Flammen der Schuld
Verfasst: Montag 27. März 2006, 16:33
von Aradan Krenor
Mit einem leisen Geräusch Schloss sich die Türe zu seinem Haus und der Hausherr atmete tief aus. Die Arbeit, welche in erster Linie eine schriftliche wahr und ihn Stunden am Schreibtisch fesselte war erledigt und er konnte bald ruhen ... so zumindest glaubte er. Aus der Küche erklang eine traurige Melodei und ob der Ungewohntheit von melodischen Tönen in seinem haus ging er jenem nach und traf seine Knappin beim zubereiten des Abendessens an. Schon nach den ersten Zeilen erschloss sich ihm der Text des bekannten Liedes und er summte etwas mit. Schmunzelnd ging er zum Tisch als schliesslich das Essen bereitet wurde über das er sich hungrig hermachte. Wie so oft mundete es und half seine Laune zu bessern und ihm einige Scherze zu entlocken und dann sah er es wieder ...Die Neutralität, der pure Ernst und der Mangel an ein Ausdruck der Freude. Kläglich sah er wie seine gut gemeinten Worte an der undurchdringlichen Mauer abprallten und wirkungslos zu Boden fiehlen. Wie so oft, sobald das Thema auf etwas vergnügliches traf, schaffte Darna es den jungen Ritter zu verunsichern. Waren die Worte wirklich so schlecht gewählt? Oder waren sie sogar zu undeutlich gewesen ... vielleicht ... auch wenn er das Gefühl hätte sich da sehr irren zu müssen, verstand jenes Fräulein Elbenau auch nur einen viel einfacheren Humor. Eine kurze bedrückende Stille breitete sich im bedächtig erleuchteten Zimmer aus und schnell ging er dazu über jene mit banalen Worten zu vertreiben und lenkte das Thema in Darna nur all zu Bekannte Ufer zurück ... Pflicht und Arbeit. Insgeheim fragte er sich jedoch ob es wirklich am Tod ihres Ritters lag, dass jenes Fräulein nie ein Lächeln zeigte, nie Lachte oder Freude in einer Weise erkennen liess. Am Anfang hatte er es auf eben jene Umstände geschoben doch mittlerweile war er sich unsicher ... steckte vielleicht mehr dahinter? Das Gespräch lief wie so viele die sie führten bis das Thema ihrer Ausbildung angelangt war und sie ihn zum Zweiten mal an diesem abend verunsicherte ... Lob über ihren beispielhaften Knappendienst schien ebenso sehr an ihr abzuprallen wie jedweder anderer Versuch ihr wenigstens ein Lächeln zu entlocken. Wieviel Leid muss ein Mensch ertragen haben um so ernst zu werden? Etwas für ihn unbegreifliches lag in der Luft ... eine Art .. die er als Ritter zwar schätzte doch als Mensch nicht verstehen konnte. Wieso nur Lächelte sie nie? Dieser gedanke schwebte in seinem Kopf, penetrant unnachgiebig und schliesslich fand er den Weg zu seiner Zunge. " Es tut mir leid wenn es gedämpft erschien Sir ... ich musste nur vermeiden das ich euch wieder Sorgen bereite" war ihre Antwort gewesen doch diesmal beliess er es nicht dabei. Sorgen bereiten? Das tat sie bereits .. doch wohl anderer Art als sie sich vorstellen konnte. Und schliesslich nahm alles seinen Lauf ... hatte es begonnen ... den Stein ins Rollen gebracht, welcher das Geheimnis um eben jene Gegebenheit in erschreckender Weise lüften sollte. Darna sprach wieder von diesen "Anfällen". Er wusste um jene Begebenheit hatte er selbst einen solchen erlebt als seine Knappin glaubte zu verbrennen und die Schmerzen fühlte. Damals hatte es nach wenigen Augenblicken nachgelassen und doch waren jene schrecklich genug, dass er sie gut in Erinnerung behielt. Erschreckend rief er sich jene Bilder in Erinnerung und mit einem Schlag wurde ihm Bewusst, dass er sich nicht weiter erkundigt hatte. Wahrscheinlich hatte er es auch auf eine Folge des Schockes geschoben und schmerzlich wurde ihm bewusst wie er jenen Umstand vernachlässigt hatte. Wie er seineKnappin, seine Schutzbefohlene, seine Freundin mit eben jener Sache alleine gelassen hatte. Doch diesmal nicht.
"Ist es schlimmer geworden?" "Nein... doch es trat nicht nur dieses eine Mal auf" gab sie zu und verdeutliche ihm so nur noch mehr, dass jenes ein Problem wahr dessen man sich annehmen musste und bei dem sie Hilfe brauchte.
"Es ist euch nichts aufgefallen? wie zum Beispiel das es vermehrt auftritt wenn ihr euch fürchtet ... euch weh getan habt oder dergleichen?" "Nein Sir ... es ging mir wirklich immer völlig wohl". Plötzliche Schmerzattacken aus heiterem Himmel, leidet seine geschätzte Knappin unter einer schweren Krankheit? Hatte er während all den Monaten der Ausbildung nichts dergleichen bemerkt? Beschämung trat in seinem Sinn, als sie den ersten und entscheidenden Hinweis erwähnte. "Ich verstehe auch nicht wie es zu dieser Halluzination dabei kommen kann". Halluzinationen, er hatte auf seinen Reisen mit seinem Lehrmeister und Vater Marius Krenor, einiges gesehen und einiges erlebt. Halluzinationen so jedoch nicht von einem bösen Zauber hervorgerufen, hatten nur zwei bekannte natürliche Ursachen. Hohes Fieber oder der genuss von bestimmten Giftstoffen, welche in Rauchkraut und manchen Pilzen sowie in der Anwendung von Giften allgemein verursacht werden konnten. So hatte es ihnen damals die Kräuterkundige Heilerin erklärt als ihn selbst ein hohes Fieber im eisernen Griff gehalten hatte, doch er war sich sicher das keine dieser Ursachen auf Darna zutrafen. Noch verwunderter war er als er hörte, um was es sich handelte. "Das Gefühl als würde ich verbrennen ... aber ... zumindes beit den drei malen wo es so schlimm war, vermeinte ich, tatsächlich aich die Flammen zu sehen in denen ich stehe und zu regestrieren wie sie mein Kleid erfassen, dabei trage ich doch sogut wie nie Kleider" gestand sie ihm mit gerunzelter Stirn.
