Seite 1 von 2

Adel verpflichtet

Verfasst: Montag 10. April 2006, 22:38
von Darna von Hohenfels
Es war irgendwo ein großer, schöner weiter Wald, wo ein bis dato wohlbehüteter kleiner Ziervogel behutsam auf einen Strauch gesetzt wurde und eine freundliche Stimme ihm sagte: "Du bist frei. Flieg, wohin du willst..."
Der Vogel sah sich um: hier war nichts, was er kannte. Wo waren sein Wasser und Futter, die warme Behaglichkeit seines Heims? Hier war nichts, dem er zu vertrauen gelernt hatte - außer der Hand, die ihn gerade losließ.
Leise wehte durch den Wald ein ängstlich-fragendes
"Tschiep?"



***************************************************

Es war doch nur ein schönes Stück Weg am Ende eines lausigen Tages gewesen, oder? Er hatte sie in der kleinen Kapelle gefunden, ohne daß Aradan ihm gesagt hätte, wo sie wäre.
Er war nicht... edel, nein. Er hatte angeboten, sie nach Hause zu begleiten, doch als er hinter ihr her ging, stets ein Stückchen schräg hinter ihr, da hatte sie das Gefühl bekommen, als sollte sie abgeführt werden. Sicher, es war ja nun wahrlich keine Alltäglichkeit, daß sie ein Kleid trug - aber wusste er tatsächlich nicht, wie man... eine Dame nach Hause begleitete?

Hier, jetzt, viel später... war es ein anderes Revier. Berchgard, das Büro des Außenpostens. Sie hatte ihn eigentlich nur aus ... tja, warum eigentlich? ... hierher begleitet, um die Bürgermeisterin nochmal aufzusuchen. Doch ihre Berichte über den Dienst, die neuen Ermittlungen, dies und das... es wurde immer später - und die Themen immer persönlicher.

"Ich weiss nicht, wie du außerdienstlich mit anderen Menschen redest - vielleicht mit Menschen, die du als deine Freunde erachtest. Du musst dich nicht erklären oder so... es ist nur... Wir sind Arm in Arm durch die Straßen Varunas gelaufen... Hast du...das vergessen?"
Arm in Arm... "Ich hab mich bei dir eingehakt, das ist doch was anderes", korrigierte sie innerlich, doch sie wollte nicht herumkorrigieren, das konnte sie bei Kadetten machen.
"Das gehört sich so", entgegnete sie möglichst schlicht, "Zumindest da."
"Ah. Das gehört sich so", echote er.
Sie musterte Adrenalon. Machmal war er ihr so vertraut, so... und dann wieder so fremd.
"Du verstehst das nicht, oder? Sowas ist normaler für mich als ein Handschlag. Das ist... Etikette. Pflicht", sie hob dabei die Schultern, "Das gehört ins Bild."

Sie wusste nicht, was sie gerade gesagt und getan hatte. Doch mit dieser Reaktion von ihm hatte sie nicht gerechnet.
Ruckartig, wie zum Sprung, stand er auf. "Das...", keuchte er, und sie wich zurück, obwohl der wuchtige Schreibtisch zwischen ihnen war, machte es fast den Anschein, als könne er ihr gleich an die Gurgel gehen. Kaum konnte sie den Fuß richtig heben, ehe sie mit der Hacke auch schon gegen die Wand stieß, vor der sie zuvor bereits stand.
"Etikette also, Pflicht. Das... das gehört INS BILD? Du... du kannst dir dein BILD sparen!!!" Sie hatte ihn nie so brüllen hören und starrte ihn entsetzt an. "Such dir... jemanden anderen DUMMES für dein BILD!!!"
"Adrenalon, was...", ächzte sie mit brechender Stimme, "Was erwartest du denn? Es darf doch gar nicht mehr sein." Sie sprach tonlos und hastig, doch laut genug, als müsse sie sich rechtfertigen: "Hast du darüber nie nachgedacht?"
Sie hatte es...
"Was darf nicht mehr sein? Sag es mir."

"Dich... da... diese... V..vv..vertraulichkeit." - Himmel, was stotterte sie sich hier zurecht?
"So ist das also... diese Vertraulichkeit." Er stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust, doch schien es weit mehr schützende Abschottung als eine imponierende Geste zu sein.
"Und wieso darf das nicht mehr sein? Und überhaupt....was bei aller Macht erdreistest du dich dazu, mich dennoch...in...in diese...", er wurde immer leiser, "Hoffnung...zu drängen? Nicht zu bedenken, dass ich Gefühle habe?
Und stattdessen mich...als" - unvermittelt wieder brüllend - "Spielball!! für deine Etikette zu missbrauchen?!?"
Ihre Gesichtzüge entgleisten langsam, je mehr er sagte, die Kinnlade sackte wie gelähmt nach unten.
"Verdammt...DARNA! Was denkst du, daß ich das ohne weiteres mitmache? Dass ich..Vorzeige- nein, Ausstellungsobjekt für deine Umwelt bin?
Das...will ich nicht." Es klang gebrochen.
Was hatte sie getan? Sie verstand es nicht. Es hätte... ihm doch gar nichts bedeuten dürfen. Aber was hatte sie angerichtet? Sie starrte ihn an wie ein Kaninchen den Fuchs, wie einen Oger, der mit aufgerissenem Maul genau vor ihrem Gesicht zum Stillstand kam.
Daß er so hilflos, gebrochen, schien, setzte ihr mehr zu, als wäre er mit dem Schwert auf sie losgegangen. Doch seine Worte, mal verzweifelt, mal in sarkastischem Plauderton gesprochen, trafen weit besser und tödlicher.
Was hatte sie getan?

"Hör auf", flüsterte sie lautlos, ohne sich noch wehren zu können, "Hör auf. Es tut mir leid." Sie konnte die Stimme kaum halten. "Hätt ich gewusst, daß ich dir wehtue... daß sowas durch mich... überhaupt geht... ich hätte nie... ich hätte das nie gewollt. Nie.
Eher wäre ich gegangen, als daß ich dir so etwas... nein. Es tut mir leid. Um alles in der Welt, das tut mir leid."
Das durfte nicht wahr sein. Sie hatte ihm wehgetan, wie hatte das passieren können? Er saß wie ein Häufchen Elend zusammengesunken an der Wand hinter dem Schreibtisch, und sie versuchte sich zur Tür zu retten, musste hier raus - weg von ihm, ihm nicht mehr wehtun.
Sie schluchzte auf, als diese verfluchte Tür sich ohne Schlüssel nicht öffnete.
"Lass mich raus. Adrenalon, ich... das wollte ich nicht."
Mit träger Geste bewegte er sich und an den Stützen des Tisches vorbei schlidderte der Schlüssel genau vor ihre Füße. Sie lehnte die Stirn gegen die Tür und sah zu, wie Tränen daneben leise auf den Holzboden platschten.

"Ich...weiss nicht...was ich denken...was ich fühlen soll. Jetzt... wieder..nicht mehr."
"Der erste Mensch, der nicht... der...", sie holte tief Luft, "der neben mir steht, und... ausgerechnet.. dir tu ich weh?", fragte sie sich hörbar und verzweifelt, "Ich muß doch bescheuert sein."
Zum ersten Mal begriff sie wirklich, was andere mit diesem Wort überhaupt meinten... sie fand gerade kein treffenderes. Es war kein Platz mehr für schöne Worte - kein Raum für Phrasen.
"Weißt du, was du denkst?", fragte er leise.
"Nein", gab sie zu, "Ich weiß... mir dröhnt nur dauernd durch den Kopf, was Vater dazu sagen würde. Das, was ich auch gedacht hab. Nur aus... anderen Gründen. Daß das ja völlig ausgeschlossen ist... nicht sein darf..."
Er war nicht von Stand. Und sie war kein hübsches Kammerfräulein, an das jemand sein Herz verlieren konnte. Das war makaber.
"Ich weiß nicht, was ich denke. Ich war hier noch nie. Als wäre hier nichts, woran ich mich halten kann."
Sie kapitulierte. Sie war verloren. Ihr Blick ruhte noch immer auf dem Schlüssel zwischen ihren Füßen. Offene Türen...
Wollte sie hier raus?

"Ist... das ein neuer Käfig, wenn... ich mich... trauen würde, dich zu mögen?", fragte sie, immer leiser werdend.
"Nein...dein Wille, ja, aber kein Zwang. Keine Etikette, keine Pflicht. Nur dein Wille zählt. Oder bist du etwa gefangen? Gefangen, wenn du... empfindest, was in dir steckt?"
"Ich bin nicht frei, Adrenalon." Begriff er nicht?
"Aber warum, verdammt? Was hält dich denn? Löse dich, verdammt, lasse es zu!"
"Aber ich... bin adelig. Es geht doch nicht darum, was ich will."
"Was ist dein Adel wert, wenn er dich besitzt, anstatt du ihn?"
Sie schwieg. Lange.
"Das steht nicht in den Regeln." Sie sah sich um, als müsse irgendwo Hilfe zu finden sein, als müsse irgendwo irgendjemand stehen, der ihr sagen würde, was sie zu tun hätte - aber es war niemand außer ihm im Raum.
Irgendwie störte es sie inzwischen enorm, daß dieser klotzige Schreibtisch noch immer zwischen ihnen stand, und keiner von beiden die Kraft zu finden schien, um ihn herum zu gehen.
"Sicher... die Regeln", entgegnete er verächtlich, "Und Adel verpflichtet, oder wie war das?"
Natürlich...
"Darna, es gibt verdammt nochmal keine Regeln, die dir vorschreiben, was du zu fühlen hast!"
Sie hätte sich aber gerade welche gewünscht...
Sie... wusste... fühlte nur... daß sie hier nicht weg wollte.
Langsam streckte sie ihm die Hand mit dem Schlüssel entgegen.

Es war ein schwer zu beschreibendes, seltsames Gefühl, das sich in ihrem Innern ausbreitete. Als würde sie wachsen, auf eine Wolke hochgehoben werden, der Sonne entgegen...
Sie spürte die Flammen, die begannen, nach ihr zu greifen, sie aufzufressen. Sie wollte nicht schreien, sich nicht zusammenkrümmen. Sie wollte diesem Menschen vor sich irgendwie näherkommen. Sie hatte keine Kraft, sich gegen dieses beißende, nagende Feuer zu wehren, sie wollte es einfach nicht mehr - es war erschreckend, wie lange sie es aushielt, den Schmerzen auf diese Weise entgegenzutreten.
Doch irgendwann rissen sie sie doch in die Dunkelheit...

***************************************************

"Dürfte ich erfahren, was Ihr mit meiner Knappin angestellt habt, Korporal?"

Verfasst: Donnerstag 13. April 2006, 14:49
von Andrey von Greifenbach
Er fragte sich ernsthaft, was er nun wieder Falsch gemacht hatte.
Sie ... sie hatten sich in den Händen gehalten, Darna saß vor ihm, auf diesem störenden Tisch ... "Meine ganze Kraft soll dir gehören, und die Kraft, die du mir gibst, will ich dir wiedergeben, so ich es jemals kann."

