Ist Ankunft Vernunft, oder Fernbleiben Kunst?
Verfasst: Samstag 15. Oktober 2016, 23:56
Etwa drei Mondläufe vor seiner Rückkehr.
Immer und immer wieder würde sie das geschriebene lesen,
durch den Raum sehen, es wieder lesen.
Natürlich wusste sie was dort stand, sie hatte es selbst verfasst...
Sie hatte es zerknüllt, und wieder auseinander gefaltet.
Sie hatte es an den Platz ihres großen Bruder gelegt, und wieder weggenommen.
Die Gefühle welche sie für den älteren Bruder hegte..,
sie waren ganz anders als jene, mit denen manche herumprahlten,
und doch, war es gewesen als würde jemand ein Stück von ihr nehmen.
Jemand würde den Schutz von ihr nehmen.
Die schützende Schicht um etwas zerreissen.
Natürlich würde sie weitermachen, sie musste.
Doch wie leer das Baumhaus ohne ihn war, still.
Und wie sehr sie sich erschrak, und aus der Meditation schreckte,
wenn der Wind durch das Holz trieb, und die Schellen am Boden klingen ließ.
Wie ein stetig wachender Geist schlich er noch immer durch das Baumhaus, sie war sich sicher.
Etwa einen Mondlauf vor seiner Rückkehr.
Da der Fenvar nun mittlerweile einige Nächte im Baumhaus blieb,
beruhigten sich auch ihre Ruhephasen langsam wieder.
Der Atem und der Herzschlag schienen die richtige Sicherheit zu bieten,
den Kopf in seinem Arm gebettet konnte sie zumindest in der Nacht,
von den wirren Gedanken ablassen.
War er nicht da, so erwischte sich die Lindil oft dabei, sich in die andere der Hängematten zu legen,
verträumt spielte sie dann selbst die kleinen Schellen an und lauschte den Klängen still.
Auch Elu´beth half ihr sich zu erinnern, und rief ihr eines Abends die Stimme des Talagan ins Gedächtnis.
In der Nacht dachte sie noch..
- Vielleicht war es eine schlechte Idee gewesen, denn ohnehin wurde das Bild des Bruders langsam verschwommener,
so würde es irgendwann vielleicht nicht mehr so schmerzen. -
Die Zeit wog schwerer, wo sie doch eigentlich vorgaben alle Zeit der Welt zu besitzen.
Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, einige der Geschwister sahen sie seltsam an,
wo sie auch Monate später noch immer nicht von ihm abließ.
Doch was waren schon ein paar Monate?
Sie würde es sich noch viele Jahre mit anhören müssen, wenn er nicht zurückkam.
Etwa zwei Wochen vor seiner Rückkehr.
Voller Wut wurden die Farben aus dem Regal gerissen.
Hätte sie die Haltlosogkeit besessen, so hätte sie wahrscheinlich geschrien, doch sie ließ es an einigen Pergamenten aus,
welche dann voller Unzufriedenheit zerknüllt, auf dem Boden um sie herum zum liegen kamen.
Sie konnte es nicht begreifen, sie konnte sich sein Gesicht nicht mehr vorstellen.
Sie wusste dass seine Augen die Farbe von sonnigem Bernstein hatten, und doch, sah sie die Züge darum herum nicht.
In dem Gedanken der Farbschattierungen konnte sie sich verlieren,
wie Wasser, welches schimmernd die Strahlen der Sonne bricht und einem braunen Steinchen den Glanz seines Daseins verleiht.
Der Ton seiner Stimme jedoch, war versiegt.
Die Stimme ihres Vertrauens war die des Maethor geworden,
der Tag für Tag nach ihr sah.
Das Bild welches sie zeichnete, seine Umrisse hell umrundet, um die besonderheit jenes zu zeigen, gab sie allerdings an die Schwester.
Sie wusste, dass sie sich ebenfalls nach dem Lindil sehnte.
So würde sie immerhin einem eine Freude machen.
Der Tag an dem er plötzlich wieder da war.
Konzentriert wurden die Kräuter in ihrem Mörser zermahlen.
Wenn sie gefragt wurde ob sie etwas mischen könnte... natürlich würde sie helfen wo sie konnte.
Die Zeit wurde nicht gerade gemütlicher, die Wellen schlugen hoch gegen das Steinufer.
Die Schritte auf dem Holzboden verrieten ihr, dass Fuinor zur Meditation zurückgekommen war.
Schon mit einem Lächeln wandte sie sich der Treppe zu, den Blick noch auf das letzte Fläschchen gerichtet,
als sie dann aber bei der vertraut, vergangenen Stimme inne hielt und den Kopf herum riss.
- Konnte man träumen, wenn man gerade noch wach gewesen war, und einen längst vergessenen Geruch wahrnahm?-
''Sanya'sala Eona'iama.'', erklang die Stimme, als wäre er nie fort gewesen.
Ihr Mund klappt auf, der Blick wanderte hinunter zu seinen nackten Füßen dann wieder hinauf.
Ihr Augen musste ängstlich oder erschrocken aussehen, während sie sich in einen glasigen Fluss verwandelten, denn er fügte an:
''Eona!, ich bin zurück!''
Mit tiefen Atmenzügen ließ sie die Flasche auf den Tisch zurücksinken.
Sollte sie glauben dass er blieb?
Einige Wochenläufe später...
Nun da alle noch mehr zusammenrücken musste,
war das Baumhaus lebendiger als eh schon.
Manchmal lag sie nachts wach, und beobachtete die beiden Brüder eingehend.
Natürlich wusste sie von dem, der ruhig neben ihr lag, dass er blieb,
doch wachsam hatte sie den Talagan einige Male nicht aus den Augen gelassen.
Es war die Angst das er verschwand, wenn sie erwachte.
Und dann hatte er auch noch gesagt, er könne verstehen wenn sie seine Sachen aus dem Baumhaus geschafft hätte...
Nichts hatte er ihr bisher von seiner Reise erzählt, garnichts.
Ob er je verstehen würde, wie ernst es für sie und einige der Geschwister gewesen war?
Welch große Rolle er in den Klängen dieser einzunehmen wusste?
Nachdenklich las sie ihr geschriebenes erneut...
Lang hatte sie es nicht in den Händen gehalten.
Und doch fand es den Weg auf seine Hängematte, obenauf eine nicht ganz perfekte Malvenblüte.
Zwar würde es zerknittert sein wenn er es fand, doch wusste sie, das er solches vielleicht ernster nahm, und es verstehen könne.
~
Unerwartetes verschwinden,
Gefühle sich winden.
Grau werdene Sinne,
durch das sehnsüchtige erwarten einer Stimme.
Schlaflose Nächte,
hilflose Träume
die Fragen, wo er seine Zeit nun verbrächte
könnte er schlafen unter dem freien Himmel, fremden Bäumen?
Das vergessen des Seins, seines Anlitz,
dutzend gemalte Bilder - kein Ergebnis.
Traurige Gespräche unter Geschwistern,
die leisen Schwalben, das einsame Zwitschern.
Würde er wiederkommen?,
hatte er das Sein verändert,
sollte das Bild von ihm nicht länger sein verschwommen,
Würde das Blatt sich wenden?
~