Nachtmahr
Verfasst: Sonntag 21. September 2014, 11:17
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Golden schimmerndes Mondlicht im Mädchenhaar...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Sendet Botschaften, dass sie unachtsam war...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Kuscheltierchen ruht selig im Schaukelstuhl da..
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Silbernebel durchfluten die Nachtluft klar...
~*~
Da lag es noch immer auf der Brust.
Unsichtbar und nicht zu betasten, dennoch erdrückend schwer und schmerzhaft peinigend.
Es drückte langsam aber sicher das Brustbein tiefer ins Fleisch und presste die Rippen auf die Lungenflügel, so dass das Atmen eine Qual wurde. Fast farblose Lippen waren einen Spalt geöffnet, sogen die kalte Spätsommerluft scharf ein und entließen sie in rhythmischen, kurzen Stößen. Ansonsten rührte sich der kleine, kindliche Körper und erinnerte generell eher an eine bizarre Puppe oder Statue, die man da halb unter die Laken gepackt hatte. Von allem, was im Geist des vermeintlich jungen Mädchens vorging, zeigte die steinerne, starre Miene nichts. Lediglich die Augen, schieferfarben und von dunklen Rändern am unteren Lid umrahmt, waren etwas weiter als sonst und starrten Löcher in die schattenhafte Holzdecke der schäbigen Schlafkammer.
Dann und wann verriet ein Wimpernschlag, dass sie nicht mit offenen Augen schlief, sondern sich noch im Wachzustand befand und sah...
In den Schatten an der Decke, irgendwo hinter den wabernen Schemen der linken Ecke, quasi unmittelbar über ihrem Kopf, saß es. Eine gesichtslose Fratze schaffte es trotz fehlender Augäpfel auf sie herab zu lugen und ein zu weit geschnittener Mund verzog sich zu einem zahnreichen Lächeln, als es Einblick in ihre Gedanken und Gefühlsregungen bekam. Das wiederum war keine Frage des Gebens und Nehmens, sondern lediglich unausweichlich. Die Nachtalben hinter den Nebelschwaden und am Rande der Schattenwelt mochten vielfältig und facettenreich sein, doch ohne sich der Ängste ihrer Opfer bewusst zu werden, kamen sie einfach nicht weit.
Eine Hand mit zu vielen, spindeldürren, langen Fingern griff langsam herab und kostete den Moment vor der ersten Berührung grausam lange aus. Der Alb wusste, dass der Augenblick vor dem erwarteten Schrecken das größte Grauen bedeutete und jenes wollte er süßlich fühlen.
Lodernde Panik und hämmernde Angst waren seine Nahrung und doch nahm keines von beiden zu, als er die haschende Klaue so nah an sie heranführte. Es irritierte ihn nicht besonders, er und seine grotesken Geschwister kannten das Kind dort im Bette und er wusste, welche Fäden er ziehen musste, um auch hier die Früchte seiner Arbeit zu ernten.
Beinahe sanft fuhren die spitzen Finger über die Stirn, strichen das dunkle Haar aus dem bleichen Gesicht und wanderten dann über die Schläfe langsam zur Wange herab. Derweilen veränderten sich die Züge den Alben und ein ausnahmslos hübsches, doch unnahbares Frauenantlitz, umrahmt von orangeroten Haaren, starrte alsbald aus lavendelfarbenen Augen zum bewegungsunfähigen Opfer herab. Die Lippen des Traumbildgesichts öffneten sich und der Alb fand die richtige Stimme, wiederholte gesprochene Worte tragend und bedeutungsschwanger.
„Ihr habt wohl Schwierigkeiten mit Räumen unter der Erde.“
Das Gewicht auf der Brust nahm zu. Sie wusste wer oder was da weitere Steinchen zum Turm schlichtete und ahnte auch, dass die Rippen darunter nicht brechen, doch die Luft immer spärlicher werden würde. Der Atemrhythmus gewann an Geschwindigkeit.
Die Miene an der Decke veränderte sich nicht, doch bohrten sich die Spindelfinger kurz in das weiche Wangenfleisch, nur um es wenige Momente später zu tätscheln. Ein wenig so, als würde man einen Hosenmatz für irgendeine gelehrige Äußerung belohnen wollen. Dann erst erfolgten die nächsten Worte, ruhig und recht distanziert aber genau deshalb umso treffender und nagend.
„Was ist das mit Euch und Kellerräumen?“
Sie wehrte sich nicht gegen die Erinnerungsflut, versuchte aber im selben Moment nach anderen Bildermomenten zu greifen, um sich so rasch wie möglich abzulenken. Letztendlich blieben doch diverse Sinneseindrücke etwas zu lange haften und so kostete sie wieder einmal die modrige, feuchte Schimmelluft, spürte die Kälte des klammen Gesteins und sah sich von wimmelnden Schatten in endlos wirkenden, engen Gängen umgeben. Kratzende Geräusche auf blankem Boden, doch ehe die Mauern sie erdrücken und einschnüren konnten, griff eine warme Hand beherzt nach der eigenen. Ein fester Zug, ein Ruck und Riss durch die Knochen des Armes und ihre Füße setzten sich unweigerlich in Bewegung. Trap, Trap, Trap, Trap.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals.“
Das Ding über ihr behielt die reservierten Züge der rotblonden Schönheit bei und doch wussten sie beide, das Mädchen und der Alb, dass er zufrieden mit seinem Werk war und das zahnige Grinsen dahinter noch weiter wurde. Die Klauenfinger umgriffen legten sich kurz unter das Kinn und hoben es etwas, erzwangen einen eindringlicheren Blick, ehe die Stimme ein weiteres Mal sprach.
