Es war modrig und stickig in der Taverne zur Nacht. Der Rauch legte sich unter den Dachbalken, die Leuten lachten, sangen und schreiten durch die Räume. Langsam liess eine dunkle Gestalt in der Ecke das Messer auf dem Tisch kreisen, als jemand anderes sich dazu saß. Nervös blickte der Neuling herum, die Finger ineinander verkrümt auf den Tisch ablegend, das Bein auf und ab wippelnd.
"Sicher, dass ihr es hier tun wollt? Ich meine, es ist recht voll und..."
Die dunkle Gestalt beendete sein Treiben mit dem Messer, der Kopf hebte sich leicht. Nur für den Hauch einer Sekunde, als die Laternen im richtigen Moment wackelten, konnte man seinen ernsten Blick erkennen, untermalt mit jener Narbe über dem Auge, den die Krieger und Streiter in den letzten Monden mehr als oft gesehen haben. Meist Blutverschmiert, mit Dreck verziert und doch dieser Blick, der einem sagte, nun wird es ernst. Nun gibt es keinen Rückzug. Entweder man erhebt sich, streckt den Waffenarm aus oder stirbt wie ein reudiger Köter.
Ja dieser Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte, diese Mischung aus Ernsthaftigkeit, Berechnung und Konzentration in der Schlacht, vermag in den letzten Kämpfen den Mut geschürrt und den Willen zum Sieg gekürt haben.
Dabei ist es nicht mehr als ein Spiel. Nicht mehr, als Ausweglosigkeit im Keim zu ersticken. Nicht mehr als zu zeigen, dass nichts unmöglich erscheint, wenn nur der Willen und das Vertrauen vorhanden sind.
So rissen sie das Nest in Grund und Boden. Selbst wenn die Schreie der Kameraden, die teilweise von Bestien in Zwei teile gerissen wurden, noch den einen oder anderen Nachts aufschrecken liessen, schweiß gebadet in ihren Fellen, vergessen sie nie, dass das Ende nicht kommt, wenn man es nicht zulässt. Das es immer jemanden geben wird, der vorran stürmt, die Klinge empor und kämpft, so lange, bis er zusammen bricht oder im Blut seiner Feinde ertränkt.
Auch diesen Blick sah der junge Mann. Er schluckte, doch nickte er. Dies war vielleicht nicht die epische Schlacht, die man sich so vorstellt, doch es gehörte auch zum Krieg, den Anhängern, die die guten Menschen unterwandern, im Irrglauben nach mehr als nur Reichtümern lebten. Alles, wie Sklaven, obwohl sie einen hohen Stand besassen, auf Befehl tun würden. Egal wieviel Menschenleben es kostete, egal, welche Familien sie damit zerbrechen. Sie würden nicht aufhören.
Umso mehr bereitete Malachai dies doppelte Freude. Im Nest fanden sie nicht, was er suchte. Doch Hinweise. Eine Liste mit Personen. Selbst wenn der Gegner so Gottesgläubig ist, wie er gibt, will er doch nicht voller Schmerz und Pein seinen angeblichen Schöpfern unter die Augen treten.
Ja recht gesprächig wurden sie sehr schnell, wenn man nur wusste, was man ihnen nehmen musste.
Malachai erhob sich, der Jüngling wollte es ihm gleich tun, doch eine Handgeste deutete ihm, sitzen zu bleiben.
Das Messer, rostig und lang, wo sich nur mit mühen das zähe Fleisch zerschneiden liess, ging mit die paar Schritte an den großen, runden Tisch, wo ältere Herren in prunkvollen Kleidungen ihre Krüge leerten. Es war spät genug, der Alkohol setzte bei allen ein. Keine Situation, wo man Hilfe gebrauchen konnte. Denn was er dort vorfand, waren keine Krieger.
Malachai setzte sich, ungebeten, auf einen freien Platz, den der ursprünglicher Eigentümer vor wenigen Sekunden wohl für einen Gang auf das stille Örtchen verlassen hatte. Links von ihm ein argwöhnisch dreinblickender Mitdreissiger, dessen Spitzbärtchen eher wie gewollt und nicht gekonnt aussah.
