Die Zeit der Wertlosen
Verfasst: Sonntag 14. Februar 2016, 01:14
"Ich höre Schritte und ich weiß, dass die Schmerzen bald wieder dort ansetzen, wo sie hätten aufhören müssen. Doch sie hören nicht auf. Sie hören nie auf. Sie ebben lediglich ab, hinterlassen Ahnungen ihres ganzen Ausmaßes, doch ein Leben ohne Schmerzen ist mir unbekannt. Ich kauere in der Ecke, dicht an den kalten Leib meiner Schwester gedrückt, und harre dem, was da kommt. Mein Leib ist ebenso ausgezehrt und verwundet wie der ihre - nur mit dem Unterschied, dass meiner noch atmet. In meiner Welt gibt es keinen Platz für Trauer, kein Platz für Mitleid. Nicht einmal für ein junges Mädchen. Nicht einmal für einen Welpen. Am wenigsten für sie.
Ich schließe die Augen und jede Faser meines Körpers ist angespannt. Ich kann seinen Atem riechen, noch bevor ich ihn hören kann. Ein Geruch nach altem Blut, nach Eisen und Tod. Vielleicht sogar nach meinem eigenen..."
Qisa'xylra konnte nicht mehr genau sagen, wie viele Tage oder gar Wochenläufe verstrichen waren, seit man sie aus den unteren Höhlen auf ihre Reise geschickt hatte. Sie wusste nur, dass sie nach einer ihr endlos scheinenden Zeit aus Dunkelheit, Hunger, Durst, ewig währendem Schmerz und Verzweiflung es irgendwann geschafft hatte, sich einen Weg an die Oberfläche zu kämpfen. Ihr Zustand war kritisch - zu kritisch für eine angehende Lethraxiae, die im Laufe ihrer Ausbildung weitaus mehr Strapazen zu erleiden hatte. So war sie nicht gleich in die Arme der höheren Geschwister gelaufen, um sich in ihrer desolaten Verfassung zu präsentieren. Jene würde es missmutig genug stimmen, dass es nur eine Lethra war, um deren Ausbildung man sich zukünftig kümmern müsste. Nein, sie musste sich wenigstens soweit erholen, dass man sie nicht gleich dem reißenden Lavafluß übergab. Und so zog sie sich in den hintersten Winkel LethAxorns zurück, bis ihre Wunden verheilt und ihre Kräfte zurückgekehrt waren. Noch immer gab sie das jämmerliche Bild einer Lethra ab, die zu lange Zeit zu wenig gegessen und vermutlich zu schnell gewachsen war. Hager und drahtig, mit wachsamen, funkelnden Augen und einem allzeit gehetzten Blick, der dem Tod schon mehr als einmal ins Auge gesehen hatte. Doch zu ihrem Glück erkannte man in ihr die Zähigkeit, die sie bislang am Leben gehalten hatte und sie durfte weiterleben... zumindest vorerst.
Die Schmähungen und Demütigungen, die ihre Begrüßung darstellten und die sie fortan jeden einzelnen Tag über begleiteten prallten inzwischen an ihr ab. Qisa'xylra hatte sich längst in einen kleinen, sicher umgrenzten Winkel ihres Geistes zurückgezogen, von wo aus sie auf die Welt hinausblickte, ohne sie wirklich zu sehen. Nur selten gelang es den Höherrangigen, sie aus diesem Winkel hervorzulocken und ihren Zorn anzustacheln, doch die meiste Zeit über hatte die angehende Lethraxiae ihre Gefühle unter Kontrolle. Sie schwor sich, diesen Umstand beizubehalten, solange es ihr möglich war. Sie selbst hatte am angehenden Lethrixor Ren'arx gesehen, wie es war, wenn die ungezügelte Wut Überhand nahm und sich mit einem Mal entlud. Sie fürchtete, in ihrer Raserei etwas zutun, das ihren Untergang frühzeitig besiegelte. So sehr der Zorn letzten Endes das war, was die Geschwister und vorallem Vater in ihr heranreifen sehen wollten, so wichtig war es auch, ihn bis zum richtigen Moment zurückzuhalten. Und so töricht könnte es sicherlich auch sein, ihn im falschen Moment gewähren zu lassen....
So ließ sie sich meist ohne jede Gegenwehr bestrafen - gleich, ob dies aus reiner Willkür geschah oder, weil sie tatsächlich Verfehlungen begangen hatte. Sie zwang sich, nicht über Recht und Unrecht nachzudenken - jedenfalls nicht zum Zeitpunkt ihrer Züchtigungen. Ihrem Zorn konnte sie sich später hingeben, wenn sie alleine war. Und das geschah oft so heftig und rücksichtslos, dass sie sich selbst überraschte...
Meist waren es Tiere, die ihren brodelnden Zorn zu spüren bekamen. Als Runenlose war es ihr noch verboten, die Grenzen des alatarischen Reiches zu verlassen, und so waren Menschen für sie schlicht und ergreifend tabu. Nicht selten also kam es vor, dass man angeschossene Vögel mit gebrochenen Flügeln um den Eingang des Axorns herum ihr letztes, panisches Lied kreischen hören konnte oder Rehe mit aufgeschlitzten Bäuchen ihre Innereien hinter sich hertrugen, bis sie schließlich zusammenbrachen. Der Tod kam meist langsam, aber sicher. Er musste nur wählen, in welcher Gestalt er über die armseeligen Geschöpfe hereinbrechen wollte, während Qisa'xylra erschöpft von ihren Wutanfällen aus weiterer Entfernung zusah und sich am Anblick der Todgeweihten tröstete. Unrecht und Leid waren der Dreh-und Angelpunkt des Lebens, und es stimmte sie zuversichtlich, dass es immer noch die gab, die schwächer waren als sie selbst.
