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Der vorgeschriebene Pfad
Verfasst: Samstag 25. Juli 2015, 19:45
von Gast
R E M I N I S Z E N Z
7 Jahre
Weinend saß die kleine Rothaarige, nicht einmal 8 Jahre alt, auf den steinernen Boden und rieb sich die Augen. Dicke Tränen liefen über die mit Sommersprossen bespickten Wangen und ihrer Haltung zu urteilen schien die Welt gerade in sich zusammen zu brechen. Vor ihr lag ein kleiner Vogel, regungslos und steif, fernab vom Leben. Und niemand schien zu kommen, niemand konnte sie hören. So ging der Schmerz noch mehr durch ihre Brust und der Fluss ihrer Tränen wollte nicht aufhören. Immer mal wieder wischten die kleinen Hände über die Augen, wollten das Leid vertreiben und doch schien sie gänzlich zu versagen. Irgendwann fühlte sie dann allerdings eine Hand auf ihrem Schopf und als sie empor blickte, stand er da, der kleine, vorlaute Bengel mit dem schiefen Grinsen. Er strich immer wieder über ihr Haar, während er beruhigende Worte zu ihr sprach und das war der Moment, wo sie langsam wieder begriff, dass das Leben weiter gehen würde, auch ohne diesen Vogel.
12 Jahre
Mit verschränkten Armen saß sie an ihrem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Sie hatte sich mit einen der Jungen der Nachbarn gestritten und ihre Mutter erachtete dies als unpassend, so musste sie die nächsten zwei Tage auf ihrem Zimmer verbringen. Zwar durfte sie zum Essen hinunter kommen, aber weiter als die Küche wurde ihr Freiraum nicht. Und so langweilte sie sich, über Stunden und entschloss sich letztendlich aus dem Fenster zu starren. So lange, bis der schwarzhaarige Kerl über das Dach balancierte und sie aus den Träumen riss. Er klopfte gegen das Fenster, sie schob es in die Höhe und mit einem selbstgefälligen Lächeln drückte er sich an ihr vorbei in den Raum hinein. Aus seiner Tasche packte er diverse Dinge, welche die nächsten Stunden von Langeweile befreiten.
17 Jahre
"Du kannst nun nicht einfach abhauen, Hillevi!"
"Ich habe keine Lust mehr in diesem Käfig zu leben, mit diesen Vorlagen!"
"Du tust so, als wäre der Wunsch deiner Mutter die Hölle für dich!"
"Das ist es auch!"
"So..."
Sie merkte noch, wie er ihr nachsah, doch sie warf keinen Blick zurück. Die Auswirkungen dieses Wortwechsels wurden ihr erst nach ein paar Stunden bewusst, doch ließ der Stolz sie nicht mehr herumdrehen. Sie konnte nicht an den Ort zurück, wo ihr Leben geplant war, bevor sie es lebte. Sie wollte frei sein und dafür mussten eventuell auch Worte gesagt werden, die einen zerrissen wie ein Stück Papier. Und so lief sie und lief, nahm Kutschen und Schiff, bis sie sich nicht mehr an einem Ort befand, an welchem ihrem Gegenüber ihr Nachname ein Begriff war.
Ich fragte mich wie das Atmen funktionierte. Denn ich war mir nicht mehr ganz sicher. Ich hatte manche Dinge vermutlich verdient, aber das sie mich trotzdem so erreichen würden hätte ich nie gedacht. Mir wollte auch nichts mehr gelingen, die Nähte wurden schief, die Farbmischungen grauenvoll und abgesehen vom Laufen und Essen, wenn da der Hunger auch nicht antrieb, funktionierte nichts mehr wie es sollte. Doch ich hatte mir einst vorgenommen, mir von meiner Vergangenheit nicht die Zukunft verderben zu lassen. So war bemüht das Leben weiter zu leben, welches ich mir aussuchte. Ich machte weiter und ignorierte die Tatsache, dass ein paar kleine Worte am vergangenen Abend mein Uhrwerk angehalten hatten. So lief ich weiter, ohne wirkliches Zeitgefühl oder Ziel. Es war eben ein: Tag ein und Tag aus und es war in Ordnung, nach ein paar Stunden oder vielleicht auch mehr. Die Rückkehr meines Bruders hatte das Ganze nur verschlimmert, dadurch erinnerte ich mich nämlich an das Leben im Käfig und meinen vorgeschriebenen Pfad. Dinge, die ich aus meinem Kopf vertreiben wollte, bereits auf der Schiffsreise nach Gerimor. Wie ich bedauerlicherweise feststellen durfte, hatte ich dahingehend versagt. Aber wie mein Vater einst sagte: Sei immer bemüht. - Das war ich.