Doch rechts, so und so drehte sich Malachai auch ein, sass er. Ein fetter, schmieriger Handelsmann, dessen Soßenreste noch an seinem Kinn klebten.
Er wollte wohl gerade, nachdem er nach Luft durch seinen dicken Hals japste, einen Protestlaut einwerfen, doch ehe nur ein Fieps seine Lippen verliess, rammte Malachai das rostige Messer durch die linke Hand des Mannes. Knochen knacksten wie auch das Holz des Tisches, als es Fleisch und Muskeln durchtrennte.
Der Mann zu seiner linken, entsetzt, wollte wohl herübergreifen und irgendwie die Situation und seinem Freund helfen, doch da schoss schon Malachais linker Ellbogen in sein Gesicht, liess die Nase brechen und ihn rücklings auf den Boden fallen.
Die Taverne verstummte, nur der Fettsack jaulte und umklammerte mit einer Hand die andere, während das Blut in den Tischrillen leise auf den Boden zu tröpfeln began.
Sie blickten nur, feiges Pack. Hau den Leitwolf um, dann wird der Rest des Rudels den Schwanz einziehen. Keiner würde auch nur einen Gedanken daran verschwenden, für jemanden wie ihn sein Leben zu riskieren.
Malachai packte nun den wimmernden Gast zu seiner Rechten am Hals und zock mit einem Ruck seinen Oberkörper und seinen Kopf nah an sein eigenes. Leise flüsterte er ihm etwas. Ein minimales Lächeln, wie Freude bei einem Kind, das den ganzen Tag darauf wartete, endlich das Geschenk zu öffnen, was vor ihm lag, umspielte Malachais Lippen.
Ja, er genoss es, so einem Abschaum wie ihn auszuweiden wie ein Schwein. Und das machte er ihm nun klar.
Er stiess den Kopf zurück, griff an das Messer und mit einem Ruck, zeitgleich mit einem weiteren Aufschrei, zog er es aus der Hand hinaus. Recht unsanft, wohl mit zuviel Spiel in der Bewegung, ehe er sich erhob und einen letzten Blick ihm entgegen warf.
"Mitternacht, komm alleine, dann darfst du Leben."
Der Schwarze wandte sich ab, ein leiser Pfiff zum Jüngling, der noch, eine Mischung aus Entsetzen und Begeisterung im Gesicht, am Tische sass, ehe er sich fix erhob und seine Jacke griff.
Dem Tavernen-Besitzer wurden einige Goldstücke für die Sauerei auf den Tresen gelegt. Selbst wenn er wohl für dieses Schauspiel darauf verzichtet hätte.
Als sie die kalte Luft in ihrer Atmung spürten, im Schnee nun zu wandern anfingen, gen Stadtgrenzen, blickte der Neuling wieder zu Malachai.
"Glaubt ihr, er hält sich daran und kommt alleine?"
Malachai schwieg einige Sekunden, ehe er den Kopf schüttelte.
"Sollte ich deswegen kommen, um euch zu helfen gegen ihn?"
Wieder ein Kopfschütteln, ehe er stehen blieb und in seine Tasche griff. Er holte einen Brief hervor und gab ihm diesen.
Wohl ein wenig Enttäuscht und doch erleichtert, dass er nicht Kämpfen sollte, nahm der Jüngling den Brief entgegen und nickte.
"Ich bringe ihn sofort eurer Geliebten. Versprochen. Doch...sagt...warum habt ihr ihn nicht direkt getötet? Ich meine, wenn euch klar ist, dass er niemals alleine kommen würde, dass er nicht einfach euch gibt, was ihr wollt. So jemand...was der alles getan hat...hat den Tot verdient. Wozu also warten?"
Malachai wandte sich ihm nun zu, sein Gesicht war nicht mehr so Ernst, eher väterlich blickte er hinab auf den Jüngling, während eine Hand sich auf dessen Schulter legte.
