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Alatner, Schnee und Winterlauf

Verfasst: Dienstag 2. Dezember 2014, 15:22
von Dazen Wolfseiche
  • Unter dem Wasser ist Hunger,
    unter dem Schnee Brot.
    Deutsches Sprichwort
Es war noch einige Zeit vor Sonnenaufgang, als ich mich etwas widerwillig aus dem Bett herausquälte und mir allenfalls leichte Klamotten wählte, die ich anzog. Mir war schon jetzt klar, dass wir alle frieren würden, wie die Schneider, aber dagegen musste die Bewegung helfen.

Es war Alatner, der Zweite, um genau zu sein. Damit brachen die Wintertage an, die uns alle unterm All-Einen daran erinnern sollten, wie schwer diese Zeit sein konnte, wie hart und wie gut es uns ging, und dass wir keine großen Entbehrungen hinnehmen mussten. Es war die Zeit der inneren Einkehr und die Zeit die eigene Stärke zu beweisen, die wir in uns trugen. Ich erinnerte mich noch an den letzten Winter, als ich durch den Schnee getrieben wurde: Die Augen verbunden, nur eine Hose an, das war es dann auch schon. Dagegen war ich jetzt noch dick gekleidet. Das allerdings wollte ich den Früchtchen noch nicht zumuten. Die waren schon am Jammern, weil wir nicht auf der Straße liefen, sondern durch den Schnee hindurch, Mairi ganz vorne weg.

Als ich mich soweit eingekleidet hatte, stapfte ich erst nach oben und zerrte Fenia aus ihren Federn. Sie kam mit den Feiertagen um die Ecke, sie hatte daran erinnern, also durfte sie auch daran teilhaben. Außerdem konnte sie dann auch im Tempel kundtun, dass wir dem nachkamen, was im Ansinnen des All-Einen war und sein musste.
Zuhause, bei meinen Eltern, hatte mich nie jemand darauf hingewiesen, warum wir eigentlich immer in den Schnee hinaus mussten, Holz in den zugeschneiten Wäldern holen, oder andere Arbeiten draußen verrichten sollten. Allmählich dämmerte mir, dass mein hoher Vater nur den Wünschen und Willen des Herrn gefolgt war, ohne allerdings ein Wort darüber zu verlieren.
Allein meiner Knappenzeit und dem Unterricht der Lethry hatte ich zu verdanken, dass ich dem auch im letzten Winter nachkam. Dieses Jahr stand den frisch gebackenen Knappen wohl Ähnliches bevor.

Kaum, dass ich Fenia soweit rausgeworfen hatte aus ihrem Bett, stiefelte ich wieder nach unten, weckte Fann, wobei ich hier aber eher freundlich nachhakte, ob sie mitkommen wollte. Die Begründung für das Ganze lieferte ich gleich mit - Tage der Besinnung und inneren Einkehr eben.
Danach machte ich mich soweit fertig und verließ das Haus in Richtung Gemeinschaftshaus und wartete, bis sich alle versammelt hatten. Die einzige, die heute beritten sein würde, war die Lethrusae auf ihrer Echse. Sie durfte mir helfen die Leute beisammen zu halten, anzutreiben wenn nötig und meinethalben ihren Zorn auf sich zu lenken - darin war sie eh ganz großartig, wenn sie sich so verhielt, wie ich es vermutete, dass sie es tun würde.

Ich erwartete inzwischen eine Hand voll Leute vor der Tür und als alle soweit versammelt waren ging es zum Osttor der Stadt hinaus in den Wald, ab ins unwegsame und unberührte Gelände, wo sie zum Dauerlauf angetrieben wurden.
Die erste Zeit hielt sich das Gemaule in Grenzen, auf Diskussionen ließ ich mich sowieso nicht ein. Ich lief voraus, den Rest überließ ich der Lethrusae. Sie hatte Anweisung erhalten alle durch den hohen Schnee zu jagen, und wenn irgendwer meinte, er könnte es sich leicht machen in den Fußstapfen eines anderen zu laufen, dann durfte er bald feststellen, dass er irrte.
Mairi pflückte ich mir direkt von Anfang an heraus und hielt sie bei mir, um ein Auge auf sie zu haben. Sie nörgelte am Vortag schon genug darüber und jammerte, sie würde auf der Straße den doppelten Weg laufen, aber doch bitte auf der Straße. Was ihr Gejanke sollte, verstand ich nicht, es war mir im Grunde auch einerlei. Was für alle galt, galt auch für sie. Da gab es keine Ausnahme.

