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Der Weg des Skorpions

Verfasst: Mittwoch 27. August 2014, 00:20
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 1 - Ein neuer Sud.

Noch lange saß Sahid schweigend und innerlich aufgewühlt auf dem kleinen Hocker vor dem dampfenden und brodelnden Topf auf dem Herd, in welchem sein neuester Versuch, den besten Kaktusschnaps Menek'Urs zu destillieren, stinkend und wabernd vor sich hinbrodelte. In Gedanken jedoch war er weit weg.

Seine Cousine Mariyah hatte bereits bei seiner abendlichen Rückkehr ins Yazirhaus sofort festgestellt, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Selten kam es vor, dass der ansonsten fokussierte Säbelschwinger sich ablenken ließ, am wenigsten von seinen eigenen Gedanken, doch was er heute Abend gesehen, gehört und erlebt hatte, war selbst für einen Mann mit der stoischen Ruhe Sahids des Guten zu viel.

Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. All die Dinge, die er bis zu diesem Zeitpunkt dem Reich der Legenden und Märchen zugeschoben hatte, sie existierten, sie waren Teil einer Welt, die er eigentlich zu kennen geglaubt hatte. Wie unwissend er doch war, wir blind, wie ignorant! Dabei hatte es sich alles die ganze Zeit, wenn auch nur in Zeichen und Andeutungen sichtbar, direkt vor seinen Augen abgespielt.

Sahid warf einen prüfenden Blick hinein in den leise blubbernden Sud, dann rührte er diesen mit dem großen Löffel um.

Genug damit für heute Sahid. Für diesen Unsinn hast du jetzt keine Zeit. Du hast den Maleem gehört, du weißt was zu tun ist!

Aiwa, er wusste, was zu tun war. Auf leisen Sohlen ging er hinauf ins Arbeitszimmer, hin zu seinem Waffen und hin zum Rüstschrank. Die Anweisung war klar gewesen, und er würde sie ebenso genau erfüllen. Zuerst reinigte und polierte er fein säuberlich die Waffen. Ebenso gründlich wurden anschließend die Rüstteile zerlegt, auf etwaige Schäden untersucht und sodann wieder zusammengebaut. Die Elixiere im Trankbeutel wurden akribisch nachgezählt und aufgefüllt, die Ersatzsehnen des Bogens auf feine Risse hin untersucht. Die Uniform wurde bereitgelegt, so akkurat gefaltet, dass keine Ecke und keine Wölbung hervorstand. Nachdem er alles zweimal durchgegangen war, betrachtete Sahid das für den morgigen Tag bereitgelegte Marschgepäck. Nichts durfte fehlen, nichts durfte schiefgehen. Der Wasserschlauch wurde aufgefüllt, getrocknete Datteln in den Proviantbeutel gepackt. Bandagen, eine Flasche Kaktusschnaps, ein kurzes Seil, der Stiefeldolch. Hatte er wirklich an alles gedacht?

Der Maleem würde keinen Fehler verzeihen. Er andererseits würde durch sorgfältige Planung und kluge Vorbereitungen versuchen, das Vermeidbare zu vermeiden.

Das Unvermeidbare jedoch werde ich wohl ertragen müssen, wie es auch kommen mag. Mara steh mir bei.

Verfasst: Mittwoch 27. August 2014, 15:35
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 2 - Bewegung am Morgen.

Leise fluchend warf Sahid das schwere Marschgepäck in die hinterste Ecke des Quartiers der Kaserne. Dann sank er mit einem müden Seufzen die Wand gegenüber der schweren Goldtruhe rücklings herab, bis er auf dem Boden zu sitzen kam. Vor seinem geistigen Auge spielte sich der heutige Vormittag nocheinmal ab.

Bei der Mara, war das eine Quälerei gewesen.

Die ersten anderthalb Stunden waren, bedingt durch die recht gute körperliche Verfassung des Sajneen, trotz langsam aufsteigender Wüstensonne, noch einigermaßen erträglich gewesen. Doch nach dieser Zeit, es muss so ab der achten Morgenstunde gewesen sein, als die Durrah bereits begann sich in den höllenheißen Brutkasten zu verwandeln, als der sie bekannt war, spätestens dann wurde jeder weitere Laufschritt zur reinsten Qual.

Einatmen, ausatmen. Greif zum Wasserschlauch. Nimm einen Schluck. Aber neda zu viel.

Was hatte sich der Maleem bei dieser Übung nur gedacht? Körperliche Ertüchtigung konnte das neda sein, dafür hätten die ersten beiden Stunden des Laufes völlig ausgereicht. Sahid dachte erneut über die Anweisungen nach. Er sollte bei Sonnenaufgang am Osttor mit dem Laufen beginnen. Wann er aufhören sollte, hatte der Maleem mit keinem Wort gesagt. War das die Aufgabe? War es das, was von ihm verlangt wurde? Seit seiner Jugend war er es gewohnt, präzise Befehle präzise zu befolgen. Doch die Dinge waren neda mehr nur Wasser oder Sand, neda mehr nur trocken oder nass. Alles wurde zusehends... matschig.

Hoffentlich werde ich irgendwann verstehen.

Bis dahin würde er tun was verlangt war. Und heute wurde verlangt zu laufen. Die Mittagssonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, als Sahid völlig entkräftet vor der Kaserne angekommen in die Knie sank, seine Beine gaben einfach ihren Dienst auf. Auf dem Boden liegend wand er sich vor Schmerzen. Erst nach zwei oder drei Minuten, die sich eher wie zwei oder drei Stunden anfühlten, konnte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Boden hochdrücken, um mit wankenden Beinen zum Stehen zu kommen. Kurz stieg mit seinem Körper auch die Sorge in ihm auf. Sein Blick wanderte suchend umher, doch niemand war gerade jetzt, bei dieser Mittagshitze, auf dem Kasernenplatz zu sehen.

Hoffentlich hat keiner der Janitschare meinen Zusammenbruch mit angesehen.

Mühsam wankend schleppte er sich weiter zum Quartier. Dort hatte er seine Ruhe, nur die Sekban und er basaßen einen Schlüssel zu diesem Raum. Nachdem er dort zu Boden gesunken war, immer noch nach Luft ringend, sah er sich um in dem kleinen Raum: Er wäre eigentlich ideal.

