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Gedankenspiele

Verfasst: Sonntag 23. November 2014, 14:36
von Gast
Sie rauchte noch immer vor Wut als sie die Tür des kleinen Hauses hinter sich zu zog. Wie konnte er es eigentlich wagen? Welch dreiste Unverschämtheit!

Seit sie in Adoran lebte, fühlte sie sich manchmal wie aus ihren alten Leben gerissen, wie einen kleinen Baum, dem gerade die sich ausbreitenden Wurzeln entrissen wurden. Woran es lag? Gerimor war einfach anders als Valar, ihre Heimat im hohen Norden. Alles war hier anders. Die Menschen, die Sitten... das ganze Miteinander.

Ihre Eltern hatten immer sehr stark auf ihre Erziehung geachtet, wie bei allen ihren Kindern. Etikette war kein Fremdwort für Aethelinda, ebenso war sie es gewöhnt auf die Worte des Familienoberhaupts zu hören. Es war eine vollkommen klare und simple Hierarchie die sich nicht unbedingt in Bevormundung auszeichnete, sondern vielmehr das bei Hilfe oder einem Rat stets ihr Vater an ihrer Seite war. Ihr Vater, da waren sich die Aschengardts drüber bewusst, wusste immer was das Richtige für die Familie war – das änderte sich nicht, als ihr Vater viel zu früh verstarb und ihr ältester Bruder Livyathan seine Aufgabe übernahm. Die Familie war ihre Heimat, so war es die älteste Schwester Malina, die beim Tod der Mutter sich um den Hof kümmerte. Das Livyathan – und somit die ganze Familie - im Verlauf ihres Lebens ein Lehen bekamen, auf dessen Namen ihr Nachname beruhte, änderte auch nichts an der Tatsache, das die Familie ihre Heimat war – immer.

Sie hätte Valar niemals verlassen, wenn sie nicht gezwungen worden wären– wenn Livyathan sonst seinen Kopf verloren hätte. Wahrscheinlich wäre auch alles beim Alten, wenn sie in Valar geblieben wären... hier in Gerimor fühlte sie sich manchmal etwas verloren, gar haltlos und desorientiert.
Die Menschen in Adoran waren offen und warmherzig, es fiel ihr eigentlich nicht schwer Anschluss in dieser Stadt zu finden und dennoch fühlte es sich noch nicht richtig an. Livyathan sagte eine Entfremdung der Geschwister untereinander voraus … wie kam er dazu?
Sie sahen sich nicht mehr so oft wie in Valar oder zu Anfang als sie sich in Bajard aufgehalten hatten... aber war das nicht normal, wenn jeder seinen Weg für sich gefunden hatte? Livyathan war ein Teil des Regiments geworden und verbrachte viel Zeit damit seine Kampfkünste zu schulen, Berahthraban kochte wie ein wilder und hielt sich auf den Hof von Aniviel auf und sie, war ein Teil des Bunten Kessels geworden und demnach oft dort.
Aber es war ja nicht so, als würde sie ihre Brüder vergessen – das war ganz sicher nicht so! Warum also, glaubte Livyathan so fest daran, das sie sich auseinander leben würden? Sie liebte ihre Brüder und das würde sich nie ändern.

Sicherlich, es hatte einige Streitigkeiten gegeben... nicht zuletzt weil Aethelinda Freunde gefunden hatte, die Livyathan nicht zu mögen schien. Allem voran Alania. Alania war wie ein kleiner, bunter Wirbelwind, der sie sofort in ihr Herz geschlossen hatte. Ein Küchenmonster, eine Optimistin und mittlerweile eine gute Freundin, die sie immer mit Leckereien vollzustopfen wusste. Ihre anhänglich und offenherzige Art sich in Aethelindas Leben einzumischen, war Livyathan von Anfang an aufgestoßen. So sehr, das eines Abends Torjan einspringen musste um den Streit zu schlichten – mit weniger Erfolg. Aber das lag schon einige Umläufe zurück und auch diesen Streit hatten sie überwunden.

Warum aber, stand sie nun vor Zorn rauchend in ihrem kleinen Haus?
Magier... Magus... Hochgelehrter... Liedwirker... Hochnäsiger… Idiotischer... Dreister... Unhöflicher... MERRIK!

Noch immer kribbelte und schmerze ihre rechte Hand von der Ohrfeige die sie ihn gegeben hatte – aber die allein hatte leider ihre Wut auf diesen Magier nicht besänftigt... die Tatsache das sie sich selber für diesen Wutausbruch hasste, machte es auch nicht unbedingt besser. Fast alles was dieser Magier tat, war schlicht und einfach nicht höflich. Es hatte sie schon in Verlegenheit gebracht, das sie ihn – ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen – als Kater gestreichelt hatte oder das er sich als Kater auf ihr Bett gelegt hatte. Das gehörte sich schlicht nicht! Das war weder im Sinn der Etikette noch hätte ihr Vater oder ihre Mutter es gerne gesehen, sie in solcher „Nähe“ zu einem Mann zu sehen, mit dem sie nicht mal verlobt war.
Jenes was das Fass nun zum Überlaufen und somit ihren Geduldsfaden, gesprengt hatte, war das „Portal“. Zu dritt waren sie vor Bajard und Merrik – wahrscheinlich in guter Absicht – öffnete ein Portal nach Adoran. Für Aethelinda war dieser Magier, den ersten den sie genauer kennen lernen durfte, dementsprechend misstraute sie der ganzen Liedwirker Geschichte. Von Anfang an, hatte sie gesagt, das sie die Kutsche nehmen würde... doch dazu kam es nicht. Als das Erste in sich zusammen gebröckelt war, öffnete er hinter ihr eines und schubste sie einfach hindurch.
Die folgenden Minuten waren geprägt von Angst, Hysterie und noch unterdrückter Wut. Sobald sie aber den festen Grund vor Adoran unter den Füßen spürte, hatte sie ihn angebrüllt – wie er es wagen konnte – und schließlich ihm eine geklebt. Ordentlich, mit all ihrer kläglichen Kraft die sie in diesem Moment aufbringen konnte.

Sie hatte noch Niemanden, außer Livyathan davon erzählt, sie wusste schlicht nicht wie sie mit dieser Wut umgehen sollte. Sie drückte ihr die Kehle zu und etwas versuchte aus ihr heraus zu kriechen - über kurz oder lang, das wusste sie, musste sie darüber reden.

Verfasst: Donnerstag 27. November 2014, 15:48
von Gast
Ein Rosenstrauß und Schokolade.
Sollte das wirklich der Anfang einer Wiedergutmachung sein? Zumindest schien es ihm wirklich so Leid zu tun, das er selbst bereit war in ihrer Nähe jegliches Liedwirken aufzugeben. Was sie davon halten sollte, wusste sie nicht.

Ein kleines Seufzen rann über die Lippen der Frau, während sie über das dunkelrote Leder zwischen ihren Fingern strich. Bestienleder, sie mochte die Farbe ungemein und mit der Verarbeitung wurde sie auch immer sicherer. Manchmal wünschte sie sich, genau so sicher im Alltag zu sein, wie sie es mit ihren Handwerkskünsten war. Selbst wenn sie es versuchte, so gelang es ihr aber nicht immer. Der silbergraue Blick verfing sich auf den silbernen Stickereien, die einen stilisierten Drachen auf der Bestienlederrüstung formten. Sogleich sprangen ihre Mundwinkel wieder hinauf. Sie hatte den Drachen aus so vielen Gründen gewählt.
Zu einem prägte er seit je her das Wappen ihres alten Königs aus Valar und somit auch das Wappen der Familie Aschengardt, aber zum anderen empfand sie auch eine unglaubliche Faszination für diese Wesen. Sie wurde noch immer ganz hibbelig wenn sie daran dachte, das sie... eine kleine Schneiderin aus Valar... erst vor wenigen Umläufen einen richtigen Drachen gegenüber gestanden hatte! Natürlich war da zuerst ein innerer hysterischer Anfall gewesen als sie sich dem Wesen genähert hatten... aber jene, die sie begleitet hatten, schafften es unglaublich schnell diesen in die Knie zu zwingen. Das Ergebnis war geprägt von Euphorie, welche immer wieder auflebte wenn sie daran zurück dachte.
So langsam wurde sie auch ihr Umgang mit dem Bogen immer sicherer, auch wenn sie in Panik wohl noch mehr daneben schoss, als wirklich ihr Ziel zu treffen. Sie glaubte sogar einmal den Magus getroffen zu haben... aber der ließ sich nichts anmerken. Wahrscheinlich aus Höflichkeit ihrem miserablen Künsten gegenüber.

Und da war noch etwas, was sie in Scham versinken ließ... sie war betrunken gewesen, zum ersten Mal in ihren 20 Lebensläufen... war sie nicht mehr Herr ihrer Sinne und Taten gewesen. Warum? Zu einem vielleicht weil es eine Aufgabe von Kaleya gewesen... zum anderen aber auch, weil Hailey so unglaublich mitreißend war. Gut, ehrlich gesagt hatte sie dabei weniger an Kaleya gedacht... vielmehr hielt sie diese Aufgabe wohl als Entschuldigung für sich selber parat, wenn sie sich fragte wie es dazu gekommen war.
Ein lustiger Abend.. Hailey, Eluine, Gorban, Merrik.
Rotwein, Glühwein, Apfelwein... Amaretto... Likör...

Wie demütigend, ein Opfer dieses Zeugs zu sein! Wenn sie daran zurück dachte wie sie sich verhalten hatte... wenn Livyathan davon wüsste.
Wenn ihr Bruder wüsste das sie danach laut singend in Begleitung des Magus spazieren gegangen war! Immerhin war nicht noch etwas passiert, für das sie sich schämen musste... der Alkohol und der Spaziergang waren immerhin genug gewesen und ein wenig wünschte sie sich, beides rückgängig machen zu können. Ob ihr Bruder es ihr übel nahm, das sie immer eigenständiger wurde und mittlerweile sogar öfters an Ausflügen teilnahm?

Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe und legte die Rüstung beiseite. Auch sie war ein Sinnbild für ihre … Fehler. Sie bestand aus Geschenken eines Mannes und Geschenke eines Mannes bedeuteten in Valar nie etwas Gutes, wenn sie nicht mit ihrem Vater oder Bruder abgeklärt wurden. Sie bezweifelte das Livyathan davon wusste und dennoch erfüllte es sie schon mit Freude diese Geschenke zu erhalten. Machte sie das nun zu einem unehrenhaften Menschen?
Wahrscheinlich war es hier in Gerimor Gang und Gebe etwas zu verschenken... in Valar war es ein Zeichen tiefer Zuneigung, eine Möglichkeit zu Werben und die Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Natürlich durfte man nur diese Geschenke erhalten, wenn der Vormund... das Oberhaupt der Familie diese genehmigt hatte.
Was sollte sie also davon denken oder gar tun?
Sie wusste, das sie es eigentlich ihrem Bruder erzählen musste, aber zum ersten Mal seit einiger Zeit verstanden sie sich wieder ohne einen Streit anzufangen und das wollte sie unbedingt so beibehalten.

Erneut entwich ihr ein Brummeln, ehe sie sich aufdrückte und sich auf den Weg zu Alania machte... sie hatte da wohl ein wenig mehr Erfahrung als Aethelinda.

Verfasst: Montag 22. Dezember 2014, 20:33
von Gast
Umläufe, Wochen, gar Monde vergingen und mehr und mehr konnte sie Gerimor als ihre Heimat bezeichnen. Selbst der Schnee konnte der Schönheit dieses Landes keinen Dämpfer verpassen und damit empfand Eli mit Sicherheit nicht die optische Schönheit, sondern vielmehr die Innere. All die Menschen die ihr in jener kurzen Zeit an ihr kleines Herz gewachsen waren.

Sie konnte getrost die kleine... oder mittlerweile sogar recht große ... Kesselgemeinschaft als eine Art Familie betrachten. Ihr Herz blühte jedesmal auf wenn sie eines der Gesichter erblickte und so fiel es ihr mittlerweile auch leicht das persönliche "Du" an Jeden zu richten. Sie mochte schlicht jeden von ihnen, egal ob es der grobe Gorbian mit seinen anzüglichen Witzen oder die wuselige Alania mit ihren Tonnen an Naschereien war. Die kleine Frau aus Valar fühlte sich einfach wohl und geborgen wenn sie im Kessel war.

Es war aber nicht so, als würde ihr Leben nur aus Sonnenschein und Blümchen bestehen.. ganz und gar nicht. Da waren mehr als ein paar Sachen die ihr Inneres quälten, die sie Nachts beschäftigten und sie nicht einschlafen ließen. Ganz vorne in der Reihe dieser Sachen stand die Frau von Cabeza... Melina.
Es war ein Mischmasch aus Gefühle welches sie jener Frau entgegen brachte. Zu einem war da diese Angst vor ihr... Angst die sich wohl darauf beruhte das sie immer, wenn sie die Augen schloss, den Lauf ihrer Waffe erblickte welches sich gnadenlos in ihren Rücken bohrte... die Entführung lag nun schon einige Umläufe zurück und hatte dank Lucia auch nicht wirklich lange angedauert. Aber es war dennoch ein Erlebnis für Eli gewesen, welches sie nicht so schnell vergessen würde... sie wurde noch nie in ihrem Leben in jenem Maß bedroht und dennoch empfand sie ein unglaublich großes Mitgefühl für Melina. Sie konnte gar nicht richtig beurteilen warum oder es geschweige denn Beschreiben, sie glaubte einfach fest daran das Melinas Licht lediglich gedämpft wurde und das man es nur neu entfachen müsste.
Sie war wie ein Tier welches man in die Enge gedrängt hatte und nun verzweifelt um sich Schlug und Biss. Leider war sie wohl die Einzige die sie so sah und selbst der Novize schien den Glauben an die Frau von Cabeza verloren zu haben. Eli würde Melina die Tage wieder im Gefängnis besuchen müssen, etwas trieb sie dazu, das sie jene nicht ihrem Schicksal überlassen konnte.

Neben diesem Wirrwarr für Mitgefühl und Angst war da dann auch noch das Werben verschiedener Personen. In den vergangen Wochen hatte sich ihr Verhältnis gegenüber den Magus in einem gewissen Rahmen verändert und sie wusste von dem Gespräch welches er mit ihrem Bruder gehabt hatte. Die kleinen Geschenke und Aufmerksamkeiten, die Worte und Blicke die er an sie richtete blieben ihr selbstverständlich nicht verborgen und doch war da noch immer dieser Funken von Zweifel. Laut Melina war der Magus daran Schuld das sie entführt wurde, das Ziel der Entführung sollte es lediglich sein sich an den Magier zu rächen und Eli befürchtete, das es in Zukunft wieder passieren könnte. Sie verfügte über keine großartigen Fähigkeiten im Kampf, sie war froh wenn sie einen Oger mit ihren Pfeilen traf und sie wollte gewiss nicht die Schwachstelle eines Mannes sein. Sie wollte sich selbst verteidigen können, das war einer der Punkte, der sich immer mehr in letzter Zeit heraus kristallisierte... jedoch wusste sie noch nicht, was sie tun sollte um dieses Ziel zu bewältigen. Sie sah sich selber nicht als eine Person, die sich kopfüber in einen Kampf stürzte. Dann war da auch noch diese unglaubliche Schnelligkeit mit der sich die Gefühle des Magus zu entwickeln schienen - so rasch das Eli Angst hatte, es wäre nur eine Laune oder gar nur ein Produkt der Einsamkeit, welches dazu diente jene zu bewältigen.

Liebe war etwas was winzig Klein seinen Anfang fand und erst mit genügen Zeit und Hingabe wachsen würde. Die Zuneigung des Magus aber war eher wie seine Magie - explosiv.

Abseits von diesem war da noch ein anderes Werben welches ihr nicht verborgen blieb und um so vieles subtiler war. Erst die Kette und das hinreißende Gedicht zum Tag der kleinen Geschenke und nun hatte sie erneut etwas vor ihrer Tür gefunden, welches sie ganz genau diesem einen Mann zuordnen konnte.
Jaron.
Er würde wahrscheinlich im Erdboden versinken, wenn er wüsste das Eli seit dem Tag der kleinen Geschenke, sich darüber im Klaren war von wem diese Aufmerksamkeiten kamen. Ihr Bruder hatte es heraus gefunden und ihr erzählt. Selber wäre sie nie auch nur auf den Verdacht gekommen, es würde sich um den tollpatschigen Jungen aus dem Kloster handeln. Natürlich erfüllte sie es irgendwie mit Freude seine Zeilen zu lesen, auf der anderen Seite wusste sie aber nicht damit umzugehen. Sie hatte mit dem Novizen darüber geredet, doch jener konnte ihr auch nicht wirklich sagen, was sie zu tun hatte um Jarons Herz nicht vollkommen entzwei zu reißen. Sollte sie ihn darauf ansprechen? Oder sollte sie weiterhin so tun, als wüsste sie nicht das er zu den Geschenken gehörte?

Fragen über Fragen auf jene sie keine Antwort wusste. Vor allem hatte Alania selber kaum Erfahrung mit sowas... mit wem sollte sie darüber reden? Tarya? Helisande? Talianna? Kaleya?
Einmal mehr wünschte sie sich ihre große Schwester würde in Gerimor leben, Malinda wüsste sicherlich was zu tun war, auch weil sie genau so erzogen wurde wie Eli und daher genau wüsste, was sich gehörte und was nicht. Einer der wenigen Momente in denen sie die Bräuche aus Valar vermisste.

Verfasst: Donnerstag 1. Januar 2015, 12:57
von Gast
Sie spürte ihr Herz pochen... nein rasen und da war auch eine gewisse Übelkeit die sich ihre Kehle hinauf kämpfte. Ein Stechen zwischen den Rippen, ein Brennen in ihren Muskeln und ihr war heiß, unendlich heiß und das obwohl sie mitten im Schnee lag. Sanft rieselten die dicken Schneeflocken hinab und landeten auf ihrer überhitzen Haut wo sie sogleich schmolzen. Sie genoss die Kälte des Windes der durch ihre Haare strich und den kühlen Schnee der sie benetzte … nach und nach reglementierte sich ihr Puls, nach und nach verließ die Hitze ihren Körper. Doch so die Hitze schwand, kehrte das unangenehme Kribbeln in ihre Arme und Beine.
Ein Kribbeln welches ihr in letzter Zeit durchaus bekannt geworden war uns immer wenn sie glaubte, keinen Schritt mehr gehen zu können, übertraf sie sich selber, zwang sich weiter und immer weiter...

Mit einem beherzten Schnaufen raffte sie sich wieder auf und griff nach dem langen Stock an dessen Enden jeweils Steine befestigt waren. Knappin Tanar war noch ungnädiger als Wachtmeisterin Janarey.
»Ihr bekommt jetzt von mir eine spezielle Aufgabe. Ich möchte das ihr jeden Morgen vor dem Dienst einen Stock nehmt und an den Enden, je zwei Steine bindet und jene über die Schultern tragt. Damit lauft ihr dann von hier durch Adoran dann weiter Richtung Berchgard und von Berchgard zum Rittersee wieder hier her«
Zum Glück hatte die Knappin die Steine nicht genauer definiert und auch nicht ob der Gang in einem durchgeführt werden sollte. Doch selbst die Steine, die in ihren Augen gar nicht so dramatisch aussahen, hatten sie nach kurzer Zeit in den Schnee gezwungen. Immer wieder waren es Janareys Worte die in ihrem Kopf wieder hallten.
»Hoch mit euch Rekrutin. [...] Ein Soldat kennt das Wort aufgeben nicht, er hört erst dann auf, wenn er Tod ist, oder den Befehl hat. […] Durchhalten Rekrutin, ihr seid weder Tod noch habt ihr den Befehl«.

