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Ein Brief für Callista

Verfasst: Freitag 21. November 2014, 12:43
von Gast
Ein Brief wird unter Callistas Zimmertüre hindurch geschoben, ohne Versiegelung, einfach so.


Salam Alaikum Callista

Ich hörte gestern von dem, was passiert ist.
Und ich möchte dazu und deswegen ein paar Worte an dich richten.

Familie beutetet, viele Gesichter zu haben, die an einem Tisch sitzen, viele Gedanken die teilweise harmonieren und teilweise gegensätzlich sind.
Familie bedeutet Harmonie, Liebe aber ab und an eben auch ein bisschen Streit.
Wenn es keinen Streit gäbe, so läge die Vermutung nahe, das wir uns gegenseitig egal sind.
Das sind wir aber nicht. Wir leben in mehr als reiner Blutsverwandtschaft.
Ein Haus ist immer dann belebt, wenn man Stimmen hört, wenn gelacht wird, geweint oder eben gestritten.

Ich möchte gestehen, dass ich die Grundschuld trage. Ich war diejenige, die Razyrs Stammkissen mit einer Nadel präpariert hat.
Es sollte ein kleiner Streich sein, ich hätte nicht damit gerechnet, dass dies solche Auswirkungen hat.
Ich stehe zu meinen Fehlern Cousine. Ich habe es Razyr auch schon gestanden.

Allerdings sollte ein so harmloser Streich keine solchen Konsequenzen mit sich tragen.
Ich habe ihn gestern noch um ein Zwiegespräch gebeten, und ihm eine Möglichkeit eröffnet, wie er seine Gefühle unterdrücken kann.
Ich hoffe, solch ein Ausbruch wird nicht mehr vorkommen.

Talib...
Talib ist ein Löwe, Cousinchen.
Er ist manchmal harsch und forsch, hat seine Vorstellungen, wie eine Familie funktionieren und die Natifahs zu sein haben.
Aber weißt du, er hat ein gutes Herz, und er liebt uns.
Ich habe ihn in all den Jahren, die ich ihn kenne, niemals ungerecht erlebt, oder übertrieben.
Manchmal muss man ihm ein paar Momente geben, in denen er all das sagen kann, was ihm auf der Seele lastet, ohne es ihm böse zu nehmen.
Denn letztlich... sind wir eine Familie, und Familie beutetet Liebe und Vertrauen.
Und das bringt er uns entgegen, genauso wie wir ihm.

Sei neda stur wie ein Lama, komm zurück.
Ärger und Zorn sind wie beißender, schwarzer Rauch. Es nimmt einem die Luft zum Atmen, nimmt uns die Sicht auf anderes.
Aber der Wind, er trägt den Rauch mit sich, bringt Licht in unser Dunkel, und lässt uns letztlich auch wieder erstrahlen.
Geh nicht mit dem Rauch, sondern folge dem Wind, der dich leitet.


Familie heißt Liebe

In Liebe

Hazar

Verfasst: Freitag 21. November 2014, 13:15
von Callista Anisa Ifrey
Als sie sich am Mittag nach einer langen quälenden Nacht vor dem Altar im Tempel ins Familienhaus schlich, war sie froh niemanden zu sehen oder zu hören.
Aber der Weg über den Strand war auch ein geschickter, wenn wären die meisten in der Küche oder in den Haupträumen, die konnte sie mit dem Weg umgehen und keiner würde sie hören, solange sie leiser war als der Wüstenwind.
An ihrem Zimmer angekommen öffnete sie auch dort die Türe leise und schob sich durch den Spalt hinein.
Den Brief auf dem Boden erst einmal nicht bemerken stopfte sie mit raschen Fingern einige Kleidungsstücke, in einem Beutel, was waren nur jene einfache Roben und den einen weißen Sari den sie mitgebracht hatte als sie nach Menek' ur gekommen war. Den Rest lies sie da wo sie waren und auf dem Schränkchen plazierte sie ihren Familienring, die Brosche von Razyr die sie sonst nie auszog und die Fußkettchen die ihr auch geschenkt worden waren.
Sie wollte wieder so einfach leben wie früher ohne den ganzen Tant.

Sie schnappte sich dann noch eins der Bücher aus ihrem Regal, das mit den Märchen der Wüste und war schon wieder auf dem Weg hinaus als sie den Brief erblickte. Auch jene wurde aufgenommen und in eine der Buchseiten geklemmt bevor sie sich auf dem gleichen Weg wie hinein, wieder hinaus machte. Ihre Zimmertür selbst lies sie dabei offen stehen.