Hier habe ich meine Ruhe, hier kann ich mich zurückziehen, und mein eigentliches Tun als Arbeit für die Armee ausgeben.

Aiwa, das war gut. Er würde sich sowieso einige Ausreden und Lügen für die Zeit seiner Ausbildung ausdenken müssen, und diese war neda die Schlechteste. Alleine, dass er auch Suraya, seine Rani belügen musste, erfüllte sein Herz mit Traurigkeit. Doch die Anweisungen des Maleem waren eindeutig und sie besagten, dass Außenstehende auf keinen Fall eingeweiht werden durften in Dinge des Ordens.

Nachdem er äußerlich und innerlich zur Ruhe gekommen war, setzten langsam wieder die Schmerzen ein. Aber sie mussten warten bis heute Abend. Nun galt es die Zähne zusammenzubeißen und den nachmittäglichen Schichtwechsel der Janitschare zu beaufsichtigen. Kurz schloss er ein letztes Mal die Augen, ein schwerer Atemzug durch die Nase, zum Mund wieder hinaus. Dann öffnete Sahid seine Augen, rappelte sich hoch und schloss hinter sich die Türe der Quartierkammer, seines neuen Refugiums.

In der Kaserne gibt es Arbeit zu erledigen.

Verfasst: Montag 8. September 2014, 01:00
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 3 - Ein Tanz mit Freunden

Mit glasigen Augen sah Sahid hinauf zur Decke der kleinen Heilerstube im Yazirhaus. Die zweite Unterweisung war gänzlich anders verlaufen als die erste. Keine weichen Kissen, keine weisen Worte, keine Fragen, keine Antworten. Stattdessen war sein ganzer Körper nun überzogen mit Blessuren, Blutergüssen, kleinen Rissen und Schrammen. Gesicht und Oberkörper waren zerschunden, seine rechte Schläfe mehrmals aufgeplatzt und mehrmals verbunden, zwei Rippen waren gebrochen, eine weitere angebrochen. Aiwa, er war auch schon schlimmer verletzt worden in seinem Leben als Janitschar, doch dies war zugegebenermaßen übeler gewesen, als er anfangs befürchtet hatte.

Imraan und Khalida wissen wahrlich was sie tun, wenn sie zuschlagen.

Aiwa, das wussten sie. Und das Ergebnis konnte sich in der Tat sehen lassen. Bereits von Anfang an war der Kampf nicht zu seinen Gunsten verlaufen. Ein überraschender Hieb Imraans in seine Magengrube, einen gezielten Tritt Khalidas in die Kniekehle, Vorbereitung genug für den Emir ihm mit Anlauf und einem wuchtigen Sprung, das Bein voran, die erste Rippe anzubrechen.

Knack.

Eine darauf folgende kurze Phase erfolgreicher Wehrhaftigkeit seinerseits fand ein jähes Ende, als der Emir und Khalida den übernächsten Angriff wiederum gemeinsam einleiteten. So sehr es ihn auch grämte und in seinem Stolz anfraß, aber gegen die beiden erfahrenen Kämpfer hatte er alleine nicht den Hauch einer Chance.

Ich habe ihnen auf Dauer körperlich neda etwas entgegenzusetzen.

Die kurzerhand im Kopf des Sajneen enrsonnene List, Khalida mit einigen halbgaren Anschuldigungen irgendwie aus der Fassung zu bringen scheiterte bis auf einen Punkt auf voller Linie: Zumindest brachten ihm seine eigenen trotzigen Worte seinen Kampfgeist zurück, wie an einer Krücke richtete er sich an ihnen auf. Und wie eine Krücke schlugen Khalida und Imraan sie ihm wieder weg. Eine weitere gebrochene Rippe war das Resultat, doch eine schwere Platzwunde vom Beginn des Kampfes machte ihm mehr zu schaffen. Die Welt um ihn herum verschwand zusehends, das Augenlicht des rechten Auges trübte sich mit jedem Augenblick des ungleichen Kampfes ein wenig mehr aus.

Das nimmt heute kein gutes Ende für mich.

Ab einem gewissen Moment des Fauskampfes entwickelte sich die ganze Sache schließlich im Wesentlichen zu einer Tret- und Schlagübung für seine beiden Gegner, als weniger zu einem ausgeglichenen Kampf. Am Ende lag, krümmte und wand Sahid sich nur noch unter den nicht ablassenden Prügeln der beiden, sein Blut und seine Würde waren längst tief in den Sand des Übungsfeldes gesickert.

Der Erhabene spricht mit Khalida.

So sehr Sahid sich auch bemühte, nur Wortfetzen konnte er noch vernehmen.

Wenn er...die nächsten Wochen...er ist unwürdig.

Die Worte des Maleem trafen ihn härter, als jeder Schlag es zuvor vermocht hatte. Was hatte er falsch gemacht? Hatte er im Kampf versagt?
Abermals senkte sich die Dunkelheit wie ein dicker Schleier um seinen Verstand, nur Imraans Worte und das Pulsieren der Wunde an der Schläfe hatten sich so tief in seinen Verstand genistet, dass sie dort bis über die Bewusstlosigkeit hinaus weiterhallten.

Im Verlauf des Nachmittags und Abends kam er immer wieder kurz zu sich. Natifahs wuselten herum. Worte wurden gewechselt. Verbände gewaschen. Finsternis. Finsternis auch, als er die Augen wieder öffnete. Es war bereits Nacht, die Augen wurden klar, und mit der Klarheit in seinen Augen kam die Klarheit in seinem Verstand zurück.

Der Maleem hat dich erwählt. Hör auf zu jammern, Sahid, und steh auf.

Verfasst: Sonntag 19. Oktober 2014, 21:50
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 4 - Schlummertrunk

Als er die verquollenen Augen aufschlug, wusste er nicht, welcher Schmerz zuerst einsetzte. Waren es die unsagbaren Bauchschmerzen, als würden tausend kleine Skorpione von innen gegen seinen Magen stechen? Die quälenden, hämmernden Kopfschmerzen, als würde ein Lama unentwegt gegen seinen Kopf treten? Waren es die ziehenden Schmerzen in seinen Gliedern, die Prellungen, Schürfungen und Blutergüsse an seinen Armen und Beinen die pochenden Schmerz verursachten? Oder waren es das Gefühl, wieder einmal versagt zu haben, ein Schmerz in seiner Seele, der den körperlichen Qualen in nichts nachstand.

