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Sehnsucht
Verfasst: Mittwoch 1. März 2006, 17:12
von Morgwen
Es war nicht einfach nur dunkel, vielmehr war es pechschwarz. Morgwen hatte den Kopf in den Nacken gelegt und der Blick aus den nebelgrauen Augen blickte suchend gen Himmel. Vor einigen Stunden war der glühende Feuerball hinter dem unendlichen Horizont verschwunden und nun wartete die Welt auf die Ankunft des nächtlichen Königs. Samtig schimmernd kündigten die Sterne sein Kommen an. Keinen Augenschlag dauerte es mehr, bis der vollkommene runde Himmelskörper sein ersehntes Antlitz der schlafenden Welt offenbahrte und sie in sein zartes silbriges Licht tauchte. Mit einem freudig erregten Heulen begrüßte Morgwen ihren stetigen und einzigen Begleiter, während sie aufgeregt mit den Pfoten scharrte. Es war bei Weitem nicht ihre erste Vollmondnacht, doch sie schauderte jedesmal unter diesem Schauspiel auf. Dieser eine Augenblick, der nicht länger als ein Wimpernschlag verweilte, entschädigte sie immer wieder für all das Leid, mit welchem sein Erscheinen verbunden war.
Morgwen hatte sich in ihr Schicksal gefügt. Auf die Jahre der Selbstaufgabe waren die Jahre des Kampfes gefolgt. Ihr menschlicher Teil war gegen den Tierischen angegangen und umgekehrt. Ein manches Mal hatte es sie so zerissen, dass sie sich nach den Zeiten gesehnt hatte, in denen ihr Verstand noch nicht in der Lage gewesen war zu begreifen was mit ihr geschah. Nach Zeiten, in denen ihr die Erinnerung nicht mehr als kleine Fetzen von Gefühlen und Eindrücken hinterließ. Und auch wenn sie selbst heute noch nicht befähigt war, den gesamten Umfang ihres Wesens zu ermessen, so hatte sie sich mit ihm arrangiert. Sie teilte ihr Leben mit dem Wolf in sich. Er war ein Teil ihrer selbst geworden, genauso wie das allgegenwärtige hässliche Lachen in ihrer Seele. Die Schuldgefühle und die Trauer waren vernarbt, wenn auch die Spuren noch tief saßen. Selbst an die Einsamkeit hatte Morgwen sich scheinbar gewöhnt. Ein Leben unter Menschen erschien ihr unvorstellbar. Der dunkle Wald war ihr Zuhause geworden, der einzige Ort an dem sie sich sicher fühlen durfte - egal in welcher Gestalt.
Und doch war seit einiger Zeit etwas anders. Es war nicht nur mehr der Wolf, der sich in ihrem Inneren regte. Ein Gefühl, welches sich ihrer Seele mit festem Griff bemächtigte, suchte sie heim. Zu Anfang konnte Morgwen es nicht einschätzen. Doch je mehr es sich in ihrem Bewußtsein manifestierte, desto mehr konnte sie ihm seine Bedeutung zuordnen. Sie gab ihm den Namen "Sehnsucht", wenn auch ihr nicht klar war worauf es sich bezog. Bis zu jener Nacht, in der sie Sie zum ersten Mal in ihrem Wald umherstreifen sah. Trotz der gemalten dunklen Erdspuren auf ihren Wangen strahlte ihre helle Haut im Lichte des Mondes. Eine weiche Lederrüstung umschmeichelte den kräftigen aber dennoch weiblichen Körper. Geschickt war sie auf der Jagd nach den Rehen und Hirschen, nahezu lautlos vermochte sie sich über den waldenen Boden bewegen. Doch nicht leise genug für Morgwens Ohren. Sie hatte ihre Fährte aufgenommen.
Seit einigen Vollmonden war sie ihr auf der Spur - so auch in dieser Nacht. Den Speer in den Händen, Pfeil und Bogen auf dem Rücken, setzte sie Fuß um Fuß voran. Sie musste vor nicht allzulanger Zeit ein Tier erlegt haben, der Geruch des frischen Blutes stieg in Morgwens Nase und trieb wiederum ihr Blut in Wallung. Der Moment, in dem Morgwen erkannte, dass sie die Einsamkeit nicht mehr länger ertrug, war gekommen. Sie hatte diese Menschenfrau für sich erwählt.
Auf leisen Pfoten schlich sie sich Meter um Meter an die Unwissende heran. Hier und da knackte das Unterholz auf, doch Morgwen wusste, dass die Frau sie im Dickicht des nächtlichen Waldes nicht ohne Weiteres entdecken würde. So machte sie sich ein Spiel daraus, sie durch das gezielte Treten auf Äste und Zweige in Unbehagen zu versetzen. Schließlich ließ sich die Frau auf einer kleinen Lichtung nieder, einen Pfeil an den Bogen legend, wenn auch die Sehne noch nicht spannend. Mit der rauhen Zunge leckte sich Morgwen über die grau schattierte Schnauze. Es war soweit. Sie hatte sich kein leichtes Opfer ausgewählt, doch umso mehr würde sie es zu einem späteren Zeitpunkt schätzen. Morgwen hob eine Vorderpfote und setzte zum Sprint an. Ihr grau-silbrig gemustertes Fell bauschte sich unter dem Windstoß der schnellen Bewegungen auf. Die weißen Reißzähne blitzten auf, gebleckt, bereit zuzubeißen. Zu spät erkannte die Frau die sich nähernde Gefahr. Hastig ließ sie den Bogen fallen, versuchte ihr Glück mit dem Speer. Doch auch jener vermochte ihr nicht zu helfen, war Morgwen schon zu nahe an ihr dran, als dass er zum Einsatz hätte kommen können. Auch das kleine Jagdmesser in der Hand der Menschin ließ die Wölfin unbeeindruckt. Nicht der Tod war ihr Ziel, im Gegenteil - auch wenn das für die Menschenfrau im Moment sicherlich anders aussah. Ihre scharfen Zähne fleischten sich in eine unbedeckte Stelle ihres Armes - der eiserne Geschmack des Blutes mischte sich mit Speichel. Nur für den Bruchteil eines Augenblickes währte ihr Biss, dann veranlasste sie ein seltsam anmutendes Schaudern von der Frau abzulassen und ins Unterholz zurückzupreschen.
