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Illustre Traenen - Annalen einer Hyäne

Verfasst: Samstag 18. Juli 2015, 22:54
von Gast
Bei Sonnenaufgang findet man ihn auf dem Balkon seines Anwesens, einen Mocca schlürfend, dabei den fünften Finger der rechten Hand abspreizend sieht er der aufgehenden Sonne entgegen, der digitus minimus wirkt dabei verkrampft, vergleichbar mit der einsetzenden Versteifung der Glieder nach dem Tod. Weder Wolken noch Rauch sind am Himmel über der Durrah des goldenen Reiches zu sehen, der Moment wird mit ein paar weiteren Minuten der kostbaren Zeit gewertschätzt ehe sich der athletisch gebaute Mann an der Schwelle zum mittleren Alter rückwärts durch den Vorhang schiebt um das Obergeschoss zu betreten. Beim absteigen der Treppe wird der Mocca geleert, dabei in Azeezahrischer Manier einmal mit den Brauen gewippt und leicht aufgestöhnt, wohl als Zeichen von Genuss. 


Die letzten Stufen werden mit einem Satz übersprungen, rasch greift er nach ein paar Seiten, wild durchgemischt, ein paar davon barscher als die anderen, es sollte egal sein. Dazu noch ein Einband - aus Stoff? Aus Leder? Das heruntergekommene Hemd eines Abenteurers? Auch das ist ihm gleich. Und so wandert er die Treppe wieder rauf, in seiner linken hält er das Papier, in seiner rechten ein gegerbtes Fell - eher eine Jagdtrophäe, Kopf und Ohren des einstigen Ungetüms hängen schlaff daran herunter.


Oben angekommen wird er sich der nebenstehenden Kommode kurz zuwenden und in den Schubladen nach etwas kramen, zwischen den folgenden Wimpernschlägen werden sämtliche Schubladen jedoch hastigst zugeschlagen und der fokussierte Blick wandert auf das obere Ende der Kommode, im nächsten Moment greift er nach dem darauf stehenden Behältnis in welchem sich Feder und Tinte befinden.

Noch scheint der Tag mild, die Luftfeuchte noch nicht so beengend, der brennende Schmerz der Strahlen nicht so stechend wie zur Mittagszeit, der ideale Zeitpunkt um sich draußen niederzulassen, die Sonne dabei stets im Rücken um nicht geblendet zu werden.

Wieder auf dem Balkon angekommen lässt er sich aus dem Stand hinabsacken, die Bewegung wirkt dabei wie sorgsam einstudiert, als würden Körper und Glieder das Sinnbild völliger Konvergenz ergeben. Eine der Seiten und ein zurechtgeschnitztes Stückchen Kohle werden rangenommen, alsbald darauf beginnt er mit feinsten Linien eine Silhuette zu skizzieren, mit jedem weiteren Kohlestreich wird aus dem mosaikähnlichen Gebilde ein deutliches Portrait. Bei der Person handelt es sich vermutlich um eine Natifah, die glatten, weichen Wangen sind deutlich hervorgehoben, außerdem stechen ein Wimpernfächer und langes, welliges Haar welches dem Ton und Glanz nach an Ebenholz erinnern soll, hervor.



[img]http://40.media.tumblr.com/57b8728ad5d1603462659103ad9ee714/tumblr_nlbhijZoDG1toefpto1_250.jpg[/img]




Etwa ein Drittel der unteren Seite ist noch frei, das weichgezeichnete Portrait wird mit einem Hauch Speichel verwischt und gleichermaßen schattiert um das Mineral in die Fasern eindringen zu lassen. Das Pergament wird dann beiseite gelegt und ein Kerzenständer darauf platziert, auf das sie die nächste Böe nicht davontragen würde.

Im nächsten Moment wird eine weitere Seite rangenommen, ein Griff nach Feder und folgender Titel wird mittig im oberen Drittel der Seite niedergeschrieben - in großen, deutlichen Lettern, unter dem starken Druck der auf die Feder ausgeübt wird gibt das Papier nach als würde es in jenem Augenblick durchstoßen werden:



'Illustre Traenen – Rahims' Annalen'



der Titel wird unterstrichen und die großen Lettern werden ein zweites Mal nachgefahren, die folgenden zwei Zeilen bleiben leer und in der dritten wird man folgendem Schriftzug gewahr werden, ebenfalls zentriert, aber zugunsten der Übersichtlichkeit in kleineren Lettern gehalten:

'Prolog'

Kurz darauf hält er inne, die immer heißer werdenden Wüstenwinde prallen ungestüm auf seinen Nacken. Der erhitzte Wüstensand peitscht ebenfalls um seine Ohren, mit jedem Windstoß ist ein pfeifendes Geräusch zu vernehmen das die Luft schneidet, als Reaktion darauf lässt er kurzerhand die Feder fallen und zieht sich das Kopftuch nun vollends über sein Haupt, nurmehr ein Schlitz in Augenhöhe wird freigelassen um die filigranen Schriftzüge führen zu können.

