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Grundlegung des Glaubens

Verfasst: Sonntag 5. März 2006, 04:01
von Ithamar
Teil I.

Über die sieben geheiligten Tugenden


Die Demut

Demut bedeutet nicht nur die eigenen Grenzen zu erkennen und die ideelle Gleichheit zwischen den Seelen. Der demütige Charakter wendet sich gegen den Hochmut, denn er ist eine Verzerrung des Stolzes und der Eigenliebe. Der demütige Charakter wendet sich auch gegen die tiefere, seelische Scham vor sich selbst, denn sie ist Ausdruck mangelnder Einsicht, fehlender Fügung in das demütige Schicksal. Der schamvolle Mensch hat seine Grenzen und seine Beschränktheit nicht verinnerlicht. Der hochmütige Mensch versteht seine Tugend und Demut als Verdienst und verfehlt den Inhalt der Demut. Die Demut nämlich, in ihrer innersten Wahrheit, fußt auf der Einsicht in die Gnade Temoras. Der Gläubige ist tugendsam und stark nicht durch sich selbst. Es ist Temora die ihn vor dem Gift der Versuchung und der Sünde schützt. Wie sie die unschuldigen Herzen der sieben Kinder bewahrt hat, so bewahrt sie auch den Gläubigen. Die Hinwendung und Gunst Temoras ist so keine Auszeichnung, keine Auswahl und keine Erhebung. Es ist Gnade. Der Gläubige ist ihr Diener und ihr Werkzeug. In seiner Unvollkommenheit ist er stets bestrebt Temora ein besseres Werkzeug, ein treuerer Diener zu sein. So hebt er sich nicht über andere hinaus, denn seine Größe liegt nur in der unerfindlichen Gnade der Göttin begründet, nicht in ihm selbst.


Die Ehre

Ehre ist der Feind der Trägheit, der Beliebigkeit und des Vorteils. Der ehrenhafte Mensch widersteht der Versuchung, denn ihn leiten die ewigen Prinzipien der Treue und des Glaubens. So wie die Demut den Menschen davor bewahrt aus Scham und Stolz zu zögern, so bewahrt die Ehre den Menschen davor aus dem Abwägen über den eigenen Nutzen und aus Trägheit zu zögern. Der ehrenvolle Mensch verinnerlicht die Wahrheit und steht zu seinem Worte. Denn das unbedarft gesprochene, leichtfertige Wort ist Lüge. Lüge aber ist der Feind der Ehre. So wie Alatar die 7 Edhil mit seinen Lügen in Versuchung brachte und verführte, so unterliegt der unvollkommene Mensch in seinem ständigen Ringen mit dem Gift Alatars der Lüge, sobald er die Ehre vernachlässigt. Denn ständig zehrt es an uns und aus Fehlern wird rasch Gewohnheit. So muss der ehrenhafte Mensch stets aufmerksam sein, um sich des schleichenden, heimtückischen Feindes zu erwehren.


Die Geistigkeit

Wer aber in Demut sich in den Geist versenkt, wer tief in seinem Inneren forscht und nie aufhört sich selbst zu hinterfragen, der ist auf dem Wege die Tugenden, wie sie Temora uns gewiesen hat, zu verstehen. Die Geistigkeit ist der Blick nach Innen, in der fortwährenden Meditation über die Tugenden und den Glauben. Die Geistigkeit ist aber auch der Blick nach Außen, denn in der Natur in ihrer ursprünglichsten Form, in der Schau der Gestirne und der Seen, findet sich das Abbild der Schöpfungsmelodie Eluives, der Muttergöttin. Der geistige Mensch steht im Einklang mit sich selbst und der Schöpfung. Nie aber hört er auf nach der inneren Wahrheit seiner selbst zu fragen. Die Meditation über die Tugenden und den Glauben findet im Leben kein Ende. Auch die Schöpfung wird sich dem unvollkommenen Geiste des Menschen nie ganz erschließen. Doch stets soll er versucht sein nach ihrer inneren Wahrheit zu suchen. Diese aber findet er einzig und allein im Glauben. Als Fasamar den Ort fand, den Temora mit ihrer göttlichen Gestalt berührt hatte, an dem sie Fleisch geworden ist und eine Ahnung ihres Wesens für uns hinterlassen hat, da waren ihm die Schriften noch fremd. Jahre verbrachte er in Ergründung des Glaubens, in der tiefen Meditation über die Tugenden und errichtete den Schrein. Der Versuchung des Wortes aber hielt er stand. Erst nachdem er die ersten und wichtigsten Pflichten seines jungen Lebens vollbracht hatte, als sein Geist gefestigt war und er mit sich selbst im reinen, da erlernte er auch die Schrift und festigte sein Wissen über den Menschen. Denn die Schrift gibt nur Auskunft über den Menschen selbst und offenbart viel von der Sünde. Sie ist von Menschenhand gemacht und vermag nichts reines, göttliches zu schaffen. Die Worte sind mehrdeutig und obliegen dem Verständnis des unvollkommenen Geistes. Es war Alatar der die 7 Edhil mit der Macht der Worte verführte, denn in der Sprache liegt die Versuchung, in ihrer Mehrdeutigkeit liegt die Lüge. Die Welt, wie wir sie kennen, entstand nicht aus der Sprache, sondern aus der Melodie. Als die Kinder Alatars die Welt der sündhaften Sprache entdeckten, da verschlossen sich ihre Herzen vor der Melodie. So sei der Mensch stets bestrebt im Glauben zu lernen. Wissgier aber, die im Herzen keine Zügelung kennt, fürchte er, denn gemahnen sollen ihn die Worte, welche die stolzen und edlen Edhil in die Dunkelheit führten: „Panther, lehre uns deine Sprache.“