Ein wunderschöner Moment, bis Darna vor ihm zusammenbrach, ein "Ich will nicht ... siesollaufhörn.." auf den Lippen.


Darna bis zur Kutsche zu tragen, und infolgedessen auch von dieser zum Heim des Hauptmannes, verlangte ihm alles ab. Und die Reaktion Aradans auf das Bild, was sich ihm bieten musste, war auch nicht gerade dazu angetan, ihm Ruhe zu gönnen...

***************************

"Nun, ursprünglich wollte ich nach Frau Alliestra... aber wir sind dann in mein Büro im Aussenposten gegangen, und dort haben wir uns ... unterhalten." Himmel, warum war das so schwer? Sein Blick war nicht der gewohnte Blick des Hauptmannes, sondern der eines Bruders, welcher seine Schwester in Schutz nimmt. Deswegen...
"Unterhalten." -Das- klang eindeutig nicht überzeugt. Jedoch, wenn er es jetzt nicht schaffte, wann dann? Niemals?
"Ich habe Darna von Elbenau meine Liebe gestanden." Das hatte gesessen.
"Ihr ... habt was?!?"


So überraschend diese Neuigkeit für Aradan Krenor war, so schnell gewann er auch seine Fassung zurück.
Die Schmach, ihm erzählen zu müssen, das Darna just im Moment seines Geständnisses zusammengebrochen war, erwies sich für ihn erst während der folgenden Unterhaltung als das, was man wirklich deuten konnte ... als Bestätigung.
Der Hauptmann der Garde erzählte dem Korporal von einem Fluch. Ein Fluch, mit dem Darna behaftet sei; ein Fluch der es ihr nicht möglich mache, Humor als eine Tugend anzuerkennen und Glück als solches zu empfinden und zu erleben. Dies erklärte natürlich, warum sie gerade in jenem so bedeutsamen Moment... es musste wohl ein Erlebnis in ihrer Kindheit sein. Irgendetwas Schlimmes...eine Verbrennung vielleicht, wenn er Aradan richtig verstand.


Bereits bevor es das erste Mal an diesem Abend an der Türe klopfte, hatte Adrenalon für viele so merkwürdig erschienende Dinge eine Erklärung parat. Die Ausführungen Krenors erklärten einige Zusammenhänge, ohne jedoch eine Lösung parat zu haben.
Dieser Fluch...diese Neuigkeit hatte ihn überrascht, irritiert. Nun war es wohl daran, eine Lösung zu finden, wobei ...
"Wenn ich öfter erlebe, dass ihr sie ... so nach Hause bringt, egal mit welchen guten Absichten ... bekommen wir ein ernsthaftes Problem, Korporal."
Das war deutlich, der Bruder kam wieder zu Vorschein.


Infolgedessen war es nicht gut, dass Darna einige Zeit später erwachte.

Zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah er ein glückliches Lächeln auf ihren Zügen.
Ein Kuss, so sanft wie die vom Windhauch getragene Feder, berührte seine Wange.

Seine letzten Zweifel waren hinweggewischt. Dieser Anblick ... sie erinnerte sich. Sie, ja, sie wollte es.

Dass Darna ein Zweites Mal innerhalb kürzester Zeit zusammenbrach, in direkter Folge ihres eigenen ... ihres verdammtnochmal ersten Lächelns, war wie 1000 Nadelstiche in sein Herz.....

Verfasst: Samstag 13. Mai 2006, 15:27
von Darna von Hohenfels
Sie mochte die Bücherecke in den Quartieren der Ritterschaft des gräflichen Schlosses. Wie ein schützender Schirm schenkten die Schränke Ruhe. Manchmal hatte sie es genossen, in Aradans Haus auf dem Bärenfell vor dem Kamin zu sitzen und in ihren Gedichtbänden herumzustöbern. Hier konnte sie sich nicht langstrecken, aber die Sessel waren außerordentlich bequem.

Dafür war das Papier vor ihr umso ärgerlicher - denn es war leer.
"Hochgeschätzter Adr", dann verschwand die Feder auch schon vom Briefbogen. Was bitte sollte das denn werden? Politische Korrespondenz? Sie knüllte den Zettel energisch zusammen und legte ihn ordentlich etwas abseits auf den Tisch.
"Mein lieber"... zögernd verharrte die Feder, ohne weiterzuschreiben. Nein. Was ihr gerade im Kopf rumschwebte, klang entweder väterlich-salbungsvoll oder gar hochnäsig herablassend. Das erste Papierknäuel bekam Gesellschaft. Direkter werden.
"Lieber Adrenalon, diese Zeilen schreib" - murrend hielt sie inne. War er überhaupt lieb? Klar. Und irgendwie nicht. Diese Diskussion von gestern spukte ihr noch im Kopf herum. Sie war weiterhin nicht schlauer, wie sie da weiter verfahren sollte. Und außerdem... 'lieb' klang so... seicht. Wieso musste sie eigentlich seit mehreren Augenblicken an Hummer denken? Abwesend warf sie den Papierknödel weg, der in eine Ecke bei den Bücherregalen flog.

Vielleicht besser ohne Anrede?
Aber "Ich hoffe, es geht dir gut und du hast ausgeschlafen" landete auch bei den gescheiterten Versuchen auf dem Tisch. Das durfte doch nicht wahr sein! Klassisches Reimen?
"Oh Adrenalon, ich tu dir kund,
ich möchte deinen Sorgenschwund"
- gütige Göttin, das wurde ja immer schlimmer.
"Minne sollte auch verboten werden", beschwerte sie sich leise und setzte es gedanklich momentan noch vor das Verbot von Heilern, die einem beim Heilen wehtaten. Sie seufzte und sah auf die ernüchternd blanke Schloßwand vor sich, betrachtete die sich zerfasernden feinsten Rillen und Risse, dachte an das Temorakreuz mit seinen auseinanderstrebenden Seitenarmen... "Was willst du ihm überhaupt sagen?", dachte sie vor sich hin und beschloß, das nächste Blatt nur als Notizzettel zu verwenden. Sie wollte seine Sorgen beruhigen, behutsam, mit ihrer Nähe. Nicht zu intim, nicht zu verletzend, doch hütend, liebevoll und zuverlässig.
In nachlässiger Bewegung eher malend als schreibend, fanden unregelmäßig groß Worte auf das Papier.
Irgendwann senkte sie den Blick von der Wand auf das Pergament. Sie kam nicht weiter, oder?

Sie las die drei einfachen Zeilen, die da standen, wieder und wieder.
"Das ist es doch", flüsterte sie leise. Das war doch alles, was sie ihm gerade sagen wollte und ihm nicht ins Gesicht sagen mochte. Es stand eigentlich einer Lady nicht an, in Liebesdingen klare erste Schritte zu setzen, doch sie durfte von ihm nicht unbedingt welche erwarten, das hatte Aradan ihr deutlich vor Augen geführt.
Sie schrieb die drei Zeilen nochmal in schöner Schrift ab und räumte dann den Papiermüll vom Tisch - gnadenlos peinlich, wenn diesen Schrott jemand zu Gesicht bekäme. Sie steckte das eigentliche "Werk" in die Hosentasche.
Und übersah einen Fehlversuch, der unordentlich fortgeworfen weiterhin in seiner Ecke liegenblieb...

**************************

Grundgütige, hoffentlich hatte niemand ihre Aufregung bemerkt. Als Hauswart im Kastell führte sie oft Ordnungskontrollen durch, das war nichts Ungewöhnliches - nur gefürchtet. Diesmal waren die Schlafstätten der Gardisten dran, und daß sie dabei sogar unter die Matratzen guckte, fiel weit mehr auf, als daß sie unter ein bestimmtes Kissen einen Zettel legte.
Jeder Gardist musste morgens selber sein Bett machen - Decke richten, Kopfkissen ausschütteln... er würde den Zettel mit seinen drei Zeilen schon finden.


Lass mich deinen Sorgen ein Kissen bereiten
und es beiseite legen,
bevor dein Kopf an meiner Schulter ruht.

Verfasst: Mittwoch 17. Mai 2006, 19:18
von Andrey von Greifenbach
"Es ist viel zu tun."

Das hatte er in der letzten Zeit nun schon des öfteren gesagt, zu vielen verschiedenen Menschen.
Rahal war ein Punkt für sich. Die Ausbildung der Kadetten müsste auch langsam mal in die Wege geleitet werden. Dazu kam der alltägliche Kleinkram. Die Rekrutierung neuer Kadetten.

Es war also viel zu tun. Es grenzte folglich fast an ein Wunder, dass er und Darna doch einmal die Gelegenheit fanden, einfach bei Frau Weinschenk vorbeizuschauen und gemeinsam etwas zu essen, bei einem Glas Tee beziehungsweise Milch. Sie hatte gemerkt, dass er in der letzten Zeit kaum geschlafen hatte, und genauso war es mit der regelmässigen Einnahme von Nahrung. Das sie sich infolgedessen ernsthaft um ihn sorgte, berührte etwas in ihm, auch wenn es ihm schäbig vorkam, gerade in einer solchen Situation davon zu zehren und es gefallen zu lassen.

Er konnte sich noch gut an die Unterhaltung in der Kirche erinnern..Sicher, er würde sie wohl nie vergessen.
Es kam wohl eher einer Beichte gleich.
Er vertraute ihr alles an.
Seine wahre Identität... Seine grausame Verfehlung.
In diesem Moment war es ihm egal. Es war einer jener seltenen Momente, in dem ein Mann sich zwischen zwei Wegen entscheiden muss. Sollte er mit der Lüge weiterleben, weiterhin vor sich selbst flüchten? Die Gesichter der Kinder waren in seine Seele eingebrannt, sie würden ihn vielleicht immer verfolgen.
Oder sollte er sich seiner Vergangenheit stellen? Dies würde bedeuten, zu offenbaren. All die Taten, seine wahre Identität...Vielleicht soger eine Krise?Er liess all die Dinge heraus, die ihn all die Zeit lang verfolgten. Das dies vor dem Kreuze der Temora geschah, im Haus der Temora, einem heiligen Hort, machte die ganze Situation schon fast grotesk.
Er hatte alles erwartet. Sie würde ihn verabscheuen. Sie würde ihn hassen. Vielleicht würde sie ihn auch an Ort und Stelle...

Nichts dergleichen. Sie war in diesem Moment ein Zuhörer. Der Trost, den ein Mensch in einer solchen Situation unbedingt braucht, will er nicht fallen. Er war ihr unendlich dankbar dafür, und er wusste, mit ihr als Beistand in der nun folgenden Zeit der...Was eigentlich? ...
Buße? Vielleicht...eigentlich wusste er es nicht. Er wusste nichts.
Sie würde ihm beistehen, wobei auch immer.

Aber was wäre, wenn es doch nicht so sein solle? Seine Liebe zu ihr war groß, und ebendiese Liebe liess ihn an den Dingen zweifeln, an denen nicht zu Zweifeln sein sollte.
Er war unsicher. Vielleicht hatte sie aus dem Bauch heraus gehandelt, vielleicht schrieb ihr eine Tugend bedingungsloses Verständnis und Mitgefühl vor. Er wusste es nicht.

