Seite 1 von 1

Lend-nin 'en cuil

Verfasst: Dienstag 1. April 2014, 20:06
von Ivor´ithil Amdir
Der Wind blies mir kühl und nass ins Gesicht. Die dünnen Äste knisterten zwischen den Böhen und durchbrachen so die morgendliche Stille im Wald. Ich saß an einen Baum gelehnt auf dem schneebedeckten Boden der
menschlichen Landen und sinnierte vor mich her. Meine Gedanken waren die ganze Nacht schon beim Ereignis des Vortages gewesen und es machte mich fast wahnsinnig ständig daran zu erinnern. Eine Schande, eine Schmach war es gewesen, aber das wusste ich ja nun. Ich hatte aus meinen Fehlern gelernt und würde es wohl nie wieder so tun, doch scheinbar wusste Phanodain etwas, was ich noch nicht wusste und wollte mir damit noch irgendetwas zu verstehen geben, damit,
dass er mich jedes Mal erinnern ließ. Ich wusste, ich würde es zu gegebener Zeit noch heraus finden. Das hatten mir die Älteren ja schon oft erklärt, denn nur Geduld würde zum Ziel führen, doch ich war nun mal leider, wie so viele von meinen Altersgenossen, nicht der Geduldigste und um ehrlich zu sein, konnte mir vieles nicht schnell genug gehen. So zum Beispiel auch meine erste Begenung mit den Verdammten...

*Voll von Hass durchströmt starren mich die Augen meines Gegenübers an. Eine ganze Weile sagte keiner von uns beiden
etwas, bis er das Wort wieder ergreift: "Du bist noch schwach, Edhel! Daran wird sich auch nicht viel ändern, wenn du weiter auf die Gnade deiner Götter hoffst." Diese Worten kommen herablassend, ja fast zischend über die Lippen des Verdammten, ehe er seine dreckige Hand von meinem Hals nimmt und mich kraftlos in den Schnee sinken lässt.*

Wütend presste ich Luft durch meine Nasenlöcher. Wie dumm war das denn bitte gewesen?
Da hörte ich plötzlich einen Wolf heulen. Auch wenn ich mich bis zu dem Tag nicht damit beschäftigt hatte, wie diese faszinierenden Tiere untereinander kommunizieren, wusste ich in dem Moment genau, dass er mich meinte und ich wusste, dass er mir sagen wollte: "Lass dich nicht so fallen und geh weiter!" Mein Blick wanderte schlagartig in die Richtung aus der ich das Heulen vernommen hatte, doch ich sah nichts außer einem Trampelpfad. Einen Trampelpfad, den ich vorher gar nicht richtig registriert hatte. Sofort rappelte ich mich auf und begab mich in Richtung des Pfades. Schon nach wenigen Meilen merkte ich, wohin er mich führte und ein paar Meilen später war ich bereits da. Ered Luin! Unweigerlich
zuckten meine Mundwinkel zu einem Schmunzeln hoch und ich fühlte, wie neue Kraft in mir aufkam. Selbstsicher und stolz wie ich es schon vor meiner Abreise gewesen war betrat ich also meine Heimatstadt, um mich wieder zurück zu melden. Gleich im vorderen Bereich der Stadt kamen mir zwei ältere Elfen entgegen und grüßten: "Mae govannen, gwador!"