In der Tat, es hatte ihm beim Balle des Grafen völlig überrascht und fast die höfliche Zurückhaltung gekostet als seine Knappin in dem Kleid erblickte. Es war das erste mal, dass er sie so zu Gesicht bekam und hätte er wetten müssen er hätte dafür fast die Hand ins Feuer gelegt, dass sie ordentlich und adrett gekleidet wie stets, doch in Hose und Wams und Hemd zu jenen Ball erscheinen würde mit einem Umhang über ihre Schultern gelegt. Nachdenklich sah er sie an. Immer mehr verblasste die Vorstellung es könnte sich um eine Krankheit handeln. Sicher gab es diese, doch Halluzinationen dieser Art konnte er sich nicht vorstellen. Auch wusste er von keiner Krankheit, die einem das Gefühl gabe bei lebendigen Leibe zu verbrennen. Nicht das sein Wissen auf jenem Gebiete auch nur annähernd dem eines Heilers zu Anfängen seines Studiums gleich gekommen währe, doch wusste er das verbrennen, eine der schrecklichsten Todesarten war die im Volk bekannt waren. Nur die schlimmsten Verbrechen werden selbst in rauheren gegenden mit dem Flammentod bestraft und er währe sich sicher, dass sollte es so eine Krankheit geben, sie weithin bekannt und gefürchtet währe. Noch dazu wenn man sich selbst in Flammen stehen sah. Doch vielleicht waren es keine Illusionen ... vielleicht waren es Verdrängte Erinnerungen und das erste was ihm einfiehle war zu fragen ob sie schon eine solche ähnlich bedrohliche Erfahrung gemacht habe, was sie jedoch verneinte. Auch war die Beschreibung des getragenen Kleides ein mysterium für sich. Einfach, nur von einem Strick an Ort und Stelle gehalten. Er wusste das Darna aus guten Verhältnissen stammt und sie bestätigte ihm ebenso das sie nie solch ein Kleid getragen hatte. Sie konnte es also nicht sein. Doch woher hatte sie diese genaue Vorstellung davon? Büßerkittel ... jener Ausdruck verharrte in seinen Gedanken. Wie kam sie auf diese Assoziation? Galgen? ... hatte es mit einer Hinrichtung zu tun? Hinrichtung ... Feuerhinrichtung. Und schliesslich war da der Zusammenhang. Eine Feuerhinrichtung in ihrer Kindheit an der sie Teil hatte und zu der sie auch etwas beigetragen hatte wenn auch nicht absichtlich. War es Schuld, die sie die Qualen durchleben liess? War es im nachhinein Schuld die sie empfand, dieses Leben nicht beschützt zu haben sich von der Schuld dieses Lebens überzeugt zu haben? Als Hexe wurde jene verschriehen. Das ganze Dorf kannte sie als Hexe und doch .. als er nachfragte konnte Darna ihm keine genauen Beweise nennen. Sie sprach mit einer unschuldigen Überzeugung über jene Frau die man gemeinhin nur blindes Vertrauen nennen konnte. Etwas ... das er ihr noch abgewöhnen musste und so waren die Fragen unbequem .. ja sogar hart in manchen Fällen. Bleich wurde sie als sie über all das nachdachte, kalter Schweiss bildete sich auf ihrer Stirn und es schien als läge er richtig .. bis die Ohnmacht seine Knappin umfing. Besorgt trug er sie nach oben und wischte mit einem kalten Tuch ihre Stirn ab und wachte an ihrem Bette. Er würde nicht locker lassen, sprach er zu sich ... er würde sie damit nicht allein lassen sondern ihr helfen dies zu überwinden .. so wie es seine moralische und vor allem persönliche Pflicht als Schutzherr und Freund ist ... mit diesem Gedanken wachte er bis der Schlaf ihn übermannte.
Verfasst: Sonntag 2. April 2006, 14:02
von Aradan Krenor
Er hatte es nicht vergessen ... die gespenstische Begegnung mit ... ja, mit was? Die Stimme war die Darnas, doch die Haltung, die ungewohnte Kälte und Härte... das war nicht Darna. Das war jemand anderes ... was ist es, Besessenheit? Die Seele jener Person, welche vor so vielen Jahren in den Flammen umkam? Er schüttelte den Kopf ... nein… das glaubte er nicht… es musste Teil des Fluches sein, von dem jene Erscheinung berichtete… seine Knappin, verflucht ... schmerzlich drangen die Gedanken in seinen Kopf. Er musste ihr helfen… irgendwie.
"..bis sie merkt, dass Humor auch eine Tugend ist und nicht nur Pflichtbewusstsein und Ernst" hatte sie so oder ähnlich gesagt. Er selbst hatte ein Lächeln im Gesicht seiner Knappin stets vermisst, doch auf einen Fluch wäre er niemals gekommen. Möge Temora geben, dass die Bekanntschaft mit Serenia ein Schritt in die richtige Richtung war, seiner Knappin die Augen zu öffnen. So trat er in ungewohnt schlichter Kleidung auf sie zu. "Knappin .. wir gehen heute aus, und ich möchte, dass Ihr mich begleitet ... ach und ... zieht euch etwas Schlichtes an...“, sprach er in ruhigem Tonfall und zog 2 dreckige und staubige Kapuzenumhänge aus einer schmalen Holzkiste. Jene waren aus einfachstem Leinen, braun von der Farbe und reichlich mit Schmutz und Staub bedeckt. Selbst einige Löcher waren schon in jenen. Sie würden ihnen dort, wo sie hingingen, gute Dienste leisten und sie nicht auffallen lassen wie eine Fackel in der Nacht. Er hatte sie jeweils einem Bettler für 500 Taler abgekauft und noch ehe jener sich über das unglaublich gute Geschäft wundern konnte, das der Ritter mit ihm abschloss, war er auch schon wieder verschwunden gewesen.