Auf dem Weg zum Tempel hinaus legte sie wie zumeist eine kleine Pause an ihrem Lieblingsort ein, jene Brücke über den Wasserfallhinweg, wo man hinab in die Oase schauen konnte.
Sie lies sich dort nieder den Rücken an die Brüstung gepresst und lauschte dem rauschen des Wasser was unter ihr in die tiefe schnellte. Sie hatte sich schon oft vorgestellt, was passieren würde, wenn sie sich einfach mit hinab stürzte, mit dem Wasser fallen und dann aufkommen in der klaren Oase, im heiligen Wasser der Mara. Doch bisher hatte sie es sich nicht getraut, immerhin waren es gut zwanzig dreizig Meter die es in die Tiefe ging.

Den Gedanken beiseite wedeln griff sie nach dem Buch und zog den Brief heraus. Sie erkannte die Handschrift bereits als sie ihn aufklappte.
Hazar
Sie hatte sie lachen gesehen und das Glück in ihren Augen nun wo sie wieder im Schoß der Familie war. Nichts mehr war zu sehen von dem Unglück und der Trauer. Nicht weil es nicht mehr vorhanden war, sondern einfach weil die Familie sie auffing. Sie beneidete sie darum. Sie konnte das nicht, sie konnte sich nicht von all dem lösen und einfach eine Natifah sein.

Als sie den Brief zuende gelesen hatte musste sie unweigerlich schlucken, wahrscheinlich hätte sie mit ähnlichen Worten genau das beschrieben was Hazar ihr sagte, wenn es um eine andere Natifah gegangen wäre.
Es wären genau diese Ratschläge gewesen die sie auch erteilt hätte ohne groß darüber nachzudenken. Es war das was ihr anerzogen und angelernt wurde, das war das Ebenbild wie eine Familie eben sein sollte.

Doch sie selbst stand eben nicht in jener Familie, das hatte ihr der gestrige Tag noch einmal deutlich gezeigt, sie passte einfach nicht hinein in ein solches Gefüge.

Eine Seite des Buches was als unterlage auf ihren Knien lag herausreisen begann sie dann zu schreiben.



Alaikum Salam Hazar,

ich danke dir dafür, dass du dir Gedanken um mich machst. Aber ich habe neda etwas anderes von dir erwartet, du bist besonnen und möchtest Einigkeit für die Familie.
Du wirst der Familie Ifrey gut tun und darüber freue ich mich sehr.

Mir selbst hat der Streit gezeigt, dass es einen Sinn hatte wieso ich nicht innerhalb der Familie aufwachsen dürfte sondern im Tempel bei den anderen Kaliq.
Ein Khaliq ist einfach neda für die Familie gemacht, er muss weiter denken für das ganze Volk und die eigene Familie neda oben an stellen.
Und die Familie vergisst zu oft das der Khaliq mehr ist als eine einfache Person oder in meinem Fall eine einfache Natifah.
Ich kann neda wie viele andere Heim kommen und meine Schuhe ausziehen und damit alles hinter mir lassen.
Ich trage es mit mir in meinem Herzen Tag und Nacht, jede Sekunde.

Es hat mir gezeigt, dass die Familie damit neda umgehen kann und ich möchte sie damit auch neda weiterhin belasten sich mit meiner Art zu Leben beschäftigen zu müssen.

Ich werde euch gerne immer einmal wieder besuchen kommen wie eine Freundin. Werde für euch da sein wie eine Prehaatim für eine Familie da ist, wenn ihr Probleme habt.

Denn ich liebe euch wie ich das ganze Volk liebe.

Callista

Verfasst: Freitag 21. November 2014, 13:56
von Gast
Nachdenklich las sie den Brief, die Antwort, ehe sie leise seufzte.
Eine Antwort ihrerseits wurde nun zum Tempel gebracht, in der Hoffnung, sie eher zu erreichen.


Salam Cousine

Was meinst du, wie es mir geht?
Als Mudir der Akademie, als diejenige, welche die Tranams ausbildet, egal welchen Stand sie haben.
Ich habe Männer unterrichtet, habe jetzt mein eigenes Familienoberhaupt als Schüler, genau so wie seinen Stellvertreter. Ich unterrichte den Sohn der Omar, genau wie du.
Glaubst du, ich kann meine Existenz mit den Schuhen ausziehen?
Neda, ich bin und bleibe Shoka, ob mit oder ohne Robe, genau wie du immer Prehaatim bist, egal wo du dich befindest.

Meine Worte waren genau so gewählt, dass sie dir bekannt vor kommen sollten. Aiwa, ich bin keine Prehaatim, ich sorge neda für das Seelenheil der Menekaner um mich herum.
Ich will mich auch neda in den Vordergrund rücken, hudad glaube das nicht.

Aber ich weiß, wie schwer es manchmal ist, beide Lebensweisen zu trennen.
Die Shoka ist immer Stark, immer die, die lehrt und führt. Die Shoka darf sich keine Fehler erlauben, sie ist Vorbild und Ansprechpartner. Genau wie die Prehaatim.
Die Prehaatim ist eine weise Natifah, sie muss genauso stark sein, wie die Shoka.