Verfasst: Sonntag 9. August 2015, 21:33
von Gast
7 Jahre
Immer wieder schwenkte die Schaukel voran und sie saß da wie ein Häufchen Elend. Glücklich wirkte das kleine, pummelige Mädchen nicht, als sie immer wieder vor und zurück wippte. Ihr Blick lag dabei auf dem Zaun, ein Zaun der sie von der Straße trennte, wo die Nachbarskinder umher rannten, spielten, dreckig wurden. Sie selbst durfte nicht hinaus, das hätte ihr Kleid ruiniert und sich nicht geschickt. Auch wenn sie zu dieser Zeit nicht einmal wirklich verstanden hatte, was das denn bedeutete. So wippte sie weiter, vor und zurück und irgendwann, als der Schwung zu groß wurde, fiel sie voran auf die Nase. Die Mundwinkel kräuselten sich deutlich und immer wieder zog sie mit der Nase hoch, um sich das Heulen zu verkneifen. Doch das half alles nichts. So lief sie weinend und Augen reibend zum Haus zurück und rief nach ihrem Vater. Doch das was sie bekam war eine Hand, die sie grob am Oberarm packte und zu sich heran zog.
"Hillevi Revai Thraun! Was hast du mit dem Kleid gemacht? Das hat so viel gekostet. Kannst du denn nicht aufpassen!"
"Verzeiht mir, Mutter... die Schaukel..."
"Ich will das nicht hören, gehe sofort zu deinem Vater und entschuldige dich! Wie du mit unserem Gold umgehst ist unglaublich..."
Und so rannten die kleinen Füße über den fein verarbeiteten Holzboden in das nächste Zimmer, wo bereits der Vater weilte und ohne zu zögern die Arme ausbreitete. So weinte das Mädchen mit den Sommersprossen bitterlich und den Vater, den interessierte es nicht einmal, was denn mit dem Kleid geschehen war. Er bemühte sich lediglich darum, ohne Worte, die Tränen des Mädchens zu trocknen.
12 Jahre
Sie hob langsam die rechte Hand empor und winkte ihrem Vater hinterher, der sich wieder auf den Weg machte zu einer seiner Reisen. Diese konnten Wochen dauern, Monate oder gar Jahre und jedes Mal hoffte sie, dass er bereits am nächsten Tag zurückkehren würde. Doch das passierte nie. Die ersten Worte die ihre Mutter immer zu ihr sprach, als seine Kutsche um die Ecke bog, brannten sich jedes Mal in ihren Kopf, so auch dieses Mal.
"Noch dreimal winken, dann wirkt es zu übertrieben. Dann gehen wir hinein, stolpern nicht."
"Sehr wohl, Mutter."
"Uns sieht keiner zu, Mutter, du übertreibst immer maßlos."
Ihre Schwester konnte sagen was sie wollte, irgendwie passierte da nie etwas. Aber wenn sie selbst das Wort gegen das Wort der Mutter erhob, waren die darauffolgenden Tage die Hölle. So gewöhnte sie sich das bereits in jungen Jahren ab. Sie drehte als ab, nachdem sie noch dreimal gewunken hatte und verschwand im Haus. Nathaniel und Haven standen stramm an der Eingangstür, warteten ab und wo ihre Schwester Nathaniel ein Zwinkern widmete, ignorierte Hillevi ihn gänzlich. Und so war es nur die Seitenansicht eines traurigen Blickes, welches sie offenbarte.
17 Jahre
Sie stand wie versteinert an Ort und Stelle. Ihr Blick lag penetrant auf ihrer Mutter und dem Schwarzhaarigen, welcher sich neben ihr befand. Ihr Vater war bereits seit einigen Jahren auf Reisen und wären die Briefe nicht gewesen, hätte sie sich gar um sein Leben gesorgt. Weiter hinten konnte sie auch ihre Schwester entdecken, welche ihr einen Blick schenkte, der hätte töten können. So vergingen ein paar Sekunden und irgendwann schüttelte sie den Kopf.
"Was sagtet Ihr, Mutter?"
"Wir haben uns dazu entschlossen, dass Nathaniel dein zukünftiger Mann wird. Er weiß sich zu benehmen, sieht gut aus und die Beziehung unser Familie ist bereits über Jahrzehnte eng verschlungen."
"Nein."
"Wie bitte?"
"Ihr habt mich verstanden, Mutter. Ich habe mein Leben lang alles getan was Ihr sagtet, dieses Mal weigere ich mich. Ich heirate aus Liebe heraus und nicht aus Zwang."
"Diesen naiven Gedanken wirst du schon ablegen, du kannst nun auf dein Zimmer gehen."
