Mein Freund, der Stein?
Verfasst: Montag 11. Juli 2016, 01:57
Er blinzelte zum Himmel, der sich gerade mit Ungetümen von dunkelgrauen Wolken zuzog. Es würde bestimmt Regen geben und der Pfad, dem er am Meeresufer entlang nach Norden folgte, war ziemlich ungeschützt. „Da hab' ich mir ja was Schönes eingebrockt“, dachte Maro bei sich und nestelte an seinem Umhang, um ihn sich auch über Kopf und Nacken zu ziehen. „Aber bin wohl selbst schuld, dass ich nicht schon letzten Sommer gegangen bin.“
Erste Tropfen platschten auf den Weg und den wandernden Jungen, malten dunkle Tupfen auf sein Gewand und sein Bündel. Unwirsch murmelte er vor sich hin: „Sollte ich umdrehen...? Nö. Kommt nicht in Frage!“ Das Gefühl, dass ihm das heimatliche Dach beinahe auf den Kopf fallen wollte, stieg beklemmend wieder in ihm hoch, und er war noch nicht einmal weit gekommen. Viel zu lange, schien es ihm, hatte er ausgeharrt und sich erst gegen Ende des Winters zum Aufbruch durchgerungen. Nicht gerade die beste Reisezeit.
„Wenn ich nun zurückgeh', fragen sie mich nur, ob mir endlich eine vernünftige Abschiedsrede eingefallen ist. Neee...!“
Trotzig richtete er die blaugrauen Augen auf den Weg voraus und stapfte weiter. Den Gedanken an den wortkargen Abschied von seinen Eltern verdrängte er für den Moment. Er musste möglichst noch einen Unterstand finden, wo er für die Nacht sein Lager aufschlagen könnte, denn bis Berchgard würde er es an diesem Tag nicht mehr schaffen. Nicht solange ihm Wind und Wetter um die Ohren peitschten.
Der Weg wand sich weiter durch die Landschaft, führte teilweise am Waldrand entlang, verschwand teilweise beinahe zwischen Gestrüpp, weil er nicht häufig genutzt wurde. Zur rechten Hand ragten hohe Bergwipfel auf, die noch anzuwachsen schienen, als Maro sich ihnen näherte.
Langsam sickerte das Pfützenwasser aus den Schlaglöchern des Weges durch seine Stiefel und der Regen weichte von oben seine Kleidung durch, während das sonst helle, abstehende Haar schon längst platt und dunkel an seinem Kopf klebte. Mit ernüchterter Miene schaute er sich um. Es war kein Ende der Wolkendecke zu erkennen, ebenso wenig die Höhe des Sonnenstands abzuschätzen... doch er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich die Welt im Verlauf des letzten Wegstückes verdunkelt hatte. Vor ihm wurde der Pfad von einem Waldstück umfangen.
„Da sollte ich erst bei Tage weitergehen“, überlegte er halblaut und strich sich einige Haarsträhnen aus der Stirn, von wo immer wieder kleine Regenrinnsale den Weg zu seinen Augen antraten. Seine Schultern und Oberschenkel begannen auszukühlen. Entschlossen wandte er sich nach rechts und steuerte auf einige höher liegende, felsige Hügel zu, wohl Ausläufer des Bergmassivs, das unweit zu erkennen war.
Unter einem kleinen Gesteinsüberhang ließ er sich nieder, klaubte etwas feuchtes Geäst zusammen und bemüßigte sich eine Weile mit dem Versuch, es zu entfachen. Sich schließlich eingestehend, dass das völlig aussichtslos war, hockte er sich dann in seinen durchnässten Sachen mit dem Rücken an den Fels und starrte in die nun merklich hereinbrechende Dämmerung hinaus.
Immer dunkler wurde es und die in einiger Entfernung noch auszumachenden Baumwipfel begannen, sich vor Maros Augen zu verformen. Die langen Gesichter seiner Eltern schienen ihm anklagende Blicke zuzuwerfen, wie als er sich umgewandt hatte und früher am Tag aufgebrochen war.
