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Gefahren der Freiheit
Verfasst: Donnerstag 29. Mai 2014, 16:04
von Gast
Damals
Der Riss zog sich über die gesamte Höhe der Vase. Deutlich war zu erkennen, dass diese einst zerbrochen und nun zusammen geklebt war.
Sie hatte die Spuren des Sturms der noch vor einem Tag in ihr gewütet hat so gut es ging beseitigt. Was nicht mehr zu retten war wurde verbrannt, alles andere so gut wie es ging repariert.
Als sie in den Spiegel, der wundersamer weise heil geblieben war, schaute, blickte ihr eine Fremde entgegen.
Sie war nicht naiv, war es nicht einmal als Kind gewesen. Misstrauen war ihr steter Begleiter, obschon sie behütet aufgewachsen war. Vermutlich war es ihre Nana, welche die gesunde Vorsicht in ihr aufkeimte. Eine alte und weise Frau, die ihr stets Geschichten vorlas und sie immerzu ermahnte nicht zu gutgläubig zu sein. Eine gute Frau war nicht leichtgläubig, sie äußerte ihre Bedenken nur im Stillen, doch sollte sie niemals arglos und unklug handeln.
An diesem Tage warf sie all ihre Vorsätze, all ihre Vorsicht über Bord als Azad begann um sie zu werben. Er brachte täglich Geschenke, Blumen, einmal gar Schmuck und all die Dinge die eine Natifah erfreuten. Sie war jung und unerfahren, seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihr und so verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Sie vertraute sich ihm an wie sie es nie bei jemandem anderen getan hatte, und sie offenbarte ihm sogar ihr Gesicht.
Eines Abends boten es die Umstände, dass sie alleine waren und als er ihr den Schleier abnahm, ließ sie ihn gewähren. Der Kuss, der darauf folgte war süßer als sie es sich je erträumt hätte. An diesem Abend versprach er ihr den Mond und die Sterne. Er versprach sie zu seiner Erstfrau zu nehmen und sie zu ehren und zu lieben wie sie es verdient habe. All die lieblichen Worte, die er ihr ins Ohr flüsterte umhüllten sie wie eine warme Wolke der Hingabe.
Er würde bei ihrem Radeh um ihre Hand anhalten und schon hoffentlich bald würde er den Brautpreis zahlen können. Es war alles nur eine Frage der Zeit.
Seine Küsse wurden fordernder, seine Hände suchten sich ihren Weg von ihrem Hals zu ihren Schultern und als er in Begriff war tiefer zu streichen, löste sich der Schleier, der um Tamaikas Geist lag. Sie konnte gerade noch soviel Verstand aufbringen um ihn aufzuhalten.
"Nicht, wir müssen warten." brachte sie heiser hervor. Und ganz so wie sie es erwartet hatte, zog er sich ein Stück weit zurück. Doch bald schon machten seine Hände sich erneut auf Wanderschaft und dieses mal mit mehr Nachdruck. Mit seinem Körper drängte er sich gegen den ihren und alle Widerworte hielten ihn nicht davon ab sich über sie herzumachen. Das Gefühl der Geborgenheit wich der nackten Angst. Sie versuchte sich zu wehren, trat, kratzte und schubste doch er war zu stark. Erst als es ihr gelang über sein Gesicht zu kratzen, nahm er von ihr ab. Sie rappelte sich auf und rannte, lief in die dunkle und kalte Wüste und alles was sie hörte, waren seine siedenden Schreie.
Drei Nächte und drei Tage hatte sie ihr Haus nicht verlassen. Das Gesicht vom weinen verquollen wollte sie sich nicht zeigen und so wurde ihr von den Dienern nur hin und wieder etwas zu essen und zu trinken gebracht.
Am vierten Tage entschied sie sich aufzustehen und auf den Dorfbasar zu gehen. Es war an der Zeit das geschehene zu begraben. Sie hatte sich in den falschen Mann verliebt. Sicher war sie nicht die erste junge Natifah der so etwas passierte. Ihre Unschuld hatte sie noch und niemand wusste von dem Übergriff. Sie würde einfach so tun als wäre nichts geschehen und alles würde seinen gewohnten Gang gehen.
Sie konzentrierte sich auf ihre Besorgungen, probierte hier und da etwas Süßes, hielt an um kurz zu plaudern, doch als sie gerade an einem Stand an einem offenen Flakon mit Seife schnupperte, konnte sie nicht umhin mitzuhören wir ihr Name fiel. Eine kleine Schar junger Natifahs stand in einem Kreis und tratschte im verschwörerischem Flüstern. Tamika stellte sich hinter die Plane des Zeltes und versuchte mitzuhören so gut es ging.
"Sie hat sich ihm wohl regelrecht an den Hals geworfen. Wie sollte er widerstehen, er ist doch nur ein Mann." Eine andere tiefere Stimme erwiderte "Zwei seiner Vettern sollen sie dabei beobachtet haben und auch seine Mara war im Haus, zu viele Zeugen um dies noch zu verschleiern, welch ein Frevel, Schande über ihr Haus." Eine dritte Stimme mischte sich in das Gespräch. "Ich habe schon immer geahnt, dass sie keine Ehre besitzt. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sie sich wie eine Dirne dem erst bestem, der sie nimmt, an den Hals werfen würde. Die Masari halten sich doch für was besseres. Das haben sie jetzt davon."
Die Tränen rannen heiß über ihr Gesicht während sie nach Hause lief. In ihrem Zimmer verwandelte sich die Scham, die Trauer, all diese Gefühle, die sie schwach machten in nackten Zorn.