****************

Der Abend fand ein relativ schnelles Ende. Die vorangegangene Diskussion hatte ihm erneut gezeigt, wie Problematisch das Ganze war. Er stiess an seine Grenzen, denn der Prozess der Verarbeitung nahm ihn fast ganz ein. Und Darna, offensichtlich hin-und hergerissen zwischen dem ehrlichen Bedürfnis, ihm Nahe zu sein und ihm zu helfen, aber andererseits ferngehalten von den Formalien eines Zwanges. Sie erwartete viel, aber dass er ihr kaum einen Minnesang schreiben würde oder hochoffiziell um ihre Hand anha...

Er konnte es, aber ebendas war es, was ihn abhielt. Adel, Religion, Gesetz... Sie wusste nun, warum jene Begrifflichkeiten für ihn der Inbegriff von Schmerz und Wut waren. Und trozdem..es wurde eingefordert, sie erwartete es irgendwie.

...

Er hatte sich vorgenommen, etwas mehr Zeit als garkeine für eine Pause aufzuwenden. Die Sorge Darnas hatte ihn gebremst, erst jetzt war ihm bewusst, dass der Körper seinen Tribut einfordern würde. Er nahm sich vor, an jenem Tag nach dem Abend bei Rosalind ein Stunde im Quartier zu Ruhen.
Und er mochte es überhaupt nicht, wenn irgendwelche Leute sich an seinem Bett zu schaffen machten, was offensichtlich der Fall war. Er wollte das Kissen zurechtrücken, als er den Zettel erblickte.
Ein Gefühl wohligen Glückes durchströmte ihn, als er die Zeilen gelesen hatte. Selbst jene Form der Zeilen störte ihn in jenem bedeutsamen Moment nicht, nahm er ihm die Unsicherheit und gar einen kleinen Teil der Furcht, die ihm innewohnte vor dem weiteren Weg, den er zu beschreiten hatte.


Sie war bei ihm. Sie verachtete ihn nicht. Und das war schon mehr, als er sich ausgemalt hatte, resigniert wie er war.

Was nun?

Verfasst: Montag 22. Mai 2006, 23:25
von Darna von Hohenfels
Dieser Schmerz, diese Wut, die er an ihr ausgelassen hatte...
"Er ist gegangen", hatte sie Aradan gesagt, sie hatte das Ausmaß ihrer Begegnung sonst nicht in Worte fassen können.
Er schien dennoch zu verstehen.

Diese Wut, die... galt sie ihr?
"Meine ganze Kraft soll dir gehören... und die Kraft, die du mir gibst, will ich dir wiedergeben, so ich es jemals kann."
In der Zeit, in der sie ihn am meisten brauchte, war es auch eine Zeit gewesen, in der ihre Schritte ihn verletzten - einmal mehr. Was hatten seine Worte zu bedeuten? Waren sie Lüge? Oder ein makaberes 'Wie du mir, so ich dir'?
"Ich habe mit keiner anderen Reaktion gerechnet", hallten ihr Aradans Worte durch die Erinnerung, während sie vor dem Schrein im Schloßgarten kniete - hier in der Krypta der Königin, wo sich Glaube und das Symbol dessen, dem sie diente, am innigsten verbanden. "Er ist eben ein hitzköpfiger Junge in machen Dingen... und zumindest zeigt es, wieviel Ihr ihm bedeutet, Milady."
Sie wollte und musste alles hinter sich lassen, was in ihr Unsicherheit auslöste, doch den Schrecken und den Schmerz zu vergessen, den dieses letzte Treffen in ihr ausgelöst hatte, fiel unsäglich schwer.

"Was willst du ihm sagen?", schlich die Frage wieder durch ihren Kopf, die sie zum ersten Schritt bewogen hatte, ihm ihre Zuneigung zu gestehen. Und nun? So wie jetzt an ihn zu denken, würde sie zerfressen.
Sollten die Zeiten ein düsteres Ende nehmen, so wollte sie ein Licht nicht aufgeben - sie wollte ihm nie zürnen müssen.
Sie hatte ihn verletzt. Würde er sich allein daran erinnern wollen?

********************************************************

Gardist Ilbert beendete seine Wache vor dem Schloß, die Zeit, die die Frau Korporal... ähm, Lady... ach, egal, das Fräulein von Elbenau eben ihm gennant hatte.
"Eine Nachricht für Euch, Korporal", mit diesen Worten übergab er Adrenalon den zusammengefalteten Zettel.


Lass mich die Kälte aus deinem Herzen nehmen
und in eine Decke hüllen,
wenn du meinen Namen denkst.

Verfasst: Freitag 26. Mai 2006, 17:31
von Andrey von Greifenbach
"WARUUUUUM???"


Die Vögel schreckten auf, und stoben in Scharen aus den Baumkronen des entfernten Waldes. Lange noch hallte dieser Schrei wider, vom Wind in alle Richtung getragen.


**********************

Als er die Zeilen gelesen hatte, fühlte er sich wie geschlagen und gleichzeitig mit einem Eimer kalten Wasser überkippt.
Diese Worte, welche er las... die Wärme, die Ehrlichkeit, welche in jenen steckte, tat ihm fast körperlich weh. Seine letzten Worte... die Schuldgefühle drangen mit der Intensität eines mittelschweren Erdbebens auf ihn ein.

Der Dienst wurde vorzeitig beendet, etwas, was so ziemlich einmalig war in seiner Laufbahn.
Raus, raus aus dieser Stadt, weg von all den Menschen, einfach weg. Das war der einzigste Gedanke, der ihn trieb. Die Stadttore hinter sich lassend, lief er einfach los, der Weg vage und das Ziel unbekannt.

...

Weit und breit nur Wald. Er war noch nicht so weit, zu sagen, er hätte sich verlaufen, aber die Situation wurde bedenklich. Er war lange gelaufen, und nach einiger Zeit war er so in Gedanken versunken gewesen, dass er wohl die ursprüngliche Wegplanung etwas ausser Acht gelassen hatte. Wahrscheinlich wäre es ihm immernoch nicht aufgefallen, wenn er nicht über das Geäst eines toten, am Boden liegenden Baumes gefallen wäre.
Als er sich wieder erhob, lag vor ihm der Rand des Waldes. Dahinter erstreckte ein Flur, durchsetzt mit Blumen aller Formen und Farben. Nach der Enge des Waldes, der ihm nun irgendwie dunkler vorkam, als es ein Wald dieser Art eigentlich sein sollte, war dies wie eine Einladung für ihn.

Als er aus dem Wald heraustrat, hüllte das Licht der warmen Sonne ihn ein und blendete seine Augen. Er hob die Hand vor Augen, und jetzt konnte er einen Umriss in der Ferne erkennen, welcher am ehesten mit der Form eines Hauses vergleichbar war.
Die Erkenntnis, dass ihm wohl niemand den Weg erklären konnte, traf ihn wie ein Blitzschlag.

Das Zeichen des Herzens. Das Temorakreuz.

Der Schrein des Mitleids.


*********************

Als wollte er den Schrei mit seinen Augen halten, ihm folgen, stand er auf den Treppen des Schreines und sah über die Wipfel der fernen Bäume hinweg, reglos, still.


"Mitleid..."
Ein heiliger Ort. Aber auch eine heilige...Tugend?
Was bedeutet Mitleid für mich? War es Mitleid, was Darna dazu trieb, sich in die Fänge Rahals zu begeben? Wieweit darf Mitleid gehen, und wo muss es aufhören?

"Meine ganze Kraft soll dir gehören... wiedergeben...."
Rechtes Mitleid führt dazu, Kraft an andere abzugeben. Kann das sein?
Wenn ich Mitleid empfinde, versuche ich dann nicht, demjenigen zu helfen? Doch, ich denke, das ist die Ursache, und darin liegt das Prinzip des Gebens und Nehmens.

"Kraft geben. Kraft nehmen."
Ich habe es geschworen, warum halte ich mein Wort nicht? Beistand ist der richtige Weg, nicht die Verurteilung.

...

Anstatt sie für ihr Empfinden mit Wut und Schmerz zu strafen, hätte ich bei ihr sein sollen. Ich habe sie allein gelassen, in jener Lage, in welcher ein Mensch doch Stärkung in seinem Tun braucht, ud nicht Ablehnung. Warum war ich nur solch ein blinder Trottel? Die Vorstellung versagt, wenn ich an ihre Lage denke..im Sündenpfuhl Rahals.

***************

Er kramte die Notiz mit der zweiten Strophe aus seiner Gürteltasche. Lange Zeit schaute er sie einfach nur an, die Augen verengt und die Mundwinkel herabgezogen.
Dann lief er los...

Verfasst: Mittwoch 31. Mai 2006, 02:03
von Darna von Hohenfels
Ruhe in Frieden, Hexe

"Hauptmann?", meldete eine Wache in den Gemächern der Ritterschaft, "Vor dem Tor steht der Korporal..."

"Darna." Mehr brachte er nicht über die Lippen, als er vor ihr stand - doch es war mehr, als sie zuwege brachte. Der Teil ihrer Gedanken, der normalerweise die Führung innehatte, sagte ihr sehr deutlich, daß es gänzlich unsinnig war, einfach nur seinen Namen zu nennen - immerhin wusste er durchaus selber, wie er hieß, und alle Anwesenden ebenso.
Und eigentlich brauchte sie ihn auch nicht so anzustarren. Ja, er war es leibhaftig, war mit Sicherheit weder ein Trugbild noch ein Gespenst, es war nur so...
Ein seltsames, unbekanntes Geräusch entrang sich ihrer Kehle, und sie gab dem Wunsch nach, ihm einfach nahe zu sein.

Aradan beobachtete mit nicht geringer Verwunderung, wie "seine Knappin" dem Korporal mit einem glücklich klingenden Auflachen regelrecht um den Hals fiel.
"Du bist da...", flüsterte sie nur glücklich und vergrub das Gesicht im Umhang auf seiner Schulter. "Und nie mehr will ich gehen...", drang es leise an ihr Ohr. "Darna... es tut mir so leid..." Sie hörte es kaum noch. Sie sah die Flammen, die eben noch vor ihr waren, um sich herum, und es war makaber, wie gewohnt dieser einsetzende Schmerz wirken konnte.

Sie spürte, wie seine Hände sie fester griffen, weil er spürte, wie ihr Körper sich anspannte. Sie wussten inzwischen beide, was kommen würde.
"Was? Was nur, was? Was hab ich dir getan, um solche Strafe zu verdienen?" Vor ihr, außerhalb der Flammen in einer gesichtslosen Menschenmenge stehend, stand die Frau mit dem bohrenden Blick aus smaragdgrünen Augen, das totenbleiche Gesicht von schwarzem Haar umrahmt.
Seit sie sie das erste Mal bewusst sah, antwortete die Hexe ihr nicht, immer nur dieser stechende Blick, als erwarte sie irgendwas.
"Du vergönnst mir jede Freude, alles Glück - warum? Es war meine Schuld, daß du gestorben bist, doch was habe ich getan, um das hier zu verdienen? Ich hab doch nur die Wahrheit gesagt..."
Öffne deine Augen.
Wahrheit... war es denn Wahrheit gewesen? Reine Wahrheit? Was, wenn sie litt, weil diese Frau unschuldig gewesen war, wenn Aradan recht gehabt hatte? Wie konnte etwas Reines den Tod eines unschuldigen Lebens bedeuten? Es ging nicht. Das war die einzig mögliche Antwort.
"Es... es sind nicht die Tugenden schlecht, Adrenalon... nur... was wir daraus machen, nicht?", brachte sie ächzend über die Lippen. War das ihr Fehler gewesen? Und wie sollte sie ihm etwas begreiflich machen, woran sie selber womöglich gefrevelt hatte?
Diese Wahrheit damals, ihre Wahrheit... musste verdorben gewesen sein.

