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Mit Schellengeläut und Trommelschlag

Verfasst: Donnerstag 24. April 2014, 07:11
von Vivien Silberhauch
Das Tagebuch besteht aus vielen, in dickes, robustes Leder gebundenen Pergamentseiten. Die einen sind leer, bedeckt von Skizzen und scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten. Andere wiederum sind mit Notenlinien bedeckt, auf denen Teile einer Melodie oder gar ganze Lieder notiert sind. Zwischen den Pergamentseiten finden sich Erinnerungsstücke, die das Buch noch dicker wirken lassen.


24. Wechselwind 257 - Rahal

Ich habe vor einigen Tagen Rahal erreicht. Zu meinem Glück, und ich danke dem All-Einen noch heute dafür, verlief meine Reise ereignislos. Nach der Übelkeit und der andauernden Seekrankheit nach meiner letzten Reise hätte ich eine weitere Strapaze wie diese kaum überstanden. Zumindest nicht in dem Rahmen, wie sie mir mit großer Sicherheit geblüht hätte, hätte das Schiff mit unruhiger See zu kämpfen gehabt. Rahal ist, im Gegensatz zu den Ortschaften die ich in den letzten Jahren bereist habe und mit absoluter Sicherheit im Gegensatz zu der Ortschaft, in der ich geboren wurde, riesig. Die Orientierung in diesen Straßen fällt mir noch immer äußerst schwer, aber langsam finde ich mich zumindest auf meinen üblichen Wegen zurecht.

Ich konnte bereits an meinem ersten Abend eine recht belebt erscheinende Schänke ausmachen, auch wenn die Wirtin mir eher missmutig erschien. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Gemütszustand von Dauer ist, oder einzig einer momentanen Laune entspringt. Ich vermute allerdings, dass ich lange genug in der Stadt weilen werde, um diese Frage schlussendlich beantworten zu können. Im gleichen Zuge machte ich die Bekanntschaft einer Dame, deren Kleidung, glücklicherweise bekommt diese Zeilen wohl niemand zu Gesicht, doch zu leicht für diese Stadt erscheint. Allerdings bin ich mit den Sitten Rahals noch nicht besonders vertraut und kenne noch nicht genug Damen um zu beurteilen, ob diese Kleidung nicht doch üblich für diesen Teil des Reiches ist. Letzten Endes habe ich jedoch beschlossen, dass ich das Bild in meinem Kopf bewahren werde um im Falle des Falles um der Anpassung Willen einen Auftrag an einen Schneider geben zu können.

In meinem Falle wird dieser Auftrag allerdings eher an eine Schneiderin gehen. Ich lernte bereits eine kennen, ihr Name ist Alie. Sie war so freundlich, mir eine Ausstattung an Kleidung zu fertigen und hat ein gutes Auge für Farben welches mir, wie ich gestehen will, vollkommen fehlt. Schwarz und Dunkelgrün wählte sie und Riald, ein charmanter junger Mann den ich kennen lernte, versicherte mir, dass es mir gut stehe. Da es mir an einem Spiegel fehlt, bin ich wohl davon abhängig der Einschätzung des Herren zu glauben. Natürlich blieb es nicht bei dieser einen Begegnung und ich komme nicht umhin festzustellen, dass ich schon unangenehmere Gesellschaft hatte. Auch einen Mann von der Insel La Cabeza lernte ich bereits kennen und stellte fest, dass er eine ebenso angenehme Gesellschaft darstellt. Er lud mich ein, ihn auf der Insel zu besuchen was ich durchaus gern tun würde. Ich hoffe allerdings, dass ich bei all den Aufgaben die auf mich zuzukommen scheinen auch die Zeit dazu finde.

Damit bin ich dann wohl auch bei den interessantesten Bekanntschaften meiner bisherigen Zeit in Rahal angelangt. Magister Althan und sein Bruder ebenso wie der dazu gehörende Adeptus Vylen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von den jeweiligen Herren zu halten habe. Alle drei sind überaus charmant und wortgewandt, was mich in nicht nur einer Weise verwirrt. Doch während mich der Magister mit einer Art beiläufiger Freundlichkeit und Neugierde bedenkt, schaffen es Darkan und der Adeptus doch mich zu irritieren. Aber ich bin mir sicher, ich werde hinter das seltsame Verhalten kommen, das man mir gegenüber an den Tag legt. Jetzt, wo ich mich dem Konvent angeschlossen habe werde ich wohl mehr als genug Zeit dazu finden. Ich bin überaus gespannt, was die kommenden Tage bringen werden, was mich in den schützenden Mauern Rahals noch erwartet.

Gleich unter dem Eintrag, offenbar in der gleichen Tinte verfasst, findet sich eine Melodie notiert, die in gespielter oder gesummter Form wohl das lebhafte, unstete Spiel von Feuer wiederzugeben scheint. Jede Erläuterung zu den Noten fehlt vollkommen, als wäre die Verfasserin sich sicher, stets zu wissen was damit gemeint ist.