Er rieb sich leise murrend über die müden Augen und streckte die Stiefel aus. Die Füße darin schmerzten wenigstens nicht, doch ihm wurde bewusst, dass dies daran lag, dass die Nässe und Kälte sie betäubten. Schon kam Sehnsucht nach dem warmen Heim auf, dem er den Rücken zugekehrt hatte. Eine Weile gab er sich den Revue passierenden Erinnerungen hin, während er auf einem durchweichten Kanten Brot kaute und spürte, wie ihm die unebene Felswand, die ihm als Lehne diente, stellenweise hart in den Rücken piekste.
Die Nässe, die ihn durchdrang und umgab, rief all die Gefühle hervor, die er als Sohn eines Fischers mit dem Wasser verband. Selbige waren wohl nicht unschuldig an dem Entschluss gewesen, fortzugehen. Er dachte an die schlimmste Tracht Prügel, die er sich mal eingehandelt hatte, ausgeführt mit der Angelrute seines Vaters: Als er diesen beim Wegwerfen von einigem in der Sommerhitze zu schnell verdorbenen Fisch beobachtet hatte, wollte er einen zu baldigen erneuten Fang verzögern. Der Tod war ihm so sinnlos vorgekommen. So versuchte er sich des väterlichen Angelzeugs habhaft zu machen, rannte mit allem, was er sich an Köderdosen, Schwimmern und Blinkern in die Arme pressen konnte, zum Steg und spurtete dort in voller Montur ins Wasser, um die Sachen zu versenken. Und zugleich selbst dem zornig hinterher springenden Vater zu entrinnen. Obgleich kräftig und ein guter Schwimmer, war er damit allerdings nicht weit gekommen. Nach einer gehörigen Standpauke und ordentlich versohltem Hintern war er dann zu anderen Vorgehensweisen übergegangen: Wann immer er sich unbeobachtet glaubte, hatte er fortan heimlich Fische zurück ins Wasser gelassen, um ihre Lebensspanne zu verlängern.
Das Gefühl, dass er es richtig gemacht hatte, biss sich in seinem Inneren mit einem gewissen Schuldbewusstsein. Undankbar, einfach so fortzugehen. Aber hätte ich auch Fischer werden sollen?
Als sich die Luft zur Nacht weiter abkühlte, sah er seinen eigenen Atem als Dampf vor sich und zitterte vor sich hin.
Irgendwann musste er eingedöst, irgendwann der Regen in Graupel übergegangen sein.
Maro öffnete die Augenlider halb und sah nur Schwärze ringsum. Mitten in dem Dösen, das nach den Anstrengungen des Wanderns irgendwie angenehm schien, drang eine Erkenntnis zu seinem Verstand durch: Er konnte seine Füße nicht spüren. Auch nicht Beine und Arme. Sein Geist schwebte in Schwärze. Das Blut rauschte im Takt seines Herzschlags langsam in seinen Ohren... Shwwwshh. Shhhwwwsh. Oder waren es die Baumwipfel, die sich im Wind wiegten? War es das Zischeln eines imaginären brennenden Feuers oder doch ein rauschender Bach in der Nähe?
Der Fels, der stumm in seinem Rücken lag, drückte ihn nicht mehr.
Er ließ sich einfach treiben, umfangen von dem angenehmen Rauschen. Swwwwsh. Shwwwwwssh.
Durch die geschlossenen Augenlider schimmerte es weißlich, fast schon grell hindurch. Aufwachen? Nein, dazu war es zu friedlich. Er fror überhaupt nicht, hatte auch zu zittern aufgehört, obwohl ihm in einem hinteren Winkel seines Bewusstseins klar war, dass es noch immer kalt sein musste. Sein ganzer Rücken, ausgehend von der Wirbelsäule, deren Dornfortsätze durch Hemd und Umhang den Stein spürten, war durchzogen von Wärme, die in die noch reglosen Gliedmaßen ausstrahlte, als ob hinter ihm ein Feuer brennen würde.
Maro öffnete das linke Auge... dann das rechte. Die Welt war verdreht – nein, er lag. Er lag inmitten von Gras, vor sich noch das kleine Häuflein aus Zweigen, die zu entfachen ihm nicht gelungen war. Alles war von einer feinen Schicht Raureif bedeckt, der in der Morgensonne glitzerte.