"Wer gibt mir das Recht, über Leben und Tot zu entscheiden? Ich gebe dem Mann eine Chance. Selbst wenn ich weiß, dass er sie nicht nutzen wird, selbst wenn ich will, dass er die Abmachung bricht und somit seinen Tot beschliesst, gebe ich ihm die Chance. Und dann, wenn die Situation es nicht anders zu lässt, wenn ihm die Konsequenzen seines Handelns bewusst sind, dann wird er sterben durch meine Hand. Doch wenn ich könnte, wenn ich Hoffnung sehen würde in ihm, wenn er mir zeigt, dass er ein besserer Mensch wäre oder sein wollte...würde ich den Kampf und den Tot vermeiden."
Mit diesen einzigen Worten in der dunklen, eisigen Nacht, wandte Malachai sich nun vom Jüngling ab und verschwand, nach wenigen Schritten, in der Dunkelheit.
Der Jüngling blickte ihm nach, wohl verstehend, brannten sich die Worte in sein Gedächtnis ein. Er würde wohl nie vergessen, dass man wohl nur tötet, wenn es nicht anders ginge.
So zog auch er los und nach einiger, langer Zeit und einer weiten Reise, erreichte er auch sein Ziel: Adoran.
Er hörte vom Krieg, nun sah er wohl selbst, dass dieser wieder vorbei waren. An Gebäuden im Umlande sah man die ersten Reperatur-Arbeiten, während andere als Ruinen verendet sind.
Obdachlose streiften alle in Richtung Hauptstadt. Und dennoch froh, die Schlachten überlebt zu haben.
Adoran war voll, die Straßen waren übersät mit Heimatsuchenden und Gardisten, die für Ordnung sorgten.
Er kannte den Weg schon, er wusste, wo er hin sollte, als er die Heilerstube betrat.
Ein alter Mann öffnete ihm die Tür. Er hatte nicht viel mit ihm jemals gesprochen, wusste aber, dass er liebevoll Opi genannt wurde. Dass er wohl unter seinem Robe nichts trug und sich auch oft verdächtig zwischen den Beinen kratzte, ignorierte der Jüngling gekonnt.
Als er sagte, er habe eine Nachricht an die Edle Malena, wurde er erst argwöhnisch bemustert. Als er dann aber hinzufügte, von dem die Nachricht war, sprang 'Opi' förmlich in die Luft und lud den jungen Mann sofort ein, als würde er Segen und das Heilwohl der Welt mitbringen.
Auf einmal wirkte er weniger gebrechlich, als noch in dem Moment, als er kratzend die Tür öffnete. Ja es wirkte fast, als würde er mit einem Salto die Treppen raufspringen.
Und als sie hinab trat, stockte dem jungen Boten der Atem. Wie jedes Mal, wenn er sich fragte, wie so eine Elleganz, so viel Anmut, nur mit so jemanden, wie dem Schattenlord liiert wäre. Diese Gegensätze....nun gut, man muss dem jungen Boten zu Gute heißen, dass er bis auf wenige Momente Malena nicht wirklich kennen gelernt hat.
Doch der Blick dieser bezaubernden, jungen Frau, im Kontrast zum Blutverschmierten, stetig Nachtschwarz gekleideten Malachai, der im Dreck dem Feind den Todesstoss gab, schon etwas irrwitziges an sich hatte.
Er erhob sich, verbeugte sich demütigst und überreichte ihr einen Brief. Wieder das selbe Spiel, Speiß, Trank und die Möglichkeit, sich zu waschen, bis er wohl eine Antwort erhalten würde.
Malena hingegen, wenn sie das Siegel bricht und das Papier entfaltet, wird sie folgendes lesen können:
"Meine liebste Malena,
viel früher wollte ich dir Antworten, doch während ich den Brief solange mit mir trug, konnte ich keinen Boten alleine entbehren, um die weite Reise zu dir zu machen. Nicht auszumalen, diese Zeilen gingen verloren, nicht daran zu denken, du würdest nicht von mir hören.
