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Der Weg der Rache

Verfasst: Samstag 11. Januar 2014, 02:52
von Darios Soiradur
ein Mann liegt am Feuer. Er liegt seitlich, sein Blick ruht auf dem vor ihm liegenden, im kühlen Herbstwind tanzenden Brand. Um ihn herum ist es still, ab und an lässt ein Tier seinen Laut ertönen. Die Bäume ragen sich im Ringe, etwa fünf Fuß von der Feuerstelle entfernt hinauf. Aufgrund der Jahreszeit wird die dichte Wolkendecke, grau, nur ab und an einen Stern oder ein Stück des Mondes sichtbar, wenig beobachtet. Wenn möglich wird ihr gar überhaupt und keine Aufmerksamkeit geschenkt. Der Blick des Kerls am Feuer, der weiter, wenn auch im Land nur von den wenigsten gekannt, nur noch als Darios bezeichnet wird, scheint seine Aufmerksamkeit ebenfalls eher weniger dem vor ihm lodernen Feuer gewidmet zu haben. Vielmehr scheint es, als würde dieser Mensch, Darios also, nachdenken oder aber träumen...

Seine Gedanken scheinen sich wild zu drehen, erst scheint es dir, würdest du aus den Augen eines Kindes die Welt beobachten, beim nächsten Augenaufschlag jedoch erkennst du ein ganz anderes Bild, ein Bild das dir als ferne Zukunft wirken mag.

Rahal steht in Flammen. Durch den Eingang des Tores drängen sich Massen, die sich befreier schreien, du hörst nun wie Klingen gegeneinander geschlagen werden, hörst wie sich Metall abwetzt und mit Glück des einen Kämpfers seinen Gegenüber zu Boden ringt. Tatenlos willst du nicht sein, nein, natürlich nicht. Schließlich brennt Rahal. Also stürzt du dich in die Schlacht und nach den ersten, wenigen Schritten merkst du erst wie Alt du bist. Die Schritte schmerzen, du Greis!. Außerdem hast du keine "strahlende" Rüstung eines Ahads am Leibe. Vielmehr läufst du gerade in Lumpen auf eine tobende Schlacht zu. Immerhin hast du ein Schwert. Es ist zwar nicht scharf doch, nunja. Irgendwie möchtest du an dieser Schlacht in deiner Verfassung auch nicht teilnehmen und dennoch bist du in den Gedanken Darios'...und dieser scheint einen unbändigen Willen zu haben, das in der Zukunft liegende Rahal vor dem Flammenmeer und den tobenden Gegnermengen zu befreien.

Du läufst voran, stetig wie nur ein alter Mann, vielleicht sogar ein Krüppel auf dem linken Beine es vermag. Fast lechszend fasst du nun den ersten Gegner in dein Auge. Es ist genau dieser, den du dir in deiner Kampfkluft erwartet hast. Immernoch stetig gehst du, der Krüppel, auf diesen zu. Ein Paladin ohne jeglichen Zweifel, der sich dir nun mit jahrelanger Erfahrung in Galantheit und Schick zuwendet. Dein Schwert wird erhoben und gleich scheint er in dir einen Feind zu erkennen, denn seines hebt er auch. Ein Schlag von dir, eine parrade von ihm und ein rascher zweiter Schlag, vielmehr ein Stich des Paladins.
Dein Schwert fällt in Zeitlupe zu Boden. Deine, Darios' Hand greift in Richtung Magen, du fühlst kurz kalten Stahl ehe dieser von seiten des Paladins aus deinem Leibe gezogen wird. Ein Röcheln geht noch von dir aus, dann schwarz.


Ein mehrfaches Blinzeln, Du und Darios erkennt euch wieder im Jetzt, am Feuer in dieser typischen, tagtäglichen Nacht. Der Wind surrt nun wieder einmal wild über die sich aufbäumende Flamme hinweg, kurz scheint es, das Licht wäre erloschen, dann ein aufbäumendes knacken, lichten und der Brand tanzt wieder in alter Manier. Ein zweiter Versuch folgt, ein erneutes Wagnis, einem Traum, einer Erinnerung zu begnen, die Augen zu schließen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und so kommt es, dass dich Darios Gedankengänge wieder einverleiben. Der Strudel dreht und wirrt, doch weniger lang und schon findest du dich in der Kindheit des Betroffenen wieder...


