Reisen in die Vollkommenheit
Verfasst: Montag 6. Juni 2016, 13:33
Prolog: Diese Zeilen erzählen die Vorgeschichte des Saheeb, Kind des stolzen und edlen Hauses der Bashir, Sohn des Nabil Asif und der Amina, Kind der Wüste, geboren in den Straßen der goldenen Stadt. Denn, verehrter Leser, halte dir stets eines vor Augen: Es ist nicht allein der Weg, der vor dir liegt, auf den du achten solltest. Nein, nicht minder zählt der Weg, auf dem du kamst, denn er allein macht dich zu dem, was du bist.
Mit Fest und Feier, lauter Musik und wildem Tanz haben wir damals die Geburt ihres Sohnes gefeiert. Selten hat man den damals noch jungen Nabil Asif so glücklich gesehen, diesen ruhigen und zurückhaltenden Mann, wie an jenem Abend: Mit dem Feuer der gleißenden Liebe zu seinem Blute wirbelte er den jungen Saheeb durch die Lüfte, reichte ihn umher wie das güldenste Service, ließ keine Sekunde ab von seinen kleinen Händchen, den zarten Füßen, dem niedlichen Kopf. Nicht minder stolz war seine Natifah, erschöpft von einer schweren Geburt, doch voller Liebe für ihr Kind.
Saheeb blieb stets ihr einziges Kind, ganz gleich, wie sehr ihnen der Wunsch nach einer größeren Familie gestanden haben mag. Ich fragte sie neda, doch in den Augen des Nabil konnte man den Schmerz erahnen. So fiel ihre ganze Liebe, ihr ganzes Augenmerk jenem kleinen Jungen zu, den sie hatten, der ihr ganzer Stolz war und für den sie eine strahlende Zukunft inmitten der Durrah erarbeiten wollten. Der junge Saheeb hingegen ahnte gewiss neda, wie sehr er beinahe von der Liebe seiner Familie erschlagen wurde. Ach, ich vermag euch zu berichten, er war stets mit den wildesten und rauflustigsten der Hazar's Durrah unterwegs, jenen kleinen Jungen und Mädchen, die stets nur Unsinn im Kopf hatten und sich gegenseitig mit Datteln oder kleinen Steinen bewarfen, Nordländern das Bein stellten oder laute und wilde Gesänge anstimmten. Glaubt neda, dass Saheeb nur einer von ihnen war - er war vielleicht gar der ruhigste unter ihnen, blieb mitten im wilden Spiel mit einem Mal stehen und starrte in den Brunnen, minutenlang, bis einer seiner Freunde ihn hinein warf.
Weshalb ich euch all das erzähle? Aiwa, eine gute Frage! Es ist so, meine Kinder, dass man eine gute Geschichte immer dort beginnen sollte, wo sie beginnt. Am Anfang. Denn aus allem, was war, wurde das, was nun ist. Und jede der Entscheidungen, die ihr heute trefft, beeinflusst wiederum, wo ihr morgen sein werdet. Bedenkt dies, wenn ihr das nächste Mal am Palast des Geküssten vorüber lauft, und denkt an diese Last, die auf seinen Schultern ruht, doch die er sich nie anmerken lässt. Weshalb jedoch ausgerechnet die Kindheit des jungen Saheeb von Belang ist, um ihn zu verstehen, wie er heute ist, das will ich euch für heute noch verraten, ehe eure Maras kommen und euch in das Reich der Träume entsenden.
Es trug sich also zu, kaum dass Saheeb dem Jungenalter entwachsen war und an der Schwelle zu dem stand, was ihr einen Erwachsenen nennen mögt - und doch wird man nie richtig erwachsen, seht nur mich an - dass sich eine schreckliche Tragödie ereignete. Gewiss hat ein jeder von euch von den al-awasif ar-ramlia, den Stürmen aus Sand gehört. Hört auf mich, denn wann immer sich einer der gewaltigen Stürme am Horizont abzeichnet, schnappt euer Wichtigstes und sucht Unterschlupf! Bleibt neda in den Straßen, neda auf freiem Felde, sondern sucht Deckung und verbergt eure Köpfe, eure Nasen, eure Augen. Hart wie Stahl und so fein wie Rasiermesser schaben die Körner der Durrah über eure Haut, wenn ihr darin stehen bleibt.
