Wenn man ein Buch mehrmals liest, auch zwischen den Zeilen liest, dann versteht man dessen Sinn. Man beginnt, dieses Buch aus einem ganz anderen Licht zu sehen. Man versteht. Ich schlug mein Tagebuch zu. Aiwa, ich führte ein Tagebuch und es war an einem äußerst sicheren Ort versteckt – so schnell würde das niemand finden. Selbst ich musste immer wieder einmal danach suchen, weil ich es vergessen hatte, an welchen Ort ich es nun gelegt hatte. Früher ging ich sogar soweit, dass ich es in einem Blumentopf vergraben hatte, nur, damit es mein großer Bruder nicht finden konnte. Mein großer Bruder. Ich seufzte, denn ich vermisste dieses Scheusal sehr. Er würde nun neben mir sitzen und mich auslachen.
Ein sachtes Schmunzeln huschte über meine Züge. Meine Gebete an die Mara bestanden in letzter Zeit meist daraus, sie darum anzuflehen, ihm ein bisschen Zeit zu schenken, die wir gemeinsam verbringen konnten. Sein kurzer Besuch am Vortag war nicht das, was ich als viel interpretierte. Kaum war er da, kaum saßen wir unter dem Pavillon im Garten, da musste er auch schon wieder fort. Es war nervig, demütigend und anstrengend zugleich, immer auf die Person warten zu müssen, die man so gern hatte. Aber es half nichts: Vielleicht musste auch ich jetzt etwas in meinem Leben lernen. Etwas, was ich niemals dachte, dass ich es wirklich noch irgendwann lernen müsste: Geduld haben. Ich war schon so froh, dass er sich mir geöffnet hatte, dass er mir vertraute. Aber dennoch.. manchmal wünschte ich mir, dass er noch ein weiteres Stück aus sich herauskam. Mir zeigen konnte, dass ich ihm wichtig war. Also, auf eine andere Art und Weise. Wobei... auf welche Art und Weise sollte er es denn zeigen? Wäre ich selbst nicht meist so unsicher, was ihn anging, würde ich mich gar nicht beschweren können. Kopfsache, Laila. Kopfsache. Meine Gedanken machten mich in all dem, was zwischen uns war, am meisten wahnsinnig.
Der Abend am nächsten Tag versprach mehr Zeit. Ich war dankbar ihn zu sehen. Ich fragte schon gar nicht mehr, weswegen er hergekommen war, denn irgendwie war der Grund beiden klar, aber keiner wollte ihn so recht aussprechen. Ich packte schnell eine Tasse Mocca auf ein Tablett, etwas zu Essen fand ebenso den Weg auf das Tablett. Er beobachtete mich dabei, indem er sich in den Torbogen zur Küche stellte. Ich musste unter meinem Schleier kurz etwas schmunzeln, es hatte etwas Vertrauteres als das Warten im Vorraum. Ich sah zu ihm zurück. „Ich dachte schon, du kommst mir zur Hilfe.“, scherzte ich, woraufhin er schmunzeln musste. Ich nahm das Tablett mit mir und wir verschwanden durch die Hintertür ins Freie und setzten uns unter den Pavillon. Obwohl so viele Gedanken durch meinen Kopf huschten, konnte ich es so sehr genießen, dass er hier war.
Als wir beide nebeneinander unsere Plätze gefunden hatten, fragte ich ihn, wie es ihm ging. Nicht nur als Floskel, es war mir wirklich wichtig zu erfahren, wie es ihm ging. Einige Dinge bereiteten ihm Bauchschmerzen, aber dies war scheinbar nichts besonderes und er lenkte die Frage gleich auf mich um. Ich konnte ihm nicht viel mehr berichten. Ich war für den heutigen Tag zufrieden. Immerhin hatte die Mara mir meine Wünsche erfüllt. Und ich konnte sehr viel erledigen und auch meine Gedanken konnte ich in eine gute Richtung sortieren. „Das hört sich nach einem nachdenklichen Nachmittag an.“
Nachdenken ging bei mir immer nebenbei. Es war meist auch gar nicht so schlimm, wie es meist klang. Er selbst mochte es nicht, allein zu sein und über alles nachdenken zu müssen. Ich fragte mich und dann auch ihn, wovor er Angst hatte. Er antwortete, er habe keine Angst, aber er empfand das Gefühl als unangenehm. Und man würde sich meist nur ärgern, weil die Gedanken unnötig waren. Ich war überrascht. Es gab aber doch auch schöne Gedanken. „Das stimmt schon, doch meist sind diese zu selten.“
Zu selten... Vielleicht sollten wir das ändern. Vielleicht sollte er schöne Momente erleben, um schöne Gedanken zu bekommen. Dann konnte er sich über diese Gedanken freuen. Er konnte einem manchmal wirklich Sorgen bereiten. Aber irgendwie waren wir uns da sehr ähnlich, was unser allgemeines Verhalten anging. Vielleicht mochte ich ihn deswegen so. Im Grunde hatten wir beide vor den gleichen Dingen Angst: Uns vollkommen zu öffnen und fallen zu lassen, die Angst, jemanden zu enttäuschen und die Angst, dass uns jemand im Stich lässt. Wenn ich ihm das nur einmal so sagen konnte. In meinen Gedanken war immer alles so klar, aber wenn er dann hier war? Dann fehlten mir die klaren Worte, er verwirrte meinen Geist positiv und manchmal war mir so, als würde ich nur wirres Zeug von mir geben. Ihm fehlte einfach das tiefe Vertrauen zu nahestehenden Personen.