„Ein Prolog ist wohl als Vorwort gedacht, doch ist es schwer für mich einen passenden Einstieg zu finden da die Gedanken in meinem Kopf wild umherirren.

Anlass zum verfassen dieser Schrift ist der Ausdruck aller Emotionen und Gedankenströme zu denen ich unter normalen Umständen aufgrund meiner oftmals als Stolz fehlverstandenen Balance nicht im Stande bin, eine traurige Tatsache angesichts dessen das ich stets größte Mühe damit trage nach außen hin und innerhalb der Familie mit Charisma zu glänzen und durch Taten zu schillern.

So du dies lesen wirst werde ich selbst bereits mehr aus dem Hintergrund agieren, um keine ungewollte Threadralik aufkommen zu lassen sei vorweg gesagt das dies nicht zwangsläufig mit einem absehbaren Ereignis zusammenhängen muss sondern ebensogut mit einer Art von höherer Erkenntnis - oder Einsicht - zusammenhängen könnte. Und eben darum meinen aufrichtigsten Glückwunsch an dich, die sich voller Erwartung über die rustikal verpackten Ergüsse meiner selbst beugt.

Im nachstehenden werde ich dich obgleich etwaiger vergangener Differenzen einfach persönlich ansprechen, auf die Art und Weise wird dem Unterfangen ein Quäntchen mehr Persönlichkeit zugutekommen.

Außerdem möchte ich dich auf die altertümliche und gehobene Sprache hinweisen, ich verwende die gemeinhin mehr oder minder bekannte Handelssprache, so du diese nicht verstehst wende dich ab da du dann wohl kaum mehr dazu in der Lage sein wirst die versteckten Worte und Botschaften inmitten des geschriebenen zu erkennen.

Der Vollständigkeit halber - sicher hast du dies anhand des letzten Absatzes bereits bemerkt - möchte ich noch erwähnen das ein paar Zeilen hier und da von Zynismus geprägt sein werden, bedauerlicherweise kann ich auf sanfte Gemüter keine Rücksicht nehmen, das vielgesichtige Schreiben ist eine verloren gegangene Kunst und zumindest ich möchte einen angemessenen Beitrag dazu leisten diese so weit wie möglich zu erhalten.

Doch auch dieser Zug meines Wesens sollte dir mitnichten unbekannt sein, gleichermaßen bin ich festen Glaubens daran das du in der Lage bist das nötige und offensichtliche aus den Worten zu erhaschen ohne mit gebrochenem Gemüt das Weite suchen zu müssen.

Denn anders als die meisten bedienst du dich nicht des weinerlichen Tones um das unabwendbare zu beklagen, du versuchst nicht dem unausweichlichem zu entkommen, du verharrst und wägst ab ehe du vorschnell handelst; eben genau dieser Irrsinn ist es der dich in meinen Augen wertvoller erscheinen lässt als andere, es ist der Trotz, die Kälte... doch auch die Entschlossenheit, die Wärme...

Dir wird die "Widmung" auf der ersten Seite nicht entgangen sein, ein Portrait deiner selbst, oder zumindest der Versuch. Doch wirst nicht du Gegenstand dieses Buches sein, sondern Ich. Das, was ich hier niederschreiben werde wird denjenigen Aufschluss geben die ihn herbeisehnen. Zu nichts geringerem nehme ich diese Mühe auf mich.

Wann immer ich die Zeit finde die Feder erneut zu schwingen werde ich dies künftig tun, auf dass du an meinen Erfahrungen teilhaben wirst."

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Zuletzt wird noch ein Zitat unter das vormals portraitierte Deckblatt geschrieben, wohl habe er das untere Drittel der Seite aus gutem Grund nicht beschrieben, in fein geschwungenen Lettern beginnt er zwischen den folgenden zwei Wimpernschlägen niederzuschreiben:

"Im Dunkel liegt ein Scheinen,
ist nicht Anfang noch Beginn.
Mögen sanfte Augen weinen,
finden sehend keinen Sinn."



...

Verfasst: Samstag 22. August 2015, 10:36
von Gast
Es lastete auf seinen Schultern wie ein Fels, die Last erdrückte ihn förmlich. Völlig ausgebrannt eilte er in dieser Nacht durch die Straßen und Gassen Menek'Urs; gleich einem Kobold der den klirrenden Fall einer Münze vernommen hatte.

