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Nachtmär
Verfasst: Donnerstag 13. November 2014, 17:25
von Gast
Don't let the wolf into your bed
he'll take your soul and eat your head.
In der Seele rauscht erklingend ein Opus und doch mangelt es stets an Worten und Begrifflichkeiten, um diesen zu verbalisieren. Es ist immer nur ein kleiner Teil eines sehr großen, bewegten Bildes, welchen man zwischen den Zeilen finden kann aber ich wünsche dir, lieber Märenleser, dass der ein oder andere Funke auf dich überspringt und dir zumindest einen Einblick in die emotionale Welt eines scheinbar rationalen Menschen schenken wird.
Es ist nicht unbedingt förderlich das Kind beim Namen zu nennen, doch für den Moment benötigen wir wenigstens eine Art Übergangsbezeichnung. Daher habe ich mich – aus durchaus trifftigen Gründen – für den Terminus „Mädchen mit dem roten Mantel“ entschieden.
Dieser Titel weckt Assoziationen?
Durchaus bewusst!
So ist es nun also auch folgerichtig die Mär mit der adäquaten Einstiegsfloskel zu beginnen.
Bereit?
Gut:
Es war einmal...
Ein Mädchen, welches inmitten der Wirren einiger Schneckenhausgänge die dämliche Angewohnheit hatte, permanent vom rechten Weg abzuweichen, bis sie sich gar nicht mehr so wirklich sicher war, ob es diesen Weg, dem sie eigentlich hätte folgen sollen, um an das Ziel zu gelangen, denn je gegeben hatte. Außerdem war das besagte „Ziel“ schon so schrecklich früh dem Blick entschwunden und vergessen – aus den Augen, aus dem Sinn. So blieb ihr nichts anderes übrig, als einen Fuß vor den anderen zu setzen und die Schritte durch den zwielichtigen, nebenligen Wald zu lenken, welchen sie einst, mit ihrem Brüderlein an der Hand, vor vier Jahren betreten hatte.
Wie es nun eben so mit Mären ist, gieren diese nach Momenten besonders grausamer, dunkler Dramatik, welche dem Leser ein Gefühl von antiker, unmittelbarer und absolut nicht (be-)greifbarer Willkür vermittelt. Unsere Mär hier hält es nicht anders, ganz im Gegenteil, hat jene erst einmal Blut geleckt, so steckt sie die Schnauze tiefer in die Wunde und beginnt darin umherzugraben. Die süßliche Kombination von Brüderlein und Schwesterlein hatte somit nicht sehr lange Bestand, kaum dass der Waldrand überschritten war. Irgendwann mussten die verwunschenen Kinder die Händchen doch voneinander lösen und damit war's um den Knaben geschehen, der vom Nebel verschluckt wurde und sein bitterlich weinendes Schwesterlein zurückließ, welche zwar die Schatten hinter den grauweißen Schlieren sehen, doch nie zu ihnen gelangen konnte. Nun, um ganz gerecht zu bleiben: manchen davon wollte sie auch sicherlich nicht unbedingt in die Arme laufen.
Die glitzernden Tränen und die unschuldige Angst des Kindes aber drangen wie eine feine Spur durch die Untiefen des Waldes und führten den König der Märenwölfe direkt zu der Stelle, an welcher das schluchzende Mädchen saß.
Hier möchte ich ein kleines Geheimnis verraten, lieber Leser.
Die eigentlichen Pärchen aller Mären sind nicht jene guten Seelen, die um einander kämpfen und am Ende glücklich allezeit zusammen leben, sondern die beiden Antagonisten der Geschichten. Es hat schon einen Grund, warum nicht das Mädchen im roten Mantel und der rettende Jägersmeister im Titel der Erzählung genannt werden, sondern das Fräulein und der „böse Wolf“: ohne den jeweiligen Gegenspieler würde die Mär nämlich nicht als solche entstehen und das Mädchen könnte ein [s]glücklicheres[/s] [s]schöneres[/s] [s]gewöhnlicheres[/s] anderes Leben vorweisen. Aber in dem Moment, in welchem der Wolf das Kind sah und als seine Kontrahentin erkannte, da schrieben sich die ersten Zeilen des Zaubers von selbst.
So wies der Wolf die dunklen Schatten hinter dem Nebel in ihre Schranken und widmete sich selbst dem verlorenen Fräulein. Es brauchte nur einen roten Mantel, in welchen er sie fürsorglich hüllte und einige leise gewisperten Worte, ehe sie die Auswegslosigkeit ihrer Situation erkannte und den lockenden Versprechungen des Wolfes folgte, ohne ihnen je Glauben zu schenken.
Über viele Jahre durchschritt sie an der Seite des wandlungsfähigen Wolfes den Wald, bis er sie eines Tages zu einer Lichtung führte und höhnend zusah, wie sie sich von ihm löste und in der Hoffnung den Wald endlich durchbrochen zu haben, davonrannte. Was sie noch lange nicht erfahren oder ahnen sollte war, dass das geistesscharfe Untier sie in den letzten Jahren lediglich im Kreis geführt hatte und so Zeit herausschinden konnte, um sie zu beobachten, zu studieren und soweit zu bezaubern, dass sie selbst ein Teil seiner Welt wurde. Ein beachtlicher Teil der Mär eben.
Ihr eigentlicher Weg durch die Waldestiefen hatte gerade erst begonnen, doch diesen beschritt sie nun scheinbar meist alleine, nur ahnend, dass der Wolf ihr folgte, sie dann und wann belauerte oder belauschte. Doch die Welt dieser Geschichten ist groß und folglich alles andere als unbelebt. Das Mädchen im roten Kapuzenmantel musste bald feststellen, dass andere Gestalten ihren Weg kreuzten, manche davon freundlich, andere feindlich gesinnt – die meisten jedoch ließen sich nicht wirklich in irgendeine feste Schublade sortieren und agierten unvorhersehbar, durch intrinsische Motivation dirrigiert. Schutz fand sie alsbald unter dem Dach des guten Prinzen und seiner Prinzessin-Schwester, beides wehrhafte Wesen, denn welcher Prinz kommt heutzutage schon recht weit, wenn er nicht einmal ein Schwert schwingen kann? Ja und welche Prinzessin lernt nicht schon recht früh sich zu verteidigen und somit auch artig der enstehenden Emanzipationsmode nachzukommen? Diese beiden zumindest waren ein mustergültiges Beispiel der Prinzentugenden – pardon, Prinzengebote! - und in ihrem Kreise fand das Mädchen nach und nach kleinere Brotkrümelstückchen der eigenen, verlorenen Ruhe wieder. Ein Umstand, den sie nicht zuletzt der Goldmarie und dem wachenden Drachen zu verdanken hatte. Sie überstand einen Streit mit dem gestiefelten Kater, fand Kontakt zu mindestens sieben azurblauen Zwergen, freundete sich mit einem tapferen Schneiderlein an und begegnete so schließlich sogar dem durchaus maskulinen Schneewittchen.
Wäre sie den Spuren der Krummen rasch genug gefolgt, so bin ich mir recht sicher, dass sie eines Tages den Weg zurück zum eigentlichen Waldrand gefunden hätte, doch war ihre Goldmarie im selben Moment auch eine Pechmarie und brachte die Raben mit sich, welche die Krümel schneller pickten, als das Mädchen ihrer Spur nachgehen konnte. Die Irrwege wurden dunkler und trieben sie in die Arme der Gestalten, deren Namen man lieber nur hinter vorgehaltener Hand wispert, wenn überhaupt. Ihr zur Seite stand eine Andere, die auszog das Fürchten zu lernen und – glaub mir, werter Leser – hierbei sollte sie voll und ganz auf ihre Kosten kommen.