Ich trieb sie solange, bis sie durchgefroren waren - ja, ich war das zweifelsfrei auch, da war auch ich keine Ausnahme, aber ich riss mich zusammen, und es gelang mir an der Stelle tatsächlich. Als die ersten Schlapp machten, führte ich sie auf den befestigten Weg, wo der Schnee bereits platt getreten war und ließ zwei Leute ein Feuer entzünden. Das Unterfangen dauerte, da erst einmal trockenes Holz gefunden werden musste und die kalten Hände die Bedienung der Zunderbox erschwerten. Irgendwann gab es dann aber mitten auf dem Weg ein lustiges kleines Feuerchen, an dem sich alle wenigstens ein bisschen aufwärmen konnten. Da aber an diesem nicht so viel Platz war, trieb ich je zwei dazu an sich zu bewegen. Es gab Übungen, zu denen wir schwere Äste hinzunahmen, diese stemmten, oder auch Gemeinschaftsübungen. Sprich, sie mussten ordentlich ackern, wenn auch nun im steten Wechsel mit den anderen.

Mio musste ich wohl ein bisschen mehr bei der ganzen Geschichte rausnehmen. Das Persönchen würde noch einiges zulegen müssen, um mithalten zu können, aber immerhin hatte sie es versucht. Also bat ich die Lethrusae den Hungerhaken mit auf die Echse zu nehmen, sobald es weiterging. Den Spaß konnte und wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Die Stunden zogen dahin, wir froren uns im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch ab, aber an Aufgeben war gar nicht zu denken. Ich konnte mir ausmalen, wie sehr ich in den Stunden gehasst wurde, feierte es insgeheim ein bisschen und schöpfte daraus die eigene Kraft weiterzumachen. Wie gern sich so manch einer in den Schnee geschmissen und geschlafen hätte, als die Kondition nachließ und die Kälte richtig zubiss und die Kräfte aus ihnen heraussog - und aus mir - war mir nur zu deutlich. Die Gefahr, die damit einherging, war auch nicht zu unterschätzen. Der Tod war ein gnädiger Gefährte in so einer Situation.
Folglich legten wir am Ende öfter eine Pause ein, das Feuer viel ein bisschen größer aus, und die Lethrusae gab Getränke aus, die ich ihr vor dem Aufbruch mitgegeben hatte. Auch wenn es nichts Warmes war, so war es doch belebend. Etwa drei Stunden nach Sonnenaufgang führte ich das Grüppchen zurück nach Rahal ins Gemeinschaftshaus. Ich ließ einen ordentlich großen Bottich für die Mädchen aufstellen, in dem alsbald heißes Wasser gegossen wurde, dazu noch einige Eimer Schnee, die das Ganze auf eine annehmbare Temperatur brachte und ließ sie sich im Schlafsaal einsperren zum Auftauen und für das warme Bad. Die Kerle, die uns begleiteten, nahm ich einfach mit zu mir nach Hause und scheuchte sie ins obere Bad, dort in die Wanne. Ich selbst suchte die eigene auf.

