Zwergenmund tut wahrheit kund

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Ranulph Graufels

Zwergenmund tut wahrheit kund

Beitrag von Ranulph Graufels »

Eine Geschichte, eine Geschichte…riefen die Barden das Volk zusammen:

„Ihr wollt wissen wie ich zu dem geworden bin, was ihr heut vor euch seht?“, polterte die rauchige Stimme unter dem beinahe schlohweißen Bart, der bis zu den Knien der tadellos geschmiedeten Rüstung reichte und in den ein kunstvolles Geflecht aus kleineren und größeren Zöpfen eingeflochten war in denen metallene Ringe alles beisammen hielten. „ Na dann setzt euch mal, ihr Kurzbärte, dann will ich euch von meinem Beginn als Hammerschwinger erzählen….“ Eine kurze Pause ließ ihn verstummen, doch die noch immer wachen grünen wenn auch inzwischen etwas trüben Augen huschten von Schopf zu Schopf der jungen Zwerge vor ihm, ehe er fortfuhr:
„Damals, es muss mein hundertunddritter Jahrestag gewesen sein…da machte ich mich vom Stollen meiner Eltern auf, mit nichts als einer Picke und einem Kriegshammer bewaffnet auf um den Vater des Berges in einer unserer tiefsten Höhlen zu befragen. Da unten, sooooo tief dass kein lebender Zwerg je tiefer gegraben hat, da unten wollte ich mich dem Klang der Erze verborgen im Stein widmen und dunkles Gezücht, für das man keinen Namen kennt, ja das wollte ich im Kampf besiegen.“ Die vom Alter bereits gezeichnete Stimme schwoll mit jedem Wort an und er nickte, die eigene Rede bekräftigend immer wieder gewichtig, während der Zwergin, die hinter ihm stand und deren Alter durch das helle Grau des Bartes auch kaum zu verleugnen war, nur mild schmunzelte, als habe sie die Geschichte schon mehrfach gehört, jedes Mal in einer etwas anderen und mehr oder weniger ausgeschmückten Form. „ Ich machte mich also auf den Weg, allein…denn dort unten, so hörte ich, gibt es Mithril das so dunkelblau ist, das es das Licht zu verschlucken scheint. Das wollte ich finden, um es Cirmias als Geschenk in der Esse darzubringen und um daraus meinen ersten selbst geschmiedeten Hammer zu fertigen. „ Fährt der Silberbart fort, hebt, bedeutungsschwanger mit der Faust vor sich durch die Luft dreschend, den rechten Arm in die Höhe und muss erst von seiner Frau beruhigt werden ehe er mit der Erzählung fortfahren kann. „Ich sags euch, ihr Flaumbärte, an dem Tag, da lag etwas in der Luft, ich habs genau gerochen, aber ich wollte unbedingt beweisen, dass das Blut meines Vaters und seines Vaters vor ihm in meinen Adern fließt, darum hab ich nicht gekniffen wie die Langbeiner und bin schnurstracks in den alten Stollen hinabgestiegen. Der Weg war ganz staubig und in kürzester Zeit war mein roter Bart so grau wie der eurer Großmutter heute!“ Der Alte hob den Blick und zwinkerte der noch immer neben seiner bequemen Felsenlehne stehenden Zwergin zu, die ihm die, von der vielen Arbeit furchige Hand auf die von ineinander gewirkten Ketten eines metallenen Hemdes bedeckte Schulter legte: „Nun red schon weiter, alter Brummbär, sonst sind aus den Kurzen Graubärte geworden ehe deine Geschichte fertig erzählt ist!“
„Ist ja schon gut, ich erzähl ja schon weiter. Nie lässt du mich ausreden, nie…“, murmelte der Alte und maulte noch ein paar Sätze, wohl zu leise als dass die Kurzbärte den Inhalt genauer mitbekommen hätten, doch die Zwergin lachte nur gutmütig auf und wandte sich zurück an die Arbeit.