Ich bin froh, euch alle Gesund zu wissen. Froh, dass ihr so wacker den Gefahren allen trotzt und niemals euren Glauben verliert. Ich weiss, wie Willensstark du bist, daher sorge ich mich auch immer nur Minimal um dich.
Von der Ritter-Ernennungen bin ich tatsächlich überrascht. Selbst wenn ich mir sicher bin, dass Helisande wie auch Sophia wie einst auch Leah, wissen, wie man sich durchsetzt. Ich glaube, ich werde wohl, wenn ich wieder da bin, von neuem Lernen müssen, wer nun wo was zu sagen hat und wofür einsteht. Ja, ich seufze gerade leicht, als ich diesen Gedanken aufschrieb. Aber gut.
Kommen wir zum Opi-Problem. Torjan ist, trotz seines hohen Alters, ein Ungestüm, das schon immer schwer zu bändigen war. Ich glaube, wenn er etwas hat, wird er es alleine lösen können. Vielleicht solltest du ihn mit kleineren Aufgaben betrauen. Ihn mehr wieder in die Alchemie drängen, ihm die Wichtigkeit von neuen Pöten und Tränken klar machen. Die Trankbrauerei ist eine Kunst voller Konzentration. Dort hätte Torjan Zeit, in Ruhe zu Forschen und vor allem mit sich selber wieder in Einklang zu kommen. Fernab von den Gedanken der Patienten, einfach für sich sein und trotzdem wissend, dass das, was er dort tut, so immens wichtig ist, um Menschen zu helfen. Niemals würde er wohl sonst eine Aufgabe erledigen, die tatsächlich sinnlos erscheint. Hinzu vielleicht kleinere Fälle, vielleicht mal ein Kind mit einem gebrochenen Arm, vielleicht einfach mal eine Grippe. Kleinere Erfolge, die ihn aufhoffen lassen und das Lächeln im Gesicht derer sieht, die ihm für seine Heilkünste danken. Ich glaube, das ist der einzige Ratschlag, den ich dir erst einmal mit auf dem Weg schicken kann.
Notfalls, setz ihn auf ein Pferd und schick ihn zu mir, da kann ich ihn schon ablenken mit seinen Patienten. *Malena sollte sicher beim Lesen klar sein, dass Malachai bei diesen Zeilen selber lachen musste.*
Burro.....alles klar.....*mehr steht da nicht in den Zeilen*
Ja der Orden ist mit seinem Standpunkt und auch mit seinem Stand in der Gemeinschaft oft Dreh und Angelpunkt für Angriffe. Sie stehen ja auch meist mit den Soldaten in erster Reihe. Das die Verluste bisher so neidrig sind, grenz wirklich an einem Wunder, selbst wenn ich um die Zähigkeit einiger Ordensbrüder und Ordenschwestern weiß. Umso schöner ist es zu hören, dass die mir bekannten Namen wohlauf sind. Selbst wenn natürlich jeder einzelne Verlust zu betrauern ist.
Doch würde ich wohl jeden Gedenken, der irgendwo irgendwie in meinem Umkreis das zeitliche segnete, würde ich wohl ewig Still an einem Baum sitzen. Daher bin ich froh, dass die, die an meinem Leben teilhaben, gesund sind....vor allem du.
Ich hoffe, dass der Krieg vorbei ist, wenn diese Zeilen enden und die sie liest. Ich hoffe ebenso, dich bald wieder in den Arm zu nehmen und nie wieder los zu lassen. Ja vielleicht freue ich mich auch, deine neue, feine Gesellschaft kennen zu lernen und sehe es als kleineres Übel für die Zweisamkeit an, die ich mit dir verbringe. Ich stinke, gewiss, und bin dreckiger als der Dreck unter meinen Sohlen, doch innerlich bin ich rein mit der Liebe für dich und meinen Gedanken, die darauf warten, zurück zu kehren.
Pass auf dich auf und grüße alle lieb von mir, die nicht verächtlich bei meinem Namen schnauben.
In Liebe
."