„Darf ich dir eine Frage stellen?“, fragte ich. Ich wusste nicht, was mich in dem Moment schon wieder geritten hatte. Aber wir waren uns mittlerweile so vertraut, dass ich vor kaum etwas noch zurückschreckte. „Glaubst du, du kannst mir jemals so vertrauen...“, ich atmete kurz durch. „Dass du dich komplett fallen lassen kannst?“
„Ich weiß es neda, ich vertraue dir im Moment schon so wie kaum einem anderen. Zudem, was meinst du mit fallen lassen?“, ich dachte nach. Wie sollte ich ihm das denn beschreiben? Wie sollte ich ihm erklären, dass ich hoffte, dass wir eben _dieses_ Vertrauen zueinander aufbauen konnten, auf dem so viele andere auch aufbauten? „Ich weiß neda, ich meine, dass du dich wirklich in meiner Anwesenheit wohl fühlen kannst...“; ich wusste es nicht besser auszudrücken. Immerhin wollte ich ihn auch nicht überrumpeln. „Ich fühle mich wohl in deiner Anwesenheit. Wie kommst du darauf, dass es anders wäre?“
Bei Eluive, zu viele Fragen. Ich wusste es doch selbst nicht, wie ich darauf kam. Ich suchte vielleicht einfach nur nach der Bestätigung, dass ich mir nichts einbilden würde. Ich war unsicher. Und er fragte mich, was mich so unsicher machte. Aber ich konnte darauf nichts sagen. Ich wusste, dass die Unsicherheit damit zusammen hing, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ihm zu genügen. Dass ich Angst hatte, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem er einfach gehen würde und nie wieder zurückkommen würde. Ein Gedanke, der mir beinahe die Tränen in die Augen treiben konnte. Ich sagte ihm, dass ich daran zweifelte, ob ich jemals gut genug sein konnte. Mehr meiner Gedanken konnte ich ihm allerdings nicht anvertrauen. Es ging nicht. Ich versuchte schnell, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Also fragte ich ihn, ob er nicht manchmal neugierig war, was sich hinter dem Schleier verbarg. Natürlich hatte er bei dem Tanz die Umrisse meiner Gesichtszüge sehen können. Aber so wirklich mein ganzes Gesicht gesehen? Das hatte er noch nicht. Er legte seinen Kopf ein Stück weiter nach vorn und sah mir ins Gesicht. „Aiwa, natürlich interessiert es mich. Aber ich weiß auch, was sich gehört und was leider nicht.“ Ich musste schmunzeln. Ich war froh, eine Natifah zu sein. Ich hatte das Glück, dassich seine Gesichtszüge in vollem Maße genießen konnte. Das war wirklich ein riesiger Vorteil.
„Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?“
Ich wusste gar nicht, was mit mir los war, dass ich solche Fragen aus dem Ärmel schüttelte. Er konnte mir auf Anhieb gar nicht wirklich eine Antwort auf die Frage geben. Stattdessen gab er die Frage wieder an mich zurück. Die Frage war wirklich nicht leicht. Natürlich stand er momentan sehr im Vordergrund. Ein Wunsch war mit Sicherheit, dass er irgendwann vor der Tür stehen würde, neda, um mich zu sehen, sondern um Machmuth zu sehen. Und das nur aus einem ganz bestimmten Grund. Sah ich aber von diesem Wunsch ab, von dem ich ihm aktuell auch noch gar nicht erzählen wollte, fehlte mir im Moment ein wenig der Sinn. Ich hatte weder im Haus noch im Basar wirklich viel zu tun. Ich fühlte mich nutzlos; ein Gefühl, welches nicht zufriedenstellend war. Ganz im Gegenteil. Die Langeweile, die dadurch aufkam, war erdrückend. Abbas kam auf die Garde zu sprechen. Die Garde, ja. Ich hatte Machmuth seither noch nicht sprechen können und ich wollte nicht ohne Erlaubnis in die Garde gehen. Abbas schlug mir auch vor, mich an Nazeeya oder Anisah zu wenden, um im Tempel zu helfen. Das wäre mit Sicherheit eine Lösung, aber ich wusste nicht, ob ich den Beiden nicht mehr Last sein würde. „Es ist momentan kein schönes Gefühl, so nutzlos zu sein und nicht gebraucht zu werden. Würde es wem auffallen, würde ich nun einfach wieder verschwinden?“
