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Die zweite Haut

Verfasst: Montag 13. Januar 2014, 20:08
von Fye Llastobhar
„Also wenn ich dich recht verstehe, dann möchtest du eine leichtere Rüstung...?“
Ruhig und dennoch beinahe forschend ruhten die sanften Seelenspiegel, welche ein wenig an die Weite des Ozeans erinnerten, auf dem blassen Mädchen. Jene fühlte sich ob der Frage zunächst schlichtweg verunsichert und so schlug sie den eigenen Blick herab, hob die Schultern dafür kurz an und begann haspelnd:
„Ja, also einfach eine Rüstung, die nicht zu sperrig ist, wenn ich durchs Unterholz gehen muss. Vielleicht sollte man auch besser klettern können, also im Grunde sollte sie mich nicht so sehr in der Bewegung einschränken, weißt du? Ich... äh, ich würde es aber begrüßen, wenn sie zwar biegsam und anschmiegsam ist aber dennoch einen gewissen Schutz bietet. Wenn... wenn das alles so geht...“
Kurz wagte sie aufzulinsen, um irgendeine Gefühlsregung in den meeresblauen Augen ihrer Gesprächspartnerin zu lesen. Sie ließ sich nicht lange bitten, doch statt der vielleicht erwarteten Strenge, Verneinung, vielleicht gar Zorn aufgrung ihrer Undankbarkeit glomm stattdessen eine Art Amüsement und Verständnis darin auf. Dann aber beugte sich die junge Schneidermeisterin vor und sprach dem Mädchen mit verschwörerischer Miene leise entgegen:
„Das was dir da vorschwebt ist keine einfache Rüstung, sondern eher eine zweite Haut.“
Die Angesprochene hob die Brauen und die Lippen formten ein lautloses „Oh“, ehe sie kleinlaut nickend murmelte:
„Also - unmöglich. Hm, ich verstehe...“
„Nein nein...“, erwiderte die Schneiderin lachend und schüttelte den Kopf einmal heftig, dass die kastanienfarbenen Locken nur so wirbelten, „...bestimmt nicht unmöglich aber eben nicht unbedingt einfach zu erarbeiten und alleine kann ich sie dir schlichtweg nicht herstellen, du wirst mir dabei helfen müssen. Oder eher andersherum: ich werde dir lediglich mit einigen Handgriffen helfen können, den Großteil musst du selber übernehmen.“
Die bleichen Züge der Jüngeren verloren noch ein wenig mehr an Farbe, dann aber sprach sie mit einem etwas schiefen und resigniert wirkendem Lächeln leise:
„Oh, nein, also eine Schneiderin bin ich nicht. Kann vielleicht noch Ösen annähen und die Löcher in den Strümpfen stopfen aber nicht einmal da zeige ich mich so besonders geschickt. Ich hab nicht die Erfahrung oder Kenntnis mir dann eine ganze Rüstung zusammen zu flicken.“
Wieder rauschte das glockenhelle, erheiterte Lachen der Dunkelhaarigen über die Bedenken, als wolle sie jene alleine damit fortspülen und weit beiseite schieben.
„Bevor du dir Gedanken um Schnitte oder gar Nadelstiche machen kannst, müssen wir uns erst einmal mit dem Material befassen.“
Noch während das Mädchen etwas belämmert mit einem Nicken zustimmen konnte, hatte die Schneidermeisterin ein Stück Pergament und einen Kohlegriffel vom Pult gefischt und begann mit sauberer, kleiner Handschrift eine Notiz nach der Nächsten aufs Papier zu bringen. Ein klein wenig, so dachte die Weißhaarige, deren Hals immer länger wurde, bei sich, wirkte der Schrieb wie eine Art „Markttag-Einkaufsliste“ und offenbar war dies genau die Absicht dahinter.
„Wendig, beweglich – also wieder Leder aber ich würde den Beschlag nicht weglassen, sondern eher weniger Metall, wohl aber sehr hochwertige Stoffe verwenden. Du magst gern klettern und dich nicht durch irgendetwas behindern lassen, doch so viele Vorzüge wie möglich haben, ja? Fye, wie sehr hängst du an der Optik deiner Rüstung?“
Das Mädchen mit den Schneehaaren blinzelte irritiert.
„Optik?“
„Na, wie wichtig ist es dir, dass sie dich besonders adrett wirken lässt.“
„Ochsooo!“ Ein Abwinken und ein Schulterzucken. „Es wäre von Vorteil, wenn sie nicht allzu sehr an mir herabhängt wie ein Sack, nicht klingelt und klimpert und in unauffälligen Farben bleibt. Der Rest ist mir eigentlich egal. Ich will damit ja nicht auf einem Ball tanzen gehen.“
Dieser Kommentar sorgte dafür, dass die Dunkelhaarige ihr kurz beinahe bedauernd entgegenblickte und schließlich seufzend aber freundlich zugab:
„Ja, das dachte ich mir in etwa. Also können wir Material mischen und deine Rüstung aus mehreren Ledersorten flicken. Dann ist die Liste hiermit vollendet, schau!“
Zwinkernd reichte sie der Jüngeren das Pergament entgegen.