Denn wie soll man lange in den zerbrochenen Spiegel blicken, dessen Scherben so viele verschiedene Wahrheiten präsentieren, ohne dabei selbst wahnsinnig zu werden?
Wie lauscht man den eiskalten Worten des singenden Knöchleins, ohne Gefahr zu laufen dessen Stimme noch im Traum zu hören?
Wie lernt man an Hänsels Hand gehen, wenn dieser doch selber noch eher unsicher durch den Wald stolpert und von einem grimmigen Märenende träumt?
Wie fängt man einen Feuervogel, ohne sich zu verbrennen?
Ja und wie übersteht man die Nähe des Hexers aus dem Lebkuchenhaus, wenn dessen Blick dem des Märenwolfs gleicht? Wie ordnet man seine Gedanken, findet die eigene Logik und Räson, wenn sie allesamt in einer graublauen Flut ertrinken?
Ist es dann gerecht das kleine, blonde Sterntalerkind zu Rate zu ziehen...?
Nein, doch was ist schon gerecht?
Verfasst: Montag 24. November 2014, 13:34
von Gast
Inside the honey hollow space,
licking his fingertips of cake.
Antagonisten – das ist nicht nur eine Ansammlung von Buchstaben, die gemeinsam ein durchaus hübsches und lautmalerisch angenehmes Wort bilden, vor allem sind es Gegenspieler im Rahmen einer recht frei definierbaren Partie. Dabei kann es nun sein, dass diese beiden Kontrahenten einander auch wahre Widersacher sind, doch muss es sich nicht so verhalten, sondern könnte stattdessen von einem gesunden Wettkampf zwischen den Zweien künden oder aber verweist auf gegensätzliche Denk-und Aktionsweisen. Auch ist es ein alter Irrglaube, dass pro Individuum nur ein einziger Antagonist besteht, quasi der klassische Erzfeind oder Oberbösewicht in der ein oder anderen Geschichte. Nein, Kontrahenten entdeckt jedes Wesen im Laufe seines Daseins in recht variabler Menge und diese „Entdeckerei“ hängt dabei vor allem von den eigenen Empfindungen und Eindrücken ab. Somit obliegt es einem selbst, wieviele Antagonisten man als solche definiert und ebenfalls wie man dann mit dem „Gegenspiel“ umgeht.
In diesem Sinne, schlagen wir doch das Märenbuch wieder auf und setzen neu an mit:
Im tiefen, tiefen Wald...
… da steht ein Lebkuchenhaus.
In jenem, so lass dir gesagt sein, wohnt ein Hexer, dem man alleine aufgrund seiner Rolle in allen ähnlich gerateten Geschichten nachsagt, dass er ein recht spezieller Feinschmecker im Punkto Menschenfleisch wäre. Oh, nicht alle Motten, die dem Licht des dort so charmant glimmenden Ofenfeuerchens folgen, müssen auch verglühen, doch ist es wohl nicht unbedingt weise den Bewohner des Lebkuchenhäuschens zu unterschätzen und so kommt der Ruf, der diesem Ort anhaftet nicht von ungefähr. Vor allem die Dinge in den Schatten kennen diesen Flecken Erde und wissen um die Gefahr, welche dort zu finden ist. In ihrer Bosheit locken oder treiben sie manchmal äußerst bewusst jene, die im Wald verloren gingen, in just diese Gegend.
Im Falle des Mädchens mit dem roten Kapuzenmantel jedoch, lag es nicht unbedingt an den Marionettenfäden der Schemen, sondern an dem Umstand, dass sie schon eine ganze Weile laut- und orientierungslos durch das grauschwarze Dickicht des Forsts wandelte und nach einem Lichtfunken in all dem nebeligen Wirrwarr regelrecht gierte. So kam ihr der schwache Flackerschein, einer freundlichen Einladung gleich, durchaus recht und sie fasste sehr bald den Entschluss, sich näher an das ominöse Feuer zu wagen.
Die Begegnung mit dem Hexer hingegen, war nicht, wie vielleicht zu erwarten, von schleichender und vorsichtiger Natur, sondern eher ein märenuntypischer Zufall, da ihm das Mädchen noch einige Schritte vom Lebkuchenhaus selbst entfernt, direkt in die Arme lief. Wieder fürchte ich, die Erwartungen auf ein wahres Begegnungsspektakel enttäuschen zu müssen, denn der Prozess der Erkenntnis ist manchmal ein sehr langsamer und so nahm das verlorene Kind die bizarre Offerte zum Abendessen seitens des Hexers zwar mit Vorsicht an, aber ohne allzu lange zu zögern. Das Haus in seiner einfachen, doch köstlich feinen Pracht und allen voran das munter leuchtende Feuerchen lullten sie zusätzlich soweit ein, dass sie sich dazu hinreißen ließ, mit Letzterem klammheimlich zu spielen, als der Hexer nicht hinsah. Vielleicht geschah es schon in dem Moment, dass die Glut sie innerlich erreichte und gnädigerweise die Sicht auf den Gastgeber zu verschieben begann.
Es brauchte nicht mehr viele Gesten, leise Worte oder Blicke, ehe unsere Protagonistin den Bewohner des Lebkuchenhauses selbst nach und nach zum passenden Antagonisten erklärte.
Doch gerade mit dieser Definition sollte es im Laufe der Zeit hapern...
Lücken taten sich im ansonsten so logischen Gewebe der Märenwelt auf, geschnitten von zweischneidigen Schwertern und somit auch von zwei Seiten relativ gut beleuchtbar... wenn man denn überhaupt gewillt ist diesen zweiten Blick zu riskieren!
Rotkäpp... Pardon, das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel zog in erster Linie die klar ersichtlichen Parallelen zum Herren der Albtraumwölfe und jener wiederum sah's mit großen (Schaden-)Freuden. Nicht lange nachdem das Fräulein nun also körperlich unversehrt dem Lebkuchenhaus entschwunden war, da zog es sie auch schon wieder dorthin – eine weitere Motte, geführt vom seltsamen Wunsch das magische Feuer ein weiteres Mal klammheimlich zu betrachten und den Eindruck diesbezüglich im Herzen verschließen zu können. Tatsächlich gelang ihr auch diesmal der Kontakt, doch nicht ganz so unbeschadet, wie sie es sich wohl gewünscht hätte. Es geschah, als sie, in jener Nacht sogar unter den durchaus wölfischen Blicken des Hexers, die Hände nach dem Feuer ausstreckte, da züngelte es an den Fingerspitzen hoch, flammte durch den Körper und fuhr segend in die Brust, das Herz durchbohrend.
In diesem Moment starb das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel.
Ein seltsames Geschichtenende, nicht wahr?