In sicherem Abstand blieb sie stehen, leicht verwirrt ob jenen Schauers. Doch da er nur wenig Sekunden anhielt, ließ sie ihm keine weitere Beachtung zu kommen. Triumph stahl sich in ihre Augen, während der Blick sich auf der Frau verankerte. Deren Kehle war nach einem spitzen Schrei schon wieder verstummt, ihre Hand presste sich auf die gerissene Wunde. Morgwen öffnete die Schnauze zu einem langgezogenen Heulen. Dann verschwand sie im Dickicht des Waldes, die Frau sich selbst überlassend.
So sie stark genug war, würden sie sich bald wieder sehen ...
Verfasst: Mittwoch 1. März 2006, 18:34
von Akyrlaer
Langsam, mißtrauisch strich der Blick der Frau über die Bäume des Waldes. Die Wölfin war fort. Scheinbar. Weshalb dieser Angriff? 'Verdammt, Du hast Dich einwickeln lassen wie eine blutige Anfängerin.', schoß es ihr durch den Kopf. Keine Zeit für Vorhaltungen. Kein Grund hier zu verweilen. Kein Grund, das Spiel nicht nach ihren Regeln zu spielen. Hier im Wald war die Wölfin im Vorteil. Das wußte sie. Sie mußte hier fort.
Nachdenklich schaute sie auf ihren linken Arm, dorthin, wo eine Wunde sein sollte. Es war ein Reflex gewesen, eine unüberlegte Handlung, ein spontaner Ausbruch tief im Inneren, als der Schmerz des Bisses den Muskel empor kroch und ihr wie glühende Messer ins Gehirn stach. Solange eine Wunde blutete, war sie sauber. Geradezu hohnlachend sah der mit Blut und Speichel verschmierte Arm sie an schien es ihr. Sie würde die Wunde nachher wieder öffnen müssen. Nachher. Jetzt mußte sie erst einmal fort. Bajard war nicht weit. Erst einmal fort aus dem Wald.
Sie atmete tief durch, als sie den Wald hinter sich ließ. Hier draußen auf freier Flur hatte es sich ausgepirscht. Warum bloß hatte die Wölfin sie angefallen? Für eine Frau war sie klein, ja, aber doch bedeutend größer als ein Kind. Wölfe fielen keine erwachsenen Menschen an. Außer sie waren toll. Ihr wurde übel. Sie war ein mal von einem tollwütigen Wolf angefallen worden und die Krankheit hatte sie fast umgebracht damals. Zu gut erinnerte sie sich an den Schmerz bei jedem Atemzug, den Druck auf dem Brustkorb, so als läge ein gewaltiger Fels darauf, der einem die Rippen zermalmte. Das trockene Gefühl im Mund. Sie leckte sich über die Lippen. Aber warum hatte die Wölfin dann von ihr abgelassen? Was bezweckte sie damit?
Ihr rechter Handrücken wischte über ihre Stirn. Schweiß und Hitze. Normal. Du wurdest gerade angefallen. Es ist nichts. Zeit die Wunde abermals zu öffnen. Vier Stiche mit dem Jagdmesser, noch mehr Stiche, doppelt gebrannter Schnaps, das sollte reichen. Sie drückte noch etwas Blut aus der Wunde heraus und sah gen Himmel hoch zum Mond. Du findest das alles furchtbar komisch oder? Sie taumelte. Es war spät. Sie war müde. Sie brauchte Ruhe, guten, gesunden Schlaf. Schlaf war die beste Medizin. Dennoch, konnte sie sich jene leisten?
Sie wandelte. Mal in ihrem Körper, mal außen vor. Alles war in ein rötliches Licht getaucht. Fieberträume waren schlimm. Manchmal vergaß man in ihnen zu atmen. Gerade für Säuglinge eine erhebliche Gefahr, aber auch Erwachsenen verlangten sie vieles ab. 'Atmen' wollte sie denken. Aber in Träumen dachte man nicht.
Sie sah sich stehen in Caenia, messerscharfe Eiszapfen prasselten vom gefrorenen Himmel herab, durchbohrten ihren Leib wie Lanzen. Sie schrie aber sie erwachte nicht. Es war unmöglich, in gewöhnlichen Träumen zu sterben doch in den Fieberträumen die sie heimsuchten gab es nichts, das unmöglich war. Ilvenianan, das Weltenend, das Chaosmeer, das die Götter gebar und in das bereits einer von ihnen eingetaucht ward, sie schwamm darin, ihre Form verlierend, löste sie sich auf. Sie schaute von oben herab zu, die Fratze des Mondes grinste sie höhnisch an, gräulicher Speichel tropfte von den Lefzen seiner verzogenen Schnauze, sie fiel, verlor sich ganz. Wo bin ich?
Ilcaen, die fruchtbaren Lande nahe der heißen Quellen ihrer Heimat. Dort waren ihre Eltern, ihr ganzer Stamm war zusammen gekommen. Aus leeren Augenhöhlen starrten sie sie an, die von Maden und Würmern zerfressenen Gesichter der Untoten folgten ihr auf Schritt und Tritt. Sie sah herab auf ihre Hände. Blanke Knochen. Als sie den Blick hob schäumten die Geysire über, spien heiße Gase empor, die sich an der Luft entzündeten. Ein Flammenmeer, das sie alle verzehrte. Träume ich? Oder ist dies alles wirklich passiert?
Sie erwachte schweißgebadet. In ihrem Kopf dröhnte es so als hätte sie eindeutig zu viele Flaschen billigen Fusel getrunken. Verschlafen sah sie sich um, dann an sich herab. Ihr Nachthemd, das ganze Bett war klitschnass. Sie brauchte ein Bad. Die Kühle würde ihr gut tun. Und etwas zu trinken. Ja.
Sie brauchte einen klaren Verstand jetzt. Man verlangte nach ihr. Sie mußte da sein. Sie mußte funktionieren. So wie immer. Taumelnd begab sie sich zur Tür hin, die rechte an ihre heiße Stirn legend. Wohin hatte sie nur die Waschschüssel verschlampt?
Verfasst: Donnerstag 2. März 2006, 16:45
von Akyrlaer
Nebelwelten. Wie oft war ich schon hier gewesen in meinen Träumen? Zu oft. Caenia war mir ein Zuhause geworden, eine zweite Heimat, so trostlos, so feindselig, so kalt, hier war mein Platz, schon immer gewesen. Hier gehörte ich hin. Und ich weiß, daß sie an den Pforten Caenias auf mich warten. Sie.