Ich neigte kurz mein Haupt etwas und grüßte ebenso: "Mae govannen, gwedyr" "Du hast dir einen schönen Tag für deine Heimkehr ausgesucht, Ivor. Heute hat deine naneth alle eingeladen, zusammen zu kommen, um mal wieder etwas mehr Zeit miteinander zu verbringen. Alle werden etwas zu diesem Treffen mitbringen. Wir würden uns freuen, wenn du uns auch
Gesellschaft leisten würdest, so du nicht zu erschöpft von der Reise bist.", erzählt einer der Edhil mit einem seichten Lächeln. "Nun, ich schätze, es war nicht meine Idee, heute schon zurückzukehren, aber wenn ich das so höre, ist es wahrlich sehr gut getroffen. Selbstverständlich werde ich da sein.", entgegnete ich ihm und musste dabei leicht aufgrinsen. Es war ein gutes Gefühl, wieder unter meines Gleichen zu sein. "Wie müssen wir das denn verstehen: 'Es war nicht meine Idee'?", fragte mich der Andere nun verwundert. Wieder schlichen meine Mundwinkel kurz hoch, ehe ich antwortete: "Es war.. mehr so ein Gefühl, denke ich." Bei diesen Worten schaute ich ihn mit einem schelmisch angehobenem Mundwinkel und leicht angehobener Augenbraue an. Eben jene Worte hatte er damals auch zu mir gesagt, als er mir versuchte zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn man sein Seelentier gefunden hat. Nun konnten sich auch meine Gegenüber ein Schmunzeln nicht verkneifen, ehe der Andere wieder meinte: "Nundenn.. Wir werden uns ja dann gleich sehen, gwador. Bis dahin gehen wir noch etwas durch den Nebelwald. Namarie!" Wieder neigten sie das Haupt. Diesmal zum Abschied und so tat ich es ihnen gleich. "Namarie!" ...

Verfasst: Sonntag 18. Mai 2014, 03:34
von Gast
Schleppend schaffte ich es irgendwie bis zum Wasser. Der Versuch, sich langsam und vorsichtig am Rand hinzusetzen scheiterte kläglich und so plumpste ich ziemlich unbeholfen, fast schon wie ein Adain mehr oder weniger auf meinen Hintern. Leicht verzog ich mein Gesicht, als ein abrupter Schmerz durch mein Bein und den Rücken zog. Mit einem leisen Seufzen streckte ich beide Beine schließlich dann aber wie geplant nach vorne ins kühle Wasser aus. Die Stiefel hatte ich ja schon vorher ausgezogen und auf die Wiese neben mir gestellt. Dann nahm ich meinen Umhang von den Schultern und schnitt ein Stück mit meinem Dolch ab. Jenes Stück tunkte ich ein mal in das klare Wasser und führte es dann zur Wunde am Bein. Im ersten Moment brannte es ziemlich, als der kalte Stoff die offene Stelle berührte, doch ich biss auf die Zähne und tupfte weiter vorsichtig den groben Dreck weg. Bluten tat die Wunde mittlerweile nicht mehr wirklich, was es für mich etwas einfacher machte, sie zumindest grob zu versorgen. Nachdem ich es geschafft hatte, den meisten Schmutz zu entfernen schnitt ich einen langen Streifen von meinem Umhang ab und nutzte jenen als provisorischen Verband. Wieder schmerzte jede kleinste Berührung und ich fing an, schlecht gelaunt zu sein. Irgendwas musste dieses Tier doch aufgewühlt haben? Aber was? Der Nebelwald war mit Ausnahme davon weiterhin ruhig.. Mir kamen die Worte unserer Liedweber in den Kopf: "Irgendetwas schwächt den Nebelwald in diesen Zeiten." Ja, mittlerweile spürte ich es auch. Langsam aber sicher wurde es, was auch immer es war, schlimmer. Es musste dringendst etwas getan werden, doch wie immer war hier mit Bedacht vorzugehen und das bedeutete auch Geduld. Noch lange hing ich meinen Gedanken hinterher und so verstrich die Nacht ohne das ich wirklich etwas behalten hatte von dem, was ich getan oder gedacht hatte. Zwischendurch musste ich wohl in eine Meditation gefunden haben, denn als ich meine Umwelt wieder bewusst wahrnahm war es bereits hell geworden...

Verfasst: Freitag 6. Juni 2014, 18:26
von Gast
Die Tage waren einer nach dem Anderen verstrichen und auch, wenn die späten Nächte jedes Mal absolut langweilig waren, wenn bereits alle Menschen schliefen und ich alleine am Lagerfeuer saß, waren die Ereignisse zu den hellen Stunden meistens doch recht interessant.