Und als der Schlaf mich in die Höhe riss, starrte ich schwer schnaubend in Richtung Vorhang. Meine Hand wanderte langsam in die Höhe und ich betrachtete meine Fingerkuppen. Die Einstiche von den Nadeln waren deutlich zu sehen und als ich realisierte wieder im hier und jetzt zu sein, griff ich nach meinem Überwurf und schlich mich aus dem Raum heraus, um mich unten im Garten auf die Bank zu setzen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen doch es dämmerte schon. Und ich wollte nicht einmal groß nachdenken, ich wollte einfach nur dasitzen und zusehen wie die Stadt nach und nach mit warmen Licht geflutet wird. Und doch kam für wenige Augenblicke der Zweifel in mir auf, zu kurz, zu schnell verdrängt und doch vorhanden.
- Nur ein paar Worte, auf weißem Papier, hast du die geschrieben?
Sind die wirklich von dir? Ich sehe dich lachen, das steht dir so gut.
Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, zu Tode betrübt.
Auch wenn dein Weg, in eine andere Richtung zeigt.
Du musst ihn geh'n, nur bitte nicht zu weit.
Verfasst: Montag 11. Januar 2016, 23:35
von Gast
7 Jahre
Sie wusste nicht wirklich was sie falsch gemacht hatte, doch auf ihrem Bett sitzen und die Wand anstarren, das konnte sie mittlerweile recht gut. Die Finger hatte sie auf dem Schoß gefaltet und so wie ihre Mutter sagte, versuchte sie immer wieder sich vor Augen zu führen wo der Fehler lag. Da sie diesen allerdings nicht verstand, fiel es ihr auch schwer sich mit ihm auseinander zu setzen. Was hatte sie noch gleich getan? Sie hatte doch nur das Gleiche gemacht, wie alle anderen Kinder auch. Wieso war es bei ihr nicht passend und bei den Anderen schon? Sie verstand die Ansichten ihrer Mutter wie immer nicht, doch den Schmerz auf ihrem Hintern, den begriff sie recht schnell. Warum immer der Rohrstock kam, wenn irgendwas falsch war, wusste sie nicht. Aber ihr Vater sagte auf jeden Fall immer, dass manche Dinge nur aus Liebe passieren. War das Liebe? Strafe durch Schmerz? Sie war noch zu jung, um es zu begreifen und gerade mal alt genug, dass ihr große Kullertränen über die Wangen liefen, um so länger sie dort sitzen musste und ihre Strafe 'abbauen'.
12 Jahre
Als sie am Fenster saß und beobachtete wie ihr Bruder mit Nathaniel und ein paar Kindern aus dem Dorf spielte, lockte sie immer wieder der Drang aufs Vordach zu klettern und zu ihnen hinab zu steigen. Sie wollte ebenfalls Hosen anziehen, mit Schneebällen werfen und dann halb erfroren nach Hause kommen und einen Tee trinken. Aber das ziemte sich nicht, man spielte nicht als Frau im Schnee und erst recht nicht mit Jungen. Und so drückte sie sich empor, griff nach den Vorhängen und war bereit sie zuzuziehen. Nur kurz traf sie dabei Nathaniels Blick und es war ihr so unangenehm, dass sie den Kopf absenkte und sich versteckte, hinter Fenster und Stoff. Sie griff nach einem Buch, fing an zu lesen und ließ den Tag an sich vorbei rauschen, und auch den Winter.
18 Jahre
Es war der fünfte Abend, an dem sie sich nach Nathaniel erkundigte und es war der fünfte Abend, an dem ihre Mutter ihr mitteilte, dass er nicht da sei und sie nicht wüsste wann er wieder käme. Eventuell würde er auch die ganze Nacht weg bleiben. Aber das ist ja kein Problem, so sagte sie, es sind sicherlich wichtige Dinge die ihn fern halten, warum sonst sollte er ihre Gesellschaft missen. Und da lächelte sie und nickte und wandte sich ab. Nach zehn Tagen war sie es leid zu fragen und beendete das Warten. Und statt, dass sie mit ihrer Mutter am Kamin saß und wartete, dass die Zeit verging, gaukelte sie ihr vor sie würde früher zu Bett gehen und verschwand auf ihr Zimmer. Dort zog sie sich ein schönes Kleid an, schminkte sich unnötig stark und öffnete die Haare, dass sie sich über den ganzen Rücken ergossen. Sie war das Warten leid und die Etikette und so bewegte sie sich über das Vordach und sprang hinab. Wenn er leben konnte, konnte sie das auch. Hätte sie gewusst was der Abend bringt, hätte sie zumindest tatsächlich die Gesellschaft ihrer Mutter vorgezogen.