Mit dem rechten Arm drückte er sich vom Erdboden hoch, streckte sich etwas und fühlte, wie die kalte Luft durch die einfache Kleidung griff und nun die Finger nach seiner Haut ausstreckte.
„Hmmfnfrost?“, murmelte er unartikuliert, wohl unterschätzend, wie wenig wach er noch war. Sollte doch Frühling werden. War nochmal ganz schön kalt, ging es ihm, als er sich etwas mehr gefasst hatte, durch den Kopf. Manch einer wacht nach so einer Nacht gar nicht wieder auf. Eluiv' sei Dank. Orientierung suchend schaute er sich um, drehte den Oberkörper und betastete den Fels dort, wo er gelegen hatte. Sogleich zuckte seine Hand zurück und sein Pulsschlag beschleunigte sich: Der Stein war ganz warm! Nicht wie angewärmt von der Gegenwart eines schlafenden Jungen, sondern wie etwas selbst Lebendiges.
Ungläubig rieb er sich über das Gesicht, plötzlich ganz fahrig von dem Schreck. Einige Male atmete er tief durch. Prüfend streckte er nochmals die Hand aus und fühlte über die Erde und den Stein – doch was auch immer das Gefühl gewesen war... es war vergangen. Seltsam! Die Stelle war lediglich verschont von der feinen Schicht aus Eiskristallen, die alles ringsum überzog und die Welt unwirklich leuchten ließ. Der Ruf eines Singvogels, der nun den Morgen grüßte, erinnerte Maro daran, was ihm noch bevor stand.
Er rappelte sich auf und klopfte seine noch etwas klamme Kleidung ab. Dann marschierte er weiter – in Richtung des Weges zunächst, wobei jeder Schritt unter seinen Stiefeln knirschte. Dann folgte er dem Waldpfad nach Norden und hatte bis zum Erreichen Berchgards sowieso noch jede Menge Zeit, um sich Gedanken über jenes rätselhafte Erlebnis zu machen.
***
Immer weiter führte ihn der Weg, an vereinzelten Höfen und Hütten vorbei und zwischen Hügeln und Feldern hindurch, dann wieder durch den Wald. Es wurde milder, umso höher die Sonne an den Himmel stieg und umso weiter er sich von den Bergen entfernte. Der Pfad, dem er folgte, wand sich immer weiter und war teilweise kein deutlicher Weg mehr, sondern nur etwas mehr Platz zwischen den Bäumen und Sträuchern, der andeutete, dass es sich dort eher anbieten würde, hindurch zu wandern, als woanders. Der Blick nach oben zeigte nur das Blätterdach, durchsetzt von Fetzen blauen Himmels. Es ist so schön hier. Schade, dass ich nicht einfach bleiben kann. Er behielt die Wetterseite der Bäume im Blick, doch war sie hier nicht besonders ausgeprägt, so dass er nur eine grobe Vorstellung hatte, in welche Richtung er unterwegs war.
Teilweise war der Weg so schmal und zugewuchert, dass Maro ihn verloren zu haben glaubte … nein, er hatte ihn verloren. Das hier war eindeutig die gleiche knorrige Eiche, an der er schon einmal vorbei gekommen war.
Mit einem resignierenden Seufzen ließ er sich auf den Allerwertesten fallen und lehnte sich an dem dunklen, verwitterten Baumstamm an, um Rast zu machen. Als wäre dies nicht nur eine bloße Lehne, sondern als ob der solide Stamm ihm den Rücken stärkte und etwas von seiner Festigkeit und Ruhe sich auf ihn selbst übertröge, fühlte er sich sogleich getröstet.