Es war Teil seines Plans. Ich habe alles richtig gemacht.

Aiwa, und trotzdem grübelte er wieder und wieder über die heutige Aufgabe, rücklings auf der harten Sandsteinbank in der Kaserne liegend. Wie war er überhaupt hier hergekommen? Fragmentarische Erinnerungen kamen zurück. Sein Kopf, der über die Treppe am Fuße der Kaserne hinaufgezogen wurde, der Maleem, der ihn unsanft an den Händen gepackt die Stufen hinaufzerrte.

Wenigstens aus der Sonne gezogen hat er mich.

Dabei hatte die Übung eigentlich harmlos begonnen. Zwei Männer, ein Stab, ein Glas mit Wasser und eine Mauer. Im Vergleich zu den vergangenen Prügeln konnte es schon so schlimm neda werden. Und Khalida war auch weit und breit nirgends zu sehen, eigentlich verlässliches Indiz bevorstehender Schmerzen. Doch schon nach kurzer Zeit wurde Sahid mehr und mehr klar, dass diese Übung alles andere als leicht werden würde. Runde um Runde wurde vom Maleem abgebrochen, auch als Sahid dachte, die Übung eigentlich halbwegs zufriedenstellend bewältigt zu haben. Als er endlich eine erfolgversprechende Lösung für die Aufgabe der Prüfung gefunden hatte, war die wohl am eindrücklichsten haftende Lehre die, dass der Maleem auch hier einen Schritt weiter war als der Talif, wie so oft bei diesen Prüfungen.
Dieses Mal jedoch kam die Erkenntnis nicht in Form eines Geistesblitzes seines Verstandes, sondern langsam und quälend durch Magen und Blut.

Ich habe eine gute Lösung gefunden, doch der Maleem hat es vorausgesehen. Ich habe zur Belohnung eine weitere Prüfung erhalten: Überleben.

Andere würden diese Form der Prüfung als schwere Strafe ansehen, doch Sahid erkannte sehr wohl deren Sinn und Nutzen. Neda jeder war für diesen Weg, den er zu beschreiten erwählt worden war geschaffen. Die ungeeigneten Kandidaten wurden von den geeigneten getrennt, auf die grausamste und gerechteste Weise zugleich, die Mara Eluive kannte: Die starken Pflanzen überleben Dürre und salzigen Wind, die schwachen mussten sterben.
Sicher, er war kein junger Mann mehr von zwanzig Sommern. Doch wenn es eines gab, auf dass er sich verlassen konnte, so waren dies sein unbändiger Wille und seine Zähigkeit, auch wenn er in diesem Moment, von Krämpfen geplagt auf der Sandsteinbank der Kaserne liegend durchaus auch selbst an diesen Kernprinzipien seines Wesens zu zweifeln begann.

Bei der Mara, sind das Schmerzen!

Die Stirn des Säbelschwingers war glühend heiß, der Schweiß rann in Bächen an ihr herab, tropfte in stetem Fluß hinab auf den Fußboden, auf das bereits sich dort befindende Erbrochene. Innerlich schreiend vor Schmerzen drückte Sahid sich von der Sandsteinbank hoch, es war bereits spät am Abend und die Nachtwache hatte bereits ihren Dienst angetreten. Von den Kameraden hatte er also keine Hilfe zu befürchten. Mühsam und gebückt, von Bauchschmerzen gekrümmt, wankte er langsam zum Waffenständer hin, einen Übungsstab greifend, als Krücke für den Nachhauseweg. Auf diese Weise ausgerüstet, führte ihn sein nächster Gang, soweit man das schwankende Taumeln, mit dem Sahid sich fortbewegte, als Gang bezeichnen konnte, direkt hin zum Wasserfass vor der Kaserne. Als er mit gierigen Schlucken das erste Nass seine Kehle hinabrinnen ließ, spuckte er das meiste davon auch sofort wieder aus. Brennende Schmerzen in seiner Kehle? Das also auch noch.

Ich muss nach Hause, und zwar schnell.

Den improvisierten Krückstock zu Hilfe nehmend drückte er sich mühsam vom Fass mit dem kühlen Wasser hoch, nachdem Gesicht und Arme nochmals ausgiebig abgekühlt worden waren. Seine Haut brannte immer noch wie Feuer und beim Hochdrücken aus der Hocke kam zu allem Übel auch noch ein unbeschreibliches Schwindelgefühl hinzu. Sahid schloss die Augen und zählte leise in Gedanken bis zehn. Der Atem beruhigte sich, die Welt wurde langsam klarer, wenn auch nicht für lange. Doch den Heimweg würde er auf diese Weise gestärkt bewältigen können. Sein Überlebenstrieb, sowie der Wunsch nach seinem weichen, warmen Bett machte selbst den schlimmsten Schmerz für kurze Zeit überwindbar. Und so schleppte sich der ramponierte Menekaner durch die von Abendlichtern erhellte Dämmerung, die sich über der Goldenen Stadt ausbreitete.

Verfasst: Mittwoch 12. November 2014, 02:47
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 5 - Eine Blume für den Emir

Nunja, zumindest ein hübsches Veilchen. Die gestrige Kampfübung war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Imraan hatte ihn wieder einmal in die staubige Arena vor der Kaserne geführt, um ihn in die erweiterten Techniken menekanischen Faustkampfes einzuweisen. So manches davon kannte Sahid bereits, anderes war ihm neu. Vom gezielten Schlag auf den Solarplexus, ebenso wie vom Kehlkopfschlag hatte er bereits gehört, jedoch hatte nie ein Meister wie Imraan die tödliche Wirksamkeit zweiteren bestätigt - dies war wahrlich nutzvolles Wissen.

Ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben.