Doch auch von diesen Unheilen der Durrah gibt es solche und solche. Es mag immer mal wieder ein kleiner Sturm durch die Dünen fegen, doch einen solchen wie den, von dem ich euch hier erzähle, habt ihr noch nicht erlebt. Eine schwere Katastrophe war er, der unser ganzes Volk aus den Häusern der Stadt trieb, tief in die Durrah hinein, um Zuflucht zu suchen unter der gütigen Hand der Eluive. So trug es sich zu, dass in eben jenem Moment, als der Schatten schon tief über das Schicksal des jungen Saheeb gesenkt war, die Allmara ihn erblickte und ihm Hilfe entsandte in Gestalt eines jungen Jemaat, der durch die Straßen lief und den einsamen Jungen, der angsterfüllt nach seinen Eltern rief, am Schopfe packte und aus der Stadt führte. Ihm und der Fügung durch die göttliche Mara hat er es zu verdanken, dass auch heute noch seine nackten Sohlen durch die Durrah wandern können. So wird die Schöpferin auch auf euch achten, wann immer ihr in Not seid, denn ihre Liebe ist grenzenlos.
Doch ein Opfer war zu bringen, und dieses Opfer war so schwer, so bitter, dass es mir schwer fällt, davon zu sprechen. Denn wenngleich der junge Saheeb auch gerettet ward und den Fängen des Sturmes entkam - seinen Eltern konnte auch die Mara keine Hilfe mehr senden. Wenige vergingen in den Straßen der Stadt, denn unser Volk ist schnell und gewandt, doch sie traf es. Und so verlor der junge Saheeb seinen liebenden Radeh und seine liebende Mara an ein Unheil, so schrecklich, so unerklärlich, wie es sich jemand neda auszudenken vermag.
Ihr mögt mich nun fragen: Wie konnte das geschehen? Und ich vermag euch neda zu antworten. Ihr mögt mich fragen: Wo war die Mara, um dieses Schicksal abzuwenden? Ich vermag euch nur zu sagen: Die Mara ist überall, doch manches Leid vermag auch sie neda abzuhalten, und ihre Trauer darüber ist groß, größer als die eines jeden von uns. Ihr mögt mich fragen: Was fühlte er, der junge Saheeb, einsam und verloren? Ich vermag euch neda zu antworten, denn er spricht selten darob, und damals, als ihm zugetragen worden war, was geschehen, da trug er es mit einer Fassung und einer stoischen Ruhe, wie ich sie nicht erwartet hatte. La, der junge Saheeb verfiel neda in Trauer oder Schmerz, nicht äußerlich. Er kehrte in sich, zog sich zurück, diente seinem Hause, wie seine Eltern es ihn gelehrt hatten und trug den Schatten der Trauer tief in seinem Herzen. Es muss so sein, denn niemand, der solch Unheil durchleidet, kann ungezeichnet davoneilen.
Nun geht, eilt, meine Kinder, denn eure Eltern nahen. Denkt an den Schmerz, den der junge Saheeb durchlebt haben muss, doch vergesst in euren Träumen nie das göttliche Wunder, die segenreiche Güte, mit der die Allmara wenigstens ihn zu retten vermochte. Gedenkt ihrer und legt eure Leben in ihre Hände, denn niemand liebt euch mehr als sie, niemand verehrt euch mehr als sie. Ma'asalema, meine Kinder, we sabah al'chair!