Schnell packte er noch frisches Brot, mit Schinken und Käse belegt, sowie ein gutes Dutzend Kerzen in einem Korb und warf sich den Umhang dann über die Schultern. Das Schwert führte er weit über den Rücken gezogen mit sich, unerkannt unter dem Umhang und nur für den Fall der Fälle. Der Korb verschwand ebenso unter dem Mantel und die Kapuze wurde tief ins Gesicht gezogen - so erwartete er Darna und gab ihr den zweiten ebenso ärmlichen Umhang. "Wir werden es brauchen dort, wo wir hingehen" erwiderte er nur ruhig auf ihren Blick hin, noch bevor sie fragen konnte. So verkleidet verließen sie die schöne Villa im Viertel der wohlhabenden Menschen Varunas und stapften hinab gen Süden. Die Gardisten beäugten sie argwöhnisch, wohl jederzeit bereit, einzugreifen, wenn die vermeintlichen und höchst verdächtig aussehenden Bettler einen Passanten oder gar Edlen belästigen würden, doch die zwei Gestalten huschten flink und geradlinig durch die Strassen und ließen die Menschen an ihnen unbehelligt vorbei ziehen. Kein Wort kam über seine Lippen während sich das Häuserbild Varunas ebenso wie die Menschen auf den Strassen wandelte. Aus festem und solidem Fachwerk wurde Holz und brüchiger Stein. Fenster aus teurem Glas wurden durch Löcher in den Wänden, höchstens durch hölzerne und löchrige Fensterläden bedeckt, abgelöst, und die Gesichter in teurem und teilweise edlen Tuche mit ausladenden Hüten auf den Kopf wandelten sich in abgemagerte Gestalten, nur die Fetzen an dem Leib, welche die widrigen Umstände überstanden haben. Leer waren die Augen und bei vielen ebenso der Mund. Der Gestank bitterster Armut drang zu ihnen und spätestens jetzt wurde bewusst, warum sie sich so kleideten.
Der Plan ging auf und so ließ man sie größtenteils unbehelligt. Aradan bewegte sich weiter zielstrebig durch die schmalen und verwinkelten Gassen, als würde er jene kennen wie seine Westentasche. Der Schritt führte sie über Unrat, der die schmalen Wege bedeckte und teilweise knirschte, vorbei an neugierigen Augen, welche die Fremden nach potenzieller Beute abtasteten. Äußerlich ärmlich gekleidet, verrieten jedoch Aradans Bewegungen Kraft und Geschicklichkeit und es mag nicht zuletzt jener Eindruck sein, der viele davon abhielt, sie überfallen zu müssen. Nicht weil man in ihnen die gesehen hätte, die sie seien, nein viel eher weil man befürchten müsste, sich mit einer der ansässigen Verbrechergilden einzulassen und ihre Rache auf sich zu lenken. Schlussendlich kamen sie zu einem kleinen von Hütten gesäumten Hinterhof, und Aradan verschwand in einer Wandnische eines etwas größeren Hauses aus Bruchstein. Es war eines jener wenigen, welches noch löchrige Fensterläden besaß, welche auch allesamt geschlossen waren und so das Innere des Hauses in Halbdunkelheit tauchten. Auch hier bewies sich, dass Aradan jenes Gebäude zu kennen schien, bewegte er sich in den mit zu Bruch gegangenen Möbeln nur so gepflasterten Räumen doch zielstrebig, trotz der Dunkelheit.
Sie tasteten sich durchs Halbdunkel, bis sie an einer Wand zu einer halb eingefallenen Holztreppe kamen. "Vorsicht ... das Holz ist nicht sehr stabil", mahnte Aradan leise und trat selbst auf die knarzenden und ächzenden Stufen nach oben, welche direkt an einer Wand und einer im Gegensatz zum Rest des Gebäudes noch intakten Holztüre endeten. Aradan hielt vor jener inne und klopfte, drei mal lang, dreimal kurz. "Wer ist da?", erklang eine wohlklingende weibliche Stimme. "Ich bin es… Aradan", sprach er ruhig und wartete geduldig, denn eine Weile geschah nichts. Schlussendlich schoben sich jedoch die Riegel von der Tür, was mit lautem Scharren zu vernehmen war und sie wurde geöffnet. Erst nur einen Spalt, dann jedoch ganz und vor ihnen stand eine schon auf den ersten Blick sehr abgemagerte Frau von vielleicht gut 30 Jahren.
Ihr nussbraunes Haar fiel ihr in lockeren Strähnen über die Schulter und warme, wenn auch argwöhnische braune Augen blickten aus dem ausgemergelten Gesicht zuerst mit einem Lächeln gen Aradan und dann sofort misstrauisch zu der zweiten Gestalt. "Wer ist das!?", war ihre kräftige Stimme zu vernehmen und Aradan vollführte eine beschwichtigende Geste mit der linken Hand: "Keine Angst, sie ist eine Freundin… du brauchst dich nicht vor ihr zu fürchten, Serenia." Argwöhnisch betrachtete jene Darna, bevor sie schließlich nickte, die Tür vollends öffnete und Platz für die beiden machte. Schmales Dämmerlicht fiel in den Raum, welcher gesäumt war von zerbrochenen Schränken. Ausgelegt mit Holzdielen befanden sich einige schäbig aussehende Stühle in hinterster Reihe, sowie viele Sitzkissen in der Mitte des Raumes, welche allesamt vor einer kleinen Bühne aufgebaut waren, wie sie Puppenspieler gerne nutzten.