Er konnte nicht einfach weiter marschieren – schlimmstenfalls würde er sich noch schlimmer verfransen und irgendwann vielleicht vor Erschöpfung zusammenbrechen. Vielleicht würde jemand vorbeikommen, wenn er lange genug wartete? Kopfschüttelnd verwarf er das sogleich wieder. Der Pfad war ja gar keiner und so töricht, so weit abseits der Wege zu geraten, war wohl nur er. Maro schloss die Augen und grübelte angestrengt. Die Bäume rauschten im Wind. Shwwwsh, swwwsh. Es klang angenehm und beruhigend, als ob sie ihm sagen wollten: Du kennst dich hier nicht aus, aber du bist willkommen. Dir geschieht nichts. „Was soll ich bloß tun...?“, fragte er sich leise. „Ist zwar schön hier, aber ich möchte endlich was Sinnvolles machen“, murmelte er. Ein weiteres Geräusch kam dazu, das sich von dem Rauschen abhob, eine Art Knirschen und Klappern direkt vor ihm. Er öffnete die Augen und krabbelte erschrocken ein Stück zur Seite, als er gerade noch wahrnahm, wie ein Kiesel vor seinen Füßen scheinbar von selbst ein Stück weiter rollte. Blinzelnd verharrte er, lehnte sich nach vorn und starrte den Kiesel an. Ein gewöhnlicher graubrauner, kleiner Stein. Echt jetzt, hab ich mir das eingebildet? Neben der Stelle, an der das Steinchen zum Liegen gekommen war, lagen noch drei, vier seinesgleichen, die zusammen ungefähr ein Dreieck bildeten, das nun eine Spitze hatte. Sieht fast aus wie ein Pfeil. Er ließ den Blick in die gezeigte Richtung wandern. Dort waren Bäume, Sträucher, ein paar Pilze und Moos am Boden... wie auch sonst ringsum, so weit das Auge reichte. Alles sah gleich aus, aber die Richtung sah jetzt irgendwie sympathischer aus als die anderen, so dass Maro sich aufrappelte und dem Gefühl folgte, dass da sein Weg war.
Als Maro sich dem Palisadenwall aus massiven Baumstämmen näherte, begann ihm zu dämmern: Das konnte nicht Berchgard sein. Eine zufällig vorbei kommende Frau, die ihr Gedächtnis verloren hatte, offenbarte ihm immerhin, dass es ihn stattdessen nach Bajard verschlagen hatte.
Hm, war ja klar. Reines Wunschdenken, dass mir ein Kieselstein den Weg nach Berchgard zeigen würde. Sehr seltsam trotzdem!, dachte er und setzte sich ins Gras, um sich nochmals auszuruhen. So langsam musste er sich auch Gedanken machen, wo er nächtigen könnte, aber erstmal kippte er den Sand aus seinen Stiefeln und verspeiste seinen letzten Rest Brot. Es war mittlerweile innen hart und außen weich. Wirklich höchste Zeit, dass er mal irgendwo ankam.
Erste Tropfen platschten auf den Weg und den wandernden Jungen, malten dunkle Tupfen auf sein Gewand und sein Bündel. Unwirsch murmelte er vor sich hin: „Sollte ich umdrehen...? Nö. Kommt nicht in Frage!“ Das Gefühl, dass ihm das heimatliche Dach beinahe auf den Kopf fallen wollte, stieg beklemmend wieder in ihm hoch, und er war noch nicht einmal weit gekommen. Viel zu lange, schien es ihm, hatte er ausgeharrt und sich erst gegen Ende des Winters zum Aufbruch durchgerungen. Nicht gerade die beste Reisezeit.
„Wenn ich nun zurückgeh', fragen sie mich nur, ob mir endlich eine vernünftige Abschiedsrede eingefallen ist. Neee...!“
Trotzig richtete er die blaugrauen Augen auf den Weg voraus und stapfte weiter. Den Gedanken an den wortkargen Abschied von seinen Eltern verdrängte er für den Moment. Er musste möglichst noch einen Unterstand finden, wo er für die Nacht sein Lager aufschlagen könnte, denn bis Berchgard würde er es an diesem Tag nicht mehr schaffen. Nicht solange ihm Wind und Wetter um die Ohren peitschten.
Der Weg wand sich weiter durch die Landschaft, führte teilweise am Waldrand entlang, verschwand teilweise beinahe zwischen Gestrüpp, weil er nicht häufig genutzt wurde. Zur rechten Hand ragten hohe Bergwipfel auf, die noch anzuwachsen schienen, als Maro sich ihnen näherte.