So langsam kamen da tatsächlich die ersten Zweifel auf ob dieser Schritt, sich dem Regiment anzuschließen, ein richtiger gewesen war. Wahrscheinlich glaubte die Hälfte des Regiments sowieso, dass sie nicht lange durchhalten würde. Sie war keine Kämpferin, weder war sie als eine aufgewachsen, noch hatte sie sich in ihrem Leben in diese Richtung entwickelt und doch stand sie nun hier auf den Weg, nach Berchgard und schleppte sich einen ab um die Aufgabe der Knappin zu erfüllen.
Kaum drei Liegestütze schaffte sie während der Übungen ehe ihre Nase den Steinboden küsste und das Tragen der Kettenrüstung war noch immer eine nervige Angelegenheit. Sie war Schneiderin, sie war aufgewachsen mit feinen Stoffen und Tüchern, wurde erzogen um eine 'feine Dame' zu werden. Jemand der sich um Haus und Kindern kümmern konnte. Sie war schon froh das sie lange keinen mehr mit den Pfeilen getroffen hatte, den sie nicht treffen wollte.

Was also war passiert, das die kleine Eli, eine Schneiderin aus Valar, sich dem Regiment anschloss, wo sie doch Anfangs ihren Bruder davon abhalten wollte?
Das Leben.

Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, wollte Wehrhaft und sicher sein. Sie wollte kein zweites mal verschleppt... entführt ... bedroht werden ohne etwas dagegen unternehmen zu können, ja sie wollte dafür sorgen das es keinen Bürger dieses Reichs so ginge. Valar war die Vergangenheit und somit auch die _meisten_ alten Sitten und Bräuche – Gerimor, Lichtenthal... Adoran war die neue Heimat die es zu beschützen galt. Um das zu erreichen und um nicht die Schwachstelle eines Mannes zu sein, war sie diesen Schritt gegangen … und da konnte Vaughain noch so skeptisch schauen. Er würde Eli erst loswerden, wenn ihr Leib so kalt wie der Schnee werden würde.
Und da war dieses Gefühl der Euphorie welches sie das erste Mal kennen lernte, als sie einen Drachen zu Boden geschossen hatten... ein berauschendes Gefühl, ein Moment in dem sie sich unglaublich stark und mutig fühlte – als wäre sie nicht die gleiche Person. Dieser Rausch, dieses pulsierende Kribbeln wenn sie in die Augen des Ungetüm sah... das wollte sie nicht missen – es trieb sie an.

Man könnte es Sturheit oder Stolz nennen... vielleicht aber auch reine Willenskraft die sie weiter machen ließen. Jeden Tag aufs Neue... ein Kampf gegen die schmerzenden Glieder, die Übelkeit im Magen, die Distanz im Dienst.

»Oh... ihr werdet mich nicht los.«

Verfasst: Donnerstag 15. Januar 2015, 13:03
von Gast
»Liebe kann zart sein, wie eine Frühlingsblume.
Liebe kann Freundschaft sein, die zögerlich erblüht.
Liebe kann ein Feuer sein, das alles verzehrt.
Liebe kann ein See sein, der still ruht.
Liebe kann ein Sturm sein, der alles mit sich reißt.
Und sie ändert sich mit der Zeit.«

Helisande Senheit


Unglaublich wie schnell einen die Zeit zwischen den Fingern entrinnen konnte, ihre Tage waren so mit Terminen und Aufgaben belegt das sie gar nahtlos ineinander über gingen. Das sie oft nicht mehr wusste wo dazwischen sie Zeit finden sollte für ihre Feunde und Vertrauten... oder für das, was sie gerne tat.

Aufstehen
Übungsaufgaben von Janarey
Übungsaufgaben von Sophia
Dienst im Regiment...

irgendwie dazwischen sich etwas zwischen die Zähne schieben das ihr Magen nicht laut aufgrollte und dann wenn sie eigentlich nur noch ins Bett fallen wollen würde, machte sie sich daran ihrem Handwerk nachzugehen... oft bis spät in die Nacht. Meistens, wenn sie am Abend kein Dienst hatte, sah sie kurz Merrik und entweder fielen sie beide einfach unglaublich müde ins Bett oder sie machte sich auf den Weg zum Kessel, wenn er sich ausruhte.
Sie hatte am Anfang gezweifelt ob es der richtige Schritt war zusammen zu ziehen... immerhin war es gegen jegliche Erziehung die sie genossen hatte. Doch nun, da sie beiden so eingespannt waren, war sie froh ihn immerhin Abends sehen zu können um wenigstens neben ihm einschlafen zu dürfen. Obwohl sie ihm oft im Dienst sah... so war er im Dienst nicht ihr Merrik, nein dort war er schlicht und einfach Wachtmeister Daske, auch wenn es ihr nicht nur selten schwer fiel und Lucias fluchende und lästernde Worte sie oft in Versuchung führten.
Prüfungen über Prüfungen die es ihr nicht unbedingt leicht machten, noch immer war vieles neu für sie. Das Leben im Regiment, das Leben zusammen mit einem Mann, die ständigen Übungen die ihre Muskeln schmerzen ließen... eigentlich war sie mittlerweile fest der Meinung sie hätte nur noch Pudding in den Armen und Beinen und keine Muskeln mehr.

Sie fühlte sich mehr als einmal bis an ihre Grenzen getrieben, mehr als einmal hätte sie am Liebsten einfach alles dahin geschmissen... aber es waren die Menschen die ihr Kraft gaben. Lucia und Merrik ganz weit vorne und sie genoss die Zeit mit den Beiden, die sie verbringen konnte. Sie fragte sich auch wie lange sie noch den Namen Aschengardt tragen konnte, sie hatte versucht den anderen klar zu machen das sie von der Familie entbunden wurde und somit eigentlich keine Aschengardt mehr war, doch keiner sah es ein, ehe nicht etwas offizielles dazu bekannt wurde. Livyathan und sie hatten eingesehen das ihre Vorstellungen von Familie mit der Zeit einfach zu sehr auseinander gewachsen waren und sie war nicht mehr bereit den Worten ihres Vormunds folge zu leisten, so war es das Beste wenn sie den Familienbund verlassen würde.
Natürlich war sie auf der einen Seite traurig darüber und sie hatte Angst wie Berahthraban und Aililyra reagieren würden – das einzige was sie noch verband war das Blut und eigentlich sagte man, das Blut dicker sei als Wasser. Nun... Eli hatte wohl ziemlich dickflüssiges Wasser hier in Gerimor kennen gelernt. Der Kessel, das Regiment, Merrik... diese Sachen wollte sie schlicht nicht aufgeben und so wollte sie Livyathan auch nicht mehr Kummer bereiten mit einer aufsässigen, egoistischen Schwester.

Ihr blieb nur zu hoffen, das sie irgendwann vielleicht in ein paar Monden wieder normal mit Livyathan reden konnte, denn tief in ihrem Inneren waren sie immerhin noch alle Aschengardts, egal welchen Weg sie gewählt hatten.

Verfasst: Sonntag 25. Januar 2015, 13:52
von Gast
Es war noch tiefste Nacht als sie von Adoran zurück nach Berchgard kehrte - noch immer raste ihr Herz, noch immer hörte sie das Knallen der Pistole in ihren Ohren. Sie konnte gar keinen klaren Gedanken fassen und als sie endlich die Schwelle des Hauses überquerte, sank sie hinter der geschlossenen Tür hinab. Sie hielt gar nicht erst Ausschau nach Merrik, er schlief wahrscheinlich sowieso tief und fest im oberen Stockwerk. Sie zog die Knie an den Körper, schlang die Arme um jene und vergrub ihr Gesicht an ihre Knie. Noch immer zitterte sie am ganzen Leib und die Erkenntnis kam kriechend langsam, obwohl sie jene bereits am Abend vernommen hatte... Sie war bereit gewesen zu töten.

Immer wieder hallten Vaughains leise Worte in ihren Gedanken wieder, seine Hand die sich um die ihre schloss um sie, zusammen mit der seinen, um die Pistole zu legen.

»Aschengardt .... Habt ihr schon einmal ein Leben genommen?«

Sie verneinte... sie hatte niemals auch nur Ansatzweise ein Menschenleben genommen, sie konnte es sich nicht mal vorstellen und doch war da bei Melinas Anblick der bloße Drang ihr an die Kehle zu springen. Sie wollte Melina Tod sehen, sie wollte das dieser Mensch nicht mehr existierte – verschwinden sollte sie aus diesem Leben und auch Lucia schien so zu empfinden. Noch immer hörte sie Merriks zornige Schreie als die Piratin sie nach Cabeza entführt hatte, noch immer war die Piratin der existente Grund für seinen Schmerz, den er empfunden hatte.

Und da kniete sie nun, so töricht war sie gewesen sich in Adoran erwischen zu lassen. Mitten auf dem Regimentsplatz mit Vaughain, Lucia und Aethelinda. Reden wollte sie. Reden?
Eli wäre beinahe ausgerastet als der Oberst dem zuzustimmen schien. Sie war gar kurz davor gewesen ihn zu beleidigen... was hielt sie davon ab? Wahrscheinlich die Tatsache das sie dann bis zu ihrem Lebensende putzen durfte.
Nach den Worten der Piratin hatte sich der Oberst dann wohl aber auch für die unvermeidliche Hinrichtung entschieden und die Worte wurden gen die kleine Schneiderin gerichtet.

Ruhig, kalt, humorlos – Vaughain hätte mit seinen Worten und seiner Mimik auch Rahal entsprungen sein können. Er stand leicht hinter Eli, seine Hand mit der ihren um die Pistole gelegt – Melinas Pistole.

»Sagt euer Sprüchlein, Waldesruh ....«
»Was erwartet ihr? das ich um Gnade bettel?«
»Was auch immer ihr sagen wollt ...«
»Nein Sir, es gibt nichts zu sagen, was nicht schon gesagt wäre. Auf mich wartet niemand in diesem Leben, nur im Jenseits.«


Wahrscheinlich hatte Vaughain das Zittern ihrer Hand bemerkt „Schließt die Augen“ hatte er ihr leise gesagt, es wäre dann einfacher. Sie blinzelte, starrte auf den Hinterkopf der Piratin und den Lauf der Pistole welcher auf jenen gerichtet war. Nein, eigentlich wollte sie nicht wegsehen... sie wollte mit eigenen Augen sehen wie dieser Mensch aus dem Leben schied... im Nachhinein, machte ihr jener Gedankengang unglaublich viel Angst, aber in jenen Moment fühlte sie nur diesen unbändigen Hass für diese Piratin.