„Ihr solltet wirklich daran arbeiten. Es macht Euch angreifbar.“
Dann erst veränderte sich das Antlitz so rasch und wabernd, dass sie nicht einmal recht Zeit zu reagieren hatte. Er spuhlte wahllos Gesichter ihrer Gedanken ab und sog gierig die reiche Beute, Angst in ihrer nackten, unverdeckten Gestalt, auf. Ein Festmahl, ein wohlverdientes Festmahl!
Ihr Kopf meldete unnötigerweise jede der schnell schwindenen Mienen, als galt es ein Ratespiel zu gewinnen und der Albschemen an der Decke reagierte selbst noch auf jene Regungen, die sie zu den Namen in sich fand. Zuletzt wählte er immer die gleichen Gesichter, die sich mal freundlich und dann wieder neutral oder gar erstaunt blickend ihr offenbarten. Irgendwann legte er sich zwei fest, die er mit jedem ihrer Lidschläge quasi im Takt wechselte. Sie waren sich nicht einmal ähnlich, das eine warm und lebendig, das andere starr und ausdruckslos und doch erkannte sie das Muster darin und schnappte würgend nach Luft: helles Haar umspielte die durchaus männlichen Züge.
Helles, sandfarbenes Haar.
Das Finale, da war es erreicht und der Spindelfinger legte sich zart auf die fast farblosen Lippen, dann veränderte irgendetwas Anderes mit Gewalt die Züge des Alben zum letzten Mal und beendete die Qual durch leise, sanft geflüsterte Worte.
„Schhhh, ich hab dir doch versprochen, dich niemals alleine zu lassen.“
Er war da.
Irgendwo in den Schatten, da war er noch immer und würde sie nie alleine lassen. Niemals.
Ein makaberer, skurriler Gedanke und irgendwie doch... tröstlich.
„Wir sind tot. Beide.“
Golden schimmerndes Mondlicht im Mädchenhaar...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Sendet Botschaften, dass sie unachtsam war...
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Kuscheltierchen ruht selig im Schaukelstuhl da..
Nachtmahr, Nachtmahr, Nachtmahr
Silbernebel durchfluten die Nachtluft klar...
~*~
Da lag es noch immer auf der Brust.
Unsichtbar und nicht zu betasten, dennoch erdrückend schwer und schmerzhaft peinigend.
Es drückte langsam aber sicher das Brustbein tiefer ins Fleisch und presste die Rippen auf die Lungenflügel, so dass das Atmen eine Qual wurde. Fast farblose Lippen waren einen Spalt geöffnet, sogen die kalte Spätsommerluft scharf ein und entließen sie in rhythmischen, kurzen Stößen. Ansonsten rührte sich der kleine, kindliche Körper und erinnerte generell eher an eine bizarre Puppe oder Statue, die man da halb unter die Laken gepackt hatte. Von allem, was im Geist des vermeintlich jungen Mädchens vorging, zeigte die steinerne, starre Miene nichts. Lediglich die Augen, schieferfarben und von dunklen Rändern am unteren Lid umrahmt, waren etwas weiter als sonst und starrten Löcher in die schattenhafte Holzdecke der schäbigen Schlafkammer.
Dann und wann verriet ein Wimpernschlag, dass sie nicht mit offenen Augen schlief, sondern sich noch im Wachzustand befand und sah...
In den Schatten an der Decke, irgendwo hinter den wabernen Schemen der linken Ecke, quasi unmittelbar über ihrem Kopf, saß es. Eine gesichtslose Fratze schaffte es trotz fehlender Augäpfel auf sie herab zu lugen und ein zu weit geschnittener Mund verzog sich zu einem zahnreichen Lächeln, als es Einblick in ihre Gedanken und Gefühlsregungen bekam. Das wiederum war keine Frage des Gebens und Nehmens, sondern lediglich unausweichlich. Die Nachtalben hinter den Nebelschwaden und am Rande der Schattenwelt mochten vielfältig und facettenreich sein, doch ohne sich der Ängste ihrer Opfer bewusst zu werden, kamen sie einfach nicht weit.
Eine Hand mit zu vielen, spindeldürren, langen Fingern griff langsam herab und kostete den Moment vor der ersten Berührung grausam lange aus. Der Alb wusste, dass der Augenblick vor dem erwarteten Schrecken das größte Grauen bedeutete und jenes wollte er süßlich fühlen.