Die Gerechtigkeit

Die Tugend der Gerechtigkeit aber ist eng verbunden mit der Demut. Der gerechte Mensch strebt nicht nach Urteilen, denn seine Urteile werden stets fehlerhaft sein. Niemals kann er hoffen die Wahrheit ganz zu erleuchten, denn die Wahrheit ist göttlich und seinem unvollkommenen Wesen fern. Der gerechte Mensch aber sei stets aufmerksam und bewahre die anderen Menschen vor der Leichtfertigkeit des Urteils und vor der gedankenlosen Verkündung der vermeintlichen Wahrheit, wo die echte doch eigentlich göttlich und ihm nicht verständlich ist. Der gerechte Mensch also ist sich der Beschränktheit, der Unvollkommenheit des eigenen Urteils bewusst und so wird er gerecht, indem er sich vor dieser einen, wirklichen Wahrheit nicht verschließt. Denn wer in Demut und Anerkennung seiner eigenen Schwäche handelt, der wird sich von der Lockung des endgültigen Urteils, vor der hochmütigen Erhebung in den Stand des ewigen Richters fürchten und kein leichtfertiges Urteil sprechen. Weises Vorbild sei uns in dieser Tugend der von Temora erkorene Semborel. Nicht Urteile sprach er, sondern die Urteilenden zu ermahnen, ihr Gewissen zu stärken, das war seine Hoffnung. Denn ist die Gerechtigkeit in ihrer reinen Form auch göttlich, so findet sich das Schwert der Gerechtigkeit in weltlicher Hand. Diese Hand zu zügeln und zu lehren, auf dass sie nach dem Göttlichen strebt, ist die Aufgabe des Gläubigen.


Das Mitgefühl

Die Tugend des Mitgefühls aber ist die Einsicht in die Natur des göttlichen Widerstreits und die Öffnung der Augen für die Not und das Leid der lebenden Wesen. Demjenigen, der in Demut und Entbehrung den Weg des menschlichen Leides beschreitet, dem werden sich auch das Leid und die Entbehrung anderer erschließen. Nie aber lasse sich die mitfühlende Seele zu Hass, Zorn und Enttäuschung verleiten. Nur die hochmütige, ungerechte Seele verneint die Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit des einzelnen Menschen. Derjenige aber, der dem Gift Alatars verfallen ist, der in Sünde und Verneinung der Tugenden darbt, soll unserem Mitgefühl und der Schwermut unserer Seele nicht weniger drängen als die unschuldige Seele, die ein missliches Unglück ereilt. Es ist das Gift Alatars, das in jedem Menschen weilt und an ihm zehrt. Die Schwäche aber mache man dem Menschen niemals zum Vorwurf, sondern erinnere sich dessen, dass es nur die Gnade und die Güte der Göttin Temora sind, die uns behüten und dem Einfluss des schwarzen Panthers entziehen. So soll er sich auch stets Phanodains entsinnen, der dem Edhil Rhad’il den Weg zurück zur Melodie wies, indem er ihn vom Gift Alatars befreite. Nie aber kann dies im Zorn geschehen, sondern nur in der Güte des Mitgefühls.


Die Opferbereitschaft

Das Opfer aber ist nichts anderes als der wahre Dienst an der Göttin und das Aufgehen im göttlichen Glauben. Im Opfer offenbart sich die Gunst Temoras, die ihren Diener über seine weltlichen Schranken und Bedürfnisse erhebt. Mit dem Opfer also verlässt der Mensch die weltliche Sphäre und nähert sich der göttlichen an. Es ist die Natur des Opfers, dass es mehr Dienst ist als Opfer, denn der wahrhaft Gläubige wird niemals Zögern und keinen Widerspruch in seiner Seele finden, wenn er sich zu einem Opfer entschließt. Es ist der reine Ausdruck seiner Dienerschaft zur Göttin, er ist das Werkzeug Temoras und dank ihrer Gunst wird ihm die Gnade zuteil sein weltliches Dasein dem göttlichen zu opfern. So ist das Opfer für den Gläubigen vielmehr Geschenk als Opfer, denn es ist dies der Augenblick, in dem sich Temora ihres unvollkommenen Werkzeuges bedient und es zur Vollkommenheit führt. So ist der wahrhaft Gläubige stets zu jedem Opfer seiner selbst bereit.


Die Tapferkeit

Die Tugend der Demut befreit den Menschen von dem Zögern durch Scham. Die Tugend der Ehre vor dem Zögern durch Trägheit und Vorteil. Die Tugend der Tapferkeit aber ist die Stärke des Glaubens, das Schild des Menschen vor Zweifel und Unsicherheit. Denn die Angst gebiert sich nur aus dem Zweifel. Der, der rein im Glauben ist, wird niemals fürchten und niemals zurückweichen, denn er ist sich der Gnade der Göttin bewusst. In seinem Herzen ist nicht Leichtsinn und Wagemut. Seine Tapferkeit ist die des unumschränkten Glaubens. Wer zweifelt im Angesicht der Gefahr, wer Angst empfindet vor dem drohenden Unglück, der zweifelt im Glauben. Kein Mensch aber kann jemals vollkommen rein im Glauben sein, es sei denn Temora stärkt und behütet sein Herz. So leite die Angst, die ein jeder Mensch im Herzen in sich trägt, den Menschen zu der Einsicht in seine eigene Schwäche und vertiefe ihn in die gedankenvolle Meditation über die Tugenden. Die Anerkennung der Angst ist Kern ihrer Überwindung. Der demutsvolle Mensch ist sich der Schwäche seines Glaubens, der Last seines Zauderns und Zagens bewusst, doch wird er nie den Mut verlieren, denn er weiß, dass die Angst nur Ausdruck seines zweifelnden, schwachen Herzens ist. Vor Augen aber soll er den reinen, wahren Kern des Glaubens haben, dem sein Streben ein Leben lang gilt.

Verfasst: Sonntag 5. März 2006, 18:28
von Ithamar
Teil II.

Über Ursprung und Bestimmung der Rassen


Im Anfang also war nur die göttliche Substanz. Die göttliche Substanz aber ist unbeschreibbar, denn sie ist alles, was wir heute kennen, und sie ist nichts von alledem. Aus der göttlichen Substanz ist alles geworden, doch nichts ist sie selbst. In ihr ist alles enthalten, doch nur in seiner Möglichkeit. Ihre Erfüllung fand die göttliche Substanz, als aus der Möglichkeit Dasein wurde. Aus dem göttlichen Ursprung entstand ein Geschwisterpaar, Eluive und Horteras. Damit wurde das abstrakte Sein des göttlichen Ursprunges konkret. Beiden aber war gemein, dass sie sich nicht anders beschreiben ließen, als dass sie existierten und dass Eluive nicht Horteras war und Horteras nicht Eluive. Sie waren weder Gedanke noch Materie, sie hatten keine Gestalt und keine Dauer, sie waren nicht veränderlich noch waren sie an einem bestimmten Ort. Sie waren nur sie selbst und mehr existierte nicht. So waren sie unendlich doch nicht als eine Summe von endlichem und sie waren ewig doch nicht als eine Summe von zeitlichem.

