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Das Experiment

Verfasst: Freitag 13. März 2015, 10:48
von Gast
Ich lehnte den Hinterkopf an die Wand und atmete leise durch.
Erst jetzt brachte die Anstrengung ein leichtes Zittern meiner Hände hervor, die ich sogleich zu Fäusten ballte.
Ich musste mir eingestehen das das, was da heute Abend passiert war, nicht nur mein Interesse geweckt hatte (das hatte er schon vorher), sondern auch meinen Forschungsgeist.
Zumindest wenn ich es nett ausdrücken wollte.
Auf jeden Fall wollte ich ihn nicht so zurück lassen, wie er jetzt war. Logischerweise war er eine Gefahr für Menek’Ur, zumindest für die, die ihm unbewusst auf die Füße traten.
Abgesehen von mir, ich hatte ein unbändiges Talent scheinbar dafür.

Er hatte mir so oder so schon viel von dem Verraten, was in ihm vorging, einen klitzekleinen Teil von dem, was er erlebt hatte, nur weil ich eine einzige Frage gestellt hab.
Aus irgendwelchen undefinierbaren Gründen schien er Vertrauen zu mir gefasst zu haben, auch wenn ich direkt und wenig Rücksichtsvoll gewesen war.
Davon abgesehen…. Und das durfte ich ihm nie sagen…. Hatte er mein Mitleid geweckt.
Diese Lebensgeschichte lies mich nicht kalt.
Also blieb mir gar keine andere Wahl, als ihm zu helfen.

Mir gingen verschiedene Bilder durch den Kopf, zum einen erinnerte ich mich an Yamaal, der mir, als ich selber noch junge Schülerin war, seine Erlebnisse gezeigt hatte.
Den Sandsturm, den ich bis heute nicht vergessen hatte, und dessen Geschichte mir immer eine Lehre gewesen war, wenn ich mich hatte verwandeln wollen.
Zum anderen musste ich an Rashid denken, den verschrobenen Hakim. Der eigentliche Grund, warum ich mir damals mein Forschungsthema der Mentalmagie ausgesucht hatte.
Manipulationen, Veränderungen, Barrieren…
Ich wusste nur zu gut, wie es einen Menschen verändern konnte. Die Macht die davon ausging, war unmessbar.
Und als letztes musste ich an einen oder anderen Abend denken, den ich mit Shaymaa verbracht hatte, das Experiment, die Gedanken zu verknüpfen, die Dinge zu teilen.
Auch wenn es auf freiwilliger Basis geschehen war.

Das alles brachte mich dazu, es einfach auch bei ihm versuchen zu wollen.
Saajid war keiner, von dem ich ausging, dass er das ganze Feinfühlig von statten gehen lassen würde und ich rechnete schon mit einer Gegenwehr.
Ein Hitzkopf wie er…

Ein stolzer Sohn der Durrah, der eigentlich meines Blutes war, auch wenn sein Weg ihn zu anderem geführt hatte. Ein ehrbarer Shojen, der einst die Akademie geleitet hatte.
Ich konnte einfach nicht anders. Die Neugier war zu groß. Außerdem wollte ich kein ständiges knistern um mich herum haben, wenn er seine Gabe nicht kontrollieren konnte.
Ihn ihm steckte so viel Macht, so viel Potenzial, das schier ungenutzt und unkontrolliert aus ihm heraus brach, und das konnte gefährlich werden.
Aiwa, ein gefährlicher Mann.

Er hatte sich auf mein Experiment eingelassen, hatte sein Vertrauen in mich geäußert und wir hatten uns, mit Faruk als aufmerksamem Beobachter, in meinen Keller gesetzt. Ganz gemütlich.
Ohne das uns irgendwas störte, ohne dass jemand von außen dazu dringen konnte, oder ablenken würde.

Mein Fokus lag auf ihm und der seine auf mir, als ich begann, ganz vorsichtig und behutsam meine mentalen Energien mit seinen Verbinden zu wollen.
Der Geist steht über dem Körper, eine der Grundlagen der Magie, und egal wie wir nun wirkten, der eigentliche Kampf fand in unseren Köpfen statt.
Auch wenn er versuchte sich auf mich einzustellen und darauf einzulassen, tobte etwas in ihm, das es mir schwer machte. Kaum hatte ich mich ihm angenähert, brach das Feuer aus, sein natürlicher Abwehrmechanismus?
Was auch immer es war, es musste beruhigt werden. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihm meine Ruhe zu vermitteln, zwang mir meinen Lieblingsort auf dem Grünland vor Augen, an dem ich mich immer so wohl fühlte.
Und tatsächlich schaffte ich es, ihn zu beruhigen, zumindest für den Moment.

Es begann ein fast konstantes hin und her, er kämpfte, ich beruhigte, bis sich der erste Schwall des Widerstandes gelegt hatte. Und das war der Moment, an dem ich schon zufrieden abbrechen wollte.
Wäre da nicht die Neugier gewesen…
Wenn er nicht jetzt willig war, wann dann?


Ich weiß gar nicht, wie lange wir da unten gesessen hatten, wie lange wir diesen Kampf gefochten hatten, aber irgendwann sackte er kraftlos zu Boden, und blieb liegen. Nicht, das es mir anders gegangen wäre, aber ich musste noch Faruk hinaus lassen und eine Decke und ein Kissen holen.
Ich wollte Saajid gar nicht raus schmeißen. Ich legte ihm ein Kissen unter den Kopf und lies ihn schlafen.
Ich selbst hatte mich verkrochen, zwei Etagen höher.
Sicherheitsabstand!

Das Ganze war nicht beendet… Es hatte gerade erst begonnen.