Verfasst: Freitag 25. April 2014, 13:33
von Vivien Silberhauch
25. Wechselwind 257

Was für ein Tag. Ich bin erstaunt, wie schnell man hier Menschen kennen lernt. Ich bin erstaunt, wie lange man sich letzten Endes mit ein und der selben Person unterhalten kann und wie schnell Stunden verfliegen können. Das Schlimmste dabei ist, dass es nicht wie Stunden erscheint. Auch wenn längst die Nacht herein gebrochen ist, wenn man sich verabschiedet, hat man nicht das Gefühl, schon genug gesagt zu haben. Oder nicht genug geschwiegen zu haben. So oder so, es ist einfach nicht genug, wenn man auf die richtigen Menschen trifft. Mit den richtigen Menschen ist es gleichgültig, ob man spricht oder schweigt, denn beides hat seine eigene Melodie, seinen eigenen Klang, der ein Lied bildet dass niemand singen könnte. Aber jetzt, wo ich die gerade geschriebenen Worte noch einmal lese, fürchte ich dass ich noch immer verwirrt bin. Verwirrt von den Geschehnissen und Gesprächen des gestrigen Tages, denn man sollte doch meinen, dass ich klug genug bin um mir derartige Anwandlungen wirklich abzugewöhnen. Anwandlungen, wie eine aufgehobene Feder.

Aber ich sollte von vorn beginnen. Eigentlich war mein Tag vollkommen harmlos. Ich habe mich wie immer mit meinen Liedern befasst, hier und da das ein oder andere verändert, es umgeschrieben und mich schließlich doch wieder auf die ursprüngliche Fassung festgelegt. Nichts also, was ich nicht gewohnt wäre, denn ich habe schon festgestellt, dass bei meiner eigenen Musik meist doch der erste Eindruck der passendste ist. Ich habe auch festgestellt, dass Änderungen das Lied meistens nur verschlimmern, statt es zu verbessern. Selbst wenn es nur ein einziger, veränderter Ton ist, so scheint er die Melodie doch zu zerstören, bringt eine unerklärliche Disharmonie mit sich, die auf mich wirkt wie ein Peitschenhieb. Ich muss den mir zugeteilten Mentor, ein Barde namens Siegbert Astglut den ich aber noch nicht kennen gelernt habe, dringend fragen, ob ein solches Empfinden normal ist. Vielleicht ist das die beste Methode um herauszufinden, was überhaupt so sein sollte, und was nicht. Immerhin habe ich selbst auf meinen Reisen nur selten einen Kollegen angetroffen und je länger ich unterwegs war, umso weniger wurden es. Nach einigen Wintern auf meiner Reise kann ich es durchaus verstehen. Manche, die sich nicht dazu durchringen konnten zumindest einige, wenige Monate an einem Ort zu bleiben, sind schlicht auf den Straßen erfroren. Andere werden sich, wie ich wohl in diesen Tagen, dazu durchgerungen haben irgendwo zu bleiben.

Habe ich mich denn wirklich dazu durchgerungen? Die Antwort ist nicht ja und sie ist nicht nein. Die Mauern der heiligen Stadt sind mit Sicherheit schützend und ich weiß diesen Schutz auch eine gewisse Zeit zu schätzen. Manchmal allerdings, dann wenn es langsam dunkel wird, scheinen sie näher und näher zu kommen, bis sie mich erdrücken wollen. Aber auch hier gibt es glücklicherweise Methoden diesem Gefühl zu entrinnen. Am gestrigen Abend war es ein Besuch in Düstersee, auch wenn er anders verlief, als ich es erwartet hätte. Eigentlich wollte ich ja nur einen Moment der Ruhe in Düstersee genießen, vielleicht einen Becher Wein, und dann in die Wälder zurückkehren um mir einen Schlafplatz für diese Nacht zu suchen. Aber wie so oft kam alles ganz anders. Langsam sollte ich mich daran gewöhnen, aber ich bin mir noch nicht sicher, wie mir das gefällt. Oder ob es mir überhaupt gefällt. Düstersee selbst, und auch die dort auftretende Überraschung, gefällt mir jedenfalls sehr gut. Es ist viel offener, lockerer gebaut als Rahal und ich fühle mich dort beinahe wie in den Dörfern meiner Heimat. Nur sind die Dorfbewohner dort etwas zurückhaltender, als ich es in Rahal und Düstersee erlebt habe. So auch mit diesem speziellen Fremden, der inzwischen wohl kein Fremder mehr ist. Immerhin hat er mitlerweile einen Namen und auch mehr als ein Gesicht.

Joshua… Dank ihm muss ich jede Äußerung über Verwirrung revidieren. Wenn ich dachte, dass Darkan und Herr Vylen mich verwirren, so lag es allein daran, dass ich Joshua noch nicht kannte. Ich habe noch niemanden erlebt, der mich mit einem Satz dazu bewegen kann, zu tun was er will. Jedenfalls bis gestern Abend nicht. Andererseits habe ich auch noch niemanden erlebt, bei dem ich nicht versuchen will ständig zu lächeln und fröhliche Seiten an mir zu zeigen. Oder jemanden, der ein derart grundlegendes Verständnis für meine Lage hat, für meine Neugierde. Jemanden, der diese Art der Neugierde teilt. Es scheint mir seltsam, jemandem zu vertrauen und doch… In dem Moment als ich die Kiste öffnete und diese Skelette erschienen gab es keine Alternative. Ihm vertrauen - oder im Zweifelsfall sterben. Ein seltsames Gefühl, eine seltsame Einstellung, aber vielleicht bekomme ich die Gelegenheit, mich daran zu gewöhnen.

