschrocken den Hobel los. Mit schmerzverzerrter Miene begutachtete er den Schaden und schloss die Augen, um den Splitter rauszuziehen. Danach steckte er den blutenden Daumen in den Mund und setzte sich auf die Werkbank. Ein bisschen flau wurde ihm und das Herz schien im Halse zu schlagen, der chronische Kopfschmerz nahm pulsierende Züge an. Als er die Augen wieder öffnete wandte er den Blick zur brennenden Tranlampe, weil er glaubte eine Bewegung gesehen zu haben. Leichter Schwindel erfasste ihn und er versuchte sich zusammen zu reißen. Beim Bären! Er hatte sich öfter mal Splitter gezogen, das passierte, und er entsann sich der Worte seines Vaters: "Die vom Blute Thrails kennen keinen Schmerz!". Die kleine Flamme der Lampe schien zu tänzeln und wie hypnotisiert saß er da, die Konzentration auf die Lampe gelenkt. Die Farben schienen aus der Welt im Hintergrund zu entweichen und das Feuer erschien ihm mehr und mehr wie ein lebendes Wesen. Ein Schauer fuhr an seinem Nacken hoch und verwandelte sich in eine prickelnde Wärme die sich sogar über den Kopfschmerz legte. Eine verheißungsvolles Flüstern gleich dem Prasseln vom Kaminfeuer erfüllte seinen Verstand. Seine Ohren nahmen sie nicht wahr, aber sein Geist? Er streckte die unverletzte Hand zum Feuer aus, wie in seiner sehnsüchtigen Geste und einen Augenblick lang fühlte er sich, als würde ihn die eigene Körperwärme verlassen. Kurz schien die Flamme kleiner zu werden, fast zu ersterben, dann brüllte sie los, gleich einer Stichflamme. Die Tranlampe sprang förmlich von ihrem Platz hinab und der Inhalt, nein das Feuer, schien wie Wasser über den Boden zu laufen, an einem Balken hinauf. Vom Schock gelähmt saß er einen kurzen aber entscheidenden Moment dort, im Versuch die Situation zu verstehen, dann erfasste ihn ureigene Panik und er warf in einer hoffnungslosen Geste einen Wasserkrug in die lebendigen Flammen. Unbeeindruckt leckten die Flammen weiter in seine Richtung, eine Wolke aus Qualm legte sich unter die Decke und er senkte den Kopf um nicht noch mehr davon einzuatmen. In schrecklicher Furcht um sein Leben warf er Holzstämme beiseite, stieß ein Regal um und riss Werkzeuge beiseite um sich einen Weg zu schaffen. Sein linker Arm fühlte sich an als würde er brennen, mit der Hand versuchte er sein Gesicht zu schützen. Seine gequälte Lunge rief nach Wolf, flehte um Stärke aber die Worte verlierten sich in der heiseren Stimme und seiner Panik. Die Welt wurde schwarz.
Eine unheimliche Stille kehrte ein, er hatte das Gefühl zu fallen, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Aus dem Dunkel vor ihm schälte sich nach einer gefühlten Ewigkeit ein Schemen, wie dunkler Rauch der sich zu verfestigen schien. Er kannte die Gestalt, wenn gleich sie viel jünger war als er sie in Erinnerung hatte. Ein Mann, vital und voller Kraft, die Schultern umhüllt von einem Fuchspelz, helle intelligente Augen. Sein Großvater, Skagi, der ihm die Hände an die Oberarme legte, ohne dass er eine Berührung spüren konnte. "Die Zeit, dass de Rabe dich bringt is nuad gekommen, Son meynes Sons." Damit löste sich die Gestalt wieder und er fiel in eine noch tiefere Dunkelheit, die alle Sinne erstickte.
Die ersten Zeichen seines wiederkehrenden Bewusstseins waren Schmerzen, sein Gesicht, sein linker Arm, selbst das Atmen schien ihm Schmerzen zu bereiten und mit jedem Atemzug pochte sein Schädel. Nur schlimmer war der Durst und wenn er die Augen öffnete, fühlte es sich an als würde er direkt in die Sonne schauen. Zwei- dreimal rief er Wasser, dann konnte er spüren wie etwas Kühles an seine Lippen geführt wurde und er trank, verschluckte sich kurz, seine Zunge fühlte sich viermal so groß an, dann trank er noch mehr und dämmerte wieder dahin.
