Zwillingssteine oder wie sich jemand finden lässt
Die Zwillingssteine hatte sie einige Tage zuvor bei den Kaluren getauscht. Ihr brummte immer noch der Schädel wenn sie daran zurück dachte. Baznuk hatte sie zum Schatz geführt und gemeint sie könne dort suchen. Angesichts der Fülle an Gold, Silber, Steinen und Geschmeiden war ihr ganz Bang geworden, dass sie wohl mehrere Wochenumläufe dafür brauchen würde. Und natürlich konnte man sich nicht einfach ans Werk machen, nein, denn da kam Baznuk schon mit dem ersten Krug Zwergenbier. Als Baznuk dann vom "reinigen und huldigen" sprach, schwante ihr schon ein kommendes Bierbad und alte Erinnerungen stiegen an die Oberfläche. Jedoch versicherte ihr Baznuk auf seine eigene charmante zwergische Weise, dass dies nicht nötig wäre und sie ohnehin ja viel zu unattraktiv sei und zu WENIG Bartwuchs hätte. Diese Äusserung hatte Cara noch mehrere Tage beschäftigt, an denen sie sich ertappte wie sie über ihr Kinn zu strich oder einen prüfenden Blick in den Spiegel warf, bis sie ganz sicher war, wirklich kein einziges Barthaar im Gesicht zu haben. So wurde also der Krug mit einem Toast auf Bergvater und Vorhaben geleert und sich munter ans Werk gemacht. Das hiess Cara suchte und Baznuk schaute unter Androhung vom Abhaken der Hände, falls etwas in ihre Tasche wandern sollte, zu. Aber ansonsten war der kleine, bärtige Kerl ein recht freundlich und lustiger Geselle. Wie zu erwarten zeigte sich auch bald die Wirkung des ersten Kruges, was dem Suchen nicht wirklich zuträglich war und was schliesslich zum zweiten Krug führte und ein weiteres Bitten dem Bergvater hin ausgesprochen wurde. Jenes wurde erhört, ob dies nun aufgrund der Tatsache war, dass der Bergvater seinem Baznuk keine Bitte abschlagen konnte oder das Cara, nun schwer vom Bier berauscht, ihre Suche recht eigenwillig fortsetzte, dabei mehrmals ausrutsche und auf ihrem Hosenboden landete, Goldfässer entleerte und die sich über sie ergossen, so dass sich der Bergvater entweder göttlich amüsierte oder schlicht das Elend nicht länger mit ansehen konnte. Wie dem auch sei, der Zwillingsstein rollte einfach aus dem Goldhaufen heraus. Und nach mehr oder weniger kurzen Verhandlungen ob des Tauschpreises, indem Baznuk Cara's Armband wollte und es hitzige Diskussionen in Form geistreicher Wortwechsel von "kriescht du nisch" "will ich" "nisch" gab, einigte man sich dann doch auf Cara's Kilt, der nun wohl eine der Statuen dort unten aufs Beste kleidet.
Es hat keine Ohren - es kann nicht hören,
es hat keine Augen - es kann nicht sehen,
es hat kein Empfinden - es fühlt keinen Schmerz,
aber dennoch existiert der Edelstein.
Sie trafen sich hinter dem Berg im Ritualbereich der Sumpfinsel. Liska, Lux, Nela und Cara. Denn heute wollte Cara die Zwillingssteine sowohl trennen als auch verbinden und natürlich wollte sie ihre Schwestern dabei haben.
Cara war dankbar, als Liska eine dichte Kuppel aus Windklängen schuf und somit alle anderen Klänge um sie herum nahezu zum verstummen brachte. Somit konnte sie sich selbst auf ihr Vorhaben besinnen und Lux und Nela war es möglich den Dingen leicht bzw. leichter folgen zu können.
Ein Blick auf die Steine nun, eröffnete eine bunte Welt aus Elementklängen. Als Kinder des tiefen Erdreiches, geboren in der Hitze des dunklen Schosses des Berges, spiegelte sich dies in den vorherrschenden Feuer- und dumpfen Erdklängen wieder. Doch auch winzige Wasser- und fahrige Windklänge waren dort zu erkennen und vervollständigten so den Kristall. Auf den ersten Blick glichen sich die beiden Steine, wie ein Ei dem Anderen und doch, bei genauer Betrachtung, sah man feine Unterschiede. Und dann war da noch jene Stelle, an der die beiden Rubine miteinander verwachsen waren, als würden sich zwei Flüsse zu einem Strom vereinen, ohne sich darin aufzugeben und zu verlieren.