In jedem Fall freue ich mich auf ein Wiedersehen, freue mich darauf, wieder einmal nicht lachen, scherzen und spielen zu müssen. Dann werde ich es nicht müssen, er weiß ohnehin, dass es nicht echt wäre.

Unter dem Eintrag finden sich zwei Skizzen, die eine zeigt eine große Schlange, die zweite eine Krähe, deren Augen mit Beerensaft oder Blut in einem dunklen Rot gefärbt wurden. Ebenso wurde eine Feder zwischen die Seiten gelegt. Die schwarze Feder einer Krähe. Erst nach dem Umblättern wird man eine weitere Zeichnung über eine ganze Seite sehen. Ein mit wenigen Strichen hingeworfenes Portrait.

Verfasst: Samstag 26. April 2014, 16:25
von Vivien Silberhauch
26. Wechselwind 257

Wer kennt sie nicht, die Träume in denen man fällt und fällt und kein Ende in Sicht ist? Manchmal erwacht man aus diesen Träumen, unversehrt aber nass geschwitzt und vor Angst schreiend. Manchmal tötet der Fall im Traum einen auch und für diesen Moment setzt die Atmung aus. Wenn man erwacht, fühlt es sich unwirklich an, zu atmen, zu leben. Aber ganz selten, da beginnt man irgendwo während des Falls zu fliegen. Und diese Träume, das sind die schlimmsten. Ich kenne jede Sorte dieser Träume, denn eigentlich suchen sie mich relativ häufig heim. Dann, wenn ich an einem neuen Ort bin, wenn mich unbekanntes Gebiet umgibt. Ich liege still auf dem Moos im Wald, und während ich langsam in den Schlaf herüber dämmere, scheint sich der Boden unter mir zu öffnen und ich falle. Falle. Falle. Endlos. Meistens erwache ich rechtzeitig, irgendwo zwischen der Nacht an der Erdoberfläche und meinem Aufprall auf dem, was auch immer sich unter der Erde in meinem Traum befinden mag. Viel seltener, und eigentlich nur dann, wenn Ärger in der Luft liegt, sterbe ich in diesen Träumen auch. Dann endet der Fall auf hartem Felsgestein, ich erwache und fühle mich unwirklich. Ich müsste tot sein, davon bin ich in diesem Moment überzeugt, und doch atme ich. Ich kann mich bewegen und mein Puls rast, als wäre ich eine lange Strecke durch den Wald gerannt. Aber die Träume vom fliegen sind schlimmer. Wenn ich dann erwache, spüre ich die Sehnsucht nach dem Wind in meinem Gesicht, wie er an Haaren und Kleidern zieht und zerrt. Ich kann mich zu genau daran erinnern, wie es sich anfühlt, wenn die Luft wechselnd streichelt und peitscht, je nach der Richtung, die ich einschlage. Ich weiß nicht, was diese Sorte Träume auslöst. Aber normalerweise sind sie ein sicheres Zeichen dafür, dass es an der Zeit ist zu gehen. Letzte Nacht habe ich vom fliegen geträumt. Aber ich weiß, dass etwas in der Dunkelheit mich beobachtet hat. Ich weiß, dass in diesem Traum etwas war. Etwas, das mir die Angst nimmt. Diesmal habe ich nicht den Drang zu fliehen.

Was allerdings der Auslöser war, so würde ich vermuten dass es wieder einmal meine verdammte Neugierde war. Neugier tötet die Katze, so sagt man immer wieder. Langeweile auch, würde ich vermutlich entgegnen. Aber zum Glück ereilt mich die Langeweile doch eher selten und ein Tod durch Neugierde scheint wesentlich wahrscheinlicher. Am gestrigen Abend ereilte er mich noch nicht, was ich wirklich zu schätzen weiß. Scheinbar haben Liedwirker bisher keine große Neigung, mich in Flammen zu setzen oder auf andere Art und Weise zu quälen, was nicht bedeutet, dass ich nicht mit dem Schlimmsten rechnen würde. Nur hat mich das noch nie davon abgehalten, eine Dummheit zu begehen. Und diese Form der Dummheit… Nun ja, sie wird vermutlich aus vielen Spaziergängen in der Nacht bestehen. Aus vielen Gesprächen, bei denen wir einander Stück für Stück entlocken können, was wissenswert erscheint. Beim genaueren Nachdenken ist das ein ziemlich verrücktes Unterfangen, finde ich. Jemanden zu mögen, jemanden so sehr an sich heran zu lassen macht einfach zu verletzlich. Es fühlt sich, in übertragenem Sinne, so an, als würde es mir die Brust öffnen, das Herz fein säuberlich sezieren um zuzulassen, dass er sich darin nach belieben umsieht. Zuzulassen, dass er meine Erinnerungen aus ihren Schubladen nimmt und sie betrachtet. Bleibt nur zu hoffen, dass er sie auch wieder richtig einsortiert. Aber ich sollte vorsichtig sein. Das wäre klug. Wie dumm nur, dass ich mich nicht sonderlich oft klug verhalte wenn meine Neugierde geweckt wurde.