Als sie ihr halbes Gemach zerlegt hatte blickte sie nun in den Spiegel.
In just diesem Augenblick schwor sie Rache.
Sie würde sich am Hause der verlogenen Bastarde rächen. Schnell war der Entschluss gefasst, das Elternhaus zu verlassen. Sie war nun eine gefallene, sie wusste, dass die Gerüchte an ihr haften bleiben würden wie zäher Schmutz der nicht abzuwaschen wäre.
Tamika erinnerte sich an Bahar. Sie wurde verbannt, da gleich zwei Männer der gleichen Familie behaupteten sie entehrt zu haben. Damals hatte sie, wie jeder andere, nichts als Verachtung für die junge Natifah über, doch nun fragte sie sich ob sie nicht auch einer Lüge, einem Komplott der beiden Ankläger zum Opfer gefallen war.
Tamika würde ihren Eltern nicht in die Augen blicken können und es blieb die Hoffnung, dass mit ihrem Fortgang die Gerüchte schneller verebben würden.
Sie packte nur das nötigste. Ein paar Kleider, einen Dolch, Vorräte, die sie über die nächsten Tage brachten und ihren Schmuck, den sie als Zahlungsmittel für die Reise nach Menek´Ur benötigen würde.
Sie wusste, dass das schändliche Haus, das seine Lügen über sie verbreitete dort den besten Ruf besaß.
Dort würde sie ansetzen.
Sie würde kämpfen lernen, wenn es sein muss würde sie lügen, stehlen und betrügen, sie würde stark sein und sich all die Kenntnisse aneignen, die sie brauchen würde um das Haus dieser Heuchler in den Untergang zu treiben
Tamika wusste nicht wie und sie wusste nicht wann aber wenn dies vollbracht sein würde, dann würde sie das Haus der Masari in der goldenen Stadt wieder zum Ruhm geleiten. Sie würde ihre Familie stolz machen und dann würde sie wieder heimkehren.
Kurz blickte sie in ihr Gemach zurück und fragte sich ob sie nicht doch naiver war als sie sich eingestehen wollte.
Verfasst: Donnerstag 29. Mai 2014, 23:20
von Gast
Alle Wege führen heim,
wo das Wesen atmen kann,
wo der Geist ist stetig warm.
wo golden Liebe anbegan,
Alle Wege führen heim
wo der Groll sein Ursprung fand,
die Stimme klanglos wie ein Stein,
einsam Gedanken Freund und Feind.
Alle Wege...
Eine Träne sickerte in das dicke Papier und verwischte das letzt geschriebene Wort.
Es waren nun bereits zwei Jahre seit ihrem Fortgang vergangen und das Heimweh, so schmerzlich
und tief, kam und ging.
Tamika schob das Stück Papier zur Seite und trat an den trüben Silberspiegel, welchen sie im
Norden erstanden hatte. Sie hatte sich so sehr verändert. Die Haut, dunkler, Wettergegerbter,
die Haare stumpfer, Lippen zersprungen. Auch ihr Körper war nicht mehr der ihre. Die einst
weichen und weiblichen Formen waren Vergangenheit. Nun war sie stark und ihre schlanken Glieder kundigten deutlich von der harten Arbeit und ihrem täglichen Training.
Sie wusste nicht wie lange sie da stand und in ihre eigenen Augen starte.
Sie dachte an das Heim, das sie zurück ließ, vermutlich für immer. Ihr Herz zerbrach
in tausend Scherben bei dem Gedanken daran ihre Eltern, ihre Schwester, Leila, ihre Sklavin und
engste Anvertraute nie wieder sehen zu können. Vielleicht, wenn Eluive ihr beistünde würde es
ihr einst tatsächlich gelingen ihre Ehre und somit die ihrer Familie wieder herzustellen.
Doch je mehr Zeit verging, mit jedem Tag ihres neuen Lebens erschien ihr diese Möglichkeit immer weiter in die Ferne zu rücken.
Sehr schnell hatte sie gelernt ihre ambitionierten Pläne hinten anzustellen.
Zu Beginn tat sie dies bewusst, sagte sich, dass sie sich zunächst ein Standbein aufbauen musste.
Sie musste Arbeit finden, Gold verdienen, Kämpfen lernen. Noch bevor Tamika die goldene Stadt
erreichte lernte sie schmerzlich, dass es niemanden gibt der sie schützen würde, niemanden der
sich um sie sorgte. Würde der Erdboden sie verschlingen, würde es niemanden kümmern und ihre Familie würde nicht einmal erfahren was mit ihr geschah.
Sie war nun ihre eigene Familie, ihre eigene Wächterin.
Sie wurde in die Armee rekrutiert, was sich als Segen entpuppte, denn so bekam sie nicht nur Gelegenheit die Kunst des Kampfes zu erlernen, sie konnte mit Ihrem Sold ein kleines Haus im Hauslosenviertel anmieten und sich hin und wieder gar etwas Luxus, wie neue Kleider und einen Wandteppich leisten. Ihre Tage waren erfüllt von Arbeit und hartem Training. Abends war sie viel zu erschöpft um nachzudenken, meistens fiel sie schon früh in einen tiefen, traumlosen Schlaf. An ihre Rache dachte sie noch kaum.
Und so verschlang der Alltag sie.
Drei mal ist es nun geschehen, dass sie um ihr Leben fürchten musste. Nicht im Kampf, nicht im Krieg, sondern aufgrund von hinterhältigen Übergriffen von Männern die ihr etwas wollten.