Sie war eine von ihnen, formlos, gestaltlos, todlos, zeitlos. Friedlos. Hier regierte der Krieg in all seinen Facetten und ich weiß, es waren auch meine Gedanken, die einen solchen Ort erschaffen hatten und aufrecht erhielten. Doch etwas war heute anders.
Das fahle Licht, das sich an den Eisgebirgen brach schien heller, kälter noch. Die Eisdecke, die alles überspannte, Caenia trennte von den anderen Nichtwelten des Abgrundes, sie glomm in einem matten weiß, wo sie sonst eisblau war. Irgendetwas war dort oben, jenseits dieser Decke von der beständig Eiszapfen tropften, irgendwo dort gab es Licht. Unmöglich. Wo Licht war, war Leben, war Hoffnung. Aber nein, Licht war warm. Doch hier, an diesem Ort, der so kalt war, daß sogar die Zeit gefror, was sollte hier schon Wärme spenden?
Und doch kam das Licht zurück, langsam, Stück für Stück freigegeben. Von was? Die anderen hier sahen es nicht minder verwundert, die Klauen, Tentakeln, Pranken und Klingen noch zum Schlag erhoben. Caenia war Stillstand. Nichts würde sich ändern. Weshalb sollte es das?
Die Eisdecke zersplitterte. Ich suche Schutz unter den Leibern einiger Gefallener, warte ab, bis die hellen Klänge der auf dem gefrorenen Eisland zersplitternden Lanzen verklugen ist ehe ich mich wieder hervor wage. Der Himmel ist weiß. Wolken? Irgendetwas scheint durch sie hindurch, dort wo sie den Boden berühren formen sich Eisblumen, ranken in den Himmel empor, umschlingen die, welche ihnen zu nahe kommen, zerschneiden ihre Leiber mit ihren scharfkantigen Zweigen. Eine neue Macht an diesem Ort. Wir sehen einander an, grimmig, entschlossen. Jedes Stück Macht ist es wert, darum zu kämpfen. Wir sind uns einig.
Die Geflügelten steigen auf, doch wo immer die Strahlen sie berühren fallen sie, verwandeln sich in flügellose Kreaturen mit reißenden Mäulern, noch im Sturz erfrieren sie und zerbersten am Boden in feinste Splitter. Auch wir verwandeln uns, das Licht, das von den Eiskristallen tausendfach gebrochen wird, es trifft uns, gleitet durch uns hindurch.
Ich lasse die Eisklinge fallen, meine ungelenken Pfoten, sie können sie nicht halten und doch, die Klauen die mir wachsen, sie sagen mir zu. Ich fühle mich großartig, ich will beißen, reißen, ich will mit meinen Fängen Kehlen zerfetzen, jagen, schlagen, meine Beute zu Tode hetzen, ich fühle mich frei im Rausch des Blutes, das an mein Ohr pocht.
Ich stürze mich auf sie und sie auf mich, ein Knäuel aus Leibern, Klauen und Fängen, die Macht am Himmel, vergessen für diesen einen Augenblick der Lebendigkeit und so sehen wir nicht wie die Eisdecke über uns wieder zuwächst, das Licht nimmt ab, verglimmt, zurück bleibt nur ein leichter Schleier. Meine Sicht ist grau. Es dauerte eine Weile, bis man sich wieder an die Finsternis dieses Ortes gewöhnte. Aufschreie rings um mich herum. Der Eisnadelregen hatte wieder eingesetzt. Ein Stich an meiner Hüfte, ich schreie auf, unbewußt, unmenschlich, die Wände vibrieren vom Hall, zersplittern, sprengen weitere Eisnadeln durch die Luft, meine Ohren zittern, mein Trommelfell vibriert und reißt. Mein Leib ist gespickt, jeder Atemzug eine Qual. Aus Augen, Ohren, Mund und Nase quillt mein Blut. Es riecht eigenartig. Anders als sonst. Ich bin nicht bei mir. Ich sterbe. Mal wieder. Hier regiert der Krieg mit all seinen Facetten. Doch was bei den neun Toren Caenias war dies?
Ich werde müde. Ist normal in einem solchen Moment. Irgendwo hier werde ich wieder erwachen. Scheinbar gesund. Scheinbar lebendig. Was war dies für ein Licht und weshalb ließ es uns fühlen? Gefühle paßten nicht an diesen Ort. Sie waren zu warm. Schmerz und Hass brannten kalt. Sie hatten ihren Platz an diesem Ort. Das Licht gehörte hier nicht her. Wer hatte es hierhin gebracht und weshalb? Schwärze.
Verfasst: Freitag 3. März 2006, 14:15
von Akyrlaer
Als ich aufwachte fühlte sich mein Schädel an als hätte Thancred versucht, ein Schwert daraus zu schmieden und diese Hitze wallte wieder durch meinen Leib. Meine Sicht war rot getrübt, ein Blick in den Spiegel verriet mir, daß meine Augen blutunterlaufen waren. Mußte mir wohl in meinen unruhigen Träumen den Kopf gestoßen haben. Ich erinnere mich nicht mehr. Geronnenes Blut aus meinem linken Ohr. Kein gutes Zeichen. Wo bin ich gewesen?
Schmerzen an meinem linken Knie. Ich sehe hinab, schwankend wie auf hoher See erblicke ich den Stuhl. Mir ist speiübel aber dennoch versuche ich das wenige Essen, das ich zu mir genommen habe, bei mir zu behalten. Ich brauche meinen Tee.
Das Fieber war immer noch nicht zurück gegangen. Drei Tage nun schon kochte mir das Blut in den Adern. 'Nimm einen Schluck Tee, dann wird es besser.'
Ich reiße meine Gedanken vom hier und jetzt los, ergreife die Tasse, setze sie an die Lippen und trinke das lauwarme Gebräu aus. Bitterer Geschmack von Nachtschatten, vermengt mit Honig auf meinen Lippen. Das war gut gegen das Fieber. Auf die eine oder andere Art.
Wie viel davon hatte ich heute schon getrunken? Spielt keine Rolle mehr möchte ich mir sagen. Tut es aber. Ich war zäh geworden gegenüber Giften im Laufe der Jahre und doch, irgendwo war immer der Gipfel erreicht und danach ging es nur noch bergab. Irgendwann wird es mich umbringen. Ist mir egal, ich brauche einen klaren Kopf. Wenn nur das Hämmern unter meiner Schädeldecke endlich aufhören würde.