Ich konnte mich nicht wirklich an den Traum erinnern, als ich erwachte. Nur an den Wind, nur an die Luft, die mich trug als sei ich federleicht. Aber ich glaube, dass da noch etwas war. Eine leise, kaum flüsternde Stimme. “Das wirst du müssen.” Ich weiß, woher die Worte kommen. Ich weiß, wer sie gesprochen hat. Aber ich habe keine Ahnung, was sie in meinen Träumen zu suchen haben. Aber das werde ich herausfinden. Bald. Ich bin zu neugierig, um das auf sich beruhen zu lassen.

Verfasst: Freitag 9. Mai 2014, 13:21
von Vivien Silberhauch
Nachdenklich zog Vivien das Tagebuch aus seinem Versteck unter der Kommode und betrachtete es. Es hatte über die Erinnerungsstücke die sie gesammelt hatte an Umfang zugelegt, was den Transport ohnehin auf Dauer erschwert hätte. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie das Buch an der Stelle aufschlug, an der noch vor einigen Tagen eine schwarze Krähenfeder gelegen hatte. Von der Feder war nun nichts mehr zu sehen, nur der Abdruck, fein säuberlich wie mit kohlschwarzer Tinte gezeichnet, war am Rand der Doppelseite zu sehen. Es war interessant, zu wissen, weshalb nichts davon übrig geblieben war, auch wenn es wirklich schade war. Es war eine hübsche Feder gewesen.

Vorsichtig blätterte sie weiter, betrachtete die Zeichnung und den Brief, die nur wenige Seiten weiter im Buch lagen. In einem gewissen Abstand fuhr sie mit den Fingerspitzen die Linien der gezeichneten Krähe nach und runzelte dann die Stirn. “Manchmal bist du wirklich unhilfreich”, teilte sie der Krähe mit. Erst dann schlug sie die nächste, leere Seite auf, griff nach ihrem Federkiel und begann zu schreiben.


08. Eluviar 257

Es gibt so viele Dinge, an die ich mich erst gewöhnen muss. Der Gedanke daran, dass ich nun einen Ort habe der mir allein gehört, gehört auch dazu. Noch ist es so, dass ich manchmal den Drang verspüre mich einfach aus der Stadt zu bewegen und die Weite des Waldes zu genießen. Es ist irgendwie unheimlich, zwischen diesen dicken und stabilen Mauern zu schlafen, obwohl es draußen langsam wärmer wird. Aber wie ich ihm schon sagte, vielleicht gibt es jetzt etwas oder jemanden, der mich in Rahal und auf Gerimor hält. Nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher. Und nicht nur eine Person, wenn ich mich hier so umsehe. Natürlich meide ich es noch immer, intensiveren Kontakt zu Fremden zu suchen. Wer weiß schon, was ihnen einfallen würde, wenn ich sie auch nur im Geringsten in meine Nähe lassen würde? Aber andere sind mir durchaus eine willkommene Gesellschaft.

Natürlich liegt er was das betrifft weit über den anderen, auch wenn ich keine Ahnung habe, warum. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, das Fenster über Nacht offen zu lassen. Nur einen Spalt. Für alle Fälle. Aber auch Althan, den ich eher selten sehe, ist nicht unangenehm. In den meisten Fällen kann ich wohl tun und lassen, was ich möchte und wenn ich ihm doch begegne, so ist er stets höflich und überraschend gut gelaunt. Thorbranth zeigt eine weitaus größere Variation an Gefühlen und Launen, was ich allerdings nach meinem Gespräch mit Joshua besser nachvollziehen kann. Er hat einfach noch ein bisschen weniger Übung, würde ich fast vermuten. Fann, eine Bogenschützin, gibt mir dagegen Rätsel auf. Ich bin ihr erst einmal richtig und ein weiteres mal sehr kurz begegnet, aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie kann mich nicht ausstehen. Aber vielleicht ist sie auch immer so. Inzwischen habe ich auch Siegbert kennen gelernt. Eigentlich sollte er mein Mentor sein, aber er hält von striktem Unterricht nicht viel. Wir haben uns einfach entschieden, uns über die Dinge auszutauschen die für uns von Interesse sind. Und nach den letzten Tagen gibt es eine ganze Menge, über das ich nur zu gern mit ihm reden würde. Ich darf nicht vergessen, ihm einen Brief zu schreiben und mich mit ihm zu treffen.