»Wenn... dann will ich das sehen...«
»Ihr wollt kein spritzendes Gehirn sehen .... glaubt mir. Macht die Augen zu.«


Ob es nun dieses doch recht schlagkräftige Argument des Oberst war, oder einfach die Tatsache das es einem Befehl gleich kam... Eli schloss die Augen und wartete. Ein irgendwie... anerkennendes „Gut so“ wurde noch an sie gerichtet ehe er Lucia aufforderte von Fünf an rückwärts zu zählen. Mit jeder Zahl die sich näher dem Auslösen der Waffe näherte, rückte dieses Gefühl in ihre Kehle hinauf... was war es? Angst? Adrenalin? Unsicherheit? Wut? Und wie konnte Lucia so ruhig bleiben? Es schien ihr nicht Nahe zu gehen, kein Zittern keine Wut lag in der Ruhe ihrer Stimme.
Als Vaughain dann endlich den Auslöser hinab drückte und Elis Finger jener Bewegung folgte, erklang der typische Knall – überraschend laut, das Eli zusammen zucken musste. Rauch, etwas das gen ihre Hand schlug und der Geruch von abgewetzten Metall.
Erschrocken hatte sie die Augen aufgerissen und auf... eine lebendige Melina hinab geblickt. Eine Fehlzündung? Temora meinte es zu gut mit dieser Piratin.
Auch Vaughain brummte irgendwie ungehalten und die kreidebleiche Melina hechtete zur Seite weg und zog ihr Messer.

»Mir scheint, ihr habt euch dem Fräulein Aschengardt etwas Sinnvolles beigebracht.«
»Sie ist bereit, zu töten ja.«
»Dann werde ich es den Frauen überlassen, eure jämmerliche Seele zu Krathor zu senden. Dann, wenn ihr ihnen nichts mehr beizubringen habt. Lauft … «


Lauft!?
Fassungslos starrte die kleine Schneiderin den Oberst an als jener Melina zum Weglaufen animierte – natürlich ließ jene es sich nicht zweimal sagen und gab Fersengold. Eine Flut an Vorwürfen und nahezu Beschimpfungen wurde dem Oberst von den zwei Frauen zuteil. Und Lucia gab Eli recht.

»An ihrer Existenz gibt es nichts, was es wert wäre sie weiter zu lassen...«
»Und ihr lasst sie laufen!«
»Falls ich durch ihre Hand sterbe... hoffe ich, dass ihr auf ewig daran verzweifelt...«

Lucia schien eine vollkommen kalte Ruhe inne zu halten, während Eli noch immer außer sich war. Vaughains Reaktion ob ihrer Worte war da auch nicht förderlich.
»Wart ihr es nicht wert, zu leben«.
»...und wenn nicht... suche ich euch solange Heim. Das sind Worte... die nicht von hier stammen.«
»Was zum...? Was seid ihr denn für ein Oberst? Man lässt keine Verbrecher laufen!«
»Ich lasse das Wild laufen … Damit der Jäger es erlegen kann ... Und die Jäger seid in diesem Falle ihr ..«
»Der Jäger hätte es heute... hier nun schon erlegen können! Er hätte es vor wenigen Wochen schon erlegt haben sollen!«
»Ohne meine Hilfe? Kaum. Geht und erlegt sie ... wenn ihr stark genug seid... Ihr habt alles, was ihr braucht, um stark zu sein.«


Und dann ging er einfach... und ließ eine vollkommen fassungslose Schneiderin und eine irgendwie zu ruhige Lucia zurück. Das war es, was passiert war, dass Eli hier nun in ihrem Haus saß und stumm vor sich her wimmerte. Zweifel, Wut und Zorn. Sie wollte nicht mal nach Oben gehen um sich neben den Magier ins Bett zu legen, sie fühlte sich zu aufgelöst, zu unruhig und verzweifelt. Auf der einen Seite wünschte sie sich, er wäre wach und würde sie einfach in die Arme schließen, aber auf der anderen Seite wollte sie ihn nicht damit belasten... es würde ihn nicht gefallen wenn er davon erfahren würde.
Sie brauchte eine kleine Ewigkeit um sich aufzuraffen … dann kuschelte sie sich einfach in einen der Sessel vor dem Kamin und versuchte zur Ruhe zu kommen.

Sonne und Mond

Verfasst: Dienstag 17. März 2015, 13:38
von Gast
Sie hatte ihre Sonne verloren und alles was von dieser geblieben war, war ein zerknittertes Stück Pergament und die Kette die um ihren Hals hing. Das erste Mal als sie die Zeile las die Lucia ihr hinterlassen hatte, verstand sie es nicht – dann als sie nach und nach verstand, was dort geschrieben war, glaubte sie es nicht. Eli hätte niemals geglaubt das ein Schatten diese Sonne verdecken könnte und doch musste sie sich eingestehen das sie sich getäuscht hatte.
Die Fragen "warum, wieso, weshalb, wo und wie" wollten ihren Kopf nicht verlassen und sie waren nur ein Teil der Sachen die sie beschäftigen. Der Oberst hatte sie letztendlich doch dazu gebracht ein Menschenleben zu nehmen – sie war Soldatin, früher oder später hätte sie es sowieso tun müssen, aber machte es das besser?
Nicht wirklich.
Zu entscheiden wann es richtig und wann es falsch war, welcher Mensch es verdiente und welcher nicht. Die Antwort des Obersts war erstaunlich simpel gewesen, dennoch zweifelte sie daran entscheiden zu können – auch hatte sie in dem Moment der Unterhaltung etwas an dem Oberst erkannt, was sie daran zweifeln ließ das er bloß ein gefühlloser Stein war. Normalerweise hätte sie mit Lucia darüber geredet, aber Lucia war gegangen und hatte Eli allein zurück gelassen... um sie zu schützen?
Sie war sich nicht mal im Klaren darüber, wer im Regiment überhaupt wusste das Lucia gegangen war, bis auf die Tatsache das die bunte, fröhliche Rekrutin fehlte, schien alles beim Alten zu sein. Eli würde es auch gar nicht erst ansprechen, es war zu schmerzvoll an ihre Sonne zu denken und sie hatte mit niemanden darüber geredet außer mit Merrik. Natürlich vertraute sie Merrik alles an, aber es war einfach anders mit ihm darüber zu reden, als wenn sie mit Lucia darüber reden würde. Wobei sie mittlerweile die Zweifel überkamen was von dem, wie Lucia sich verhalten hatte, echt gewesen war.
Merrik schien sowieso nicht gerne darüber zu reden, sagte man sollte sie so in Erinnerung halten, wie man sie gekannt hatte – sie hatte noch genau den Ausdruck seiner Mimik vor Augen, der sich gebildet hatte als er den Brief von Lucia las. Es war kein positiver gewesen und Eli konnte durchaus nachempfinden warum – aber gerade ob dessen, war er wohl nicht der optimale Gesprächspartner für dieses Thema.

Das Resultat war das die Schneiderin sich einfach versuchte abzulenken um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen. Das Regiment war dabei sehr behilflich und so kamen ihr Aufgaben ganz gelegen, die andere wohl nur nerven würden. Den ganzen Abend auf den König aufpassen ohne einen Ton zu sagen? Still stehen, Umgebung und Personen beobachten? Ausgezeichnet. Es war zwar keine Aufgabe die sie innerlich so beschäftigte das sie ihre Gedanken vollständig von Lucia lösen konnte, aber niemand würde auf die Idee kommen sie in ein Gespräch zu verwickeln. So hatte sie tatsächlich den gesamten Abend der Feier in Berchgard damit verbracht lediglich den Oberst und den König anzustarren und die Umgebung zu beobachten.
Die Hochzeitsplanungen nahmen zwar einiges in ihrem Kopf in Anspruch, aber sie waren nicht so ablenkend wie Eli es sich gewünscht hätte – Lucia hätte vorne als ihre Trauzeugin stehen sollen und jedes mal wenn sie daran dachte, wanderten ihre Gedanken zu den Abend ab, an dem sie Lucia gefragt hatte. All die Freude und die innige Umarmung die sie ihr entgegen gebracht hatte – war das wirklich aus tiefstem Herzen gewesen? Es war zum Haare raufen und sie wünschte sich einfach Antworten zu bekommen.
Die fehlende Trauzeugin riss natürlich einen recht großes Loch in ihre Planung und in den ersten Umläufen weigerte sie sich schlicht über eine andere nachzudenken... aber letztendlich blieb ihr nichts anderes übrig. Tarya, Luninara, Talianna, Helisande, Sophia, Janarey – sie schenkte jeder eine gewisse Portion vertrauen, entweder waren sie Kessler und somit ein Teil der Kesselfamilie oder aber Regimentler und somit Kameraden. Jedoch spürte sie zu keiner eine Verbindung, wie sie zu Lucia gehabt hatte, keiner konnte die Sonne ersetzen und so fiel es ihr unglaublich schwer sich zu entscheiden... aber es hatte ja auch noch Zeit – ein wenig... zwei, drei Monde. Sie hatte Lucia alles anvertraut, sie hätte ihre rechte Hand bei den Planungen sein sollen. Früher oder später müsste sie sich entscheiden und die nächsten Monde würden es sicherlich zeigen.

Sie würde weiterhin die Kette ihrer Sonne tragen, selbst im Dienst verbarg sie diese unter dem Kettenhemd und sie hoffte, das Lucia auch ihren Mond tragen würde, wo auch immer sie ruhte.

Verfasst: Donnerstag 30. April 2015, 12:23
von Gast
Die Zeit heilt alle Wunden... Blut ist dicker als Wasser... Sprüche über Sprüche, die doch eigentlich nichts änderten.