Aiwa, ein Versprechen hatte er sich gegeben, und diesmal hatte er es auch gehalten. Nicht nocheinmal sollte der Maleem ihn so unvorbereitet wie die letzten Male überrumpeln, kein weiteres Mal sollte die Ausbildung dem Spiel eines Berglöwen mit einer Maus gleichen. Diesmal wollte er vorbereitet sein, alles hatte er dafür getan:

Die frühmorgendlichen Ausdauerläufe dauerten mehrere Stunden.
Tägliche Übungen des Ausblendens jeweils eines Sinnes hatten die anderen geschärft.
Gefährliche Jagden und Zweikämpfe hatten seine Kampfkunst weiter verbessert.
Wissen der alten Schriften hatte er sich förmlich in den Kopf gezwungen.


Als dann der Kampf in der Arena begann, standen sich dennoch keine ebenbürtigen Gegner gegenüber. Zwar hatte Sahid in körperlichen Belangen weitere Verbesserungen erzielt, jedoch gleich zu Beginn der Übungen, als er Imraan packen und umklammern sollte, zeigte der Erhabene dem Sajneen erneut seine Grenzen auf. Erst im zweiten Anlauf, sich einer List bedienend und einer Handvoll Sand, konnte er den Maleem zu einer kaum merklichen Geste der Zufriedenheit mit seinem Talif bewegen.

Ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben.

Aiwa, ein Versprechen hatte er sich gegeben, diesmal genauer zuzuhören, Imraans Worte zu beherzigen und sie noch während der Übungen umzusetzen. Wenn es sein musste, würde er ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die beiden Kämpfer hatten inzwischen die Umklammerung, welche Sahid durch seine List eingeleitet hatte, wieder gelöst. Nun war es Imraan, der Sahid zu greifen versuchte und Sahid war es, der mit einem überlegten, gezielten Angriff seines gekrümmten Zeige- und Mittelfingers den Angreifer zu blenden versuchte. Einen Handkantenschlag später standen die beiden Kämpfer wieder im Klammergriff.

Ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben.

Aiwa, ein Versprechen hatte er sich gegeben, und er hatte es eingelöst. Diesmal war es Imraan, der ein kleines, blaugrünes Andenken mit zurück in den Palast nehmen durfte. Doch Imraan wäre nicht Imraan, hätte er nicht noch eine besondere Aufgabe zum Schluss des Kampfes für ihn gehabt. Schließlich wollten die beiden neu erlernten Schlagtechniken ausführlich geübt werden. Und wo konnte man besser üben, als an einer guten, alten Stoffpuppe?

Ich ahne nichts Gutes.

Aiwa, so sollte es sein. Ein Stapel Holzscheite neben der Stoffpuppe, eine einfache Anweisung. Die Hölzer sollten an Solarplexus und Kehlkopf der Puppe befestigt und mit der vorderen Fläche der geballten Fäuste zerschlagen werden.

Und als die Morgensonne unbarmherzig wie eh und je über der Goldenen Stadt zu glühen begann und mit rotem, heißen Lichte über den heiligen Salzberg Cantar hinweg emporstieg, war Sahid erschöpft neben dem letzten zerschlagenen Holzbrett in die Knie gesunken. Die Knöchel und Fingerflächen der Faust nicht mehr zu sehen vor Blut und ansetzendem Schorf, rot und schmutzig, und an einer Stelle gebrochen. Trotz der Schmerzen lächelt Sahid.

Ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben.
Ich werde nicht aufgeben.

Verfasst: Dienstag 13. Januar 2015, 14:41
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 6 - Aller guten Dinge drei

Was Anfangs ein Abenteuer, später eine Qual und letztlich eine Gewohnheit wurde.

Eins. Die Ausbildung im Orden.

Das Aufstehen am frühen Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen des Ostens übers Meer hin den heiligen Salzberg in verheißungsvolles Licht hüllten.
Das Anlegen der schweren Gewichte in der Kaserne, wo die Nachtschicht mit der Tagschicht noch nicht gewechselt hatte. Fünf Steine Gewicht um jeden Arm und um jedes Bein, sein Körper hatte sich in der Zeit des Trainings deutlich verändert. Der zähe, drahtige Soldat, der er immer schon war, hatte sichtbar an Muskelkraft hinzugewonnen, auch wenn es immer noch die schlanke, schnelle Substanz eines athletischen Kriegers war und nicht die aufgequollenen Berge eines Muskelprotzes.
Der grünlich-transparente Kaktusschnaps, der jeden Vormittag, nachdem die morgendliche Quälerei des Ausdauerlaufes längst überwunden war, über die blutigen Knöchel floss.
Blutige Knöchel und immer dickere Hornhaut selbst an den äußeren Fingern, die Zeugnis der mechanisch wirkenden Hand- und Fußschlagkombinationen an den inzwischen sichtlich in Mitleidenschaft gezogenen Übungspuppen ablegten.
Doch auch sonst hatte sein Körper sich verändert. Seit jenem Abend, an dem er weinend vor Schmerzen in seinen eigenen Exkrementen lag und um sein Leben rang, hatte Alkohol kaum noch Auswirkung auf ihn. So viel er auch trank, sein Geist blieb klar, sein Körper unter seiner Gewalt. Nur eine langsam zunehmende Übelkeit mahnte seinen Körper noch vor der Vergiftung durch Wein und Schnaps.
Nur an der Kontrolle von Atem, Schweiß und Herzschlag arbeitete er weiterhin mit mäßigem Erfolg, nur mit kleinen Schritten vorankommend. Gerade aber diese Disziplinen galt es noch zu meistern, wie es auch in den alten Büchern des Ordens zu lesen war, den nur wer seinen Körper sich zum Diener macht, wer ihn völlig beherrscht und kontrolliert, nur der war bereit zum Gefäß zu werden, zu einem wahren Erwählten für Allmara Eluives gerechtem Kampf.
Er würde den Maleem noch einmal darauf ansprechen, auch wenn dies wohl weitere Schmerzen bedeuten würde. Doch Schmerz war zu ertragen, wenn der Glaube stark ist.

Denn Glaube ist Kraft.

Zwei. Die Ausbildung im Tempel.

