Alltag in Bajard
Verfasst: Donnerstag 23. März 2006, 05:15
Bajard schien einer dieser Flecken auf der Welt zu sein, wo es immer jemanden gab der sich streiten wollte - und wo man immer jemanden finden konnte, um sich zu streiten. Früher, als es in der Stadt noch keine Gesetze gab, waren es Leute aus Rahal und Varuna gewesen, die sich Bajard als Ort ausgesucht hatten, um ihre Streitereien dort auszutragen. Heute waren es die üblichen, halbherzigen Unruhestifter und eine überforderte Garde, die verzweifelt versuchte ihre Gesetze durchzusetzen. Ihm selbst schien das kein großer Unterschied zu sein. Er war früher von niemandem behelligt worden und er würde es auch heute nicht werden. Um in Bajard wirklichen Ärger zu finden hatte man ihn schon immer suchen müssen. Menschen wie ihn betraf das nicht. Aber das bedurfte zweifelsohne einer gewissen Gewöhnung. Heute wunderte es ihn nicht mehr, wenn plötzlich eine Gruppe Schwergerüsteter an ihm vorbeilief, wenn ihm ein blind geschossener Pfeil um die Ohren sauste oder von irgendwoher aufgeregtes Geschrei drang. In seinen ersten Tagen in Bajard hatte ihn das auch in Aufregung versetzt und durcheinander gebracht. Aber innerhalb des letzten Monde hatte er sich daran endgültig gewöhnt und gelernt solchen Unruhen halbwegs sicher aus dem Weg zu gehen. Vor allem aber einfach weiterzugehen, wenn jemand mit gezogener Klinge auf ihn zulief. Sich sicher zu sein, dass er vorbeilaufen würde.
Nicht dass es ihm vollständig egal war was sich in Bajard und um ihn herum ereignete, aber im Grunde betraf es ihn einfach nicht. In den Monden, die vergangen waren seitdem er zurück auf das Festland gekehrt war und sich in Bajard halbwegs eingerichtet hatte, hatte er vollkommen an der Stadt vorbei gelebt. Er hatte damals seinen Namen der handvoll hinzugefügt, die bereits auf dem Stadtstein aufgeführt waren, und damit war die Sache für ihn erledigt gewesen. Seitdem hatte sich die Zahl um das vier- oder fünffache vermehrt, die Bürger hatten sich zusammengefunden, sich organisiert, Gesetze geschrieben und sich ein Oberhaupt erkoren. Etwas spitzfindiger könnte man auch sagen, dass sie sich übertölpeln hatten lassen und in ihrem naiven Glauben an Freiheit und Brüderlichkeit zu Herrschern und Beherrschten geworden waren - zum Vorteil der einen und zum Nachteil manch anderer. Ihm war das vollkommen egal. Er hatte die Bürgermeisterin, die er wohl irgendwie als seine Herrscherin ansehen musste, bisher ein- oder zweimal zu Gesicht bekommen und eher durch Zufall erfahren um wen es sich handelte. Sie war eine junge, energische Frau, welcher der Hof in Bajard gehörte. Kurzum eine Person mit der er in seinem fortgeschritteneren Alter wenig anfangen konnte. Die zweite Frau im Hause, ihre Beraterin, kannte er nicht einmal vom sehen. Freilich war es möglich, dass er ihr schon einmal begegnet war ohne sie zu erkennen. Sicher, er hatte sich kundig gemacht. Irgendeine Händlerin, die wohl eine Verwandte oder gar Schwester in Varuna hatte. Vermutlich eines dieser blutjungen Dinger, vor denen Bajard nur so überzuquellen drohte. Eigentlich interessierte es ihn nicht. Solange sie ihn in Ruhe ließen mit ihrer Politik und Diplomatie war er zufrieden. Verstehen konnte er sie ohnehin nicht. Das meiste was sich auf dieser Ebene in Bajard ereignete versetzte ihn nur in milde Verwunderung und regte in ihm keinen Wunsch sich näher damit zu befassen. Vermutlich gehörten die Unruhe und Hitzigkeiten einfach dazu. In Rahal oder Varuna mochte es kaum anders sein. So war es eben, wenn man sich um Macht und Einfluss stritt.