»Ihr könnt nicht zaubern ...Wir sehen die Welt niemals mit den gleichen Augen. Wir können nie die selben Dinge. Es ist schwer, das zuzugeben ... aber uns fehlt etwas, das sie haben. Und irgendwann macht sich das eben bemerkbar. […] Ich wünsche euch dennoch alles Gute dabei.«

Eli wusste genau warum sie Vaughain mochte und warum er derjenige war der den Platz von Livyathan bei der Hochzeit einnehmen würde. Der Tod ihrer gemeinsamen Sonne hatte sie es wohl zu verdanken das sie eine andere Seite am „Stein“ kennen lernte, eine Seite die Lucia wohl schon lange vor ihr erkannt hatte. Wie konnte sie der Liebe ihrer Sonne also nicht vertrauen? Vaughain war mit der Zeit eine Art Vorbild geworden, Jemand vor dem sie zwar eine unglaubliche große Portion an Respekt, manchmal sogar angst, hatte – aber auch Jemand von dem sie wusste, das er wie ein Fels in der Brandung sein würde.
Anders wie Merrik, der sich leicht von seinen Gefühlen mitreißen ließ, war Vaughain ein kontrollierter Gesprächspartner, der die Dinge viel sachlicher zu sehen schien und er war somit auch der Erste der von ihrem Gespräch mit Livyathan erfuhr.

»Es ist schwer ... Sich in einem komplett neuen Umfeld zu etablieren ... als Mann. Vorallem wenn der Stolz im Weg steht .. und der Drang, etwas zu beweisen. Allerdings rechtfertigt das nichts.«
»Rechtfertigen tut es das nicht nein und ich kann es ehrlich gesagt auch nicht nachvollziehen. Man kann nicht mit ihm darüber reden und ich glaube auch das er es in Rahal oder Bajard nicht leichter haben wird. Ich mache mir weniger sorgen darum, das er wirklich Rahaler wird, sondern eher ob er überhaupt irgendwo mal einen festen Platz bekommt. Auch wenn er sich so verhält, wie er es tut, ist er noch immer irgendwo mein Bruder.«


Sie wusste nicht wie ihre Worte das erste Treffen von Vaughain und Livyathan beeinflussen würde und sie musste zugeben das sie sich dem Hoffnungsschimmer nicht ganz verwehren konnte. Sie hoffte auch das ein Treffen zwischen ihrem Bruder und Merrik nicht all zu rasch stattfinden würde – anders wie Vaughain hatte der Magier ihre letzte Auseinandersetzung mit Livyathan nicht so gut aufgenommen. Er war halt ein Hitzkopf – eine Gemeinsamkeit der Beiden, auch wenn Beide es wahrscheinlich verneinen würden auch nur Ansatzweise eine Gemeinsamkeit zu haben.

Nun wünschte sie sich, die Hochzeit wäre schon gewesen – allein aus dem Grund das Livyathan anwesend hätte sein können. Sie wusste das sie ihn nun nicht mehr einladen konnte und wenn, würde er wahrscheinlich ehe nicht kommen

Mit einem Seufzen zog sie ein Pergament aus einer der Schubladen und betrachtete es eine ganze Weile ehe sie ansetzte...
„30. Wechselwind 258

Lieber Bruder,

ich hoffe du weißt wie schwer mir unser letztes Treffen fiel und ich hoffe du kannst mein Handeln irgendwie verstehen. Ich muss bei meinen Handeln immer daran denken, welches Gewicht die Folgen für das Reich haben könnten.
Ich weiß schon das du nun nicht losziehen wirst und wahllos Lichtenthaler Bürger ausrauben gehst – noch nicht. Verzeih mir diesen harschen Vorwurf, aber genau so wenig wie du, weiß ich was die Zeit bringen wird und genau wie ich dir fremd geworden bin, erkenne ich viele Seiten an dir nicht wieder.
Du sagtest ja wir würden uns auseinander leben und ja, du hattest Recht – wie so oft.
Trotz alldem bedrückt es mich, dich nicht, an meiner Hochzeit, an meiner Seite zu wissen – das nicht du derjenige bist, der mich an meinen zukünftigen Mann übergibt – aber wahrscheinlich würdest du auch lieber einen Besenstiel deine Mahlzeit nennen. Du hast ihn nie gemocht.

Ich wünsche mir wirklich das du, wo auch immer dein Weg dich nun hinführen wird, dort endlich glücklich wirst. Das du einen Ort findest, den du Zuhause nennen kannst und das du die Frau, die dich dort hin geführt hat, festhältst. Ich hoffe sie macht dich glücklich und ebenso hoffe ich das du dort eine Familie findest.

Ich denke an dich,

gez.
Eli
Nachdenklich betrachtete sie das Pergament, las immer wieder die Zeilen die sie dort nieder geschrieben hatte ehe sie das Pergament zusammen rollte und mit einem Schnaufen wieder in die Schublade schob... es würde wahrscheinlich ehe nichts ändern.
Sie drückte sich auf, war schon im Begriff dem Tisch den Rücken zu kehren, ehe sie das Pergament doch wieder mit einem Seufzen an sich nahm. Sie verließ das Haus und übergab einen neutralen Boten das versiegelte Pergament mit dem Auftrag es an Livyathan Aschengardt zu übergeben... vielleicht würde er ihn finden.

Fluss der Zeit

Verfasst: Montag 11. Januar 2016, 12:39
von Gast
Sie war lange fort gewesen, hatte sich auf eine Reise in Merriks Heimatland eingelassen. Eli konnte die Gründe nachvollziehen weswegen er Gerimor verlassen wollte, der ständige Krieg, der ewige Zwist – so viel Feindseligkeiten und anders wie sie, hatte er noch eine richtige Heimat, mit einem lebendigen Vater.

Nachvollziehen, aber nicht vollkommen unterstützen. Irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem sie sich zu sehr nach Gerimor sehnte – den bunten und manchmal wilden Haufen an Menschen den sie dort kennen gelernt hatte. Momente in denen sie sich erwischte wie sie die Kette von Lucia zwischen den Fingern drehte oder die schimmernde Inschrift des Bogens betrachtete "Viele kleine Schritte gehen einen weiten Weg" den Vaughain ihr einst überreichte. Sie vermisste die Unterhaltungen mit diesen merkwürdigen Ritter.

Ihre Familie hatte damals in Valar nicht nur ihre Heimat verloren, sie wurden auseinander gerissen und hatte sich letztendlich in Gerimor wieder gefunden... nicht alle aber viele.

Livyathan, Berahthraban, Aililyra...
Sicherheit, Stütze, Frohsinn.
Der dreiköpfige Drache, ihr dreiköpfiger Drache.


Anfangs noch unbeholfen zwischen all den Chaos welches Gerimor zu bieten hatte, war dieses Land die Heimat geworden in der sie ihr Leben verbringen wollte. Im gewissen Maß hatte auch dieses Land und Elis Entscheidungen dazu beigetragen einen Keil zwischen die Aschengardts zu treiben, aber allein die Anwesenheit Livyathans an ihrer Hochzeit war für sie Beweis genug gewesen, das sie stets auf ihren Bruder hoffen konnte – egal welchen Glauben sie oder er folgte. Glauben war in diesem Bezug vollkommen irrelevant.
Sie war Teil des Regiments geworden, hatte schon vor der Hochzeit Nadel und Faden nieder gelegt um den Brennen in ihren Adern nachzugeben... eine Klinge fühlte sich mit der Zeit vertrauter und sicherer zwischen den Fingern an, als eine Nadel es jemals getan hätte.

Abenteuer – keine Schwächen zeigen, über den eigenen Schatten springen.

Sie war nicht mehr die Frau die damals aus Valar geflohen war und war wahrscheinlich mit der Zeit nicht die Frau geworden wie Livyathan es gerne gehabt hätte oder wie ihre große Schwester sie erzogen hatte. Gerimor mit all seinen Facetten hatte sie verändert und dann... sollte sie erneut eine Heimat verlieren, erneut weit weg von ihrer Familie sein? Sie trug den Namen Aschengardt nicht mehr, sondern Daske – aber das machte sie allein nicht zu einem anderen Menschen.

Natürlich liebte sie Merrik, es gab vor ihm keinen anderen Mann und sie hatte vor Temora versprochen das es nach ihm auch keinen mehr geben würde. Der goldene Ring an ihrem Finger erinnerte sie nur allzu gut an ihr Eheversprechen.

"An deiner Seite [...] bis ich meinen letzten Atemzug tue."

Manche Versprechen sollten einfach nicht gegeben werden und selbst wenn sie sich nun wieder viele, viele Tagesreisen von Merrik entfernt war, fühlte sie sich ihm noch immer nah und verbunden. Entfernung war kein Grund und vielleicht besann er sich und würde irgendwann wieder "Heimkehren"... dann wenn er sich beruhigt hatte, wenn er eingesehen hatte warum Eli zurück nach Gerimor wollte. War sie nun ein schlechterer Mensch, weil sie es war die ihn zumindest in diesem Sinn verlassen hatte?

Sie hatte Livyathan seit ihrer Hochzeit nicht gesehen, seitdem waren viele Monde vergangen und sie war sich nicht mal sicher ob er mitbekommen hatte das sie das Land ganz verlassen hatte... im Nachhinein hätte sie ihm wohl eine Nachricht zukommen lassen sollen, aber das hatte sie irgendwie vergessen.
Da hatte sie wohl gewisse Dinge nachzuholen und den ersten Ort den sie sehen wollte... war das Grab ihrer Sonne mitten im Wald.

Verfasst: Dienstag 12. Januar 2016, 12:44
von Livyathan Aschengardt
Am 'anderen Ende' Gerimors hatte sich der große Bruder zwischenzeitlich tatsächlich Gedanken über das Wohlergehen und den Verbleib der kleinen Schwester gemacht.

Spät in der Nacht, wohl schon einige Wochen zurück liegend, hat man eine dunkel-berobte Gestalt vor dem Wohnsitz in Junkersteyn erblicken können, welche sich in jener Nacht noch bei Fräulein Erdenblatt nach Aethelinda erkundigt und sich als Livyathan vorgestellt hat. Antworten erhielt der dunkle Streiter auf seine Fragen jedoch nicht.