Wenngleich jene nicht so heruntergekommen wie das ganze Gebäude aussah war sie jedoch schon alt und hatte vermutlich bessere Tage gesehen. Erleuchtet wurde jener Raum von einigen heruntergebrannten Kerzen, welche auf den Resten ehemaliger Regale standen und durch das fahle Licht der Sonne, welche durch die wenigen Löcher in den Fensterläden hinein schien. Abgerundet wurde jenes Gebäude mit einem seltsamerweise heilem Strohdach, das sich auf Holzbalken im Dachstuhl stützte, so dass es hier oben angenehm trocken, wenngleich noch etwas kühl war. In der Ecke befand sich ein Lager, aus Stroh hergerichtet, welches aus einem Kissen und einer zusammengerollten Decke bestand, sowie mit einer zweiten Steppdecke ausgerüstet war. "Bist du wegen der Vorstellung gekommen, oder haben dich die königlichen Speichellecker endlich auf uns angesetzt?!", fragte sie in ihrer kräftigen Stimme, welche wohl wirklich das kräftigste an ihrer ganzen Gestalt war.
Sofort erhob Aradan die Hand, wohl befürchtend, dass Darna sofort zum verbalen Protest ansetzen würde und wandte sich selbst an Serenia, seine Stimme gewohnt gütigen ruhigen Klanges:
"Nein, keine Sorge ... ich bin wegen der Vorstellung hier ... heute läuft doch eine Vorstellung?"
"Aye ... auch wenn ich kaum glaube, dass sie dir und deiner .... ‚Freundin’ da gefallen wird."
"Mach dir darüber keine Sorgen, mir gefällt, was du tust ...", sprach er etwas vielsagend, was wohl nur für Serenia verständlich war und ihr ein bedächtiges Nicken entlockte. Schließlich schlug Aradan die Kapuze zurück und holte den Korb unter dem schäbigen Umhang hervor. "Hier, für dich und deine Gäste ..."
Schweigend entriss sie ihm förmlich den Korb, blickte hinein und zum ersten Mal sah man ein zierliches Lächeln auf den Lippen jener Frau, was ihre Züge aufhellte und ihr ein warmes freundliches Aussehen gab. Nun konnte man erahnen, dass sie wohl einstmals sehr hübsch gewesen sein musste, bevor die Armut zuschlug, ihre Wangen einfielen und ihren Körper abmagern ließ. Ungefragt griff sie sich eines der Schinkenbrote aus dem Korb und biss hinein, stapfte laut schmatzend zu ihrem Lager hin. Ein ruhiger Blick ging zu Darna und Aradan nickte seiner Knappin zu, dass sie ihm folgen sollte und setzte sich schließlich zu eben jener Frau.
"Das ist übrigens Darna ... meine Knappin", stellte er sie vor und es mochte sich vielleicht das Gefühl bei ihr einstellen, dass Aradan absichtlich den Nachnamen und Adelstitel wegließ. "Noch so ein Puderarsch, hm?", meinte die Frau, noch immer auf den Brot herumkauend und nickte Darna wohl grüßend zu.
"Ich bin Serenia ... und tu mir einen Gefallen und fass hier nichts an, ja?", sprach sie schließlich mit einem gewissen Feuer im Blick, bevor sie weiter in den Korb sah, eine Kerze heraus friemelte und in den alten gusseisernen Kerzenständer neben ihrem Nachtlager steckte, nachdem sie den Kerzenstummel, welcher wirklich bis auf das letzte Zentimeterchen genutzt aussah, gegen die neue austauschte. Der Blick jener Frau heftete sich wieder auf Aradan. "Hast dich lang nicht mehr blicken lassen ... ‚Hauptmann’ ...", sprach sie mit einem gewinnenden Grinsen und griff nach noch einem der Käsebrote. „Du hast also schon davon gehört, hm?", sprach er ruhig zu ihr und sie nickte:
"Aye ... hier spricht sich so was schnell rum ... hast Glück, noch ist das Kopfgeld für dein hübsches Gesicht niedrig ... was nicht heißen soll, dass man es hier nicht versuchen würde, wenn man dich zu Gesicht bekommt."
Aradan nickte nur, als sei er sich all dessen wohl bewusst, während Serenia sich gierig über das Käsebrot hermachte. Es war ganz offensichtlich, dass sie wohl lange nichts mehr zu essen hatte und teilweise musste man wirklich befürchten, dass sie sich an den gierigen Happen verschlucken würde. Ruhig griff Aradan unter seinen Mantel und löste den Wasserschlauch, den er ihr hinhielt.
"Wieder Wasser hm? Wann fängst du endlich an, da Schnaps reinzufüllen, oder wenigstens einen Wein!?" Sie schmunzelte ihm entgegen, was von ihm selbst erwidert wurde. "Ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn ich erst mich und dann dich betrunken machen würde ... Wasser löscht den Durst auch viel besser", sprach er ruhig, während sie ebenso gierige Schlucke aus dem Lederschlauch nahm und sich nach einem lauten Rülpser über den Mund wischte.
"’Nen speziellen Wunsch für heute Abend?" fragte sie dann schließlich und sah beide fragend an und Aradan erwiderte nur ein "Mhh… etwas zum Lachen wäre schön" darauf. "Du hast noch nie über meine Geschichten gelacht, Ritter, und du wirst es auch heute Abend nicht ... aber ich glaube, ich weiß, was du möchtest ...", sprach sie daraufhin nur und friemelte sehr vorsichtig die ganzen Kerzen aus den Korb. Sehr bedächtig, als hätte sie rohe Eier in der Hand, legte sie jene auf einen Haufen und machte sich schließlich daran, alte heruntergebrannte Kerzen auszutauschen und die neuen im ganzen Raum und an der Bühne zu verteilen. Aradan sah zu Darna und lächelte in seiner gütigen Art, wie er es schon oft tat.