Der Erste, Azad wollte seine Trophäe, ihre Unschuld.
Der zweite, ein schmutziger Menekaner, der in der Karawane die sie nach Menek´Ur führen sollte mitreiste.
Sie war schlagartig wach, fiel sie eh nie in einen tiefen Schlaf während ihrer Reise, als sie etwas scharfes an ihrer Kehle fühlte. Das Atmen fiel ihr schwer und als sie ihre Augen öffnete blickte sie in graue Augen. Der Gestank von Kautabak gemischt mit dem Duft von billigem Kaktusschnaps bescherte ihr Übelkeit und als sie versuchte sich zu bewegen, musste sie feststellen, dass sie sich, begraben unter dem schweren Körper des Mannes, nicht bewegen konnte.
Mit einer Hand drückte er ihre Handgelenke die er über ihren Kopf geschoben hatte, in den Sand. mit der anderen hielt er das Messer an ihre Kehle. Tamika spürte wie ein warmes Rinnsal ihren Hals entlang lief und als der Druck des Messers sich vertiefte gab sie einen dumpfen Laut von sich. Sie wagte es nicht zu schreien,stattdessen flehte sie ihn mit ihren Augen an und flüsterte heiser: "Nimm dir was du willst. Mein Schmuck ist in meiner Tasche." Seine grauen Augen nahmen einen lüsternden Glanz an als er zu der Tasche blickte. "Dieses Angebot ist zu großmütig um es abzulehnen." erwiderte er rau, wobei sein stinkender Atem sie abermals traf. "Es scheint mir, dass es hier noch mehr zu holen gibt". Er lösten seinen Dolch von ihrer Kehle und strich mit der Spitze der Waffe ihren Hals zu ihrem Dekoltee zu dem Stoff ihrer Bluse entlang. Als der erste Knopf ihrer Bluse absprang gab sie einen erstickten Schrei von sich. Der Schrei wurde in seinem Keim erstickt als der Mann seine Pranke über ihren Mund legte und sie flüsternd anschrie. "Wenn du schreist schlitze ich dich auf und werfe dein Herz den Hyänen zu Fraß vor, hast du verstanden?" Tamika verschwendete keine Zeit damit sich zu wehren. Stattdessen tastete sie mit ihren freigewordenen Händen über den kühlen Sand zu ihrer beider Seiten. Irgendwo hier musste er liegen, ihr Dolch. Gerade als eine seiner Pranken sich grob über ihre Brust legte, fühlte Tamika etwas hartes unter ihrer rechten Handfläche. Sie umfasste den scharfkantigen Stein und schlug damit mit all ihrer Kraft gegen seinen Kopf. Ein dumpfer Schlag, ein Keuchen und er rutschte zur Seite während er sich an seinen Kopf fasste. Ungläubig starrte er auf das Blut an seiner Hand und fiel schließlich in sich zusammen.
Das Lager schien durch die Geräusche der Geschehnisse, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, vermutlich jedoch nur wenige Augenblicke dauerten, erweckt.
Tamika hörte zunächst Gemurmel, dann das Kreischen einer Frau. Jemand rief: "Haltet sie!"
Es blieb keine Zeit nachzudenken.
Sie griff nach ihrer Tasche, rappelte sich auf und begann zu rennen. Während sie lief
betete sie in dem gleichen, immer wiederkehrendem Mantra "Lass mich schneller sein, lass mich schneller sein".
Sie war schneller.
Lange hörte sie keine Stimmen mehr als sie endlich wagte hinter sich zu blicken. Einzig die Dünnen hoben sich silbern, erhellt durch das Licht des Mondes vom Schwarz der Nacht ab. Sie erlaubte sich keine Pause, rannte weiter, rannte so weit wie sie ihre nackten Füsse trugen und als sie nicht mehr rennen konnte ging sie. Und als sie nicht mehr gehen konnte entschied sie weit genug gelaufen zu sein.
Die Sonne brannte inzwischen hoch am Zenit. Sie ließ sich einfach so wie sie stand in den Sand plumpsen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Dan begann sie zu weinen. Sie wollte ihre Mara, sie wollte Leila, sie wollte heim. Als der Knoten ihres Schmerzes sich löste weinte Tamika den halben Tag, sie weinte um sich selbst, sie weinte um all die Ungerechtigkeit und wollte nicht verstehen wie Eluive all dies zulassen konnte. Sie hörte erst auf als die Sonne bereits untergegangen ist.
Es war sinnlos und dumm. Es würde ihr nichts nutzen sich selbst zu bemitleiden und die Tränen, die sie vergoß bedeuteten Flüssigkeitsverlust, den sie sich nicht leisten konnte. Sie hatte den ersten ihrer beiden Wasserschläuche bereits geleert und schalt sich nun dafür, das Wasser nicht besser eingeteilt zu haben. Unendlich erschöpft von ihrem Marsch, dem Weinen und all den Geschehnissen der letzten Wochen, bettete sie ihren Kopf auf ihrer Tasche und schlief ein.
Es war noch Nacht als sie aufwachte. Einige Augenblicke dauerte es bis sie wieder wusste wo sie war. Nun war an der Zeit sich an die Arbeit zu machen. Sie musste überleben und so machte sie sich wieder auf den Weg.
Ihr Radeh hatte sie gelehrt sich nach den Sternen zu orientieren, so war es nicht schwer für sie die Richtung, in der sich die Handelsstraße befand auszumachen. Dorthin würde sie zurück gehen und sie würde auf die nächste Karawane warten.