„Wo war ich gerade eben…ach ja…“, er nickte ein paar Mal, wobei der prachtvolle Bart über dem Bauch auf und ab wippte.“ Ich war bald ganz grau, vom Helm bis zu den Stiefeln und so konnte ich mich ja da unten den dunklen Ungetümern nicht zeigen, die hätten ja lachend die Flucht ergriffen und mich noch als Rußmännchen beschimpft. Ich ging also auf einem Umweg, den eure Ururgroßmutter mir auf einer der Karten gezeigt hatte hin zu einem kleinen Bergsee, dessen Wasser meine Ahnen schon seit Jahrhunderten verwenden um die Waffen nach dem Schmieden abzukühlen. Gerade an der letzten Biegung fielen mir dann seltsame Abdrücke auf dem steinernen Boden auf, seltsam schlammig und nur mit zwei Zehen am Fuß. Ich wusste genau, dass da etwas nicht stimmen konnte, läuft doch keiner von uns nur mit einem halben Fuß umher und so zog ich meinen Hammer und näherte mich leise wie nur Katzen schleichen können…“, die Rede wurde aus dem Hintergrund von einem leisen Schnauben und einem unterdrückten Lachen unterbrochen. Statt sich umzudrehen murmelte der Silberbart erneut etwas, dass die Ohren der Kinder so rot wie das Feuer anlaufen ließ und räusperte sich. „ Wie ich schon sagte, ich war leise wie…wie…eben unglaublich leise, schlich näher und spähte zum See hinab, denn ihr müsst wissen, dass ein immer breiter werdender Weg vom Gang aus auf eine große Höhle zulief der im See endete. Zuerst, da sah ich nichts, dachte schon, ich müsste mich geirrt haben doch dann hörte ich ein merkwürdiges Gluckergeräusch vom Ufer her zu mir tönen. Bei einem genaueren Blick traf mich fast der Schlag. Da saß so eine vermalledeite Seenymphe und spielte mit einem ganzen Berg unserer Juwelen…Diamanten, Rubine, Smaragde…in ihrer ungeschliffenen Form und kleine Goldbrocken lagen auch dabei. Die machte sich eine Freude daraus, jeden Stein einzeln in die Luft zu stupsen und ins Wasser zu schnipsen. Da packte mich die Wut…was fiel der wässrigen Algentante da ein, unseren Besitz so mirnichts dirnichts ins Wasser zu werfen und noch dazu…Gold!“ In den Reihen der noch jungen Zwerge ging das Getuschel los, Satzfetzen wie „zu Mus verarbeiten“, „an den Haaren aufhängen“ und „mit Grünzeug füttern, bis es zu den Ohren wieder rauskommt“ überschlugen sich und der Silberbart musste erst einen donnernden polternden Ruf loswerden bis sein Publikum endlich wieder ruhig genug wurde um ihn weitersprechen zu lassen.
„ Das grünhäutige Frauenzimmer, wenns denn sowas wie Männlein und Weiblein bei denen gibt, wo sie doch keine Bärte tragen, griff jedenfalls gerade nach einem besonders schönen Amethyst als es mir zu bunt wurde. Mit meinem besten Kampfgebrüll stürmte ich, den Hammer über den Kopf gehoben auf sie zu und wollte ihr schon eine neue Frisur verpassen als das wässrige Luder sich einfach ins Wasser fallen ließ. Ich hab ihr einige der schlimmsten Beschimpfungen nachgerufen aber die zeigte mir doch einfach die Zunge!“ Er schlug mit der geballten Faust auf die Armlehne seines hohen Stuhles aus feinstem polierten Quarz und wollte sich schon, ganz wieder in der alten Rage auf die Seenymphe erheben, als eine Hand ihn von hinten wieder nach unten drückte.
„ Die war ein echtes Biest, ja, aber erzähl weiter… das Beste kommt ja erst noch!“ murmelte die gedrungene Graubärtin hinter ihm.
„Immer musst du mich zurückhalten…ich hätt der Nymphe auch noch heut ein zweites…“ Wollte der grummlige Alte wieder ansetzen doch diesmal wurde es der Zwergin wohl ein wenig zu viel, konnte sie wohl schon ahnen welche Beschimpfung als nächstes folgen würde.
„Wirst du dich wohl hüten, die Kurzbärte mit solchen Flausen anzustecken…erzähl weiter wie du zu einem großen Krieger wurdest sonst muss ich dich auf meine alten Tage wieder mit der Axt im Berg umherjagen!“
Der weiße Bart, hell wie gefallener Schnee, bewegte sich zwar ein wenig, als maulte er dem zänkischen Eheweib noch nach doch dann setzte er, ihr ein letztes Mal die Zunge bleckend, wieder mit der Geschichte an.