Ein weiterer Traum, diesesmal keine Dunkelheit, nur ein unendliches Blau aus dem sich schäumende Wellen erhoben. Er dreht sich auf dem Kreis, ohne seine eigenen Füße oder gar seinen Leib sehen zu können. Nirgendwo gab es Küste, Vögel, nichts. Nur das Meer. Nach einem Moment stellte er fest, dass eine Gestalt sich aus einer der Wellen erhob oder darüber hinweg glitt? Der Wind nahm merkwürdige Laute an, als würde er ein fernes Lied, wunderschön und klar mit sich tragen und in seinem Herzen brannte Sehnsucht und Glückseligkeit. Die Gestalt beunruhigte ihn nicht, im Gegenteil, zuerst war es ein Gefühl der Verbundenheit, als sie Form annahm wandelte er sich zu Ehrfurcht. Eine große nackte Frau hielt vor ihm inne, die Gestalt unnatürlich, fast durchsichtig schien zu sein, aber wunderschön. Keinen Makel hatte sie, kein Flaum wie die Mädchen die er beobachtet haette aber auch keine Augenbrauen. Hätte er einen Leib gehabt, wäre er auf die Knie gefallen aber nicht einmal Worte drangen über seine unsichtbaren Lippen. Die Gestalt aber lächelte und ihre Stimme wurde auf dem Wind und seinen wundervollen Klang getragen, das Wort war kurz, hallte jedoch nach bis es sich mit dem Klang wieder verband: "Sturmouve."
Das zweite Erwachen war nicht mehr ganz so schmerzvoll, seine Mutter und der Medizinmann saßen an seiner Krankenstätte. Als er nach ein paar Versuchen seine Sprache wieder fand, wechselten sie leise Worte. Er hatte Glück im Unglück, zwar hatte er Brandwunden an seinem linken Arm und auch sein Gesicht würde Narben davon tragen, dennoch würde er seinen Arm behalten und wenn er damit üben würde, ihn auch wieder benutzen können. Der Holzschuppen jedoch war abgebrannt und über den Vorfall gab es allerlei Vermutungen. Sein Vater und sein Onkel konnten ihn zum Schluss aus dem Schuppen befreien, indem er wie ein in die Ecke gedrängtes Tier tobte und wirre Sachen schrie.
Einige Wochen später nachdem er sich erholen konnte und den Mut fasste seiner Familie von seinen Träumen zu erzählen hatte er den Eindruck, auf gemischte Reaktionen zu treffen. Einige der Angehörigen der anderen Clans beäugten ihn ein wenig missmutig, schließlich war er ein Tryant und die Erzählungen recht unheimlich. Seine Mutter war einfach besorgt, sein Vater und sein Onkel hingegen jedoch der Überzeugung, dass es ein Zeichen der Dame im Wind war. Der nächste Ahnenrufer aber war auf einer der benachbarten Inseln und Svartr lehnte es ab, dorthin zu reisen. Sturmouve war sein Ziel geworden und je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde er. Es dauerte wenige Monate, bis ein Boot eintraf, dass dorthin übersetzen sollte aber als es soweit war, hatte sich jeder seines Rudels damit abgefunden, dass er fortgehen würde. Sogar seine Mutter.
In Ermangelung eines Ahnenrufers übernahm der Medizinmann die Aufgabe, das von seinem Onkel gespendete Huhn unter wilden Trommelschlägen auszunehmen. Die Eingeweide wurden von der nahen Klippe Stück für Stück in das Meer geworfen und Bitten für eine sichere Überfahrt gerufen, damit der Wind sie über das Meer trägt und die Geister gewogen stimmen mag. Den ausgeweideten Hühnerkadaver hinterließen sie, als Opfergabe an den Wolf. Obwohl er sich seines Weges sicher war, ergriff ihn kurz Heimweg, als er seinen Fuß auf das Boot setze um nach Sturmouve überzusetzen. Wahrscheinlich war es ein Abschied für immer, er war nicht mehr der selbe seit dem Erlebnis. Seine Träume wurden merkwürdiger, nicht nur die Nachts, auch die Tagträume. Zutiefst beunruhigt über die Veränderung seiner Wahrnehmung, würde er die Ahnenrufer aufsuchen müssen, vielleicht waren sie in der Lage ihm zu helfen.