Es war die einzige Möglichkeit. Sich selbst auf den Weg nach Menek´Ur zu machen, ohne Wasser, ohne Lama wäre Selbstmord und so blieb ihr nichts weiter als zu hoffen und zu beten auf dass die nächste Karawane kam bevor sie verdursten würde.
Verfasst: Sonntag 29. Juni 2014, 18:57
von Gast
Zitternd lehnte sie mit ihrem Rücken an der verschmutzten Wand des Ahnengrabes. Er war fort. Er hat ihr Gold nicht bekommen.
Als er ihr seinen Dolch an ihren Hals hielt gelang es ihr das erste mal ihre Beherrschung zu bewahren. Sie tastete langsam an ihren Gurt und ließ ihre Hand in das kalte Metal ihrer Handklingen gleiten. Er bemerkte es erst als er die Spitze ihrer Klingen an seinem Bauch fühlte. Und so standen sie nun einige Herzschläge lang da, blickten sich in die Augen und bewegten sich nicht. "Was nun?" fragte er heiser. "Ich würde sagen dies ist eine dieser Pattsituationen..." antwortete sie mit erstaunlich ruhiger Stimme. "Ich werde mich nun umdrehen und gehen und sollte dir etwas an deinem Leben liegen wirst du mir nicht folgen." Knapp nickte sie und tatsächlich ließ er von ihr ab und entfernte sich ohne sich wieder nach ihr umzublicken.
Sie wusste, dass er sie beobachtete, spürte seine Blicke mehr als, dass sie ihn tatsächlich sah, doch sie wusste er war da und wartete auf eine neue Gelegenheit. Tamika ging nur noch bei Tageslicht aus, tauschte ihren Dienst, so dass sie Nachts ihr Haus nicht verlassen musste. Wochen vergingen und sie wurde langsam der stetigen Angst überdrüssig. Den Vorfall im Ahnengrab hatte sie der Sekban gemeldet, doch sie wusste bereits bevor sie dies tat, dass ihr auch dort niemand würde helfen können oder auch wollen. Sie war ein Janitschar, sie musste sich selbst zu wehr setzten. Sie übte den Beruf eines Mannes aus also wurde sie auch wie einer behandelt.
Sie war es satt, sie hatte schlicht und einfach keine Lust mehr schwach zu sein.
Wie jeden Tag nach Sonnenuntergang betete sie und meditierte und fasste an diesem Tag den Entschluss keine Furcht mehr zu haben. Ruhe überkam sie. Sie spürte die Veränderung tief in ihrem Inneren und wusste nun endlich genau was Selma meinte als sie davon sprach, dass wenn sie sich in das Zentrum ihrer Angst begeben würde, sie Sicherheit finden würde.
Selma.
Eluive hatte die beiden Frauen zusammengeführt als Tamika an der Schwelle zwischen dem Hier- und dem Jenseits schwebte. Drei Tage hatte sie an der Handelsstraße gewartet, ihr Wasser hatte sie bereits nach einem Tag verbraucht und die sengende Sonne forderte ihren Tribut schnell und mit Vergeltung.
Am dritten Tag fiel sie in einen tiefen und traumlosen Schlaf.
Sie spürte kühles Nass ihre Kehle hinunterrinnen und begann zu husten. Es fiel ihr schwer ihre geschwollenen Augen zu öffnen doch als es ihr endlich gelang blickte sie in die beinahe schwarzen Augen einer unverhüllten Frau.
Sie half ihr sich aufzusetzen und flüsste ihr etwas mehr von dem Wasser ein. Sie hatte in ihrem Leben nie etwas besseres gekostet. Gierig umfasste Tamika den Wasserschlauch und nahm einige tiefe Schlucke von dem Wasser ehe die Frau den Schlauch wegzog und mit sanfter Stimme sprach. "Ruhig, du darfst nicht so viel auf einmal trinken."
Nicht fähig zu sprechen lehnte Tamika sich auf ihre zittrigen Ellenbogen und schaute sich um. Sie befand sich inmitten einer kampierenden Karawane. Bis auf einige neugierige Blicke schienen die Leute sich nicht um sie zu kümmern und gingen ihren Aufgaben nach. Die Lamas wurden verpflegt, Lager aufgeschlagen, zwei Frauen gruben mit ihren Händen ein Loch für ein Feuer in den Sand.
Ein gekrächztes "Dhabir" war das einzige, das Tamika von sich geben konnte ehe sie wieder in den Sand zurücklehnte und ihre Augen schloss. Als sie das nächste mal erwachte war es Nacht und sie lag in eine Decke gehüllt nahe des Feuers, neben ihr ein voller Wasserschlauch. Sie nahm einige Schlucke von dem Wasser und bremste sich dieses mal selbst nicht alles auf einmal zu trinken.
Diese Frau, ihre Lebensretterin lag neben ihr als würde sie über sie wachen. Noch nie war sie jemandem so dankbar gewesen wie diesem von Eluive geschickten Geschöpf. Sie betrachtete ihr vom Licht des Mondes und des Feuers erhelltes Gesicht. Sie war nicht schön aber auch nicht unansehnlich, sie war vielmehr.. unscheinbar. In dieser Nacht wusste Tamika natürlich nicht, dass genau dies beabsichtigt war. Das unscheinbare Bild der Fremden war das geübte Ergebnis eines im Schatten geführten Lebens.
Als der erste Sonnenstrahl die Erde küsste zog die Karawane weiter und Tamika zog mit ihr mit.