Ich genoss es, als die Wärme in meine Knochen kroch und sich allmählich die schwere Müdigkeit einstellte, die immer kam, wenn das Zittern aufhörte, die Anspannung und Anstrengung abfiel und das Frieren ein Ende fand.
Trotz der Müdigkeit ging mir das Gespräch vom Vorabend durch den Kopf. Ich würde eindeutig noch mit Mio sprechen müssen, denn ihrem Onkel traute ich so weit, wie ich Kryndlagor schmeißen konnte - also gar nicht. Er würde sich nicht an das halten, was ich ihm aufgetragen hatte. Letztlich wunderte es mich nicht, aber meine Warnung war an sich unmissverständlich gewesen. Seine Torheit, wenn er es trotzdem darauf anlegte. Möglich, dass er mich auf Grund der ausgebliebenen Prügel für friedlich hielt. Keir hätte ihn aufklären können, dass dem nicht unbedingt so war.
Ich hatte meine Gründe nicht direkt die Tür in sein Gesicht zu fegen. Letztlich war mir eine Unterstützung nicht ganz Unrecht, aber dann zu meinen Bedingungen. Nun, ich würde sehen, was daraus wurde.

Allzu lange hielt ich mich im Bad dann auch nicht auf, denn ich hatte ja noch Gäste. Und als alle soweit aufgetaut, gebadet und ein bisschen schnupfig in trockenen Klamotten steckten, gingen wir wieder rüber zum Gemeinschaftshaus für eine gemeinsame ordentliche Mahlzeit. Danach konnte jeder seinen eigenen Pflichten für heute erst einmal getrost nachgehen.
  • Im Winter fusioniere ich mit meiner Ofen-Bank.
    Erhard Horst Bellermann

Verfasst: Dienstag 2. Dezember 2014, 19:21
von Gast
Ich hatte so Bauchweh vom Lachen - oder nennen wir es lieber Muskelkater. Dazen hatte es angekündigt und schon als ich anbot, nur in Wäsche und doppelt so viel an Strecke zu laufen, wusste ich, dass er ablehnen würde. Er hatte mich nie im Winter erlebt, aber irgendwie hatte er einen siebten Sinn für Dinge, denen ich abgeneigt war. Ich konnte nicht einmal erklären, warum es so war, wie es war. Ich liebte Schnee. Ich freute mich, als die ersten Flöckchen fielen und diese Schneeballschlacht war die sprichwörtliche Kirsche auf der Torte. Ja, ich liebte Schnee. Ich hatte nur ein erhebliches Problem, über unberührten Schnee zu laufen. Eigenartigerweise hatte ich das schon, bevor ich dieser ominösen halbtoten Ziege damals begegnet war, kurz bevor wir die Höhle der vier Alben fanden. Warum die Ziege? Weil genau jene über den Schnee lief, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich kann mich sogar noch an einen äußerst unschönen Traum erinnern, als ich ganz plötzlich inmitten eines Schneefeldes stand - um mich herum keine einzige Tapse, die ich hätte nutzen können, um da wieder raus zu kommen.
So ähnlich war es auch heute. Ich zögerte und ich wusste, dass Dazen mich schnappen würde und zur Not höchstpersönlich durch die Schneemassen zerren oder schieben würde. Nach dem unbeschwerten Abend wollte ich ihm allerdings auch keine unnötigen Umstände machen - und vor allem wollte ich nicht, dass er wütend wird, oder enttäuscht. Und so rannte ich, nach der Abmahnung, die ich mir dennoch einhandelte, wie alle anderen auch. Die ersten Schritte (und eigentlich auch alle dazwischen) schnürten mir die Kehle zu und es war nicht nur die Kälte, die meine Augen zum Tränen brachte. Ich hasste es. Ich hasste Schnee. Zumindest dann, wenn ich die unberührte, glitzernde Decke durchbrechen musste.
Dieses Training war die Hölle. Ja, natürlich war es anstrengender für den Körper. Der Schnee hielt auf und vor allem in den Gebieten, wo er fast bis zum Knie reichte - Schneeverwehungen sei dank - war es ein Kampf für Fliegengewichte wie Mio oder mich. Für den Kopf war es noch viel schlimmer. Ich hoffte nur, dass die anderen die tränenden Augen der Kälte zuschrieben...