Gut, das liegt wohl daran, dass die Mär hier nicht endet, denn derjenige, der die schwarze (Schreib-)Feder schwingt, die Omnipotenz in Person quasi, entschied sich dem Kind neues Leben einzuhauchen, gab ihr von seiner Flamme und zündete den Funken im Herzen erneut. Doch auch die Berührung des Lebkuchenhausfeuers hatte eine körperliche und tiefergehende Markierung hinterlassen und ließ das erglühen, was unsere unheldenhafte Heldin als „Faszination“ verstehen wollte. Faszination für Feuer und den süßen Schmerz, wenn sie begann sich daran zu verletzen. Ein wenig masochistisch? Bestimmt, doch sei unbesorgt, lieber Märenleser, das Fräulein gehört nicht zu jenen seltsamen Charakteren, die sich in der Dramatik ihrer eigenen Misere so gefallen, dass sie sich drin suhlen mögen und so brauchte es einfach nur Zeit und einige Augenöffner, bis sie ihre Definition langsam zu überdenken begann.
Einer dieser Augenöffner war wohl der Schneekönig, dessen emotionale Kälte noch die eigene übertraf und er sich somit wahrlich rühmen konnte, ein Meister der unumstößlichen Logik, kristallklaren Tatsachen und messerscharf gezogenen Schlüssen zu sein. Er sandte seine weißen Tauben und ließ jene Nachricht verkünden, die selbst das Mädchen nicht wirklich überhören konnte. Doch als sie sich auch hier noch taubstellen wollte, da schneite er höchstpersönlich vorbei, riss ihr die Hände von den Ohren und schallmeite die Verheißung wie einen Richtspruch herab:
„Es ist längst zu spät für Spielchen und Taktiken. Du hast bereits gezündelt und gebrannt, Kind!“
Erkenntnis, wieder einmal und auch jene kann sitzen, wie eine schallende Backpfeife.
Wie soll es da nun lange noch bei einer Antagonisten-Partie um die kurze Berührung rußender Glut geblieben sein? Es brauchte genau einen einzigen, weiteren Besuch im Lebkuchenhaus und – ganz wie versprochen – entschied sich das Mädchen einmal Frau zu sein und legte tapfer die Hand ganz ins Feuer.
Was soll schon geschehen sein?
Sie verbrannte sich schmerzlich...
… doch schaffte sie es zumindest einmal, dem Hexer vollkommene Sprachlosigkeit zu bescheren.
Verfasst: Samstag 6. Dezember 2014, 17:34
von Gast
He brings the whirling deep in your heart
Then sings as twirling demons of dark
Vieles, was wir zu tun gedenken, was uns beschäftigt oder vielleicht unbewusst im Traum tangiert, ist durchzogen von Widersprüchen und Wünschen, die im direkten Konflikt zueinander stehen. Die meisten menschlichen Wesen erhoffen sich einen festen Platz im Leben mit derart klaren, definierten Strukturen, dass man von Alltagsgeborgenheit und beruhigender Gewohnheit mütterlich ummantelt werden kann... und im selben Moment schwelgen sie in den Idealen der großen, vollkommen gelösten Freiheit.
Derartige Empfindungen sind mannigfaltig und wir stören uns nur bedingt an der klaren Gegensätzlichkeit, denn wir lernen im Grunde schon von Kindesbeinen an mit solch einer persönlich-gestrickten Diskrepanz umzugehen, bis man irgendwann zwischen den beiden Extremen einen schmalen Pfad gefunden hat, den man ungestört bewandern kann.
Es wird nur dann ungleich schwer, wenn man sich bisher vor dem einen Extremberg dermaßen fürchtete, dass man den Rücken fest an den kühlen Felsen des Anderen gepresst hat, nur um Jahre später festzustellen, dass das Gras auf dem gegenüberliegenden Hügel grüner wirkt und die Blumen dort verführerischer duften. Wie lange hält man dann der Versuchung noch stand, bis man sich doch langsam von der Vertrautheit des alten Gesteins löst und zögerlich tappend die ersten Schritte auf die neue Verheißung zumacht? Ja und was geschieht nun, wenn man sich plötzlich der Entfernung zum Altbekannten bewusst wird und es doch zu spät ist, wieder umzudrehen?
Dann erst erkennt der oder die Unglückselige zitternd, dass jede weitere Bewegung eine folgeschwere Entscheidung in sich trägt.
Lassen wir also unserer Märchenheldin die Zeit, ihre Entscheidung zu fällen... wenn es nicht eigentlich schon längst geschehen ist.
Ich setze erneut floskelhaft an, mit:
Poch, poch – mein Rabenherz – poch, poch....
Langsam bettete das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel ihr Haupt auf das weiche, vertraut duftende Moos, um die neuen Rätsel der Märchenwelt gedanklich zu entschlüsseln. So grübelte sie offen über die Intensität des inneren Feuers und malte bunte Bilder der Berührungen – nicht ahnend, dass sich der dunkle Herr der Albtraumwölfe ihr längst genähert hatte und sich das Kunstwerk höhnend besah. Erst, als sie seine Stimme vernahm, erschrak sie zutiefst und versuchte die Bilder so schnell wie nur möglich zusammenzuklauben. Das Lachen des Wolfes begleitete ihr erfolgloses Unternehmen und rasch sah sie sich mit seinen Anmerkungen und Gedanken konfrontiert. Ob seiner Kälte vollkommen unfähig sich zu bewegen, musste das Mädchen seinen ungeniert zügellosen Worten im Bezug auf das züngelnde Feuer und der segenden Glut lauschen.
„Ich bin hier, weil ich vorher nicht stören wollte und nun als Lohn meiner Rücksicht im süßen Rausch deines Herzklopfens schwelge,“ sagte das dunkle Tier irgendwann boshaft vergnügt und genoß das Entsetzen auf den Zügen des Mädchens, welches verzweifelt versuchte just dieses Klopfen zu verdrängen. Langsam kam der Wolf näher und lauschte dem pochenden Geräusch, hörte das Flüstern, welches mit jedem Schlag in die Welt hinausgetragen wurde, betrachtete die ineinander laufenden Farben der Bilderwerke. Vielleicht würde er noch heute dort sitzen und einfach mit allen Sinne vernehmen, was das eingefrorene Kind nicht verstecken konnte, doch geschah es da, dass sich eine seltsame Disharmonie über das Wispern breitete und diese schließlich im falschen, unsteten Rhythmus zum feinen Herzschlag hämmerte. Schwarze Kleckse entstanden mitten im schillernden Farbfilm und überdeckten diesen an manchen Stellen so rasch, als wäre ihnen die bunte Pracht köstlichste Nahrung. Erstaunt und im ersten Moment reglos beobachtete der schwarze Herr aller Albtraumwölfe das Spektakel und griff erst wieder ein, als die Verwirrung seiner kleinen Antagonistin spürbar war. Ihre Lippen, vor Kälte blau und mit glitzernden Eiskristallen überzogen, formten mühsam Worte, die nicht gesprochen werden mussten, um verstanden zu werden. Es handelte sich dabei in erster Linie um wirre Fragen, wackelige Anliegen, das ein oder andere selbstzerreißende Dilemma. Seltsam sanft berührte sie die Wolfspfote an der Wange und nahm einen Teil des Banns von ihr, löste den Körper weit genug, dass sie sich zitternd setzen und den Kontrahenten verdattert ansehen konnte.
