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Glück ist flüchtig...

Verfasst: Dienstag 24. Mai 2016, 11:23
von Gast
Ma tijibu ar-rih takhdu as zawabi
- Glück ist flüchtig



Es fiel ihm erstaunlich schwer die Feder über das Pergament zu führen und ein paar Zeilen für sie zu verfassen. Nicht, weil es ihm egal und er distanziert zu all dem war. Oder sich der Situation völlig verschloss. Nein. Es war eben genau das Gegenteil - er fühlte mit seiner kleinen Schwester. Er fühlte ihren Verlust und die einher gehende Trauer. Über Gefühle zu sprechen oder sie gar zu zeigen, dieser Mensch war er nie gewesen. Und nun war der Moment gekommen sich aufgrund der Situation zu öffnen. Mit einem Brief zu zeigen, dass er für sie da war. Das er, als ihr großer Bruder, in der schweren Zeit Beistand leisten wollte. Er wollte sie nicht mit dem Gefühl umarmen, dass sie alleine war.

„Geliebte Schwester“, die Tinte war bereits getrocknet als er ins Leere starrte und sinnierte. Man sagte, das es als Stärke galt, wenn man Schwäche zeigen konnte. Aber Gefühle zu zeigen, dass musste er erst lernen. Sein Empfinden nieder zu schreiben, dies war eine weitere Hürde in seinem Leben. Er hatte nie daran gedacht seine kleine Schwester, die er über alles liebte, an einen Mann zu verlieren. Es zu akzeptieren, dass er sie irgendwann loslassen musste für einen Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wollte. Er wollte sie vor Herzschmerz bewahren und sie immerzu in Sicherheit wissen.

Wie zäh es wohl gewesen sein musste, seine Gefühle auf Papier zu erwiedern. Und wie viel Bedeutung dahinter steckte, dass wusste vor allem sie am besten.


  • Geliebte Schwester,

    in tiefster Trauer um den Verlust Deines Mannes und meines guten Freundes, spreche ich Dir und Deiner Familie mein Beileid aus.

    Glück ist flüchtig, aber die daraus gewonnenen Erinnerungen kostbar. Die Liebe währt ewig - auch nach dem Tode.

    Ich werde ihn Dir nicht wieder zurückbringen können, so gern wie ich Dir diesen Wunsch auch erfüllen möchte. Aber ich gebe Dir mein Wort, das meine Arme immer für Dich und Deine Kinder ausgebreitet sein werden. Wann immer Du nach der Liebe und den Schutz Deines Bruders verlangst.

    Das Blut in Deinen Adern wird Dich immer daran erinnern, wo Du hin gehörst.

    Blut ist dicker als Wasser.



    Amar

Verfasst: Dienstag 24. Mai 2016, 15:12
von Gast
Die Zeilen des Bruders wurden immer wieder und wieder gelesen, als würde sie einige Momente benötigen, um sie überhaupt zu begreifen. Um so mehr Zeit verging, um so realer wurde die ganze Situation. Nun noch die Worte ihres Bruders zu lesen, gab dem Ganzen den letzten Stoß, so dass es auch im hintersten Teil des Kopfes ankam, dass man ihr ihren Mann nicht zurück bringen würde.

Mit nassen Gesicht und dem leicht zerknüllten Brief in der Hand, ging sie nun langsamen Schrittes in die Räumlichkeiten, welche sie seit Tagen versuchte zu meiden. Glück ist flüchtig. Das redete sie sich bei jedem Schritt ein, wenn das Herz auch immer schneller schlug und die Atmung immer schwerer wurde, um so näher sie dem Zimmer kam. Irgendwann blieb sie stehen, blickte auf ein kleines Chaos an Kleidern und musste unweigerlich lächeln. Sie konnte sich bildlich vorstellen wie Imraan wieder Stunden benötigte, um überhaupt ein Hemd zu finden. Auf einer der Kisten lag genau solches und nur langsam ging sie darauf zu, griff es mit der freien Hand und drückte es sich ans Gesicht. Und wo eben noch das Lächeln war, blieb eine zusammen gesackte Natifah zurück, welche nun endlich, voll und ganz, begriff, dass ihr Mann nie wieder hier stehen würde um sich mit seinen Kleidern zu messen.

Denn Glück war flüchtig und Blut dicker als Wasser, wenn der zweite Gedanke auch noch eine Weile benötigte, bis er in ihrem Kopf ankam.