Kersti, eine Heilerin der Menschen, war mir dabei irgendwie besonders aufgefallen. Irgendetwas hatte sie an sich, was mich interessierte und so zog es mich in aller Regel zu ihr hin. Manchmal, um einfach nur etwas Gesellschaft zu haben, andere Male aber auch, um Wissen auszutauschen oder sich behilflich zu machen. Sie war eine merkwürdige Person. So taff und doch gleichzeitig nachdenklich und selbstzweifelnd. War es das, was sie so interessant machte? Dieses Nachdenkliche? Was ja durchaus auch mir zuzuschreiben war. Egal, was es war, irgendetwas an ihr brachte mich immer wieder aus der Konzentration und lies mich unsicher werden. Zurückhaltung und Unsicherheit kamen dann in mir auf und ich konnte es einfach nicht unterdrücken. Meine Fassade bröckelte und es war nur noch unter Anstrengugnen möglich, klare Sätze zu bilden. Berührungen durch Andere waren in solchen Momenten eine Qual für mich. Ich beobachtete dann jede kleinste Bewegung meines Gegenübers, als müsste ich einen Angriff durch jene Person befürchten.
Und dann war da dieser Torjan. Neben den so oder so zwischendurch unangenehmen Situationen, in denen man über Essensverdauung und Schlaf redete, gab es noch die Momente, wo er dann mit seinem Wegkreuz-Dialekt ankam und meinen Kopf zum Rauchen brachte. Er war ein netter Kerl. Keine Frage, aber sein Dialket war sehr anstrengend für meine Ohren. Es beruhigte mich ein Stück, als ich hörte, dass es nicht nur mir, sondern auch manchen Menschen so ging. Das war auch bei weitem nicht das Einzige, was ich in den vergangenen Tagen so erfuhr. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass ich keine Informationen mehr aufnehmen kann und musste mich etwas zurückziehen, um zu meditieren. Das war eine neue Situation für mich, denn sonst hatte ich das Wissen immer in angemessenen Mengen aufgenommen, doch das war vermutlich der Vor- oder auch Nachteil des so intensiven Kontakt mit einer anderen Rasse. Und eigentlich war ich ja auch teilweise aus diesem Grund bei ihnen geblieben. Das musste man dazu sagen. Wäre ich in der Lage gewesen, zwischendurch im Training einen Ausgleich zu finden, wäre ich vermutlich der zufriedenste Elf auf Gerimor gewesen, aber das absolute Trainingsverbot durch meine Verletzung am linken Arm machte mir da einen Strich durch die Rechnung. Ein kleiner Lichtblick waren mein offensichtlich gutes Heilfleisch und die Hilfe Shalaryls...

Eine Reise ohne festgelegtes Ziel...

Verfasst: Freitag 13. Juni 2014, 16:35
von Gast
"Bist du bereit?", ertönte die Stimme Adars bereits früh am Morgen, als die Sonne noch nicht ganz über die Berge um Ered Luin hinüber gekommen war. Ich war gerade dabei, noch ein paar Briefe zu Ende zu schreiben, meine Tasche war bereits gepackt...
Zügig, aber mir noch genug Zeit lassend, dass das Schriftbild nicht verwackelte, schrieb ich also die letzten Zeilen und rollte die Schriftstücke dann zusammen. Eines wanderte nach Wulfgard, eines zum Adoraner Lager und das andere brachte ich selbst am Haus an. Dann schulterte ich meine Tasche und ging die Treppe herunter. Unten standen bereits Adar und Naneth. Sie warteten auf mich. Ein sachtes Lächeln zierte ihre beiden Gesichter und gerade ihres, aber es war anders, als bei ihm. Irgendwie emotionaler. Sie war zwigespalten. Ich konnte es nach 13 Dekaden des gemeinsamen Lebens erkennen, wenn sie sich nicht gut fühlte. Unweigerlich kam auch auf meinen Lippen ein Lächeln auf und ich schritt auf sie zu. Ohne darüber nachzudenken legte ich meine Hände an ihre Oberarme und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, ehe ich meinte: "Mach dir keine Sorgen, Naneth! Adar und ich werden vorsichtig sein und wenn es zu gefährlich wird, wissen wir, was zu tun ist." Ich sah in ihre smaragdfarbenen Augen und schwieg nun einfach nur und es schien, als würden ihre Zweifel verschwinden. "Du bist so groß gewurden, ion-nin. Ich bin stolz auf dich.", sagte sie und ließ eine Strähne meines Haares durch die Finger ihrer rechten Hand gleiten, dann wandt ich mich zu Adar um. "Wir sollten aufbrechen." Er nickte mir sachte zur Bestätigung zu und so ging ich schon einmal vor. Ich wusste, dass er noch kurz mit Naneth alleine sein wollte. Diese Zeit nutzte ich einfach, um den Brief an meine Geschwister anzubringen und am Vorplatz zu warten.