Dann waren da freilich noch die Menschen. An den Menschen in Bajard wiederum gab es nicht viel auszusetzen. Sie waren vielleicht nicht so eitel wie die Tiefländer und Anguren, nicht so störrisch wie die Zwerge, nicht so fein wie die Varunesen und nicht so streitlustig wie die Rahaler, aber etwas besonderes waren sie auch nicht. Sie waren im Grunde weder gut noch schlecht. Das war genau der Menschenschlag der ihm gefiel. Aber auch sie ereiferten sich, gewannen Interessen und Motive und dann waren sie wie überall. Aufbrausend, eitel, hitzig, zickig, zornig auf der einen Seite, verletzlich und zerbrechlich auf der anderen. Man durfte einfach nicht mit ihren Interessen in Widerstreit geraten. Er war ganz froh schon etwas älter zu sein und über die gröbsten Dummheiten und Leidenschaften hinaus. Für einen jungen, aufbrausenden Mann mochte Bajard etwas gefährlicher sein. Es gab hier viele Gelegenheiten sich reizen zu lassen, durch Streit oder die vielen jungen Frau. Ihn bewegte zum Glück beides nicht mehr. Für Streitigkeiten war er zu träge, für die jungen Frau, von denen die meisten nicht einmal die Hälfte seiner Jahre erreichten, zu alt. Natürlich kam er sich beizeiten etwas kurios vor. Die vielen jungen Menschen machten ihn älter als er wirklich war und auch sie waren ihm im Grunde unverständlich. Natürlich konnte er mit ihnen reden und es fiel ihm nicht schwer einen Partner für ein bequemes Gespräch zu finden. Die jungen Männer brauchten in ihm keine Konkurrenz oder Gefahr wittern, die Frauen brauchten sich nicht um Aufdringlichkeiten oder andere Grobheiten sorgen. Aber dabei blieben sie ihm alle beide fremd.
Dieses junge Mädchen, Chiara, war ein typisches Beispiel dafür. Es war nicht selbstverständlich, dass sie sich in tiefster Nacht, als kein Mensch mehr auf den Straßen war, ganz unbefangen und ruhig miteinander unterhalten hatten können, ohne sich misstrauen zu müssen oder nervös im Auge zu behalten. Gleichzeitig war ihm ihr junges, melancholisches Wesen nicht greifbar. Es begann schon bei kleinen Dingen, wie der Selbstverständlichkeit mit der sie noch von sich selbst sprechen konnte. „Ich bin... “. Ausdrucksweisen die ihm im Alter abhanden gekommen waren. Vielleicht stimmte es, dass man mit wachsendem Alter und Erfahrung mehr und mehr über den Dingen stand. Vielleicht stand man aber auch einfach nur abseits davon, in seiner eigenen Welt. Welche Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge sollten auch zwischen zwei Menschen bestehen, von denen die Gedankenwelt des einen damit ausgefüllt war, was noch alles zu erreichen und zu beginnen wäre, die des anderen aber damit, was alles nie erreicht oder begonnen wurde und nie mehr würde. Eigentlich gab es nur einen Grund, der dazu führen konnte, dass sich zwei so unterschiedliche Menschen für kurze Zeit begegneten, und das war die Einsamkeit. Einsam aber waren alle Menschen und würden es immer sein. Darin lag keinerlei Besonderheit.
Nicht dass es ihm vollständig egal war was sich in Bajard und um ihn herum ereignete, aber im Grunde betraf es ihn einfach nicht. In den Monden, die vergangen waren seitdem er zurück auf das Festland gekehrt war und sich in Bajard halbwegs eingerichtet hatte, hatte er vollkommen an der Stadt vorbei gelebt. Er hatte damals seinen Namen der handvoll hinzugefügt, die bereits auf dem Stadtstein aufgeführt waren, und damit war die Sache für ihn erledigt gewesen. Seitdem hatte sich die Zahl um das vier- oder fünffache vermehrt, die Bürger hatten sich zusammengefunden, sich organisiert, Gesetze geschrieben und sich ein Oberhaupt erkoren. Etwas spitzfindiger könnte man auch sagen, dass sie sich übertölpeln hatten lassen und in ihrem naiven Glauben an Freiheit und Brüderlichkeit zu Herrschern und Beherrschten geworden waren - zum Vorteil der einen und zum Nachteil manch anderer. Ihm war das vollkommen egal. Er hatte die Bürgermeisterin, die er wohl irgendwie als seine Herrscherin ansehen musste, bisher ein- oder zweimal zu Gesicht bekommen und eher durch Zufall erfahren um wen es sich handelte. Sie war eine junge, energische Frau, welcher der Hof in Bajard gehörte. Kurzum eine Person mit der er in seinem fortgeschritteneren Alter wenig anfangen konnte. Die zweite Frau im Hause, ihre Beraterin, kannte er nicht einmal vom sehen. Freilich war es möglich, dass er ihr schon einmal begegnet war ohne sie zu erkennen. Sicher, er hatte sich kundig gemacht. Irgendeine Händlerin, die wohl eine Verwandte oder gar Schwester in Varuna hatte. Vermutlich eines dieser blutjungen Dinger, vor denen Bajard nur so überzuquellen drohte. Eigentlich interessierte es ihn nicht. Solange sie ihn in Ruhe ließen mit ihrer Politik und Diplomatie war er zufrieden. Verstehen konnte er sie ohnehin nicht. Das meiste was sich auf dieser Ebene in Bajard ereignete versetzte ihn nur in milde Verwunderung und regte in ihm keinen Wunsch sich näher damit zu befassen. Vermutlich gehörten die Unruhe und Hitzigkeiten einfach dazu. In Rahal oder Varuna mochte es kaum anders sein. So war es eben, wenn man sich um Macht und Einfluss stritt.
