Zu wenig Schurken vergiften die Köche
Verfasst: Montag 13. Januar 2014, 18:43
Wir schreiben den 23. Alatner 256
Die Hafenstadt Adrilla,
Alatarisches Reich
Man nehme: Messer, Mehl und eine Portion Hinterlistigkeit
Eine dicke, weiße Wolke drang mit einem lauten Puffen in die winterliche Luft der Hafenstadt, als der aufgeschnittene Mehlsack zur Seite fiel und das staubige Pulver in einer kleinen Lawine seinen Platz auf dem toten Körper fand. Obwohl Ben eine Ledermaske trug, die – wenn er Pech hätte – sicherlich Abdrücke in seinem Gesicht hinterlassen würde, legte er vorsichtshalber noch seine beiden Hände über seinen Mund, um nicht aufgrund der Mehlflocken husten zu müssen.
Natürlich würde das Mehl die Leiche des Händlers nicht lange verstecken können. Der geübte Blick einer Stadtwache würde sofort merken, dass zwischen all dem Schnee in der Gasse plötzlich ein weißer – nicht glitzernder – Farbton herausstechen würde, unter dem eben jener Kaufmann vergraben war. Sollte Eluive Ben einen Streich spielen wollen, so würde es auch ausreichen, wenn ein kurzer Regenschauer das Mehl einfach zur Seite spülen würde. Aber die einzelnen Schneekristalle, die vom Himmel rieselten, streuten Zuversicht. Wenn Ben Glück hätte, würde der Körper am Ende wirklich von Schnee begraben sein.
In jedem Fall brauchte er nicht mehr als zwei Stunden und dann würden sie ihn nicht einmal mehr befragen können. Der zunehmende Mond stand starr am Firmament. Nein, er brauchte sich keine Sorgen machen, dass etwas schief gehen könnte.
Auf dem Rückweg zum Handelshaus ging Ben noch einmal den Plan in seinem Kopf durch. Zwei Jahre lang hatte er für den nunmehr toten Hormann Marn als Handelsgeselle, Bote und Sekretär gedient. Hormann war ursprünglich ein Kaufmann unter varunesischer Flagge – die konnte er nach dem glorreichen Sieg der alatarischen Truppen aber kaum noch zeigen, vor allem nicht, weil er beide Seiten damals beliefert hatte. Er war mitunter selbst dafür verantwortlich, dass seine Heimatstadt dem Untergang geweiht war.
Und Hormann war nicht der Einzige. Diese Tatsache allein war für Ben der Grund, warum er sich auf den fetten Händler überhaupt einließ. Der Kaufmann hatte eine Liste von allen Varunesen, die der Krone den Rücken zukehrten, als es brisant wurde, und Rahal ihre Unterstützung anboten. Während einige von diesen Verrätern im Zuge dessen auch Bürger des Alatarischen Reiches wurden, so wie Hormann, gab es andere, die in stillem Gewissen immer noch im Herzogtum Lichtenthal – oder anderen Regionen des Königreiches – verweilten, als wäre nie etwas passiert.
Für Ben eröffnete sich hier eine einzigartige Geschäftsmöglichkeit. Hätte er erst einmal die Liste und Beweise für die Untreue dieser ehemaligen Varunesen, müsste er ihnen nur noch einen kleinen Besuch abstatten. Der Preis für das wissende Schweigen vermag dabei so verlockend sein wie derjenige für die Auslieferung an das Königreich.
Doch dieser alte Sack hatte die Liste nicht bei sich. Stattdessen kam er erst einen Tag zuvor auf Ben zu und erzählte ihm freiwillig – was ein Narr! – von den Namen, die sich alle noch in einer versiegelten Kiste in den Trümmern von Varuna befinden würden. Hormann hatte die Verräter zwar auch alle im Kopf, doch er begriff, dass die Liste auch eine Gefahr für ihn darstellen würde. Und deshalb beauftragte er Ben damit, diese Liste zu finden.