Erst als Eluive die Welt erschuf entstanden Raum und Zeit. Mit ihnen entstanden Materie, Gestalt und Bewegung. Mit ihnen entstanden Veränderung und Vergänglichkeit. Diese Gegebenheiten aber sind unwiderruflich. Wer wahrhaft zu verstehen sucht, weshalb Horteras Eluive warnte vor diesem Schritt, der sollte ahnen zu begreifen, was die Erschaffung von Raum und Zeit bedeutete. Mit der Erschaffung der Welt, mit der Begehung von Raum und Zeit, wurden auch die Götter Teil dieser Schöpfung. Auch die Götter hatten nun einen Ort und auch sie wurden sterblich, denn auch sie waren jetzt in Raum und Zeit.

Nachdem Eluive nun Raum und Zeit erschaffen hatte, erschuf sie Materie und daraus formte sie die Welt. Aus ihrer Hand entstanden Seen und Berge, entstanden Flüsse und Ebenen. Sie schuf Pflanzen und Tiere. Am Ende erschuf sie den Menschen und hiermit beendete sie ihre Schöpfung. Um ihre Schöpfung aber zu bewahren, gebar sie zwei Söhne. Dies allein ist verständlich dadurch, dass sie nun selbst Teil ihrer Schöpfung war, dass sie einen Ort in der Welt innehatte und dass sie wusste nicht länger ewig und unendlich zu sein. Dies also war der Stand der Dinge als die Schöpfung Eluives beendet war.

Der Götter waren zu dieser Zeit Sechse, nämlich die Geschwistergötter Eluive und Horteras und ihre Kinder, derer jeder zwei gebar. Alatar und Getares waren die Kinder der Eluive, Cirmias und Phanodain aber die Kinder des Horteras. Dies aber ist fast das vollständige Geschlecht der Götter, denn ihrer entbehrt nur noch die Bewahrerin Temora, einst geboren von Eluive, um die Schöpfung gegen den Hass und die Habgier Alatars zu schützen. Was Eluive einst Alatar und Getares vor dem Bruderkrieg gemeinsam auftrug, das ruht nun allein auf ihrer Schulter, denn ihr Bruder Getares war der erste der toten Götter, ihr Bruder Alatar aber der erste der gefallenen. Dies also ist das vollständige Geschlecht der Götter und kein weiterer Gott ist ihm bisher entsprungen.

Noch vor dem Bruderkriege, ja noch vor der Geburt Getares und Alatars, als die Schöpfung im Beginnen war und Eluive ihr Lied noch sang, da schuf sie nicht nur die Tiere, sondern mit dem Geschlecht der Menschen das erste der wahrhaft sterblichen Geschlechter. Dies aber sollte ihre wahre Schöpfung sein, denn die Menschen gefielen der Muttergöttin und ihre Schöpfung war vollendet. Derer Rassen der Menschen kennen wir heutzutage vier, alle aber sind aus der ursprünglichen Schöpfung Eluives hervorgegangen. Durch den Bruderzwist von ihren wahren Brüdern und Schwestern entzweit, durch die Hand Horteras von den übrigen Menschen endgültig geschieden sind dies die Menekaner und die Angurer, näher des wahren Pfades und doch noch ahnungslos und blind, sind dies die Tiefländer und schlussendlich die Menschen die heutzutage das Festland Alathairs und die weite Welt besiedeln, die der ursprünglichen Schöpfung Eluives am nächsten sind, am wenigsten von ihren ursprünglichen Ahnen entzweit, die einst noch bar jeder Zwistigkeit und jeden Hasses im Paradies Eluives weilten.

Die Angurer sind von allen menschlichen Rassen die wildeste und schlichteste. Als sie einst von ihrem Stammvater Angur geführt die Täler des Festlandes verließen und fortzogen, um der beschwerlichen Zeit des Bruderkrieges zu entfliehen, da führte sie ihr Weg in den hohen, kalten Norden. Die Kargheit des Bodens und die Rauheit der Umgebung aber machten aus ihnen eine nicht minder karge und raue Rasse. Finden sich unter ihnen auch viele aufrechte Männer und Frauen, sind sie auch fromm im Glauben an Eluive, so fehlt ihnen doch weiterhin der Mut zu der Einsicht in die Notwendigkeit des Bruderkrieges, in die Rolle der Bewahrerin Temora und in den unausweichlichen Kampf der Götter, der mit dem Fall Alatars begann und erst mit seiner Bezwingung ein endgültiges Ende finden wird. Es steht zu hoffen, dass sie einst wagen werden die Entzweiung des Menschengeschlechtes aufzubrechen und sich auf die rechte Seite zu stellen, auf dass die Schöpfung Eluives vor den Klauen des Panthers gerettet werden kann.

Auch die Menekaner waren vor den Beschwernissen und Leiden des Bruderkrieges geflohen. Sie sind von allen menschlichen Rassen die hochmütigste und leidenschaftlichste. Leben sie auch wie die Angurer in kargem Land, so sind sie doch weniger wild und derb, denn durch den Handel mit dem Salz sind sie zu großem Reichtum gelangt. In der Tradition der Menekaner aber heißt es, das Salz seien die Tränen Eluives, die sie vergoss als Getares starb. Bedauerlich erscheint es, dass ein Volk so hochmütig sein kann, das von sich aus gesteht, dass all sein Wohl und all sein Reichtum darauf fußt die Tränen einer Göttin in Gold zu tauschen, und dass sie keine Scham darum empfinden einst im Bruderkriege geflohen zu sein, so dass Getares schwach zurückblieb und getötet wurde. Auf seinem Tode aber gründete sich ihr Leben. Wir hoffen und glauben aber, dass dieser Hochmut nur aus tiefem Schmerz und brennender Scham entspringt und dass es dem Volke der Menekaner einstmals gelingen wird die ganze Schuld ihres Volkes anzuerkennen, sich darin zu fügen und in tiefer Demut zu den Tugenden der Bewahrerin zu finden, zum wahren Glauben auch an die Muttergöttin, so dass die menschlichen Rassen wieder einig sein können.