„Also, die schuppige Wasserhexe war in den See gesprungen und vergnügte sich daran, gerade etwas außerhalb der Entfernung meines Hammers ihre Runden zu ziehen, doch das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Wen glaubte die vor sich zu haben um sich solche Witze erlauben zu können? Ich wollte ihr also eine Lektion erteilen, nie wieder Schindluder mit einem Graufels, oder Blaufels…oder Raufels…na mit unserer Sippe eben zu treiben, darum sprang ich ihr hinterher. Ihr hättet mal ihre erschrockenen dunklen Augen sehen sollen, als ich ihr zwei Schritt nahe kam…und dann…ja, wisst ihr, der Bergsee beginnt zwar recht flach doch wird er schnell sehr tief. Ehe ich mich versah, reichte mir das eisigkalte Wasser bis zur Unterlippe und ich schluckte mehr davon als je davor und danach in meinem langen Leben wieder. Das war so viel Wasser…“, doch ehe er sich wieder ablenken ließ fuhr er diesmal, ungescholten von der eigenen Frau, mit der tatsächlichen Handlung fort. „Ich ruderte mit dem Hammer über der Wasseroberfläche um der Nymphe gehörig den Marsch zu blasen, doch dabei schwappte mir das Wasser über den Kopf und ich verlor kurz die Orientierung…natürlich nur einen Augenblick lang, ehe ich wieder ganz genau wusste wohin es gehen sollte. Die grüne Pest kam mir dabei so nahe, dass ich ihr eine Strähne ihres algenbedeckten Haares entreißen konnte, ehe sie sich von dannen machte und verschwand. Ich rettet mich todesmutig zurück ans Ufer, sammelte dort die Steine ein und…“
„Nanana…ganz so soll es aber auch nicht gewesen sein, Freund Schneebart! Ich hab gehört du hättest prustend im Wasser gehangen und die Nymphe aus Leibeskräften beschimpft, die nun doch Mitleid mit dir hatte. Die Haare sollst du ihr ausgerissen haben als sie dich an Land schaffen wollte damit du nicht ertrinkst.“ Kam es von weiter hinten, wo die ergraute Zwergin über eine Kette mit winzigen Bernsteintropfen gebeugt saß und diese mit feinen Golddrähten an zwei schlanke goldverzierte Schließen knüpfte.
„Kreuzdonner, beim Barte Cirmias, das ist doch gedrechselter Unsinn, heldenhaft hab ich mich selbst aus dem wässrigen Grab befreit und es der Seehexe gezeigt!“ Beharrte der weißhaarige Zwerg vehement und donnerte bei jedem zweiten Wort mit der Faust auf die bereits ein wenig ächzenden Armlehnen. „Ich hab ihr die Haare ausgerissen, als ich sie vom Bergsee meiner Väter und Großväter und Urgroßväter vertrieben habe…die kam danach nie wieder und auch keine ihrer Schwestern, Brüder…was auch immer!“
„Is ja gut, reg dich nicht so auf, du wirst schon recht haben Ranulph Graufels, jedenfalls hast du die Edelsteine pflichtbewusst zurückgebracht, das Gold zu Münzen gemacht, die noch heute deine Kindeskinder verwenden und dir danach geschworen ein großer Kämpfer zu werden um es allen, die es wagen in den Berg einzudringen zu zeigen. Und das, mein Lieber, ist ja wohl das Wichtigste an der Geschichte! Und ein mächtiger Schlachtenwühler bist du ja geworden, ob so oder so…“ Die Zwergin hob den Kopf gerade weit genug um ihm voller Liebe, auch nach all den Jahren, hinüberzusehen und obwohl der sture alte Brummbart noch etwas hatte entgegnen wollen, murrte er nur einmal leise und nickte.
„Lasst euch daher gesagt sein, dass es nie schlecht ist große Ideen zu haben, der Bergvater, Cirmias selbst, hat schon eine gute Idee, was er uns an Steinen auf den Weg legt und keiner beißt sich die Zähne an dem aus was er uns vorsetzt. So und nun auf mit euch, ich bin sicher ihr solltet schon alle irgendwo anders sein statt müßig hier herumzusitzen und Rost anzusetzen.“ Ranulff drückte sich ächzend und ein wenig klappernd in die Höhe und richtete den krummen Buckel ein wenig auf. Dabei konnte ein geübtes Auge eine Strähne noch immer leuchtend grünen Haares ausmachen, das, eingeflochten in eine Kette aus silbernen Ringlein, am prächtig geschmückten Gürtel baumelte, während er sich aufmachte um neue Abenteuer zu erleben, denn wie wir wissen ist ein Zwerg nie zu alt um sich in einen Kampf mit einer wässrigen Seehexe zu werfen.
Zuletzt geändert von Ranulph Graufels am Freitag 30. September 2016, 08:35, insgesamt 1-mal geändert.
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