Ich lasse mich schwer auf den Stuhl fallen und stütze meinen Kopf in meine Hände. Schlanke, grazile Finger auf meiner rechten Schulter. 'Was ist mit Dir?', dringt es an mein Ohr. Ich möchte die Hand abschütteln, sagen, daß alles in Ordnung ist, aber mir fehlt die Kraft dazu. Ja, was war überhaupt los mit mir?
Nichts. Nichts ist los. Ich bin einfach nur krank. Ich habe Fieber. Sowas kommt vor um diese Jahreszeit. In ein paar Tagen bin ich wieder auf den Beinen. Alles wird gut. Unterschätze niemals die Kraft der Selbsttäuschung. Wenn Du Dir nur lange genug einredest, daß mit Dir alles in Ordnung ist, dann kommen Wahnsinn und Erkenntnis schon von ganz allein. Weitere Worte an meinem Ohr die ich nicht verstehe. Liegt wohl am Blut. Ob sie wußte, wo sie letzte Nacht gewesen war?
Dieses Zimmer war zu eng. Jedes mal wenn ich den vom Nachtschatten und der Krankheit verklärten Blick anhob schienen die Wände ein Stück näher gerückt zu sein. Luft. Ich brauchte Luft.
Tollkirschen waren gut um den Kater und die Müdigkeit, die der Nachtschattentee in einem weckte zu bekämpfen. Aber sie verursachten auch Herzrasen. Die Atmung wurde schneller und flacher und ja, sie verstärkten das Fieber. Aber sie halfen beim Denken und schärften die Sicht. Beides hatte ich gebraucht.
Ich war abgehauen. Hatte diese kalten Mauern hinter mir gelassen, bin in den Wald zurück wo es begonnen hatte. Es war tiefste Nacht gewesen. Eine dünne Schneeschicht lag noch auf dem gefrorenen Boden, aber mir war heiß gewesen. Wenigstens etwas gutes. Jetzt weiß ich auch wieder, woher das Blut gekommen war. Ich hatte gejagt. Hatte einfach nur um zu sehen ob ich es noch konnte ein Reh erlegt und ... hatte ich es wirklich fast gänzlich verspeist?
Auf dem Rückweg bin ich wieder einem Wolf begegnet. Ob es derselbe gewesen war? Oder dieselbe? Keine Ahnung, wer konnte das in der Dunkelheit schon sagen. Wieso hat er mich nicht erledigt? In meinem Zustand mußte ich für ihn kaum mehr als Beute sein. Dennoch hatte er mich nur angestarrt und gehechelt. Wie der Schwanz hin und her ging... er wollte spielen. Mit mir? Hmpf, ein tödlicher Reigen wohl.
Ich nahm die getränkte Bandage aus der Wasserschüssel und legte sie mit über die Stirn. Das tat gut. Wieso hatte der Wolf neulich mich angefallen, es aber nicht zuende bringen wollen? Wollte er mich aus seinem Revier verjagen? Möglich, aber zu menschlich. Wölfe ließen nicht ab. Wieso hatte diese Wölfin von ihr abgelassen? Ich brauchte noch etwas Tee um klar denken zu können.
Verfasst: Samstag 4. März 2006, 15:04
von Akyrlaer
Unruhig tigerte sie im Raum hin und her. Das wie vielte mal war sie in dieser Nacht jetzt hoch geschreckt? Sie wußte es nicht mehr. Unwohl sah die andere Frau im Raum sie an. "Du solltest noch etwas schlafen.", meinte sie nur ruhig.
Schlafen. Woher denn? Wie denn, bei all dem Mist den man träumte? Sie setzte sich langsam wieder aufs Bett, nahm eine der getränkten Bandagen und legte sich diese auf die Stirn. Mit zittrigen Fingern tastete sie nach einem Nachtschattenblatt aus ihrem Kräuterbeutel, steckte es sich in den Mund und zerkaute es.
Irgendetwas hatte sie geträumt diese Nacht, wieder und wieder, aber die Erinnerung war blass. Die Wölfin kam darin vor, das wußte sie. Sie beide kämpften aber irgendwie, das war nicht sie selbst. Wenn sie kämpfte, dann um zu töten. Sie kämpfte nicht zum Spaß, nicht um zu üben. So hielt sie sich bereit. Sie spielte manchmal mit der Beute, ja. Aber sie ließ sie nicht entwischen. Sie kämpfte um zu siegen, tötete um zu leben. Kampf ist mein Leben. Glaube ist mein Leben. Kampf und Glaube sind eins. Ich kämpfe nicht halbherzig. Glaube nicht halbherzig. Ganz oder gar nicht. So war es schon immer gewesen.
Nun mußte sie gegen diese Krankheit ankämpfen. Sie spürte die Wallungen in sich, Hitze, aber auch Zorn. Zorn war eine Waffe, so wie sie eine war. Wenn man kämpfte, dann mit allen Mitteln die einem zur Verfügung standen. Unfaßbar. Nieder gestreckt von einer Krankheit. Aber noch war es nicht vorbei. Noch lange nicht.
Worte. Irgendetwas von Ruhe. Sie bekam nur die Hälfte mit. Ruhe, Ruhe war etwas für die anderen. Sie hatte ein rastloses Leben gewählt. Sie wollte keine Ruhe. Sie hatte schon genug davon gehabt und sie hatte ihr nicht geschmeckt.
Sie mußte raus hier. Irgendeine Frage hatte sie die Tage beschäftigt. Welche war es bloß gewesen? Egal. Die Antwort lag nicht hier drinnen, in diesem Raum. Die Antwort war dort draußen. Irgendwo. Irgendwo in dem Wald wo alles begonnen hatte. Das spürte sie. War es klug, dorthin zurück zu kehren? War es weise? Andererseits, war es klug es zu verleugnen? Ruhe. Nein.
Verfasst: Montag 6. März 2006, 19:53
von Akyrlaer
Die junge Frau kräuselte ihre Nase und öffnete schmunzelnd die Augen. Sich mit dem linken Handrücken über die linke Wange wischend sah sie zu der anderen hinab. "He, was sollte das denn?", fragte sie mit schelmischem Unterton. Ihr Blick ging zum Fenster. Es war noch dunkel draußen.