Wie ihre Brüder, die Angurer, wandten sich die Tiefländer zu Zeiten des Bruderkrieges von den Göttern ab, zu schwer lasteten das Leid und der Schmerz auf ihren Schultern, als dass sie diese raue Zeit ertragen konnten und ihren Platz an der Seite des Getares finden, der demütig tat, was seine Mutter ihm aufgetragen, indem er versuchte die Schöpfung seiner Mutter vor dem Hass und der Gier Alatars zu schützen. Vor geringer Zeit aber kehrten sie in das Mutterland zurück und es steht zu hoffen, dass sie rascher als ihre Brüder zurück zum wahren Glauben finden werden und die Pflicht und Weisung der Bewahrerin Temora anerkennen, denn das Kind Eluives wurde ausgeschickt die menschlichen Rassen im Kampfe gegen Alatar zu einen und die Schöpfung der Mutter zu bewahren.

Sind die Festländer auch im Mutterlande verweilt und ihren Ahnen am ähnlichsten, so haben sich doch auch unter ihnen viele dem Ursprung entfremdet. Denn es waren wenige, die einst auf der Seite des Getares verweilten und für ihn stritten, es waren jedoch viele, die sich den Lockungen Alatars hingaben. Auch heute, nach dem Tode des Getares und der Geburt der gesegneten Göttin Temora, herrscht Zwietracht unter den Menschen des Festlandes und es steht ein langer und beschwerlich Weg zu beschreiten bis sie sich einst einig werden können.

Neben dem Geschlecht der Menschen aber gibt es noch zwei weitere, von göttlicher Hand geschaffene Geschlechter. Dies sind die Geschlechter der Elfen und der Zwerge.

Das Geschlecht der Elfen wurde einst erschaffen, als Horteras Phanodain aussandte, um Temora zur Seite zu stehen. So erschuf er die Elfen und trug ihnen auf über das Lied Eluives zu wachen und es vor dem verzerrenden Einfluss der Anhänger des Brudermörders zu behüten. Aus dem Geschlecht der Elfen entstanden so zwei Rassen, die Rasse der Hochelfen und die Rasse der Waldelfen. Während die Hochelfen das Lied Eluives in der Weisheit ihres Geistes und ihres Wesens ergründen, tun die Waldelfen dies in den tieferen Geheimnissen der Natur, des Waldes und der Seen. Beide Rassen aber sind im Pakte des Lichts mit dem Geschlecht der Zwerge und den Anhängern Temoras aus dem Geschlechte der Menschen vereint.

Das Geschlecht der Zwerge wurde erschaffen, als Horteras Cirmias aussandte, um Temora wie Phanodain zur Seite zu stehen. Cirmias erschuf das Volk der Zwerge. Diese aber sollten den Berg der Götter, Nilzadan, bewachen und den Anhängern des Brudermörders den Zutritt verweigern, auf dass sie die heilige Stätte nicht entweihen könnten. Dazu stattete er das Geschlecht der Zwerge mit ungeheurer Zähigkeit und einem eisernen Willen aus. Wie das Geschlecht der Elfen sind auch die Zwerge im Pakt des Lichts mit den Anhängern der Bewahrerin vereint.

Das Wesen Alatars, des Brudermörders, aber ist so verderbt und von Hass auf die Schöpfung Eluives erfüllt, dass es ihm unmöglich ist zu erschaffen, er kann nur zerstören und verderben, was bereits existiert. All seine Kreaturen, die in unzähliger Menge die Welt Alathairs bevölkern, wurden aus den bestehenden Geschlechtern geformt und fanden ihren Ursprung so nicht in reiner, göttlicher Schöpfungsmacht, sie sind vielmehr Verzerrungen der Schöpfung, Missbrauch und Verderbung der reinen, göttlichen Geschlechter. Von seiner Hand wurde zusammen geführt was nicht zusammen gehört und es wurde getrennt was geeint sein soll. Eine Vielzahl der Kreaturen Alatars entstand als er die Geschlechter und Wesen der Schöpfung in der Todsünde der Sodomie zusammenführte und vermischte was nicht vermischt gehört. So entstanden aus der Kreuzung von Mensch und Tier eine Vielzahl an Kreaturen, so die Orken aus Wildschwein und Mensch, so die Echsenwesen aus Eidechse und Mensch, so die Goblins, die Vettern der Orken zu sein scheinen, so die Schicksalstränen Varunas, die eine Schöpfung aus Mensch und Vogel sind, geformt um Getares zu spotten. Auch in anderen Wesen brachte er Seelen und Wesen zusammen, formte sie zu verzerrten Körpern und verderbten Kreaturen. So die wüsten Trolle, die Oger, die gleichsam Vettern der Orken zu sein scheinen, die Ettins, in deren Leibern zwei getrennte Seelen gefangen sind, er kreuzte Affen und Fledermäuse zu seltsamen geflügelten Wesen und es übertrifft wohl die Vorstellungskraft des anständigen Geistes sich auszumalen welch kranker Hass auf die Schöpfung ihn erfüllte, als er die Vielaugen formte, als er die sterblichen Seelen in die Formen von Dämonen, Gargylen und anderen abstoßenden Gestalten zwang.