Was, bei der Gütigen, war also geschehen?
Während der Schmerz wie gewohnt drohte, ihr die Sinne zu rauben, konnte sie doch erschreckend klar denken. Ihre Stimme fand kaum Kraft, doch ihre Gedanken rasten.
"Was hab ich getan? Es... ging nicht um Wahrheit..."
Sie hörte nicht, wie Aradan Hudgarr bedeutete, ihm hinaus zu folgen: "Das hier... gehört nicht zu unseren Aufgaben."
Adrenalon blieb und hielt sie. Hinter den Vorhängen kauerte unbeachtet Viola und hörte nur, was ihrem Blick entzogen im Raum davor geschah.
"Irgendwas war falsch... ich hab nicht... die Wahrheit gesagt... nicht wahr..."
"Was...war falsch? Sag es mir, damit ich es verstehe..."
Adrenalon sprach, doch es war jemand anders, die die Antwort verlangte. An seinen Schultern löste sich der verkrampfte Griff, in Gedanken fand sie das erste Mal die Ergebenheit, Elseratine in die Augen sehen zu können.
"Die Hexe...", erklärte sie Adrenalon, gleichzeitig sich selbst und der Frau gegenüber, "sie hat sie nie gefressen..."
"Nein, das hat sie nicht."
Es klang so ruhig und selbstverständlich von ihm, daß es sie erschreckte. War es denn so offensichtlich gewesen?
"Und dennoch... du hast die Wahrheit gesprochen, damals."
Nein. Nein, das konnte nicht sein. Wie sollte man die Wahrheit wissen, wenn man die Wahrheit nicht sah, nicht erfassen konnte? Was hatte sie außer acht gelassen, damals? Was war so offensichtlich, daß selbst Adrenalon es wusste, sich ihrem Verständnis aber entzog?

In einem rasenden Tempo glitten Erinnerungen vorbei:
"Natürlich, lauf schnell weg - ich fresse kleine Kinder zum Frühstück!"
"Darna darf man zu keinem Turnier zulassen, die nimmt jeden Kampf noch so ernst, daß es Blut und Tod geben würde."
"Ich wette, Bruder Talarion leuchtet selbst beim Schnarchen Temoras Licht aus dem Mund, wollen wir heute Nacht nachsehen gehen?"
"Darna, wenn du die Rüstung noch weiter polierst, kann mich keiner mehr erkennen, weil das Licht darauf zu sehr blendet."
"Oh, natürlich kannst du Kaninchen braten - mindestens so zuverlässig wie jeder andere Köhler auch Holzkohle produziert."
"Naja, immerhin hat man als Ritter mit einer Knappin immer ein warmes Bett, nicht wahr?"
"Werte Bauersleut, sollen wir den Drachen gleich töten oder dürfen wir erst frühstücken?"
"Doch Darna, natürlich können wir den Drachen besiegen - ich lenk ihn ab, du schleichst dich ran und kitzelst ihn dann solange, bis er vor Lachen tot umfällt. Ich find, der Plan hat etwas geniales, du nicht?"
"Sir Rafael gefällt bestimmt unser Frühstück nicht. Ritterin von Elbenau, wenn der Sire nicht in zehn Minuten hier ist, werdet Ihr ihn unter vorgehaltener Waffe hierher zwingen."
"Natürlich haben wir die Pferde mit Farbe angemalt, was denkt Ihr denn, wie wir uns sonst beim Adel so beliebt gemacht haben? Ihnen gefiel die Farbe ihres Pferdes nicht, dann haben wir es eben übergepinselt!"
"So haben wir eine weitere Sicherheit gebührlichen Benehmens nach dem Weingenuß - Ihr steht mir mit dem Leben ein für die Ehre der Dame Eileen, auf daß der Weingenuß und meine Liebe zu ihr mich zu nichts ungebührlichem hinreissen lassen."


Nichts. Nichts von all dem hatte sie je wahrhaft verstanden. Nur eines hatte sie immer wieder gespürt und begriffen: wann solche Worte ihr weh taten, sie in Verlegenheit und in Schwierigkeiten brachten.
Doch wie oft und wie unmißverständlich hatten Eileen und Adrian ihr bewiesen, daß jene Worte nicht dazu gedacht waren, ihr weh zu tun?
"Scherze. Immer wieder diese elendigen Scherze. Ich könnte sie verfluchen, wäre die Welt nicht viel besser ohne Scherz?"
Es sind nicht die Tugenden schlecht... nur, was wir daraus machen...
"Ich habe einem Scherz seinen Sinn genommen und es Wahrheit genannt."
"Es war... ein Scherz, nicht wahr? ein dummer Scherz...
und ich...
dummes... Kind..."
Die Flammen fraßen sich in ihren Leib, doch endlich begriff sie, daß der wahre Schmerz dahinter ruhte - in dem Leib dieser Frau, deren Tod dieses Ereignis verschuldet hatte. Sie hatte Elseratine gefürchtet, gar gehasst... nun tat sie ihr leid.
"Es tut mir leid. Ich dummes Kind...", flüsterte sie der schönen Frau mit den grünen Augen zu. Und endlich lösten sich die Fesseln, die sie an den Scheiterhaufen banden, endlich ließen sie einander los.
Adrenalon packte die Furcht, als Darna seufzend ausatmete, es klang erschreckend endgültig, und im nächsten Moment kippte ihr Kopf nach hinten.

"Nein! Darna.. nicht!
Kämpfe dagegen an! Sie ist tot, und du lebst. Und du kannst es nicht ändern! Keiner kann dich dafür verurteilen, denn du warst ein Kind. Akzeptiere es!"
Kalt, doch süß betörend und mild zugleich drang eine fremde Stimme an Adrenalons Ohr, wisperte einzig ihm zu:
"Ich akzeptiere es... sie hat begriffen..."
Was sollte das zu bedeuten haben?
Als er in Darnas bleiches Gesicht sah, zeigte sich die Antwort - auf ihren Lippen lag im Schlaf ein Lächeln.

Verfasst: Mittwoch 7. Juni 2006, 18:17
von Andrey von Greifenbach
Darna hatte den Sinn für Humor gefunden, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

In dem Moment, wo die so kläglich Bestrafte jene Worte in sein Ohr wisperte, begriff er erst das ganze Ausmaß dessen, was Darna so ... beschränkt hatte.
Umso schöner war dieses Lächeln, welches ihre Züge umspielte. Es war ein Lächeln, wie er es wohl nie in solcher Ehrlichkeit und Schönheit gesehen hatte und wohl niemals sehen würde, denn es kam aus ihrem Tiefsten Inneren und spiegelte die Freude wider, die ihr die ganzen Jahre über verwehrt geblieben war.

Der Anblick der schlafenden Darna, mit jenem Lächeln auf den Zügen, versetzte sein Herz mit einer Welle aus Wärme und Zuneigung, die unbeschreiblich war. Er war sich sicher gewesen, doch jetzt...Jetzt wusste er auch, dass es _Richtig_ war.


***********

Die letzte Abschiedsszene war die Krönung aller Abschiedsszenen. Was sollter er denn sagen, ausser ein "Bis dann"? Was sollte sie sagen? Auch ein "Ja, bis dann".
Jedesmal war das so, und diesesmal war ihnen beiden offensichtlich geworden, nein, musste es offensichtlich geworden sein, dass es nicht dass war, was sie wollten.

Er saß in seinem Bett, und starrte die Decke an.
Sinnierte.
In seiner Hand lagen die beiden Strophen des Gedichtes.
Und der Ruck, den er sich gab, als er sich schlagartig erhob und gen Bibliothek schritt, war in seinem Gesicht überdeutlich zu sehen, denn es war das Ergebnis eines Kampfes, den er lange mit sich selbst gefochten hatte. Es gab keinen Ausweg, und vielleicht...war das auch garnicht so schlimm....


***********

Der wachhabende Gardist schaute nicht schlecht, als der Korporal ihm die Befehle gegeben hatte. In das Gemach? Auf seine Verantwortung?
So wurde etwas weitergegeben, von Gardist zu Gardist. Keiner würde es wagen, sich das kleine Etwas genau anzuschauen, hatte der Korporal die Konsequenzen nur zu deutlich "nur angedeutet", als dass diese nichtig gewesen wären.
Darna würde es sicher sehen, wenn ihre Bettdecke nicht mehr ganz so Faltenfrei war...


Kraft


Mein Beistand soll dir Kraft geben.
Er soll dich sicher wiegen in Zeiten
der Hürde und Bürde.

Mein Vertrauen soll dir Kraft geben.
Es soll deinen Rücken stärken und
deinen Weg festigen.

Meine Nähe soll dir Kraft geben.
Sie soll dir ein Heim sein, in dem du
Ruhe und Geborgenheit findest.

Meine Liebe zu dir soll deine Kraft sein.
Sie kennt kein Ende,
Und weiss doch nicht,
wo sie anfangen soll.

Verfasst: Donnerstag 8. Juni 2006, 20:15
von Darna von Hohenfels
Jemand hatte den Korporal gestohlen.

Vor ihrer Nase weggeklaut und durch diesen haargenauso aussehenden Mann ersetzt, der... gerade vor ihr kniete und ihre Finger sanft in seiner Rechten hielt.
War das Adrenalon? Oder träumte sie gerade nur von ihm? Erst das Gedicht, jetzt das... sie hatte sich gefreut, ihn zu sehen. Die letzte Strophe des Gedichtes hatte sie seltsam angerührt. Sie vermittelte ein so gewaltiges und gleichzeitig so hilfloses Bild, daß sie nicht anders konnte, als gerührt zu lächeln - ja, es gefiel ihr, sagte sie ihm. Viele Worte hatten sie nicht gewechselt, die Gesten waren umso bedeutungsvoller.
"Für... den Anfang...", mit diesen Worten hatte sie ihm ihr besticktes Tuch gegeben, ein Pfand, ein Anfang. Sie hatte das wohlige Erschaudern genossen, als sie ihm eine gute Nacht wünschte, sich langsam zur Tür wandte, um das Kastell wieder zu verlassen.

Doch dann war er ihr gefolgt, sie hatte den Ruck gespürt, gar gehört, als es leise von ihm zu ihr hinüberklang: "Jetzt oder nie..."
Was hatte er vor?