Auch außerhalb des Konvents begegne ich immer wieder Menschen, die ich inzwischen sogar manchmal beim Namen zu nennen vermag. Eli zum Beispiel, der mir nicht nur einen Satz wunderschöner Instrumente gefertigt hat, sondern auch Möbel die nicht dafür sorgen, dass ich mir vorkomme wie in einem Puppenhaus. Sophie natürlich, die meine Musik ebenso zu schätzen weiß wie viele andere Dinge und mit der ich mich, wenn es sich ergibt, gern unterhalte. Und, die neueste Bekanntschaft, Thorbranths Bruder. Was ich von ihm halten soll, da bin ich mir noch nicht ganz so sicher. Aber ich werde es herausfinden, wenn ich der Einladung folge und die beiden Brüder besuche. Ich hoffe wirklich er macht sich die Mühe und informiert seinen kleinen Bruder vorher darüber.

Seltsamer weise füllen all diese Dinge, die Musik, die Gespräche und die Menschen, meine Zeit und meine Wahrnehmung so sehr aus, dass ich kaum dazu komme das Wandern und herumreisen zu vermissen. Natürlich gibt es noch immer Stunden, in denen ich am liebsten allein sein möchte, niemanden um mich herum haben will und mich in den Wald zurückziehe. Zum Glück gibt es nur einen, der mich dort mit Absicht aufspüren kann und was ihn betrifft… Nun, ich kann mir eine Menge schlimmerer Gesellschaft vorstellen und nur wenig bessere. Alles in allem kann man sagen dass ich hier überraschend glücklich bin. Es gibt so viel zu lernen. Ich möchte so vieles wissen, so vieles erlernen. Vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit dazu.

Nach einer Weile legte sie den Federkiel beiseite, überflog die geschriebenen Zeilen noch einmal, ehe sie mit einem Lächeln das Buch schloss und es wieder in sein Versteck zurück schob. Keine Zeichnung, kein Erinnerungsstück für dieses Mal. Das, woran sie sich erinnern wollte stand ihr ohnehin lebhaft vor Augen. Ohne weiter darüber nachzudenken, wanderte sie zum Fenster, öffnete es erneut einen Spalt, und ging schließlich zu Bett. Sie wusste, noch ehe sie die Augen schloss, dass diese Nacht wieder Träume von Krähen mit sich bringen würde.

Verfasst: Sonntag 11. Mai 2014, 19:16
von Vivien Silberhauch
12. Eluviar 257

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr sich das Empfinden von Zeit verziehen kann, wenn man unterschiedliche Umstände in Betracht zieht. Obwohl ich, von außen betrachtet, gestern nicht allzu viel getan habe, ist die Zeit doch rapide verflogen und ehe ich mich versah war es bereits zu spät um noch meine Gedanken niederzuschreiben und zu ordnen. Aber letzten Endes denke ich, dass das durchaus in Ordnung ist und ich die Zeit mich noch einmal in die Vorkommnisse zu vertiefen auch jetzt nutzen kann. Vielleicht trifft es sich sogar ganz gut, dass ich nun mit einem gewissen Abstand und ohne die aufgewühlten Gedanken des Augenblicks darüber nachsinnen kann, was eigentlich geschehen ist. Und vielleicht bin ich am Ende sogar in der Lage, eine vernünftige Entscheidung über mein weiteres Vorgehen zu treffen. Aber sicher bin ich in diesem Bezug noch nicht und betrachte das hier als einen Versuch, der ein gewisses Potential dazu aufweist, erfolgreich zu sein.

Betroffen von dieser Verwirrung ist der Abend des 10. Eluviar, in der Hauptsache zumindest, auch wenn ich die Gelegenheit ebenso nutzen werde, über den gestrigen Abend nachzusinnen. Aber eines nach dem anderen. Ich war mit Joshua verabredet, um mein Versprechen ihm gegenüber einzulösen und eine Weile für ihn zu singen. So weit ist das schon in Ordnung, ich mag meine Musik und er kennt mich inzwischen gut genug um für so ein Unterfangen nicht gerade die Taverne am Marktplatz zu wählen. Aber vielleicht ist es auch nur seiner eigenen Abneigung gegen größere Menschenmengen geschuldet, dass wir uns an der Quelle nahe der alten Mühle trafen. Oder vielmehr treffen wollten, denn scheinbar überschnitt sich unser Weg durch einen Zufall schon früher. Absicht will ich ihm hierbei nicht unterstellen, würde das doch bedeuten, dass er glaubt ich könne nicht auf mich selbst achtgeben.