All diesen Wesen aber ist gemein, dass entfremdet wurde was nicht entfremdet gehört, dass verdorben wurde was einstmals rein war und dass sich in ihnen vereint findet was nicht vereint sein darf. Was aber im Leben nicht mehr getrennt werden kann, was durch seinen hasserfüllten Willen gezwungen ist eins zu bleiben, das soll im Tode getrennt werden. So soll mit dem Feuer und dem Schwert des Glaubens geteilt werden, was geteilt gehört. Unsere Klingen aber sollen nicht nur spalten die sterblichen Leiber, sondern sie sollen gleichermaßen scheiden die sterblichen Seelen, auf dass das was Mensch war wieder Mensch sein kann und das was Tier war wieder Tier sein kann. Dies ist die traurige Pflicht unseres Glaubens und sie soll exerziert werden in Demut und Mitgefühl für diese leidvollen Kreaturen und es sei unsere Hoffnung und unser Wille, dass wir ihnen dereinst ermöglichen im Tode wieder zu ihrer reinen Bestimmung zu finden und einzugehen in ihrer ursprünglichen Form in das Schöpfungslied Eluives.

Das Beispiel der Letharen aber, aus den durch Alatar verführten und verdorbenen Edhil hervorgegangen und im Akt der Sünde mit dem menschlichen Geschlecht vermischt, stellt uns vor die Frage, ob es nicht möglich sei die gespaltenen Seelen auch im Leben zu scheiden. Einst gelang es Phanodain im göttlichen Akt die Seele des Edhil Rhad’il zu erlösen und wieder der reinen Melodie des Liedes Eluives zuzuführen. Dies aber geschah vor der Vermischung des verdorbenen elfischen und des menschlichen Geschlechtes. Die Letharen erscheinen nichtsdestotrotz weniger vom Irrsinn und Wahnsinn Alatars befallen als es die übrigen Kreaturen sind, die er erschuf. So steht es in der Demut des Glaubens zu ergründen, ob es möglich sei diese verderbten Kreaturen zu erlösen ohne sie dem endgültigen Tode zuzuführen. Auch sei zu bedenken, dass der Tod einer Alatar ergebenen Seele stets Gefahr mit sich bringt, doch dies sei an anderer Stelle zu erläutern. Lasse man sich auch von Mitgefühl und Demut leiten, so ist der Gläubige doch gemahnt sich zu hüten, denn hinter dem Verstand der Letharen kann sich gleichermaßen Wahnsinn und Irrsinn verbergen, nur in heimtückischerer Form.

Alsdann wenden wir uns der mächtigsten Kreatur Alatars zu, die er aus dem Blut des letzten Arkorithers formte. Wird der Seelenfresser wegen seiner Macht auch von manchen Irrgeleiteten als Gott verehrt, so ist er doch ganz sterblichen Ursprunges und hat nichts göttliches an sich. Von Temora einst bezwungen und angewiesen die toten Seelen auf ihrem Weg zurück in die Schöpfungsmelodie Eluives zu führen, waltet er nun wieder auf verlorenen Pfaden und gemahnt uns innig, dass aus dem was Alatar in seinem Wahn erschaffen hat nichts Gutes und Wahres entspringen kann, mag es uns auch zeitweise so erscheinen. Das Laster des Seelenfresser ist es nun, die Seelen der sterblichen Geschlechter, anstatt sie auf ihrem Weg in die Schöpfungsmelodie Eluives zu geleiten, zurück in sterbliche und weltliche Hüllen zu zwingen, zu fangen und seinem Willen dienstbar zu machen. Aus diesem Zwang aber entspringt ein unirdisches Leid und dieses Leid droht die Seelen der so im Dasein gehaltenen Wesen zu zerreißen. Keinem menschlichen Geist kann es verständlich sein, welche Pein es erzeugen mag, wenn die Seele davon abgehalten wird in den Ursprung zurückzukehren, wenn sie wieder in sterbliches Dasein gezwungen wird und ihr das vorherbestimmte, göttliche vorenthalten. Allein aus diesem Umstande erklärt sich der unsägliche Hass auf alles Dasein, der diese Kreaturen unentwegt antreibt, denn in ihrem Steben nach dem Göttlichen wird ihnen alles weltliche Dasein unterträglich. Die Aufgabe des Gläubigen aber ist es diese Not zu erkennen und die gefangenen Seelen von ihrer sterblichen Hülle zu befreien. Dies aber sei in Sorgfalt und im strengen Glauben zu exerzieren, auf dass die Seelen nicht erneut in die Hand des Seelenfresser gelangen. Von den Vorkehrungen und Bestimmungen aber, die einzuhalten seien, um eine gestorbene Seele sicher in den Ursprung zu geleiten, soll an anderer Stelle die Rede sein.

Dies also sind die bestehenden und wichtigsten Geschlechter, Rassen und Kreaturen, die der Gläubige zu kennen und zu verstehen hat.

Verfasst: Sonntag 7. Mai 2006, 23:22
von Ithamar
Teil III.

Über die freie Wahl des Glaubens


Die freie Wahl des Glaubens ist einer jener Grundsätze unseres Glaubens, der den meisten Missverständnissen unterliegt, da es dem einfachen und wenig gebildeten Volke im Allgemeinen an Muße und Geist fehlt, um die tiefere Wahrheit dieses Glaubenssatzes zur Gänze zu ergründen. So ist es am häufigsten zu bemerken, dass dem Orden, unseren geehrten Brüdern und Schwestern, unterstellt wird, er dulde die Hinwendung zu Alatar und befördere sie durch seine Haltung gar. Ob dieser Eigenheit halten wir es für unsere geistliche Pflicht diesen Grundsatz in verständlichen Worten zu klären und dem Volksgeiste offen darzulegen, so dass dergleichen Irrtümer in der Auslegung und Deutung der Glaubenssätze in Zukunft vermieden werden können. Auch halten wir dies für ein gutes Beispiel, weshalb die Deutung der Glaubenswahrheiten dem Klerus zu unterliegen hat, so dass durch leichtfertige Äußerung unerfahrener Laien, sei sie auch im guten gesprochen, keine zusätzliche Verwirrung entstehen kann.

Im Glauben liegt die Wahrheit unserer Existenz, denn durch die Götter wurde alles geschaffen und nur durch göttliche Macht kann alles bestehen. Im Glauben offenbart sich so die Hingebung des Menschen an die Muttergöttin, an ihre Tochter Temora und an alle Götter, die sich der Wahrung der Schöpfung verschrieben haben, als dies fürderhin sind Cirmias und Phanodain. Diese Hingabe aber ist Annahme der einen, göttlichen Wahrheit und demütige Einsicht in die eigene Nichtigkeit. Diese Annahme aber kann allein aus freier Hingabe und Unterwerfung entstehen, wenn sich die Seele in Demut und aus eigenem Willen der Wahrheit beugt, so dass sie der unumschränkten und innigsten Anerkennung des Göttlichen fähig ist. Diese unumschränkte Hingabe aber nennen wir den Glauben.