"Darna von Elbenau...", setzte er zu sprechen an und hatte den Blick zu ihr emporgehoben, überzeugt wie unsicher zugleich, als trete er einem alten Feind entgegen. Und ein Feind war es auch - allein diese Geste...
Ihre Augen weiteten sich und sie starrte ihn an, wollte irgendwas sagen, doch stand sie einfach nur da wie vom Blitz getroffen. Was hatte er vor?
Er würde doch nicht etwa... um ihre Hand...
"Tu das nicht", pochte es atemlos durch ihre Gedanken, doch es blieb still - so still, daß man trotz der Stiefeltritte auf den Wehrgängen des Kastells draußen hier drin gerade eine Stecknadel hätte fallen hören müssen. Weiter denken konnte sie nicht. Sie hatte nur einzig Angst, daß er jetzt alles kaputtmachen könnte, daß sie nein sagen müsste, weil... weil...
weil...

"Mir wurde was gezeigt. Du hast mir was gezeigt. Und ich spüre, daß jetzt der Moment gekommen ist... der Moment, dir zu sagen, daß ich dir meine innige Liebe gestehen will."
Liebe. Welche Überwindung darin lag, konnte sie nicht in dem Ausmaß nachvollziehen, wie er selber. Er hatte es Aradan erzählen können. Er hatte ihr gesagt, daß er bei ihr sein wolle, daß sie ihn hoffen ließ, doch Liebe... dieses Wort hatte er direkt ihr gegenüber nie auszusprechen gewagt. Was sie aber nachvollziehen konnte, war, daß... dieser Mann vor ihr gerade die mühsam geschützte zweite Hälfte seines Lebens über Bord geworfen hatte - seine Ablehnung dem Adel gegenüber, seinen Pflichten, Sitten, Vorgaben. Er hatte vor ihr das Knie gebeugt und seinen Groll vor der Fassade, die sie zu wahren gedachte, begraben. Gab es einen höheren Liebesbeweis?

Sie schluckte. Wie lange sie ihn vorher einfach nur mit fassungslosem Blick angestarrt hatte, wusste sie nicht. Seine Nervosität war angesichts dessen erheblich gestiegen und hastig öffnete er den Mund, um irgendwas zu sagen.
"Tu das nicht" - energisch und doch behutsam legte sie rasch ihre linke Hand auf seinen Mund, nur eine sachte Geste, doch sie reichte, um die drohenden Worte zu ersticken. Sie wollte keine Worte. Sie hatte ja selber keine. Atemlos horchte sie in sich, hörte dort nur ihr wie verrückt schlagendes Herz, das rauschende Blut in ihren Ohren, aber keine Stimme, die ihr irgendwas vernünftig zu analysieren versuchte. Vielleicht war ihr Verstand gerade vor Schreck ohnmächtig umgefallen.
Nur ein beharrlicher Wunsch war verblieben.

Sie beugte sich hinab, ging etwas in die Hocke. Sie drehte den Kopf und nahm die Finger weg - um sie durch ihre Lippen zu ersetzen.
Jetzt meldete sich ihr Verstand doch: "Weißt du, was du hier tust?" - "Nein. Ja. Schnauze."

Sie merkte seine Überraschung - und konnte es ihm nicht verdenken. Handelte sie doch falsch? Instinktiv wich sie eine Spur zurück... und merkte im gleichen Moment, wie er den Kuß zu erwidern begann, seine Lippen ihren entgegenkamen. Dieser Bart piekste komisch, aber das nahm sie hin. Sie schloß die Augen und weinte dem Stein, der ihr vom Herzen fiel, der Last, die von ihren Schultern genommen schien, keine einzige Träne nach. Es war ein so wunderschönes Gefühl.

Sie hätte es ewig genießen können, doch irgendwann lösten sie sich voneinander, irgendwann musste sie gehen. Als sie die Tür schloß, starrte sie einen Moment wie benommen auf das Holz, Gilles sah sie besorgt an, als sie die ersten Schritte regelrecht wankte. Nur ein Kuß. Ob er das immer machte, wenn sie ihm ein Taschentuch gab? Unten im Lager war noch Stoff...
"Temora und Reich zur Ehr", murmelte sie und tappste so würdevoll wie möglich zum Schloß.



Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus -
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus...

Verfasst: Mittwoch 14. Juni 2006, 17:07
von Andrey von Greifenbach
Er konnte es zuerst noch garnicht fassen. Regungslos, den Mund halboffen, starrte er die Türe vor ihm an...

Er hatte es es getan..sie hatte es getan. Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie hatte sie erwidert, mit diesem...Wahnsinsskuss, in dem soviel innige Zärtlichkeit steckte, dass es fast nur ein Traum hätte sein können.
Und es war gut so. Er war vor ihr auf ein Knie gegangen, hielt ihre Hand sacht in seiner Ausgestreckten, und hielt dem Blick ihrer erstaunten, grossen Augen stand. Dieses Bild hätte auch genausogut am Hofe entstehen können, und er wusste dies.
Dies war, was Darna vielleicht von ihm erwartete, auf jeden Fall erfüllte es einen gewissen "adeligen" Anspruch, auf den sie so erpicht war. Und diesen Anspruch zu erfüllen, in seiner ganzen Tragweite, kam einer Darlegung, ja ... bei jeder anderen Person gar Bloßstellung , seiner tiefsten Ängste und Gefühle gleich.

Er hatte sich diesem inneren Kampf gestellt, in diesem Moment, und hatte ihn gewonnen..zumindest die erste Schlacht war geschlagen, dass tief verwurzelte Gefühl von Ablehnung wich einer gelinden Art von Hoffnung auf Besserung. Der Kuss Darnas, die so eindeutige, kompromisslose Antwort, war für ihn eine aufkeimende Abrechung mit der Vergangenheit, mit seiner Familie und mit sich selbst.

*******************

Sie trafen sich häufiger, jetzt ganz bewusst, und sie wussten dies. Gingen zusammen spazieren, redeten über allerlei Dinge, und vieles davon bekam einen ganz neuen, anderen Charakter durch jene Liebe, welche doch noch in den Kinderschuhen steckte.
Seine Gedanken schwebten eigentlich nur noch um dieses Thema, und neben dem Dienst, der ja auch noch ausgeführt werden musste, konnte er kaum noch das reine körperliche Bedürfnis nach Schlaf stillen. Als sie eines Abends am Essen waren, hatte sie dies natürlich gemerkt...

Darna hatte ihm einen Zettel gegeben, während er versuchte, ihr irgendwie zu erklären, dass er müde war, weil er glücklich war.
"Les ihn später."

...

In den Quartieren war es ruhig, viele schoben Nachtwache. Nur das unverkennbare Schnarchen von Brad zeugte davon, dass jemand doch noch einen gesunden Schlaf hatte. Vorsichtig zündetet er eine Kerze an, wodurch Brad sich jedoch lediglich veranlasst sah, sich geräuschvoll schmatzend umzudrehen.."Mhhamjammhhhahhhm". Gut, jeder hatte andere Träume, seine waren offensichtlich.
Langsam entfaltete er den kleinen Zettel, mit zitternden Händen, die von seiner Aufregung zeugten, und las jene Worte, die dort ihren Weg gefunden hatten...



Lass mich die Müdigkeit
von deiner Stirn wischen,

und ihr Flügel geben

bevor meine Lippen deinen
Atem schenken.

Verfasst: Sonntag 2. Juli 2006, 01:45
von Darna von Hohenfels
Dieser Weg wird kein leichter sein

"Haustier."
Sie wurde blass und ihre Hand ruckte hoch. Im letzten Moment riß sie sie zurück, zu spät, es klatschte und die Ohrfeige traf ihn sogar härter, als hätte sie einfach nur flach zugeschlagen.
Wenigstens hatte sie keine Panzerhandschuhe an, doch durch die schräg gedrehte Hand platzte seine Lippe auf und feine Blutspritzer flogen an die Wand des Wehrganges am Hafen von Berchgard.

Fassungslos starrte sie ihn an, als stünde sie neben sich. Wie hatte es soweit kommen können?

Sie hatte sich schon gestern selber ohrfeigen können... so gnadenlos verplappert, manchmal schüttelte sie über ihre eigene planlose Ehrlichkeit selber den Kopf.
"Was ist nun dieses ach so große Mißverständnis, daß es einer Ritterin des Reiches soviel Röte ins Gesicht treibt? Und Euer Wissen um das Kratzen von Bärten ist hierin durchaus interessant zu erkennen."
Nun wusste seine Hoheit es, die Lady von Elbenau hatte dem Korporal der Garde ihr Herz in Aussicht gestellt. Er war schon fast zu wenig Aristokrat, um wahrhaft zu ermessen, wie ernst ihr dies alles war, doch er war Mensch genug, um es zu bemerken und zu verdeutlichen, daß er seinen Pflichten als ihr Lehensherr nachkommen würde.
"Er ist, so hoffe ich, um Eure Ehre genauso bemüht wie Ihr selbst.
Und gewiss wollt Ihr nicht, daß Euer Vater mich zum Duell fordert, sorgte ich nicht genug um die Erhaltung eurer Ehre."
...
"Ihr seid Euch seiner also sicher?"
"Was seine Liebe angeht, ja, Hoheit."
"Darf ich denn einen Mörder lieben?", schoß es ihr durch den Kopf.
"Nun, dann wird es letztlich - ob es seine Abneigung sein mag oder nicht - doch gegeben sein, vor mich zu treten, sollte er ernsthafte Absichten hegen; um meinen Segen zu ersuchen, ihm die Ritterin des Reiches überhaupt an die Seite zu geben." Er schmunzelte, doch ihr war nicht zum Lachen zumute. Was würde ihr Vater dazu sagen?
"Und darf ich einen Mörder lieben?"
Doch sie vertraute auf Adrian. Und sie vertraute auf Adrenalon. Es würde sich sicher alles irgendwie fügen.

Sie war froh, Adrenalon erzählen zu können, daß seine Hoheit informiert war und soweit keine Bedenken hegte. Vielleicht konnte man zukünftig das Risiko wagen, auch im Beisein von Gardisten bedenkenloser ihre Zugehörigkeit zueinander zu zeigen?
"Ich hoffe doch sehr, ich kratze deine Ehre nicht zu sehr an." Sie war zu vergnügt, um die Verletztheit in seiner Stimme zu hören, doch dann wurde sie deutlich: "Ausserdem sollte er selbst ja auch kaum was dagegen haben können, er ist ja nicht besser. Und mal davon abgesehen, ..mir... wäre es egal."
Ihr war es aber nicht egal. Dieser Zwist schwelte zwischen ihnen, seit sie einander kannten, immer wieder schien er Ruhe gefunden zu haben - doch das Feuer hatte nur stets weiter geschwelt. Nun loderte es neu auf und verletzte sie beide.