„Aiwa, mir würde es auffallen. Und Aaminah sicherlich.“ Ich seufzte. Ich wusste es nicht, ob es ihr tatsächlich so schnell auffallen würde. Sie war so seltsam in letzter Zeit. „Also ich für meinen Teil würde dich sehr vermissen und es würde mir auffallen.“; er wusste gar nicht, wie sehr ich mich darüber freute, genau das zu hören. Vielleicht war mir das im Moment auch das Wichtigste: Dass ich ihm fehlen würde. Er fragte mich, ob ich etwas anderes erwartet hatte. Ich hatte gehofft, dass es so war, wie er sagte. Aber erwartet? Erwartet hatte ich es nicht. Er war manchmal ein verschlossenes Buch und obwohl ich gerne und viel las, war er immer wieder eine Herausforderung. Er schmunzelte auf meine Worte hin und meinte kleinlaut, dass das unabsichtlich sei, aber Herausforderungen ja doch etwas Schönes waren. Ich wusste nicht, was ich von den Worten halten sollte, da ich mich selbst als sehr leicht zu lesen empfand. Er hingegen empfand das nicht so. „Sonst hätte ich dich wohl auch nicht so oft mit schlechter Laune zurückgelassen.“; ich musste wieder schmunzeln. Vielleicht war das aber auch einfach nur das allgemeine Kommunikationsproblem zwischen Natifah und Mann. „Aber ich muss ehrlich zugeben... obwohl du manchmal der komplizierteste Mann bist, der mir je begegnet ist.. ich bin dankbar, dass es dich gibt.“ Sein Haupt legte sich leicht schräg, er sah mir mit einem Schmunzeln auf den Lippen entgegen. „Ich bin auch froh, dass es dich gibt und das wir uns begegnet sind.“; zunächst musste ich auch schmunzeln, doch dieses verwandelte sich schnell in ein Grinsen. Hoffentlich würde er diese Aussage nie bereuen. Ich erzählte ihm im Anschluss von einem Ort, den ich letztens entdeckt hatte und den ich unbedingt gemeinsam mit ihm besuchen wollte. Ich erzählte ihm, dass ich bei meinem letzten Ausflug durch Zufall auf diesen gestoßen war. „Warst du allein unterwegs oder wie hast du den Ort gefunden?“
Ich räusperte mich dezent und zählte die Fusseln auf dem Teppich. Es war niemand da und ich musste irgendwas tun, bevor mir das Haus auf den Kopf gefallen war. Er konnte mich verstehen, aber er erwähnte auch, dass es gefährlich war und dass er damit nicht ganz glücklich war. Aber wie er selbst sah; mir war nichts passiert. „Darüber bin ich auch sehr froh.“ Ich hatte ihn ja auch noch gesucht, aber er war nicht an den üblichen Orten zu finden. Und ich wollte auch nicht einfach so in den Palast spazieren. Das hätten die Wachen nicht wirklich gerne gesehen. „Ich bin trotzdem froh, dass du wieder heil zurückgekommen bist.“ Ich musste leise lachen. „Unkraut vergeht einfach nicht.“ - „Du bist eine Wüstenblume und kein Unkraut.“ - „Vielleicht mit ein paar Stacheln außen herum, an denen man sich pieksen kann.“ Er sah aus den Augenwinkeln heraus zu mir und schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe diese Stacheln noch neda bemerkt.“ Wir alberten im Anschluss noch ein wenig herum. Ich mochte ihn so. Also, ich mochte ihn auch, wenn er distanzierter war. Aber so? So war mir Abbas lieber. Ich hatte das Gefühl, so langsam aber sicher lernte ich den Abbas kennen, der er wirklich war. Warmherzig, liebevoll, fürsorglich. Taute er wirklich langsam auf, wenn wir beieinander waren? Ich wollte nicht, dass er wieder ging, aber wir hatten für diesen Abend wirklich schon sehr, sehr viel Zeit miteinander verbracht. Er wollte auch nicht gehen. Er musste auch nicht gehen. Ich konnte das noch immer kaum glauben. Es ärgerte mich, dass ich diejenige war, die dieses Mal schwächelte. Aber ich wurde müde. Ich war schon früh am Tag aufgestanden und hatte doch noch einige Dinge erledigen müssen. Wie gerne wäre ich hier die ganze Nacht mit ihm gesessen und hätte über Eluive und die Welt gesprochen? Ihm alles von mir erzählt, damit auch er alles von mir verstand? „Vielleicht treffen wir uns in den nächsten Tagen wieder einmal.“, erwiderte er. Oh nein, das „Vielleicht“ gefiel mir gar nicht.“ Er revidierte seine Aussage sogleich. „Dann treffen wir uns eben bestimmt wieder.“ Mit dem konnte ich mich schon eher anfreunden. Ich wünschte ihm noch eine gute Nacht und sagte ihm offen, dass ich den Abend schön fand. Im Anschluss ging ich zurück ins Haus. Ich ging die Treppen rasch nach oben und konnte noch sehen, wie er das Viertel verließ. Ich seufzte leise. Bei Eluive, was hatte dieser Kerl nur mit mir gemacht? Warum hatte er meine Welt so sehr durcheinander gebracht? Als er verschwunden war, ging ich in Aaminah und mein Zimmer zurück. Was auch immer heute gewesen war, es war etwas magisches. Etwas schönes. Und etwas liebevolles und vertrautes. Etwas, das mir sehr gefiel.