Als er älter wurde und mehr und mehr die lebhafte Fantasie seiner Kindheit zurückließ, widmete er sich dennoch häufig noch seinen Verstecken in der Wildnis. Die wenigen Tiere der Inseln beobachtend nutzte er sein Können und übte sich darin ihr Gleichnis in Holz festzuhalten. Auch wenn ihm der Umgang mit dem Rudel seiner Heimat natürlich nicht zu schwer fiel, hatte er Schwierigkeiten engere Freundschaften zu knüpfen. Manche der anderen jungen Kerle träumten davon, sich mit der Waffe in der Hand zu beweisen und irgendwann als Clansschwert Ruhm zu erlangen aber er war weder sonderlich stark, noch groß. Vielleicht könnte er einmal ein Wolfsheuler werden aber er kannte keinen, der es ihm beibringen würde. Und ob sein Vater damit glücklich war? Halfr, Sohn des Skagi, rühmte sich wenn er ein paar Met getrunken hatte immer gerne damit, dass man die Insel nach seinem Vater benennen sollte, würde doch kein Haus dort stehen und kein Boot von dort in See stechen ohne seine Familie. Traditionen wären die Balken die ihre Gesellschaft zusammenhielten pflegte er zu sagen.
Eines Tages, wenige Monate nach seinem 18. Winter, begab Svartr sich in das Holzlager nahe Vaters Werkstatt. Sie ließen die vorbereiteten Stämme dort trocknen und lagern, Bögen und Bretter wurden über Tage in Form gebogen und in einem Winkel hatte Svartr mittlerweile seinen eigenen Werktisch errichtet. Die Nacht hatte er eigenartig geschlafen, verschiedene Träume und Albträume ließen ihn kaum Ruhe finden. Die meisten Details hatte er vergessen aber er erinnerte sich wie Schemen auf ihn einredeten, an ihm rissen als würden sie ihm dringlich etwas mitteilen wollen. Im Traum legte er die Hände auf die Ohren, ihr Stimmengewirr war unerträglich. unerträglicher war aber noch ihre Bedürftigkeit. Er konnte ihnen nicht helfen und sie nicht verstehen. Als er von seiner Schlafstätte flüchtete fröstelte er. Ein kalter Schweiß hatte sich über Gesicht und Rücken gelegt. Schnell warf er sich einige Sachen über und wusch sein Gesicht in einer Holzschlüssel.
Er wollte einige Bretter vorbereiten, die der Fischer Vigmundr für Reparaturen seines Bootes benötigte und dies möglichst schnell und eindrucksvoll erledigen. Es würde ihn auf andere Gedanken bringen, der Tag wirkte irgendwie unwirklich, die Außenwelt erschien ihm schrecklich bunt und grell und ein Kopfschmerz kündigte sich an. Sein Drang gute Arbeit zu liefern wurde aber auch von einem Hintergedanken gesteuert. Vigmundrs hatte nämlich drei Töchter aber Svartr interessierte sich nur für eine von ihnen, die blonde Svana, die diesen Sommer 16 werden würde. Vor einigen Monaten hatte er sich, bei seinen Streifzügen durch den Wald, nämlich zu nahe an einem Bach begeben, in dem sie und zwei weitere Mädchen des Dorfes badeten. Die anderen Beiden waren zwar etwas älter aber sie waren dürre, rothaarige Dinger mit Sommersprossen bis zu den Schultern. Er bekam einen guten Ausblick durch die nahen Sträucher ohne sich selbst preiszugeben und beobachtete sie eine Weile. Er hatte Svana immer ein wenig gemieden, jedesmal schien ihm ein Kloß im Hals zu stecken wenn er grüßte. Aber nun wo er sich nicht ihrem prüfenden Blick ausgesetzt sah aber dafür ihre prallen Rundungen begutachten konnte, wurde er etwas mutiger. Als sie das Wasser verließ und er sich vorbeugte um einen besseren Blick auf die unteren Rundungen zu bekommen, raschelte das Gebüsch vor ihm laut und ein aufgeschreckter Vogel machte ein paar Hüpfter hinaus um sich in die Luft zu erheben. Vor Schreck stolperte Svartr fast, der Blick der drei Weiber wanderte augenblicklich zu seinem Versteck. Ohne darüber nachzudenken nahm er die Beine in der Hand und verschwand wie ein Karnickel auf der Flucht im Unterholz. Irrational nahm er einen Umweg, als würden ihn tatsächlich drei nackte Weiber verfolgen.