Lodernde Panik und hämmernde Angst waren seine Nahrung und doch nahm keines von beiden zu, als er die haschende Klaue so nah an sie heranführte. Es irritierte ihn nicht besonders, er und seine grotesken Geschwister kannten das Kind dort im Bette und er wusste, welche Fäden er ziehen musste, um auch hier die Früchte seiner Arbeit zu ernten.
Beinahe sanft fuhren die spitzen Finger über die Stirn, strichen das dunkle Haar aus dem bleichen Gesicht und wanderten dann über die Schläfe langsam zur Wange herab. Derweilen veränderten sich die Züge den Alben und ein ausnahmslos hübsches, doch unnahbares Frauenantlitz, umrahmt von orangeroten Haaren, starrte alsbald aus lavendelfarbenen Augen zum bewegungsunfähigen Opfer herab. Die Lippen des Traumbildgesichts öffneten sich und der Alb fand die richtige Stimme, wiederholte gesprochene Worte tragend und bedeutungsschwanger.
„Ihr habt wohl Schwierigkeiten mit Räumen unter der Erde.“
Das Gewicht auf der Brust nahm zu. Sie wusste wer oder was da weitere Steinchen zum Turm schlichtete und ahnte auch, dass die Rippen darunter nicht brechen, doch die Luft immer spärlicher werden würde. Der Atemrhythmus gewann an Geschwindigkeit.
Die Miene an der Decke veränderte sich nicht, doch bohrten sich die Spindelfinger kurz in das weiche Wangenfleisch, nur um es wenige Momente später zu tätscheln. Ein wenig so, als würde man einen Hosenmatz für irgendeine gelehrige Äußerung belohnen wollen. Dann erst erfolgten die nächsten Worte, ruhig und recht distanziert aber genau deshalb umso treffender und nagend.
„Was ist das mit Euch und Kellerräumen?“
Sie wehrte sich nicht gegen die Erinnerungsflut, versuchte aber im selben Moment nach anderen Bildermomenten zu greifen, um sich so rasch wie möglich abzulenken. Letztendlich blieben doch diverse Sinneseindrücke etwas zu lange haften und so kostete sie wieder einmal die modrige, feuchte Schimmelluft, spürte die Kälte des klammen Gesteins und sah sich von wimmelnden Schatten in endlos wirkenden, engen Gängen umgeben. Kratzende Geräusche auf blankem Boden, doch ehe die Mauern sie erdrücken und einschnüren konnten, griff eine warme Hand beherzt nach der eigenen. Ein fester Zug, ein Ruck und Riss durch die Knochen des Armes und ihre Füße setzten sich unweigerlich in Bewegung. Trap, Trap, Trap, Trap.
„Ich lass dich nicht alleine, niemals.“
Das Ding über ihr behielt die reservierten Züge der rotblonden Schönheit bei und doch wussten sie beide, das Mädchen und der Alb, dass er zufrieden mit seinem Werk war und das zahnige Grinsen dahinter noch weiter wurde. Die Klauenfinger umgriffen legten sich kurz unter das Kinn und hoben es etwas, erzwangen einen eindringlicheren Blick, ehe die Stimme ein weiteres Mal sprach.
„Ihr solltet wirklich daran arbeiten. Es macht Euch angreifbar.“
Dann erst veränderte sich das Antlitz so rasch und wabernd, dass sie nicht einmal recht Zeit zu reagieren hatte. Er spuhlte wahllos Gesichter ihrer Gedanken ab und sog gierig die reiche Beute, Angst in ihrer nackten, unverdeckten Gestalt, auf. Ein Festmahl, ein wohlverdientes Festmahl!
Ihr Kopf meldete unnötigerweise jede der schnell schwindenen Mienen, als galt es ein Ratespiel zu gewinnen und der Albschemen an der Decke reagierte selbst noch auf jene Regungen, die sie zu den Namen in sich fand. Zuletzt wählte er immer die gleichen Gesichter, die sich mal freundlich und dann wieder neutral oder gar erstaunt blickend ihr offenbarten. Irgendwann legte er sich zwei fest, die er mit jedem ihrer Lidschläge quasi im Takt wechselte. Sie waren sich nicht einmal ähnlich, das eine warm und lebendig, das andere starr und ausdruckslos und doch erkannte sie das Muster darin und schnappte würgend nach Luft: helles Haar umspielte die durchaus männlichen Züge.
Helles, sandfarbenes Haar.
Das Finale, da war es erreicht und der Spindelfinger legte sich zart auf die fast farblosen Lippen, dann veränderte irgendetwas Anderes mit Gewalt die Züge des Alben zum letzten Mal und beendete die Qual durch leise, sanft geflüsterte Worte.
„Schhhh, ich hab dir doch versprochen, dich niemals alleine zu lassen.“
Er war da.
Irgendwo in den Schatten, da war er noch immer und würde sie nie alleine lassen. Niemals.
Ein makaberer, skurriler Gedanke und irgendwie doch... tröstlich.
„Wir sind tot. Beide.“