So ist es einem jeden offenbar, dass sich die freie Wahl des Glaubens auch auf die Anhänger des Brudermörders erstreckt, doch lediglich in der Hinsicht, als dass sie aus freien Zügen zur einzigen Wahrheit finden müssen und ihr Heil so allein in der aus freiem, aufrechtem Willen getätigten Hingabe an die lichten Götter finden können. Diese Hingabe aber kann, wie wir bereits sagten, nicht durch Zwang und Unterwerfung gewonnen werden, wohl aber durch umsichtiges Walten und kluges Eingreifen. Nun mag jemandem, der mit der Lehre des Glaubens wenig vertraut ist, die Frage kommen, ob nicht auch die Hinwendung zum Glauben an den Brudermörder ein Akt freien, aufrechten Willens sein könne. Dieser sei erinnert an das Schicksal der sieben Edhil, als diese den Einflüsterungen des Panthers unterlagen. Und er sei erinnert an unzählige weitere Beispiele all jener, die durch List und Betrug in die Klauen des Panthers gerieten und sich ihm nicht mehr zu entwinden fähig sahen. Das Gift des Panthers ist in all unseren Seelen, so dass in jedem von uns ein Missklang der Sünde und der Verderbnis schlummert, durch den wir den Einklang des göttlichen Schöpfungsliedes stören. Und auf einen jeden von uns wirkt es und an der Seele eines jeden von uns zehrt es und frisst es. Die schwächsten unter uns aber unterliegen diesem Gift und werden so zu Sklaven des Brudermörders, nicht aus freiem Willen also, sondern durch Unterwerfung, durch Betrug und durch Lüge. Es ist so ganz offenbar, dass die Hinwendung zum Glauben an Alatar niemals aus freiem Willen geschehen kann, sondern allein durch Täuschung und Illusion.

Unsere geheiligte Aufgabe aber ist es das Gift des Panthers aus den verderbten Seelen zu tilgen und sie aus ihrer Unterdrückung zu befreien, so dass sie klaren Blickes und frei in Herz und Seele ihre Wahl treffen können, die alsdann einzig in der Hinwendung zur göttlichen Schöpfung liegen kann, denn allein in der Schöpfung liegt die Wahrheit. Dies also ist das Prinzip des freien Glaubens und allein so ist es zu verstehen. So ist ganz offenbar, dass das Vorturteil, die freie Wahl des Glaubens befördere die Hinwendung zum Brudermörder, einzig auf mangelndem Verständnis und geringer Einsicht in den Glauben beruht.

Dem aufmerksamen Leser sei zum Schluss hin die Frage gestattet, wie es sich denn mit den primitiveren Völkern, wie den Anguren, Tiefländern und anderen Wilden verhalte, bei denen wir oft allerlei Seltsamkeiten und Wirrnisse in der Ausübung ihres Glaubens entdecken können, wie auch bei den Anhängern Kra’thors und anderer Kulte, die vergänglichen und niederen Wesen huldigen. In all jenen Fällen sei zu bemerken, dass es allein sechs Götter gibt und diese sind Eluive, Horteras, Temora, Phanodain, Cirmias und der Brudermörder selbst. Die Frage nach der Hinwendung zum Brudermörder nun haben wir schon erläutert, mit dem Irrglauben an allerlei Götzen und Illusionen aber verhält es sich ganz einfach. Als da es sich hierbei nur um Götzen und Hirngespinste handelt, deren Verehrung einem einfältigen Geist und anderen Verirrungen der Seele entspringt (wie am Beispiel der Anguren und Tiefländer einem falschen, rassischen Ahnenstolze, der seinen Ursprung in der großen Scham dieser Volksstämme findet, welche ihnen ihre angstvolle Abwendung von der göttlichen Wahrheit im Bruderkriege aufgebürdert hat), kann mitnichten von einer freien Wahl des Glaubens gesprochen werden, denn der Glaube ist Wahrheit, die Anbetung von Götzen und Illusionen aber ist Irrglaube und bedarf unserer Aufklärung und Weisung.

Unser größtes Mitgefühl verdienen unter diesen wohl all jene, die den Trugschluss hegen sich vom Glauben vollständig abgewandt zu haben und ohne die Götter zu einer friedvollen Existenz finden zu können. Ohne Zweifel sind unter diesen viele, in denen das Gift des Brudermörders stark ist, so dass sie bereit mit einem Fuße im Reich der Dunkelheit stehen, mögen sie sich auch selbst für frei erklären. Zahlreiche Beispiele belegen uns dies. Aber auch jene die tatsächlich keine Hoffnung mehr in die Götter hegen verdienen unser Mitleid, denn ihnen fehlt es an der unmittelbaren Einsicht in die Wahrheit des göttlichen Daseins. Diese Menschen aber irren hoffnungslos und bar jeder Beständigkeit umher, kleiden sich in den Rausch der Freiheit, der doch nichts anderes bedeutet als Aufgabe von Verbindung und Verpflichtung, so dass sie notwendigerweise in Einsamkeit und Dunkelheit fallen. Unsere Pflicht aber ist es auch diese auf den rechten Weg zurückzuführen, denn nicht nur sich selbst geben sie auf, nicht nur ihre eigene Hoffnung begraben sie in ihrer Unwissenheit, nein auch dem Brudermörder sind sie so, wenn auch unbeabsichtigt, dienstvoll ergeben, denn die Menschen im Glauben zu spalten und Zwietracht unter sie zu säen, so dass sie sich selbst entfremdet werden, ist seine stärkste Waffe. Dies ist ihm bereits mit den Volksstämmen der Anguren, der Tiefländer und der Menekaner gelungen und es gelingt ihm stetig fort, denn sein Gift der Zwietracht ist stark.


Verfasst: Samstag 13. Mai 2006, 16:41
von Ithamar
Teil IV.