Es war sicherlich schon drei Uhr Nachts, als ich noch immer wach in meinem Bett saß und den Lauten folgte, die sich um mich herum breit machten. Das Holz knarzte bei dem starken Wind und das lose Fenster des leerstehenden Nachbarhauses knallte immer wieder gegen die Wand. Es war vollkommen unangenehm, auch wenn ich nicht an Geister oder dergleichen glaubte. Ich fühlte mich leer und ich wusste nicht einmal wieso. Ich war tolerant geworden und ich glaubte nicht einmal daran, dass er es gemerkt hatte. Wir sprachen nie darüber was er tat, als wir uns verloren hatten. Wir redeten aber auch nicht darüber was ich tat und so glich sich das Ganze recht gut aus. Ich wusste noch immer nicht, ob ich mir seine Existenz nur einbildete und jedes Mal wenn ich ihn ansah, drang das schlechte Gewissen meine Kehle empor und ich konnte nicht mehr atmen.
Ich wusste auch nicht was geschehen war, aber die Berührungen waren anders, die Blicke lösten andere Dinge aus und ich fühlte mich so, als würde ich ihn ganz neu betrachten. War er ein anderer Mensch geworden oder war eher ich die, die sich verändert hatte? Die sich verändern musste. Und die wichtigere Frage war: Hatte ich ihn verraten? Und ich konnte ihn nicht einmal fragen.
Verfasst: Mittwoch 3. Februar 2016, 17:44
von Gast
Ich saß am Fenster und drückte meine Finger immer wieder etwas fester auf die Fensterbank, so dass sie Blut verloren und sich unter den Nägeln eine Verfärbung bildete. Meine Augen verfolgten den Schneefall vor dem Fenster, der uns heute regelrecht überraschte und mich an den Stuhl kettete. Ich hing sowieso meinen Gedanken nach und so folgte nur ein dünnes Seufzen, ein Hin und Her auf dem Stuhl und ein weiterer Blick auf die Straße, die sich mit Schnee füllte, welcher nicht wirklich liegen blieb. Es war seltsam wie das Leben so spielte und noch seltsamer war es, wenn man dabei feststellte eine vollkommene andere Person darzustellen, als man sein Leben lang glaubte. Wenn man dann anfing sich noch zu fragen, ob andere Wege vielleicht angenehmer, witziger oder lebenswerter wären, dann hatte man wohl einen gewissen Punkt des Wandels erreicht.
Ich verschränkte meine Arme auf dem Schreibtisch und bettete mein Kinn auf meinen Unterarmen, noch immer starrte ich dabei die Scheiben an, in der Hoffnung dort die Antwort zu finden, die meinem Kopf noch verborgen blieb.
Als ich unten hörte, wie er vom Nachtdienst kam, ging mein Herz kurz auf, mein Kopf hob sich an und senkte sich dann auch schon wieder ab. Ich war sogar zu träge mich zu erheben und ihn zu begrüßen. Es wäre das Selbe wie immer gewesen. Wie war die Nacht? - Ruhig. - Mhm. Hast du Hunger? - Ja. - Ich mache dir etwas. Nicht das es mich störte, diese Gespräche, die irgendwann theoretisch nicht mehr geführt werden mussten. Mich störte eher, dass wir in einem Strom schwammen, der uns Beiden nicht wirklich zusagte, auch wenn wir es nie offen aussprachen. Eigentlich hassten wir es wie es war. Also zumindest glaubte ich das. Das war nicht unser Leben und auch nicht das, was uns irgendwann voll und ganz erfüllen würde. Doch was das ändern könnte, wussten wir beide nicht. So wurde akzeptiert, das Ganze abgenickt und eben Banalitäten voran geschoben.
Nach einigen Stunden, wo ich mir sicher war das er schlief, ging ich nach unten, ganz nach unten, um einen kurzen Blick auf ihn zu werfen. Er sah erschöpft aus. Es war allerdings nicht diese Art von Erschöpfung die man hatte, wenn man in einem Krieg diente, sondern eher diese Art der Erschöpfung vom Nichts-Tun. So sackte ich neben ihm ans Bett, verschränkte meine Arme locker auf einer freien Stelle der Decke und bettete meinen Kopf erneut auf meinen Armen, um ihn zu beobachten und nach einer Weile, kniend in seinem Reich, einzuschlafen. Mit der Frage, welche Wege wohl die Besseren wären.