Kurz darauf kam dann auch Adar und wir brachen auf gen Norden. Eine lange Reise stand uns bevor. Zumindest war dies wahrscheinlich. Wirklich wissen tat es keiner von uns, denn es hang davon ab, was und wie wir lernten. Viel war zu lernen und das wollte ich auch tun. Adar sagte, ich hätte immerhin auch genug Zeit, doch wenn ich an Radulf unf Kersti dachte, konnte ich diese Aussage nicht bestätigen. Ich wurde alt, ja, aber sie nicht und ich wollte nicht zu lange von ihnen weg sein. Nicht, wo ich sie gerade erst kennen- und vor allem mögen gelernt hatte. Ich müsste eines Tages so oder so mit ansehen, wie sie gehen und ich alleine zurück bleibe, doch bis dahin wollte ich keine Gedanken daran verschwenden und so viel Zeit wie möglich mit ihnen genießen...

Verfasst: Samstag 30. August 2014, 19:49
von Gast
Mondläufe waren wieder ins Land gezogen. Mondläufe, in denen ich vieles gemacht hatte. Da war das Nebelwaldblütenfest gewesen, die Hilfe bei Niphrerdhons Vorhaben, Schwingensteins Belagerung und damit zusammenhängend viel zu viele Erfahrungen, die ich niemals machen wollte. Der Zwang, Wesen zu verletzen. Nicht nur Letharen, die es nicht anders verdient hatten, sondern auch Menschen, die einfach fehlgeleitet waren durch den Hass des Panthers. Die erste Schlacht war direkt in einem Nahtoderlebnis geendet durch mein Entsetzen und auch die Zweite war nicht wesentlich erfolgreicher ausgegangen. Erst in der Dritten hatte ich diese Zurückhaltung im Griff und hatte angenommen, dass es nicht nur Menschen gibt, die nichts für ihr Tun können. Dann war da auch noch dieser Raindri Katuri, welcher sich irgendwann einmal den 'Titel' "erwählte Klinge" erarbeitet hatte. Ich konnte, selbst wo ich ja offen für Neues war, beim besten Willen nicht verstehen, wie er dies geschafft haben sollte. Mit der Priesterin Janarey hatte ich viel und lange über Temora geredet und in Raindri fand ich mehr Verstöße gegen die Tugenden, als das Einhalten jener. Er hatte es in dieser einen Nacht tatsächlich fast geschafft, meine in diesen Wochenläufen hart erarbeitete Ruhe zu nichte zu machen mit seinen Worten. Es war sein Glück und vielleicht auch aus irgendeinem mir unergründlichen Grund die Gnade der lichten Götter, dass ich zu gut erzogen war und Janarey neben mir hatte stehen. Zu anderer Zeit hätte es vermutlich nicht so geendet, doch die weiteren Kommentare und Blicke auch noch Tage später, gaben mir nicht die Möglichkeit, ihm zu vergeben für seine Kurzsichtigkeit. Stattdessen scharrte er Menschen um sich herum, die damit rein gar nichts zu tun hatten und versuchte sie, gegen mich zu hetzen. Narr! Die Wut in mir war anfangs sehr gut zu verbergen gewesen. Wohl, weil ich wusste, dass ich ihm sonst nur entgegen kommen würde, doch je öfter ich im Nachhinein darüber nachdachte, desto trauriger wurde ich über diesen Zustand und es wurde zunehmend schwerer, die Ruhe, die ich meinen Meditationen eigentlich suchte, zu halten. Die Erinnerungen an all die Letharen, welche ich am Leben lassen musste, machten es nicht besser und die ganze Sorge, welche in zu jener Zeit um Ulfrik und Kersti getragen hatte, gaben mir so manches Nachts den Rest und ich brach die Meditation ab. In aller Regel kam ich gar nicht dazu, weiter über mein Leben nachzudenken und schleppte mich einfach nur zum Wasserfall hoch. Einige Geschwister, die zu diesen Zeiten noch in der Stadt herum gingen, schauten mich besorgt an, fragten, was los sei und ich lächelte ihnen nur sacht zu. "Es geht bald wieder. Ich bin nur nachdenklich. Hannon'le..." Stunden vergingen in jenen Nächten schließlich, bevor ich erneut zur Ruhe kam und mich wieder für das Positive öffnete.