Letztlich hat Eluive unser beider Schicksal so gewollt.
Sie hat uns, warum auch immer, auserwählt so zu sein, wie wir sind.
Was predigt die Kaliq?
Einigkeit im Volke, in den Familien. Und was tut sie?

Wege, meine gute, werden gewählt um gegangen zu werden. Wir bestehen aus mehr, als bloßen Worten, aus mehr, als einem Gedanken.
Der Weg ist für jede Natifah steinig, jeder muss sich seinen Platz suchen. Aber glaubst du neda, das es für uns beide besonders schwer ist? Das die Steine besonders groß erscheinen?

Warum ausgerechnet wird sind, was wir sind, kann uns nur Eluive beantworten. Keiner von uns Sterblichen kann das.
Für die Familie ist es immer schwer, damit umzugehen. Unsere Erziehung und unsere Kultur sagt uns, was wir dürfen und was nicht. Und doch fallen wir mit unserem Sein aus dem heraus, was der Regel entspricht.
Aiwa, auch ich bin nur eine einfache Natifah, zu Hause. Ich bekoche die Männer, wenn sie hungrig und durstig sind, ich bediene und verwöhne sie, wenn ich es kann.

Aber die Shoka muss eine härte an den Tag legen, die neda zu einer grazilen, braven Natifah passt.
Das zu vereinen ist eine Kunst. Für die Prehaatim genauso wie für die Shoka.

Aber glaubst du, dass es der Weg ist, weg zu laufen? Vor deiner eigenen Familie?
Die Familie ist das Grundgerüst, ohne das wir alle nicht mehr wären, als Nordländer. Unglücklich, einsam und ohne ein solches Band, das uns hält.
Die Familie ist der Grundpfeiler unserer Existenz, auch wenn es hier und da einschränkend sein kann, oder anstrengend.
Wir sind, was wir sind. Und auch wir beide sind nicht die einfachsten Personen in unserer Familie. Aber wir müssen lernen, miteinander zu agieren. So oder so. Ich möchte dir hierzu als Ende meines Briefes eine kleine Nordländergeschichte erzählen. Ich finde, sie passt ganz gut zu uns.

In Liebe


Hazar




Am Ufer eines kleinen Sees stand eine mächtige und stolze Eiche. Ihre Wurzeln reichten tief in die Erde und sie trotzte der Sommerhitze und beugte sich keinem Sturm. Ganz in Ihrer Nähe am feuchten Ufer des Sees wuchs ein Schilfrohr. Es sah zerbrechlich aus und neigte sich vor jedem Wind.

Eines Tages sagte die Eiche voller Mitleid: "Wärst Du doch näher bei mir gewachsen, ich würde Dich gerne beschützen!"

"Das ist sehr freundlich von Dir", antwortete das Schilfrohr zaghaft, "aber Du brauchst Dir um mich keine Sorgen zu machen. Kommt ein Sturm, beuge ich mich bis zum Boden und lasse ihn über mich hinwegbrausen. Ich beuge mich - aber ich breche nicht!"

Die stolze Eiche schüttelte trotzig ihre Krone und erwiderte: "Ich trotze jedem Sturm, niemals würde ich mich beugen!"

Über Nacht kam ein schreckliches Unwetter auf und riss Blätter und Äste aus der aufrechten Eiche. Das Schilfrohr beugte sich bis zur Erde. Und aus dem Sturm wurde ein Orkan, der mit seiner ganzen Wut an der trotzigen Eiche zerrte - bis er sie mit samt den Wurzeln aus der Erde riss.

Als das Unwetter vorüber war und die Sonne wieder schien, stand das zerbrechliche Schilfrohr aufrecht, neben dem gestürzten Riesen.

Verfasst: Freitag 21. November 2014, 14:17
von Callista Anisa Ifrey
Ein Bote wird einen Brief zurück zu Hazar bringen. Wenn sie ihn öffnet sieht sie das die Zeilen an manchen Stellen von Tränen aufgeweicht wurden und verschwommen sind.
Die Handschrift hier und da zittrig war und nicht so gelenk wie sonst.


Und so wird sie neben dem Gedicht nur noch ein paar Worte finden.


Gib mir Zeit Cousine.


Steinig ist der Weg
den du gehst
Hoch sind die Berge
die du erklimmen mußt

Tief ist das Tal
in das du gehst
tiefer ist dieses
in das du unsanft fällst

Richte den Blick
auf die Berge
Erhaschen den Blick
auf die Schönheit der Wolken

Du hast ein Ziel, für das es sich lohnt
aus dem unmens tiefen dunklen Tal
den kräftezehrenden steinigen Aufstieg
in das Leben zu meistern

Freunde deines Lebens
werden dich unterstützen
um mit ihrer Hilfe den steinigen Weg
auf die Berge zu erklimmen

Um in deinem Glauben
auch die Schönheit der Täler
zu erkennen.