Langsam sickerte das Pfützenwasser aus den Schlaglöchern des Weges durch seine Stiefel und der Regen weichte von oben seine Kleidung durch, während das sonst helle, abstehende Haar schon längst platt und dunkel an seinem Kopf klebte. Mit ernüchterter Miene schaute er sich um. Es war kein Ende der Wolkendecke zu erkennen, ebenso wenig die Höhe des Sonnenstands abzuschätzen... doch er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich die Welt im Verlauf des letzten Wegstückes verdunkelt hatte. Vor ihm wurde der Pfad von einem Waldstück umfangen.
„Da sollte ich erst bei Tage weitergehen“, überlegte er halblaut und strich sich einige Haarsträhnen aus der Stirn, von wo immer wieder kleine Regenrinnsale den Weg zu seinen Augen antraten. Seine Schultern und Oberschenkel begannen auszukühlen. Entschlossen wandte er sich nach rechts und steuerte auf einige höher liegende, felsige Hügel zu, wohl Ausläufer des Bergmassivs, das unweit zu erkennen war.
Unter einem kleinen Gesteinsüberhang ließ er sich nieder, klaubte etwas feuchtes Geäst zusammen und bemüßigte sich eine Weile mit dem Versuch, es zu entfachen. Sich schließlich eingestehend, dass das völlig aussichtslos war, hockte er sich dann in seinen durchnässten Sachen mit dem Rücken an den Fels und starrte in die nun merklich hereinbrechende Dämmerung hinaus.
Immer dunkler wurde es und die in einiger Entfernung noch auszumachenden Baumwipfel begannen, sich vor Maros Augen zu verformen. Die langen Gesichter seiner Eltern schienen ihm anklagende Blicke zuzuwerfen, wie als er sich umgewandt hatte und früher am Tag aufgebrochen war.
Er rieb sich leise murrend über die müden Augen und streckte die Stiefel aus. Die Füße darin schmerzten wenigstens nicht, doch ihm wurde bewusst, dass dies daran lag, dass die Nässe und Kälte sie betäubten. Schon kam Sehnsucht nach dem warmen Heim auf, dem er den Rücken zugekehrt hatte. Eine Weile gab er sich den Revue passierenden Erinnerungen hin, während er auf einem durchweichten Kanten Brot kaute und spürte, wie ihm die unebene Felswand, die ihm als Lehne diente, stellenweise hart in den Rücken piekste.
Die Nässe, die ihn durchdrang und umgab, rief all die Gefühle hervor, die er als Sohn eines Fischers mit dem Wasser verband. Selbige waren wohl nicht unschuldig an dem Entschluss gewesen, fortzugehen. Er dachte an die schlimmste Tracht Prügel, die er sich mal eingehandelt hatte, ausgeführt mit der Angelrute seines Vaters: Als er diesen beim Wegwerfen von einigem in der Sommerhitze zu schnell verdorbenen Fisch beobachtet hatte, wollte er einen zu baldigen erneuten Fang verzögern. Der Tod war ihm so sinnlos vorgekommen. So versuchte er sich des väterlichen Angelzeugs habhaft zu machen, rannte mit allem, was er sich an Köderdosen, Schwimmern und Blinkern in die Arme pressen konnte, zum Steg und spurtete dort in voller Montur ins Wasser, um die Sachen zu versenken. Und zugleich selbst dem zornig hinterher springenden Vater zu entrinnen. Obgleich kräftig und ein guter Schwimmer, war er damit allerdings nicht weit gekommen. Nach einer gehörigen Standpauke und ordentlich versohltem Hintern war er dann zu anderen Vorgehensweisen übergegangen: Wann immer er sich unbeobachtet glaubte, hatte er fortan heimlich Fische zurück ins Wasser gelassen, um ihre Lebensspanne zu verlängern.
Das Gefühl, dass er es richtig gemacht hatte, biss sich in seinem Inneren mit einem gewissen Schuldbewusstsein. Undankbar, einfach so fortzugehen. Aber hätte ich auch Fischer werden sollen?
Als sich die Luft zur Nacht weiter abkühlte, sah er seinen eigenen Atem als Dampf vor sich und zitterte vor sich hin.
Irgendwann musste er eingedöst, irgendwann der Regen in Graupel übergegangen sein.