Auf ihrer Reise machten sie in mehreren Siedlungen und Dörfern halt. Händler handelten, Reisende verabschiedeten sich, andere schlossen sich der Karawane an. Selma und sie freundeten sich an. Sie wachten über einander, lachten und weinten gemeinsam und es verging nicht viel Zeit da begann Selma sich ihr anzuvertrauen. Sie war die Tochter einer Sklavin, ihr Vater war ihr Herr. Als ihre Mutter starb floh Selma und bestritt ihr Leben seither alleine. Gute zehn Jahre älter als Tamika hatte diese viel erlebt und noch viel mehr gesehen. Sie erzählte ihr von Neven, ihrer Liebe, einem Krieger der sie das Kämpfen lehrte. Er starb den Tod den er sich immer gewünscht hatte, im Kampf. Sie erzählte von den Zwillingen Kaan und Yasmen, die ihr Leben damit bestritten zu stehlen und zu handeln. Zwei Jahre zog sie mit den beiden durch die Lande bis ihre Wege sich trennten.
Und sie erzählte von der alten Abal, die ihr beibrachte unsichtbar zu sein.
All dies war Selma gewillt Tamika beizubringen. So beschlossen die beiden Frauen in Cesalot, einer größeren Siedlung nur zwei Tagesreisen von Menek`Ur entfernt zu bleiben. Tamika verkaufte was ihr von ihrem Schmuck blieb und sie bezogen, sich als Schwestern ausgebend, ein kleines Sandsteinhaus am Rande der Siedlung. Sie lebten von der Jagd und von den Gaben, die sie für Selmas Handlesen bekamen. Selma brachte Tamika bei sich zu schminken. Sie lernte wie einfach es war sich durch Schminke, Farbe und Tinkturen ihr Äußeres zu ändern, so dass sie sich selbst nicht wieder erkannte. Sie übten gemeinsam verschiedene Akzente und sprachen manchmal Wochenlang in der Handelssprache miteinander um dieser sicher zu werden. Der Plan nach Menek´Ur zu reisen war immerdar, doch Tamika würde nicht mehr alleine sein. Sie hatte nun jemanden an ihrer Seite dem sie ihr Leben anvertrauen könnte.
Eluive hatte jedoch einen anderen Plan.
Die Jagd war nicht sehr erfolgreich. Bis auf einige mikrige Schlangen haben sie nichts finden können und wollten sich bereits auf den Heimweg machen als ein Sandsturm sie überraschte.
Es war nicht das erste mal und sie wussten was zu tun ist. Sie banden sich jeweils ein ende eines Strickes um ihre Tailen und verhüllten ihre Gesichter.
Dieser Sturm jedoch war größer, gewaltiger als alle die sie zuvor gesehen hatten und sie kamen nicht gegen ihn an. Sie legten sich flach in einen Sandgraben und versuchten es auszustehen.
Der Sand peitschte schmerzhaft gegen Tamikas Leib und ihre Sicht ging keine handbreit und als der Sturm endlich nachließ und als Tamika sich zu Selma wandte war diese fort.
Der Strick war gerissen und Selma war fort, einfach fort.
Die Hoffnung sie je wieder zu finden starb langsam. Doch nachdem ein ganzer Mond vergangen war ergab sich Tamika in ihr neues, altes Schicksal und machte sich alleine auf nach Menek`Ur.
Nie würde sie Selma vergessen.
Verfasst: Freitag 19. Dezember 2014, 14:22
von Gast
Heute
So viel war geschehen, so viel Zeit vergangen. Ein Jahr war es her seit Tamika Selma verloren hatte, drei Jahre seitdem sie aus ihrer Heimat floh.
Drei Jahre, die sie mit einem Schlag ins Gesicht zur Frau machten. Tamikas Heimat war nun Menek´Ur und obwohl es immer noch Zeiten gab da sie das Heimweh packte, fühlte sie sich hier beheimatet. Sie hatte Freunde, Bekannte und gar Verwandtschaft in der Stadt. Amar, vom Blute der Yazir, Sohn einer Masari hatte sie in seinem Haus willkommen geheißen und eine weitere Masari, Haifa, eine junge Heilerin, ist in die Stadt gezogen und viele andere Menekaner ihres Blutes zog es wieder in die goldene Stadt.
Zwar wagte Tamika nicht sich ihren Mitmenekanern zu öffnen, zu groß war die stetige Furcht vor der Enthüllung ihrer Vergangenheit, doch sie wagte es inzwischen sich den Leuten zu nähern. Die Lüge wurde zur Wahrheit welche sie wie einem starre Maske der Höflichkeit trug. Es fiel ihr immer leichter die Fassade aufrecht zu erhalten und manchmal war sie tatsächlich die Menekanerin zu der sie sich selbst gemacht hatte. Hier war nicht viel mehr wert als eine Hauslose, doch den Banner ihres Stolzes trug sie in ihrem Herzen und erlaubte niemandem sie mehr zu schmähen als sie es verdient hätte.
Ihr Ausbildung als Janitscharin vereinahmte immer noch den Großteil ihrer Zeit, doch die körperliche Tüchtigung brauchte ihr Sicherheit und inneren Frieden. Sie konnte es nicht verbergen wie stolz sie darauf war den Säbeltanz beherrschen.
Es war bereits Monde her, da haben die Thyren aus dem fernen Nordland den Menekanern die Ehre erwiesen sich mit ihnen zu messen.