16 Jahre
Und als sie ihm entgegen blickte, wie er dort im Regen stand und sich vermutlich in den knappen Kleidern den tot holen könnte, wurde ihr deutlich bewusst was er für sie war. Sie war weggelaufen, zum gefühlten hundertsten Mal. Sie wollte dieses Leben nicht mehr und die Tyrannei ihrer Mutter, die ihr jeden Abend den Schlaf verdarb und in Alpträume hinein quälte. Also lief sie los, in Kleid und den feinsten Schuhen, um irgendwann beim Rennen festzustellen, dass sie nicht wüsste wo sie hin sollte. Und dieses Mal, das letzte Mal als sie rannte, fand sie sich auf irgendeinem Feld wieder, wo sie nicht einmal wusste wo sie war. Ihr liefen die Tränen über das Gesicht, sie schrie in die Nacht hinein und hoffte dort die Antwort zu finden, die ihr verborgen blieb. Sie hasste ihr Leben und ihre Existenz, die nicht einmal ihre war, sondern die Führung ihrer Mutter. Ihr Gesicht hasste es gleichermaßen nicht mehr zu wissen was Tränen und was Regen war. Und dann, dann stand er da. Nass bis auf die Knochen, die Hände in den Hosentaschen und der Blick auf ihr. Sonst befasste er sich immer damit ihr Vorwürfe zu machen, bevor irgendwas Anderes kam, doch dieses Mal war es anders. Er stand einfach nur da und starrte sie an und das sogar mitfühlend - zumindest bildete sie sich das ein. Es waren sicherlich diverse Sekunden, bevor sie dann auf ihn zuging und die Arme um seinen Leib legte. Sie berührte ihn sonst nie und auch er sie nicht, wenn es nicht unbedingt nötig war. Doch dieses Mal war es ihr egal, die Etikette und all das. Denn ihr Herz hatte sich in diesen Momenten anders entschieden. Und so standen sie da, fast ewig, im strömenden Regen. Und sie malte sich ausnahmsweise nicht die Reaktion ihrer Mutter aus, sondern lebte das erste Mal in diesem Leben den Moment, der nicht einmal spektakulär zu sein schien.
Und dann sitz ich auf dem Bett und esse Steine.
Deine, Meine, Große, Kleine.
Beiße mir die Zähne aus, wenn ich sie zermalme und denke nur so geht es vorbei.
Und so sitze ich auf dem Bett und esse Steine.
Alte, Schwere, Spitze, Feine.
Bis ich fertig damit bin lasst mich alleine und ich denke nur so geht es vorbei.
Zu Stein um Stein,
Stein um Stein.
Verfasst: Montag 22. Februar 2016, 17:37
von Gast
Ich tanzte den ganzen Morgen durch unsere Räumlichkeiten, ohne das ein Funken Musik im Raum war. Diese herrschte nur in meinem Kopf, dazu gesellte sich zwar eine gewisse Müdigkeit, aber sie wollte meinen Körper noch nicht erreichen. Also setzte sich einen größeren Schritt voran, hob das rechte Bein empor und dreht mich einmal im Kreis. Der Abend war ein voller Erfolg und so glücklich hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich versuchte mir einzureden, dass es mal einen Moment in der Heimat gab, die ihn so einen Gesichtsausdruck schenkt, aber das war nicht wahr. Die Frage die mich betrübte war nur, ob er wirklich noch nie richtig zufrieden war? Meine Drehung fand ein Ende und gerade als ich mich diesem Gedanken hingeben wollte, wuselte der das kleine Fellknäul zwischen meinen Beinen hin und her, was mich ein wenig taumeln ließ und irgendwann ein ein Pfeifen meinerseits erzeugte. Erst um ihn zur Ordnung zu rufen, nur um dann die fehlende Melodie durch den Raum klingen zu lassen. Sam sprang dabei immer wieder an meine Beine und bellte mit wedelnden Schwanz. Anscheinend waren mittlerweile alle glücklich in diesem Haus, ein Umstand, von dem ich träumte seitdem wir hergekommen waren.
So wurde das Pfeifen zu einem Summen, als ich den kleinen Welpen in die Höhe hob und ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn drückte und er sich revanchierte mit der nassen Zunge, die sich sogleich über meine Wange zog. Meine Mundwinkel regten sich und ich schaffte es ganze zehn Minuten so herum zu laufen, bevor mein Wahn bezüglich der Sauberkeit packte und ich mir das Gesicht waschen musste. Wir hatten also in vielerlei Hinsicht Fortschritte gemacht.
* * Liederbuch * *
''Schiff mit schwarzen Segeln''
Ein Mann, der stand, fern seiner Heimat,
am Bug des Schiffes vorn.
Der Blick gerichtet in die Ferne,
in der Hand die Flasche Korn.
Die Gedanken war'n bei der Geliebten,
kurvig, wunderschön und stark,
So träumte er von seinem Mädchen,
die Seeluft drang ihm bis ins Mark.
Er nahm die Flasche, hoch zum Prost
Und schrie den Wellen hinterher
'Ihr werdet sie mir nicht mehr nehmen,
dem seid euch fortan getrost!'
So schaut das Schiff mit schwarzen Segeln,
aufeinmal da aus dichten Nebeln,
wie geschaffen für das Meer,
der Rumpf noch glänzend schwarz von Teer.