Das Handelshaus war in letzter Zeit auch in mein Leben getreten und hatte mir aufs Neue gezeigt, dass es auch genug Menschen gibt, die freundlich sind und sich bemühen, auf den rechten Pfad des Lebens zu gelangen. Sie lehrten mich viele Lebensweisen und vor allem den Humor ihres Volkes. Es war immer etwas skuril, wenn alles um mich herum lachte und ich lediglich fragend drein blickte. Ich traute mich zumeist nicht einmal, zu fragen, warum sie lachten, aber mit vergehender Zeit lernte ich immer mehr, auch die Mundwinkel anzuheben und zu verstehen, warum ich dies tat. Und auch Ulfrik hatte ich selbst nach der Belagerung noch ein paar Male gesehen. Er war auch in Zeiten des Friedens nicht anders, wie sich herausstellte. Draufgängerisch und ohne große Zurückhaltung, aber ein netter Kerl, mit dem man durchaus viel Spaß haben konnte, wenn man wusste, wie man ihn nehmen muss. Eigentlich waren die ganzen Thyren so. Eine wirklich interessante Gruppe von Menschen und ihr 'Glaube' war dem unseren sehr ähnlich. Nur, dass sie ihre Ahnen hatten und wir unseren Erschaffer. Schließlich war da noch Kersti, die mich immer wieder lehrte, Nähe zuzulassen. Körperliche wie geistige. Sie schaffte es fast jedes Mal, meine Fassade, welche ich unter den Menschen zu pflegen versuchte, herunter zu reißen und hindurch zu schauen. Auf der einen Seite war es immer noch verwunderlich und mir eigentlich unangenehm, eingestehen zu müssen, dass ein Mensch mich in gewisser Weise manipulieren konnte, auf der anderen Seite war es mir ein Vergnügen und Reiz, selbiges bei ihr zu tun und so eine komplett andere Ebene der Kommunikation zu führen. Sozusagen zwei Gespräche in einem. Das der Körpersprache und das der Worte. Auch, wenn oftmals nicht der selbe Sinn hinter ihnen steckte.
Adar hatte es vermutlich auch mitbekommen, dass sich etwas bei mir verändert hat. Er ging anders mit mir um, stellte mir Fragen, wo ich mich frug, warum er dies tat und antwortete schlagartig wieder so naiv wie früher. Dann seufzte er immer und führte den Unterricht fort. Kommentarlos. Er lies mich mit meinen Gedanken alleine, wenn ich nicht nachfrug. Naneth, die mich in den letzten Monat eigentlich fast nie sah, war immer emotionaler. Fast schon merkwürdig emotional. Ich hatte zwischendurch das Gefühl, nicht mehr einfach nur ihr Sohn zu sein. Beschreiben konnte ich es aber nicht, deshalb sprach ich sie nicht darauf an, doch Sätze wie "Du wirst immer mehr wie sie." trafen in vielerlei Hinsicht tief, denn ich wusste zumindest, wer 'sie' war. Es blieb abzuwarten. Die Zeit brachte viel Neues und vielleicht würde sie mir auch bald Klarheit bringen.