"Was sollte was denn?", kam die verschlafene Antwort.
"Das Geschlabber gerade."
"Geschlabber?"
"Ja. Du hast mir über die Wange geschleckt."
"Nein hab ich nicht." Sie drehte sich um und mummelte sich wieder in die schweißnasse Decke.
"Doch hast Du."
"Das wüßte ich.", kam gähnend die Antwort. Die Augen hatte sie schon wieder geschlossen. Nein, hatte sie wirklich nicht. Weshalb sollte sie derlei tun? Und selbst wenn, dann würde sie sich doch daran erinnern?
Erinnern. Sie hob den linken Mundwinkel an, die Zähne entblößend. Sie erinnerte sich an wenig der letzten Tage. Sie wußte nur zweierlei. Das sie hohes Fieber hatte. Und daß sie sich gestern frei gefühlt hatte.
Langsam drehte sie sich auf den Rücken und blickte zur anderen Frau im Raum. Jene sah sie nur verständnislos und besorgt an. Hatte sie es vielleicht unbewußt doch getan?
Ihre linke Hand tastete nach der Teetasse auf dem Nachttisch. Sie nahm einen großen Schluck daraus. Sie war seit einigen Tagen krank. Gelegentlich verwirrt und orientierungslos. Sie hatte im Rausch der Freiheit vergessen zu trinken. In einem solchen Zustand sollte man sein Heilmittel nicht vergessen. Niemand wußte, was sonst passieren konnte.
Sie stetzte die Tasse ab, stützte sich mit beiden Händen nach hinten ab und blickte zu ihrer Heilerin. Hatte sie dies nun wirklich getan? Weshalb sollte sie dies tun? Menschen taten derlei nicht. Schmiegen, ja. Nähe, Vertrautheit, Zärtlichkeit austauschen. Ja. Aber so etwas? Das taten keine Menschen. Was war bloß mit ihr los?
Sie ließ sich wieder in die Kissen sinken, nahm eine nasse Bandage aus der Waschschüssel und legte sich diese über die Stirn. Nichts, nichts war mit ihr los. Nur Fieber. Es würde wieder vergehen.
Ihr Blick fiel aus dem Fenster gen des zunehmenden Mondes. Eine Weile musterte sie jenen, so als könnte er ihr eine Antwort geben, ehe ihr die Augen wieder zu fielen. Es war noch zu früh. Zu früh.
Sorgenvollen Blickes betrachtete die andere Frau sie, dann ging ihr Blick zum Fenster.
Verfasst: Donnerstag 9. März 2006, 22:09
von Akyrlaer
Als sie erwachte schmeckte sie den bitter-metallischen Geschmack von Kupfer auf ihren Lippen. Sie öffnete die Augen, wischte sich mit den Fingerspitzen über den Mund und betrachtete jene. Etwas rotes klebte daran. Sie kostete davon und verzog das Gesicht. Blut.
Widerwillig leckte sie sich über die Lippen. Hm nein es war nicht ihr eigenes, dessen Geschmack kannte sie. Dieses hier schmeckte irgendwie herzhafter. Keines von Menschen. Aber wie war es dahin gekommen?
Langsam drehte sie sich auf die Seite und sah sich im Raum um. In ihrem Bauch gluckerte es und unwillkürlich strich ihre linke Hand über diesen. Er war gut gerundet. Sie mußte gestern ganz ordentlich zugelangt haben. Ein gutes Zeichen, war sie die Tage doch eher appetitlos gewesen. Nur was hatte sie gegessen? Es stand kein Teller im Raum. Ob sie diesen schon weggeräumt hatte? Warum nur erinnerte sie sich dann nicht daran, nicht einmal daran, überhaupt gegessen zu haben?
Dennoch, irgendwie ging es ihr heute schon besser. Ja, sie fühlte sich... gut? Ihre Hand ging zur Stirn, noch immer Fieber. Wieder dieselben Träume. Dennoch fühlte sie sich frei. Freiheit heißt alle Hoffnung verloren zu haben. Wohl auch die Hoffnung auf Genesung. Kurz schloß sie die Augen. Mit einem Schlag fühlte sie sich wieder müde. So früh am Tag bereits. Oder war es bereits wieder Nachmittag? Sie wußte es nicht, sie hatte in den letzten Tagen und Nächten jegliches Zeitgefühl verloren. Sie wußte, wann es Abend war. Wenn sich alle Nackenhaare aufstellten, wenn sie unruhig wurde und das Fieber weiter zunahm, dann zog die Nacht auf, die ihr keine Ruhe gönnte, die sie sich hin und her wälzen ließ mit einem Gefühl, als würde ihr Körper innerlich kochen, verbrennen, bis die kühle Morgenluft ihr etwas Linderung verschlaf und sie in ihre dämmerigen Träume versinken ließ. Sie war ein Nachtmensch, schon immer gewesen, aber das war ihre Art. Dafür hatte sie sich entschieden. Über manche Dinge hüllte man besser einen Mantel aus Schatten und Finsternis. Es war ihre freie Entscheidung gewesen, doch dies hier, das ließ ihr keine Wahl. 'Keine Ruhe den Gottlosen und die Gerechten benötigen keine.' durchfuhr es ihre Gedanken.
'Du bist verloren, verdammt und gefallen.' Das hatte sie nie zu verleugnen versucht und doch, erst jetzt wurde ihr dies so recht bewußt.
Langsam schloß sie die Augen. Da war es wieder. Dieses Gefühl der Unruhe und Anspannung. Sie brauchte keine Sonnenuhr, kein Sandglas und auch nicht diese zwergischen Apparaturen mit ihren Zeigern. Der Abend näherte sich. Zwei Stunden, dann ging die Sonne unter und ein bleicher Mond, dessen fahles Licht die Nacht erhellte zog auf. Früher hatte sie sich an diesem Anblick erfreut. Doch heute wünschte sie sich nichts mehr als einen Tag ohne Abend.
Sie seufzte leise und drehte sich wieder um. Du bist krank. Du phantasierst. Komm' wieder auf die Beine.
Verfasst: Sonntag 12. März 2006, 14:52
von Akyrlaer
Kerzengerade saß sie im Bett und schaute sich um. Es war still im Raum, nur die leisen Geräusche der schlafenden Frau am anderen Ende des Zimmers. Leise erhob sie sich, ging in die Hocke und schnupperte. Es roch nach Heimat. Ihr Blick fiel auf das Fenster. Es war Vollmond.