Maro öffnete die Augenlider halb und sah nur Schwärze ringsum. Mitten in dem Dösen, das nach den Anstrengungen des Wanderns irgendwie angenehm schien, drang eine Erkenntnis zu seinem Verstand durch: Er konnte seine Füße nicht spüren. Auch nicht Beine und Arme. Sein Geist schwebte in Schwärze. Das Blut rauschte im Takt seines Herzschlags langsam in seinen Ohren... Shwwwshh. Shhhwwwsh. Oder waren es die Baumwipfel, die sich im Wind wiegten? War es das Zischeln eines imaginären brennenden Feuers oder doch ein rauschender Bach in der Nähe?
Der Fels, der stumm in seinem Rücken lag, drückte ihn nicht mehr.
Er ließ sich einfach treiben, umfangen von dem angenehmen Rauschen. Swwwwsh. Shwwwwwssh.
Durch die geschlossenen Augenlider schimmerte es weißlich, fast schon grell hindurch. Aufwachen? Nein, dazu war es zu friedlich. Er fror überhaupt nicht, hatte auch zu zittern aufgehört, obwohl ihm in einem hinteren Winkel seines Bewusstseins klar war, dass es noch immer kalt sein musste. Sein ganzer Rücken, ausgehend von der Wirbelsäule, deren Dornfortsätze durch Hemd und Umhang den Stein spürten, war durchzogen von Wärme, die in die noch reglosen Gliedmaßen ausstrahlte, als ob hinter ihm ein Feuer brennen würde.
Maro öffnete das linke Auge... dann das rechte. Die Welt war verdreht – nein, er lag. Er lag inmitten von Gras, vor sich noch das kleine Häuflein aus Zweigen, die zu entfachen ihm nicht gelungen war. Alles war von einer feinen Schicht Raureif bedeckt, der in der Morgensonne glitzerte.
Mit dem rechten Arm drückte er sich vom Erdboden hoch, streckte sich etwas und fühlte, wie die kalte Luft durch die einfache Kleidung griff und nun die Finger nach seiner Haut ausstreckte.
„Hmmfnfrost?“, murmelte er unartikuliert, wohl unterschätzend, wie wenig wach er noch war. Sollte doch Frühling werden. War nochmal ganz schön kalt, ging es ihm, als er sich etwas mehr gefasst hatte, durch den Kopf. Manch einer wacht nach so einer Nacht gar nicht wieder auf. Eluiv' sei Dank. Orientierung suchend schaute er sich um, drehte den Oberkörper und betastete den Fels dort, wo er gelegen hatte. Sogleich zuckte seine Hand zurück und sein Pulsschlag beschleunigte sich: Der Stein war ganz warm! Nicht wie angewärmt von der Gegenwart eines schlafenden Jungen, sondern wie etwas selbst Lebendiges.
Ungläubig rieb er sich über das Gesicht, plötzlich ganz fahrig von dem Schreck. Einige Male atmete er tief durch. Prüfend streckte er nochmals die Hand aus und fühlte über die Erde und den Stein – doch was auch immer das Gefühl gewesen war... es war vergangen. Seltsam! Die Stelle war lediglich verschont von der feinen Schicht aus Eiskristallen, die alles ringsum überzog und die Welt unwirklich leuchten ließ. Der Ruf eines Singvogels, der nun den Morgen grüßte, erinnerte Maro daran, was ihm noch bevor stand.
Er rappelte sich auf und klopfte seine noch etwas klamme Kleidung ab. Dann marschierte er weiter – in Richtung des Weges zunächst, wobei jeder Schritt unter seinen Stiefeln knirschte. Dann folgte er dem Waldpfad nach Norden und hatte bis zum Erreichen Berchgards sowieso noch jede Menge Zeit, um sich Gedanken über jenes rätselhafte Erlebnis zu machen.