Die Erinnerung trieb ihm immer noch Farbe in die Wangen, er hatte sie einige Wochen gemieden weil er befürchtet hatte, dass sie ihn erkannt haben. Im Nachhinein war das vielleicht verdächtiger gewesen. Abgelenkt von der schamvollen Erinnerung zog er sich einen dicken Splitter unter den Fingernagel des Daumens und ließ erschrocken den Hobel los. Mit schmerzverzerrter Miene begutachtete er den Schaden und schloss die Augen, um den Splitter rauszuziehen. Danach steckte er den blutenden Daumen in den Mund und setzte sich auf die Werkbank. Ein bisschen flau wurde ihm und das Herz schien im Halse zu schlagen, der chronische Kopfschmerz nahm pulsierende Züge an. Als er die Augen wieder öffnete wandte er den Blick zur brennenden Tranlampe, weil er glaubte eine Bewegung gesehen zu haben. Leichter Schwindel erfasste ihn und er versuchte sich zusammen zu reißen. Beim Bären! Er hatte sich öfter mal Splitter gezogen, das passierte, und er entsann sich der Worte seines Vaters: "Die vom Blute Thrails kennen keinen Schmerz!". Die kleine Flamme der Lampe schien zu tänzeln und wie hypnotisiert saß er da, die Konzentration auf die Lampe gelenkt. Die Farben schienen aus der Welt im Hintergrund zu entweichen und das Feuer erschien ihm mehr und mehr wie ein lebendes Wesen. Ein Schauer fuhr an seinem Nacken hoch und verwandelte sich in eine prickelnde Wärme die sich sogar über den Kopfschmerz legte. Eine verheißungsvolles Flüstern gleich dem Prasseln vom Kaminfeuer erfüllte seinen Verstand. Seine Ohren nahmen sie nicht wahr, aber sein Geist? Er streckte die unverletzte Hand zum Feuer aus, wie in seiner sehnsüchtigen Geste und einen Augenblick lang fühlte er sich, als würde ihn die eigene Körperwärme verlassen. Kurz schien die Flamme kleiner zu werden, fast zu ersterben, dann brüllte sie los, gleich einer Stichflamme. Die Tranlampe sprang förmlich von ihrem Platz hinab und der Inhalt, nein das Feuer, schien wie Wasser über den Boden zu laufen, an einem Balken hinauf. Vom Schock gelähmt saß er einen kurzen aber entscheidenden Moment dort, im Versuch die Situation zu verstehen, dann erfasste ihn ureigene Panik und er warf in einer hoffnungslosen Geste einen Wasserkrug in die lebendigen Flammen. Unbeeindruckt leckten die Flammen weiter in seine Richtung, eine Wolke aus Qualm legte sich unter die Decke und er senkte den Kopf um nicht noch mehr davon einzuatmen. In schrecklicher Furcht um sein Leben warf er Holzstämme beiseite, stieß ein Regal um und riss Werkzeuge beiseite um sich einen Weg zu schaffen. Sein linker Arm fühlte sich an als würde er brennen, mit der Hand versuchte er sein Gesicht zu schützen. Seine gequälte Lunge rief nach Wolf, flehte um Stärke aber die Worte verlierten sich in der heiseren Stimme und seiner Panik. Die Welt wurde schwarz.
Eine unheimliche Stille kehrte ein, er hatte das Gefühl zu fallen, bewegte sich aber nicht von der Stelle. Aus dem Dunkel vor ihm schälte sich nach einer gefühlten Ewigkeit ein Schemen, wie dunkler Rauch der sich zu verfestigen schien. Er kannte die Gestalt, wenn gleich sie viel jünger war als er sie in Erinnerung hatte. Ein Mann, vital und voller Kraft, die Schultern umhüllt von einem Fuchspelz, helle intelligente Augen. Sein Großvater, Skagi, der ihm die Hände an die Oberarme legte, ohne dass er eine Berührung spüren konnte. "Die Zeit, dass de Rabe dich bringt is nuad gekommen, Son meynes Sons." Damit löste sich die Gestalt wieder und er fiel in eine noch tiefere Dunkelheit, die alle Sinne erstickte.
Die ersten Zeichen seines wiederkehrenden Bewusstseins waren Schmerzen, sein Gesicht, sein linker Arm, selbst das Atmen schien ihm Schmerzen zu bereiten und mit jedem Atemzug pochte sein Schädel. Nur schlimmer war der Durst und wenn er die Augen öffnete, fühlte es sich an als würde er direkt in die Sonne schauen. Zwei- dreimal rief er Wasser, dann konnte er spüren wie etwas Kühles an seine Lippen geführt wurde und er trank, verschluckte sich kurz, seine Zunge fühlte sich viermal so groß an, dann trank er noch mehr und dämmerte wieder dahin.