Über die Beschaffenheit der Tugenden


Die 7 Tugenden, als dies sind die Demut, die Ehre, die Geistigkeit, die Gerechtigkeit, das Mitgefühl, die Opferbereitschaft und die Tapferkeit, bilden im Ganzen das Grundgerüst unseres Glaubens. Sie sind das Fundament und die Festung. Auf ihnen wurde die Kirche Temoras errichtet. Die sieben geheiligten Tugenden aber sind von einer besonderen Beschaffenheit, welche zu erkennen unausweichlich ist, sollte der Gläubige wahrhaft danach bestrebt sein die Wahrheiten des Glaubens zu erfassen.

Der bestrebte Gläubige nun, der in seinem Erkennen noch auf den niederen Stufen verharrt, wird sich dem Glauben stets in einer sehr gewohnten Weise nähern. Diese nun besteht darin die Geschichten und Lebensläufe der Lichtkinder zu erlernen, in dem Tun jedes Einzelnen je eine Tugend, nämlich diejenige die dem Schreine zugesprochen wird den er am heiligen Ort errichtete, auszumachen und diese dann im Einzelnen und Genauen zu erforschen und zu ergründen. Die Durchdringung des Glaubens erfolgt nun ganz Schrittweise. Man beginnt mit einer der Tugenden und einem der Lichtkinder, beispielsweise mit dem Leben Brynns und der Tugend der Opferbereitschaft, und kämpft sich alsdann fort, Tugend um Tugend schrittweise durchdringend. Diese Herangehensweise an den Glauben soll im folgenden nicht durchbrochen werden. Es liegt in der Beschränktheit unseres menschlichen Geistes begründet, dass uns das Wesen Temoras in seiner vollkommenen Gesamtheit nicht ergründbar ist, sondern nur in seiner Vereinzelung. Doch soll ein Trugschluss verhindert werden, der dem Laien aus dieser Praxis entstehen könnte. Darum halten wir es an dieser Stelle für achtbar und unserer geistlichen Pflicht angemessen, auf die besondere Beschaffenheit der Tugenden und auf ihren inneren Ursprung einzugehen und dies in möglichst einfachen Worten zu erläutern.

Um uns den Schwierigkeiten, die wir hier behandeln wollen, zu nähern, erinnern wir an dieser Stelle an das Bildnis des Kreises. Der Kreis ist von vollkommener Form, denn er kennt keinen Beginn und kein Ende, an ihm sind keine Ecken und Kanten, keine Winkel und Geraden. Das Geheimnis des Kreises ist sein Mittelpunkt. Dem Kreise vergleichbar nun ist das Wesen der Göttin Temora. In ihr vereinen sich alle Tugenden, doch wie in der vollkommenen Form des Kreises die Flächen, so sind im Wesen Temoras alle Tugenden ununterscheidbar. Dies ist nun nicht so zu denken, dass die Göttin durch Vervollkommnung aller Einzeltugenden zu größerer Einheit mit diesen gekommen ist, es ist vielmehr so, dass die Tugenden nur Facetten des größeren und reineren Wesens der Göttin sind. Bruchstückhaft ist nicht das Wesen der Göttin, denn dies wäre Ketzerei, bruchstückhaft ist aber das Wesen der Tugenden, denn sie sind einem vollkommenen Ganzen entrissen. Als der Göttin offenbar wurde, wie einfach die sterblichen Wesen im Vergleich zu der Größe der Götter sind, da zeigte sich ihr, dass die Reinheit ihres Seins den menschlichen Geist blenden würde, dass sie ihm gänzlich unverständlich wäre. Die Begrifflichkeit der göttlichen Vollkommenheit konnte sich den sterblichen Geistern nicht erschließen. So ergründete die Göttin ihr eigenes Wesens und teilte die Vollkommenheit ihres Daseins in sieben Teile, so dass den Menschen sieben Wege gegeben wären, um das Wesen der Göttin und des Glaubens zu ergründen.

Der Fehler nun, der sich aus dieser Wahrheit leicht ergibt, liegt wiederum in der Beschränktheit des menschlichen Verstandes begründet. Nur ein anmaßender Geist, der bereits oder noch fern der Innerlichkeit der Tugenden wandelt, würde annehmen, dass dies dahingehend zu deuten sei, dass es dem Menschen möglich wäre auf jedem dieser Wege, je für sich, dem göttlichen Dasein näher zu kommen, oder aber in abgeschwächter Form, dass es ratsam und gut sei, auf einem der Wege besonders hervorzutreten und dabei die anderen zu vernachlässigen, als sei einem jeden Menschen nur eine der Tugenden besonders geneigt. Dieser Fehler ergibt sich oft aus der Darstellung unserer Überlieferung von den 7 Lichtkindern, doch ist dies vornehmlich ein Fehler unserer Deutung. So wie die Tugenden einem einzelnen, vollkommenen Wesen entsprungen sind, ist es unsere Aufgabe ihren Weg zurückzuverfolgen und, indem wir den Tugenden in ihrer Innerlichkeit nachspüren, einem tieferen Verständnis des Wesens unserer Göttin näher zu kommen. Dies aber kann nur geschehen, wenn wir alle sieben Wege zugleich beschreiten, so dass wir am Ende befähigt sind die Tugenden in ihrem Mittelpunkte, dem Wesen der Göttin, zusammen zu führen. Der Einfachheit halber sei hier wieder das Beispiel des Kreises erwähnt. Man stelle sich nun vor, dass der Kreis durch ein geometrisches Verfahren in sieben Teile zu gleicher Fläche getrennt sei, die allesamt ihre Spitze im Mittelpunkt des Kreises finden. Diese sieben Teile nun, die allesamt über Kanten, Spitzen und Winkel verfügen, stellen in ihrer noch unvollkommenen, vereinzelten Form die Tugenden dar. Erst wieder in sich vereint, wenn alle Teile zu einem Kreis zusammengefügt wurden, gewinnen sie ihre Vollkommenheit wieder. Diese Vollkommenheit aber ist die Erkenntnis des Wesens unserer Göttin.