"Ich habe das Gefühl, du ziehst es vor, dein Bild nach außen zu wahren und vergisst dabei deine eigenen, viel wichtigeren Gefühle zu empfinden, wie es sich gehört. Und das wirkt sich auch auf diejenigen aus, die sich eng mit dir verbunden fühlen. Oft negativ."
"Adrenalon, das Thema hatten wir schon mal." Wurde sie deswegen so wütend? "Ich muß und ich will mein Bild nach außen wahren. Ich bin Ritter, für andere nicht weniger ein Bild, und ich will es ihnen so geben, wie sie es sich erhoffen. Und dahinter liebe ich dich. Dich."
Ob dieser Idiot gerade merkte, wie offen sie ihm das überhaupt sagte?
"In der Tat hatten wir das Thema schon. Und wie ich finde, komme ich dir in dieser Hinsicht schon sehr weit entgegen."
"Aber das Bild kann keinen siebenfachen, unbestraften Mörder lieben. Und nicht mal ich dahinter will diesen Teil von dir lieben, wenn du das schon vergessen haben solltest. Keinen Mann lieben, der die Göttin ablehnt, weil das bequemer ist, als den Fehler bei sich zu suchen." Aufgebracht starrte sie ihn an.
"Dann ist es das, ja? Dieses... Dahinter, weil dir die Öffentlichkeit wichtiger ist, als das ureigenste Gefühl der Liebe? Klar, daß dann auch noch so einer wie ich es bin, noch viel weniger verdient, den ersten Gedanken des Tages innezuhaben.
Wenn du mir... auf diese Art und Weise wehtun willst, dann hast du das geschafft. Ich weiß, was ich getan habe."
Aus ihren geballten Fäusten löste sich ein Schweißtropfen und fiel zu Boden. Er sprach leise weiter: "Ich habe verstanden, Darna. Ich muß wirklich ziemlich blind gewesen sein, dass ich wirklich gedacht habe, es...wäre etwas...es könnte funktionieren."

"Tatsächlich, begreifst du endlich, wie weh es tut?", fauchte sie zurück, "Dir gilt mein erster Gedanke am Morgen. Der letzte am Abend und was-weiß-ich nicht noch alles. Und was soll ich dafür wegwerfen? Ich liebe dich - und ein Ritter kann keinen Mörder lieben. Soll ich lügen? Mich selbst und andere belügen, wenn ich für deine Ehre einstehe? Soll ich meinen Eid brechen, dieses Schwert ablegen, damit ich als Frau dich einfach endlich lieben darf? Sag mir das!"
Sie brüllte inzwischen und am liebsten hätte sie ihn am Kragen gepackt und geschüttelt.
"Was bist du denn lieber? Eine Frau, oder doch lieber ein Haustier?"
Die Ohrfeige tat ihr leid in dem Moment, in dem sie zuschlug und auch wieder nicht. Haustier...
"Dafür würde ich jeden Mann niederschlagen. Aber doch niemals eine Frau. Und schon gar nicht eine Ritterin." Seine Stimme troff vor Hohn.
Eine Ritterin nicht schlagen. Wofür stand sie eigentlich? Wofür hatte sie sich das hier eigentlich erkämpft, erstritten, wofür geschuftet und geblutet?
"Für diese Dreistigkeit hättest du die nächste verdient."
"Mach nur. Hier ist ja keiner, der diese unbestreitbar schmäliche Tat sehen könnte. Also tu dir keinen Zwang an, ich werds auch niemandem erzählen. Auf daß dein goldener Käfig ja nicht angekratzt wird."
Himmel, sie könnte ihm... für was hielt er sie eigentlich? Ihre Fassade war auch ihm noch so wichtig, daß sie ihn verletzte, ja? Ihn genug verletzte, daß er sich gerade umdrehte und ging. Ein Schritt. Dieser kurzsichtige, nein, blinde... ein zweiter Schritt. Hinter Adrenalon ertönte das kurze Geräusch von reißendem Stoff.

Er drehte den Kopf und spuckte auf den Boden, Speichel und Blut trafen auf den Boden. Sie warf. Im nächsten Moment hatte er ihren blauen Umhang mit dem goldenen Hirschen darauf im Nacken, sie hätte ihn ihm am liebsten ins Gesicht geworfen, dann hatte er einen Grund, kurzsichtig zu gucken!
"Du bist doch ein himmelverfluchter Vollidiot!" - sie brüllte es aus tiefster Seele. Was wohl über ihnen die Gardisten dachten?
"Nein", entgegnete er leise, "Ich bin nur kein Vogelfänger."
Er drehte sich wieder um, stand vor der Tür des Wehrganges zum Hafendurchgang.
Diesmal hatte kein Schreibtisch zwischen ihnen gestanden...
"Diese Tür ist offen...", sprach sie leise und unheilvoll. In ihr schrie es verletzt: "Geh, und du brauchst nie wieder zu kommen! Wehe, du gehst! Geh nicht!" Sie folgte, zwei Schritte, es endete vor ihrem Umhang, ihrem Wappen, das auf dem Boden lag.
Es mit Füßen treten, um ihm zu folgen? Sie blieb stehen.

"Welche Tür, Darna?" Er drehte sich provozierend langsam um, sah in ihr Gesicht, diese steinerne Maske, in der nur die Augen zeigten, daß ihr zum Heulen zumute war.
"Die Tür zu meinem Käfig. Du hattest sie längst offen, warst längst willkommen. Geh, wenn du willst - aber hör auf, auf mein Heim zu schimpfen..."
"Manchmal denke ich, die Türe ist fast schon zu, bevor ich hinausgehen kann. Und dabei war es schon so schwer, die Schwelle überhaupt das erste Mal zu betreten."
"Geh, wenn du willst... Wer bin ich, dich zu halten?"
Nie würde sie es übers Herz bringen, ihn einzusperren. Es hieß, ihn zu verletzten und diesen verletzten Menschen dann auch noch bei sich zu behalten. Weder sich selbst noch ihm würde sie das je antun wollen.
"Ist das alles? Alles, was du sagen kannst dazu?"
"Kurzsichtiger Trottel. Ich liebe dich, siehst du das nicht?"
"Du gibst mir das Gefühl, ich beschmutze deinen Käfig. Und dieses Gefühl ist widerlich und tut mir weh."
"Soll ich einen Mörder lieben?" Liebe tat weh. Sie merkte es gerade.
"Ich liebe dich. Du sagtest selber, das wäre kein neuer Käfig. Aber es ist einer, und er tut weh und ich", sie fing an, zu stammeln, "weiß nicht mal, ob rein oder raus, vor oder zurück, nichts möglich..."
Gefangen. Sie hatte sich selber in diese Falle manövriert. Wie hatte sie so dumm sein können, sich in einen Mörder zu verlieben? Er kehrte um, kam auf sie zu, blieb stehen - diesmal war es kein Schreibtisch, es war ein blau-goldener Umhang auf dem Boden, mit seinem Blut und ihren Tränen beschmutzt.
"Tritt ruhig drauf", flüsterte sie bitter, "Ist ja nur ein Bild."
Es war alles, was sie darstellte. Doch es tat ihm weh.

"Nein. Darüber bin ich längst hinweg.
Aber... wirst du diese Schwelle jemals überschreiten?" Vorsichtig trat er einen Schritt zurück.
"Über meinen eigenen Schatten springen? Was verlangst du, Adrenalon? Ich bin kein Mensch, der seine eigenen Grenzen überschreiten will. Das war immer mein Gesetz. Weißt du, was du da verlangst?"
"Kannst du über dieses Bild hinwegsteigen? Und auch zu dem stehen, was dahinter ist?"
Sie sah auf den Umhang, sah dahinter - zu ihm.
"Was verlangst du da? Mein Leben wegwerfen. Es liegt da am Boden, dir zu Füßen. Ohne meine Familie, ohne mein Blut, mein Zeichen, meinen Namen, bin ich nichts. Meine Familienehre abzulegen... sie ist Teil meines Treueschwures. Und ohne den bin ich nicht mal Ritter."
Und was war er? Er hatte all das bereits abgelegt. Was war er noch? Ein Mensch, der würdig genug gewesen war, ihre Liebe zu verdienen. Und was hatte sie von ihm verlangt? Sein so mühsam neu gewonnenes Leben wieder umzukippen, um ihr näherkommen zu dürfen. Er hatte sich selbst überwunden. Und sie, sie konnte das nicht?

Wie war das gewesen mit der Antwort auf die Frage, was sie ohne die Ritterwürde wäre? "Dann bin ich noch immer ich. Dann bleib ich eben 'nur' ritterlich, und kommt es darauf nicht vor allem an?" Sie sah auf den Umhang. Er konnte ihn ihr doch gar nicht nehmen. Sie sah zu ihm. In jeder Not würde sie ihr Leben für ihn opfern. Aber ihren Umhang, den opferte sie nicht?
Es tat noch immer weh und fiel gleichzeitig seltsam leicht, den Umhang zu überschreiten und vor ihn zu treten, während ihm die Kinnlade heruntersackte.
Er wollte sie ohne Umhang. Na schön.
"Du willst nur die Hälfte von mir, doch sollst du meinetwegen selbst das von mir haben, was ich dir nicht geben kann." Mit ruhigem, sicheren Griff löste sie die Schwertscheide, in der die geweihte Klinge ruhte, das ihr verliehene Ritterschwert. Es tat ihm weh. Es tat auch ihr so entsetzlich weh, doch wenn er nur einen Gegenstand darin sehen wollte... na schön. "Mir egal." Sie hob den Blick und sah ihn an.

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen, während er sie nur nachdenklich musterte. Bis er behutsam ihr die Waffe aus der Hand nahm, bevor sie es losgelassen hätte und sie neu damit gürtete.
"Ich will nicht haben, was dir gehört.. Ich will zu dir gehören. Und das ohne Angst vor dem, was dort draußen wartet. Und ich bin bereit, darum zu kämpfen." Die stille Frage in seinen Worten war unüberhörbar. War sie es auch? Bereit, um einen Mörder zu kämpfen? Um ihn?
"Doch, ich habe Angst. Aber es ist mir egal." Still flossen ihre Tränen und sie lehnte den Kopf an seine Schulter. "Ich will wenigstens davon träumen, daß uns nichts im Weg steht."
"Ich will, daß dieser Traum Wirklichkeit wird. Und ich werde nicht zögern, alles dafür zu tun." Er senkte den Kopf. "Und ich bin bereit, auch dafür einzustehen, wofür einzustehen nötig sein wird."
"Niemals allein."

Sie hielten einander fest, während der Umhang vergessen schien.
"Warum muss es nur so schwer sein?", fragte er leise.
Sie gab die einzige Hoffnung, die dafür noch aufzubringen war: "Vielleicht ist der Sieg dann umso schöner..."
Zögernd nickte er. "Vielleicht... Hoffentlich."
Zu ihm stehen können. Egal, wo. Egal, wann. Wie sehr hatte es ihn gestört, mit welcher Pingeligkeit sie sich den Blicken der Gardisten entzogen hatte, um ihm nahe zu sein. Vorsichtig lächelte sie.
"Darf ich dich küssen oder muß ich dich erst zum Marktplatz dafür schleifen?" Seine Hoheit hatte recht - mit Zynismus ertrug sich manches einfacher. Sie küssten einander.

Und als sie wieder vor dem Kastell standen, hatte sie ebenfalls was Besseres zu tun, als den Salut der Kameraden zu erwidern...

Verfasst: Montag 18. September 2006, 19:55
von Darna von Hohenfels
Vermisstenmeldung

Goldblatt. Ein Monat von zwölfen. Doch "Goldblatt" hatte er gesagt, und damit war dieser Mond zu etwas Besonderem geworden. "Ich wünschte, ich könnte hierbleiben, doch Anfang Goldblatt bin ich wieder zurück."