Langsam schritt die junge Frau zum Fenster und spähte in den Nachthimmel hinaus. Wunderschön. Es zog sie dort hin.
Noch immer im Nachthemd stieg sie aus dem Fenster, kletterte an den Ranken die Mauer empor, schwang sich darüber, machte sich an den Abstieg und ließ sich das letzte Stück hinab fallen. Gehetzt ging ihr Blick hin und her. Niemand hatte sie gesehen. Gut. Sie wußte, wo sie hin wollte.
Kauernd hastete sie gen des Waldes bei Tirell, huschte von einem Baum zum nächsten, duckte sich die junge Frau hinter Sträucher, kauerte hinter allem, was ihr Deckung versprach und lauerte. Etwas in ihr regte sich. Sie hatte Hunger. Unruhig ging ihr fiebriger Blick hin und her. Hunger war ein Feind. Alle Feinde mußten bezwungen werden. Zu weiteren Gedanken war sie momentan nicht fähig.
Es war Nacht. Die meisten Tiere schliefen, doch die Jäger waren erwacht. Eulen, Fledermäuse, Wölfe und Raubkatzen durchstriffen die Wälder. Ihr Blick fiel auf eine Spur am Boden. Eckige und ovale Abdrücke in der dünnen Schicht des Neuschnees. Sie leckte sich über die Oberlippe. Ein Reh. Der Größe der Abdrücke nach zu urteilen noch ein Kitz. Das bedeutete, daß seine Mutter es schützen würde, aber auch, das es noch nicht sehr schnell war. In der Ferne erklang Wolfsgeheul. Sie legte den Kopf in den Nacken und stieß einen verzerrten Schrei aus. Es war Nacht. Jagdzeit.
Mal gebeugt und auf zwei Beinen, mal auf allen Vieren wie ein Volltrunkener, der den Weg in sein Bett suchte hetzte sie durch den Wald. Hier ein Abdruck, dort ein zertretener Zweig. Abgenagte Rinde, zerbissene Sträucher. Sie näherte sich einer Lichtung. Ihre Zunge glitt über ihren linken, oberen Eckzahn. Dort.
Die Mutter hielt Wache über ihrem Kitz. Selbiges schlief. Scharf blies ihr der Wind ins Gesicht. Hatte sie sich absichtlich oder unabsichtlich aus dieser Richtung genähert? Es war gleich.
Ein Steinwurf schreckte das Muttertier auf. Ein Satz und sie war auf der Lichtung und rannte auf die beiden Tiere los. Beide flohen. Eines zu langsam.
Mit einem Aufschrei stürzte sie sich auf das noch schlaftrunkene Kitz, umklammerte es und riß es mit sich zu Boden. Geifernd verbiß sie sich in dessen Kehle als die scharfen Hufe ihr Nachthemd und Haut zerschnitten, riß den Kopf hin und her bis das Gewebe nachgab und warmes Blut aus der Wunde schoß. Einige Herzschläge zuckte das Kitz noch, dann lag es ruhig, fast schon friedlich wirkend, in der Umarmung der Frau. Deren Blick ging zum Muttertier. Beide Blicke trafen sich, dann machte das Reh sich davon. Ihr Kind war verloren. Kein Grund mehr hier zu verweilen.
Gierig schlug die Frau ihre Zähne wieder und wieder in den weichen Bauch, riß ganze Fleischbrocken aus Muskelgewebe aus dem Tier heraus und schlang diese herunter, nagte, kaute, fraß wie eine Irre bis nur noch wenige Körperpartien, Knochen und Eingeweide wie Leber oder Darm, welche sie verschmähte, zurück blieben.
Ihr hektischer Blick ging umher und blieb am Vollmond haften. Unwillkürlich öffnete sich ihr Mund und stieß ein dunkles Geheul aus. Meine Nacht. Meine Jagd. Meine Beute. Mein Sieg.
Als sie am Mittag erwachte lag sie in ihrem Bett. Ihre Stirn war heiß und ihr Mund trocken, so wie sie es seit den letzten Tagen kannte. In ihrem Kopf pochte es.
Sie wußte nichts von der letzten Nacht, die ihre Spuren an ihrem Nachthemd hinterlassen hatte, nicht einmal, das sie überhaupt das Zimmer verlassen hatte als die stille Schönheit des vollen Mondes sie zu sich rief. Sie zog das Nachthemd aus, nahm ein sauberes aus dem Schrank und warf es sich über. Dann machte sie sich daran, eine Kanne Tee auf zu setzen. Das Kratzen im Hals war fürchterlich und dennoch, auf eine unerklärliche Art und Weise fühlte sie sich gut, frei und unbeschwert. Diese Grippe brachte sie noch um den Verstand.
Verfasst: Freitag 17. März 2006, 21:03
von Akyrlaer
Meine Sicht wurde wieder klarer. Was war das? Ich öffne meine Augen und sehe in dieses strahlende Lächeln. Ich kneife die Augen etwas zusammen und werfe meinen Kopf hin und her. Meine Muskeln versprechen mir einen ausgewachsenen Kater für die nächsten Tage. Nein, wohl eher einen Panther. Aber was für einen.
Dennoch ist etwas anders heute. Ich habe noch Kopfschmerzen, aber sie lassen nach. Hunger habe ich keinen, aber auch keinen Durst. Ich schaue an der Frau vorbei zum Fenster. Es ist nicht einmal Mittag.
Reflexartig geht meine rechte zur Stirn hin. Kein Fieber heute oder nur so leicht, daß ich es nicht spüren kann. Ich setze mich auf, die Bettdecke rutscht mir bis zur Hüfte hinab. Ich schaue zu ihr und ich sehe die vielen Kratzer auf meinem Körper. Man mußte wissen, wonach man suchen mußte, wenn man sie sehen wollte. Kleine Partien hellerer Haut, unscheinbar, geheilt und doch zeugen sie von frischen Wunden. Wo bin ich gewesen?