Ihren Athame hatte Cara vorher sorgsam in Salz gereinigt und ihr Blick lag auf ihm als sie jenen an die Verwachsung ansetzte. Sie spürte die Kraft des Dolches, wie er gierig war sein Werk zu beginnen und so führte sie ihren eigenen Willen voran, um die beiden Steinströme voneinander zu trennen, ohne sie mit Gewalt zu zerschneiden. Winzige Luftklänge, scheinbar von dem Athame ausgehend, umspielten dabei Cara's Finger, so dass sich ihr Griff fordernd verstärkte und als wären die Elementklänge den scharfen, schneidenden Worten eines Hauptmanns ausgesetzt, ließen sie sich führen und wichen gleich folgsame Soldaten auseinander. Dabei sank der Athame tiefer, mit nahezuer Leichtigkeit in das harte Kristall ein. Die Schneide teilte die beiden Rubine, Stück für Stück, drang die breite Klinge hinab und bildete dabei eine Barriere, als würde ein Fischotter einen Staudamm bauen, an dem nach und nach der Weg für die Elementenklänge blockiert wurde und sie sich einen leichteren Weg zurück in sich selbst in den eigenen Stein suchen mussten. Dabei nahmen sie jeweils winzige Teile des einst verbunden Steines mit sich, wie ein Geschenk des jeweils Anderen, ohne Risse zu hinterlassen. Schliesslich gelangte der Athame auf dem harten Grund des dunklen Marmortisches an und die beiden Rubine kamen getrennt voneinander zur Ruhe. Cara steckte die Klinge zurück in die kleine Lederscheide und wischte sich selbst einmal über Stirn. Auch an ihr war dieses Kräfteringen nicht spurlos vorbei gegangen und erste Ermüdungserscheinungen zeigten sich flüchtig.
Doch damit war es noch nicht getan.
Enomis hatte ihr eine Wandkarte gewebt. Es zeigte nicht die üblichen Wege, sondern führte den Betrachter auf symbolisch-abstrakte Weise die verschiedenen Örtlichkeiten vors Auge. So war Rahal als dunkler Turm mit einem ruhenden Panther dargestellt, Düstersee zeigte sich mit einem Haus, auf dessen Dach sich Garnspule und Alchemiefass zeigten, Nilzadan zeigte ein kleines Männchen mit langem Bart und Spitzhake, welches auf einem Felsbrocken thronte, der Sumpf war mit dunklen Wasserstellen eingewebt, ein Jägersitz im Wald, Bajard als Angelsteg mit dickem Fisch, am äussersten Rand eine grüne Palme in einem winzigen blauen Kreis mit Wellenspiel und noch viele mehr oder weniger versteckte Kleinigkeiten an Orten und Höhleneingängen innerhalb des alatarischen Reiches und seiner angrenzenden Gebiete. Eine kleine Kutschstation in Form eines Rades das von Tieren gedreht wurde, grenzte das lichte Reich ab, welches nur als seichte angrenzende Bucht ins Nirgendwo verlief, gerade das man Schwingenstein als Taube noch hinüber fliegen sah.
Tagelang und mit Bedacht war Cara unterwegs gewesen und hatte von jedem Ort eine andere kräftige Pflanze gepflückt. Darunter waren auch Liebstöckel, die jedes Unternehmen stärkt, Beifuß, der Schutz auf Reisen gewährte und natürlich die Schlüsselblume, deren gelbe Blütenpracht der Liebling der Naturgeister war und Türen öffnen konnte.
All jenes fand nun seinen Platz in dem Topf auf der Marmorplatte des Tisches und schwamm in vorher gekochten und nun abgekühltem Wasser. Die beiden Rubine gab Cara nun ebenso dazu. Sie nahm den Stab zur Hand und begann damit darin rühren, es war eine gleichmässig kreisende Bewegung, ohne Hast, dabei begleitete jede Umdrehung ein sachtes Netz aus Feuerklängen, jenes der Stab wie ein Netz vor sich her spann.
Zwillingsbande, aus Erdenreichklang,
Herz an Herz im Feuergesang.
Zwillingsbande, getrennt doch vereint,
so soll euer Band der Fingerzeig sein.
Zwillingsbande, so hört meinen Ruf,
so finde einander, was Erde und Feuer einst schuf.
Bei genauer Betrachtung nun sah man die verschiedenen Elementklänge jeder einzelnen Pflanze als auch der beiden Rubinsteine, wie sie angeregt wurden sich miteinander in eben jenem Netz flüchtig zu verbinden, durch das Rühren des Stabes und Cara's Bemühen die Klangfäden einander zuzuführen, als würden sie sich unter Anleitung kennenlernen und unter der flüchtigen Berührung mit dem feurigen Netz kurz auflebten, ohne Schaden zu nehmen. Zu guter Letzt wurde das Gemisch über die Weltkarte gegossen. Während Cara den Stab noch einmal in einem letzten Zug über die Karte führte
Alles an seinen Ort
und jedes Pflänzlein seinen angestammten Ursprung fand, nahm sie einen der Rubine in die Hand, während der andere auf der Karte sein Heim im Gwand und Trank in Düstersee fand. Cara konzentrierte sich auf die Feuerklänge die jenes Bild umfassten und darauf lagen, mit Hilfe des feines feurigen Netzes des Stabes, hob sie die hitzigen Klänge an, verstärkte jene sanft und drückte sie mit Nachdruck in die Fasern des Gewebes, um sie dort zu verankern. Als hätte man ein Bügeleisen darüber gezogen, verdampfte das Wasser und die Pflanzen zerfielen zu trockenem Staub. Einzig der Rubin strahlte kurz in tieferen Rot auf und sein Gegenstück in Cara's Hand ebenso, als die Verbindung zwischen den Steinen und der Karte geschaffen ward.
Später würde sie verschiedene Edelsteinknöpfe auf die Karte setzen, als wäre es eine gewollte Verteilung. Die beiden Rubine würde sie ebenso einfassen lassen. Einer für die Karte, einer für den Träger.
Von Dingen die haften...
- Cara DelMur
- Beiträge: 891
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20