Ihr Jikban, Abbas sandte sie als erste in den Ring und obschon Tamika sich geehrt gefühlt hatte, konnte sie ihre Unruhe nicht verbergen als sie den Hünen vor sich stehen sah.
Als sie ihre Finger in das bekannte, kühle Metall ihrer Fingerklingen gleiten ließ, spürte sie sofort die ihr inzwischen vertraute innere Gelassenheit. Sie hob ihren Kopf um in die Augen des Thyren zu blicken und begab sich in Kampfstellung. Die Klingen sind ihr zu ihren zweiten Händen geworden und als der Thyre seine schwere Waffe auf sie niedergehen ließ, duckte sie sich. Der Sand um ihre Füsse wirbelte auf als sie sich um sich selbst drehte und den Schwung dazu nutzte und mit ihrer rechten Krallenhand gegen den Torso des Kriegers zu kratzen. Sie schnitt nicht tief, kratzte seine Haut lediglich an, doch an der Stelle, die ihre Klingen gestreift haben wetzten lange Fetzten von seinem Wams. Sein nächster Schlag traf sie an der Schläfe, sie taumelte einige Schritt zurück ehe sie sich wieder fing. Einatmen, Ausatmen, Ausfallschritt. Sie ignorierte den pochenden Schmerz in ihrem Kopf und drehte sich abermals in geduckter Stellung, wobei sie dieses mal ein Bein ausstreckte. Ihre Bewegungen waren fließend und flink und obwohl der Thyre ein wahrer Koloss war genügte die Kraft die von dem Schwung ausging, um ihn von seinen Beinen zu holen. Sie konnte hören wie die Luft aus seinen Lungen gepresst wurde als sein Leib niederging. Hastig kniete sie sich mit einem Bein im Sand, das andere auf seinen Oberschenkel gepresst über ihn und hielt ihm eine ihrer Klingen an den Hals. Tamika grinste breit als der Thyre sich geschlagen gegeben hatte. Sie erhob sich, ermahnte sich ihm nicht die Hand zu reichen um ihm beim aufstehen zu helfen, da Selma sie gelehrt hatte einige Männer würden dies als Beleidigung empfinden. Als der Krieger wieder stand neigte sie stattdessen ihren Kopf in Ehrfurcht und Respekt.
Sie wusste, dass die Etikette des Kampfes nicht minder wichtig war als die des Hauses.
Verfasst: Freitag 9. Januar 2015, 20:46
von Gast
Viele Tage war es her und ihre Wunden heilten schnell.
Die "Auseinandersetzung" mit der Letharenbrut hatte sie nahezu das Leben gekostet. Aber eben nur nahezu. Eluive stand ihr wie bei all ihren Prüfungen bei.
Der Kampf war nicht lang, doch er war schmutzig und obschon Tamika wusste, dass sie allein nicht hätte gegen zwei siegen können, verbot es ihr verdammter Stolz wegzulaufen. Sie stand hier auf ihrem eigenen heiligen Boden und es kam nicht Infrage sich von diesen stinkenden Aasfressern beleidigen und vertreiben zu lassen.
Sie kämpfte bis zum Schluss, bis der Schleier der Nacht sich um sie legte.
Etwas nasses kitzelte ihre Nase als sie ihre Augen wieder öffnete. "Hamudi" murmelte sie leise und ein leises, heiseres Kichern entfuhr ihrer Kehle als sie versuchte ihren Hund zur Seite zu schieben.
"Bei Eluive, gib mir noch ein paar Augenblicke. Es ist noch viel zu früh." Dachte sie bei sich.
Doch als sie ihre Augen öffnete, war es nicht der alte, treue Gefährte ihrer Kindheit der über ihr Gesicht leckte, es war eine Hyäne. Es dauerte ein paar Herzschläge bis sie sich wieder erinnerte und als sie versuchte sich aufzusetzen, ging ein Schmerz der jede Faser ihres Körpers erreichte, wie ein Blitz durch ihren Körper. Sie schrie auf, tastete nach ihrem Dolch. Fort, die Letharen mussten ihn gestohlen haben. Sie lag umgeben von Blut, ihrem eigenem und Tierblut, halb bedeckt mit Fleisch und Gedärmen im Sand und die bereits brütende Sonne brannte gnadenlos auf ihr Haupt.
Sie versuchte zu schreien, erfolglos. Sie schlug so gut sie konnte um sich doch die Hyäne blickte einfach nur verdutzt auf sie herunter. Das Tier wollte ihr nichts, dies erkannte sie schnell. Es war ein Jungtier, das von dem Geruch des Blutes angelockt wurde.
Die Letharen retteten ihr das Leben, dies hatte sie später erkannt, als sie ihren Leib mit dem Fleisch bedeckten. Es schützte ihren bereits erhitzten Leib von der Sonne und die angelockte Hyäne schien mit dem zufrieden was auf ihr und um sie herum lag. Hätte die Brut sie einfach so verwundet liegen lassen, hätte sich das Tier vielleicht an ihr vergriffen.
Sie wusste nicht, welche Tageszeit war, sie wusste nicht wie lange sie hier lag, sie wusste nicht einmal wo genau sie sich befand. Alles was sie kannte war der alles durchdringende Schmerz.
Immer wieder verlor sie das Bewusstsein auf ihrem Weg in die Stadt und eigentlich hatte sie nicht mehr damit gerechnet es zu schaffen als die goldenen Stadtmauern in der Ferne aufleuchten sah.