Wenn Ben also den Freischein bekam, nach dem zu suchen, was er begehrte – warum dann noch den Händler töten? Nun, abgesehen davon, dass sich gerade eine fabelhafte Möglichkeit ergab, hatte Ben nicht die Absicht, nach Adrilla zurückzukehren. Auf lange Sicht hätte Hormann wie drohendes Messer im Rücken sein können – außerdem wäre er in der Lage gewesen, die Verräter zu warnen. Nein, nein … Ben wollte sich nicht mit Sorgen plagen müssen.
Als die Tür des Handelshauses ins Schloss einrastete, trat Ben zielstrebig auf den kleinen Speiseraum zu, auf dessen Tisch er all die Ausrüstung, die er für seine Weiterreise brauchte, bereitgelegt hatte. Gerade, als er die Tasche ergreifen wollte, erkannte er aus den Augenwinkeln heraus eine Gestalt, die an einem Schrank lehnte.
„Hat alles geklappt?“, hakte der gepanzerte Soldat der adrillischen Truppen nach.
„Ja.“
„Gut. Die Schiffsbriefe wurden geändert. Alle Welt wird nun denken, dass du auf dem Weg gen Westen bist. Nur wir beide wissen, dass Gerimor dein Ziel ist.“
Ben lächelte flüchtig bei der Bemerkung und griff nach dem prall gefüllten Beutel Gold, ehe er auf den Soldaten zutrat. Er streckte den Arm aus, um die Bezahlung zu überreichen, doch gerade, als die Hand des Soldaten nach vorne schoss, kippte der Goldbeutel leicht nach vorne und verließ Bens Hand. Die Reaktion des Soldaten war einfach und zu erwarten. Er machte einen Ausfallschritt nach vorne, krümmte seinen Oberkörper und versuchte, den Beutel noch in der Luft zu fangen. In einer fließenden Bewegung zog Ben ein kleines Messer aus seinem Gurt und stieß zu.
Es war kein schöner Anblick, aber das Gesicht war bei einem gepanzerten Soldaten nun einmal die Schwachstelle. Hätte er mal einen Helm getragen.
Sie würden die Leiche des Soldaten vermutlich unmittelbar nach Hormann finden. Doch in weniger als zwei Stunden war er auf dem Weg nach Gerimor. Und jetzt wusste nur noch er alleine, dass Varuna sein Ziel war.
Die Hafenstadt Adrilla,
Alatarisches Reich
Man nehme: Messer, Mehl und eine Portion Hinterlistigkeit
Eine dicke, weiße Wolke drang mit einem lauten Puffen in die winterliche Luft der Hafenstadt, als der aufgeschnittene Mehlsack zur Seite fiel und das staubige Pulver in einer kleinen Lawine seinen Platz auf dem toten Körper fand. Obwohl Ben eine Ledermaske trug, die – wenn er Pech hätte – sicherlich Abdrücke in seinem Gesicht hinterlassen würde, legte er vorsichtshalber noch seine beiden Hände über seinen Mund, um nicht aufgrund der Mehlflocken husten zu müssen.
Natürlich würde das Mehl die Leiche des Händlers nicht lange verstecken können. Der geübte Blick einer Stadtwache würde sofort merken, dass zwischen all dem Schnee in der Gasse plötzlich ein weißer – nicht glitzernder – Farbton herausstechen würde, unter dem eben jener Kaufmann vergraben war. Sollte Eluive Ben einen Streich spielen wollen, so würde es auch ausreichen, wenn ein kurzer Regenschauer das Mehl einfach zur Seite spülen würde. Aber die einzelnen Schneekristalle, die vom Himmel rieselten, streuten Zuversicht. Wenn Ben Glück hätte, würde der Körper am Ende wirklich von Schnee begraben sein.
In jedem Fall brauchte er nicht mehr als zwei Stunden und dann würden sie ihn nicht einmal mehr befragen können. Der zunehmende Mond stand starr am Firmament. Nein, er brauchte sich keine Sorgen machen, dass etwas schief gehen könnte.
Auf dem Rückweg zum Handelshaus ging Ben noch einmal den Plan in seinem Kopf durch. Zwei Jahre lang hatte er für den nunmehr toten Hormann Marn als Handelsgeselle, Bote und Sekretär gedient. Hormann war ursprünglich ein Kaufmann unter varunesischer Flagge – die konnte er nach dem glorreichen Sieg der alatarischen Truppen aber kaum noch zeigen, vor allem nicht, weil er beide Seiten damals beliefert hatte. Er war mitunter selbst dafür verantwortlich, dass seine Heimatstadt dem Untergang geweiht war.