Verfasst: Sonntag 14. September 2014, 14:58
von Gast
"Ion!", ertönte noch die Stimme adars, doch noch ehe mein Körper im Stande war, auf das Wahrgenommene zu reagieren, spürte ich auch schon einen wuchtigen Schlag genau gegen mein Gesicht und wurde so zurückgedrängt, dass mich nur ein holpriger Ausfallschritt davor bewahrte, rückwärts um zu fallen. Noch im selben Atemzug hörte ich das schmerzerfüllte Kreischen der Steinharpie vor mir und keinen Wimpernschlag später den dumpfen Ton, als ihr massiger Körper auf dem harten Boden unter uns aufprallte. Noch immer war ich benebelt, sah zwar, dass adar vor mir stand, konnte aber nicht richtig reagieren auf das, was er mir offensichtlich sagte. Ich verstand es nicht einmal. Nach einer Weile fasste er mich an den Schultern und rüttelte mich vorsichtig etwas. "Ivor! ... Verstehst du mich?" Sorge stand in seinem Blick und mit einem Mal blinzelte ich. Wurde mir der gegenwärtigen Situation erst richtig bewusst. Weitere Sekunden verstrichen damit, zum Antworten anzusetzen, bis es schließlich auch funktionierte: "Naw..." Ein erleichtertes Seufzen ging sogleich von ihm aus und er lächelte sachte. "Lass' uns erst einmal hier raus kommen.", meinte er, legte seine Hand in meinen Rücken und wollte mich gerade etwas mit sich schieben, als ich ihn fragend anblickte. Er verharrte in seiner Position und erwiederte den Blick. Ich wusste nicht so recht, was ich fragen sollte und schwieg, doch er schien wenige Augenblicke später von selbst zu verstehen und erklärte: "Ion, du siehst furchtbar aus. So kannst du nicht weiter kämpfen!" Es war ein insgeheimer Befehl und auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich aussah, gab mir der nun langsam eintretende Schmerz zumindest eine leise Ahnung davon, wie mein Gesicht aussehen musste. Einverstanden lies ich mich nun also doch hinaus führen und atmete als aller Erstes einmal die frische Luft ein. Zumindest war das der Plan, bis ich einen stechenden Schmerz in meiner Nase verspürte und auf das Atmen durch den Mund überging. Es endete in einem genervten Seufzen und adar lachte mit einer Mischung aus Amüsanz und anhaltender Sorge.
"Lass' mich einmal sehen!", forderte er und wandte sich mir wieder zu. So nahm ich also meinen Helm vom Kopf und lies adar schauen. Während er das tat, inspizierte ich den Helm und schnell wurde mir bewusst, dass es mehr als gut gewesen war, ihn an zu haben. Dort, wo normal das Auge sitzt, begann an dem Metall eine breite Schramme und hinterließ eine Schramme, der das Metall nur knapp widerstanden hatte. Kaum hatte ich diese Erkenntnis gewonnen, spürte ich auch schon adars Finger an der Stelle, wo kein Helm mehr war und sofort verspürte ich wieder einen stechenden Schmerz. Es war knapp unter meinem Auge und jetzt, wo ich mich darauf konzentrierte, merkte ich, dass der Schmerz sich über die komplette Wange, knapp an der Nase hinwegzog. Nase! Das war ein Stichwort. Ich hatte Nasenbluten und derweil hatte adar auch meinen Kopf in den Nacken gedrückt. "Ivor?", ertönte seine Stimme plötzlich wieder und ich blickte aus dem Augenwinkel zu ihm, ohne den Kopf dafür zu drehen. Einen Moment schaute ich ihn abwartend an, weil ich eine Fortsetzung des Satzes erwartete, doch da kam keine. Stattdessen meinte adar irgendwann: "Ich wollte wissen, ob dir schwindelig ist, aber ich glaube, die Frage hat sich gerade von selbst geklärt." "Hm..", kam es nur nachdenklich von mir und ich versuchte mir aufs Neue dessen bewusst zu werden, in welcher Situation ich gerade war. Adar stand vor mir, hielt ein Stück Stoff an meine Nase. Um mich herum war die Wiesenfläche Wulfgards und hinter mir ein Baum, an dem ich offensichtlich angelehnt war. Adar musste meinen Blick bemerkt haben, denn er wirkte schlagartig wieder etwas besorgt. "Bist du sicher, dass wir weiter sollen?", frug er mit ruhiger Stimme und suchte wieder meinen Blickkontakt. "Ich.. glaube