Der Tod eines alten Schmiedes
Verfasst: Dienstag 8. Juli 2014, 17:51
Der Tod eines alten Schmiedes
Das Schicksal hatte es mit ihm nicht immer gut gemeint.
Zwei seiner Brüder waren weit vor ihrer Zeit gestorben, sein Schwiegersohn war im Krieg gefallen, die Tochter samt Enkelkindern wer weiß wo… und sein Haus, das er mit viel Mühe und Gold aus dem Boden gestampft hatte, war dem Sumpf südlich Berchgards zum Opfer gefallen. Natürlich hatte sein Cousin Alessandro Glück gehabt, indem er es bis zum Adlerritter geschafft hatte, auch er selbst wusste sich in Bergbau und Handwerk zu positionieren, hatte Kinder und Enkelkinder… doch das Schicksal war ein launischer Gefährte. Mit dem Verlust seines Hauses und eines Großteils seiner Ersparnisse, Ressourcen und der eigenen Werkstatt stand Gor Montego im frühen Abend seines Lebens wieder am Anfang. Seinen Cousin wollte er nicht um Hilfe bitten, hatte tatsächlich nur wenige Wochen bei ihm unter seinem Dach gelebt, ehe er es nicht mehr ausgehalten hatte. Almosen wollte er nicht.
Also ging es wieder in die Minen. Sein wegen eines schlecht verheilten Bruchs lahmes Bein, der Rücken und die schwindende Kondition machten es dem Alten nicht leicht, doch so stand er zumindest auf eigenen Beinen und war seinen Verwandten kein Klotz am Bein. So zogen die Monde, Jahre ins Land und er lebte wieder ein einfaches Leben. Als Kumpel wanderte er von Mine zu Mine und verdingte sich mal bei einer lokalen Zunft oder auf eigene Kosten – durch den Verkauf von Erz und Barren machte er dieser Tage das Gros seines täglichen Brots. Die Zahl der Aufträge im Bereich der Waffen- und Rüstungsschmiedekunst waren vernachlässigbar, da er keiner Zunft mehr angehörte und gegen große Handelshäuser schlicht nicht konkurrenzfähig war. Jedoch beschwerte er sich nicht, es genügte für einen Herbergsplatz und ausreichend zu Essen – und er konnte sogar noch etwas beiseite legen. Natürlich war es kein Herrenleben, aber er kam schließlich auch aus keiner Familie von Herren. Zudem zehrte die Arbeit täglich an seinen Kräften, so dass er stets wie ein Stein schlief, wenn er heim kam; keine Zeit zum Nachdenken und über Vergangenes lamentieren. Wieso also beschweren?
Mitte des Jahres 257 ergab es sich, dass ihn das Glück in Form eines jungen Schmieds in Berchgard erneut fand. Er wollte nach erledigter Arbeit in die Taverne neben der Mine gehen, wie jeden Tag – um mit Alkohol und deftigem Essen den Tag abzuschließen. Meist war am späten Nachmittag noch nichts los, so dass er in Ruhe essen und trinken konnte; nicht so an diesem Tag im Cirmiasum. Der junge Mann, mit dem er bald gemeinsam trank und plauderte, hieß Marlon Kanda und war vom selben Fach wie ich, gerade einmal in den frühen 20ern. Schnell hatte Gor den Entschluss gefasst, mit Hilfe dieses Jungen seine Position zu verbessern: Er schlug ihm vor, Partner zu werden; er, Gor, würde ihn, Marlon, die Finessen des Schmiedehandwerks lehren, sein eigenes umfangreiches Lager und seine Erfahrung mit in die Geschäftspartnerschaft bringen und sein angehender Lehrling die Arbeitskraft, Kapital und Zukunft. Man beschloss, in Bajard eine Werkstatt zu eröffnen und besiegelte dies mit einem Handschlag.
Seitdem arbeiteten die beiden zusammen und machten vor allem durch den Handel mit Barren und Erzen nicht gerade geringen Profit. Gor sah für sich einen deutlich angenehmeren Lebensabend blühen. In Marlon hatte er zudem eine Ersatzfamilie gefunden, war seine eigene doch tot oder verschollen. Alles lief, wie man es sich nur wünschen konnte. Aber Gor wäre nicht Gor gewesen, hätte er sich davon täuschen lassen: Die Arbeit in den Minen, der er auch jetzt weiter nachging, zu ihrer beider Vorteil, war lebensgefährlich – im Laufe seines arbeitsreichen Lebens hatte er viele Kumpel in den Tiefen sterben sehen. Also setzte er in Bajard, wo sie mittlerweile lebten, schließlich ein Testament auf, in dem er Marlon Kanda als seinen Alleinerben einsetzte. Einzig seinem Cousin Alessandro, der irgendwo an der Front sein musste, vermachte er weiterhin den alten Ring ihres Oheims. Gewappnet mit dem Wissen, dass seine Angelegenheiten geregelt waren, ging er weiter fleißig wie eh und je ans Werk.
Er hätte es wohl am besten nicht getan, denn obwohl es Tradition unter Kumpels war, ihren Kollegen, die an der Oberfläche bleiben, ihre letzten Wünsche zu hinterlassen, war es für Gor ein schlechtes Omen. Zuerst ging es harmlos los, ein ungeschicktes Stolpern, blutig schlagen des Kopfes an einem herausstehenden Nagel im Stollengebälk…. Kleinigkeiten, die jedem Kumpel mal passierten. Er dachte sich dabei nichts. Doch das Ende des Jahres 257 sollte der alte Bergmann nicht mehr miterleben.
Eines frühen Morgens stieg er hinab in die Stollen der Bajarder Mine, mit einer Laterne, Spitzhacke, Schaufel und Handkarren, wie jeden Morgen. Es war ein emsiges Treiben dort, allenthalben fleißige Kumpel – der spitzfindige Gor, ein alter Hase im Geschäft, marschierte deswegen zielstrebig in einen der entlegeneren Stollen. Er war erst vor wenigen Tagen in den Fels getrieben worden, ein einziges Versprechen reicher Erzadern. Der regelrechte feuchte Traum jedes Bergmanns. Auch der alte Gor konnte einfach nicht widerstehen. Schon mit dem ersten Hieb der Spitzhacke trieb er sein eigenes Verderben voran. Denn die Sicherung des Stollens war noch nicht vollständig, das Gestein an manchen Stellen zudem porös; mochte es das schlechter werdende Augenlicht des zusehends kurzsichtigen Bergmanns gewesen sein oder schlichte Unachtsamkeit, er registrierte diese Mängel nicht. Emsig und ohne Unterlass trieb er den Stollen im Laufe des Vormittags Meter hinein in den Berg und fand tatsächlich reiche Adern vor, ja, er wollte schon nach Marlon schicken, damit er ihm helfe… da passierte es! Zuerst war es nur ein Knirschen. Reflexartig legte Gor seinen Kopf, mit dem Ohr voran, an den Fels und horchte in ihn hinein. Knirschen, Krachen von in Bewegung geratenem Gestein. Der Schreck fuhr ihm in Mark und Bein, er wollte noch nach seiner Laterne greifen, aufspringen, wollte den nahen Kumpels eine Warnung zurufen… da brach der Berg über ihm herein. Seine letzten Gedanken hätten seiner verschollenen Tochter gelten können, seinen Brüdern, zu denen er sich nun gesellen würde, oder vielleicht seinem Lehrling Marlon… doch er wurde zerschmettert, ehe das alles auch nur im Ansatz hätte bewerkstelligt werden können.
Donnern – Poltern – Krachen – Staub – Schreie – Dunkelheit.