Seite 1 von 1

Licht und Dunkelheit

Verfasst: Freitag 6. Februar 2015, 19:51
von Samira Vylen
Leise zog sie die Tür zu ihrer Kammer im Anwesen des Ritters hinter sich ins Schloss. Blitzartig zog dabei leichter Schmerz durch das verletzte Handgelenk. Ihr Schritt führte sie dennoch zielstrebig voran. Müde rollte sie sich seitlich auf der Matratze des Bettes ein, das neben einem kleinen Tisch und einem Schrank jegliches Mobiliar des kleinen Raumes darstellte. Als sie sich auf den Rücken rollen wollte, schossen ihr von den unerwarteten Schmerzen Tränen in die Augen. Bis die Blessuren, die dieses riesige Ungetüm ihr zugefügt hatte, verheilt waren, würde es noch ein wenig dauern. ‚So war also der Dienst im Haushalt eines Ritters Alatars‘, dachte sie, die Augen kaum noch aufhalten könnend. Bleierne Erschöpfung legte sich über ihre Glieder.
Die Zeit, welche sie bereits anderen Rahalern gehörte, hatte sie auf dies nicht wirklich vorbereitet. Anders als der ehemalige Statthalter war der Ritter stets erfüllt von Zorn und Hass und eben diese Reden hallten durch das ganze Gemäuer. Als er das erste Mal von draußen hereinstürmte, ihr nur sein blutiges Rüstzeug hinwarf und es an ihr war, sich darum zu kümmern, widersprach alles in ihr, dies überhaupt zu berühren. Der schwarze, fast schon ölige Schimmer der Rüstung jagte ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Als ihre Hände darauf trafen, färbten sich ihre Hände rot vom Blut seiner Opfer. Das aufkeimende Zittern, welches ihr die Beine weich werden lassen wollte, ließ sich nur schwerlich zurückdrängen.

‚Klebte seine Schuld so auch an ihren Händen?‘

Stumm starrte sie die Wand an, welche ihr darauf keine Antworten zu geben vermochte.

„…Besitz denkt nicht…
…Besitz fühlt nicht…
…Besitz gehorcht…“
, so lautete die wiederkehrende Litanei, der einzige Gedanke, auf den es ankam; oder vielmehr, nach den letzten Ereignissen ankommen sollte. Es war der einzige Gedanke, den sie sich gestatten sollte.

An jenem Tag vor so vielen Jahren hatte ihr eigener Vater sie wegen seiner Habgier dem Gold der Lebenswaage ausgeliefert. In Anlehnung an ihr angebliches Verbrechen sperrte man sie zum Verdursten in einen metallenen Käfig, dessen Stäbe ihre Haut verbrannten, wenn sie es wagte, sich anzulehnen, nachdem die Sonne sie aufgeheizt hatte. Als sie nach den Tagen unter der brütenden Wüstensonne am Ende in die Sklaverei verkauft wurde, weinte sie heimlich ihre letzten Tränen. Ihre Zukunft war fort, ausgelöscht in einem Augenblick und so begrub sie das, was man von ihr übrig ließ, zusammen mit ihrer Hoffnung auf das Leben, was vor ihr hätte liegen sollen.

Sie hatte aufgegeben.

Der Barbar, welcher sich für sie interessierte, und dem der schändlich geringe Preis förmlich keine andere Wahl ließ, als zuzugreifen, brachte sie schließlich in diese Kälte. Damals hatte sie sich noch darüber empören können, dass die Summe welche man für sie verlangte, blanke Erniedrigung symbolisierte.
Weder Hohn, noch Spott, noch Stolz konnten davon ablenken, dass es nun in der Hand eines anderen lag darüber zu entscheiden ob sie leben oder sterben sollte. So war die Leere hinter der Litanei ihr Schutz, ihr wärmender Mantel geworden. Worte waren nur mehr dazu da, ebenso zu dienen und ihr Inhalt hohl und leer. Eine bloße Aneinanderreihung von Worten, die dazu da war, ihren jeweiligen Herren zu erfreuen.

Was nicht da ist, das kann man auch nicht nehmen, oder an sich reißen.

Unter der aufgewühlten Atmosphäre, die in diesem Haushalt herrschte, hatte sie ihren Anker verloren. Jahrelang war sie mit gefügiger Strebsamkeit an echter Aufmerksamkeit vorbeigetaucht. Die Nacht vor dem Rahaler Pranger hatte sie letztlich mehr aufgewühlt als sie sich eingestehen wollte. Statt brütender Hitze herrschte eisige Kälte und es war auch kein Leben, das hier beendet wurde. Nein, vielmehr hielten diese verwirrten Geister es für den Beginn von Freiheit. Das Denken der Barbaren war ihr abermals unverständlich. Dennoch brachte sie es nicht über sich, den geschundenen Leib alleine in der Kälte zurückzulassen, auch wenn er derjenige war, der am Ende in die Freiheit zurückkehren würde. Das Eisen fühlte sich diesmal kalt an unter ihrer Hand, doch es brannte genauso scharf, wie jenes vor so vielen Jahren.

Als ihr die Augen zufielen, dachte sie an die Wahl, die ihr blieb und daran, dass manche ihrer Antworten trotz allem leer blieben und darauf zielten, das Gegenüber zu beruhigen.

So wie sie nichts davon gesagt hatte, dass dieses ‚Baumwesen‘ ihr übler mitgespielt hatte als erwartet, als einer der Triebe sie traf und weit durch die Höhle warf. Eine, die sie wohlgemerkt niemals freiwillig betreten hätte, hätte sie diesbezüglich eine Wahl gehabt.