..Dich empfängt ein schönes, aber irgendwie komisches Bild. Du schaust aus der Sicht eines Kindes, vielleicht sieben oder acht jahre alt. Also wirkt alles noch ziemlich groß, irgendwie auch interessant und zeitgleich riskant, was dir, also Darios ziemlich gefällt. Gerade vor dir ist eine kleine Scheune, vielleicht passen fünf schmale Kühe hinein. Sie hat einen schönen Nicht-Anstrich. Glänzt demnach förmlich vor altertümlicher Eleganz und lockt in einem Kind deines Alters ganz besondere Abenteuertriebe. Schaust du weiter rechts, steht daneben ein Wohnhaus, was der Scheune offensichtlich eine Konkurrenz zu sein scheint. Das Dach jedoch ist schick und völlig intakt, gar neuwertig. Du reckst deinen Hals bis es schmerzt und gleich fällt dir wieder ein wieso das so ist und dich so beschäftigt. Dein Vater, Derion steht auf dem Dach und werkelt wie von der Tollwut besessen und ohne Pausen herum, hämmert flucht und wirft ab und an mal sein Werkzeug von der einen Dachseite zur anderen. Schaust du noch länger und neugieriger musst du vermutlich noch selbst helfen, drum wendest du dich schnell weiter, schließlich willst du dich ja auch an alles erinnern. Ein Zaun schließt sich also dem Wohnhaus an, quer und wild gesetzt, der Sinn ist fraglich. Der Blick folgt dem Zaun bis er zu einem kleinen Grab angelangen wird. Du merkst wie der Blick eigentlich davon hinweg gezogen werden will doch du hälst ihn aufrecht.

Du willst lesen was darauf steht, begreifen worum es in dieser Erinnerung wirklich geht. Bei genauerem Hinsehen weißt du dann, wessen Mensch im Grabe liegt, also nicht mehr lebt. Alanya Soiradur, eine ehemalige Roderik, Darios Mutter. Du verstehst und lässt den Blick dann weiter ziehen, zurück zur Scheune, links davon der Ausgang aus dem kleinen Rundhofe. Leute kommen. Du rufst deinen Vater und er hat schon gesehen, schickt sich schnellstmöglich zu dir und zerrt an dir. Du, als junger Bub kannst dich kaum wehren, dir wird gesagt du sollst in den Wald. Nicht zurück kommen sollst du. Du läufst ein Stück in den Wald, deinem Vater wiedersprichst du sicher nicht, wenn er so ernst, zeitgleich fast ängstlich wirkt. Darum bleibst du stehen. Du, Darios hast deinen Vater noch nie so ängstlich gesehen. In sicherer Entfernung bist du nun, hast einen guten Blick, sicherlich geht alles gut.

Die Männer kommen mit strammen Schritten, gerüstet in den Hof, rasch haben sie Derion erreicht. Dein Vater hat dir einmal ein Wappen Adorans gezeigt. Alle drei Männer tragen eines. Du weißt, dass Adoran böse, verflucht ist. Das die Menschen dort an das falsche Glauben, im frevel Leben und auf ewig sterben. Die Worte kannst du nicht genau vernehmen doch was du ganz genau aus deinen Kinderaugen siehst, als wäre es vergrößert, ist wie einer der dreie einen Dolch zieht. Du siehst wie sich dein Vater kurz zu dir dreht, dich gleich mit dem Blick findet, lächelt. Dann siehst du viel Blut, als der eine den Hals deines Vaters fasst und kurze Zeit später mit dem gezogenen Dolch aufreisst. Selbst im Traum wirkt diese Situation so real, das du als Kind nur stehen bleibst, wie angewurzelt, anders als eine im Wind tänzelnde Flamme dich nicht einmal der Tod zucken lassen würde. Du hattest schlimmeres gesehen...

Verfasst: Samstag 11. Januar 2014, 14:24
von Darios Soiradur
... es folgt die tiefe schwärze der Nacht in der Darios nicht mehr erwacht. Die Träume zehren an seinen Kräften. Es ist noch nicht die allerkälteste Zeit angebrochen, zum Glücke Darios' denn das Feuer geht aus. So Endet eine normale Nacht von Darios...und so Beginnt, nach wenigsten ein paar wenigen Stunden Schlaf ein neuer Tag.


Schwer hebst du dich, hebt er sich, der junge Darios nach dieser typischen, ermüdenden Nacht auf. Wieder hast du eine Nacht im Wald verbracht. Rahal scheint so fern geworden zu sein. Lange Zeit suchtest du die heilige Stadt nicht mehr auf. Es war deine Kindheitserinnerung. Diesmal war etwas daran anders. Du hattest schon lange nicht mehr das Wappen dieser drei Männer, Vatermörder in dieser gänzlichen Klarheit erkannt. Es kam dir gar so vor als brannte es, wollte es dir zuschreien, um Vernichtung erbitten. Der unbändige Wille, der dir an diesem Tag verloren gegangen war. Dein Lebensmut. Der Tag war also da, der, den du Nacht um Nacht umträumt und herbei gesehnt hattest.