„Du stehst dir selbst im Weg.“
Ein beinahe vorsichtiger und unangenehm-weil-unerwünscht zärtlicher Rat des Wolfes, welchen sie dennoch schweigend und zu ihrem Schrecken recht klar verständlich deuten konnte. Sie wusste, wo die Schwelle des Hemmnis war, wie Wunsch und Furcht sich aneinander stießen, wann Scham und Selbstachtung miteinander rangen und auch weshalb. Doch an diesem Punkt hielt der Kopf sich die wachsamen Ohren zu, begann das Herz die einzig gut sehenden Augen zu verschließen und die Seele kniff die Lippen zusammen, um nicht weiter zu schreien. Sie griff nach den Bildern, eine wirre Mischung aus öligem, erstickendem Schwarz und dem bunten, wärmenden Zauber, riss das Erdreich auf und versuchte sie zu vergraben.
„Und wie lange meinst du, dass du diese Leichen noch verscharren kannst?“, begann der Wolf mit ungewohnter Ernsthaftigkeit sehr ruhig, „Wo du doch ganz eindeutig erkennst, dass sie sich schon an deine Beinen klammern und jeden weiteren Schritt behindern? Wo du doch spürst, dass sie daran zerren und dich zu Fall bringen werden? Wo du doch weißt, dass sie dich danach mit sich in die Tiefe reißen wollen? Weisst du, ich habe selten etwas Dümmeres gesehen. Du sehnst dich nach Glut und ertränkst dich selbst, aus Angst vor tieferen Verbrennungen, in schwarzen Fluten. Aber selbst wenn der Kopf dann unter Wasser ist, öffnest du die Augen nicht, um zu sehen, was sich hinter der dunklen Oberfläche verbirgt. Stille Wasser, mein Kindchen, sind soooo tief... soooo tief....“
Während der finstere Herr aller Albtraumwölfe in ihre Richtung griff, manifestierte sich in seiner Hand ein Spiegel von so wunderschöner, zarter Machart, als wäre er dem Zauber der Feen entrissen und gestohlen worden. Einzig die Spiegelfläche schien nebelig und voller Schlieren so getrübt, dass sie wohl unbrauchbar für die persönliche Eitelkeit geworden war.
„Sieh her, Kindchen, sieh und beginne zu begreifen, in welche Richtungen du deinen Weg lenken kannst.“ Erst mit jenen Worten waberte es auf dem Spiegelglas und die Bilder... erschienen.
Es wäre eine ungleich lange und grausame Mär, wenn ich nun aufzählen würde, was das Mädchen ein weiteres Mal zu sehen bekam. Es sei dir versichert, dass sie jene bewegten Gemälde durchaus kannte, dass sie ihr so sehr vertraut und schrecklich gefürchtet waren, um sie vielfach zu brechen und bluten zu lassen. Der Wolf jedoch agierte diesmal nicht nur angetrieben von der finsteren Lust ihr Leid zu kosten, sondern auch beseelt von dem Wunsch, ihr in diesem Belang wieder einmal der geheime (Ver-)Führer zu sein. Als sie alles gesehen hatte und gebrochen auf dem Moosboden lag, war er es, der die selbstgezeichneten Werke einmal wieder ausbuddelte und sie vor ihr schweigend ausbreitete.
„Nun? Wie geht es jetzt weiter? Wohin willst du?“, begann er die Konfrontation erneut und wiederholte seine Fragen geduldig ganze sechsmal, ehe er eine Antwort erhielt.
„Ich werde eine Entscheidung treffen müssen, ja... doch wie soll ich diese treffen, ohne mich selbst zu verlieren? Wie kann ich überhaupt in der nächsten Zeit auch nur irgendeinen Schritt gehen, ohne Gefahr zu laufen dabei fast sofort durch das letzte, dünne Eis zu brechen und zugrunde zu gehen?“ Verzweiflung zeichnete bittere Ecken und Kanten in die sonst so leise Stimme und spiegelte sich in all den fahrigen Gesten, schüttelte den Körper, verzerrte das bleiche Gesicht.
„Irgendwie... habe ich das Gefühl, dass ich verliere, ganz gleich, in welche Richtung ich meinen Fuß setze.“
Schnaubend nahm der Wolf direkt neben ihr Platz und berührte sie ein weiteres Mal mit der Tatze, tippte gegen die Stirn, die Lippen und schließlich in Richtung Herzen.
„Richtig, du wirst etwas verlieren.“, gestand er ihr dabei ruhig zu, „gehst du die Schritte zurück, wird das Schwarz deine Farben ersticken und das Feuer in dir zur schwachen Glut verkommen lassen.“ Zufrieden registrierte er ihr heftiges Kopfschütteln und setzte, nicht ohne den Hauch eines verschlagenen, zahnreichen Lächelns leiser nach. „Wenn du den Schritt nach vorne wagst, wirst du dich dem Quell des schwarzen Öls entledigen müssen – sieh es als Prüfung an, denn alle unsere Augen werden dich derweil beobachten. Verlieren wirst du aber nicht nur hierbei, sondern in dem Moment, in welchem du der Versuchung nachgibst und brennst, mein Kindchen, vollkommen brennst. Dann verlierst du die Farbe des reinen Schnees und wirst in diesem Augenblick mit Rot gezeichnet, um in Zukunft selbst damit zu malen.“
„Ich... habe um das Schneeweiß gekämpft. Ich... habe teuer dafür bezahlt. Es ist alles, was mir noch bleibt...“, kam die schwache, piepsige Gegenwehr, doch der Wolf lachte nur leise und drückte die Schnauze feste gegen ihren Nacken. „Du brauchst dich davor nicht fürchten,denn der weltliche Schmerz trifft dich kaum und der andere ist zu ertragen. Schließlich glimmt das Rot in einer Art und Weise, die du im Grunde schon gewählt hast – oder?“ Behutsam strich die Pfote über die blutfarbene Kapuze und diesmal raunte er lauernd seine Frage ein siebtes Mal herab.
„Also, wie geht es jetzt weiter? Welchen Schritt wirst du machen und welchem Verlangen gibst du nach? Was wünscht du dir?“
„Mach mich kalt, so kalt und eisig wie du selbst.“
Er lächelte milde und sein Atem, welcher ihr Ohr striff, fühlte sich bizarrerweise warm und weich an.
„Meine Kälte, süßes Kind, brennt heißer als das stärkste Feuer...“
Verfasst: Dienstag 13. Januar 2015, 22:04
von Gast
To take you down beneath the ridge
To where is found his silent bridge
Es gibt Momente, da braucht es keine Einleitung, weil alles, was man großartig zu sagen hätte, wahlweise bewusste Augenwischerei oder schlichtweg unpassend wäre und im falschem Winkel zu dem steht, wo man eigentlich hätte hinführen wollen... sollen. Ergo spare ich mir nun den verzweifelten Versuch der Wortfischerei, werter Leser, und lasse stattdessen die Ambiguität der dunklen Mär für sich selbst sprechen. Interpretationsversuche durchaus erwünscht, Erfolg jedoch nicht wirklich garantiert...
Spieglein, Spieglein an der Wand...
Da stand sie nun also an just dem Ort, den sie nicht nur gemieden, sondern in all den Jahre zuvor panisch entflohen war. Jeder einzelne Schritt, der sie in die Richtung gelenkt hatte, wurde diesmal jedoch bewusst gegangen, jede Bewegung provoziert, angetrieben vom inneren Glühen, welches ihr nur die Wahl gelassen hatte mit dem Feuer in Flammen zu stehen oder von ihm verzehrt zu werden.
