Das Gesicht wusch sie sich mit eiskaltem Wasser und begann ihr störrisches Haar zu einem dicken Zopf zu flechten. Die Sonne ging gerade wieder unter, als sie hinunterging und nach Gewohnheit in ihren Briefkasten schaute.
Ein Briefbogen? Einfach gehalten. Sie faltete jenen auseinander und begann die Zeilen zu lesen während sie in ihre Werkstatt ging:
- "In meinen Haaren spielte der Wind.
Er trug der Sehnsucht leichte Flügel.
Ich staunte wie ein kleines Kind,
ob seiner freigelassnen Zügel.
Ich wollt auf seinem Rücken reiten.
Wollt fliehen vor der Erde Müh'.
Auf weiten Reisen ihn begleiten.
Am Abend spät, am Morgen früh.
Er zeigte mir das Himmelsblau.
Die Grenzen ich verloren hätt'.
In einem Tag, vom Kind zum Mann.
Für vieles ist es nun zu spät.
Heut steh ich auf dem Rand der Klippen.
Der Wind an meiner Seele reißt.
Salz brennt wie Feuer auf den Lippen.
Was mir die Zukunft noch verheißt?
Als Kind hab ich dem Wind vertraut.
Er war der Bruder meiner Seele.
Träume hab' ich auf Sand gebaut.
Verstand kommt mir jetzt in die Quere.
Unschuld verliert man mit den Jahren.
Den Glauben erst viel später dann.
Noch immer spielt der Wind mit meinen Haaren.
Den ich noch immer fühlen kann."
Die Zeilen waren schön geschrieben, sehnsuchtsvoll und mit einer Prise Traurigkeit. Was hat dieser Jemand dazu bewogen, jene Zeilen zu verfassen?
Behutsam wurde der Briefbogen wieder in der Mitte gefaltet und fand seinen Platz in dem Bücherregal bei ihren Bauanleitungen. Letztendlich entschied die Rothaarige sich dazu das Schreiben in eine kleine Schatulle zu legen.
Sollten noch Schreiben folgen? Oder war dies eine Ausnahme, ein Versehen des Verfassers?
Um ihre Gedanken abzulenken griff sie nach einem groben Zederbalken und begann diesen glatt zu hobeln...