Dabei den Blick starr nach vorn gerichtet rollten ihm bereits erste Schweißperlen die Stirn hinab, die Augen brannten, häufig schlug er die Lieder zu und wieder auf als müssten sich diese etwaiger Tränen entledigen. Schließlich stockte er, blieb stehn, atmete einen Moment lang durch und japste förmlich nach Sauerstoff. Dann fällt er auf die Knie, die Arme dabei angehoben könnte man eben jene Gasse der Geste entsprechend für einen Tempel oder einen anderen heiligen Ort halten – doch ist es wohl mehr sein Gemüt das ihn treibt, vielleicht vom Irrsinn befallen, vielleicht aber auch nur um jenen abzuschütteln.

Zurück in seiner Residenz am Stadtrand greift er sich eine Kerze und lässt sich auf dem Balkon nieder, unter einem losen Sandstein bringt er etwas in Stoff eingewickeltes hervor, entbunden erkennt man jenen pelzigen Einband wieder, wohl war es wieder an der Zeit den Geist von allem zu lösen und das Geschehene endgültig zu verarbeiten.

Sorgfältig und elegant beginnt er die Feder einzutauchen und zu schwingen, die Geburtsstunde des ersten „echten“ Kapitels seiner Memoiren.

Kapitel 1 – Der eingeschlagene Weg
„Es ist geschehen, wie konnte es? Ich hatte damit zu kämpfen es zu glauben, es fühlte sich nicht real an, solange nicht bis es sich verbreitete und aus allen Ecken getuschelt und geflüstert wurde. Der Emir ging von uns, Gerüchten zufolge erlag er einem Balron – eben jenes Ungetüm mit dessen Haut ich plante den kühlen Steinboden in meinem künftigen Keller zu isolieren.

Ist dies möglich, oder nur ein Trug? Ein Schein, ja gar eine Illussion?

Wie dem auch sein mag, sicher wird dieser Verlust eine Narbe in meiner Seele – wie auch in denen vieler anderer – hinterlassen.

Doch ist es nicht dieses Ereignis für sich allein das mein Gemüt dieser Tage zum Nachdenken anregt, nicht lange ist es her das ein bislang treues und wertvolles Mitglied unseres Rudels ausgestoßen wurde, des „Verrats“ an der eigenen Familie beschuldigt haust sie nun im Viertel der Hauslosen, ohne einen ehrbaren Nachnamen tragen zu dürfen.

Dies alles sind Entwicklungen die ich aufgrund meiner täglichen Unternehmungen und meiner Berufung nicht habe kommen sehen, umso mehr erschüttern mich diese in den Grundsäulen meines sonst so manifestierten Glaubens an Gemeinschaft und das große Ganze.

Aber vielleicht wird es Zeit jenes Handwerk nur noch zu Gunsten des Scheins aufrecht zu erhalten, und wie ich bereits in der letzten Schrift ankündigte, mehr aus dem Hintergrund zu agieren.

Vielleicht werde ich einen anderen Weg einschlagen müssen der mir schon länger vorschwebt, vielleicht wird dies die einzig richtige Entscheidung sein um schlimmeres abwenden und der sechste Sinn des Rudels sein zu können. Diesen Weg werde ich bestreiten, alleine. Nur mit dem Rückhalt des unwissenden Rudels welchem ich meine wahre Identität vorerst nicht preisgeben kann um eben jene zu schützen denen mein Herz gehört.

- Wohl ist es an der Zeit die Karten neu zu mischen. -


Eine gewisse Affinität zum Kampf und zur Täuschung hatte ich sowieso schon seit ich denken kann, eine wohle Arglist wurde mir wahrscheinlich von der Mara in die Wiege gelegt, vielleicht ist die Zeit nun endlich Reif von jener Gabe Gebrauch zu machen und sie verantwortungsvoll und bewusst gegen jene einzusetzen die unserem Volk nichts als Schaden und Gebrechen über die Schwelle bringen wollen.

Doch werde ich nicht der Naivität zum Opfer fallen indem ich glaube dies wäre genug. Es wird wohl nötig sein eine weitere Person zu erschaffen, eine, in ihrem Geiste und Handeln derartig speziell das niemand auf die Idee kommen könnte jene auch nur Ansatzweise mit mir in Verbindung zu bringen.

Bestärkt durch diese Instrumente wird es mir ermöglicht sein einen tieferen Einblick zu erhaschen und Unterstützung zu bieten – Abeer Eluive!


am Ende des Kapitels angekommen werden die nächsten Zeilen mit Schnörkseln verziert, direkt darunter findet sich eine zitierte Passage aus der Lyrik:

"Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Glühe, Rase, Alter, weil dein Tag vergeht,
Verfluch' den Tod des Lichts mit aller Macht."
abschließend zögert er und hält die Feder nurmehr im zittrigen Griff als würde sie ihm jeden Augenblick entgleiten, schließlich skizziert er nur wage und sanft eine Silhouette aus azurblauem Rauch welche den Abschluss dieses Abschnitts darstellen sollte

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