Inzwischen konnte sie ihre Wunden ausmachen. Ihre Schulter, von Pantherkrallen zerfetzt sah übel aus. Hier und da war ihre Haut verbrannt, doch das meiste hat das Leder ihrer Rüstung abgefangen.
Den linken Unterarm zierte eine üble Bisswunde und all dies zusammen war eine schmerzhafte doch sicherlich nicht zwangsweise lebensbedrohliche Geschichte, wäre da nicht die tiefe Stichwunde unterhalb ihrer Rippen. Sie hatte kaum Blut verloren und später erfuhr sie auch weshalb. Die Waffe des Letharen musste in irgendeiner Weise vergiftet gewesen sein, so dass die Wunde sich augenblicklich entzündete.
Sich an den Wänden der Hausmauern stützend hinterließ sie eine Spur von Schmutz und Blut und auch dies hat sich später als Segen herausgestellt, denn dieser Spur folgend haben Mariyah und Neolani sie gefunden.
Tamika wechselte zwischen Wach und Traum und sie konnte nicht sagen, was tatsächlich geschah und was sie nur träumte.
Sie hörte besorgte Stimmen, Mariyah, Nölani hörbar unter Schock stehend und ihre junge Cousine Hajifah welche ihr etwas verabreichte, das sie in einen unglaublich erlösenden und langen Schlaf der Labsal schickte.
Als sie schließlich im Maristan erwachte mussten Tage vergangen sein. Der Schmerz war wieder da, wenn auch nicht mehr so all verzehrend wie zuvor.
Sie schien alleine zu sein, doch sie wusste, dass stets jemand bei ihr gewesen war die letzten Tage. Dunkel schimmerte die Erinnerung an ihre Verwandten, an tröstende Worte der Zusprache, an die Hakim die sich Tag und Nacht um sie kümmerten, Atiya welche ihr kaum von der Seite wich und Calistas murmelnde Worte des Gebets.
All die Zuwendung, die gute Pflege und Eluives Beistand halfen ihr sich schneller zu erholen als sie je gehofft hätte.
Bereits Wochen später konnte sie, zwar nur zusehend, doch in einem Stück an der Truppenübung teilnehmen und einige Tage danach war sie gar in der Lage ihr eigenes Training wieder aufzunehmen.
Das Elend jedoch war damit nicht beseitigt. Das Geschehene würde folgen haben und auch wenn sie sich gerne bedeckt hielt und sie damit mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als ihr lieb war, wusste sie, dass sie Bericht erstatten musste, sobald sie wieder sprechen konnte.
Eins folgte dem anderen und der bei Majid erstattete, ausgiebige Bericht fand seinen Weg zu all den Wesiren des goldenen Reiches.
Die Letharen wurden aus allen diplomatischen und den Handel betreffenden Verträgen exkludiert und auch wenn man damit rechnete, dass das dunkle Reich es nicht einfach darauf beruhen lassen würde, war Tamika von dem Ergebnis mehr als überrascht.
Sahid rief seine Familie dazu auf aufzurüsten und sich für den Kampf bereit zu machen, denn Rahal entschied die Familie Yazir aus ihren Verträgen auszuschließen.
Sie musste das Schreiben, welches das Oberhaupt der Yazir für alle zum Lesen ausgelegt hatte drei mal lesen ehe sie glauben konnte sich nicht einfach nur verlesen zu haben.
Was zum Henker hatte die Familie Yazir mit dem ganzen zu tun? Dies alles ergab überhaupt keinen Sinn für sie. Es schien ihr wie absolute Willkür. Doch es konnte auch ein hinterlistiger Plan das goldene Reich in den Krieg zu zwingen sein ohne selbst als Aggressor dar stehen zu müssen. Sie versuchten einen Keil zwischen die Familien des Reiches zu treiben.
Tamika war verwirrt, ihre Gedanken überschlugen sich. War dies gut? Wollte sie das? Sie hasste die Letharen mit all ihrem Herzen und dennoch, Krieg bedeutete Blut, menekanisches Blut und die junge Natifah hatte den Eindruck die Ereignisse der Zeit werden schwer auf ihr lasten.Hatte sie überhaupt die Macht etwas zu ändern, den Ausgang des ganzen zu beeinflussen?
Sie würde nach Rahal gehen müssen. Sie würde Informationen sammeln und vielleicht, wenn Eluive ihr einmal wieder gesonnen sein würde, würde sie etwas erfahren, das ihnen in irgend einer Form nützen würde.
Verfasst: Donnerstag 22. Dezember 2016, 23:44
von Gast
Wie so oft im Leben geschah das, was am meisten Gewicht hatte im Stillen. Unspektakulär, ganz ohne Ruhm und ganz ohne Zeugen.
Nur leicht gerüstet, in Leder und einem leichten Turban um ihr Haupt gewickelt machte sie sich, wie sie es jeden Wochenlauf um diese Zeit tat, auf den Weg in die Wüste um Kakteen und trockenes Holz zu sammeln. Der Tag war, für menekanische Verhältnisse ungewohnt kühl, so dass all das Getier, welches sich in der größten Hitze unter Felsen, in Höhlen und Gestrüpp versteckte sich hervor wagte um zu jagen oder schlicht dem nachzugehen, dem Tiere in der Wüste so nachgehen.
Hier und da huschte eine Spinne oder eine Schlange hinter dem Kaktus hervor, ein kleiner Skorpion, scheinbar durch Tamikas Schritte verschreckt hastete in einem Tempo davon, für das man den kleinen Kerl einfach bewundern musste.
