Leider werde ich wahrscheinlich leer ausgehen und kann mir gerade mal eine Runde "langes Gesicht" leisten, denn so strahlend und zuckrig klar die tiefrote Honigglasur glänzt, so ist mir doch sehr wohl noch zu genau bewusst, was da noch so alles seinen Weg in den Trank gefunden hat. Der Trank, der dieses eine gewaltige Thema in seiner Suppe schwappen hatte. Ein Gefühl, welches - entgegengesetzt der meisten Gerüchte - kein Gegenstück zum Hass bildet, sondern ebenso heftig und mächtig wie dieser lodert, dass es nicht gerade selten in jenem endet. Trauriges Ende, kein Märchenfinale, kein glücklicher Schluss.
Sowas kommt vor und das wird einem erst bewusst, wenn man selber schon einmal Hauptakteur einer solchen, kleinen Tragödie geworden ist. Also im Grunde jeder, der schon einmal das Kunstwerk vollbracht hat, mit dem Herzen auf die Schnauze zu fliegen und da bilde ich keine Ausnahme. Jetzt im Nachhinein klingt das auch ganz unglaublich abgebrüht und erwachsen, wenn ich mich hinstelle und mit einem lockeren Zwinkern darüber unke, dass doch irgendwie jeder junge Mensch den ein oder anderen Herzschmerzmoment durchleben und überwinden musste, um dann daran zu wachsen.
Es täuscht vor allem nicht darüber hinweg, wie weh es tut, wenn man sich an dem zuvor so glühenden Gefühl verbrennt und wie seltsam es zieht, wenn kurz danach die Kälte folgt und vielleicht gar auf lange Zeit Einzug erhält. Klar lebt man in den meisten Fällen schon weiter aber wenn man denn wirklich einen Teil seines Herzens verschenkt hat, so fehlt dieser vielleicht für immer.
Ein Glück also, wenn man zu der Sorte Mensch gehört, die mit einem großen Herzen gesegnet sind.
Irgendein ein Gegenstand, den man selbst mit der Herzflatterglut verbindet sollte es sein. Cara hatte uns allen diese recht nette und scheinbar unkomplizierte Aufgabe angedacht aber spätestens als ich die Schneckenmuschel aus der Tasche zog und mir ein wenig Gekicher entgegenschwappte, ahnte ich, dass der persönliche Aspekt der springende Punkt des Ganzen war. Kein auswendig gelernter Reim, kein einstudiertes Richtig oder Falsch machten den Erfolg aus, sondern die individuelle Auseinandersetzung mit der Thematik und damit verbunden das Credo "Richtig ist, was du für richtig empfindest...".
Also gut, etwas Persönliches mitbringen, was ich mit der ganzen Sache verbinde? Ein etwas bitteres, vom boshaften Sarkasmus durchzogenes Stimmlein wollte murmelte abfällig, dass ich dann wohl schlichtweg ein wenig Wildkraut, meine Pfeife und allen voran eine große Pulle Schnaps mitbringen müsse, immerhin war das ja dann der goldene Wegbegleiter am Ende. Krass im Gegensatz dazu flüsterte der letzte Rest ungebrochen kitschige Romantik, dass ich doch vielleicht eher einen hübschen Blumenkranz, ein Ringlein und einen Gedichtbogen anschleppen solle, denn das wiederum war der Beginn meiner Erfahrungen.
Ich habe, nach längerem Überlegen, beide ignoriert und mich dafür entschieden, die Schneckenmuschel aus Mikaels täglichem Fang zu stibitzen. Denn, so erklärte mir zuerst meine Mutter, wenn man diese Muscheln ans Ohr presste, würde man das Meer rauschen hören können und dann wiederum, so wollte meine Schwester mit die Illusion zerbröckeln, sei es ja doch "nur" das eigene Blut, das durch der Herzschlags Takt, durch die Adern schoß. Tja und da hatte ich ein Sinnbild für mich selbst, akustisch (durch einen schäbigen Trick aber immerhin!) dargestellt: der Herzschlag, welcher sich veränderte, umso heftiger das Gefühl erwachte und welchem ich so gerne bei den Menschen, denen ich die besagte Emotion schenken mag, lausche.
Bereits während wir gemeinsam das Werk vollbrachten und noch mitten in jener Woge, die mich erfasst, wenn die Anderen mir helfen das Lied mit allen Sinnen aufzunehmen, begann ich zu überlegen, wem ich meinen Apfelanteil geben wollen würde. Lilja, die junge Frau, welche uns beide so fürsorglich und ohne Vorbehalt in ihrem eigenen Heim aufgenommen hatte, lag gedanklich nahe. Sie hatte ein wenig Herzklopfen verdient und doch wusste ich einen Moment später, dass ich die Äpfel nicht in ihre Nähe kommen lassen wollte. Sie litt noch immer unter dem Verlust eines innigen Bandes und auch wenn die Rückkehr des süßen Gefühls sicher ein Segen sein konnte, so war sie in dem Fall doch nur kurze Gaukelei und nach einem Tag hinfort. Wie jäh würde sie da also dann der erneute Absturz in die Trauer treffen? Nein, sie würde sicherlich keinen Apfel zugesteckt bekommen.
Anders war der Fall bei Gideon und Emilie!
Abgesehen davon, dass ich mich wundere, wie diese zwei herzlichen Menschen keinen Partner an ihrer Seite haben können, sind sie auch noch beide Meister ihres handwerklichen Faches. Folglich müssten da zumindest in meiner kleinen, grauen Welt der minderen Theorien irgendwo Schnittmengen bestehen und damit verbunden jede Menge Gesprächsstoff. Ich würde definitiv ein wenig mehr Elan dafür aufwenden, die beiden in den Wolkenrausch zu schleudern und dann müsste ich sie doch eigentlich nur einander vorstellen, oder?
Der Rest sollte wie von selbst laufen.
Plan gefasst!
Ein weiterer, unmittelbarer Kandidat wäre der Bajarder Prinz, seine ungekrönte Majestät und mein ungefragter Geschäftspartner Mikael Buxbaum. Im Grunde ist die ganze Geschichte mit den Äpfeln ein Schabernack und damit genau richtig für den Bengel. Es würde ihm schon stehen, wenn er einen Tag lang mit dümmlichem Grinsen vor sich herschmachtet und dabei keinen bestimmten Fokus hat, oder? Sicherlich! Klar! UND WIE!
... nur warum braucht es dann jetzt diese innerliche Rechtfertigung?
Aus irgendeinem mir noch nicht wirklich eingängigem Impuls heraus habe ich beschlossen auch Mikael aus dem Experiment auszuschließen. Vielleicht, weil es der Bursche im Moment eh schon so schwer hat und hart für den Lohn seiner täglichen Mühen schuftet. Ja, das wird es sein...
Es bleibt nun nur abzuwarten, wie sich die ersten kleinen Gaben soweit entfalten und außerdem abzuwägen, wem man noch dieses süße Quäntchen Herzklopfen vermachen möchte.
So oder so verspricht die Sache im wahrsten Sinne des Wortes aufregend zu werden!
Schönste Frucht, verlockender Apfelbissen
entfalte dich ganz in meinem Mund
und wandere süß durch meine Glieder,
denn herzen und lachen ist sicher gesund
und Liebe kocht auf wieder und wieder -
um deren Zauber sollte jeder Mensch wissen!