So ist es zur Gänze offenbar, dass nur geringer Sinn darin liegt sich in die Vereinzelung der Tugenden zu vertiefen. Vielmehr ist es Sinn und Aufgabe des Glaubens die Tugenden in ihrer Gesamtheit zu betrachten und stets die Anstrengung und den Versuch zu unternehmen, in unserem Tun und in unseren Studien über den Glauben die Tugenden in ihrer umfassenden Einheit zu betrachten. Zwar ist es auch durch das Studium und die besonders tiefgehende Ergründung einzelner Tugenden möglich, das Wesen der Göttin genauer zu ergründen, doch ist dies an sich nur angemessen, falls dabei stets das größere Ganze im Auge behalten wird, die Studie also vorgenommen wird in der Absicht einen Beitrag zu leisten zur Ergründung des vollkommenen Wesens, der Einheitlichkeit der Tugenden. Wem dies aber nicht gelingt, nämlich die Tugenden aus ihrer Vereinzelung heraus in ihre Ganzheit zu denken, der wird auf dem Weg des Glaubens keine Fortschritte machen, sondern stets auf der selben Stufe verharren.

Zum Schluss nun sei der Einfachheit halber ein schlichtes Beispiel angeführt, welches oft in Bezug auf eine der Tugenden verwendet wird, das durch sich selbst aber leicht offensichtlich macht, dass in jedem Tun und Handeln die Gesamtheit der Tugenden im Vordergrunde steht. Wir nehmen hier das Beispiel desjenigen, der sein Hab und Gut den ärmeren und notleidenderen Menschen zum Opfer bringt. Hieran pflegt man die Tugend der Opferbereitschaft zu erläutern und es ist auch das Beispiel des Lichtkindes Brynn. Der Fehler, der nun hierbei oft unternommen wird, besteht darin, dass man diesen Akt der Tugend allein auf die Opferbereitschaft zurückzuführen pflegt. Dabei wird es am Wesen Brynns ganz offenbar, wie sich alle Tugenden in ihr vereinen.
Bedurfte es nicht der Demut, um ihr weltliches Gewand abzulegen und Einsicht darin zu finden, dass ihr Dasein nicht wertvoller, ihr Wohlergehen, das sie durch den Reichtum ihres Vaters genoss, nicht von höherer Bedeutung war als das der Armen, so dass sie sich mit ihnen auf eine Stufe stellte und freizügig von dem ihren gab ?
Bedurfte es nicht der Einsicht der Ehre, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass ihr Vater falsch handelte und dass es nicht an irgendjemandem, sondern an ihr selbst, die sie von seinem Fleisch und Blut war, sei diese Fehler zu mildern, indem sie von dem gab, was von ihrem eigenen Fleisch und Blut genommen wurde ?
Bedurfte es nicht der Geistigkeit, um weise und mit Weitsicht vom Gut ihres Vaters zu nehmen und es denen zu geben, die wahrhaft bedürftig waren, in wohlgemessener und kluger Auswahl, nicht allein von blinden Leidenschaften gleitet, sondern so, dass sie nicht wenige zu Reichen machte, sondern vielen das Dasein erleichterte ?
Bedurfte es nicht der Einsicht der Gerechtigkeit, um hierin kluges Maß zu finden, auch um Einsicht darin zu finden, wo ihr Vater fehlte und in welchen Dingen es angemessen sei seine Fehler zu richten und durch gute Gaben auszugleichen, denn wie anders hätte sie überhaupt zu der Einsicht in dieses Unrecht gelangen können, wenn nicht durch den Geist der Gerechtigkeit ?
Bedurfte es nicht auch der Tugend des Mitgefühls, um diesen Schritt zu unternehmen, waren ihre Gesten und Worte nicht von Milde und Gutmütigkeit geleitet, tat ihr das Mitgefühl nicht erst das Elend und die Not der Menschen offenbar, gab sie nicht auch mit warmem Herzen und aufrechter Zuneigung ?
Und natürlich bedurfte es auch der Tugend der Opferbereitschaft, denn sie gab von ihrem eigenen Gut, das ihr durch ihren Vater gehörte, so dass sie von dem nahm, was das ihre war, und es den Armen schenkte.
Aber bedurfte es nun nicht auch der Tugend der Tapferkeit, denn welche Gefahren nahm sie auf sich, als sie sich dem Willen und dem verführten Wesen ihres Vaters widersetze und ihren eigenen Weg fand, nicht zauderte und nicht zagte, sondern handelte ?

Alle Tugenden also finden wir im Handeln des Lichtkindes Brynn wieder, denn die Tugenden sind eins. Nicht anders könnte es sein, denn sie sind alle einem einzigen Wesen entsprungen. Nur in ihrer Einheit aber können wir sie wirklich begreifen, das soll uns dieses Beispiel lehren. Nicht eine der Tugenden für sich bringt uns der Göttin näher und nicht aus einer Tugend allein können wir das Tun ihrer Kinder erklären. Es ist stets der siebenfache Weg, der uns Antwort bietet. Dass wir diesen Weg aber nur durch die einzelnen Tugenden selbst beschreiten können, liegt in der Schlichtheit unseres Wesens begründet. Doch sei noch einmal daran erinnert, dass, sind wir auch in die Einzelheit gezwungen, unser Blick stets der Ganzheit gelten muss. Dies ist eine der Schwierigkeiten unseres Glaubens, die uns die Verinnerlichung und Erfassung der Tugenden so schwer macht, denn stets müssen wir bestrebt sein eine Wahrheit zu ergründen, die sich uns in ihrer ganzen Vollkommenheit zeitlebens nur bruchstückhaft erschließen wird, an der unser einfacher Geist Mal um Mal scheitern wird. Doch auf keinem anderen Wege kann sich uns der Glaube eröffnen, als auf diesem oftmals entmutigenden und die geistigen Kräfte erschöpfenden Pfad, denn dieser allein trägt uns zu den Grenzen unseres sterblichen Daseins empor und bringt uns dem Göttlichen näher. Mag man auch zeitlebens nur einen vagen Hauch des Göttlichen erfahren, so ist dies doch kein geringer Lohn für diese Mühe, denn das Göttliche ist jenseits allen sterblichen Daseins und in ihm allein erwartet uns Erfüllung.