Die Entscheidung war gefallen und Stück für Stück wurde die Distanz zu jenem Flecken, welchen man den Spiegelpalast nannte, überwunden, bis sie sich im größten Saal in vollkommener Dunkelheit wiederfand und schweigend beobachtete, wie das indirekte Licht des silbrigen Mondscheins abertausendfach auf der blanken Fläche hin- und hergeworfen wurde. Es brach sich facettenreich und schaffte es doch weiterhin eine lebendige Kälte zu verbreiten, welche die feinen Haare im Nacken aufstellte und dem Mädchenkörper ein stetiges Schaudern entlockte.
Ja, da stand sie nun – und wartete ängstlich ab.
Als sich nichts tat, erhob sie die Stimme, streckte die Hände aus und tastete nach der spiegelnde Oberfläche – Aktionen fordern Reaktionen, Berührungen sind für beide Seiten spürbar, wer Feuer in sich trägt, entzündet Andere... die Spiegel erwachten und offenbarten in plötzlich schillernden Farben Teile aus dem hintersten Winkel der eigenen Seele.
- Wie lange willst du die alten Leichen immer wieder in den Brunnenschacht hinabstoßen? Du hast gesehen, dass sie Lebendtote sind und mit jedem Mal energischer hervorkrabbeln, auf dich zu!
Ja, da sprudelten sie, einem Meer an greifenden Händen und schnappenden Mäulern gleich, über den Rand und bewegten sich in zäher aber unaufhaltsamer Art und Weise auf das Mädchen zu, welches mit schreckensgeweiteten Augen starrend nun feststellte, dass sie sich nicht rühren und noch nicht einmal schreien konnte, die Flut riss sie mit sich, tauchte sie unter.
- Blut ist stärker als Wasser, mein Herzchen... rot, soooo rrrrrrroooot!
Es kochte in den Adern, floß zuerst kalt und nackend durch die Nerven, biss sich durch die Brust, stahl dem Kopf jegliche Logik und ersetzte ihn durch den Strudel aus Wahn, Verzweiflung und purer, reinweißer Angst. Jene jedoch entflammte besonders gut und in die eisige Glut mischte sich die klebrige Konsistenz des Lebenselixirs, metallisch süßlich. Die Leichengesichter spien Erinnerungen hervor, kündeten von Momenten, die sie hoffte vergessen zu haben oder zumindest weit genug verdrängt, um sie selbstüberzeugend für nichtig und unwahr erklären zu können.
Weich der Untergrund, hart der Griff, warm die Körper, kalt die Furcht.
- Lauf, Mio, lauf... Mio meine Mio!
Vor dem Knall kam das Zischen, welches die Luft durchschnitt. Es lag an der Beschaffenheit des Leders, speckig und heiß, wenn es sich, einer Würgeschlange gleich, um die Handgelenke schnürte und jeder Ruck Reibung erzeugte. Es nagte an der Haut, knabberte faserweise die Hülle fort oder aber schlug brennend darüber und zeichnete rote Linien, drosch schwarzbläuliche Verfärbungen, leckte Blut. Keuchender Atem, kein Muskel schmerzte, wenn der Fluchtrausch durch den Körper jagte, das kam erst danach, wenn man sich in Sicherheit wusste. Flieh, flieh so rasch du kannst! Flieh vor dem Geräusch des Leders oder dem hellen... dem hellen... Klirren... der Gürtelschnalle. Behüte das, was du mit deinem Blut verteidigt hast –
SCHNEEWEISS!
Sie bekam keine Luft und versank immer tiefer in dunklen Massen der Erinnerungen.
Das Ende mit Schrecken, ja, nur dass sie nicht damit gerechnet hatte, welch grässlicher Tod das Ertrinken war. Keine sanften Flügel, die einen davontrugen, kein schrittweise langsamer werdender Puls, keine Müdigkeit mit Entschlafen. Sondern Panik, grelle Panik, wenn nichts als Wasser in die Kehle kommt, wenn die Luft schwindet und das Licht über einem selbst immer ferner scheint.
Der Kampf begann, ehe sie wirklich darüber nachdachte. Ihr Körper schrie nach Leben und jenes erwachte urplötzlich. Sie zappelte verzweifelt, strampelte um nicht noch weiter hinab zu sinken. Versuchte nach dem Licht zu greifen, nach den Spiegeln, sogar den Leichen, nach irgendetwas...
Und dann ergriff „irgendetwas“ sie. Ein Schatten, ein Glitzern in der Meeresschwärze und sie spürte nur noch schwach, wie etwas an ihrem Arm riss, wie die Dunkelheit an ihrem Körper herabglitt, während sie selber dem Licht näher kam. Dann gab sie den Kampf auf und ließ zu, dass die Lungen sich öffneten, atmeten. Doch statt blutigem Erinnerungswasser drang süße, hauchende Atemluft in ihren Körper und orientierungslos hob sie röchelnd den schweren, nassen Kopf. Um sie herum schwappten die Erinnerungen, nichts als trübe Schatten... und eine Hand, welche sich ihr entgegenstreckte. Jappsend versuchte sie sich zu drehen, legte den Kopf in den Nacken und starrte für einen einzigen Lidschlag in das verfluchte und geliebte, graue Blau eines stürmisch-verhangenen Herbsthimmels.
"Es gibt keinen Weg zurück, richtig?"
"Nein..."
"Ich möchte weinen und lachen zugleich. Der Kontrast zwischen Sehnen und letztem Widerstand schmerzt so sehr!"
"Schmerz muss sein, süßes Kind – doch es ist ein unvergleichbar kleiner Schmerz im Austausch gegen eine neue Welt, von einem anderen, mächtigeren Zauber gezeichnet..."
"Was soll ich mit dieser Antwort anfangen?!"
"Oh du wolltest einen Hinweis? Gut, den sollst du bekommen: Aufgabe ist das Stichwort, Zugabe, Freigabe, Abgabe, Übergabe nein... Gabe an sich.
GIB DICH HIN!"
Die Spiegel zerbarsten tosend, als sie nach der ausgestreckten Hand griff und das Feuer in gleißenden Flammen zwei Märengestalten umhüllte, sich raßend ausdehnte, um dunkle Vergangenheit brüllend zu verbrennen. Binnen weniger Momente wogte ein neuer Ozean aus Glut und Funkenschlag. Er riss beide Wesen gemeinsam in seiner Flut mit sich, verknüpfte sie in an- und absteigender Wellenbewegung. Schwerelos, endlos, vieles bedeutungslos, doch im gleichen Zuge verbunden, treibend...
Verschmelzung.
Das Mädchen legte das weiße Gewand endgültig ab und hüllte sich in das prächtige, blutige Rot des blühenden Mohns, um ihre Rolle in der Geschichte vollends anzunehmen...
...irgendwo tief im Märchenwald lachte triumphierend der dunkle Antagonist.
Verfasst: Samstag 7. März 2015, 13:07
von Gast
Still is the water green and thick
He'll drag you under with his stick
Was wird von einem Märchen erwartet, lieber Leser?
Soll es einfach nur die allgemeinen Merkmale erfüllen?
Personifizierte Gegenstände, sprechende Tiere, Gut gegen Böse, ein Quäntchen Magie und Zauber in Kombination mit einer recht offenen, kindlichen Moral und alles unter dem Deckmantel der huldvoll-feierlichen Floskeln „Es war einmal...“ oder „...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“? Nein, im Grunde erwarten wir eigentlich nur, dass das Märchen sich seinem Schicksal fügt und die selbst auferlegte Prophezeihung erfüllt, selbst wenn damit einhergeht, dass keine unbelebten Dinge vermenschlicht werden, kein Getier vor sich herquatscht, das Ringen zwischen Gut und Böse einen Moment vollkommen an Bedeutung verliert, Magie oder Zauber im Angesichts des Schicksalsaugenblicks verblassen, die Moral außer Acht gelassen wird und sich Floskeln nicht bestätigen.