Verfasst: Mittwoch 3. Dezember 2014, 13:33
von Liska Erlengrund
Knallend fiel das Holz zurück in den Rahmen, während einige Bücher im Regal umfielen. Oh wie sie ihn hasste, wie sie ihm einfach gern etwas an den Kopf werfen wollte. Und nein, sie meinte keine Worte, sondern Gegenstände. Große, schwere Gegenstände!

Ja, sie hatte sich zu einer gottlosen Uhrzeit aus dem Bett gequält, war in diese verdammten Klamotten reingeschlüpft, sich völlig deplatziert in jenen fühlend. Draussen war das Schneetreiben in vollem Gange, die verwehten Schlieren auf den Wegen erleuchteten Teile der Dunkelheit, die noch vorherrschte und den fahlen Geschmack auf der Zunge hinterließen, dass das heute alles andere als einfach werden würde. Es erinnerte sie zu sehr an früher. An Tage, an denen sie so leicht bekleidet wie heute morgen durch die Wälder stapfte und auf der Suche nach einem trockenen Unterstand war. Erinnerungen, die sie erfolgreich verdrängt und beiseite geschoben hatte...bis heute.

Kalt....so verdammt kalt. Sie sank immer wieder in den Schnee ein, mühsam sich herauskämpfend und weitergehend. Sie durfte nicht stehen bleiben, sonst würde sie einfach elendig verrecken hier. Die Genugtuung wollte sie keinem da oben geben! Sollten diese verfluchten Göttinnen da oben doch einfach sie in Ruhe lassen und ihren Blick wo anders hinwenden! So verdammt kalt! Verfluchtnocheins! Der Wald schien so unendlich groß, so unbewohnt. Sie würde Tage brauchen, um ein Dorf zu finden oder eine verlassene Scheune, einen Verschlag. Irgendwo musste es doch trocken sein, irgendwo würde sie doch wohl ein Feuer machen können... sie fühlte ihre Füße seit Stunden nicht mehr...oder war es sogar länger? Sie wusste es nicht, zog den leichten Umhang um ihre Schultern enger und kämpfte gegen die nächste Schneewehe an, die ihr eisig entgegenspie. Sie hasste es...hasste es einfach!

„Beweg deinen Arsch Liska!“ Die Worte hallten ihr im Kopf immer noch nach, während sie ihre Tasche mit den Tiegel und Salben heraussuchte und sich auf den Stuhl fallen ließ. Alles schmerzte an ihr, prickelte auftauend, wärmend durch sie hindurch. Das Bad hatte die Muskeln zuerst aufgewärmt und schließlich entspannen lassen, sodass die Schmerzen erst langsam nun auftauchten und sich durch ihren Körper bahnten wie eine schleichende Kreatur.
Oh ja, sie hatte geflucht, hatte widersprochen. Und war bestraft worden. Die Stellen an Wade, Arm und Schulter würden sich die Tage noch herrlich blaugrün verfärben, dank der hungrigen Echse der Lethrusae. Jene galt es nun zu versorgen, einzusalben und mit einer weiteren wärmenden Tinktur zu überstreichen. Sie machte sich an die Arbeit, langsamer als sonst, gestört durch das Prickeln in den Fingern. Das Hölzchen zum Rausschaufeln der Creme fiel ihr aus den Händen, ließ sie laut auffluchen...

Ihre Hände zitterten so verdammt, dass sie kaum die Steine aneinanderschlagen konnte. Manches mal fiel ihr dieses verdammte Teil einfach aus den Händen. Immer und immer wieder las sie ihn wieder auf, immer und immer wieder versuchte sie, einen verfluchten Funken zu erzeugen. Alles was sie wollte, war nur etwas Wärme. Eine kleine Weile sich aufwärmen, verdammt! Tränen stiegen ihr in die Augen, verbissen weiter um diesen Funken kämpfend...