Al fasl al-awwal - Das Erste Kapitel
Ein Sandkorn im Wind
Ein Sandkorn im Wind
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Dies, meine Kinder, ist die Geschichte des Saheeb, eines Sohnes aus dem edlen Hause der Bashir. Ganz so wie ihr, Hazar's Durrah, wurde auch er in die Straßen unserer goldenen Stadt geboren, ein stolzer und kräftiger Junge mit dem heißen Temperament und der edlen Grazie unseres Volkes. Seinen Radeh, Nabil Asif, kannte ich dereinst noch selbst und wechselte viele Worte mit ihm. Ein guter, ein edler Mann, seiner Familie und dem ehrbaren Hause der Omar bis ins Blut ergeben. Aiwa, meine Kinder, er hätte sein Leben gegeben, um das eines Ehrbaren zu erretten. Ich traf ihn oft auf meinem Weg zum Bazar, mit geschundenen Händen, zerschlissenen Füßen und Beinen, denn für sein Volk und seine Familie stand er Tag um Nacht, Stund um Stund, ohne Unterlass in den heiligen Minen des Cantar, um dort nach den Tränen der Allgütigen, der Mara zu schürfen. Ihr hört richtig - er war niemand geringerer als ein Schürfer des weißen Goldes. Und ebenso traf ich einst seine Mara, Amina, eine edle und wunderschöne Blüte aus dem Hause der Masari, die vor langem an seiner Hand in die Räume der Bashir geführt wurde, verbunden im treuen und ewigen Bund der Ehe unter Maras Blicke.Mit Fest und Feier, lauter Musik und wildem Tanz haben wir damals die Geburt ihres Sohnes gefeiert. Selten hat man den damals noch jungen Nabil Asif so glücklich gesehen, diesen ruhigen und zurückhaltenden Mann, wie an jenem Abend: Mit dem Feuer der gleißenden Liebe zu seinem Blute wirbelte er den jungen Saheeb durch die Lüfte, reichte ihn umher wie das güldenste Service, ließ keine Sekunde ab von seinen kleinen Händchen, den zarten Füßen, dem niedlichen Kopf. Nicht minder stolz war seine Natifah, erschöpft von einer schweren Geburt, doch voller Liebe für ihr Kind.
Saheeb blieb stets ihr einziges Kind, ganz gleich, wie sehr ihnen der Wunsch nach einer größeren Familie gestanden haben mag. Ich fragte sie neda, doch in den Augen des Nabil konnte man den Schmerz erahnen. So fiel ihre ganze Liebe, ihr ganzes Augenmerk jenem kleinen Jungen zu, den sie hatten, der ihr ganzer Stolz war und für den sie eine strahlende Zukunft inmitten der Durrah erarbeiten wollten. Der junge Saheeb hingegen ahnte gewiss neda, wie sehr er beinahe von der Liebe seiner Familie erschlagen wurde. Ach, ich vermag euch zu berichten, er war stets mit den wildesten und rauflustigsten der Hazar's Durrah unterwegs, jenen kleinen Jungen und Mädchen, die stets nur Unsinn im Kopf hatten und sich gegenseitig mit Datteln oder kleinen Steinen bewarfen, Nordländern das Bein stellten oder laute und wilde Gesänge anstimmten. Glaubt neda, dass Saheeb nur einer von ihnen war - er war vielleicht gar der ruhigste unter ihnen, blieb mitten im wilden Spiel mit einem Mal stehen und starrte in den Brunnen, minutenlang, bis einer seiner Freunde ihn hinein warf.
Weshalb ich euch all das erzähle? Aiwa, eine gute Frage! Es ist so, meine Kinder, dass man eine gute Geschichte immer dort beginnen sollte, wo sie beginnt. Am Anfang. Denn aus allem, was war, wurde das, was nun ist. Und jede der Entscheidungen, die ihr heute trefft, beeinflusst wiederum, wo ihr morgen sein werdet. Bedenkt dies, wenn ihr das nächste Mal am Palast des Geküssten vorüber lauft, und denkt an diese Last, die auf seinen Schultern ruht, doch die er sich nie anmerken lässt. Weshalb jedoch ausgerechnet die Kindheit des jungen Saheeb von Belang ist, um ihn zu verstehen, wie er heute ist, das will ich euch für heute noch verraten, ehe eure Maras kommen und euch in das Reich der Träume entsenden.