Dann waren da freilich noch die Menschen. An den Menschen in Bajard wiederum gab es nicht viel auszusetzen. Sie waren vielleicht nicht so eitel wie die Tiefländer und Anguren, nicht so störrisch wie die Zwerge, nicht so fein wie die Varunesen und nicht so streitlustig wie die Rahaler, aber etwas besonderes waren sie auch nicht. Sie waren im Grunde weder gut noch schlecht. Das war genau der Menschenschlag der ihm gefiel. Aber auch sie ereiferten sich, gewannen Interessen und Motive und dann waren sie wie überall. Aufbrausend, eitel, hitzig, zickig, zornig auf der einen Seite, verletzlich und zerbrechlich auf der anderen. Man durfte einfach nicht mit ihren Interessen in Widerstreit geraten. Er war ganz froh schon etwas älter zu sein und über die gröbsten Dummheiten und Leidenschaften hinaus. Für einen jungen, aufbrausenden Mann mochte Bajard etwas gefährlicher sein. Es gab hier viele Gelegenheiten sich reizen zu lassen, durch Streit oder die vielen jungen Frau. Ihn bewegte zum Glück beides nicht mehr. Für Streitigkeiten war er zu träge, für die jungen Frau, von denen die meisten nicht einmal die Hälfte seiner Jahre erreichten, zu alt. Natürlich kam er sich beizeiten etwas kurios vor. Die vielen jungen Menschen machten ihn älter als er wirklich war und auch sie waren ihm im Grunde unverständlich. Natürlich konnte er mit ihnen reden und es fiel ihm nicht schwer einen Partner für ein bequemes Gespräch zu finden. Die jungen Männer brauchten in ihm keine Konkurrenz oder Gefahr wittern, die Frauen brauchten sich nicht um Aufdringlichkeiten oder andere Grobheiten sorgen. Aber dabei blieben sie ihm alle beide fremd.
Dieses junge Mädchen, Chiara, war ein typisches Beispiel dafür. Es war nicht selbstverständlich, dass sie sich in tiefster Nacht, als kein Mensch mehr auf den Straßen war, ganz unbefangen und ruhig miteinander unterhalten hatten können, ohne sich misstrauen zu müssen oder nervös im Auge zu behalten. Gleichzeitig war ihm ihr junges, melancholisches Wesen nicht greifbar. Es begann schon bei kleinen Dingen, wie der Selbstverständlichkeit mit der sie noch von sich selbst sprechen konnte. „Ich bin... “. Ausdrucksweisen die ihm im Alter abhanden gekommen waren. Vielleicht stimmte es, dass man mit wachsendem Alter und Erfahrung mehr und mehr über den Dingen stand. Vielleicht stand man aber auch einfach nur abseits davon, in seiner eigenen Welt. Welche Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge sollten auch zwischen zwei Menschen bestehen, von denen die Gedankenwelt des einen damit ausgefüllt war, was noch alles zu erreichen und zu beginnen wäre, die des anderen aber damit, was alles nie erreicht oder begonnen wurde und nie mehr würde. Eigentlich gab es nur einen Grund, der dazu führen konnte, dass sich zwei so unterschiedliche Menschen für kurze Zeit begegneten, und das war die Einsamkeit. Einsam aber waren alle Menschen und würden es immer sein. Darin lag keinerlei Besonderheit.