Die Widerworte hatte sie irgendwann aufgegeben und war nur noch gefolgt. Schweigen hieß es von da an, brütenderweise ihren Zorn sammelnd, der immer noch in ihr loderte. Natürlich war sie nicht die Einzige gewesen, die dabei gewesen war. Sicher auch nicht allein damit, diesen Lauf zu hassen und zu verfluchen. Sie hatte es anderen Mienen ebenso angesehen ohne Genugtuung zu empfinden. Nein, geteiltes Leid war absolut nicht halbes Leid. Zu jenem Schluss war sie zumindest gekommen. Und erst mit dem Ablenken auf den matschigen Pfad konnte sie sich halbwegs wieder auf die Übungen konzentrieren, die Anforderungen, die der Präfekt von ihnen verlangte. Mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht, ihm eine eisige Schneeböe um die Ohren zu hauen; mehr als einmal hatte sie es wieder verworfen. Sie wollte nicht entdeckt werden in ihrem Wirken, wusste schon gar nicht, wie Letharen beispielsweise das Lied verstehen oder hören konnten. Und wenn auch nur einer von den anderen Gesichtern es ebenso hören konnte....wäre sie verraten gewesen. So schluckte sie den Zorn, ertrug es und tat, was von ihr verlangt wurde, bis sie endlich zurückkehrten. Sie brütete weiter, schwieg und ging, als man es endlich gestattete.

Die Salbe verströmte einen süßen Duft aus, der ihr alles andere als lieb war. Andere mochten diese beruhigende Wirkung, sie allerdings widerte es an. Sie packte die Sachen fort, kleidete sich wieder dick an und verließ das Haus wieder, um die Strassen entlang bis zum Osttor zu gehen, die Stadt verlassend. Nahe der Wälder lockte sie einen der Waldgeister, ließ sich zur Insel bringen...erst hier fühlte sie sich sicher, tauchte mit ihrer Wut in das Lied hinein und formte einen ballenen Luftstrom zwischen ihren Händen. Schnee und Eis mischten sich dazu, das Lied toste in ihr und um sie herum, als sie es schließlich fortschleuderte und gegen einen der Felsen schleuderte, die hier und dort standen. Wieder und wieder musste der Stein leiden, bis die Wut atemlos aus ihr verraucht war und sie schnaufend, erneut schwitzend innehielt, als sie der Kraft gewahr wurde, die da aus ihr gekommen war.

Was ein Lauf so alles bewirken konnte...

Verfasst: Mittwoch 3. Dezember 2014, 15:35
von Gast
Kein Murren, kein Jammern, kein Fluchen... im Grunde nicht einmal ein einziger Kommentar und obwohl sie es wieder einmal vollbrachte, dass die Mimik nüchtern und hölzern blieb, so glimmten die Kohleaugen verräterrisch beseelt. Die Luft war eisig und drang kühl mit jedem tiefen Atemzug weiter in den Körper herein, rann den Hals hauchend hinab und kitzelte die Lungen, bis eben doch der erste leise Hustlaut ihrerseits zu vernehmen war. Im Grunde gab sie schon viel zu früh ein etwas jämmerliches Bild ab, als sie - einem von Muttern eingepacktem Kind gleich - dem Rest hinterhertrappelte und dabei irgendwann nur noch keuchte oder hüstelte.
Doch es störte sie nicht!

Weshalb auch? Der Schnee glitzerte im bizarren Lichtergemisch der letzten Sterne und herabgebrannten Laternen so vollkommen zauberhaft und schillernd, als wäre er ein Bote einer ganz anderen Welt. Wundersam und magisch ließ er, mit jedem Schritt in die weiße Pracht hinein, ein feines Liedlein im Inneren des Körpers erklingen. Irgendwo in der Brust kündete etwas von seltsamer Unbeschwertheit und einer Unschuld, die sie vergessen zu haben schien. Mit jedem Teil der Wintermär bekam sie ein Stück ihrer glücklichen Kindheitstage zurück. Angefangen von den wilden Schneeballschlachten, dem ausgelassenen Getolle im Puderfirn bis hin zur heißen Milch, welche danach jegliche Kälte aus den steifgefroreren Gliedmaßen vertrieb.