Es ist lange her, dass ich derart unsicher vor einem Lied war, soviel ist sicher. Nicht einmal, weil ich Angst gehabt hätte dass er es nicht mag. Nein, da war ich mir bereits recht sicher. Es war die Frage, welches Lied ich auswählen sollte. Das, welches ich für ihn schrieb? Ein anderes, das ihm vielleicht etwas mehr über mich verraten würde? Etwas belangloses vielleicht, geeignet für die Taverne? Eine alte Legende ohne jeden Bezug zu mir oder ihm? Es war keine leichte Entscheidung und ich hatte sie noch längst nicht getroffen, als wir uns schließlich niederließen. Wie gut dass das keinen Unterschied machte. Die Unterhaltung allerdings war für mich ein wenig beunruhigend. Natürlich habe ich mir auch schon Gedanken darüber gemacht, dass ich scheinbar ein gewisses Talent dafür habe, mit meiner Musik Menschen zu ergreifen. Sicher fällt es mir auf, dass sich Unruhe durch eine bestimmte Tonfolge dämpfen lässt, oder sich sogar zur Wut steigern. Aber ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob ich es bewusst tun kann. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich weiß, dass ich es bewusst tun kann. Bei Menschen, die mir etwas bedeuten auf jeden Fall. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich es bei einer ganzen Menschenmenge tun kann. Das trifft eher den Kern der Sache.

Ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher, ob das ohne weiteres möglich ist. Natürlich, Musik, speziell wenn sie für eine solche Wirkung geschrieben wurde, hat immer eine gewisse Wirkung. Aber bisher habe ich nur versucht, bereits vorhandene Gefühle damit zu verstärken oder zu schwächen. Ich habe mich auf das eingestellt, was ich vorfand. Aber wäre ich wirklich in der Lage, ein Gefühl zu manipulieren das eigentlich nicht vorhanden ist? Könnte ich mit Hilfe einer gewissen Tonfolge aus stetiger Ruhe brennenden Hass hervorrufen? Es ist eine interessante Frage, auf die sich keine Antwort finden lässt. Jedenfalls lässt sie sich nicht ohne weitere Versuche finden, für die mir derzeit die Möglichkeiten fehlen.

Von diesem Thema zur Musik überzugehen, das Instrument in meinen Händen zu spüren… das war wesentlich vertrauterer Boden als die Frage ‘Wie genau funktioniert das’. Zu spielen und zu sehen, wie es wirkt… Einmal mehr zu sehen dass die Emotion des Liedes sich in den Augen des Zuhörers widerspiegelt… Ich glaube niemand kann wirklich verstehen, wie man sich in diesem Moment fühlt. Instrument und Stimme, Emotion und Zuhörer werden eins. Es ist ein einzelner, perfekter Moment für mich, in dem es nichts anderes gibt. Aber auch das gehört nicht zu den Dingen, die man jemandem erzählen sollte wenn man nicht Wert darauf legt, für verrückt gehalten zu werden. Schade eigentlich, dass dieser perfekte Moment unterbrochen wurde. Andererseits, für die Begegnung die darauf folgte wäre wohl jeder Moment unpassend gewesen. Wer läuft schon gern einem Wegelagerer über den Weg oder wird, wie in diesem Fall, von einem entdeckt?

Klingt es verwirrend, wenn ich behaupte ich hätte Joshuas Abneigung gespürt, in dem Moment in dem der Mann auftauchte? Ich glaube nicht. Allein durch die Konzentration auf die Musik zuvor schien es mir ohnehin so, als würde ich Joshua genauer wahrnehmen, als noch vor wenigen Minuten. Kein Gedanke, den ich vertiefen möchte. Zumindest derzeit nicht. Noch nicht. Skal, so nannte sich der Räuber, war von einem Ritter (ich weiß inzwischen dass es Ritter Wolfseiche war) aus der Stadt gejagt worden und wollte diesen nun bloßstellen indem er Reichsbürger ausraubte. Ich glaube nicht, dass der arme Irre ahnte, was er sich damit angetan hätte, wenn er uns tatsächlich angegriffen hätte. Glücklicherweise verzichtete er auf diese Torheit und ließ sich davon überzeugen, lieber an einem anderen Ort nach Beute zu suchen. Besser war es, denn wenn er auch nur Hand an meine Instrumente gelegt hätte, ich hätte ihn erschlagen ohne darüber nachzudenken. Jedenfalls, wenn Joshua nicht schneller gewesen wäre. Also erhielt ich auf diese Art und Weise unfreiwillig die Gelegenheit, die Wirkung meiner Musik noch einmal auszuprobieren, indem ich zumindest die schlimmsten Gedanken an Feuer erst einmal vertrieb. Was das betrifft, so fällt es mir immer leichter. Oder aber ihm fällt es immer leichter, sich auf die beruhigenden Tonfolgen einzulassen.

Glücklicherweise hielt der Abend keine weiteren Überraschungen mehr bereit und ich kam unbehelligt nach Rahal zurück, zwei Aufträge in Gedanken, von denen mir nur einer gefiel. Der Bericht war recht schnell geschrieben und ins Konventsgebäude gebracht, wesentlich schwieriger fand ich es, nein, finde ich es, die passende Form zu finden um an Fräulein Simaion heranzutreten. Ich bin noch immer sehr versucht, es einfach nicht zu tun, aber ich fürchte ich müsste mich dafür rechtfertigen und dieser Gedanke sagt mir noch weniger zu.