"In meiner Welt gibt es keinen Platz für Trauer, keinen Platz für Mitleid.
Und in einer Welt, die keine Trauer und kein Mitleid kennt, ist vorallem kein Platz für so etwas wie Ehre. Wahnsinn und die Kunst, ihn zu überleben und mit ihm zurecht zu kommen ist alles, was letzten Endes zählt."
Ich schließe die Augen und jede Faser meines Körpers ist angespannt. Ich kann seinen Atem riechen, noch bevor ich ihn hören kann. Ein Geruch nach altem Blut, nach Eisen und Tod. Vielleicht sogar nach meinem eigenen..."
Qisa'xylra konnte nicht mehr genau sagen, wie viele Tage oder gar Wochenläufe verstrichen waren, seit man sie aus den unteren Höhlen auf ihre Reise geschickt hatte. Sie wusste nur, dass sie nach einer ihr endlos scheinenden Zeit aus Dunkelheit, Hunger, Durst, ewig währendem Schmerz und Verzweiflung es irgendwann geschafft hatte, sich einen Weg an die Oberfläche zu kämpfen. Ihr Zustand war kritisch - zu kritisch für eine angehende Lethraxiae, die im Laufe ihrer Ausbildung weitaus mehr Strapazen zu erleiden hatte. So war sie nicht gleich in die Arme der höheren Geschwister gelaufen, um sich in ihrer desolaten Verfassung zu präsentieren. Jene würde es missmutig genug stimmen, dass es nur eine Lethra war, um deren Ausbildung man sich zukünftig kümmern müsste. Nein, sie musste sich wenigstens soweit erholen, dass man sie nicht gleich dem reißenden Lavafluß übergab. Und so zog sie sich in den hintersten Winkel LethAxorns zurück, bis ihre Wunden verheilt und ihre Kräfte zurückgekehrt waren. Noch immer gab sie das jämmerliche Bild einer Lethra ab, die zu lange Zeit zu wenig gegessen und vermutlich zu schnell gewachsen war. Hager und drahtig, mit wachsamen, funkelnden Augen und einem allzeit gehetzten Blick, der dem Tod schon mehr als einmal ins Auge gesehen hatte. Doch zu ihrem Glück erkannte man in ihr die Zähigkeit, die sie bislang am Leben gehalten hatte und sie durfte weiterleben... zumindest vorerst.
Die Schmähungen und Demütigungen, die ihre Begrüßung darstellten und die sie fortan jeden einzelnen Tag über begleiteten prallten inzwischen an ihr ab. Qisa'xylra hatte sich längst in einen kleinen, sicher umgrenzten Winkel ihres Geistes zurückgezogen, von wo aus sie auf die Welt hinausblickte, ohne sie wirklich zu sehen. Nur selten gelang es den Höherrangigen, sie aus diesem Winkel hervorzulocken und ihren Zorn anzustacheln, doch die meiste Zeit über hatte die angehende Lethraxiae ihre Gefühle unter Kontrolle. Sie schwor sich, diesen Umstand beizubehalten, solange es ihr möglich war. Sie selbst hatte am angehenden Lethrixor Ren'arx gesehen, wie es war, wenn die ungezügelte Wut Überhand nahm und sich mit einem Mal entlud. Sie fürchtete, in ihrer Raserei etwas zutun, das ihren Untergang frühzeitig besiegelte. So sehr der Zorn letzten Endes das war, was die Geschwister und vorallem Vater in ihr heranreifen sehen wollten, so wichtig war es auch, ihn bis zum richtigen Moment zurückzuhalten. Und so töricht könnte es sicherlich auch sein, ihn im falschen Moment gewähren zu lassen....
So ließ sie sich meist ohne jede Gegenwehr bestrafen - gleich, ob dies aus reiner Willkür geschah oder, weil sie tatsächlich Verfehlungen begangen hatte. Sie zwang sich, nicht über Recht und Unrecht nachzudenken - jedenfalls nicht zum Zeitpunkt ihrer Züchtigungen. Ihrem Zorn konnte sie sich später hingeben, wenn sie alleine war. Und das geschah oft so heftig und rücksichtslos, dass sie sich selbst überraschte...
Meist waren es Tiere, die ihren brodelnden Zorn zu spüren bekamen. Als Runenlose war es ihr noch verboten, die Grenzen des alatarischen Reiches zu verlassen, und so waren Menschen für sie schlicht und ergreifend tabu. Nicht selten also kam es vor, dass man angeschossene Vögel mit gebrochenen Flügeln um den Eingang des Axorns herum ihr letztes, panisches Lied kreischen hören konnte oder Rehe mit aufgeschlitzten Bäuchen ihre Innereien hinter sich hertrugen, bis sie schließlich zusammenbrachen. Der Tod kam meist langsam, aber sicher. Er musste nur wählen, in welcher Gestalt er über die armseeligen Geschöpfe hereinbrechen wollte, während Qisa'xylra erschöpft von ihren Wutanfällen aus weiterer Entfernung zusah und sich am Anblick der Todgeweihten tröstete. Unrecht und Leid waren der Dreh-und Angelpunkt des Lebens, und es stimmte sie zuversichtlich, dass es immer noch die gab, die schwächer waren als sie selbst.
"In meiner Welt gibt es keinen Platz für Trauer, keinen Platz für Mitleid.
Und in einer Welt, die keine Trauer und kein Mitleid kennt, ist vorallem kein Platz für so etwas wie Ehre. Wahnsinn und die Kunst, ihn zu überleben und mit ihm zurecht zu kommen ist alles, was letzten Endes zählt."