doch nicht.", gestand ich mir schließlich selbst ein und setzte ein sachtes Lächeln auf, in der Hoffnung, er würde sich dadurch weniger Sorgen machen. "Vielleicht.. sollten wir nach Berchgard. Das ist nicht so weit weg...", überlegte ich laut und er nickte zögerlich. "Ich denke, du vertraust den edain dort zu Recht. .. Ich werde dich bis zum Tor begleiten. Ist das in Ordnung für dich?" Ich wusste, dass adar nicht viel für das Volk der Menschen über hatte, aber das es so schlimm war, hatte ich bisher nicht gedacht. Dennoch nickte ich angedeutet und so legte er meine linke Hand an das Stück Stoff an meiner Nase. Schön langsam ging ich Schritt für Schritt Richtung Berchgard. Direkt neben mir passte adar sich meiner Geschwindigkeit an und hatte noch immer seine Hand in meinen Rücken gelegt. Am Tor angekommen blieben wir stehen und ich schaute zur Seite. "Pass' auf dich auf, ion!", sagte er noch zu mir und wuschelte mir flüchtig durch das Haar. Zwar mochte ich es überhaupt nicht, wenn er das tat und schon gar nicht in der Öffentlichkeit, aber dieses Mal beschwerte ich mich nicht und schenkte ihm nur ein sachtes Lächeln. "Mache ich. Keine Sorge, adar!" Er nickte noch einmal, als müsse er sich selbst einreden, dass ich mittlerweile alt genug war, um nicht gleich in die nächstbeste Intrige hinein zu laufen und dann wandte er sich ab. Ein leises "Atenio..", murmelte ich noch, ohne zu wissen, ob es seine Ohren noch aufgenommen hatten, dann verschwand ich ein wenig abseits im Wald, um mich möglichst ohne weitere Verletzungen abzurüsten. Nachdem dies in bald dreifacher Zeit geschehen war, ging ich auch nach Berchgard rein, direkt zum Handelshaus.
Dort war schließlich auch der erste Spiegel, mit Hilfe dessen ich mir ein Bild davon machen konnte, was adar gemeint hatte, als er sagte, ich sehe furchtbar aus. Die Schramme, die die Harpienklaue hinterlassen hatte, war tatsächlich groß und blutete auch noch, aber sie schien nicht tief zu sein. Naja. Soweit ich das eben durch den leicht benebelten Blick erkennen konnte. Meine Nase hingegen wurde immer bunter und so entschloss ich mich, Shyras Rat nach zu kommen und Tinyn aufzusuchen. Schon lustig. Am Morgen hatte er noch mit seinem Fuß nach mir getreten und nun kam ich zu ihm, weil er mir auf medizinischer Ebene helfen musste. Die Diagnose war beruhigend. "Du hast Glück gehabt. Die Wunde ist nicht tief. ... In drei, vier Tagen wird man davon nichts mehr sehen, denke ich. ... Sollte sich die Wunde widererwartend bis morgen nicht schließen oder das Nasenbluten wieder anfangen, kommst du einfach noch mal vorbei." Es vergingen noch Stunden im Handelshaus, in denen ich zwar anwesend war und mich auch gelegentlich an den Gesprächen beteiligte, doch eigentlich war ich mehr damit beschäftigt, überhaupt alles mitzubekommen. Nach einem klärenden Gespräch mit Benjamin, der zur Nacht hin auch noch da gewesen war, zog ich mich schließlich nur nach oben zurück, statt, wie man es von mir gewohnt war, den Heimweg anzutreten. Ich nutzte einfach den 'unfertigen Raum', wie Shyra ihn so schön nannte und lies mich dort auf einem der Kissen nieder, sodass ich mich mit dem Rücken an der Mauer anlehnen konnte. Die Nacht nahm ihren Lauf, während ich etwas schwerfällig meine Ruhe fand und bald graute dann auch schon der Morgen. Trotz Kopfschmerzen machte ich mich auf, um noch ein paar Dinge zu erledigen, mich auch zu Hause blicken zu lassen und zu versichern, dass es mir 'den Umständen entsprechend' geht. Stunden später, als ich wieder im Handelshaus saß und eigentlich nur den Abend abwartete, kamen dann die Kopfschmerzen auch in mäßiger Stärke wieder, sobald ich zur Ruhe kam. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Phanodain mir damit mal wieder etwas sagen wollte. Aber wie sagte naneth immer?: Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg und alles kommt zu seiner Zeit, ion-nin!