Ferner wurde eine arme Seele, welche sich bare Münze verdienen wollte, vom großen Bruders beauftragt, in Junkersteyn eine Nachricht an die Schwester zu übermitteln. Ob dieser Auftrag je umgesetzt wurde, wusste Livyathan nicht. Er hatte den Boten seit jenem Abend nie mehr zu Gesicht bekommen.

Auch die in unregelmäßigen Abständen ausgerichteten Grüße, die er über ehemalige Kameraden, welche er nun Ketzer schimpfte, seiner Schwester zukommen ließ, wurden nie beantwortet. Auch hier war es fraglich, ob sie jemals ihre Empfängerin erreicht haben.

Als dann seine Heiligkeit die Streiter des alatarischen Reiches zum Angriff auf das lichtenthaler Reich befehligt hatte, dachte der älteste Sprößling das ein oder andere mal darüber nach, dass es durchaus möglich sei, seinem eigenen Fleisch und Blut in der Schlacht gegenüberzustehen. Dieses Schicksal blieb ihm und seiner Schwester aber erspart und er war im Grunde auch froh darüber.

Wo sie abgeblieben war und wie es ihr ging, wusste er aber dennoch nicht und es war fraglich, ob er auf diese Fragen überhaupt noch Antworten erhalten würde. Im Grunde fühlte er sich nachträglich bestätigt, dass dieser Daske nur Unheil anrichtet und er sehnte den Tag herbei, Daske noch ein letztes mal Auge in Auge gegenüberzustehen.

Das Ende

Verfasst: Sonntag 7. Februar 2016, 17:46
von Gast
  • Durch so viel Form geschritten,
    durch Ich und Wir und Du,
    doch alles blieb erlitten
    durch die ewige Frage: wozu?

    Das ist eine Kinderfrage.
    Mir wurde erst spät bewußt,
    es gibt nur eines: ertrage
    - ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
    Mein fernbestimmtes: Ich mußt.

    Keine Krisen, keine Krone
    weder Innres noch Gestalt
    ein gepflegter Epigone
    ohne Selbstgehalt.

    Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
    was alles erblühte, verblich,
    es gibt nur zwei Dinge: die Leere
    und das gezeichnete Ich.


    [Gottfried Benn]
Der schlichte, kleine Goldring glänzte im Licht der Sonne, wohl das letzte Mal in der kurzen Dauer seiner Freiheit ehe er von einem groben Leinentuch verdeckt und in das Dunkle einer kleinen Schatulle verbannt wurde. Die Übeltäter jener Tat, mal entschlossen mal zittrig, wie die Äste einer Weide im Wind, umschlossen die Schatulle – ein stummer Abschied, eine letzte Geste, ein Schwelgen in alten Erinnerungen.
Ein junges Herz, von Zwiespalt erfüllt – ein tiefes Durchatmen, eine Befreiung der verkrampften Lungen, schließlich ein Lachen als würde der Druck aus einem Teekessel entweichen und ein warmes Gefühl im Inneren des Korpus.
Die Augen, die in kurzer Zeit so viel erlebt, gleich einem Teich aus flüssigen Silber richten sich dem strahlenden Himmelskörper entgegen.
Eines lachend, das Andere weinend...
ein gutes Ende war gefunden, ein Ende zwischen dem Lichtschimmer und der Fee.

Das Ende dieser Geschichte.

Verfasst: Dienstag 16. Februar 2016, 01:21
von Gast
  • »Manchmal noch denkst du dich --: die eigene Sage --:
    das warst du doch --? ach, wie du dich vergasst!
    war das dein Bild? war das nicht deine Frage,
    dein Wort, dein Himmelslicht, das du besasst?
    Mein Wort, mein Himmelslicht, dereinst besessen,
    mein Wort, mein Himmelslicht, zerstört, vertan --
    wem das geschah, der muss sich wohl vergessen
    und rührt nicht mehr die alten Stunden an.«


    [Gottfried Benn - Abschied]
Während für sie selber die Zeit still zu stehen schien, flogen die Ereignisse dieser Welt an ihr vorbei, verschwommen zu einem grotesken Haufen den sie nicht verstand... als würde sich alles in einem Tempo entwickeln dem sie nicht folgen konnte.
»Bist du Unglücklich?«
Sie spürte das Kribbeln und Brennen ihrer Glieder nachdem sie nach Hause gerannt war und ein erdrückendes Gefühl machte sich in ihrer Kehle breit als sie ihr Haus betrat. Sie schmiss sich auf ihr Bett, drehte sich auf den Bauch, presste ihr Gesicht in eines der Kissen um den Schrei der aus ihrem Mund entfloh bestmöglich zu unterdrücken. Der Schrei war wie ein Ventil und die Tränen, die sich in ihren Augen sammelten, wollten ebenso das offene Tor ihrer Gefühle nutzen. Fester presste sie ihr Gesicht in das Kissen, fest entschlossen keiner dieser Laute, keinen dieser flüssigen Zeugen ihren freien Lauf zu lassen – mit kläglichem Erfolg.
Das Schluchzen und Beben welches ihren Körper erfasste waren nur eine Folge des kurzen Gefühlsausbruchs und sie hasste sich dafür.
Es waren nicht nur diese Gefühle voller Zorn und Hilflosigkeit die sie unglücklich machten, es war auch alles Andere was in ihrem Leben aktuell herrschte.

Sie vermisste den wärmenden Körper wenn sie abends allein in ihrem Bett lag, sie vermisste die vertrauten und warmen Worte die er an sie richtete.
Sie vermisste ihre Sonne, ihre einzigartige Art die sie so an ihr gemocht hatte – die Gabe die sie besessen hatte, ihr immer ein Lächeln auf das Gesicht zu zauber.
Sie vermisste ihren großen Bruder, an ihrer Seite, nicht in Rahal... sie vermisste ihre verständnisvolle große Schwester die immer einen Rat parat hatte.
Es war sogar das Vertrauen und die Nähe des Kessels oder des Regiments welches sie in diesen Momenten vermisste, einfach da zu sein – ohne Angst haben zu müssen ihren Bruder auf dem Schlachtfeld zu begegnen.
Sie vermisste ihren Fels in der Brandung - den Wolf.

Die Unterhaltungen am Lagerfeuer in Bajard, Livyathan, Fao, Fames, Cassandra, die Unterredung mit Schwester Johanna. Unzählige kleine Splitter die sich nach und nach zu einem Spiegel zusammen setzten und ihr ein Spiegelbild zeigten, welches sie nicht wieder erkannte.
»Was ist aus dir geworden?«
Die junge Frau wusste es nicht, noch vor zwei Jahresläufen hätte sie die Dinge die sie getan hatte nicht mal für möglich gehalten... sich nicht mal vorgestellt.
Sie hätte wahrscheinlich gelacht, hätte ihr Jemand erzählt sie würde die Nähnadel niederlegen, Teil des Regiments werden und schließlich einen Mann heiraten der von ihrem Bruder nicht akzeptiert wurde.
Sie hätte niemals gedacht das sie das Leben von Menschen nehmen würde, hätte nicht vermutet das der Tod einer Freundin sie so arg hinabreißen könnte – sie hätte niemals geahnt das die erste große Liebe nach einem Jahreslauf enden würde.
Sie hätte sich nicht vorstellen können getrennt von ihrem Bruder zu leben, gar einen gänzlich anderen Pfad als jener zu beschreiten.
Sie hätte nicht mal im Traum daran gedacht einen Rabendiener in ihr Haus einzuladen und sie hätte nicht ahnen können jemals im Kloster zu sitzen um das Versprechen vor Temora zu lösen.

Und doch war alles passiert, alles was sie sich nicht hatte vorstellen können. Machten diese Dinge sie zu einem schlechten Menschen? Machte es sie zu einem schlechten Menschen das sie Fames nicht verachten oder Livyathan nicht vergessen konnte?

Es waren Fragen über Fragen auf die sie keine Antwort wusste. Sie war bereit gewesen das Kapitel ihrer Ehe zu schließen – ein glatter Bruch, so wie es für beide Seiten besser war. Wäre da nicht das Versprechen vor Temora... das Band welches erst gelöst werden musste und die Unterhaltung mit Schwester Johanna und Diakonin Demarkes hatten alles aufgewühlt was sie so sorgsam in sich verbuddelt hatte.

»Ihr verlasst den Weg der Herrin, in dem Ihr weder tapfer seid noch gerecht. […] Ihr habt vor einer Gottheit ein Gelübde abgelegt, nicht einfach 'so etwas', und ob Euer Mann das nun wünscht oder nicht, seid Ihr in der Pflicht ernsthaft etwas für Eure Ehe zu tun oder unbestreitbar zu belegen, dass diese Ehe gescheitert ist und Euch massiven Schaden zufügt und Euch vom Wege zum Licht fortführt..«
Eli war niemals ein Mensch gewesen der streng gläubig war, sie wurde nicht so erzogen – in Valar war der Glauben nicht von Belang gewesen. Sie lernte erst in Gerimor wie machtvoll 'Glauben' sein konnte und für sie war es recht zu Anfang die Lichtbringerin der sie folgen wollte. Nicht fanatisch, nicht nachdrücklich... es waren vielmehr die sieben Tugenden mit denen sie übereinstimmte und zumindest am Anfang hatte sie auch versucht nach diesen zu Leben... am Anfang... als alles noch so einfach war.

Mitgefühl, Tapferkeit, Demut, Ehre, Geistigkeit, Gerechtigkeit und Opferbereitschaft.
Wie konnte sie Mitgefühl zeigen, wenn sie selber voller Hass war?
Wie konnte sie Tapferkeit beweisen wenn sie sich nicht mal ihren Gefühlen und Ängsten stellen konnte?
Wie konnte sie Demut beweisen wenn der eigene Stolz ihr so oft im Weg stand?
Wie konnte man ihr Leben als „Ehrenvoll“ bezeichnen, wenn sie als Adoraner Bürgerin die Abende mit Rahalern verbrachte und ihren eigenen Prinzipien nicht treu blieb?
Wie konnte sie Geistigkeit beweisen wo sie selber im Begriff war ein Versprechen zu brechen welches sie vor Temora gegeben hatte?
Wie konnte sie Opferbereit sein... wenn sie nicht mal ihren Bruder für das Wohl vieler verlassen konnte?