"Serenia ist Schaustellerin ..." begann er schließlich zu erklären "Und wir werden heute Abend ihrem Programm zusehen dürfen. Ihr habt Glück, Knappin, sie scheint Euch zu mögen...", meinte Aradan mit einem Augenzwinkern, doch ernster Tonlage, erhob sich und ging Serenia bei der Vorbereitung zur Hand. Wiederum war es ganz offensichtlich, dass er nicht das erste mal hier war, da die Handgriffe saßen und er ebenso wie Serenia das sehr karge Bühnenbild und die Sitzordnung herrichtete. Im Gegensatz zum Rest des Gebäudes schien, nun wo sich die Augen, welche Wohlstand und Ordnung gewöhnt waren, an die ärmlichen Verhältnisse angepasst hatten, jener Raum recht ordentlich zu sein. Die Möbel waren teilweise sehr alt und mitgenommen, aber größtenteils noch intakt oder zumindest benutzbar, und auch fielen einige Reperaturen auf, die an jenem Haus wohl getätigt wurden, wenngleich natürlich selbst das Laienauge erkennen konnte, dass jene selbst getätigt wurden und nicht von einem Handwerker, der davon etwas verstand.
Die Sonne senkte sich langsam hinter dem Horizont und Serenia und Aradan entzündeten die Kerzen in dem Raum, welcher jenen in ein Spiel aus Licht und Schatten tauchte. Die Sitzkissen und Stühle waren alle bis auf zwei vor der Bühne hergerichtet und nach kurzem Suchen konnte man bemerken, dass jene beiden in eine unauffällige und nur spärlich beleuchtete Ecke gestellt wurden, in die mehr Schatten als Licht einfiel. Alles in allem wurde nur wenig gesprochen, bis Aradan Serenia schließlich einen kleinen unförmigen Beutel mit leisem Klimpern in die Hand drückte.
"Als Eintritt für Darna und mich ...", meinte er nur ruhig und erntete nur ein ruhiges Nicken von ihr. "Würden die Majestäten dann bitte ihre Plätze einnehmen, wenn’s genehm wäre?!", witzelte Serenia und machte einen höfischen Knicks, den sie wohl bei einer Dame auf den Strassen mal gesehen hatte und begann gleich daraufhin, loszuprusten. Überhaupt schien sich die Laune jener Dame mit verstreichender Stunde immer mehr zu heben, als erfülle sie freudige Erwartung, und so nahm Aradan Darna schließlich beiseite und führte sie zu den abseits stehenden Stühlen, welche unter dem Gewicht der beiden Personen gefährlich knarrend ächzten. Aradan zog sich wieder seine Kapuze tief ins Gesicht und schloss den Mantel um sich, während Serenia eine unter Schutt begrabene Kiste hervorholte und sie neben der Bühne aufstellte. Sie zog ebenso einen leicht rostigen Schlüssel hervor und sperrte jene auf um, wie man bei genauerem Hinsehen feststellen konnte, einige Handpuppen hervor zu holen. Eine stellte zweifelsohne einen Adligen dar, eine weitere einen Gardisten, eine andere wohl einen findigen Dieb mit Maske vor dem Mund, hellen blauen Knopfaugen und strohblondem Haar. Eine weitere Puppe zeigte ein ärmliches Mädchen mit pechschwarzem Haar und freundlichem Gesicht. Weitere schienen vorerst in der Kiste zu verbleiben. Die Kerzen, welche hell und intensiv brannten, gaben eine gute Sicht auf die Bühne und die Puppen frei, welche ebenso sehr abgegriffen, aber noch in gutem Zustand schienen. Es mag nicht schwer zu erraten gewesen sein, das jene wohl das ein und alles jener Frau dort hinter der Bühne darstellten.
"Ich möchte, dass Ihr Euch das hier heute gut anseht, Knappin. Dies gehört nicht oder nur indirekt zu eurer Ausbildung als Ritterin und doch mag jenes vielleicht eine wichtige Lektion des Lebens selbst sein. Während jener Vorstellung bitte ich Euch, völlige Ruhe zu bewahren und egal, was auf der Bühne gezeigt wird, die Aufführung nicht durch Kommentare oder Unmutsbekundungen irgendeiner Art zu stören ... seht einfach zu und schlussfolgert für Euch allein und vor allem achtet auf das _Wesentliche_", sprach er ruhig zu ihr und betonte den Schluss seines Satzes etwas geheimnisvoll, jedoch deutlich machend, dass er ihr wohl nicht verraten würde, was das Wesentliche sein würde. Kaum hatte er die Worte gesprochen, klopfte es auch schon an der Tür ... zweimal kurz und mit einem kurzen Zwinkern in die schattige Ecke, wo Darna und Aradan saßen, erhob sich Serenia und entriegelte die Türe. Als erstes kamen vor allem Kinder herein, abgemagert, in Fetzen gekleidet, wie so viele der ärmsten auf den Strassen. Die Wangen eingefallen wie bei Serenia selbst und doch - die Augen glänzten im Schein der Kerzen in freudiger Erwartung. Manche Münder klappten sogar herunter in einem aufrichtigen Erstaunen, als befänden jene sich in einem Märchenland, was nicht von Kerzen, sondern von Feenlichtern erhellt wurde. Artig nahmen die Kinder auf den Sitzkissen Platz, während nun auch einige Erwachsene und Jugendliche ihren Weg zu jenem Haus fanden und kurze Begrüßungswünsche und dergleichen mehr ausgetauscht wurden. Sogar einige Gaben, wie hartes aber genießbares Brot, ein nur wenig zerfetztes Hemd oder dergleichen wurde an Serenia herangetragen, welche jedes Mal lächelte, als hätte man ihr das kostbarste Geschmeide geschenkt. "Dies hier ist eine andere Welt, hier zählen völlig andere Werte", kommentierte Aradan nur mit einem leisen Flüstern gen Darna. Als alle Platz genommen hatten, ging Serenia zu dem Korb, teilte die Portionen der Brote und gab sie vollständig an ihre Gäste aus, was den Raum mit Leben und noch mehr Erstaunen über die gute Speise füllte. Es wurde viel erzählt und vor allem mit unglaublichem Appetit gegessen was Serenia mit einem ähnlich gütigen Lächeln, wie Aradan es oft zeigte, verfolgte. Sie unterhielt sich kurz mit einigen der Erwachsenen, bevor sie sich schließlich hinter der Bühne begab.