***

Krempel auftreiben ist meist so eine Sache, denn „gut Ding will Weile haben“ und wenn „gut Ding“ dann zu „gut Dinge“ und mehr wird, kann es schon einmal etwas länger dauern.
Fye selbst hätte vermutlich erst im Laufe mehrerer Mondläufe nach und nach einen Punkt auf der unglaublich umfangreichen Liste abgehandelt, vielleicht wäre sie sogar zeitweise daran verzweifelt, doch manchmal meint es das Schicksal besonders gut mit einem – und in ihrem Fall hatte „Schicksal“ Haare wie dunkles Feuer, ein Faible für Naschwerk und hörte auf den klangvollen Namen „Fiona“.
Was genau Fiona alles vollbringen konnte, ahnte die junge Llastobhar nicht einmal, doch war Fye fest davon überzeugt, dass die Freundin eine ganz besonders formidable Jägerin sein musste, denn ohne deren Unterstützung hätte die Listesache , wie bereits erwähnt, eine Beschaffungs-Odysee werden müssen. Doch immer dann wenn die eigene Jagd nach diesen scheinbar vollkommen unerreichbar fernen Material-Gegenständen besonders erniedrigend und aussichtslos erschienen war, konnte die Weißhaarige auf den kecken Rotschopf und deren Hilfe bauen.
„Ein Nadelstich für jede deiner Hilfestellungen und ich könnte jetzt schon ein Dutzend Rüstungen damit anfertigen lassen...“, murmelte Fye zuletzt selig und vor allem dankbar, als die Abzählarbeit getan war und tatsächlich hinter jeden Posten ein Haken gesetzt werden konnte.

Eine beachtliche Anzahl an fein zurechtgeschmolzenen Metallbaren in verschiedenen Farben, Knöchelchen allerlei Getier und nicht zuletzt ein kleiner Berg an Häuten, Fellstücken und Lederbalgen türmte sich vor Fye auf, welche im Schneidersitz saß und beinahe ergriffen flüsterte:

„Stück für Stück meine zweite Haut...“

Es war an der Zeit die junge Schneidermeisterin wieder aufzusuchen und ihren neuen Anweisungen Folge zu leisten.


[img]http://www.ecoearthcare.com/October-2013/simages/42.jpg[/img]

Verfasst: Mittwoch 22. Januar 2014, 19:51
von Karawyn
Eine zweite Haut sollte es werden, eine Rüstung die mit dem eigenen Körper verschmolz, ihn wie ein gut sitzender Handschuh umgab, nicht drückte oder drängte sondern den Gliedmaßen die Möglichkeit bot sich voll zu entfalten, auch das letzte bisschen aus sich heraus zu holen und doch sollte sie zugleich Schutz sein, Pfeile abhalten, allzu starke blaue Flecken verhindern, ja, vielleicht sogar gebrochene Knochen. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, wie sie, die junge blasse Frau vor sich betrachtend, konstatierte doch lag ein so hoffnungsvoller Schimmer, gepaart von der leisen Furcht, der Wunsch wäre zu groß, zu vermessen sogar dass sie die ersten Bedanken geradezu rigoros beiseiteschob und Fye ein sanftes Lächeln schenkte.
„Wir werden es gemeinsam schon zuwege bringen… aber ich fürchte, du musst mit zerstochenen Fingern und gebrochenen Nägeln am Anfang rechnen. Und ich werde dich mit der Aale üben lassen bis die Löcher tadellos sitzen. Ich fürchte, die Rüstung lässt keinen Fehler zu, so nah wie sie dir sitzen soll.“