Und Hormann war nicht der Einzige. Diese Tatsache allein war für Ben der Grund, warum er sich auf den fetten Händler überhaupt einließ. Der Kaufmann hatte eine Liste von allen Varunesen, die der Krone den Rücken zukehrten, als es brisant wurde, und Rahal ihre Unterstützung anboten. Während einige von diesen Verrätern im Zuge dessen auch Bürger des Alatarischen Reiches wurden, so wie Hormann, gab es andere, die in stillem Gewissen immer noch im Herzogtum Lichtenthal – oder anderen Regionen des Königreiches – verweilten, als wäre nie etwas passiert.
Für Ben eröffnete sich hier eine einzigartige Geschäftsmöglichkeit. Hätte er erst einmal die Liste und Beweise für die Untreue dieser ehemaligen Varunesen, müsste er ihnen nur noch einen kleinen Besuch abstatten. Der Preis für das wissende Schweigen vermag dabei so verlockend sein wie derjenige für die Auslieferung an das Königreich.
Doch dieser alte Sack hatte die Liste nicht bei sich. Stattdessen kam er erst einen Tag zuvor auf Ben zu und erzählte ihm freiwillig – was ein Narr! – von den Namen, die sich alle noch in einer versiegelten Kiste in den Trümmern von Varuna befinden würden. Hormann hatte die Verräter zwar auch alle im Kopf, doch er begriff, dass die Liste auch eine Gefahr für ihn darstellen würde. Und deshalb beauftragte er Ben damit, diese Liste zu finden.
Wenn Ben also den Freischein bekam, nach dem zu suchen, was er begehrte – warum dann noch den Händler töten? Nun, abgesehen davon, dass sich gerade eine fabelhafte Möglichkeit ergab, hatte Ben nicht die Absicht, nach Adrilla zurückzukehren. Auf lange Sicht hätte Hormann wie drohendes Messer im Rücken sein können – außerdem wäre er in der Lage gewesen, die Verräter zu warnen. Nein, nein … Ben wollte sich nicht mit Sorgen plagen müssen.
Als die Tür des Handelshauses ins Schloss einrastete, trat Ben zielstrebig auf den kleinen Speiseraum zu, auf dessen Tisch er all die Ausrüstung, die er für seine Weiterreise brauchte, bereitgelegt hatte. Gerade, als er die Tasche ergreifen wollte, erkannte er aus den Augenwinkeln heraus eine Gestalt, die an einem Schrank lehnte.
„Hat alles geklappt?“, hakte der gepanzerte Soldat der adrillischen Truppen nach.
„Ja.“
„Gut. Die Schiffsbriefe wurden geändert. Alle Welt wird nun denken, dass du auf dem Weg gen Westen bist. Nur wir beide wissen, dass Gerimor dein Ziel ist.“
Ben lächelte flüchtig bei der Bemerkung und griff nach dem prall gefüllten Beutel Gold, ehe er auf den Soldaten zutrat. Er streckte den Arm aus, um die Bezahlung zu überreichen, doch gerade, als die Hand des Soldaten nach vorne schoss, kippte der Goldbeutel leicht nach vorne und verließ Bens Hand. Die Reaktion des Soldaten war einfach und zu erwarten. Er machte einen Ausfallschritt nach vorne, krümmte seinen Oberkörper und versuchte, den Beutel noch in der Luft zu fangen. In einer fließenden Bewegung zog Ben ein kleines Messer aus seinem Gurt und stieß zu.
Es war kein schöner Anblick, aber das Gesicht war bei einem gepanzerten Soldaten nun einmal die Schwachstelle. Hätte er mal einen Helm getragen.
Sie würden die Leiche des Soldaten vermutlich unmittelbar nach Hormann finden. Doch in weniger als zwei Stunden war er auf dem Weg nach Gerimor. Und jetzt wusste nur noch er alleine, dass Varuna sein Ziel war.