„Es war einmal...“ - nein, es muss so geschehen.
„... und wenn sie nicht gestorben sind...“ - aber sie sind nun einmal gestorben.
Der Wolf bekommt das Rotkäppchen früher oder später zu fassen, Goldmarie könnte ihren Namen nicht ohne Pechmarie halten, der Prinz verliert das Aschenputtel mehrfach aus den Augen, die sieben Raben sind gezwungen ihren Fluch jahrelang zu tragen und Dornröschen MUSS schlafen.
Erwarten wir wirklich, dass sie irgendwann wieder aufwacht oder ist es dieser ewig andauernde Schlaf, der sie schließlich in unseren Augen zu der macht, die wir kennen oder zu kennen glauben?
Vermutlich Letzteres.
Unnötig zu erwähnen, das die Märchenfiguren anders denken... oder?
Möge dieser Mär-Abschnitt mit folgenden Worten eingeleutet werden:
„In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreite sich über das ganze Schloss...Und der Wind legt sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr...“
Die Stille im Märchenwald hatte etwas seltsam sakral Endgültiges.
Sie berührte das noch immer schlagende Herz einiger Märchengestalten und hüllte jenes in die Farbe von frischem Schnee, der puren und reinen Trauer. Das singende, klingende Knöchlein hatte diese Empfindung als „Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit“ definiert, ohne zu wissen, dass sie alle in den Geschichten des Buches auf immer und ewig unsterblich gemacht wurden. Irgendwo würden nun bestimmt Kinder sitzen und mitfühlend in diese bizarre Ruhe lauschen und vielleicht äußert dabei der ein oder andere Mund seufzend: „Warum nur musste Dornröschen sich an der blutroten Spindel stechen? Weshalb ist sie in den ewigen Schlaf gefallen?“ und es obliegt den längst ernüchterten Erwachsenen ihnen zu erklären, dass eben genau so Märchen funktionieren.
Die Figuren, die sich mit dem plötzlichen Schicksalsschlag konfroniert sahen, wussten jedoch nichts davon und so schwiegen sie, ließen die Stille des Heimatwaldes an sich heran und beschlossen Dornröschen nicht einfach ewig ruhend in der Mitte liegen zu lassen, sondern hoben sie – wo waren diese vermalledeiten blauen Zwerge, wenn man sie brauchte und der Glassarg obendrein? - sanft auf, um sie an einen versteckten Ort zu tragen, an welchem laut der Mär in Zukunft Dornenhecken und wildwuchernde Ranken wachsen sollten, um das zarte, schlafende Geschöpf vor böswilligen Wesen zu behüten, aufdass ihre Ruhe nie mehr gestört werden sollte.
Friedlich wirkte das nun sehr blasse Gesicht, welches noch nicht von der wärmenden Decke berührt wurde. Güldenes Haar umspielte die Züge so malerisch, als würde gleich ein Portraitzeichner erwartet werden, der den letzten Moment der Schönheit ganz auf seine Leinwand bannen wollte. Stattdessen aber stach sich dieser Anblick mit abertausend nadelspitzen Dornen in das blutende Herz einer Gestalt in ebenso rötlich farbener Kapuze, welche neben der Ruhenden kauerte und ihr geliebtes Antlitz mit den eigenen Tränen ein letzten Mal benetzte. Das Schlaflied klang nicht so klar, wie es das Mädchen gerne gewollt hätte und doch presste sie die schiefen, erstickten Töne weiter aus der Kehle, um ihr dieses Geschenk noch zu machen.
Die Nacht trägt alle Farben unter ihrem Mantel,
die Nacht zaubert jeden Himmelsstern
ans Firmament. Die Nacht vollzieht unter stetem Licht den Wandel
hin zum Traum – und ich hab dich ewig gern...
Die Klage blieb, wie zu erwarten, unbeantwortet und auch der Wind in den immergrünen Ästen des zauberhaften Märchenwaldes entschied sich, weiterhin zu schweigen. So wurde die Decke stumm über das Gesicht geschoben, der Baldachin ohne einen weiteren Laut aufgebaut und auch die Gedenktafel in stoischer Stille errichtet. Dann erst, als die Wacht begann, drang ein schauriges, fernes Wolfsjaulen durch die Nacht und kündete damit vom Verlust eines Lichts in der Dunkelheit, welches von nun an andernorts in schwärzere Schwingen gehüllt, verweilen würde.
Zurück blieben die Figuren, die – ein jeder auf seine ganz eigene Art – diese Einbuße auswerten mussten. Manch Einer würde versuchen die Lücke in der Märchenwelt zu füllen, Andere würden vielleicht hoffen, dass eines Tages der dunkle Prinz kommen und sich mit seinem Kuss alles zum Guten wenden würde. Es gab auch solche, die dem Ganzen keine große Bedeutung beimessen wollten und folglich ebenso jene, die in der endlosen Tragweite der schweren Situation zu ertrinken drohten.
Unser Mädchen im roten Kapuzenmantel zählte zu Letzteren.
Vergessen war für einen Moment der Griff des Herren aller Albtraumwölfe, welcher sie in just jener Nacht gnädigerweise auch nicht berührte. Vermisst wurde nun gerade auch nicht das Feuer des Lebkuchenhauses, welches ihr den Hexer zur Seite stellte. Vergangen die Ungewissheiten des Morgens, gegenwärtig nur das Schloss, welches ihr Dornröschen geschluckt hatte.
Ein kleines Licht in tiefer Finsternis.
Ein winziges Samenkorn, welches in der Dürre Hoffnung in sich trug.
Ein kleiner Stein in einem dunklen, endlosen See, welcher es geschafft hatte, seine Kreise bis zum Ufer zu ziehen.
Wie kann so etwas je auch nur ein wenig in der Erinnerung verblassen?
Solch ein Licht leuchtet ewig und bleibt einem immer nah!
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Verfasst: Dienstag 5. Mai 2015, 17:54
von Gast
See flaxen gold floats there through the mist
He killed someone's daughter with his wick
Eine Mär existiert, wie bereits erwähnt, nach ganz eigenen Regeln und Richtwerten. Immer wieder fungiert sie, einem Spiegel gleich, als Reflektor der Wirklichkeit. Aber mit Spiegeln an sich hat es wohl weder unsere unheldenhafte Heldin, noch die anderen Akteure und Draht... pardon, Fädenzieher der Handlung. Jenen wird ausgewichen und im Zweifelsfall, wenn es zu viele spiegelnde Flächen sind, auf welchen man den Halt verliert und in Richtungen schlittert, die einem unangenehm und unheimlich zugleich sind, dann verfällt man in Panik, wird zum Hasen, gibt dem Fluchtinstinkt nach und... rennt!
Somit ist die heutige Floskel eher von einer lauernden Mahnung untermalt:
„So lauf hin, du armes Kind! Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben...“
Lauf, kleines Mädchen, lauf!
Es war doch eigentlich Frühling, fast schon Sommer irgendwie.