Während dem Ganzen schwieg Aradan still und sprach nicht ein Wort. Ernst waren seine Züge und seine jungen Blicke, welche im Schatten des Kapuzenumhangs verdeckt waren, richteten sich nun auf die Bühne. Gebanntes Staunen und Schweigen erfüllte den Raum, als Serenias Vorstellung begann.
Man sah zuerst die Puppe welche den Adligen darstellte, wie er sich mit dem Gardisten unterhielt und sich beschwerte, dass er doch auf offener Strasse ausgeraubt worden wäre. Ein Kichern ging durch die Reihen bei der rauen Wortwahl Serenias und wäre die Puppe nicht, weder Darna noch Aradan hätten jene wohl für einen Adligen gehalten, doch die Gäste in jenem "Theater" wussten es besser. Die Ankunft des strohblonden Diebes wurde mit lautem Krakeelen und vergnügtem Gekicher begrüßt, als jener dem Gardisten und dem Adligen ihre Goldbeutel klaute und natürlich ungeschoren entkam.
Ein derber Spaß folgte dem nächsten und schnell wurde klar, dass jener Dieb der Hauptheld jenes Puppenspieles war. Geschlagene 3 Stunden lang folgten Späße derbster Art auf Kosten des Varuner Adels, des Grafen und vereinzelt sogar der Königin höchstselbst, die jedem Adligen wohl die pure Empörung und Zornesröte ins Gesicht getrieben hätten, doch von dem Publikum mit heiterem Lachen und sich vereinzelt sogar auf den Holzdielen kugelnden Kindern beantwortet wurden. Sogar die Erwachsenen lachten, lächelten oder waren sichtbar froh, wann immer der Dieb nach erfolgreichem Coup den Gardisten austrickste, dem Adligen sein Gold stahl und dann zusammen mit dem armen Mädchen, in das der junge Dieb verliebt war, seine Beute in Form von mehr oder minder legal erworbenem Essen teilte.
Der ganze Raum war erfüllt von der Heiterkeit jener einfachen Leute, und auch wenn Aradan weder zornig noch amüsiert wirkte ob des Stückes, schienen seine Blicke bei der Heiterkeit jener Kinder und Menschen froh zu sein, und ab und an wohl nur für Darna sichtbar stahl sich ein aufrichtiges Lächeln auf seine Lippen. Die Zeit verging und Serenia zog mit ihrer direkten und in den hohen Kreisen wohl als grobschlächtig, vulgär und anmaßenden Art das gesamte Publikum in den Bann der Puppen und der Geschichten von Fitz dem "flinken Finger".
Als die Kerzen bis auf die Hälfte heruntergebrannt waren und der Mond hoch am Himmel stand, endete schließlich die Vorstellung in tosendem und vergnügten Applaus und nur mit den Abenteuern von Fitz als Gesprächsthema verließen die Gäste wieder das Theater. Als sie allein waren, erhob sich Aradan schließlich und klatsche dezent in seine Hände.
"Du warst großartig", sprach er Serenia direkt an, welche den beiden vermummten Gästen ein zutiefst zufriedenes Lächeln schenkte. "Ich weiß ... und ich weiß auch, dass es euch bestimmt nicht gefallen hat, wie ich über den Rest von euch Puderärschen gesprochen habe, also versuch gar nicht erst, gegenteiliges zu behaupten, Aradan", mahnte sie ihn mit wippendem Zeigefinger, aber entschärfendem freundlichen Blick.
"Dem Publikum hat es gefallen ... nur das ist wichtig ...", sprach der junge Ritter aufrichtig und nickte ihr lächelnd zu, "und du warst gut ... nur deine Stücke sind nichts für saubere Ohren" sprach er mit einem schelmischen Schmunzeln und entlockte ihr ein glockenhelles Lachen:
"Aye, da magst du recht haben, aber für jene", sie deutete zur wieder verriegelten Tür, "war es genau das Richtige. Zumindest einen Abend ihnen das Lächeln und Lachen zu schenken ist all die Mühe wert, sie haben sonst schon genug Sorgen und du weißt, dass es mein schönster Lohn ist, wenn ich jene mit einer Prise Witz, viel Spott über deinesgleichen und etwas Dramatik vertreiben kann. Im übrigen habe ich eine neue Puppe gemacht ... ich hatte vor, sie Arerodan zu nennen ... den edlen Ritter, welcher um Fitz’ Freundin wirbt und stets von ihm vorgeführt wird... was hältst du davon?", sprach sie selbst bester Dinge und entlockte dem Ritter ein erneutes Schmunzeln.
"Arerodan, hm? ... Ich kann es kaum erwarten, ihn auf deiner Bühne auftauchen zu sehen ..." Aradan und Serenia lachten... nichts war von vermeintlicher Feindseligkeit zu spüren, sie wirkten eher vertraut ... wirkten gleich… zwei Menschen mit einem ähnlichen Ziel in jenem Abend. "Ich danke dir dafür, dass wir zuschauen durften, Serenia. Ich werde alsbald wieder nach dir und deinem Spektakulum schauen", versprach er mit einem Lächeln und sie nickte freundlich.
