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Tolners Gedanken.

Verfasst: Montag 11. Mai 2015, 17:02
von Gast
Bajard. Welch stinkende Sammlung wackliger Holzhäuser, kreischender Möwen und Pfützen. Immerwieder Pfützen. Wenn man in das weite Meer fällt, bleibt man trockener. Und dennoch war es eine Erlösung wieder Land unter den Zehen zu wissen.
Die See hatte ihren Tribut von Benedikt verlangt. Er hatte abgenommen, vorallem an Stellen die schon zuvor nicht reichlich begünstigt waren. Ein Umstand der sich beißend bemerkbar machte, als er seinen Bogen wieder spannte. Dieses schrecklich altes Ding, ein ungeliebtes Ersatzstück für ein gestohlenes Ersatzstück für eine versetze Liebschaft. Immerwieder knarzte dieses Miststück leise, als das hölzerne Material sich mit unzuverlässiger Geschmeidigkeit unter dem Zug der Sehne spannte.

Aber er hatte einen Plan. Natürlich hatte er einen Plan geschmiedet, alleine schon um sich auf der Seefahrt abzulenken. Skorbut, der Wellengang und die Klippen, die Matrosen - es gab genug Gefahren und Ärgernisse um einen Mann vor Paranoia in den Wahnsinn zu treiben. Oder ist der Verfolgungswahn nicht schon ein Wahn? Diese und andere Gedanken hatten ihm die lange Überfahrt fast unerträglich gemacht.
Auf dem Land war es einfacher. Man hatte einen Plan oder zumindestens ein Ziel, im Schlimmsten aller Fälle nur einen Wunsch. Und mochte der Weg dahin auch noch so trügerisch sein, wenigstens brauchte es mehr als einen Wind um einen davon abzubringen.
Also der erste Schritt auf Benedikts Plan? Essen. Der Pfeil war angelegt, die Sehne gespannt. Nicht zulange, nicht zu kurz. Der Atem stockte, dann bewegte sich das Geschoß schon die Sichtlinie entlang. Durch ein Gebüsch, einen hohen Farn, einige Gräßer. Das Waldhuhn verlies aufgeschreckt die Szene. Der geneigte Leser mag beruhigt sein, dass kein Tier bei diesem Angriff verletzt wurde, Benedikt massierte jedoch deutlich verstimmt seinen Oberarm. Ein Zucken im letzten Moment, oder der Wellengang in seinem Kopf. Genau sowas musste ihm den Schuß verdorben haben, dachte er bei sich, als er den Pfeil wieder auflaß.

Es dauerte also, bis er etwas zusammen hatte, dass man als Essen bezeichnen konnte. Aus dem frühen Mittagessen wurde ein später Nachmittagsschmauß wurde. Schmauß ist dabei ein Euphemismus, denn als er mit Dolch und Fingern das Fleisch über das Bajarder Kutschenfeuer hielt, kam nur Wenig mit Nährwert heraus. Doch inmitten des beißenden Gestanks und des beunruhigend dunklen Dunsts, trat eine verhüllte Gestalt. Benedikt betrachtete sie kurz: Barfüßig; Kaputzenumhang sowie Mieder und Rock; Ein Wappen; In der Gesamtheit hellblau. Zusammengefasst seltsam.
Man kam ins Gespräch, wobei half, dass sie sich als unbewaffnet ausgab, aber auch schmutzig war. Ehrlich schmutzigen Leuten war leicht zu trauen, wie man weis. Schnell war der Wall überwunden, denn Benedikt stellte wie erwartet fest, dass es die eigene Laune doch erheblich aufhellte, wenn man mal nicht mit mürrischen Matrosen die Gedanken tauschte. Lilian gab sie vor zu heißen, eine Temoragläubige, wie sie nicht verbarg. Ein paar Augenblicke später schon kniete er vor ihr und hielt um ihre Hand an. Soweit nichts Ungewöhnliches - vielleicht etwas vorschnell - doch änderte er die Meinung schlagartig, als er von ihrer Berufung erfuhrt. Magierin.