Die Zeit im Tempel war für Sahid ein wichtiger Aspekt seines teils weit über die Kraft eines gewöhnlichen Menekaners hinausgehenden Tagesablaufs.
Die qäulenden Übungen des Ordens. Die manchmal noch quälendere Sturheit der Mitglieder seiner geliebten Familie, die auf seine Führung und Weisung angewiesen war, ob er wollte oder nicht. Und nicht zuletzt die langen Stunden in der Armee, von der Ausbildung bis hin zum nicht enden wollenden Verfassen von Berichten, oftmals bis spät nachts, wenn die Nachtschicht schon lange wieder in den Straßen der Goldenen Stadt für Sicherheit sorgte. Seine Rani, die er schon so lange vernachlässigte.
All dies zehrte an ihm, an Körper, Geist und Seele, und all dies wäre wohl kaum zu ertragen, ohne im Tempel spirituelle Zuflucht von der Außenwelt nehmen zu können, im Gebet und in der Meditaion Ruhe zu finden, ebenso in den Worten seiner geduldigen Lehrerin Callista Weisheit und Erkenntnis. Ihr sanftmütiges, warmes Wesen war ein willkommener Ausgleich, aber auch ein deutlicher Kontrast zum üblichen Leben des Janitschars Sahid. Kein Gebrüll, keine Befehle, keine Schläge, keine Gewalt, kein Blut, kein Schweiß, keine Wunden. Stattdessen waren ihm viele Geheimnisse und theologische Betrachtungsweisen offenbart worden und Aspekte des Galubens an Eluive, die er stets als selbstverständlich hingenommen hatten, waren nun erfüllt von präzisem Verständnis und Wissen über die Götter und ihr Wirken auf der Welt. Die Weisen der Wüste und der Oase in ihren jeweiligen Formen gaben ihm die Möglichkeit, eine ureigene Gewissheit seines Herzens in Worte zu fassen und das Konzept des ewigen Ausgleichs von Mara Eluive dessen gesamter Größe zu erahnen. Der Tempel war sicher ein Ort des Wissens, doch vor allem lernte er dort sich selbst kennen und die Mara, den Zusammenhang zwischen den Dingen und seine Bedeutung in ihrer weisen Vorsehung. Es gab jedoch noch einen anderen Orte des Wissens, einen Ort, an dem Wissen Macht bedeutete.

Wissen bedeutet Macht.

Drei. Die Ausbildung in der Akademie.

Er kannte und schätzte Hazar, die Shoka und vertretende Akademieleiterin des Leviathans schon lange. Sie war eine der ersten Menekanerinnen gewesen, die er überhaupt in der Goldenen Stadt bei der Rückkehr von seiner langen Reise damals getroffen hatte, er war Gast auf ihrer Hochzeit mit Kadir gewesen, ebenso wie er Gast bei dessen Beerdigung gewesen war. Nach Kräften hatte er sie unterstützt, als sie eine große Summe Gold auftreiben musste, um als Witwe den einstigen Brautpreis zurückzahlen zu können und auf diese Weise in den Schoß der Ifrey, der Familie ihres Blutes zurückkehren zu können.
In den Unterrichtseinheiten, die er bisher von ihr erhalten hatte, lernte er die zierliche Natifah auch als selbstbewusste Lehrerin kennen, die schier endlose Geduld mit seinen vielen Nachfragen aufbrachte. Denn Wissen bedeutete eben nicht nur Macht, wie das alte Sprichwort besagt, sondern in erster Konsequenz bedeutete es den immer drängender werdenden Wunsch nach neuem Wissen. So rief nicht selten die beantwortete Frage zwei unbeantwortete nach sich, die ohne erstere nie in seinen Sinn bekommen wäre. Trotz alldem war die Akademie immer auch ein Ort für ihn geblieben, der ihm nicht so recht geheuer war. Besonders der Gedanke an den Besuch der tiefen Gewölbe, über den er äußerste Verschwiegenheit versprochen hatte, lies ihm bereits einen widersprüchlichen Schauer über den Rücken laufen. Wenn Wissen macht war, dann war es auch Gefahr, und er selbst hatte schon zu viele Male erlebt, was Macht bei Menekanern und Menschen bewirkt hatte, die dafür eigentlich nie geeignet waren. Hass und Zerstörung waren die unausweichliche Folge, Maras rechter Weg wird durch nichts so gebrochen wie durch Macht, die eine einzelne Seele überfordert.
Alleine schon dieser Erkenntnis wegen war er dankbar um die bisherige Ausbildung in der Akademie, auch wenn er dort noch einiges zu lernen hatte.

Er riss sich aus seinen Gedanken.

Es ist spät Sahid, nutze die wenigen Stunden für erholsamen Schlaf. Du wirst ihn brauchen.

Verfasst: Donnerstag 12. März 2015, 00:39
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 7 - Vorbereitungen

Noch lange saß Sahid schweigend in der Oase des Palastes. Der Tag war längst der Nacht gewichen, seine Kameraden zogen bereits mit Öllampen und Speeren in den Händen durch die nächtlichen Straßen und nur er, der Sajneen, hatte heute keinen Dienst. Die Waffen waren gesegnet worden, im Namen Maras, der Göttin aller Menekaner, auf dass sie ihnen helfen würden, die merkwürdigen Schattenwesen zu vernichten, welche die Liedwirker bedrohten.
Ein leises Murren kam zwischen seinen Lippen hervor.

Keine Ablenkung mehr Sahid, dein Geist muss klar sein heute Nacht.

Sein nächster Weg führte ihn geradewegs nach Hause. Dort angekommen machte er sich, gewohnt akribisch, daran einen Rucksack mit Utensilien für die Nacht zu packen um vorbereitet zu sein, wie Imraan es ihm geraten hatte
Zwei Schläuche mit Wasser, zwei Hände voll Datteln, ein Laib Bananenbrot. Bandagen, starker Kaktusschnaps, Nadel, Faden und Schere.
Die den Wüstenkäfern in Form und Beschaffenheit nachempfundene Rüstung des Säbelschwingers, die Klinge der Beni Geraghi, der Bogen und ein Köcher mit Pfeilen. Vier Kerzen, ein Zündstein, Zunder. Ein gewaschenes Wollhemd, die stabile Hose aus Balronleder, ein Wickeltuch für den Turban, blutrot. Yazirrot.

Ich muss mich verabschieden und Instruktionen hinterlassen.