"Aye ... und bring nächstes Mal ein paar mehr Brote mit und etwas Wein", sprach sie mit einem Lächeln und zwinkerte ihnen zu. Aradan nickte nur ergeben und winkte Darna schließlich mit sich. Mit Temoras Segen verabschiedete sich der Ritter und stieg die schmalen hölzernen Stufen hinunter, um sich mit Darna wieder auf den Heimweg nach jenem ereignisreichen Abend zu machen…
Verfasst: Mittwoch 5. April 2006, 21:22
von Darna von Hohenfels
"Seht einfach zu und schlussfolgert für Euch allein und vor allem achtet auf das Wesentliche."
Er nahm sein Schwert mit... das tat sie seit ein paar Tagen nicht mehr. Sie hatte die Banden gesehen, mit denen es wohl zum Konflikt kam, wenn ein Überfall geschah - sie wusste, sie würde in solch einem Fall mit ihrem Schwert nichts ausrichten können. Viel zu viele Bilder, bei denen sie sich gut vorstellen konnte, daß sie mit ihrer Waffe dann genauso hilflos wäre wie ohne. Und schlußendlich gab dann die Unerträglichkeit des Gedankens den Ausschlag, daß nach einem gelungenen Überfall dann also ihre .... ihre Waffe in den Händen dieser Straßenstrolche wäre und weiteres Leid verursachen würde. Ihr Schwert? Nein.
"...entbiete ich mein Schwert, um zu streiten für alles, was recht ist."
In diesen Straßen gab es nur wenig, was man mit einer Klinge bekämpfen konnte. Sie kam sich auch erst lächerlich vor, als sie nach den ersten zwei Tagen hierherkam - mit einem Bündel aus fünf Decken, einem Paar Schuhe, und einer Tüte mit Äpfeln. Sie hoffte, der Mann mit den zwei verschiedenen Schuhen würde das Paar, das sie in seinem "Revier" halb verborgen hingestellt hatte, finden.
"Geborgen, aber nicht versteckt. Offen für die, die suchen und sehen wollen."
Das Gleiche bei zwei der provisorischen Lagerstätten, deren Bewohner sie die letzten Tage halb zwischen Müll schlafend gesehen hatte. Sie wusste, es gab ihrer mehr, so viele Decken konnte sie gar nicht mitnehmen...
"Aber das ist doch kein Grund, gar keine mitzunehmen, wenn ich eine mitnehmen könnte."
Und auch die Äpfel nahm sie nicht wieder mit nach Hause.
Jetzt sah sie die Tüte mit Broten, sah den alten Umhang und wusste, wofür sie waren, wohin es ging. Sie schwieg. Fast war sie dankbar, daß es nicht wieder die edle Kleidung sein musste, die ihr Aradan sonst für ihren Auftrag befohlen hatte.
Sie hatte die Aggressivität in manchen der Gassen dort gespürt, und es war keine Frage, ob etwas passieren würde - sondern, wann und wie. Sie hatte schon gedacht, der Vorfall, der sich zwischen Erinna, Xinthra und ihr abgespielt hatte, wäre so etwas gewesen, doch diese Geschehnisse waren weit verdrehter gewesen, als es sonst im Armenviertel an der Tagesordnung war. Manche Dinge waren hier geradezu erschreckend einfach. Eine dieser erschreckend einfachen Tatsachen war die, daß derjenige auffiel - auch unangenehm - der zu laute Reden schwang.
Schweigend folgte sie ihrem Herrn.
"Mal schauen, ob Ihr danach noch immer Phrasen drescht..."
Serenia...
Darna konnte nicht wirklich behaupten, daß ihr die Frau sympathisch wäre. Es war diese besondere Art Bitterkeit in den Zügen und in der Stimme, der die Knappin zurückschrecken ließ wie ihre Finger vor einer heißen Ofenplatte.
Sie war hier Gast, ihr Herr musste etwas Bestimmtes vorhaben, daß er hierherkam, nicht einmal die Worte waren ihr Revier... "königliche Speichellecker"... - sie schwieg. Einzig ein leichtes Verengen der Augen konnte Aradan von dem deuten, was in ihr vorging.
Serenia wusste, was sie tat. Sie wusste, was sie sagte - und es war ihr egal. So tat es umso mehr weh...
"Puderarsch" - sie lernte, auch dies zu ignorieren.
Daß auf Aradan ein Kopfgeld ausgesetzt war, schon weit weniger. Kopfgeld? "KOPFGELD?!" Für einen Moment hätte sie die dürre Frau packen und schütteln mögen. "WER wagt es, auf IHN ein KOPFGELD auszusetzen?!" - sie schluckte es mühsam runter. Fassungslos fragte sie sich, wie er das so scheinbar gleichmütig hinnehmen konnte.
Die Gesetze der Brutalität von armen Leuten... sie hatte sie noch nicht gelernt.
Still beobachtete sie, wie Aradan und diese seltsame Schauspielerin die Kerzen aufstellten. Sie wäre ihnen zur Hand gegangen, und hätte sicher nicht zwingend was auf die Worte der Frau gegeben, daß sie hier nichts anfassen solle - doch Aradan achtete ihre Worte und so fügte sie sich dem, beobachtete einfach nur.
Ein Gedanke fuhr durch ihren Sinn: welchen Eindruck sie auf die Frau wohl machte. Wie verhielt sich diese Frau, nur allein aufgrund ihres Anblicks? Welche Urteile waren bereits gefällt worden, ohne daß auch nur ein Wort von der Knappin gefallen war? "Puderarsch"...
"Du siehst die Weste, nicht das Herz."
Und der Anblick der Puppen? Ein Edler, ein Ordnungshüter, ein verschlagener maskierter Kerl und eine Frau mit schwarzen Haaren, die Darna mit gemischten Gefühlen betrachtete - sie sah einerseits hübsch aus, andererseits erwartete Darna irgendwie nichts Gutes von ihr, ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, so oft sie die Puppe vor der Aufführung betrachtete.
Stille.