Es trug sich also zu, kaum dass Saheeb dem Jungenalter entwachsen war und an der Schwelle zu dem stand, was ihr einen Erwachsenen nennen mögt - und doch wird man nie richtig erwachsen, seht nur mich an - dass sich eine schreckliche Tragödie ereignete. Gewiss hat ein jeder von euch von den al-awasif ar-ramlia, den Stürmen aus Sand gehört. Hört auf mich, denn wann immer sich einer der gewaltigen Stürme am Horizont abzeichnet, schnappt euer Wichtigstes und sucht Unterschlupf! Bleibt neda in den Straßen, neda auf freiem Felde, sondern sucht Deckung und verbergt eure Köpfe, eure Nasen, eure Augen. Hart wie Stahl und so fein wie Rasiermesser schaben die Körner der Durrah über eure Haut, wenn ihr darin stehen bleibt.
Doch auch von diesen Unheilen der Durrah gibt es solche und solche. Es mag immer mal wieder ein kleiner Sturm durch die Dünen fegen, doch einen solchen wie den, von dem ich euch hier erzähle, habt ihr noch nicht erlebt. Eine schwere Katastrophe war er, der unser ganzes Volk aus den Häusern der Stadt trieb, tief in die Durrah hinein, um Zuflucht zu suchen unter der gütigen Hand der Eluive. So trug es sich zu, dass in eben jenem Moment, als der Schatten schon tief über das Schicksal des jungen Saheeb gesenkt war, die Allmara ihn erblickte und ihm Hilfe entsandte in Gestalt eines jungen Jemaat, der durch die Straßen lief und den einsamen Jungen, der angsterfüllt nach seinen Eltern rief, am Schopfe packte und aus der Stadt führte. Ihm und der Fügung durch die göttliche Mara hat er es zu verdanken, dass auch heute noch seine nackten Sohlen durch die Durrah wandern können. So wird die Schöpferin auch auf euch achten, wann immer ihr in Not seid, denn ihre Liebe ist grenzenlos.
Doch ein Opfer war zu bringen, und dieses Opfer war so schwer, so bitter, dass es mir schwer fällt, davon zu sprechen. Denn wenngleich der junge Saheeb auch gerettet ward und den Fängen des Sturmes entkam - seinen Eltern konnte auch die Mara keine Hilfe mehr senden. Wenige vergingen in den Straßen der Stadt, denn unser Volk ist schnell und gewandt, doch sie traf es. Und so verlor der junge Saheeb seinen liebenden Radeh und seine liebende Mara an ein Unheil, so schrecklich, so unerklärlich, wie es sich jemand neda auszudenken vermag.
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Ihr mögt mich nun fragen: Wie konnte das geschehen? Und ich vermag euch neda zu antworten. Ihr mögt mich fragen: Wo war die Mara, um dieses Schicksal abzuwenden? Ich vermag euch nur zu sagen: Die Mara ist überall, doch manches Leid vermag auch sie neda abzuhalten, und ihre Trauer darüber ist groß, größer als die eines jeden von uns. Ihr mögt mich fragen: Was fühlte er, der junge Saheeb, einsam und verloren? Ich vermag euch neda zu antworten, denn er spricht selten darob, und damals, als ihm zugetragen worden war, was geschehen, da trug er es mit einer Fassung und einer stoischen Ruhe, wie ich sie nicht erwartet hatte. La, der junge Saheeb verfiel neda in Trauer oder Schmerz, nicht äußerlich. Er kehrte in sich, zog sich zurück, diente seinem Hause, wie seine Eltern es ihn gelehrt hatten und trug den Schatten der Trauer tief in seinem Herzen. Es muss so sein, denn niemand, der solch Unheil durchleidet, kann ungezeichnet davoneilen.
Nun geht, eilt, meine Kinder, denn eure Eltern nahen. Denkt an den Schmerz, den der junge Saheeb durchlebt haben muss, doch vergesst in euren Träumen nie das göttliche Wunder, die segenreiche Güte, mit der die Allmara wenigstens ihn zu retten vermochte. Gedenkt ihrer und legt eure Leben in ihre Hände, denn niemand liebt euch mehr als sie, niemand verehrt euch mehr als sie. Ma'asalema, meine Kinder, we sabah al'chair!