Meine Heilerin scheint mir dieselbe Frage stellen zu wollen aber sie schweigt, reicht mir die Waschschüssel, ich nehme den Lappen heraus und wasche mir damit durchs Gesicht, über die Schultern und die Arme. Sie will mich abtrocknen, aber ich wehre sie ab, das schaffe ich auch allein. Wieder lächelt sie und sagt etwas, irgendetwas gutes aber ich verstehe es nicht. Meine Hand wandert zu meinem Ohr, ich ziehe sie zurück, Blut klebt daran. Ich wasche es fort. Dann ziehe ich mich allein an und steige aus dem Bett, gehe ein paar Schritte, holperig anfangs, ungewohnt, ohne den Stab, aber es geht. Ein gutes Gefühl.
Sie fragt mich, was ich essen will. Ich sage ihr, daß ich keinen Hunger habe. Dann frage ich nach dem Datum und kann die Verwunderung nur schwerlich aus meiner Mimik verbannen. Zwei Tage soll ich durchgeschlafen haben?
Ich strecke mich. Alle Glieder schmerzen als würden Dämonen sie mit glühenden Kohlen peinigen und dennoch, ich fühle mich gut dabei. Ja. Mir geht es gut. Besser.
Ich schaue aus dem Fenster. Es ist ein kalter Tag im Lenzing. Einer von so vielen. Tief atme ich die kalte Vormittagsluft ein. Ich lehne mich auf das Fensterbrett und blicke zur gelben Scheibe empor, die ihr kaltes Licht über die dünne Schicht des Neuschnees wirft und fühle mich gut.
Ich schätze, ich habe es überstanden. Ich schätze, das jetzt alles wieder normal wird. Ich schätze, das jetzt alles wieder gut wird. Zwei Tage geschlafen. Gute Güte. Aber es hat geholfen. Nur das zählt.
Ich reiße meinen Blick von der Sonne los und schaue zu meiner Heilerin. Es kostet mich einige Überwindung, ihr Lächeln zu erwidern, aber ich erwidere es. Sie meint, daß ich das schlimmste überstanden hätte. Ja. Habe ich wohl.
Verfasst: Samstag 18. März 2006, 18:26
von Morgwen
Zaghaft tasteten sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch den beginnenden Morgen. Das grüne Frühlingsgras war von glitzerndem Tau belegt, die Luft roch klar und rein. Eine Schar verschiedener Vögel trugen zwitschernd ein ums andere Lied auf, um den neuen Tag gebührend zu begrüßen. In den harmonischen Singsang mischte sich das dumpfe Rascheln des Unterholzes, in dem die waldenen Erdbewohner aus dem nächtlichen Schlaf erwachten. Inmitten dieses unbefleckten Spieles der Natur befand sich Morgwen, die den kräftigen Ast einer alten Eiche zu ihren Sitzplatz auserkoren hatte. Von hier aus konnte sie den Sonnenaufgang in all seinen Facetten genießen und genaustens verfolgen, wie sich der glühende Feuerball Stück um Stück weiter an den Himmel schob.
Auf Morgwens feinen Lippen lag der Ansatz eines vorsichtigen Lächelns. Seit dem letzten Vollmond glomm wieder Hoffnung in ihr. Ein Gefühl, welches sie seit dem Tod ihrer Familie in den letzten Winkel ihres Ichs verbannt hatte. Es wieder spüren zu können, löste in ihr ein seichtes wohliges Kribbeln aus. Es war die Sehnsucht, welche sie an diesen Punkt gebracht hatte. Die Sehnsucht nach einem Gefährten hatte sie eine Welpe schaffen lassen, hatte sie sogar die Schuldgefühle vergessen lassen. Für den Bruchteil eines Augenblickes hatte sogar das bittere Lachen in ihrer Seele ausgesetzt. Ihr Speichel hatte sich mit dem Blut der Menschenfrau gemischt, hatte die Saat in ihren Leib gebracht. Bald würde die Zeit der Einsamkeit vorüber sein. Bald würde sie sie rufen. So sie der Saat nicht erlegen war, würde sie den Weg zu ihrer Erschafferin finden.
So lange blieb die Hoffnung.
Verfasst: Donnerstag 23. März 2006, 18:49
von Akyrlaer
Mit einigen Pinselstrichen trug sie den warmen Bienenwachs auf ihrem Unterschenkel auf, deckte ihn mit einem Leinentuch ab, wartete und riß daran. Sie verzog das Gesicht.
Körperbehaarung, die unterhalb der Augenbrauen sproß galt in ihrem Volk von jeher als Zeichen von Unreinheit und ja, genau so fühlte sie sich im Moment. Gereizt dachte sie an die Tränke, die sie einst bei Karl gekauft hatte. Die Tränke waren gut geeignet um die Belastbarkeit des eigenen Körpers über ein menschliches Maß hinaus zu treiben aber das Gebräu ließ die Haare sprießen wie nichts gutes. Wahrscheinlich hatte sie in den letzten Tagen einen solchen zu sich genommen. Sie wußte es nicht mehr, aber es klang plausibel, das sie die Schwäche die ihren Körper während der langen Krankheit heimgesucht hatte so aus zu gleichen versucht hatte. Dennoch war dies hier eine lästige Prozedur und die Tatsache, daß sie jene nun schon zum dritten mal nach nur neun Tagen durchführen mußte wenn sie sich nicht am ganzen Leib schmutzig und unwohl fühlen wollte besserte ihre Laune auch nicht gerade. Laune.
Sie war eigentlich noch Tage von ihrem Zyklus entfernt, dennoch fühlte sie sich bereits eigenartig, reizbar und ihre Stimmung konnte spontan steigen und wieder fallen ohne äußeren Grund. Die Tage hatte sie sich ziemlich gehen lassen, von letzter Nacht einmal ganz zu schweigen. Dazwischen war sie kalt gewesen, kalt und doch zornig auch wenn sie jetzt im Nachhinein nicht sagen konnte worauf überhaupt. Aber im Moment hatte sie einfach Lust, irgendetwas zu zerstören. Etwas schönes vielleicht. Oder etwas reines.
Sie schüttelte sich so als wolle sie den Gedanken auch körperlich los werden, während sie abermals zum Wachspinsel griff. Was war bloß los mit ihr? Diese Gedanken, das war nicht sie selbst. Aber so einiges hier war nicht sie. In Phasen wie diesen haßte sie sich selbst, Phasen in denen man nicht leugnen konnte, daß man schwach war, daß man immer noch nicht stark genug war. Sie hätte über all dem stehen sollen. Stand sie aber nicht. So saß sie nun da, reinigte sich und warf dem aufziehenden Sichelmond giftige Blicke zu, die sie mal wieder nicht lang aufrecht erhalten konnte. Irgendetwas an dieser dünnen Sichel interessierte, faszinierte sie, ließ sie alles andere um sich herum vergessen.