Doch eigentlich... eigentlich gilt nicht, wenn der Märchenwald sich ausgerechnet hat, wie es im Inneren aussieht und anfängt daraus das Wetter knetend zu formen.
Der Winter, welcher sie im Laufe der letzten Wochen nach und nach erfasst hatte, brach sich in knisternd-knackenden Eiskristallverstrebungen fröstelnd durch die Adern nach außen und tauchte die Welt in eine Meer aus klirrender Kälte.
Das Chaos und Durcheinander, entstanden aus der Diskrepanz zwischen dem Wunsch diesen Winter aus sich heraus zu reden und dem Umstand, dass es keinen geeigneten Gesprächspartner unter all den Figuren der Albtraummär gab, mischte sich mit flüsternder Verzweiflung, ließ zu, dass diese durch die Atemwölkchen ins Freie drang und dort zu einem Sturm heranwuchs, der wie ein unmündiges, frustriertes und grausames Kind die weichen Schneeflocken noch in der Luft zerriss. Winzige, harte Graupen peitschten im Geheul des Windes auf die kleine Gestalt im roten Mantel ein, welche längst nicht mehr wusste, wohin sie eigentlich noch rennen sollte.
Die ersten Schritte hatten sie aus dem vermeintlich düsteren Wald hinaus und direkt in die Wolfshöhle hineingeführt. Dort wurde den Augen ein Anblick zuteil, mit welchem Erkenntnis einherging und es ihr ermöglichte die Ohren an das Knurren des alten Widersachers soweit zu gewöhnen, dass seine Worte plötzlich Sinn ergaben. Keinen der tröstlichen Art oder angenehmen Weise, nicht nachvollziehbar oder verständlich, wohl aber gehaltvoll und diesen bitteren Kern galt es nun irgendwie zu verdauen, zu bewältigen. Doch wie?
Alleine war sie dem nicht mehr gewachsen, sie spürte damals wie der eisige Klumpen tief in der Brust zu wachsen begann und sie so ganz langsam töten würde, wenn sie ihn nicht alsbald zum Schmelzen bringen konnte.
Das Feuer im Lebkuchenhaus aber schien so seltsam fern diese Tage und alleine dieser Umstand ließ das Eisgebilde wuchernd wachsen.
Verzweiflung krampfte den Magen zusammen und die Schritte wurden schneller.
Der Märchenprinz wäre die nächste Anlaufstelle gewesen und sie sehnte sich danach ihm alles zu gestehen, doch wusste sie, dass er den sieben Raben nicht zugewandt war und sie für ihre Verirrungen im Walde verurteilen würde, das gleiche galt für seine schwesterliche Märchenprinzessin – wer einmal lügt, dem glaubt man nicht...
Die Goldmarie hatte selbst zu kämpfen und tat ihr Möglichstes. Sie war alles Andere als schwach, doch konnte auch sie nicht alles (er-)tragen und so kehrte auch hier das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel um, begann zu rennen.
Die sieben Raben suchten allesamt ihre eigenen Würmer und versuchten im Winter nicht zu erfrieren – das Schlittern begann – der Schneekönig hatte sich zurückgezogen und seine Kälte würde den Eiswuchs lediglich beschleunigen – sie rutschte – all jene Figuren, die sie retten konnten waren verloren, das Brüderchen, die Frau Mutter, ihr sonnengleiches Dornröschen – sie fiel, stürzte...
… und hatte keine Lust mehr aufzustehen.
Sie spürte den Schnee an den Wangen, fühlte, wie sich der Frost durch die Haut zu nagen begann und ließ es doch nur einfach geschehen. Sie schloß die Augen, während sich der jaulende Windstrudel über ihrem Kopf verstärkte, mit dem baldigen Ziel in den Schädel zu stoßen und die Gedanken in den Wahn zu reißen. Im Grunde wartete sie darauf, doch nichts dergleichen geschah.
Stattdessen drangen die weichen, zarten Töne einer filigranen Flöte durch das Sturmgetöse und vermochten sie mit unglaublicher Wärme zu berühren, zu wecken und Hoffnung flackerte im Herzen unmittelbar neben dem Eis auf, begann jenes langsam mit kleiner, tapferer Flamme zu bekämpfen. Die Gestalt, welche sie aus dem ewigen Winter führte, deren Flötenklang das Mädchen wie unter Hypnose folgte, sollte fortan der Rattenfänger genannt werden.
Ende gut?
Möglich, doch sind wir nicht am Ende... noch lange nicht.
Auch das Brieftäublein, das sie nur wenige Tage später im Märchenwald erreichte, trällerte kein baldiges Ende, sondern nur ein weiteres Kapitel ein. Es sang vom ewigen Schlaf der güldenen Maid hinter den selbst gepflanzten Dornenhecken und einem Recken, welcher, bewaffnet mit einem strahlenden Licht, der Sonnendame zur Rettung eilen wollte. Im Grunde der romantische Inbegriff einer jeglichen Mär, die Quintessenz, denn so musste es sein. Doch wo der Albtraum mitmischt, trifft ein solches Unterfangen wie ein junger, zarter Keimling auf vergifteten, fruchtlosen Boden und ist dazu verdammt zu verdorren.
Das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel wusste um diesen Umstand und sie wollte weinen, doch nachdem Tränen nur dem Herren aller Albtraumwölfe als Nahrung dienten, entschloss sie sich zu anderen, seltsamen Maßnahmen.
Sie wollte, nein musste vor dem Recken und dem Licht an der Dornenhecke sein und ihre Arbeiten dort vollenden, immerhin hatte sie beinahe zwei Tage Vorsprung... und es war an der Zeit selbst eine Brieftaube zu fangen und mit einer geheimen Botschaft in die Freiheit zu entlassen.
Zu schade nur, dass sie nicht wirklich realisierte, dass auch dies wieder unter dem Zeichen der Wölfe geschah.
Umgeben von Wölfen, läufst du, liebes Mägdelein, fernab von Großmutters Haus und dem rechten Pfade, immer tiefer in den dunklen, dunklen Wald, wo die Reißzähne nur auf dich warten.
Die Wölfe haben Hunger und Geduld...
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Verfasst: Mittwoch 27. Mai 2015, 19:07
von Gast
No don't let the wolf creep in your door
He'll take you in sleep to his chamber of horror
Es ist nicht nur die Moral, welche in der Essenz der Mär schlummert!
Unter anderem ist eine strikte, klar umrahmte Rollenabgrenzung ebenfalls unerlässlich, wenn man eine solche Geschichte webt und doch lohnt sich ein zweiter Blick auf diverse Momente, Szenen und ganze Erzählungen, denn nicht immer ist alles so unglaublich zweidimensional, wie wir es denn gerne hätten. Sicherlich befriedigt es in gewisser Weise das Herz, wenn wir uns mehrfach sagen, dass der Wolf am Ende der Geschichten nur verenden muss, weil er irgendetwas Böses getan hat.
Doch wie kommt es, dass ganz zuletzt der eigentliche, endgültige Mord in der Mär von den scheinbar unschuldigen oder heldenhaften Figuren vollbracht wird?
Wieso zögern sie nicht auch nur einen Moment?
Kein Bedenken...
keine Reue.