Verfasst: Mittwoch 1. Oktober 2014, 16:42
von Gast
*"Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem wir hier waren?", fragt Mên mich und lächelte mich dabei glücklich an. "Natürlich tue ich das.", erwiedere ich grinsend und schaue dann hinüber auf das blaue Meer vor uns. "Es fühlt sich an, als wäre es erst gestern gewesen.." Ein Seufzen findet seinen Weg über meine Lippen. Es trägt hauptsächlich Zufriedenheit in sich, doch eine leichte Melancholie schwingt mit, doch meine Schwester antwortet nur: "Das ist gut!" Verwundert ruckt mein Blick wieder nach links, wo ich sie auch vollkommen entspannt und gut gelaunt neben mir stehen sehe, wie sie gerade lächeln den abendlichen Wind der Küste empfängt und ihn wohlwollend durch ihr Gesicht wehen lässt. Erst nach einem Augenblick des Schweigens schaut sie zu mir und fragt lächelnd: "Was ist, Ivor?" "Wieso nennst du es gut?" Wohl unweigerlich kichert sie amüsiert auf und erklärt noch bevor ich weiter fragen kann: "Das, was gestern war ist für dich greifbarer, als das, was vor einem Jahrhundert war. Du sollst das in Erinnerung behalten, was schön war. Nicht das, was dich unglücklich gestimmt hat. Das weißt du doch, oder nicht!?" Meine Mundwinkel wandern bei diesen Worten für einen Moment herunter und ich schaue lieber wieder zurück auf das Meer vor mir. Nur nebenbei vernehme ich ihre leisen Schritte, wie sie sie sanft durch das grüne Gras bis hin zum Klippenrand tragen. Dort angekommen, erhebt sie wieder ihre Stimme: "Springen kann man nicht, weil man mutig ist.. Springen kann man, weil man loslassen kann. So einfach ist das mit dem Fliegen!" "Wie kommst du denn jetzt bitte auf Fliegen?", frage ich sie, ohne den Blick erneut in ihre Richtung schweifen zu lassen. "Na, das musst du doch noch lernen!? Oder hast du es mittlerweile geschafft?", grinsend dreht sie ihren Kopf und blickt mich über die Schulter an. Ohne dass ich darauf antworten kann, kichert sie wieder und scheint sich förmlich in der Abenddämmerung aufzulösen. "Wenn du in deinem Leben endlich einmal loslässt, dann kannst du auch beim Fliegen deinen Verstand loslassen!", sind die letzten Worte die ich von ihr höre, ehe ich alleine dar stehe und auf die Stelle starre, wo sie zuvor noch stand.*
[img]http://www.ireland-guide.de/sites/ireland-guide.de/files/imagecache/ib_thumbnail_240/images/Irland-Cliffs%20of%20Moher.jpg[/img]
Ich blinzelte, konnte es kaum fassen und schließlich fand ich mich am Wasserfall wieder. Das Rauschen hallte vertraut durch das Tal und die Vögel um mich herum zwitscherten ihre fröhlichen Abendlieder, während die Sonne im Begriff war, unterzugehen. Ihr rot-goldener Schein legte Ered Luin einen sanften Mantel um und wärmte es für die bevorstehende Nacht. Das Wasser floss ruhig, plätscherte förmlich vor sich her, nur um dann am Rand herunter zu fallen. In einer fließenden Bewegung erhob ich mich wieder aus dem Schneidersitz und schritt in den Fluss hinein. Ich brauchte nicht herunter schauen, um zu wissen, wie die seichten Wellen meine Beine umspielten oder um zu wissen, wie der matschige, leicht steinige Boden unter meinen Füßen etwas nachgab. Mit einem sachten Lächeln auf den Zügen rief ich mir das Bild der Klippen noch einmal in meine Gedanken und lies mich dann mit ausgebreiteten Armen dem Wasser hinterher fallen. Ich spürte wie mein Körper sich ein wenig um sich selbst drehte und der Wind gegen meinen Körper und durch mein Haar wehte, bis ich schließlich meine Gestalt wechselte und knapp über dem Wasser hinweg glitt. Meine Krallen berührten noch das kühle Nass, ehe ich an Höhe gewann und der Abendsonne entgegen fliegen konnte. Ein zufriedenes, fast triumphierendes Kreischen sprang förmlich aus meiner Kehle und verkündete den Sieg über die quälenden Vergangenheitserinnerungen.
[img]http://file1.npage.de/008757/81/bilder/701300100_adler_im_flug.jpg[/img]