Ein weiterer Traum, diesesmal keine Dunkelheit, nur ein unendliches Blau aus dem sich schäumende Wellen erhoben. Er dreht sich auf dem Kreis, ohne seine eigenen Füße oder gar seinen Leib sehen zu können. Nirgendwo gab es Küste, Vögel, nichts. Nur das Meer. Nach einem Moment stellte er fest, dass eine Gestalt sich aus einer der Wellen erhob oder darüber hinweg glitt? Der Wind nahm merkwürdige Laute an, als würde er ein fernes Lied, wunderschön und klar mit sich tragen und in seinem Herzen brannte Sehnsucht und Glückseligkeit. Die Gestalt beunruhigte ihn nicht, im Gegenteil, zuerst war es ein Gefühl der Verbundenheit, als sie Form annahm wandelte er sich zu Ehrfurcht. Eine große nackte Frau hielt vor ihm inne, die Gestalt unnatürlich, fast durchsichtig schien zu sein, aber wunderschön. Keinen Makel hatte sie, kein Flaum wie die Mädchen die er beobachtet haette aber auch keine Augenbrauen. Hätte er einen Leib gehabt, wäre er auf die Knie gefallen aber nicht einmal Worte drangen über seine unsichtbaren Lippen. Die Gestalt aber lächelte und ihre Stimme wurde auf dem Wind und seinen wundervollen Klang getragen, das Wort war kurz, hallte jedoch nach bis es sich mit dem Klang wieder verband: "Sturmouve."
Das zweite Erwachen war nicht mehr ganz so schmerzvoll, seine Mutter und der Medizinmann saßen an seiner Krankenstätte. Als er nach ein paar Versuchen seine Sprache wieder fand, wechselten sie leise Worte. Er hatte Glück im Unglück, zwar hatte er Brandwunden an seinem linken Arm und auch sein Gesicht würde Narben davon tragen, dennoch würde er seinen Arm behalten und wenn er damit üben würde, ihn auch wieder benutzen können. Der Holzschuppen jedoch war abgebrannt und über den Vorfall gab es allerlei Vermutungen. Sein Vater und sein Onkel konnten ihn zum Schluss aus dem Schuppen befreien, indem er wie ein in die Ecke gedrängtes Tier tobte und wirre Sachen schrie.
Einige Wochen später nachdem er sich erholen konnte und den Mut fasste seiner Familie von seinen Träumen zu erzählen hatte er den Eindruck, auf gemischte Reaktionen zu treffen. Einige der Angehörigen der anderen Clans beäugten ihn ein wenig missmutig, schließlich war er ein Tryant und die Erzählungen recht unheimlich. Seine Mutter war einfach besorgt, sein Vater und sein Onkel hingegen jedoch der Überzeugung, dass es ein Zeichen der Dame im Wind war. Der nächste Ahnenrufer aber war auf einer der benachbarten Inseln und Svartr lehnte es ab, dorthin zu reisen. Sturmouve war sein Ziel geworden und je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde er. Es dauerte wenige Monate, bis ein Boot eintraf, dass dorthin übersetzen sollte aber als es soweit war, hatte sich jeder seines Rudels damit abgefunden, dass er fortgehen würde. Sogar seine Mutter.
In Ermangelung eines Ahnenrufers übernahm der Medizinmann die Aufgabe, das von seinem Onkel gespendete Huhn unter wilden Trommelschlägen auszunehmen. Die Eingeweide wurden von der nahen Klippe Stück für Stück in das Meer geworfen und Bitten für eine sichere Überfahrt gerufen, damit der Wind sie über das Meer trägt und die Geister gewogen stimmen mag. Den ausgeweideten Hühnerkadaver hinterließen sie, als Opfergabe an den Wolf. Obwohl er sich seines Weges sicher war, ergriff ihn kurz Heimweg, als er seinen Fuß auf das Boot setze um nach Sturmouve überzusetzen. Wahrscheinlich war es ein Abschied für immer, er war nicht mehr der selbe seit dem Erlebnis. Seine Träume wurden merkwürdiger, nicht nur die Nachts, auch die Tagträume. Zutiefst beunruhigt über die Veränderung seiner Wahrnehmung, würde er die Ahnenrufer aufsuchen müssen, vielleicht waren sie in der Lage ihm zu helfen.