Blättern wir ein paar Seiten zurück und betrachten den Moment des ersten Aufeinandertreffen der zwei ungleichen Gegenspieler, so sind die dunklen Wünsche des Wolfes offen für dich, lieber Leser, dargelegt, während keiner so recht zu hören bekommt, inwiefern nicht vielleicht gerade das Rotkäppchen mit seinem Bericht vom unglaublich fernen Haus der Großmutter lockt, mit den Worten des Wolfes kokettiert oder aber durchweg kühl berechnet!?
Lässt man diesen Gedankengang zu, so verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Das flache Märchenland gewinnt an Dimensionen und Vielschichtigkeit hat die Vorherrschaft.
Nun, in unserer Albtraummär stehen die Dinge noch einmal ganz anders.
Spezieller.
Wolf ist nicht immer Wolf und das Mädchen mit der roten Kapuze kein klassisches Rotkäppchen!
Dennoch waren auch in diesem Fall die Blumen am Wegrand nicht ganz unschuldig am bittersüßen Dilemma. Wer weiß, vielleicht tragen ja genau die bunten Blüten die eigentliche Schuld an allem?
"Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen.“
Drei war die Zahl.
Eine magische und zauberhafte Nummer, welche ihr in diesem Fall schlichtweg zum Verhängnis wurde. Schrecklich unangenehm, wenn man merkt, dass da irgendetwas geschieht, sich verändert und schwere Folgen mit sich trägt, sich dann aber dabei auch noch eine gewisse Machtlosigkeit eingestehen muss. Manche Dinge sind schwer zu lenken.
In ihrer Arroganz hatte das Mädchen mit der roten Kapuze nicht nur angenommen, dass sie Wölfe mittlerweile von weitem erkennen und identifizieren konnte, sondern auch, dass sie die Natur jener verstand, dass sie sich glichen. Wozu sonst die Spiegel?
Der Herr aller Albtraumwölfe hatte genau diese Spiegelbilder immer und immer wieder verwendet und sie mit den schillernden Momentaufnahmen eine Illusion gewebt, die ihr zu lange vermitteln konnte, dass sie mit Hilfe der Spiegel den vollkommenen Durchblick hatte.
Bohrend, durchdringend, sehend.
Nur um dann doch festzustellen, dass sie blind gewesen war, als sie sich einem höchst ungewöhnlichen Wolf genähert hatte... wenn er denn überhaupt einer war.
NICHTS IST, WIE ES SCHEINT!
Das eigene Credo – scheinbar vergessen.
Drei!
Drei Blumen.
Die Erste von schwachem Rosé behaucht, Vorbotin einer tiefroten, verführerischen Frucht:
Kirschblüte...
Im Nachhinein ist es schwer einen Moment festzulegen, in welchem man den zuvor klar festgelegten Pfad verlassen hatte aber zumindest waren die Kirschblüten alles Andere als unschuldig. Sie hingen in all ihrer gebündelten Pracht an einem verschlungenen Zweig, der sich schwer dem Mädchen zuneigte und mit einem sachten Wippwinken zu locken schien. Sie ahnte die Gefahr und beobachtete die wiegenden, friedlichen Bewegungen eine ganze Weile, unfähig den Blick davon zu lösen. Sehnsucht im Inneren, Erinnerungen an die Ewigschlummernde, kitzelnde Neugierde und irgendwo das sanfte Wispern der Verführung.
Der ungewöhnliche Wolf berührte die Blüten zuerst, brach nur wenige davon, reichte sie dem Mädchen entgegen. Kein Drängen, kein Zwang, kein Verleiten. Nur ein stilles Angebot, welches geduldig eine halbe Ewigkeit zu bestehen schien.
Da regte sich ihre Rechte wie von selbst und ebenfalls wortlos nahm sie es an, griff nach den Kirschblüten und spürte deren Süße durch den Körper rauschen.
So was es die Kirschblüte, welche den ersten Abdruck im Inneren hinterließ.
Drei!
Drei Blumen.
Die Zweite so weiß wie Schnee, bekannt und vielfach geliebt, süßes Gift, Vergangenheit:
Maiglöckchen...
Sie kam erst nach dem verlorenen Kampf mit sich selbst.
Schneite im wahrsten Sinne des Wortes wie eine winzige Flocke herab, gebracht von einer so unscheinbaren Taube, deren Worte verwirrten, vielleicht sogar ein ganz klein wenig schmerzten. Seltsam nur, dass sich das Mädchen schon vor der Berührung durch das unschuldige Glöckchen vergiftet fühlte. Schwach und wackelig auf den Beinen, das Klopfen des Herzes so laut hörbar und der Blick verschwommen. Ein bizarres Fieber glühte im Körper und sorgte dafür, dass die Wangen gerötet blieben. Kälte an den Fingerspitzen, Hitze in der Brust – heißkalt.
Diesmal jedoch wusste sie den Augenblick der Krankheitsübertragung genau zu benennen. Sie musste sich angesteckt haben, als der ungewöhnliche Wolf zum finalen Sprung angesetzt hatte...
Im Grunde wusste sie die ganze, verdammte Zeit, dass sie mit einem Feuer spielte, an welchem sie sich verbrennen konnte, vermutlich auch würde, doch hatte sie nicht wirklich in Erwägung gezogen, dass sie bei der Zündelei Andere verletzte und in Brand steckte. Dann war es so rasch geschehen, die Flammen schlugen höher und während sie das züngelnde Meer verlassen hatte, blieb der ungewöhnliche Wolf alleine darin zurück, still und gefasst, wie scheinbar eh und je. Die folgenden Stunden, versteckt in einer Waldhütte, waren dunkler und schwerer als Backsteine, quetschend drohten sie das Mädchen mit all der Schuld und Furcht zu erdrücken. Daher barsten sie lautstark, als der ungewöhnliche Wolf, beinahe unversehrt und zumindest quicklebendig, wieder in ihr Sichtfeld trat. Das Geräusch jedoch weckte seine Aufmerksamkeit und der Zorn in seinen hellen Augen war gerechtfertigt. Für einen winzigen Moment zog sie in Erwägung sich töten zu lassen. Ein kurzer Kampf, wild und verzweifelt, sie die deutlich Unterlegene. Er duckte sich, schnellte auf sie zu und da machte es ihm das Mädchen mit dem roten Kapuzenmantel gleich und sprang dem ungleichen Wolf entgegen.
Der Aufprall riß sie beide mit sich.
Einen Tag später starrte sie gebannt auf das Maiglöckchen, so vertraut und plötzlich fremd zugleich, da der Wolf es geschafft hatte, die geliebte Blume mit ihr in Verbindung zu setzen.
So war es das Maiglöckchen, welches den zweiten Abdruck im Inneren hinterließ.
Drei!
Drei Blumen.
Die Dritte fing das zarte Blau des Abends ein, duftete wie ein Geheimnis des Waldes und erinnerte an einen Namen:
Veilchen...
Im verschlungenen Tanze hatte er es vollbracht ihr das Veilchen ins Haar zu weben.
Abgelenkt vom schmeichelnden Reigen der Hände, dem brandungsartigen Wogen der Lippen und der verwirrenden Erkenntnis, dass der Wolf vielleicht keiner war und sie kein Opferlamm, schaffte er es ihr den dritten Abdruck auf dem Herzen zu vermachen.
Die Welt versank im Taumel und sie musste die Augen schließen.
Als sie die Lider flatterig wieder öffnete war sie mutterseelenalleine im dunklen, dunklen Wald.
Drei Blümlein hatten dafür gesorgt, dass sie den alten Pfad nicht mehr finden konnte.
Verloren?