Als der Schlaf sie endlich holte, kam er mit Macht und riss sie fort in tiefschwarze Nacht. In dieser jedoch lauerten die Ereignisse des Tages und holten sie aufs Neue ein. Mit dem feinen Unterschied, dass diesmal das Katzenwesen, dass sie gesehen hatte, nicht umdrehte und voranstapfte, sondern sich auf die junge Frau stürzte. Die Zähne bohrten sich tief in ihre Hand während Pranken ihr den Rücken blutig rissen. Ein hasserfülltes Fauchen klang durch ihren Geist, während grüne Augen sie boshaft anstarrten, ehe sie zum ersten Mal nach langer, langer Zeit der Ruhe, des Nachts schreiend aufwachte.

Die unverletzte Hand so schnell es ging auf den Mund pressend, hoffte sie nur, niemanden geweckt zu haben, während sie zitternd und von kaltem Schweiß bedeckt auf ihrer Koje kauerte und betete, dass die Nacht vorbei ginge…

Verfasst: Sonntag 13. September 2015, 16:58
von Samira Vylen
Alte Gewohnheiten…

…ließen sich schwer ablegen, stellte Samira still für sich fest. Eine hartfaserige Bürste auf dem Boden lenkte die Hände ab, während sich die Gedanken mit dem Sinn und Unsinn von Freiheit und dem alatarischen Glauben befassten. Oh, sie kannte die Worte, hatte sie doch die letzten Jahre nichts anderes gehört als das stete Gefasel ihrer Herren über den ‚einzig wahren‘ Weg und den ‚Einen‘. Hohle Phrasen, die lediglich in der Erinnerung verhaftet blieben, um sie bei Notwendigkeit abzurufen und herunterzubeten. Kein Wort dabei, das je ihre Meinung wiedergespiegelt oder einen ihrer Gedanken dargestellt hätte.

Der Küchenfussboden im Haushalt des Magisters wurde ausgiebig geschrubbt, die Bewegungen ein geübtes, selbstverständliches Auf und Ab auf den kalten Fliesen…

Hatte ihr neuer ‚Meister‘ es sich tatsächlich zur Aufgabe gemacht, ihr diese Gebote noch näher zu bringen? Unbehagen schlich sich unter den Mantel aus stoischer Ruhe, die stets die äußere Miene zierte und setzte sich im Herzen fest.

Es hatte so viel Kraft gekostet, dem Ritter eine gute Dienerin zu sein. Sein Zorn war allgegenwärtig, sein Hass auf das Licht so unversöhnlich, dass er tiefe Schneisen brannte. Niemals würde sie so sein wollen, niemals diesen Zorn für sich verinnerlichen wollen… Die Bewegungen erstarrten, gefangen in der Haltung, die Arme weit nach vorn ausgestreckt. Matt ließ sie sich nach hinten sinken, auf den Füssen zum Sitzen kommend, die Bürste unschlüssig auf den Knien haltend.

„Die einzige Furcht, die vor den Augen des Herren wirklich Bestand haben darf, ist die, euren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden .. Nicht das genutzt zu haben, was Euch in die Wiege gelegt wurde, um ''Seinen'' Willen zu erfüllen. Was ihr euch also fragen solltet .. ist, inwiefern euer Handeln diesem Anspruch gerecht wird…“
, klangen ihr die Worte des Fremden wieder im Ohr und bohrten sich tiefer, drangen danach sich festzusetzen. Sie wollte sich die Ohren zuhalten, nichts mehr von dieser verqueren Logik hören und wünschte sich inbrünstig, sie zurück in den Nebel zu verbannen, in dem sie alles andere so sorgfältig begraben hatte. Panik begann in ihr zu keimen. Wie einem Funken gleich, als die Stimmen nicht nachlassen wollten und sich fester ins Gedächtnis gruben, der zu einem Feuer heranwächst und hell auflodert, der Angst erlaubte, ihre Klauen tiefer in sie zu schlagen.
Warum konnten sie nicht damit aufhören?

Unwillkürlich die Arme um sich legend, dabei von den steinernen Augen umgebender Skulpturen angestarrt, verweilte sie gefangen in sich selbst auf dem Boden, ohne den wirbelnden Gedanken Einhalt bieten zu können.

„Alatar bedeutet ‚freier Gedanke‘, nicht freier Wille. Manche verwechseln das. Gemeint ist hierbei mit dem freien Gedanken, die Weisheit und die Fortentwicklung. Sie ermöglicht uns die Fähigkeit…“, wisperte die Stimme des Magisters.

Still…
Still…
STILL!!!!! RUHE! HÖRT AUF!!!

Hätte sie Tränen übrig gehabt, würden sie nun den Weg über ihre Wangen finden, doch so schrie sie lediglich in ihrem eigenen Kopf und bat um Erlösung von den Worten…

„Du bist keine Sklavin mehr. Du bist frei.“

Das war es, was ihr der Glaube anbot, was ihr die Lehren einflößten. Du könntest es sein. Ein Mensch. Wie sie. Du könntest es, wenn du nur daran glauben wolltest…
Die Tür, welche Riald unbewusst aufgebrochen hatte, stand nun weit offen, verlockend, rufend. Sie bräuchte nur hinaustreten. Doch was dann? Was sollte sie tun? Was konnte sie überhaupt? So viele Jahre ihres Lebens waren bestimmt von den Wünschen und Gedanken, Worten anderer, die sie sich zu eigen zu machen hatte, das sie selber nicht wusste wer sie war…

„Besitz denkt nicht…“

SCHWEIG!