***
Immer weiter führte ihn der Weg, an vereinzelten Höfen und Hütten vorbei und zwischen Hügeln und Feldern hindurch, dann wieder durch den Wald. Es wurde milder, umso höher die Sonne an den Himmel stieg und umso weiter er sich von den Bergen entfernte. Der Pfad, dem er folgte, wand sich immer weiter und war teilweise kein deutlicher Weg mehr, sondern nur etwas mehr Platz zwischen den Bäumen und Sträuchern, der andeutete, dass es sich dort eher anbieten würde, hindurch zu wandern, als woanders. Der Blick nach oben zeigte nur das Blätterdach, durchsetzt von Fetzen blauen Himmels. Es ist so schön hier. Schade, dass ich nicht einfach bleiben kann. Er behielt die Wetterseite der Bäume im Blick, doch war sie hier nicht besonders ausgeprägt, so dass er nur eine grobe Vorstellung hatte, in welche Richtung er unterwegs war.
Teilweise war der Weg so schmal und zugewuchert, dass Maro ihn verloren zu haben glaubte … nein, er hatte ihn verloren. Das hier war eindeutig die gleiche knorrige Eiche, an der er schon einmal vorbei gekommen war.
Mit einem resignierenden Seufzen ließ er sich auf den Allerwertesten fallen und lehnte sich an dem dunklen, verwitterten Baumstamm an, um Rast zu machen. Als wäre dies nicht nur eine bloße Lehne, sondern als ob der solide Stamm ihm den Rücken stärkte und etwas von seiner Festigkeit und Ruhe sich auf ihn selbst übertröge, fühlte er sich sogleich getröstet.
Er konnte nicht einfach weiter marschieren – schlimmstenfalls würde er sich noch schlimmer verfransen und irgendwann vielleicht vor Erschöpfung zusammenbrechen. Vielleicht würde jemand vorbeikommen, wenn er lange genug wartete? Kopfschüttelnd verwarf er das sogleich wieder. Der Pfad war ja gar keiner und so töricht, so weit abseits der Wege zu geraten, war wohl nur er. Maro schloss die Augen und grübelte angestrengt. Die Bäume rauschten im Wind. Shwwwsh, swwwsh. Es klang angenehm und beruhigend, als ob sie ihm sagen wollten: Du kennst dich hier nicht aus, aber du bist willkommen. Dir geschieht nichts. „Was soll ich bloß tun...?“, fragte er sich leise. „Ist zwar schön hier, aber ich möchte endlich was Sinnvolles machen“, murmelte er. Ein weiteres Geräusch kam dazu, das sich von dem Rauschen abhob, eine Art Knirschen und Klappern direkt vor ihm. Er öffnete die Augen und krabbelte erschrocken ein Stück zur Seite, als er gerade noch wahrnahm, wie ein Kiesel vor seinen Füßen scheinbar von selbst ein Stück weiter rollte. Blinzelnd verharrte er, lehnte sich nach vorn und starrte den Kiesel an. Ein gewöhnlicher graubrauner, kleiner Stein. Echt jetzt, hab ich mir das eingebildet? Neben der Stelle, an der das Steinchen zum Liegen gekommen war, lagen noch drei, vier seinesgleichen, die zusammen ungefähr ein Dreieck bildeten, das nun eine Spitze hatte. Sieht fast aus wie ein Pfeil. Er ließ den Blick in die gezeigte Richtung wandern. Dort waren Bäume, Sträucher, ein paar Pilze und Moos am Boden... wie auch sonst ringsum, so weit das Auge reichte. Alles sah gleich aus, aber die Richtung sah jetzt irgendwie sympathischer aus als die anderen, so dass Maro sich aufrappelte und dem Gefühl folgte, dass da sein Weg war.
Als Maro sich dem Palisadenwall aus massiven Baumstämmen näherte, begann ihm zu dämmern: Das konnte nicht Berchgard sein. Eine zufällig vorbei kommende Frau, die ihr Gedächtnis verloren hatte, offenbarte ihm immerhin, dass es ihn stattdessen nach Bajard verschlagen hatte.
Hm, war ja klar. Reines Wunschdenken, dass mir ein Kieselstein den Weg nach Berchgard zeigen würde. Sehr seltsam trotzdem!, dachte er und setzte sich ins Gras, um sich nochmals auszuruhen. So langsam musste er sich auch Gedanken machen, wo er nächtigen könnte, aber erstmal kippte er den Sand aus seinen Stiefeln und verspeiste seinen letzten Rest Brot. Es war mittlerweile innen hart und außen weich. Wirklich höchste Zeit, dass er mal irgendwo ankam.