Einen ruhigen Folgeabend hätte ich also durchaus brauchen können, doch das war mir noch weniger beschieden. Im Moment scheine ich merkwürdige Gestalten geradezu anzuziehen. In diesem speziellen Fall ein junger Mann, der sich von ‘Mädchen’ über ‘Kindchen’ allerlei Frechheiten herausnahm, während er offenkundig versuchte, mein Interesse zu wecken. Seine Bemühungen waren nicht wirklich ernstzunehmen und ich gehe nicht davon aus, dass sie noch sonderlich viel Erfolgreicher werden. Eher ist das Gegenteil der Fall, aber das weiß er ja noch nicht. Nun, es gibt so viele Frauen in Rahal, dass vermutlich auch er irgendwann die passende finden wird, auch ohne dass ich so tun muss als wäre ich von ihm und seinem Gebaren auch nur im Geringsten angetan. Auf der anderen Seite gestehe ich jedem Menschen eine gewisse Lernfähigkeit zu und ziehe in Erwägung die seine zu beobachten und daraus meine Schlüsse zu ziehen.

Einstweilen aber will ich mich wieder meiner Musik widmen, meinen Liedern und den Gedanken, die sie wachrufen. Die vor mir liegenden Aufgaben werden schwer genug, auch ohne dass meine Gedanken sich mit Dingen befassen, die damit nichts zu tun haben.

Verfasst: Donnerstag 5. Juni 2014, 15:49
von Vivien Silberhauch
Erschöpft ließ sie sich gegen das warme, raue Holz der Tür sinken und schloss die Augen für einen langen Moment. Noch immer brauchte sie eine gewisse Zeit um sich von der freien Natur und der Ruhe des Hortes wieder an Rahal zu gewöhnen, wo es selbst Nachts ständig Geräusche gab. Selbst dann, wenn es nur die Wachen waren, die auf ihrer Runde auch an ihrem Haus vorbei schepperten. Manchmal irritierte sie sogar das leise Knarren des Fußbodens, wenn das Holz sich ausdehnte und wieder zusammen zog, protestierend über die Ungerechtigkeit die es mit Nägeln versehen hatte. Es dauerte lange, bis sich ihr keuchender Atem wieder beruhigt hatte, bis ihr Herzschlag sich so weit verlangsamt hatte, dass sie nicht mehr bei jedem Schritt zitterte. Vom oberen Ende der Treppe hörte sie das leise, fragende Maunzen ihres Katers. Er entlockte ihr ein leichtes Lächeln, kurz bevor sie sich von der Tür löste und die wenigen Schritte machte, die sie ans andere Ende des Raumes trugen. Hier war es merklich wärmer, auch wenn das Feuer im Herd sorgfältig gelöscht war. Die Küche schien die Wärme einfach zu speichern und schließlich im Laufe der Nacht abzugeben, was ihr nur Recht war. Sie mochte es, in der Nacht nicht von eisiger Kälte umfangen zu sein wenn sie sich einen Krug Wasser holen wollte.

Vorsichtig stellte sie die beiden flachen Holzschalen auf der Arbeitsplatte ab, füllte die eine mit rohem Fisch, die andere mit Milch. Erstaunlich, wie sehr einem selbst diese Bewegungen in Fleisch und Blut übergehen konnten. Sie musste überhaupt nicht mehr darüber nachdenken, tat es ganz von selbst, wenn sie spät am Abend nach Hause kam. Mäuse jagen konnte der Kleine ja schlecht, selbst wenn er bereit zu sein schien, sich mit ihren Besuchern anzulegen. Sie lächelte bei der Erinnerung an sein Fauchen und etwas breiter als sie an die mehrdeutige Aussage dachte, die jemand anders zu dem Thema gemacht hatte. Ja, der Kater würde sich früher oder später daran gewöhnen müssen, dass auch andere einen gewissen Zugang zu diesen Räumen hatten. Und solange es keine Kater waren gab es auch keinen Grund für Eifersucht. Einen Moment stockte sie in der Bewegung, legte den Kopf leicht schräg. Vertrieb den Gedanken wieder, der sich ihrer bemächtigen wollte, das Bild, das sich ihr aufdrängte. Entschlossen trug sie die beiden Näpfe die Treppe herauf und stellte sie neben das Körbchen des Katers, wo er sich gierig über das Futter hermachte, während seine Herrin - oder vielmehr das geduldete menschliche Wesen, sich zu ihrer Harfe begab.

Zärtlich strichen die schlanken Finger über das glatte, von Wachs versiegelte Holz. Makellos. Es dauerte nicht lange, bis sie die Vertiefung der mit blutroter Farbe eingelegten Gravur im Holz ertastete, den verschlungenen Buchstaben mit den Fingern folgte. “Schmerz und Freud sind Klang und Stimme die das Wort zum Lied geträumt”, flüsterte sie leise vor sich hin, während sie den Schriftzug abtastete. Sie kannte nun beides, kannte die Gefühle die damit verbunden waren und hatte in den letzten Wochen vieles gelernt. Sehr viel. Sie löste sich von dem Instrument in das sie förmlich verliebt war und ging ins Schlafzimmer herüber, um das Tagebuch aus seinem Versteck zu holen. Es hatte schon Staub angesetzt, so lange hatte sie nicht hinein gesehen. Mit dem leisen Zischen von Haut auf Leder wischte sie die Flusen fort und sah lächelnd zu, wie der herangeschlichene Kater versuchte, sie zu fangen. Wenigstens er konnte etwas damit anfangen. Zufrieden wanderte sie in den Nebenraum, ließ sich in einen der bequemen Sessel sinken und zog die Beine an, die Arme um ihre Knie geschlungen starrte sie das Buch an. Lange Zeit.