Ein Gefäß welches zwischen ihren Fingern zersplitterte und ein trauriges Bild darbot. Das Bild einer Frau die nicht wusste wohin ihr Weg sie führen sollte, eine Frau die hin und her gerissen war.

Blut oder Wasser?
Dunkel oder Licht?
Hass oder Liebe?

Verfasst: Samstag 27. Februar 2016, 07:47
von Gast
  • But the raven, sitting lonely on the placid bust, spoke only
    That one word, as if his soul in that one word he did outpour.
    Nothing further then he uttered -- not a feather then he fluttered -
    Till I scarcely more than muttered "Other friends have flown before -
    On the morrow he will leave me, as my hopes have flown before."
    Quoth the raven "Nevermore."

    [The Raven - E.A.Poe]


Als würde man durch das dunkle Trüb des Wassers schwimmen so hingen die Erinnerungen der letzten Nacht in Elis Gedächtnis fest und es waren ganz bestimmte Worte, ganz bestimmte Ereignisse die sich in ihrem Inneren festkrallten.
Erst das Gespräch mit der Akoluthin im Glaubenshaus, das Offenlegen ihres verwirrten Inneres vor einer Person die sie kaum kannte – aber sie verstand. Sie verstand den Zwiespalt und verstand die zerbröselten Fundamente ihres Lebens.
»Die Familie und die Werte und Ehre, nach der Ihr erzogen worden seid, waren Euer festes
Fundament nehme ich an, die Leitfäden, die Euch durch Euer Leben begleitet haben. Und das wurde erschüttert und gleichzeitig ist dort jemand der Euch verspricht, dass es wieder so sein könnte. Aber ich glaube tief in Eurem Herzen wisst Ihr, dass es nicht wieder so sein kann... Euer Bruder hat einen Weg eingeschlagen, der ihn von innen heraus mit Dunkelheit und Hass auffressen wird, weil das einfach der Weg des Panthergottes ist, den er hinter Versprechungen versteckt. Er wird Euch viel erzählen können, wie viel anders, wie viel besser es sein wird und man ist vielleicht verlockt es zu glauben, weil es die Illusion erweckt den Schmerz zu lindern. Eine Illusion wird Euch so wenig helfen wie Eurem Bruder.
[…]
Ihr habt Liebe in Eurem Herzen für ihn übrig und das ist etwas, was Euch näher an Temora hält. Ich glaube bei der Frage wäre es wichtig bei Euch zu bleiben. Das Ihr tiefer in Euch geht und herausfindet wo Ihr steht und wo Ihr stehen wollt. Damit Ihr nicht im Grauen schwimmt.
[…]
Aber wenn man sich mit den Tugenden Temoras ein wenig auseinander gesetzt hat, wird in vielen von ihnen erklärt, wie wichtig es ist zu lernen über sich selbst hinaus zu sehen. Und wie schwer es ist abzuwägen, wie man es selbst sieht und wie andere es wahrnehmen. Der Versuch Dinge von mehreren Seiten zu betrachten, in einem anderen Zusammenhang zu sehen. Das muss man lernen, weil es nicht immer unbedingt der angenehmste Weg ist.«


Lernen die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten... und Elis Weg in dieser Nacht führte sie nach Rahal, nicht zu ihrem Bruder – sie folgte der Einladung des Rabendieners, der nur wenige Nächte zuvor ihrer Einladung nach Adoran gefolgt war. Sie konnte sich nicht mal selber erklären warum sie das tat, zu einem großen Teil war es die Neugierde die sie trieb, aber da war auch noch ein anderer Teil den sie noch nicht wirklich zu verstehen vermochte.
Wenn sie jemanden erzählen würde das sie ihm vertraute, würde sie wohl kaum Verständnis dafür ernten – sie würde ja selbst so reagieren wenn ihr jemand so etwas sagen würde. Es war auch nicht diese Art von Vertrauen welches sie einer besten Freundin schenkte, sie würde nicht mal im Traum darüber nachdenken Fames irgendwelche Sachen zu erzählen die sie belastetn – er war ein Rabendiener, Tod und Verzweiflung folgten ihm wohin er ging, er würde ihre Probleme weder verstehen noch nachvollziehen können. Und doch saß sie in jener Nacht in Rahal im Haus des Rabendieners und einer anderen Person, von der er behauptete sie wäre vertrauenswürdig.
Sie hoffte es... inständig.
»Richtig. Wir sind jeder Anders und ich darf versichern, es gibt sogar noch friedfertigere... Diener als mich.«
»Da ich glaube so einen gekannt zu haben, glaube ich euch das sogar. Hätte ich sie nicht gekannt, wäre ich wahrscheinlich nun nicht hier.«
»Wieder etwas Gutes das sie hinterlassen hat.«
[…]
»Nun, ich suche Menschen die nach Wissen suchen oder nach Verbündeten wie mir. [...]Wie stände es denn um euch? Hier und da ein paar Informationen des Hörensagens sind auch etwas Wert und ihr seid eine Abenteurerin.«
»Neutralität ist immer eine schwierige Geschichte wenn man auf beiden Seiten Verbindungen hat.«
»Das stimmt, aber ich Wage mich weiterhin als solcher Mensch zu sehen.«
»Kann man sich denn als Neutral beschreiben...wenn die lichte Seite einen 'sucht'?«
»Ich bin nicht gesucht. Und die lichte Seite sitzt hier und isst mein Brot. Und ihr seid nicht mein einziger _Kontakt_ im lichten Reich.«
»Eine gute Antwort... […] Und ihr könnt euch gewiss sein das ich darüber nachdenken werden - ich werde über Kurz oder Lang zwar, wie ihr schon sagtet, jemanden verletzten müssen aber auch dieser Schritt muss wohl überlegt sein.«


Das Gespräch hätte unerwarteter nicht verlaufen können, ebenso unerwartet war das jener Diener in der Lage schien, eine durchaus mit Humor gespickte Unterhaltung zu führen – ein weiterer Stein auf der vollkommen überladenen Wage. Doch der Moment der diese Wage endgültig zum Kippen brachte, folgte nur wenige Momente nachdem sie Rahal verlassen hatte und an Bajard an Land ging. Noch ein Rabendiener... und dann auch noch einer, den sie in Vergangenheit mit weniger Zutrauen gegenüber gestanden hatte.
Im Normalfall wäre sie wohl am Lagerfeuer vorbeigelaufen, doch die Tatsache das er dort, weit nach Mitternacht, alleine saß, machte sie neugierig. Er wusste um ihre Zugehörigkeit, er wusste um ihren Kontakt mit Fames und er wusste von ihrem Bruder – zu viel Wissen, sie war schlicht zu unvorsichtig gewesen als sie damals vor Nimmerruh stand.

»Ehrlich gesagt - wenn ich ablehnend bin, ist dies stets ein Geschenk meinerseits. Kann man doch ganz gut einschätzen ob das Gegenüber bereit ist - die Kosten zu tragen, das jene Wünsche erfüllt werden, dessen Erfüllung die Kraft der Lebenden - und den Willen der Götter übersteigen. Aber vielleicht tue ich den Menschen ja damit unrecht... tief sind die Abgründe die der Schmerz in manche Seele schlägt.«
Die Unterhaltung war geprägt von gegenseitiger Distanz und viele Dinge die er sagte, konnte sie weder nachvollziehen noch verstehen und doch kam der Punkt, an dem sie sich entscheiden musste wie sie gegenüber ihm stand, schneller als erwartet.
»Ihr kennt einfach, die Alternative nicht.«
»So?«
»Wenn eure Neugierde eure Angst übersteigt - zeige ich es euch gern.«

Und mit den Worten hatten er sich die Handschuhe von den Fingern gezupft und ihr seine offene Hand hingehalten, als würde er von ihr verlangen Ihre in die Seine zu legen. Ein kritischer Blick, ein Zögern – sie konnte förmlich die zornigen Worte des Magiers hören, aber der... war nicht da, er würde niemals mehr da sein um sie vor Dummheiten zu bewahren – war das eine Dummheit? Oder war es ein weiterer Schritt zum Verständnis hin?
»Das ist wie eine Entscheidung zwischen Feigheit und Übermut. Oder Vorsicht gegen Neugierde?«
Ein kurzes Zucken ihrer Mundwinkel ob ihrer eigenen Worte und die Vorsicht, mit der sie näher rutschte, schien Ihn zu amüsieren.
»Längst habt ihr euch entschieden, nicht wahr.«
»Da habt ihr wohl richtig erkannt.«

Es war nicht so als wäre nicht jede Faser ihres Körpers angespannt gewesen als sie ihre Hand in die große Hand des Mannes legte – aber etwas in ihr ließ sie auch daran zweifeln das er ihr etwas antun würde. Die Hand war erstaunlich warm und sanft wie sie sich um die Ihre schloss, der Blick seiner Augen wurde ernster und für einen Moment passierte nichts... und dass, was dann passierte, hing bloß in einer schleierhaften Erinnerung in ihrem Gedächtnis.

Gleißendes blaues Mondlicht welches sich seinen Weg durch dichte Nebenschwaden kämpfte, geisterhafte Schemen die mit jeden Moment, die sich die Welt zu wandeln schien, verfestigten und Gestalt annahmen. Dutzende Wesen des Todes die sich versammelten um den Diener anzustarren, der immer mehr seiner eigentlichen Gestalt verlor, immer fahler und unmenschlicher wurde – der Blick der blau brennenden Augenhöhlen brannte sich in ihre Erinnerungen. Sie spürte tief verwurzelte Angst ihre Brust hinauf steigen, ein Gefühl welches ihr die Kehle zuschnürte und dann war da die Kälte. Schleichende, beißende Kälte die sich von seiner Hand ganz langsam und zuerst unauffällig, auf die Ihre übertragen hatte. Als würde er ihr die Wärme entnehmen wollen, kroch diese eiserne, schwere Kälte immer weiter und weiter ihren Arm hinauf und mit jedem Moment den sie verstreichen ließ, schienen die Wesen des Todes sich von dem Diener abzuwenden und sich langsam ihr zu zuwenden. Ein eisiger Stich der Kälte in ihrem Herzen und dann unerwartet, war da dieser Moment der vollkommenen Stille...
[…]
»Neugier ist des Kätzchens Tot meine Liebe«

Das war vollkommen falsch...