Magier! Natürlich hatten sie eine Existenzberechtigung, auch wenn Benedikt es bevorzugt hätte, dass sie sich auf die Führung von Chroniken beschränken. Aber nein, nein stattdessen bemühten sie sich stets, dass die Chroniken über sie geführt werden. Mischten sich in Dinge ein, die selbst die Priester und Adeligen den Göttern überlassen. Und dabei machten sie es nichtmal interessant! Benedikt hatte seine Meinung von diesem Sonderstand, diesen Sonderlingen, daran würde wohl kaum Jemand etwas ändern. Jedenfalls nicht vorschnell.
Natürlich nahm er es dieser Blondine nicht übertrieben übel. Immerhin war sie nur eine Frau, im Geltungsdrang damit hoffentlich nicht ganz so ausschweifend und zum Zweiten der bereits erwähnte Dreck. Dreck, dem kann man trauen.

Kurz fürchtete Benedikt sich um sein Leibeswohl, als schon der Nächste herantrat. Ein edel gekleideter Mann, welcher sich nur kurz darauf als Vaughain vorstellte. Freundlich mit dieser Lilian gestimmt, kam man zu dritt ins Gespräch, das schnell um eine Vierte und einen Fünften bereichert wurde. Hohe Gesellschaft? Benedikt war sich nicht sicher, zumindestens die ersten Zwei schienen sogar von nennenswerter Bedeutung. Er stellte erfreut fest, dass eine Amtskette diesen Vaughain nicht von einfacher Holzarbeit abhielt, auch wenn ihm ein Beil gestellt werden musste. Der Abend näherte sich, unter der Deckung von Gesprächsthemen wie Männerstärke und Frauenschwächen und die Runde verlor sich in einem Ende, das aus einer bizarren Mischung blauer Haare und keinem Überfall mit vorgehaltener Waffe. Gewisse Dinge entzogen sich noch Benedikts Verstand.


Ermuntert von einer solch interessanten Gesellschaft und einem galanten Nachgespräch, machte sich der hagere Reisende auf nach Adoran. Adoran - die versprochene Stadt. Die viel besprochene Stadt. Wo man in manchen Dorf die Schweine im Wegesschlamm nach Futter suchten, sollten hier die Straßen mit teuer gepflastert sein. Meinungen und Gerüchte gingen auseinander, ob es Goldbarren, Edelsteine oder doch nur schöder Marmor war.
Natürlich schenkte Benedikt den Gerüchten keine Achtung, laß selbstredlich die ausstehenden Gesetze und machte sich auf den Weg. Der erste Torbogen: Beeindruckend.
Die erste Brüste: Erstaunlich.
Die vorgelagerte Wachinsel? Eindrucksvoll.
Die zweite Brücke: Man hat schon Besseres gesehen.
Gerne hätte der Reisende mehr beschrieben, doch etwas hielt ihn ab. Dieses Etwas, diese Persönlichkeit, eine Rekrutin der Wache. Er hätte es besser wissen müssen. Wachen können bösartig sein. Junge Wachen können stolz und bösartig sein. Aber jung und vorgeblich höflich? Er hätte vorsichtiger sein müssen. Statt freundlichen Scherzen und schnöden Schmeicheleien, Respekt und Tribut zollen sollen.
Benedikt war kein Idiot. Als sie von einem Gemeinschaftsraum sprach, in dem man schlafen konnte und sich waschen sollte, war ihm insgeheim schon klar, worauf es hinauslief. Auch wenn sich in Bajard keiner an ihm störte, wusste er doch, wie er aussah und vorallem wie er riechen musste.
Es brach ihm also nicht das junggebliebene Herz, als er direkt zu den Kerkerzellen geführt wurde, als er sich umrundet von vier schwerbewaffneten Gardisten sah. Oh Freude.

Natürlich waren ihre Ohren taub für vernünftige Worte, oder was Benedikt dafür hielt. Geh zum Tempel! Lass dich bekehren! Dich wollen wir hier nicht! Du stinkst! Manches sprach man ehrlich aus, manches lies man ihn anderst wissen. Was hatte Widerstand da für einen Sinn? Er ergab sich seinem Schicksal. Vorerst.
Denn als er vor dem Tor stand, da hieß es plötzlich: Stadtverweis! Lass dich hier nie wieder blicken! Das nächste Mal murksen wir dich gleich! Letzte Warnung, ehrlich. Eine unsittliche Behandlung, die ihn ins Mark erschütterte. Glücklicherweise war das das Einzige, was sein Mark betraf, denn als er der Stadt und deren Gardistenweibern den Rücken kehrte, schenkte man ihm auch schon einen Pfeil. In eben diesen Rücken.