Das Licht der Öllampe flackerte ungeduldig auf, wie von einem unsichtbaren, kaum spürbaren Lufthauch bewegt. Als würde es sie dazu drängen wollen, endlich zur Feder zu greifen und eine weitere Erinnerung hinzuzufügen. Etwas weiteres zu schaffen, das nicht so schnell vergehen würde. Sie öffnete das Buch und dachte kurz an Fenia. An das, was sie gesagt hatte. Würde irgendjemand dieses Buch eines Tages lesen um herauszufinden, wie sie gedacht hatte? Würde jemand wirklich erfahren wollen, wie sie gelebt hatte, auch wenn sie längst zu Staub zerfallen war und nichts mehr von ihr blieb als dieses Buch und ihre Lieder? Sie wusste es nicht. Auch dann nicht, als sie schließlich tatsächlich zur Feder griff und zu schreiben begann.


05. Schwalbenkunft 257

Zu viele Gedanken füllen meinen Kopf. Aber es sind nicht mehr nur die Gedanken an das Alltägliche, an das, was mir geschehen ist oder was noch geschehen mag. Ich beginne damit, mir Gedanken über das zu machen, was ich tue. Und auch über das, was ich wirklich empfinde. Es mag einfach sein zu sagen, hör in dich hinein und frage dich selbst, was du empfindest, wie du denkst. Aber so einfach ist es nicht, denn ich muss um die Ecke denken um mich nicht ständig selbst zu maßregeln. Zum Glück ist Magistra Bagosch mir sehr behilflich wenn es darum geht, zu verstehen. Sie stellt die richtigen Fragen und manchmal glaube ich, sie kennt die Antworten darauf noch vor mir.

Vor einer Weile sagte ich zu Felicitas, ich würde ein Ordensmitglied jedem Ritter vorziehen. Als sie fragte warum, konnte ich nicht wirklich erklären, weshalb es so ist. Erst das Gespräch am gestrigen Abend brachte mir etwas Klarheit, für mich selbst und vielleicht auch für andere, die es ebenso betrifft wie mich. Es ist die Ruhe, die Gleichmütigkeit die mich an Joshua anfangs so verunsichert hat, die eigentlich genau das ist, was ich brauche und mir wünsche. Ich selbst bin so unstet, bin ständig im Wandel, ständig auf der Suche nach etwas Neuem, das meine Aufmerksamkeit fesselt nur um dann doch wieder an einer anderen Stelle das alt bewährte zu untersuchen. Er ist, so dumm es auch klingen mag, für mich eine Konstante. Neu und sicher zugleich. Neu, weil ich niemals weiß, wie genau er reagieren wird. Sicher, weil er diese Gefühle und Reaktionen gut verbergen kann, wenn er spürt dass es nötig ist. Oder schlicht der Meinung ist, dass er es so will. Keine Unsicherheit. Keine Verwirrung die von ihm ausgeht. Nur Ruhe. Oder wie es Magistra Bagosch sagte… ein Mitglied des Ordens kann für mich das Auge des Sturms sein. Ruhig, sicher und beschützt vor allem was in der Welt herum wirbelt.

Ist es wirklich das, was ich brauche? Das, was ich mir wünsche? Scheinbar, denn ich stelle fest, dass es mir schwer fällt, mich über einen längeren Zeitraum von ihm fernzuhalten. Und mit ihm dann wohl auch von Jonas, der noch nicht gelernt hat seine Gefühle hinter der undurchdringlichen Maske zu verbergen. Aber es stört mich nicht. Im Gegenteil, ich kann beobachten, ich kann lernen und wachsen. Neue Wege gehen und sicher sein dass meine Ruhe in Sicherheit ist. Er muss es sein, denn der Gedanke daran, dass ihm etwas geschehen könnte macht mich beinahe krank. Ich frage mich nur, weshalb. Aber so wenig wie ich manche Fragen an ihn laut ausspreche, so wenig will ich mich damit befassen, dieser Frage weiter nachzugehen. Die Zeit wird es zeigen und mir die Antwort näher bringen. Zumindest ist es das, was ich hoffe.

Ruhe, Sicherheit und eine merkwürdige Art von Geborgenheit sind es also, die der Orden für mich bedeutet. Es hat mit Sicherheit schon klügere Entscheidungen gegeben als diese. Aber auch dümmere, die weniger lehrreich gewesen sind. Letztlich gilt es doch nur herauszufinden, wo mein Platz ist. Und dies… ist meine eigene Wahl. Ich entscheide wo ich stehe. Ich entscheide wem ich diene. Ich entscheide, was ich tue und denke. Allein mein Wille zählt - und es wird Zeit, dass einige Menschen das auch lernen.