Während die Zuschauer bei dem Komödienstück johlten und lachten, schwieg nicht nur die Knappin, es schwieg auch in ihr. Der stetige Gedanke, daß Aradan damit irgendeinen Zweck verfolgte, zwang sie einzig dazu, fest auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben. Die Linke ruhte auf ihrem Bein und nässte dort mit Schweiß die Hose, die Rechte arbeitete unstet, rieb die Finger mit massivem Druck aufeinander, um sich nicht die Blöße zu geben, sich schlicht zur Faust zusammenzuballen.
Der Sinn der Übung konnte nicht sein, daß er sehen wollte, wann sie die Geduld verlor und sämtliche hier Anwesenden wegen massiver Majestätsbeleidigung festnehmen wollte, oder?
Sie blieb still. Im Schatten der Kapuze verstrichen diese Momente, wo einem ein Blick in das Gesicht der jungen Frau Angst einjagen konnte: Aus verengten Augen starrte sie auf das Geschehen vor sich, die dichten Brauen zusammengezogen, Furchen, die sich um ihre Mundwinkel fraßen und sie noch weiter herunterzogen und schlußendlich die ausgefranst aussehenden tiefen Narben, die dem allen nur einen noch gefährlicheren und mißgelaunteren Eindruck verliehen.
Das Antlitz der Knappin vermittelte die Freundlichkeit eines auf halber Höhe hängenden Fallbeils.
Die Scherze des Szenarios und das Lachen der Kinder glitten an ihr vorbei, fanden keinen Widerhall. Schon Shanna hatte die Erfahrung machen müssen, das nicht das niedlichste Kindergelächter das Herz der Knappin zu rühren schien. Sie konnte freundlich und aufmerksam sein, doch alles Weitere blieb auf geradezu schon unmenschliche Weise ohne Resonanz.
Darna beobachtete das Stück, und sie sah darin nichts weiter als die Ursache für Shannas abfällige Worte über Gardisten - natürlich, hier wurden sie ja auch als nichts anderes vorgeführt als Trottel. Desgleichen Erinna und Xinthra, die in einem Atemzug erzählten, Gardisten in Berchgard gewesen zu sein und es als Spaß und lustigen Nervenkitzel empfanden, einen Raub und angedrohte Vergewaltigung in den Straßen der Kleinbürger nachzuspielen.
Lag hier der Grund? Im wahrsten Sinne des Wortes: spielte er sich hier vor ihren Augen in just diesen wenigen Stunden ab?
Sie hätte dazwischengehen mögen.
Gerade fing Darna an, innerlich mit sich darüber zu diskutieren, daß diese Menschen wahrlich genug Probleme hatten und ihnen einige Stunden Vergnüglichkeit sicher zu gönnen waren, aber doch nicht so...
als ihr ein weiteres Mal alles aus dem Gesicht fiel. Arerodan? Sollte sich um dieses einfältige Mädchen bemühen, das die Schandtaten ihres Geliebten für gerechtfertigt hielt... genau wie die Bauersfrau, die am Galgen geendet hatte, zuvor noch für den Tod von Sir Hagen mit verantwortlich gewesen war... als hätte irgendein auch nur halbwegs ehrbarer Ritter Grund dazu, sich für eine solche Gestalt zu interessieren...
Lüge an Lüge, und alles lachte darüber, ihr eigener Herr schien es hinzunehmen...
und neben ihm stehend platzte sie bald. Das durfte doch alles nicht wahr sein.
Später lag sie noch lange wach, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, an die dunkle Decke starrend, an der sich graue Schemen vom flackernden Licht der Straßenlaterne draußen abzeichneten, ein eigenes bizarres Spiel, das sie auch nicht weniger verstand als das Spiel bei Serenia. Sie sah vor ihrem geistigen Auge die Kinder, die den Gardisten und den Adeligen auslachten und den Dieb feierten...
"Und ich wunderte mich, wie es überhaupt angehen kann, daß nicht nur Höherrangige sich herablassend gegenüber niederragigeren Bürgern benehmen, sondern - nein, auch ganz genau anders herum! - daß der niedere Stand in einer ätzenden und entwürdigenden Weise herablassend der Obrigkeit entgegentritt?
Dort wurde es als Paradebeispiel vorgelebt... der hochnäsige Adelige, an dem nichts edel ist... der tumbe Gardist, der die Buchstaben der Gesetze, die er gnadenlos und blind verfolgt, am besten noch nicht mal lesen kann... die unschuldige junge Schönheit, die die 'wahren Werte' achtet - und einen Gauner anhimmelt, der Gesetze bricht, wie ein Hund Hühnerknochen.
Brauchen sie das, um an ihrer eigenen Verdorbenheit nicht zu verzweifeln? Um eine Rechtfertigung für das zu haben, was sie später auf der wirklichen Straße tun? Das Bild von 'Fitz, dem flinken Finger' vor Augen und der Rechtfertigung "Der blöde Adelige treibt mich ja dazu!"
Und alles getarnt im Mantel von Spiel, Scherz und Heiterkeit...
Das Lachen bleibt im Halse stecken, wenn der Traum vom flinken Finger sich als Illusion entpuppt, der Gardist seltsamerweise doch nicht ganz so blöd ist - und die Betrachtung durch die Gitterstäbe einer Zelle ernüchternd wirkt.
Was haben diese Strolche, die vom armen Küfer, selber Vater von sechs Kindern, noch Geld erpressen, mit Fitz zu tun? Gar nichts. Und trotzdem wähnen sie sich im Recht, wähnen ihre schmutzige Welt als die einzig wahre, ist es das?
Und der Gardist, der für Ordnung sorgen will, ist der Bösewicht..."
Frustriert seufzte sie.
"Muß ich mich wundern, sollte nicht irgendwo Alatar stehen und sich biegen vor Lachen über diese perfide Saat von Bosheit? Geduldet, weil es ja Scherze sind, weil Kinder darüber lachen..."