Der gepackte Rucksack wurde über die Schulter geworfen, der nächste Weg führte den Charim ins Familienhaus der Yazir im Zentrum der Goldenen Stadt. Dort angekommen schlich er sich auf leisen Sohlen ins Arbeitszimmer des Oberhaupts, entzündete eine Kerze an der schwelenden Glut des Küchenfeuers und setzte sodann, im spärlichen Licht des kleinen Zimmers, drei Briefe auf, welche mit einem Siegel und dem jeweiligen Namen des Empfängers versehen im Arbeitszimmer hinterlassen wurden.

Liebste Suraya, meine geliebte Rani,
ich bedauere, dass ich in meinem Leben neda mit der selben Hingabe dein Ehemann war wie Janitschar. Du erhältst diese Zeilen, weil Imraan mich auf eine Reise schickt, deren Wiederkehr ungewiss ist. Sollten wir uns neda mehr in diesem Leben sehen, sei dir gewiss, dass meine Seele stets in Liebe, die ich viel zu selten ausdrücken konnte, mit der deinen verbunden ist. Betrete ich jedoch die heiligen Hallen unserer ehrwürdigen Ahnen, so werde ich dort nach unserem kleinen Engel sehen, den wir nie kennen lernen durften. Ich werde dann dort mit ihm auf dich warten.
In tiefer Liebe

Sahid

Liebe Khalida,
Cousine, Kameradin, Ratgeber und steter Dorn im Auge. Ich danke dir für deine Freundschaft, vor allem aber für deine Treue und Kameradschaft, in guten und in weniger guten Tagen. Imraan hat mich in die Durrah geschickt wo sich mein Geist, zur Vorbereitung auf das ersehnte Treffen mit den Beni Geraghi, von meinem Körper lösen soll. Findet er neda den Weg zurück, musst du mir meinen letzten Willen erfüllen. Du und Imraan sollen dann meinem geistlosen Körper ein würdiges Ende setzen. Es ist mir bestimmt, durch die Klinge großer Krieger zu sterben. Sollte Imraan, der treue Freund, jedoch zögern, so zögere du neda und erlöse meine sterbliche Hülle, wenn sie ohne Geist bleiben muss. Ich weiß ich verlange viel von dir, doch dir von allen vertraue ich dass du tust, was getan werden muss.
In tiefem Respekt,

Sahid

Lieber Faruk,
verlässlicher Freund. Ich muss eine Reise antreten, deren Wiederehr neda in meiner Hand liegt. Sollte ich neda zurückkehren wird Khalida dir alles erklären und dir helfen, das Haus Yazir anzuführen. Sprich unbedingt auch mit Amar. Auch wenn er viel auf Reisen ist, habe ich doch von ihm alles gelernt, was ein Oberhaupt ausmacht. Du wirst in ihm einen bedingungslos loyalen Ratgeber finden. Schließe mich in deine Gebete ein,

Sahid

Ein schweres Seufzen entfuhr seiner Brust in dem Moment, in dem er die Feder beiseite legte. Er hätte die Worte so nie gesagt, aber es war ihm wichtiger als alles auf der Welt, dass er sie dennoch, wenn auch auf Papier, niedergeschrieben hatte. Er leckte sich über Daumen und Zeigefinger, drückte die Kerze aus und machte sich, ungesehen und ungehört auf den Weg hinaus in die nächtliche Durrah.

Mara wird dich beschützen Sahid, so wie sie es immer tut.

Abgesehen von einem kurzen Gebet flogen die Gedanken in seinem Kopf wild umher, als er bereits die Mauern der Goldenen Stadt lange hinter sich gelassen hatte und im Osten, in der Ferne, die schemenhaften Schatten der Palastruinen mit jedem Schritt näher rückten und an Kontur gewannen.

Verfasst: Donnerstag 12. März 2015, 12:33
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 8 - Warten

Seit jener Nacht waren viele weitere Nächte vergangen. Seit jenem Abend, als er die Briefe geschrieben hatte, war der Charim immer und immer wieder, nach Dienstschluss, manchmal lange nach Mitternacht aufgebrochen zu seinem inzwischen gewohnten Platz in der Durrah. Nacht um Nacht bereitete er das immer gleiche Ritual vor, betete zu Eluive und den Weisen der Wüste, tötete die Kreaturen, wusch Hände und Füße, zeichnete den Kreis, aß und trank und entzündete die Kerzen. Nur in sie hineinzufassen, diesen Schritt ließ er noch aus, noch genau klangen die Worte des Erhabenen, seines Maleems, in seinem Kopf:

Du kannst die Reise nur mit einem Dschinn antreten.

Also tat Sahid das, was er schon immer getan hatte. Er bereitete sich vor. Manche hatten ihn deswegen schon in der Kindheit ausgelacht, andere hielten ihn für verrückt. In jedem Falle war er höchst unmenekanisch, was diesen Wesenszug anging. Während seine Cousins und Cousinen sich unter lautem Geschrei in jedes sinnvolle und sinnlose Unterfangen stürzten, übte er sich in Zurückhaltung, baute wieder und wieder Szenarien nach und übte Strategien ein um an jenem Tag, an dem er endlich zuschlagen sollte, sicher sein zu können, mit dem Auslösen des Plans die langen Vorbereitungen gewinnbringend ins Ziel zu führen.

Eben dieser Logik folgte der Sajneen nun auch bei seinen abendlichen Ausflügen in die Palastruinen, und oftmals dauerten seine Meditationen bis zu dem Zeitpunkt, als die heißen Strahlen der Morgensonne die noch kühle Durrah aufwärmten.

Der Brief an Faruk.

Wie so oft fiel es ihm schwer, die Gedanken des Tages zum Schweigen zu bringen. Faruk war eine bittere Enttäuschung für ihn gewesen, zu spät hatte er gemerkt, warum sein Cousin derart hasserfüllt ihm gegenüber aufgetreten war, seit dem Abend nach der Truppenübung. Er hatte ihm auf den Kopf hin zugesagt, dass er neda gerade stolz war auf sein Verschwinden beim letzten Mal, und damit hatte er bei Faruk wohl einen wunden Punkt getroffen. Es musste ihn so sehr angefressen haben, dass er seine eigene Scham in Wut auf Sahid projezierte, der ihn an sein Versagen erinnert hatte. Aber aus dieser Wut heraus die Familie zu verlassen, darüber war Sahid im tiefen Herzen noch immer bestürzt. Die Zeilen hatten zumindest keine Gültigkeit mehr, es war überflüssig das zu sagen.