Verfasst: Mittwoch 2. März 2016, 02:14
von Gast
  • "Ins Herz, das fest wie zinnenhohe Mauer
    Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
    Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
    Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
    Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
    Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.
    [...]
    So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam,
    Doch nie geläng's, die inn're Glut zu dämpfen!
    Schon rast's und reißt in meiner Brust gewaltsam,
    Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
    Wohl Kräuter gäb's, des Körpers Qual zu stillen;
    Allein dem Geist fehlt's am Entschluss und Willen."

    [Johann Wolfgang Goethe - Elegie]
Das Kribbeln und Brennen ihrer Wange, wo die kräftige Hand des Schattens sie in seinem Zorn getroffen hatte, begleitete sie jeden Schritt nach Hause. Es kostete sie jeden Funken Selbstbeherrschung keinen Blick zurückzuwerfen um in die kalte, angewiderte Maske zu blicken. Sie hatte den Schlag kommen sehen, war ihn aber bewusst nicht ausgewichen – wahrscheinlich hätte es das nur noch schlimmer gemacht, da war einfach zu viel tief sitzende Wut in ihrem Gegenüber. Also ertrug sie es... und erst der zweite mögliche Aufprall seiner Hand wurde durch sie verhindert und der Blick des Schattens, so er könnte, hätte sie wahrscheinlich in Stücke zerfetzt. Aber auch wie am Abend zuvor, am Lagerfeuer mit dem Rabendiener, empfand sie kaum Angst – fehlende Angst die sie vor Gefahren oder Dummheiten warnte.
Wie weit würde er in seinem Zorn gehen?
Er schwieg... starrte ihr lediglich finster und ernst entgegen, als würden ihre Worte, ihr Schuldgeständnis, an ihm abprallen.
Und je länger er sie anstarrte, umso unruhiger und wütender wurde sie selber, sie konnte sich den bissigen Unterton in ihren Worten nicht verkneifen – es war einfach dieses Verhalten welches sie nicht einschätzen konnte.
»Was erwartest du von mir? Könntest du bitte mal was sagen? Meinetwegen schreie... oder verpasse mir noch eine... aber starr mich nicht einfach stumm an.«
»Ich mag es nicht... wenn Leute so mit mir umgehen, Aethelinda. Einen Moment hattest du meine Fürsorge.. und Aufmerksamkeit... aber du musstest dich in diese unnötige Gefahr begeben... mich auch noch beleidigen... anschreien.«

Er wirkte noch immer ungehalten, gar trotzig in seiner Körperhaltung und Eli konnte verstehen warum.

Die Dinge die sie ihm in Vergangenheit an den Kopf geworfen hatte, Dinge zu ihrem Selbstschutz, hatten den sonst so von sich selbst eingenommenen und stets dreisten Mann tiefer verletzt als sie je hätte ahnen können.
Aber bereute sie ihr Verhalten?
Bedingt.

Er hatte nicht gewusst wo die Grenzen waren, sie hatte ihn gewarnt... schon vor mehr als einem Mond... und er hatte sie ignoriert – dafür hatte er sich vor einigen Umläufen selber eine Ohrfeige eingefangen. Verstanden hatte er es offensichtlich dennoch nicht und langsam zweifelte sie daran ob er sie einfach nur verarschen wollte oder es wirklich glaubte. Ob der Berührung der Lippen an jenen vergangenen Abend, hatte sie wie versteinert reagiert, ehe sie zurück gewichen war... und trotz ihrer zornigen Reaktion schien er der festen Überzeugung das sie es zum einen genossen hatte und zum anderen selber der Auslöser dafür gewesen war.
Beides war Schwachsinn.
Wahrscheinlich war es die Wut über diese Dreistigkeit an diesem Abend die sie die Worte sagen ließ, die sie nun an diesem Abend, nach mehr als einem Mond, in einem Gewissen Maß bereute.
»Du bist kein schlechter Mensch, aber noch lange kein so Guter wie „Er“ es ist... war... ist. [...] Ich denke...das du nur denkst du könntest mich einschätzen oder würdest mich kennen. Aber das ist ein Irrtum der auf deiner unglaublich großen Arroganz beruht. […] Ich bin weder dein Jagdobjekt, noch dein Ziel oder irgendetwas in diese Richtung.«

Und nun schien es so, als hätte sie den letzten Funken Hoffnung auf Glück achtlos im Dreck des Hafenviertels zertreten. Aber so oft sie auch den Verlauf des Abends durchdachte und in ihren Erinnerungen wiederholte – sie hätte nichts anders gemacht.
Sie hätte wieder den Schlag seiner Hand hingenommen, hätten den Zweiten abgefangen und ihm Worte entgegen gebracht, die er wohl nicht hören wollte. Die Fragen die er ihr stellte „Warum bist du so? Was schmerzt, das du andere abweist?“ hätte sie wieder mit einer versteckten Ablehnung beantwortet... es war so schlicht und doch viel verworrener als die bloßen Antworten es offenbaren konnten... „Es schmerzt zu sehr, ich kann einfach nicht, bitte lass es“.
Eine abschließende Berührung und ob ihrer Worte nicht mehr als Bitterkeit - eine undurchdringliche Mauer aus Stein die ihr entgegen gebracht wurde und dann die Worte die den Abend beendeten.

»Du solltest nun wirklich gehen Aethelinda... und komm nicht wieder, bevor du dir über alles im Klaren bist. Ich kann dich nicht bewachen... diese Unschuld hast du dir genommen.«

Verfasst: Mittwoch 3. August 2016, 17:26
von Gast
  • Sei wieder Unrast, Versuchung und Zorn,
    Laß dich von Flammen bedachen,
    Schöpfe dein Blut aus der Zuversicht Born,
    Blase zum Krieg auf erstarkendem Horn:
    Erwecke den Drachen

    Forme aus Hades-Schlamm wieder dich neu,
    Sang soll dein Lohen entfachen,
    Schreite in Sommers verlodernder Spreu,
    Klingende Nadel im schimmligen Heu:
    Erwecke den Drachen.

    Kreise der Wiederkehr schrecken dich nicht,
    Werde und stirb! Dein Erwachen
    Wird dich beschenken mit schönem Verzicht,
    Küsse die Asche, verzücke im Licht:
    Erwecke den Drachen.


    [Uwe Nolte – Erwecke den Drachen]
Unzählige Male hatte sie das Licht der Tage verschwinden sehen und den Mond am dunklen Firmament betrachten können. Etliche Umläufe, gar Mondläufe, die sie fern von Gerimor verbracht hatte. Der Schlag des Schattens, welcher sie einem Weckruf gleich in ihrem Gesicht getroffen hatte, hatte die Kehrtwende eingeläutet – hatte die junge Frau aus Valar wachgerüttelt und ihr deutlich vor Augen gelegt, dass sie etwas ändern musste. Ihre Gedanken, die störrischen Krähen gleich ihre Bahnen um eine abgenutzte Vogelscheuche zogen und diese verspotteten, irrten in die verschiedensten Richtungen ehe sie sich zu einem abschließenden Resultat kam.

Sie musste Gerimor vorerst verlassen, bis sie wieder sie war, bis sie ihr "Ich" wieder gefunden hatte. Zweifel, gleich einer eitrigen Blase die zu platzen drohte, verwurzelten sich in ihr, stellten sie immer wieder vor die Frage, was Richtig und was Falsch sei – was tat sie? Einige Male hatten die Bäume ihr Laub hinabwerfen müssen um sich dem eisigen Schlaf des Winters hinzugeben, ehe Eli ihre Heimat Valar wiedersehen sollte. Wie ein Mahnmal standen die Trümmer des einst prächtigen Aschengardts Anwesen in der kargen Wildnis und beharrlich, wie Rost an einer eisernen Tür, kroch der unwiderrufliche Vergleich in ihr hinauf. Wie dieser Ort nur noch ein Abklatsch seines stolzen Ichs war, so war es auch mit der Familie der Aschengardts. Gespalten, zerstritten und auf getrennten Wegen wandernd – so hatte jeder etwas von der Familie geopfert um seinem persönlichen Ziel näher zu kommen.

Dass sie nicht länger die kleine, wehrlose Schneiderin aus Valar war, das wusste sie seit einiger Zeit. Das Regiment und all das was sie erlebte, hatte ihr einen großen Teil ihrer Naivität und ihrer Unschuld genommen.

Sie hatte gelernt zu töten, wenn es sein musste.
Sie hatte gelernt Befehle auszuführen, ohne diese zu hinterfragen.
Sie hatte gelernt sich zu wehren und auch ihre eigene Meinung zu entwickeln.
Sie hatte gelernt bedingungslos zu lieben und ebenso zu trauern.


Irgendwann würde jede Tür aufgestoßen und nur ein Blinder würde nicht über die Schwelle blicken können. Eli war nicht blind, weder für die Zukunft, noch für die Vergangenheit und jene nagte weiterhin unerbittlich an ihr – sie forderte ihren Preis, erinnerte immer wieder daran, was passiert war und verankerte sich als ein bedrohliches Mahnmal in ihrem Inneren. Die Vergangenheit, gepaart mit dem eigenen Stolz und der Sturheit einer Aschengardt, waren es die sie in den ersten Monden an eine Heimkehr hinderten. Aber so wie die Tür zur Einsicht aufgestoßen wurde, so wurde auch die Mauer aus Stolz und Sturheit hinab gerissen und letztendlich war es wieder der altvertraute Anblick von Bajard der sich der jungen Frau offerierte.