Das genaue Weitere war ihm dann ein Rätsel. Benedikt wurde in die Stadt geschafft - vermutlich weil sich Leichen so unsäglich schlecht auf der Straße machten - dann, nach einer medizinischen Behandlung wieder raus. Also hatte er doch deutlich mehr von der Stadt gesehen, im Schmerzenstaumel! Welch Verzückung.

In Bajard war immernoch ein reges Treiben. Sein Rücken brannte, die Geldbörse war sowieso mies gefüllt - ihm war für heute nichtmehr nach Gesellschaft. Einige Stunden wärmte er sich noch am Kutscherfeuer, ehe Benedikt im Windschatten eines größeren Gebüsch Unterschlupf fand. Bäuchlings, die Arme unter dem Gesicht verschränkt, murrte er sich in den Schlaf, ungewiss und mehr als unzufrieden damit.

Verfasst: Donnerstag 14. Mai 2015, 16:14
von Gast
Tag Drei. Oder Tag Vier? War es gar schon eine Woche - nein. Benedikt hatte immerschon zu kämpfen um seine Zeiten beisammen zu halten, kam es da schon auf einen Tag oder sieben an?

Also saß er an einem Bajarder Lagerfeuer, quer auf einem Holzstamm gelegt, die nun endlich wieder gold-dunkelbraunen Haare hingen zum Trocknen aus. Natürlich fing es just gerade wieder an zu nieseln, aber das würde das Straßengrau nicht so schnell wieder in die Haare treiben. So lies er die Tropfen an seiner ziersamen Lederweste abrinnen und die Welt eine schöne sein.
Und was es für eine Welt war! Mit Abenteuern und schönen Weibern, mit reichlich Jagdbeute und Leuten die einem Dinge schenkten.
Als er daran dachte, zog er auch schon das geschenkte Gerbermesser und betrachtete sein verzerrtes Spiegelbild im nur stellenweise reflektierenden Blatt. Schön sah er aus, zumindestens sauberer verglichen mit noch vor einigen Tagen, ob es jetzt drei oder vier waren. Die Wangenfarbe gesünder, die Haare nun wieder braungold, die Augen wieder mit mehr Witz befüllt.
Die Klinge wanderte wieder in eine einfache Scheide, ehe er die Hände unter dem Hinterkopf polsternd zusammenbrachte. Harch und die Leute. Da gab es Adelige, die ohne Scheu Folianten von höchstem Wert teilten; Bäuerinnen die darauf ansinnten ein Lehen zu kaufen; finstere Ordensdamen die mit dem Inhalt ihrer Roben lockten. Natürlich auch Männer, wie großzügige Zwerge, Sonnenverbrannte die aus funkelndem Wohlgefallen hervorstiegen und fähige Handwerker, die einem die leicht gewonnene Jagdbeute regelrecht aus den Händen rissen. Man könnte auch zu Bajard gut leben, befand er für sich, während er den doch so unstet mit Wolkenbändern bezogenen Himmel betrachtete.
Wenn da nicht die Sache mit Adoran zu klären wäre. Ein stummer Seuftzer rollte ihm über die Lippen, ein vages Kopfschütteln folgte gleich auf. Was für ein Pack das Regiment sein mochte. Die Hochgeborene war natürlich kaum zu beschulden, wenn denn überhaupt, denn sie wurde ja genauso wie ein Kronritter warten gelassen. Adelige warten lassen, aber einfache Leut' verfolgen, weil sie eine Gardistin nach dem Dienstschluss fragen. Wo ist das Herz, wo der Verstand und wo das Hirn? Zahlte das Regiment so gut, dass die Bauern ihre Äcker dafür aufgeben?
Vielleicht ein Gedanke, dem es zu folgen galt, sinnierte der junggebliebene Abenteurer noch, ehe er sich aufrichtete und daranmachte dem Totengräber seine Gießkanne zurückzubringen. Mit denen, soll man sich ja gutstellen!

Verfasst: Freitag 22. Mai 2015, 23:57
von Gast
"Abführen."

Natürlich musste es so kommen. Natürlich musste sich der Kreis schließen und der kleine Mann für seine große Klappe ins kalte Verlies gesteckt werden. Die Tugenden seien verdammt, dachte Benedikt noch bei sich und es war sein letzter Gedanke, wenn soviel schonmal vorweg genommen werden darf. Die Bewegung war flüssig, gegen das Kinn eine der Gardistinen geführt. Ein stechender Schmerz an seinem Oberschenkel erinnerte ihn an die Zweite, mit ihrem verdammten Wurfspeer. Scheiß drauf, den Schwung nutzend setze er zu schnellen Schritten an. Eins. Zwei - blendender Schmerz. Drei. Die Gerbermesser lösten sich aus ihrem Provisorium, fielen klirrend zu Boden. Wenn er es nur in den Schutz der Dunkelheit schaffen würde ...