Der Brief an Khalida

Khalida hatte ihn bis heute neda auf seine Zeilen angesprochen, und es war ihm nur recht. Er wusste, wenn auf eine Person immer Verlass war in dieser turbulenten Familie, so war es seine Cousine Khalida. Die Oberhauptwahl, welche er als nötig empfunden hatte, um das Fundament seiner Macht innerhalb der Familie neu zu gießen, hatte sie zu seiner vollen Zufriedenheit erfüllt, ohne lange Nachfragen, ohne dumme Kommentare. Für beides empfand er Dankbarkeit.

Der Brief an Suraya

Die größten Sorgen machte er sich wie immer um Suraya. Auch sie hatte auf seinen Brief neda mehr ein Wort gesagt, doch war Sahid sich sicher, dass sie im Grunde ihres Herzens verstanden hatte, dass dies sein Testament und letzter Liebesbeweis war, sollte er doch im Mahlstrom der Geschehnisse die letzte Reise antreten müssen. Bisher war er auch den gefährlichen Situationen immer einigermaßen glimpflich entkommen, nur die Narben auf seinem Körper zeugten davon, wie knapp es manchmal gewesen war. Mit schwerem Herzen dachte er über all das nach, auch an die Zeit, als sie noch frisch verliebt waren und er große Zweifel hatte, als Janitschar überhaupt zu heiraten. In letzter Zeit waren diese Zweifel immer wieder zu ihm zurückgekehrt, neda weil er seine Rani nicht liebte, sondern weil er nicht wusste, ob sein gefährliches, von Gewalt und Blut, von Tod und Leid, von Qual und Anstrengung gezeichnetes Leben neda doch in einem unüberbrückbaren Widerspruch stand zu seiner kleinen Familie, in deren Schoß er jeden Abend zurückkehren durfte. Aiwa, bis zu jenem Abend, an dem er neda mehr zurückkehren würde. Was würde dann jedoch übrig bleiben von seinem Glück, was würde bleiben außer Trauer und Tränen?

Bei Mara noch eins, so wird das neda etwas.

Leise schimpfend drückte sich Sahid aus dem Sandkreis hoch. Für heute musste er die Meditation abbrechen. Nach den beschwerlichen letzten Tage kreisten zu viele Gedanken in seinem Kopf. Neda einmal sein Ort der Macht hier draußen in der Finsternis, in der kein Licht und kein Menekaner ihn störten, konnten ihn heute zur Ruhe bringen. Wieder also musste er geduldig sein, wieder also musste er auf morgen warten, sein Ansinnen und seine Vorkehrungen überdenken. Vielleicht würden seine Gedanken sich beruhigen.

Ich muss den Maleem fragen, warum es mir neda immer gelingt, Frieden mit meinen Gedanken zu machen.

Und bis dahin konnte er nichts tun, außer sein Ritual zu proben:

Beten
Töten
Waschen
Zeichnen
Essen
Trinken
Die Kerze entzünden

Warten

Verfasst: Freitag 27. März 2015, 12:48
von Suraya Ayana Yazir
Schon lange bestritt Sahid den Weg von dem Suraya anfänglich nichts wissen durfte und sie vertraute ihm. Nacht um Nacht verabschiedete sie ihn und hoffte auf seine morgendliche Rückkehr. Am Anfang war es schwer, doch mit der Zeit wurde es Gewohnheit. Mit dem Gedanken das er einen Morgen vielleicht nicht mehr nach Hause kommen könnte beschäftigte sie sich nicht, der Gedanke war zu Angsterfüllt, zeitgleich war es aber auch ein beruhigendes Gefühl das er dann auf die gemeinsame kleine Sonne Acht geben würde und auf sie hinabsehen würde. Wenigstens sie waren dann vereint. Seit nunmehr fast einem Jahr schlief sie mehr oder weniger allein, aber hörte sie deshalb auf ihn zu lieben? Nein.

Es war wieder einer dieser Tage als sie ihm das Proviant für die Nacht packte und ihm einen Zettel dazu versteckte:


Ranim,

ich werde dich immer lieben, egal was passiert.
Finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen.
Vergiss nicht auch der dunkelste Brunnen spiegelt das Licht der Sterne.


Suraya

Verfasst: Samstag 18. April 2015, 12:25
von Sahid Ibrahim Yazir
Kapitel 9 - Wenn einer eine Reise tut

Auf allen Vieren kam er zu sich in der Welt der drei Sonnen und zwei Monde. Sie waren das erste, das er erblickte, nachdem sein Körper seinem Geist wieder gehorchte und er sich mit leisem Ächzen erhob. Er sah an sich herab.

Alles noch dran.

Als nächstes erblickte er den Maleem, der sich ein Stück weit hinter ihm ebenfalls aufrappelte. Er war da, der Maleem war da. Doch wo war "da"? Abermals sah er hinauf zum blutroten Himmel. Noch immer standen dort in großem Abstand versetzt drei Sonnen und zwei Monde, die gleichzeitig in unterschiedlichen Formen und Größen am Himmel standen. War es ein morgendlicher oder ein abendlicher Himmel? Es war schwer zu sagen. Der Blick des Charims wanderte hinab zu seinen Stiefeln. Diese standen auf trockener, toter Erde. Tiefe Spalten und Furchen zogen sich wie Risse durch sie hindurch, ihnen folgend hob Sahid den Kopf.

Eine endlose Durrah aus harter, toter Erde.

Ein kurzer Blick über die Schulter. Imraan stand schweigend hinter ihm, und er hatte nicht das Gefühl, dass es angebracht wäre, ein Wort mit ihm zu sprechen. Wie ein Zuschauer stand der Maleem da, ihn mit einem Blick musternd, der mal prüfend und mal nachdenklich auf ihm ruhte. Ansonsten gab es zwischen den beiden Männern, die völlig alleine in dieser trostlosen Welt standen, keine Kommunikation. Nur der kurze Blick, das genügte.

Der Maleem wird sich zurückhalten, ich bin auf mich alleine gestellt.