Wo er jetzt wohl sein mochte? Sie hatte oft an ihn gedacht, tat es noch immer. Man sah an ihr nicht die Traurigkeit einer Frau, die auf einen geliebten Menschen wartete. Nur manchmal - ganz selten mal - waren es feine Stiche in der Brust...
...wenn sie regelrecht froh gewesen war, daß er diesen Hexenaufruhr um sie herum nicht mitbekommen hatte.
...wenn sie sich ängstlich gefragt hatte, ob er je von diesem gnadenlos peinlichen Saufabend und dem noch viel peinlicheren Erwachen erfahren würde.
...wenn sie den Verlust eines geliebten Menschen bei anderen beobachtete, wie in den letzten Tagen.
...wenn sie den Gewinn eines geliebten Menschen bei anderen miterlebte, wie in den letzten Tagen.
...wenn sie zu fünft am Tisch saßen, zwei Paare - und sie.
...wenn sie durch die Gesichter der Gardisten sah und ihn vermisste.
...wenn sie die Dienstpläne durchging und sich fragte, was er bei der Außenpatrouille weit jenseits der Grenzen der Grafschaft tat und was er alles erlebte.
...wenn sie überhaupt das Kastell sah.
...wenn sie morgens ihren ersten Gedanken dachte.
...wenn sie abends ihren letzten Gedanken dachte.

Nur ganz selten mal hätte man es ihr ansehen können. Wenn sie wieder in der Bücherecke saß und Papiere vollkritzelte und alles angefangene und mißglückte sorgsam im Kamin verbrannte. Wenn man zuvor über ihre Schulter auf das Papier gesehen hätte, wo unbeholfene Reime versuchten, irgendwas von Sehnsucht, Warten und Liebe zu vermitteln.
Wenn sie am Hafen stand und einmal nur auf's Meer sah, ob ein anderes Schiff als sonst käme. Wenn sie die Straßen entlang sah und auf marschierende Schritte hoffte. Wenn sie um die Ecke in die Ritterquartiere trat und kaum wagte, auf ein voller Liebe und Freude gewispertes "Darna" zu hoffen.

Oder... wenn sie wie jetzt, unschlüssig vor dem Fluß stand. Auf's Wasser sehend. Ein Stück Papier in der Hand haltend. Sich fragend, ob das nicht einfach nur albern war und sie es lassen sollte. Tränen zurückhaltend.
Ein klein wenig später murrend. Sie wusste, man konnte aus so einem Bogen Papier ein Schiffchen falten, Basil hatte das immer zu gerne gemacht, und sie hatte sich nie dafür interessiert.

Was hätte jemand davon denken sollen, daß auf den Wellen kurz ein mißglücktes, halb zusammengeknülltes, windschiefes Gebilde trieb, das sich mit Wasser vollsog, die Tintenschrift mit Sicherheit zunichte machte und irgendwann ihrem Blick entschwand? Es trug nur ein paar Zeilen:

Bleib mir, Fluß, doch einmal stehn!
Ich geb dir ein Schreiben mit,
bis dann hinter Wald und Seen,
er an deine Ufer tritt.

Denkt er dann gerad’ an mich,
so wie ich an ihn grad’ denk,
findet er es sicherlich,
freut sich über mein Geschenk.

Fließt du nicht, wo er jetzt ist,
gebe ja den Brief nicht her!
Ich greif dann zu einer List:
schreib den Kuß ins Sternenmeer.

Verfasst: Freitag 6. Oktober 2006, 18:21
von Andrey von Greifenbach
Emsig war das Treiben auf dem Kai gewesen. Roh, unerschütterlich schienen die bärtigen Seemänner, die den ganzen Morgen schon grössere und kleinere Kisten mit Holzkränen auf die "Adele" luden. Der mächtige Dreimaster erhob sich gen Horizont wie ein Schmetterling der Meere ... der Schmetterling, der ihn endlich nach Hause fliegen würde.
Er ging auf die Reling zu, hielt vor dem Leiterbrett noch einmal inne, und drehte sich ein letztes mal um. Ein letztes mal liess er den Blick schweifen, über die kleine Ansammlung von Häusern; über den Fluss, der sich durch das Dorf schlängelte, und an dem er sooft Abends den Sonnenuntergang genoss, und über die neue mächtige Wehrmauer, die sich selbst hier noch, Meilen entfernt, vom Horizont abhob.

Er seufzte, drehte sich um und schritt kraftvoll das Brett hoch ... nach Hause... nach Darna.


_____________


2 Monde. 2 Monde voller Entbehrungen und voller Arbeit. Die alte Wehrmauer, die die östlichen Grenzen des Reiches markieren und sichern sollte, war gebrechlich und würde einer Bedrohung von aussen nicht mehr standhalten können. Die Gefahr drohte durch die erstarkten Stämme der äusseren Regionen, und die mehr oder weniger kleinen Übergriffe, die in den letzten Monden an den Grenzen gerüttelt hatten sorgten dafür, dass die dort stationierten Grenzwächter und Gardisten an ihre Grenzen stiessen. Dies lag zum einen eben an der Wehrmauer, die mehr von Hoffnung als von Zement zusammengehalten wurde, aber auch am Kommandanten, der dort stationiert war. Ein Jungspund, aus Mangel an Personal hatte man ihm die Kommandatur über diesen Bereich überreicht, ohne Erfahrung und ohne Elan.

2 Monde, in denen Ordnung in die Reihen der Kämpfer gebracht werden musste, in denen der Jungspund viel lernen sollte. 2 Monde, in denen die Wehrmauer unter Berücksichtigung der strategischen Gegebenheiten neu erstarken sollte. Am Ende sollte es vollbracht sein.

Doch für welchen Preis?
Er war fern der Heimat, fern der Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Er vermisste Gerimor. Er vermisste Varuna... Jedoch, der Schmerz, der wahre Schmerz, rührte nur von einem Menschen.
Jeder Moment, in dem er frei denken konnte, war erfüllt von Sehnsucht. Was sie wohl in den 2 Monden alles erlebt hatte ... Ging es ihr wirklich gut? Fragen über Fragen.
Wenn die Sonne unterging, und der Tag der lauen Nacht weichen musste, dann saß er am Ufer des kleinen Flusses und schaute in die Sterne. Dann lehnte er sich zurück, liess sich ins feuchte Gras sinken und beobachtete das nächtliche Spiel des Himmels.
Und da wusste er, über die Weiten des Meeres hinweg, das sie trennte, das sie es ihm gleichtat ... Als würden die Sternschnuppen ihm über das Meer hinweg ihren zarten Kuss herantragen, und der Wind ihm ihre schützende Umarmung im Spiel seiner Haare geben....


Nach Hause.

Verfasst: Samstag 21. Oktober 2006, 03:25
von Darna von Hohenfels
krankhaft verliebt

Etwas besorgt sah Ibert seiner Hoheit entgegen. "Das Tor auf!", erscholl der vertraute Ruf. Manchmal wusste der getreue Gardist nicht sicher, ob er so glücklich darüber sein sollte, daß die Lady in ihm irgendwie am ehesten einen Vertrauten zu sehen schien, dem sie zuverlässig Nachrichten überließ, die weiterzugeben waren.
Zwei weitere Schritte des nervtötend temperamentvollen Mustangs, bei dem Ibert immer nicht ganz sicher wusste, ob das Pferd ihn nicht gleich einfach umrennen würde...
"Neuigkeiten, Gardist?" Ebenso eher der Routine gemäß gefragt.
Die Antwort war es weniger: "Ähm, ja Euer Hoheit... Ich soll von Lady Darna ausrichten lassen, sie habe heute Abend frei. Alle Weltuntergänge mögen bitte bis morgen warten." Zögerlich fügte er ein unzweifelhaft wichtiges Detail hinzu: "Und sie trug ein Kleid."
Knapp nickte der Regent. Bierernsten Gesichtes ging es zu seinem Arbeitszimmer.
Wenige Momente später fragte sich die Magd Elisa leicht beunruhigt, was es mit diesen keuchenden Geräuschen aus dem Büro, abgewechselt mit einer seltsamen Art von Wiehern, auf sich haben mochte. War seine Hoheit da drin? Vermutlich... sie beschloß, lieber nicht zu stören.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

"Krank?", hatte Leif sie gefragt, als er sie in ihrem Kleid an der varuner Kutsche getroffen hatte.
"Ich habe heute Abend frei", erklärte sie möglichst bestimmten, offiziellen Tones, überflüssigerweise eine Falte im Rock glättend.
"Krank?", wiederholte der Tiefländer nur umso nachdrücklicher und verwunderter.
So schlimm stand es also... eigentlich wusste sie es selber.
"Entführ mich bitte", hatte sie zu Adrenalon geflüstert, unruhige Blicke zum Kastell werfend.
"Wohin du willst", lautete die Antwort. Sie schüttelte den Kopf. Keine Entscheidungen.
"Mir gleich. Irgendwohin, wo keine Uniformen sind und keine Menschen außer dir und mir, für die ich da sein müsste."

Es war sogar schwierig genug gewesen, dorthin zu kommen, wo sie dann irgendwann später endlich beisammen standen. Erst hatte sie sich noch in die chaotisch anmutenden Vorgänge auf der Südbrücke einmischen wollen, bis sie endlich merkte, was sie schon wieder tat: die Ritterin auspacken. Nein. Es fiel entsetzlich schwer, Adrenalon und den Geschehnissen den Rücken zu kehren, in der Hoffnung, er würde sich noch absetzen und sie finden können. Doch wenn nicht, wollte sie wenigstens endlich allein sein.
"Berchgard", wies sie den Kutscher an und ließ sich mit der Fähre nach Lameriast bringen.

Er hatte sie gefunden.
Stoisch das miese Wetter erduldend, hatte sie im spärlichen Windschatten einer Weide auf der winzigen Insel gestanden und aufs Meer gesehen, dem Rauschen zugehört und den Blick ohne Ziel in die Weite geschickt, alle Gedanken lösend.
Er hatte sich still neben sie gestellt. Gemeinsam hatten sie die Ruhe genossen, während Zeit immer bedeutungsloser wurde. Langsam hatte sie sich ihm zugewendet, seine Nähe gesucht, eingehüllt in seinen Mantel, als er merkte, daß sie in dem kurzärmligen Kleid fror.
Die Wärme, die für kostbare Momente allen Regen, allen Wind, alle Kälte und jeden anderen Rest der Welt vergessen ließ, war tiefer gewesen. Nie hatte er sie so geküsst, und nie hatte sie so empfunden. Er streichelte doch nur ihren Nacken, ließ doch nur seinen Atem über ihren Hals gleiten...