Was kümmerten einen rote, triefende Nasenspitzen, klatschnasse Hemden und durchgeweichte Handschuh, wenn das alles im Nachhinein nur die Sinne soweit prägte, dass sie zeitgleich an all das Schöne und Reine solcher Tage dachten? Ein Sehnen im Herzen und in die Kindheitsmomente mischten sich verborgene, heimliche Wünsche hinein, die ihr ein feines Lächeln auf die Lippen, halb unter dem dicken Schal verborgen, zauberten. Selig Schmunzeln, den Blick gen Boden gerichtet, dackelte sie so verhältnismäßig lange dem Rest nach, bis die Blutarmut sie der Länge nach dann doch in die weißliche Pracht schleuderte und der Präfekt befand, dass es sinnvoller wäre, den Platz auf dem Rücken der Echse zusammen mit Jexxe zu teilen.
Doch es störte sie nicht!

Weshalb auch?
Man hatte sie verzaubert - mehrfach... und es war wundervoll.

Verfasst: Mittwoch 25. Februar 2015, 15:28
von Gast
Der Schnee war weg.
Ich nahm diese natürliche Tatsache mit einer Mischung aus Missmut und Freude hin. An sich mochte ich die weiße Pracht, auch wenn sie vieles erschwerte. Nicht zuletzt das Laufen in den letzten Wochen, das sich zu einem morgendlichen Trott etablierte: Raus aus dem Bett, rein in die Klamotten, auf zu den Toren Rahals, Abmarsch nach Düstersee und zurück nach Rahal. Sammeln und dann wieder ins Bett, um noch eine Mütze Schlaf abzukriegen.
Es war zum Alltag geworden, so gab es auch kein Murren und Mosern mehr, wenn ich noch vor Sonnenaufgang hochkonzentriert versuchte im Laufschritt nicht die unbeschädigte Schneedecke zu erwischen, sondern die Fußstapfen, die der ein oder andere Ritter dort hinterließ.
Leider ging mit dem Schnee auch die Konzentration flöten und damit auch die Ablenkung vom Schmerz. Der kam nicht etwa vom mittlerweile gewohnten Laufen, er war eher Überbleibsel der unliebsam-stürmichen Begegnung von Knie und Treppe. Ich versuchte das in den letzten anderthalb Tagen so gut es ging zu überspielen. Dass Dazens Strafe im Endeffekt durch Eigenverschulden härter war, als gedacht, machte mich nur unnötig wütend und so versuchte ich, das ekelhaft-unschöne Knacken und Knarzen des Knies zu ignorieren.
Die frische Brandwunde durch das glühende Eisen, das das Mal der Prätorianer auf meine Schulter geprägt hatte, tat ihr Übriges, aber jammern würde ich nicht. Ich hatte auch wenig Lust, mit den Spott und Hohn meiner frisch gebackenen Schwägerin anzuhören, wie schön ich es doch eigentlich hatte. Aber nun musste ich zähneknirschend zugeben, dass meine Laune von Stunde zu Stunde mieser wurde. Schmerzen waren also schlimmer als Hunger, was Griesgrämigkeit und Empfindlichkeit bei dummen Bemerkungen anging.
Was nützte es aber - genau, nichts und so trat ich auch an diesem Morgen den Lauf über den grün-braun, von Schnee befreiten Boden an. Nur kam man mit Sturheit nicht immer ans Ziel, wie ich feststellen musste, las ich nach einem Dreiviertel der Strecke aufgab. Nicht, weil ich es etwa so beschlossen hatte, sondern weil das Bein oder Knie oder irgendwas, was mich hätte tragen sollen, einfach nachgaben und ich volle Breitseite am matschig-unschneeigen Boden ankam. Kurz dachte ich mir noch, dass ich dringend lernen sollte, mich vernünftig abzurollen, allerdongs verschwamm der Gedanke ziemlich schnell. Ich hatte keine Aufmerksamkeit mehr dafür, wer noch hinter mir war oder wie ich nun wieder nach hause kam, vertraute aber einfach darauf, dass die restlichen Prätorianer mich spätestens beim Eintreffen in Rahal vermissen würden und mich früher oder später einsammelten.

Immerhin war der Schnee weg.