Kaum ist sie im Blick gefangen,
werden schon die ersten bangen.
Perle des Meeres, Herrin der Gischt
und Sturmes Trotz für allezeit.
Das Grinsen wurde immer breiter,
als Angst in die Gesichter drang,
'Nun seht mal her, was wir hier haben,
wahrlich doch ein guter Fang!'
Es knallten auch schon die Kanonen,
Säbel rasselten im Takt,
Die Einen waren voller Freude,
die anderen von Furcht gepackt.
So rief der Kerl dort vorn am Buge,
'Es nützt euch sowieso nichts mehr!'
Die Mannschaft ist bereit zum entern,
Mit ihnen auch der alte Bär!
So schaut das Schiff mit schwarzen Segeln,
auf einmal da aus dichten Nebeln,
Wie geschaffen für das Meer,
der Rumpf noch glänzend schwarz von Teer.
Kaum ist sie im Blick gefangen,
werden schon die ersten bangen.
Perle des Meeres, Herrin der Gischt
und Sturmes Trotz für allezeit.
Und als die Beute dann erobert,
klirrten Flaschen fröhlich, frei.
Das Gold, die Schätze in den Truhen,
so schwand sie wieder in den Nebel,
bis zum nächsten Mal an anderem Ort.
So schaut das Schiff mit schwarzen Segeln,
auf einmal da aus dichten Nebeln,
Wie geschaffen für das Meer,
der Rumpf noch glänzend schwarz von Teer.
Kaum ist sie im Blick gefangen,
werden schon die ersten bangen.
Perle des Meeres, Herrin der Gischt
und Sturmes Trotz für allezeit.
''Denn was immer es ist''
Ich hatte Staub auf meiner Seele.
Meine Augen waren taub.
Ich weiß gar nicht warum ich dir das erzähle,
hast du mir doch schon lange jedes Wort geraubt.
Ich kann nichts mehr sehen vor Tränen,
wisch mir die Schlieren vom Gesicht.
Du würdest wohl alles für mich geben,
doch fragen muss ich nicht.
Wir haben immer alles belächelt,
haben mit dem Wind getanzt,
schau zu wie ich bei dir bleibe.
Hast du es erkannt?
Denn was immer es ist was du brauchst,
ich gebe es dir.
Denn was immer es ist was dir fehlt,
ich hole es dir.
Denn was immer es ist was dich trübt,
ich bekämpfe es mit dir.
Denn was immer es ist was du liebst,
ich wünsche es dir.
[img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/hilleviprofilbti9hpagz3.png[/img]
* * Gedichte * *
- Der rote Fuchs
Wenn du so da liegst, alleine in deinem Bett,
dann denke an den roten Fuchs, der klein und dem Hungertod nah,
sich durch den harten Winter quält, ihn die Kälte niederstreckt.
Der weder Groll noch Hass zuließ, nur das Gute sah.
Wenn du so da liegst, alleine in deinem Zimmer,
dann denke an die kleinen Pfoten, die sich träge und langsam,
durch den Wald bewegten, auf der Suche nach einem Heim für Immer.
Und sein kleines Herz nicht mehr daran glaubte, dass er je ankam.
Wenn du so da liegst, so einsam für die Welt,
dann denke an den roten Fuchs, der sich hoffentlich nicht mehr quält.
Der ein Heim gefunden hat, wo sich wer zu ihm gesellt.
Denke an den roten Fuchs, gibt es doch immer schlimmeres Leid auf der Welt.
Der schöne Glanz
Wenn ich tanze mit dem Wind, dem Himmel entgegen,
dann ist mir gleich was unten geschieht, ist die Welt mir ergeben.
Wenn ich mich bewege, in Gold und schönen Stoffen,
dann ist die Seele ruhig und entspannt und wir können nur noch hoffen.
Wenn ich tanze, mit dir Hand in Hand, bis zum Rand,
dann ist mir gleich was unten geschieht, weil ich dich in dieser Welt fand.
Wenn ich mich bewege, in Gold und schöner Seide,
dann es es meiner Seele gleich, dann sehe ich weder Reichtum noch Geschmeide.
Wenn ich tanze, mit dir beständig im großen Kreis,
dann ist mir alles egal, denn das ist für mich mein Freiheitsbeweis.
Wenn ich mich bewege, über Schmuck, Reichtum und Ansehen,
dann trage ich diesen schönen Glanz, denn du kannst mich richtig sehen.