Erneut sah er sich um. Ganz in der Ferne glaubte er, eine Art Gebirge zu erkennen, doch sicher war er sich nicht. Anzeichen von Leben jedoch fand er nicht. Keine Blume, keinen Strauch, kein Baum und kein Tier, nichts war hier außer den beiden Menekanern. Da hörte er die Stimme in seinem Kopf.

GENUG HERUMGESTANDEN, SAHID. BEWEG DICH.

Bei der Mara. Ohne es zu wissen wusste er, wer zu ihm sprach. Es gab nur einen, der außer ihnen beiden hier sein konnte: Der Dschinn des Maleems. Hatte er es in der Ausbildung neda wieder und wieder verinnerlicht? Der Hadcharim ist niemals alleine. Statt zu antworten tat er, wie die Stimme ihm geheißen hatte. Leise knirschend setzte er sich in Bewegung, einen Schritt nach dem anderen, und schweigend folgte ihm der Maleem als sie in Richtung des fernabliegenden Gebirges loszogen.
Den ganzen Tag lang stapften die beiden Männer in ihren schweren menekanischen Rüstungen schweigend in Richtung des Gebirges. Sie sprachen auch weiter kein Wort, nicht als es Abend wurde und nicht als es Nacht wurde.

Nur eine Sonne erhellte noch schwach glimmernd den Himmel, die Monde leuchteten heller als am Tag, als noch alle drei Sonnen unbarmherzig glühend auf die Männer herabgeblickt hatten. Weiterhin schweigend sanken sie auf ihre Knie, schlossen die Augen, fanden Ruhe im Atem, kehrten ein in die Meditation. Dunkelheit umgab Sahid und als er die Augen wieder öffnete, war ein neuer Tag herangebrochen. Zumindest erhellten nun wieder alle fünf Himmelskörper den blutroten Himmel und abermals hörte er die eindringliche Stimme in seinem Kopf.

BEWEG DICH. CHARIM.

Auf diese Weise verging Tag um Tag. Sie schritten vorwärts, auf das Gebirge zu. Immer wenn die drei Sonnen hoch am Himmel standen, marschierten sie schweigend und immer, wenn die Nacht - die nie wirklich dunkel war - hereingebrochen war, sammelten sie Kraft und Ruhe in tiefer Meditation, um frischen Geistes die Monotonie des folgenden Tages überstehen zu können. Sie verspürten weder Hunger noch Durst, keine körperlichen Bedürfnisse beeinflussten sie in dieser Welt. Am Morgen rief die Stimme zum Aufbruch, tagsüber wanderten sie durch die Einöde und Nachts versanken sie in traumloser Dunkelheit.

Drei Wochen vergingen so. Hatte es in den ersten Tagen lediglich den Anschein gemacht, das Gebirge käme keinen Schritt näher an sie heran, so war es nach zwei Wochen Gewissheit geworden. Es war, als bewegten sie sich auf der Stelle. Es gab keine Orientierungspunkte, keine Hinweise, nichts außer den tiefen Rissen im Boden. Diese waren manchmal dünn wie kleine Äste, manchmal mussten die beiden Männer sie umgehen oder sie durch klettern überwinden, weil sie derart an Größe gewonnen hatten.

Am dritten Tag der dritten Woche, zur dritten Stunde des Marsches dann war es soweit. Einer der Risse tat sich vor ihnen als Weg auf, als Weg, der hinabführte, sich schlängelnd und windend wie ein Bergpfad. Doch statt auf einen Gipfel, führte dieser Pfad hinein in die Erde.

IMRAAN WIRD HIER AUF UNS WARTEN. DU KOMMST MIT.

Der Dschinn hatte gesprochen und zum ersten Mal, seit die Reise begonnen hatte, fühlte Sahid Zweifel in sich aufkommen. Würde er vor den Beni Geraghi bestehen oder würden sie ihn ablehnen, wie sie schon so viele vor ihm abgelehnt hatten? War er würdig und vor allem, war er wirklich bereit für diesen Schritt, der - so oder so - sein Leben für immer verändern würde? Ein letzter Blick über die Schulter zu seinem Meister, abermals trafen sich die Blicke der beiden. Worte waren nicht nötig. Ein knappes Nicken Imraans zum Abschied, ein ebenso knappes Nicken von Sahid zum Dank für alles, was er für ihn getan hatte. Für jedes Gespräch und jeden Tropfen Schweiß und Blut, die im Laufe der Ausbildung geflossen waren. Sie beide waren nie Männer gewesen, die ihre Gefühle im Überschwang nach außen trugen und so hielten sie es auch bei diesem Abschied. Dann folgte Sahid dem Weg hinab in den Boden, während sein Meister, sein Freund, zurückbleiben musste.

WIR WERDEN GLEICH ZU EINEM TOR KOMMEN. DIE ANDEREN ERWARTEN DICH SCHON. BEANTWORTE IHRE FRAGEN, SIE WERDEN ENTSCHEIDEN, OB DU WÜRDIG BIST.

So tief war er inzwischen herabgestiegen auf dem felsigen Weg, dass das Licht der drei Sonnen kaum noch die Schritte erhellte. Da tat sich vor ihm eine kleine, offene Fläche auf, man konnte sogar weit, weit oben wieder die Himmelskörper sehen. Gegenüber dem kleinen, offenen Rund, auf dem er nun stand, war das Tor. Mächtig und gewaltig ragte es in den Fels. Blau leuchtende Runen umgaben es, die schimmerten und leuchteten und die Szenerie in ein unheimliches, mystisches Licht tauchten. Und doch fühlte er sich nicht alleine oder verloren. Hinter diesen Toren warteten Mächte auf ihn, die so viel größer waren als er selbst, und doch spürte er keine Gefahr.

Sahid schloss die Augen. Sein Herz war schwer wie ein Stein und zugleich leicht wie eine Feder. Er durfte mit den Beni Geraghi sprechen, er hatte sich diese Ehre verdient. Die Hand fuhr in die Seitentasche und wühlte dort, bis sie einen kleinen Zettel in Händen hielt. Es war die Nachricht, die Suraya vor kurzem in seinem Proviant versteckt hatte. Mit festem Griff umklammerte er die Worte seiner Rani.

Ein Ruck ging durch seinen Körper.

Brust raus, Kinn nach oben Sahid. Sei ein Mann. Sei ein Janitschar.