Die Frau selbst wußte nichts von dem etwas, das sich in ihr regte, das angezogen wurde vom Mond, unruhig war, wartete, lauerte, wissend, daß der Mond zunahm und damit die eigene Kraft. Bald, bald wäre es soweit. Schon bald.
Verfasst: Mittwoch 12. April 2006, 16:51
von Akyrlaer
Unruhig tigerte sie durch den Vorraum des Lazaretts und zerriß Handtücher in kleine Fetzen. Was war bloß los mit ihr? Ha, als ob sie das nicht selbst am besten wüßte. Irgendwann hatte ein jeder verloren und sie war wohl gerade im Begriff ihnen zu folgen.
Weshalb hatte sie zugestochen? Sie hätte nachtreten sollen. So wie die meisten. Sie haßte es, aber manche lernten es nicht anders und dieser hier... Sie schritt zur Tür, schlug die Faust dagegen und brüllte eine weitere Verwünschung auf den Mann, der ihren Weg kreuzte hinaus. Ach was Mann, von wegen. Ein Kind, das war er, auch wenn er doppelt so alt war wie sie selbst aber er war ein Kind. Sie bleckte die Zähne. Ein Welpe. Ja. Welpe. Das traf es gut. Welpe. Wieso Welpe? Egal. Welpe traf es. Und dieser, dieser Welpe wollte sich doch wahrhaftig mit ihr anlegen.
Gut, gut sie war ruhig geblieben, sagte sie sich immer wieder. Zumindest anfangs. Also doch, anfangs, da war sie ruhig geblieben. Also bis sie ihn nieder geschlagen hatte zumindest. Doch, also vorher, da war sie ruhig geblieben.
Ja, sicher, sie hatte ihrer Tochter die jetzt am Krankenbett trauerte befohlen ihn zu erschießen aber sie war ruhig geblieben. Außerdem war es ja gar nicht so gemeint gewesen. Und überhaupt, was legte sich dieser Dreckswelpe überhaupt mit ihr an? Wieso ging ihr das eigentlich so nah? Hatte sie doch früher wenig gekümmert? Ach egal, weil sie sauer war, darum.
Klatschend schlug sie die Hand abermals gegen die Tür und wandte sich um. Ihr Blick fiel auf die Fetzen des Handtuchs am Boden, welches sie gerade erst zerrissen hatte. Was glaubte der eigentlich wer er war?
Jaja, gut, sie hatte überreagiert. Sie hätte ihm die Flausen aus dem Leib prügeln sollen und dann wäre es gut gewesen. Hatte sie aber nicht.
Ihr Blick ging aus dem Fenster zum Mond hin. Sie hatte sich gehen, sich vom Zorn leiten lassen. Das war der Anfang vom Ende. Erst der Menschlichkeit und dann ihrer selbst. Sie mußte dringend lernen, diese Kraft im Zaume zu bewahren. Sie war ein Gefäß dafür geworden, hin und wieder gab sie etwas von der Kraft ab und nährte sie dann erneut aber sie war zu klein. Welches Glas mag schon einen Ozean zu fassen? Immer wieder schwappte es über und allmählich wurde es gefährlich, für andere und auch für sie selbst. Sie schlug sich beide Hände ins Gesicht und fuhr sich damit bis in den Nacken. Sie mußte lernen.
Was war bloß in sie gefahren? Sie hatte nicht zustechen wollen aber in diesem einen Moment kam es ihr wie eine gute Idee vor. 'Tu es doch einfach.' Nein. Das war nicht Ihr Weg. Wie hatte die Heilerin die sie zu ihm geführt hatte noch gesagt: 'Deine Worte, das bist nicht Du. Das ist Er.'
Es stimmte. Das war nicht sie, das war Er. Seine Art. Sein Weg. Stärke offenbart sich nicht darin, die Schwachen zu bekämpfen. Gleich starke oder stärkere Gegner, das waren würdige Kämpfe, diese galt es zu bestehen. Kein Leitwolf beißt seine Herausforderer tot. Sie schüttelte sich. Ihre Gedanken waren nicht klar. Sie mußte etwas mehr von der Kraft vergießen, sonst kochte sie heute noch einmal über. Sie riß die Tür zum Krankenlager auf und trat hindurch. Sie sah ihn. Widerlich. So schwach. Nur mühsam unterdrückte sie den Drang zu schreien und einen finalen Schlußstrich unter sein Elend zu ziehen. Ganz ruhig. In der Ruhe liegt die Kraft.
Sie atmete tief durch und schritt ans Krankenbett heran. 'Taten statt Worte', die Worte ließen sie nicht los an diesem Abend. Einfach hin gehen und zack... ein kleiner Schnitt für ihn, mehr nicht. Sie knurrte ungehalten. Nicht heute. Sie würde einen anderen Weg finden um sich des angestauten Zornes zu entledigen. Einen Weg, der besser zu ihr paßte. Ein Weg, der gangbar war ohne zu verkommen. Mit geballten Fäusten trat sie gänzlich an das Bett heran.
Verfasst: Montag 12. Juni 2006, 16:50
von Morgwen
Tage, Wochen und Monate. Der kalte Winter war vorüber, der lebendige Frühling gegangen und der hitzige Sommer eingekehrt. Bis tief in die späten Nachtstunden drang die Wärme des Tages vor und brachte selbst das silberkalte Licht des Mondes zum Erglühen. Nur noch wenige Stunden waren Morgwen vergönnt, sich dem Zauber seiner Strahlen hinzugeben, rückten die ersten Sonnenstrahlen schon wieder gen des Horizontes kaum dass sie dahinter verschwunden waren. Es war die Jahreszeit des Lichtes. Und doch war es auch die Jahreszeit des Verderbens. Im Winter hatte Morgwen die Saat aus der Sehnsucht nach einem Gefährten in der Dunkelheit heraus gesetzt. Doch die Saat war gewelkt anstatt zu erblühen, hatte ihren Träger zermürbt. Die Erste ihrer Brut hätte sie werden sollen und so wurde sie die Erste, die ihr erlag.
Doch wo es eine Erste gab, dort war auch eine Zweite. Und ihr Herz schlug ...