Verfasst: Dienstag 23. Februar 2016, 17:43
von Gast
Putzen war eine Angelegenheit, um die Frauen sich zu kümmern hatten. Sei es nun der Dreck in der Ecke des Zimmers, oder die Abdrücke, die von nassen Sohlen quer durch das Haus verliefen. Egal wie oft ich versuchte mich zu erinnern; egal, wie lange ich den Lappen anstarrte – ich hatte nicht das Gefühl auch nur einmal in der Vergangenheit für Sauberkeit und Ordnung innerhalb eines Hauses gesorgt zu haben. Warum auch? Hillevis Vater, Bruder und ich gingen jeden Tag noch vor dem Krähen des ersten Hahns aus dem Haus und kamen selten vor Sonnenuntergang wieder zurück. Das Essen stand auf dem Tisch, die Betten waren gemacht und die Zimmer waren aufgeräumt. An manchen Tagen mochte ich sogar das Chaos und verbot den Frauen meine eigenen vier Wände zu betreten. Ich mochte es, wenn die abgebrochenen Pfeilspitzen auf dem Fußboden lagen. Wenn die mit Leinenband zusammengebundenen Federn einfach nur auf dem Schreibtisch lagen. Ich sah gerne, wie die noch sehr kleinen Pfotenabdrücke von meinem Hund sich quer durch das Zimmer zogen und nur zu erkennen waren, wenn das Licht im richtigen Winkel durch die Fensterscheibe fiel.
Und trotz all dieser Einstellung stand ich nun hier; den feuchten Lappen in der rechten Hand, das Tuch zum Nachtrocknen in der Armbeuge. Ich habe nicht mitgezählt wie oft ich mittlerweile die Tische in der Schenke gereinigt hatte an diesem Morgen. Ich weiß nur, dass ich kein einziges Mal das Bedürfnis verspürte, diese Aufgabe an ein Dienstmädchen oder gar Hillevi zu übertragen. Es beruhigte mich. Ja, ich bin sogar beinahe in der Versuchung zu behaupten, es würde mir Spaß machen. So konnte ich den Abend der Eröffnungsfeier Revue passieren lassen und in aller Ruhe die Gedanken so ordnen, dass sie in einer sinnvollen Reihenfolge Ihren Platz in meinem Kopf bildeten. Nachdem ich dann auch die Speisekarten ordentlich wieder auf die Tische gelegt und die Fische gefüttert hatte, ließ ich mich auf einem der Hocker am Tresen nieder.
Es war nie der Weg, den ich noch vor ein paar Monaten hätte gehen wollen, und doch beschritt ich Ihn jetzt mit derartiger Motivation, die mir schon beinahe Sorge bereitete. Aber was macht man auch, wenn man das, was man eigentlich ist und einen ausmacht, auf Grund irgendwelcher Regularien und eigenständig aufgebauter Blockaden nicht mehr sein kann? Klar. Im ersten Moment war es ein Schlag mit der geballten Faust ins Gesicht. Es war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Was hatte ich schon in meinem Leben gemacht, was mir hier in dieser Stadt hätte von Nutzen sein können? Ich habe mich um die Verwaltung einer Handelsflotte gekümmert: Keine offizielle Flotte in dieser Stadt. Ich bin zur See gefahren, um mich in den diversen Häfen um die korrekte Lieferung und Lagerung der Fracht zu kümmern: Kein Bedarf in dieser Stadt. Ich habe eine Frau beschützt, deren Familie zu den angesehensten Familien unserer Heimat gehörte: Kein Ansehen und zu viele Regularien in dieser Stadt. Was also blieb? Man musste aufstehen, sich den Staub von den Schultern klopfen und weitermachen. Es ist ja auch nicht so, als wäre alles verloren, alles schlecht. Ich hatte durchaus noch meine ganz eigenen, privaten Ziele. Auch der Bogen war weiterhin mein ständiger Begleiter. Die Wälder hier waren hervorragend geeignet, um zur Jagd zu gehen. Und Hillevi, - sie war der Gesamtsituation zum Trotz hier in dieser Stadt. Mehr oder weniger an meiner Seite.
Das Glück ist in den letzten Monaten nicht mehr als eine Momentaufnahme gewesen. Augenblicke, die mich zum Schmunzeln brachten und für eine Weile zufrieden stellten. Ja und sogar so viele Augenblicke, dass ich sie gar nicht alle einzeln auflisten kann. Aber das Glück, das ich kannte und mir normalerweise zu guter Laune verhalf, kam hier noch nicht auf mich zu. Ich weiß, dass Hillevi das merkt. Und mir ist auch bewusst, dass sie sich Sorgen macht, dass sie sich Mühe gibt. Aber es gibt noch immer Dinge, auf die sie keinen Einfluss hat und vermutlich auch nie haben wird. Dinge, die Ihr vermutlich nie anvertraut wurden. Warum sollte das derart fürsorgliche Elternhaus sie damit auch belasten? Sie wurde immer mit Samthandschuhen angefasst. Das war schon immer ein Kontrast zu dem stumpfen, recht rüden Verhalten Ihres Bruders und mir.