Ihr Herz schlug in einer Intensität, daß ihr bald schwindelig wurde, ihr Atem ging tief, rasch und ruhig zugleich. Seine Nähe, sein Flüstern, sein Lächeln, seine sanften Berührungen versetzten ihr Inneres in helle Aufregung und verzehrendes Verlangen. Mit Staunen und leisem Erschrecken nahm sie alles wahr.
"Und dann hat es uns überkommen und wir haben uns dem Moment hingegeben", hallten ihn ihr Worte nach, die von fleischlicher Begierde und vergessener Sitte gekündet hatten. Von gebrochenen Herzen und verlorener Ehre.
Oh ja... wie leicht wäre es ihr gerade ebenso gefallen...
Alles vergessen, alles offenbaren, alle Verantwortung in diese unendlich sanft schmeichelnden Hände legen... es erschreckte sie.
"Ich kenn mich selber... nicht... so..."
Mit welch freundlich-weicher Witzelei hatten sie und seine Hoheit distanziert dieses Thema berührt - sie wüsste ihre Ehre als Frau sicher am besten selber zu verteidigen, und sie hatte tatsächlich in aller Naivität dabei an ein Schwert in ihrer Hand gedacht...

Nein. Dieser Kampf war ein anderer. Und die Antwort auf alle Verlockung lautete: "Nein". Wie schwer fiel das hier? Und doch, wie wundervoll leicht mit dem Vertrauen des sie liebenden Menschen vor ihr. Wie unendlich kostbar würde dieser einzige, lange Moment bleiben, in dem die kleine Insel, das Meer und die ganze Welt nur ihnen gehört hatte.
"Viel zu selten." Oh ja.
Welcher Wahnsinn war dafür nötig, um in der Kälte einer hereinbrechenden Goldblattnacht im Freien stehend allen Regen über sich ergehen zu lassen, schlußendlich gar entferntes Donnergrollen und das unbeirrbare Tosen des Meeres um sich herum?

Ihn eng umschlungen haltend, lauschte sie glückselig seinen Worten, die ihr einen weiteren Teil des Menschen offenbarten, den sie liebte; der so überhaupt nichts mit dem unfreundlich barschen Leutnant zu tun hatte, der alles Adelsgetue verabscheute und wütend wurde, wenn sie für ihren Glauben an das Gute alle Leiden in Kauf nahm.
"Wenn das Rauschen des Meeres die Stille zerbricht,
der Wind die Sehnsucht trägt zu jenen, die einsam;
Sie sind vereint sodann in des Mondes Licht,
und lernen, zu leben... zu lieben... gemeinsam."

In diesem einzigen, langen Moment spürte sie, wie er in sich ruhen konnte. Wie er eins mit sich sein konnte, wahrlich weitab aller Normenzwänge, und ohne alle Verurteilung in dieser Harmonie erhaben war und edel. Ruhte als glänzend geschliffenes Juwel in ihren sanft haltenden Händen, und nimmer wollte sie ihn loslassen.
Ihr Moment, in dem sie eins waren. Bis mühsam Zeit und Kälte sich die beiden sterblichen Körper zurückholten und sie nach Hause zwangen.
"Du meinst, damit wir morgen früh auch wieder ausgeruht sind, frisch an die Arbeit können...", sprach sie leise und mit wehmütigem Schmunzeln klagend: "Mag nicht."
"...und wieder zu allen Schandtaten bereit sein müssen", vollendete er seufzend ihren Satz.
Mit sanft amüsiertem, gespielten Ernst sah sie ihn tadelnd an: "Du meinst, 'Bereit, alle Schandtaten zu verhindern'."
"Natürlich!"
Zufrieden hakte sie sich in den ihr galant dargebotenen Arm ein - eine Geste, die nach seiner Rückkehr erst wieder vertraut hatte werden müssen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Wendel, der Gardist der heutigen Nachtschicht am Schloßtor, schob das Barett ein Stück hoch, um sich am Haaransatz zu kratzen. War das eine Ungewöhnlichkeit im Dienst, die gemeldet werden musste, wenn in ungewohntem Zivil die Frau Oberst Arm in Arm mit dem Herrn Leutnant in zivil mitten in der verregneten Nacht klatschnass bis auf die Knochen nach Hause kam, den Leutnant vor dem Tor ungeniert küsste und ohne Salut reinspazierte?
"Nein", entschied er aus diversen Gründen. Einer der Gründe war der Argwohn, daß man ihm sowieso nicht glauben würde...

Verfasst: Montag 22. Januar 2007, 19:03
von Darna von Hohenfels
Aber nein, aber nein, aber nein - ich werde vorsichtig sein!

Hochzeiten konnten eine furchtbare Sache sein. Nämlich, sobald die anwesenden Personen ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf dem Brautpaar beließen, sondern mit erbarmungslosen Blicken ihre Umgebung absuchten, um weitere Opfer zu finden.
Und dann ausgerechnet auch noch vom Jungtempler gefragt, der eben noch die Zeremonie vollführt hatte: "Und wann steht Ihr vor mir, Lady von Elbenau?"

Grausig! Diese Peinlichkeit, vor Lucenius wie ein Fisch den Mund auf und zu zu klappen! Während Adrenalon noch neben ihr stand! Hätte Eluive nicht bitte genau vor der Kirche zu Varuna die Erde retten können, damit hier jetzt wenigstens ein tiefes Loch wäre?!
Adrians Worte hallten ihr durch den Kopf: "Nun, dann wird es letztlich - ob es seine Abneigung sein mag oder nicht - doch gegeben sein, vor mich zu treten, sollte er ernsthafte Absichten hegen; um meinen Segen zu ersuchen, ihm die Ritterin des Reiches überhaupt an die Seite zu geben."
Tja. Aber da war kein Ersuchen.
Auf auf Rafaels Frage vor einigen Tagen hatte sie seltsam bissig reagiert - ob sie denn ans heiraten denke. "Ich wüsste nicht, daß ich bereits einen Brief von Zuhause erhalten hätte, in dem mein Herr Vater mir meinen Verlobten vorstellen würde."
Und es würde wohl sicher irgendwann ein Brief von Zuhause kommen, einfach so von sich aus... wenn nicht vorher ein Brief von Varuna nach Elbenau entsandt werden würde. So, wie es sich eben gehörte. Hrmpf.

Wenn sie so, wie die Dinge derzeit standen, sich allein vorstellte, Adrenalon würde ihr... einfach so... einen Antrag machen... und nur eine Antwort wäre möglich, die ihm sicher nicht gefallen würde... Gütige! Da zog sich in ihr alles zusammen. Hoffentlich fragte er nicht. Sie brauchte sich seine Reaktion auf ihre Antwort nur vorzustellen, um sich ziemlich sicher zu sein, daß sein Gebrülle noch bis Menek'Ur zu hören sein würde und damit die Legende von Rouven Alestra verblassen ließe.
Lucenius sah vorsichtig in die gefrierende Mimik der Ritterin.
"Ffffff...", sie setzte nochmal an, holte Luft, "Für eine Hochzeit... braucht... es jemanden, der einen heiraten will, nicht?"
Autsch. Hatte das so spitzzüngig und pikiert geklungen, wie es sich für sie gerade angehört hatte?
Der Leutnant, der die Pferde hinter ihnen während dieses kurzen Gespräches wahnsinnig interessant gefunden hatte, zuckte sichtbar zusammen. Der Jungtempler nickte leicht und schien innerlich zu beschließen, den taktischen Rückzug aus diesem Minenfeld anzutreten, in das er hineingetappt war. Nur nahm er bei diesem Rückzug noch ein Fettfaß mit: "Verzeihung, ich dachte, einen solchen Mann würde es geben."
Darna schoß die Röte ins Gesicht. Vom Leutnant erklang ein unartikuliertes Krächzen. "Verdammt, ich muss ja doch mal sehen ob .. beim Kastell alles in Ordnung ist... Jawohl!" - damit stakste er davon.
Die Ritterin sah ihm nach. Er floh? War es ihm doch nicht ernst? Es hieß ja, Männer konnten jeder Armee furchtlos entgegentreten, aber ließ man eine Frau vom heiraten reden... "Pah!" Der trotzige Gedanke verlor sich im traurigen Blick.

Und dann noch Hudgarr. Er brachte es ja jedesmal fertig, noch direkter die Sache auf den Punkt zu bringen als alle anderen: "Lady Darna? Wann heiratet Ihr endlich Adrenalon?"

...

(ein abruptes Verlassen des Saales und mehrere vom Leutnant geleerte Bierkrüge später)
"Ach ich werde mich wohl bald müssen bequemen,
und mir ein hübsches junges Weibchen zu nehmen,
aber ach so manch junger Gesell
fand schon in der Ehe statt des Himmels die Höll'

Aber nein, aber nein, aber nein, aber nein, ich werde vorsichtig sein.
Aber nein, aber nein, aber nein, aber nein, ich werde vorsichtig sein.
..."
Falk hatte eine wirklich schöne Stimme. Sie kannte das Lied zudem, er hatte es schon vor langer Zeit einmal auf einem Ball im Schloß seiner Hoheit gesungen, als Adrian noch nicht auf Eileen getroffen war. Damals hatte das Lied sie ziemlich aufgewühlt - es hatte ihr so fern geschienen, mit nichts davon hatte sie sich identifizieren können. Aber schon allein der Gedanke war ihr ja vermessen erschienen, daß sich je jemand für ein verunstaltetes Wesen wie sie interessieren könnte.
Nun scheuchte das Lied Adrenalon vor die Tür - wankend vom Zwergenbier, und draußen kippte er sich am Brunnen einen Eimer kalt Wasser über den Kopf.
Danach entwickelte Hudgarr eine Energie, daß Darna zu befürchten anfing, er mache seine Drohung noch wahr: "Und wenn das so weiter geht, schmeiß ich Adrenalon in den Brunnen."

Zu zweit in einem der Nebengebäude des neuen Anwesens betrachtete sie das an der Wand heruntergerutschte zitternde Gebilde mit nassen Haaren.
"Und ihr tut so, als wärt ihr Fremde", hatte Hudgarr geschimpft. Nun ja... durch Mauern konnte auch er nicht durchgucken. Es hätte wohl auch seltsam angemutet, wie "Frau Oberst" dem "Herrn Leutnant" die Haare behutsam trockenrubbelte und ihm vorsichtig das teils nasse Hemd auszog, Holz im Kamin nachlegte, ihn besorgt musterte.
"DA ISSE, DIE FRAU DIE NEEEN MANN ZUUM HEIIIRRATN SUUUCHT..", hatte er betrunken auf der Treppe gegröhlt, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich.
Was hatte Feli darüber gesungen, sich für einen Menschen, den man liebte, zu verändern? Irgendwas in ihr konnte dem nicht zustimmen.
"Was will ich denn heiraten, mit wem den Rest meines Lebens verbringen? Mit einem Wunschgebilde, einem Traum, einer Karikatur dessen, was ich sehe? Oder will ich den Menschen, der vor mir steht, so wie er ist?"
Sie sah Adrenalon an. Es erschreckte sie jedesmal, wenn es sich offenbarte, wie verletzlich er sein konnte. Dann merkte sie, wie verletzend sie sein konnte.
"Es können uns nur Menschen verletzen, die wir nahe an uns herangelassen haben, Viola. Menschen, denen gegenüber wir unsere Deckung aufgeben."

Nein. Nichts, was geklärt wurde. Zuvieles, was vage blieb. Zuvieles, was ihr durch den Kopf schwirrte. Sätze, Fetzen von Gedanken.
"...wenn sie ihm entgegentritt, von unbeflecktem Blute."
Was sollte das nur alles werden?