Sie kannte sich mit den Gefahren der Wüste aus und nicht nur einmal war sie gestochen oder gebissen worden. Das Gift der meisten Tiere war auch kaum gefährlicher als der Stich einer Honigbiene, daher war es mit einer kühlenden Salbe zumeist getan.
An diesem schicksalhaften Tage jedoch entschied Eluive ihre schützende Hand nicht über ihre Tochter zu halten. Tamika kniete im warmen Sand vor einer kleinen Anhäufung prächtiger Kakteen und sammelte hier und da ein paar der stacheligen Blätter, welche sie in ihre lederne Tasche stopfte.
Das würde den besten Kaktusschnaps des Jahres geben, dachte sie bei sich als sie genau in diesem Augenblick ein leises Klappern vernahm. Es geschah so schnell, dass sie es nicht einmal mitbekam. Die Schlange schoß blitzartig vor und versenkte ihre Zähne für einen Herzschlag in Tamikas Fussfessel. Das Tier machte sich daraufhin augenblicklich aus dem Staub, im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade war sie da und im nächsten Augenblick war sie weg, verschwunden im Sand der Durah.
Der kurze Augenblick genügte jedoch um die Schlange zu identifizieren. "Eine Diamantklapperschlange" flüsterte Tamika leise. Wie gelämt starrte sie auf die Stelle, wo die Schlange sich gerade noch befand, dann blickte sie auf ihren Fuß herunter. Sie spürte keinen Schmerz, doch direkt über ihrem rechten Knöchel befanden sich zwei wütend rote Stellen als Beweis des Bisses.
Sie machte sich gar nicht erst die Mühe ihr Bein abzubinden oder die kleinen Wunden notdürftig zu versorgen. Der Biss dieser besonderen Klapperschlangenart wirkte schnell und war tödlich wenn man nicht sofort mit einem Gegengift versorgt wurde.
Tamika ließ ihre Tasche fallen und begann zu rennen. Sie rannte so schnell wie sie konnte, so schnell wie sie zuvor in ihrem Leben nicht gerannt war. Es war so weit, einige Stunden hatte sie gebraucht um hierher zu kommen, allerdings hat sie immer wieder halt gemacht, war langsam unterwegs. Es blieb noch Zeit, redete sie sich ein. Ihre Füße gruben sich immer tiefer in den Sand wie ihr schien und bald begann sich ein dumpfer Schmerz von ihrem Fuß in ihr Bein auszubreiten. Ihre Lungen begannen zu brennen und einige Augenblicke später konnte sie nur noch in einem langsamen Tempo weiter humpeln.
Das Gift wirkte schnell, sie brach im Sand zusammen und blickte, auf dem Rücken liegend zum Himmel hoch. Merkwürdige und sinnlose Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Sie fragte sich ob sie den frischen Fisch im Palast weggepackt hat. Der Emir würde sicher nicht erfreut sein, wenn der ganze Palast nach Fisch riechen würde. Bald stünde die große Hochzeit bevor und sie musste ihr Geschenk unbedingt noch verpacken. Und sie wollte ja noch Safiye aufsuchen um ihre Bestellung abzuholen Habib auch. Und sie...
Sie dachte nicht an ihre Eltern, die sie vor Jahren so ehrlos verlassen hatte, nicht an Mina, ihre geliebte Cousine mit dem goldenen Herzen. Sie dachte daran, dass niemand ihr schändliches Geheimnis erfahren hat. Sie würde es im wahrsten Sinne des Wortes mit ins Grab nehmen und so würde sie nach ihrem Tod doch noch ein wenig Ehre behalten.
Eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit umgab sie als sie ihren letzten Atemzug einsog... und dann, dann war da nur noch Licht.
Sollte man Tamika, nördlich und nicht unweit der goldenen Stadt finden, wird die Nachricht ihre Cousine Mina erreichen. Diese wird nach kurzem Suchen in Tamikas Haus eine kleine Holzkiste mit einem Brief, den sie vermutlich nach dem Angriff der Letharen verfasst hatte, vergilbten Tarotkarten und einer eher dezent gehaltenen Goldkette finden. Wenn Mina den Brief öffnet wird sie folgende Worte lesen können.
Salam geliebte Cousine,
ich pflege mich stets kurz zu halten, daher werde ich auch hier nicht mit meiner Tradition brechen.
Wenn du diese Worte liest befinde ich mich im Schoße unseren gütigen Mara. Hudad, trauer nicht allzu lange um mich. Ich bin nun daheim.
Ich möchte dir meine größten und liebsten Besitztümer hinterlassen. Meine Tarrotkarten und meine Lieblingskette. Es würde mich freuen, wenn du die Kette hin und wieder tragen würdest. Und das Kartenlegen, nunja, das ist eine Kunst für sich, vielleicht findest du irgendwann Interesse daran.
Im Schrank unten im Schlafzimmer findest du einen besonderen Fellumhang, dieser soll dem Emir gehören.
Mit dem Rest des Hauses kannst du gerne machen was du willst. Es war mir ein gutes Haus mit guten Nachbarn und Freunden, doch nichtsdestotrotz ist es nur ein Haus.
Wenn du deinen Weg zum Khaliq weiter verfolgt hast, würde es mich freuen wenn du selbst die Messe für mich halten könntest. Es hat mich unbeschreiblich stolz gemacht, dass ausgerechnet du den Tempeldienst für dich erkoren hast.
In Liebe,
deine Cousine Tamika
Neben der Holzkiste wird Mina eine weitere, golden verzierte Kiste mit den Geschenken für die Emirshochzeit finden.