Wie auch immer. Die Schenke und die kommenden Abende würden mir zu einem Quäntchen Zufriedenheit verhelfen. Wer weiß schon, was noch kommen wird? Und abgesehen davon, - was ist schon Glück?
Verfasst: Mittwoch 2. März 2016, 23:56
von Gast
Träume
Die rechte Hand des Blauen erhob sich und donnerte mit voller Wucht gegen ihre Nase. Das Knacken hallte über die dunklen Straßen der Nacht und das Blut verteilte sich recht schnell über ihrem Gesicht. Ihre Knie wurden weich und langsam sackte sie zu Boden. Die Luft war nicht mehr vorhanden, die Zeit blieb stehen und es kam ihr so vor, als würde ihr ganzer Glauben an das Gute in der Welt vor ihr zusammen brechen und sich mit der roten Flüssigkeit vor ihren Augen vermischen. Doch er hatte noch nicht genug, er hatte noch nicht genug auf ihrem jugendlichen Leichtsinn herum getrampelt, er wollte mehr. So griff er nach ihrem Kragen, zerrte sie wieder in die Höhe und starrte sie an. Das dachte sie zumindest, konnte sie nur schwerlich irgendwas erkennen. Im Hellen würde sie ihn nicht von seinen Brüdern unterscheiden können und dieser Gedanke war bitter. Wenn sie denn überhaupt klare Gedanken fassen konnte. Der Schmerz und das Dröhnen in ihrem Kopf übertönte so gut wie alles. Sie konnte nichts mehr sehen, nichts mehr verstehen. Doch die Wand in ihrem Rücken, die fühlte sie, den Schmerz, wie er sich über ihre Haut kratzte und so tief drang, dass sie das Gefühl hatte man würde an ihrer Seele schneiden. Und das Schlimmste war die Regungslosigkeit. Denn wo er sich bemühte die Situation zu retten, irgendwas zu retten, sie zu retten, hing sie einfach nur in der Pranke des Letharen und kämpfte damit bei Bewusstsein zu bleiben. Doch die Angst, der Schmerz und die Trauer über die Welt, dass diese nicht nur gut zu sein schien, vertrieb die Kraft und so sackte ihr Leib zusammen und schlagartig war alles wie weggeblasen. Kein Leid mehr, keine Panik, keine Trauer. Nur noch ihr Körper, der regungslos da lag und darauf wartete ein Ende zu finden. Und ihre Hand, die hilflos ins Nichts griff, auf der Suche nach einer Weiteren.
Mein Körper schreckte in die Höhe und mein Gesicht war mit Tränen überzogen. Meine Augen aufgerissen, mein Atem ging schnell und ich wollte nur laufen. So sprang ich aus dem Bett, taumelte gegen den Blumentopf, fiel über den Hund und rannte aus dem Raum heraus, weiter und weiter, bis ich über die Steinstufen den Keller empor fiel und realisierte, dass es nur ein Traum war. So zog ich meinen Körper zusammen, drückte meinen Kopf an die Wand und ließ meine Lippen hinab fallen. Und ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sonst je so geweint hätte wie in diesem Moment. So gab ich mich dem hin, drückte meine Hände auf mein Gesicht und versuchte wieder klar zu werden. Mein Herz raste so schnell, dass ich Angst hatte es würde mir gleich aus der Brust springen. Es war ein Gefühl, das mir kaum einer nehmen konnte und so versuchte ich es gar nicht erst es irgendwem näher zu bringen. Ich tastete lediglich mit meinen Fingern über meine nackten Beine und tippte mit zitternden Fingern gegen die kleine Schürfwunde an meinen Knien. Meine Unterlippe war mittlerweile vollkommen zerbissen und selbst dieses mittlerweile befüllte Haus konnte meine Leere nicht nehmen. So tat ich das, was ich jede Nacht machte, wenn mich die Schlaflosigkeit zerriss und mein Herz mich nicht mehr schlafen ließ. Ich ging hinaus, wanderte über den leeren Marktplatz. Am Brunnen blieb ich stehen und starrte zur Bank, wo alles begonnen hatte. Und wieder überkam mich die Qual und ich bedankte mich bei der Stadt, dass der Markt so schlecht beleuchtet war, dass die Tränen nicht zu sehen waren. Was war nur mit uns an diesem Abend passiert, und an dem darauf? Was war nur aus mir geworden. Ich vermisste die naive Gestalt, ich vermisste mich selbst und ich konnte noch nicht wissen, wann ich mich denn wiederfinden würde. Und so setzte ich mich auf die Bank, starrte voran. Doch es passierte nichts.