Ihre eigene Stimme hallte noch immer in ihrem inneren Ohr wieder, als sie Fye mit dem großen Beutel an Leder, Fellen und Riemen erblickte, die die junge Frau so voller Stolz und Begeisterung herantrug, fast wie ein Kind das seiner Mutter den ersten Einkauf auf dem Markt brachte. „Ich hab alles gefunden… und hab sogar ein wenig mehr mitgenommen, falls…“ Karawyn verstand die nicht ausgesprochenen Worte anhand der in den Augen der schneehaarigen jungen Frau aufblitzenden Zweifel.
„ Lass sehen ob das Leder fein genug gegerbt wurde, ich habe uns unten bereits eine große Tasse Tee aufgestellt und dazu Kekse…du wirst feststellen dass sie die Nerven ungemein beruhigen wenn die ersten Stiche krumm werden und die erste Naht sich wieder löst weil der Knoten am Ende des Garns nicht fest genug gezogen war. Und vergiss nie…es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Ich hab vor etwa 7 Jahren mit meiner Lehre begonnen. Miss dich nicht an mir…“ Klang Karawyns Stimme wie ein beruhigender und aufmunternder Singsang zugleich, als sie und Fye die steinernen Treppen in den Hort ihrer Schätze hinabstiegen, wo bereits ein Ballen weicher brauner Wolle, jedoch fein und leicht durchscheinend auf die beiden wartete und man konnte meinen sein verheißungsvolles Flüstern zu vernehmen. Karawyn strich bei Fyes fragendem Blick über die Oberfläche und hielt ihr zur Probe ein kleines Stück davon entgegen. Diesen hier werden wir ins Innere deiner Rüstung anbringen. Er dient weniger zum Schutz sondern ist nur ein Hauch Bequemlichkeit und spendet Wärme so du sie nötig hast. Zudem wird er die winzigen Metallschuppen, die ich dir habe anfertigen lassen davon abhalten direkt auf der Haut zu liegen.“
Fye nickte nur und zog die blasse Unterlippen zwischen die Zahnreihen. „Du bist sicher dass das etwas werden wird? Im Moment hab ich nicht das Gefühl dass ich aus all dem vielen Kram irgendwas Brauchbares herstellen könnte, geschweige denn irgendwas das man danach auch tragen kann.““Lass uns in kleinen Schritten beginnen… du wirst sehen, es hilft wenn du dich nur auf den nächsten Schritt besinnst und das große Ganze noch aus dem Blickfeld lässt.“

Und so ließen sich die beiden jungen Frauen in der Mitte der verschiedenen Haufen aus Leder in allen Farben und Formen, neben einen kleinem Stapel Felle und einer Schale, in der sich die bräunlich und zugleich silbern schimmernden Schuppen befanden, nieder, und begannen sorgsam mit dem ersten der noch folgenden Schritte des Weges. „Hier, an den Armen sollte das Leder nicht zu fest sein, sonst kannst du die Arme nicht genug biegen. Ich werde dir zeigen wie man das Echseneder in schmalen Streifen übereinander anbringt so dass sie wie Schuppen beweglich bleiben. Deinen Oberkörper jedoch würde ich mit einer Mischung aus Zweikopf und Oger schützen… denn hier ist der Schutz das notwendigste und doch… hm…“ Die maronenfarbenen Locken zuckten auf und ab als Karawyn an einer Skizze auf den Bereich der Taille einer aufgezeichneten vorläufigen Rüstung deuteten. Hier wäre es nicht verkehrt wenn wir nach der gleichen Methode arbeiten. Dann kannst du den Rücken besser beugen und dich im Notfall wie ein Igel zusammenrollen.“
Fyes Lippen verzogen sich bei den Worten zu einem breiten Schmunzeln. Es schien dass die Schneiderin an der schwierigen Aufgabe wie sie selbst Feuer gefangen hatte und nun loderte das Feuer aus Ideen so hoch dass es die letzten Zweifel in Fye wie die Flügel einer Libelle verbrannte. Das erste Mal an diesem Abend glaubte Fye tatsächlich dass die Vorstellung der Rüstung umzusetzen war und so warf sie sich in die Arbeit hinein, hielt still als Karawyn mit dem Maßband ihren Umfang an allen möglichen und vielleicht auch unmöglichen Stellen abmaß und half die Bahnen dünnen weißen Leinenstoffs auszubreiten auf denen Karawyn ein erstes Muster der neuen Rüstung aufzeichnete.
„Wozu ist das gut…ich brauch aber doch Leder und keinen Stoff?“ Fyes Frage brachte den Kohlestift dazu über der ungefärbten Fläche innezuhalten. „Du wirst eine erste Version aus Stoff machen um zu sehen, ob sie auch an allen Stellen bereits sitzt. Es wäre schade nach dem Zuschnitt des vielen so teuer erjagten Leders festzustellen dass hier ein Finger breit zu viel ist während an der anderen Seite etwas fehlt.“