Es muss schon ziemlich abgebrüht ausgesehen haben: Wie der Oberst - in voller Rüstung ein Messer zückte. Es behände in den Fingern wägte, Maß nahm zwischen dem humpelnden Taugewenig und den eigenen Untergebenen. Und dann das Messer in die Finsternis warf.
Das plumpe Zusammenbrechen des Getroffenen besiegelte dessen Tod. Es wurde bereits erwähnt, dass da keine Zeit mehr für Gedankenspiele war, so konnte Benedikt auch kaum Reue spüren. Verraten fühlte er sich, für dieses miese Stechen in der Magengrube war noch Zeit. Oder war es doch ein Gerbermesser, dass sich da einen Weg in die Eingeweide gebahnt hatte? Nein - das hätte noch Zeit für Gedanken erlaubt. Nein, das Fatale ist oft das Banale: Ein einfacher Stein und eine schnelle Stirn waren es, die dem Neuankömmling ein jähes Ende bereiteten.

Verfasst: Samstag 23. Mai 2015, 16:23
von Gast
Eine Weile lang stand er noch im Lazarett und starrte auf den mittlerweile leblosen Körper, welcher auf einer der Pritschen seine vorerst letzte Ruhe gefunden hatte.
Ein kleiner Mann, nicht weiter bemerkenswert. Der Schmutz der Wege hatte sich mit geronnenem Blut vermischt und ihm das Haar und Teile des Gesichtes verklebt.
Alles in allem eine Leiche, die nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre, abgesehen von der Tatsache, dass sie eben da lag.

Für den Beobachter bot sich aber mehr dahinter. Nicht, dass ihm der Mann etwas bedeutet hätte, geschweige denn, er den Mann auch nur sonderlich gut gekannt hätte. Ein leichtfertiger Mensch mit einer schnellen Zunge, für die einen ansprechend, die anderen vermutlich anstrengend, ansonsten aber einfach nur ein Mann. Einer unter vielen.

Nur dass er nun tot war.

Nutzlos. Ein Tod bar jeder Bedeutung. Ein letzter Stand, Trotz, mehr nicht. So rasch vergessen, wie wohl möglich die Entscheidung dazu gefallen war. Aber eine Rolle spielte das auch nicht. Für die Toten spielte nichts mehr eine Rolle. Wichtig war, was die Lebenden daraus machten. Und dieser Lebende, der nun hier auf das unbewegte Antlitz einer Leiche starrte, fragte sich, wie er die rechten Worte finden sollte, um all das hier zu erklären.

Was eine einfache Mahnung hätte werden sollen, ein Hinweis mit der Absicht, zu belehren und zukünftig weitere Missverständnisse zu vermeiden, war dramatisch entglitten. Und auch wenn der Beobachter nicht dazu neigte, in allen Dingen das Unvermeidliche, ja das Schmerzliche zu sehen, blieb da doch die nagende Stimme, dass es am Ende seine Schuld gewesen war. Zumindest sein Fehler, die Lage falsch eingeschätzt zu haben.

Falsch darin, die Ausführung zwei jungen, unerfahrenen Mädchen zu überlassen, die noch nicht wussten, wie sie mit dergleichen umzugehen hatten.
Falsch , dem Manne überhaupt die Gelegenheit zu geben, sich dergestalt in Schwierigkeit zu bringen und dabei umzukommen.
Falsch, ihm nicht einfach gleich ins Gesicht geschlagen und die Sache damit abgeschlossen zu haben.

Und Falsch war es. Dennoch blieb keine Zeit, die Angelegenheit weiter zu bedauern. Die Berichte mussten geschrieben, das Nötige veranlasst werden. Die nagende Stimme zum Schweigen gebracht werden, unter der Versicherung, dass sie alle ihres eigenen Weges Schmied waren.

So verließ der Beobachter die Kammer. Hinterließ den Körper der kundigen Zuwendung der Priester, die ihn wohl abholen und herrichten ließen. Gewohnt, bekannt, alles in seinem geregelten Lauf. Bis die Welt diesen Tag vergessen hatte und nichts mehr zählte als dass die einen das Leben gewählt hatten und die anderen den Tod.