Das leuchtete ein, auch wenn Fye bisher nie mitbekommen hatte, dass ein Schneider sich eine solche Arbeit für eine einfache Rüstung machte stieg ihre Hochachtung vor Karawyn mit jeder Erklärung, die sie auf die Fragen parat hatte.
Warum man mit der Ahle erst ein Loch vorstach, warum man den Faden für das Vernähen des Leders wachste und wozu man die Lederlagen in einem Topf mit heißem Wasser badete bis sie dampften und man Handschuhe überstreifen musste um sie vorsichtig herauszuheben.

Fye hätte die ganze Nacht hindurch arbeiten können doch lernte sie auch, dass manche Schritte ihre Zeit brauchten, dass das Leder abkühlen musste während es über es in Form bringenden Holzmodeln lag, sich so den Rundungen anpasste, die der Körper aufzuweisen wusste. Doch zugleich machte die Anstrengung sie auch müde, so dass sie manchmal erschrocken erwachte und eine Decke über sich gebreitet vorfand während Karawyn mit Stickereien für allerlei Blusen und Röcke beschäftigt an der gegenüberliegenden Wand saß.
Nach einer Woche des unermüdlichen Zuschneidens, in der Fye unter Karawyns Aufsicht erst ein wenig schief und krumm doch mit immer sicher werdenden Händen das Leinen in seine Form gebracht hatte, nachdem die ersten Nähte endlich dort saßen, wo sie wirklich sitzen sollten, streifte Fye die erste Proberüstung über… und war vollkommen über die eigene Arbeit verblüfft. Nicht nur saß der Stoff an den rechten Stellen, er lag wie ein gut angepasster stoffener Handschuh, folgte der Bewegung ihres Körpers wie der Fluss seinem Lauf, passte sich ihr an als sie den rechten Arm hob und mit dem Fuß einen Ausfallschritt zur Seite machte. So, so und nicht anders sollte die Rüstung sein. Als sie einen Blick in Karawyns Richtung warf sah sie in deren weiten blauen Augen, die von der ewigen Freiheit auf dem Meer berichteten, jedem der den Sinn dafür hatte ein Stück anboten, Stolz, Respekt und echte Freude aufglimmen, die wie ein warmer Regenguss über Fyes Innerstes rannen.

„Nun, wo du siehst, dass du es wirklich kannst, werden wir uns dem wahren Werk zuwenden… du wirst es fertigen und ich werde wachen und dir eine Hand leihen wo es nötig ist. Doch am Ende wirst du wissen, dass die Rüstung dein eigenes Werk ist.“

Im nächsten Wochenlauf zeichnete Fye mit kleinen Kreidestückchen die Formen auf die Lederlagen, die Karawyn vor ihr ausbreitete, sah mit neuen Augen, wo eine Haut zu dünn oder wulstig war, um für den Zweck zu dienen und wann die Blasen an der Oberfläche des Wassers ihr das Zeichen gaben, das Leder jetzt entnehmen zu können bevor es durch zu viel Hitze beschädigt war. Während Karawyn ihr die Beintaschen aus einer besonders tiefvioletten Lage Gargoyle schnitt, stanzte Fyes blasse Hand Löcher in die über einem kleinen Klotz aus Holz liegende, bereits geformte Brustplatte, die in fahlem Gelb und goldorange matt im Licht ihre Pracht zeigte. Unermüdlich schnitt und knotete die junge Frau Leder zu dünnen Riemen mit denen sie die Taschen am Brustkorb befestigte, die Stiefel schnürte und von den Schultern herab eine feine Ziernaht setzte welche, betrachtete man sie genau, dem Umriss einer Rose aufwies. Tage schienen zu Nächten zu werden und Nächte in Tage zu münden bis irgendwann in den frühen Morgenstunden das Werk endlich vollbracht schien.

Eine Rüstung… wie eine zweite Haut, enganliegend wie ein Handschuh und jede Freiheit gewährend.
Kletter…
Springen…
Sich drehen, wie im Tanz…
Agil und nicht einengend…
Fyes Rüstung.