Du, Darios suchst deine Sachen, das wenige Hab und Gut das du hast zusammen. Der Schlund, der All-Eine soll dich wieder ganz haben. So machst du dich auf den Weg, und wenig Zeit vergeht, da triffst du auf eine Schmiedin und eine Schneiderin. Trotz deines Aussehens, deiner Müdigkeit, deines Gangs helfen sie dir. Ohne zu Fragen geben Sie dir Rüstzeug, du willst es nicht annehmen, natürlich nicht. Ein Soiradur nimmt nichts geschenktes. Er bettelt nicht. Du gibst den beiden alles was du hast und befriedigst dein Gewissen soweit es geht. Ein Tag der Veränderung beginnt mit mehr als einem Gedankenanstoß. Diese Stadt Rahal. Ihre hohen Mauern, das Treiben des Hafens. Sie fesselt dich nach langer Zeit, will dich in ihr wissen, dir eine neue Heimat schenken. Du, Darios zögerst dabei nicht. Erkundest und findest, womit du deinen Unterhalt in dieser Stadt verdienen kannst. Die Stunden vergehen rasch und schon gerade als du aus der Gruft, in welcher du dein Tagewerk verdient hast hinaussteigst, steht die Sonne in sattem Gold über den Bergen zu der Wüste.


Ein kurzes unbekanntes Gefühl keimt in dir auf, in dir dem neuen. Du bist nicht Darios. Du bist Darios Soiradur, der, der seinen Vater rächen, und dem All-Einen Vater dafür dienlich bis zuletzt sein wird. Mit diesem Gedanken setzt du deine Schritte wieder in Richtung Stadt. Die Beute ist so gut ausgefallen, dass sogar ein Essen bei einem Gasthaus eine Möglichkeit darstellt. Deine Gedanken reissen von köstlichem Schmaus wieder in die Realität, vor dir steht ein schwarzer. Ein Kind Alatars. Du stellst dich vor in all deiner Ehrfurcht und hoffst, nicht gleich erschlagen zu werden. Er lässt dich leben, lässt dich ziehen. Eine dich dünkend, für die Zukunft wichtige Bekanntschaft, wenn nicht gar Begebenheit. Ilphrin. So nennt sich dieses Kind Alatars. Um nicht doch das Leben zu verlieren bist du dienlich, lernst die Bewegungen dieses Letharen beim Kampfe gegen Ungetüme kennen. Gemeinsam mit ihm schlägst du dich tief in Gewölbe und altertümliche Kammern hinein, die Zeit vergeht.


Als du mit ihm nun ein zweites mal aus einem Gewölbe hinaus steigt eröffnet sich dir ein neues Bild. Die Nacht ist hinein gebrochen, das erste mal seit langem bist du müde aus Gründen der Tätigkeit, nicht aus Gründen des Selbsthasses, der Desillusionierung deiner selbst. Der Letharf verschwindet so rasch, wie er kam und du stehst wieder alleine. Dieses mal sollst du noch im Wald schlafen, hast du noch nicht die Rechte eines Bürgers. Alsbald jedoch willst du nicht mehr aus der Stadt müssen um zu nächtigen. Alsbald willst du Bewohner, Bürger, Beschützer, Diener des All-Einen und des rahalischen Reichs sein. Ein nicht normaler und doch einer der zukünftigen Tage in deinem Leben, so wünschst und hoffst du dir, so betest du, betest für deinen Herren und auch für deinen Vater, deine Mutter. Alatar ist der, der alles für dich ist. Der All-Eine. Ein anderer Tag, ein anderer Traum. Mit dieser Hoffnung legst du dich zur Ruhe auf und in deinen alten, lumpigen Decken...


...um dich herum knistert das Feuer. Es tänzelt wieder fröhlich, du schläfst tief und für die ersten drei Stunden scheint es, suche dich in dieser Nacht seit Jahren keiner dieser Träume auf. Du solltest Recht behalten, sucht dich dieses mal ein neuer, so nicht bekannter auf. Wissend, was dich wieder als nächstes nun, der Strudel nämlich, erwartet, versuchst du dich gedanklich bereits vorzubereiten. Diesmal jedoch dauert es lange, es ist sonderlich wirr, farbarm, teilweise schwarzweiss in verschwommenem Bilde, dann plötzlich. Klarheit...


Dein, Darios Blick geht umher. Du bist im Wald. Es ist wohl Winter, Schnee bedeckt den Boden mit einer zarten schicht. Die Bäume sind frei von Blättern, ein Weg führt, rund zehn Meter rechts von dir entlang. In einer nähe scheint ein Fluss zu sein, verschwommen vernimmst du seine laute. Ein heulen ertönt, erreicht aufschreckend deine Ohren und reißt dich aus deiner liebevoll gewählten Bildumschreibung zurück. Du versuchst das Geräusch etwas zuzuordnen , ein Mensch ist es sicher nicht, ein wildes Tier vielleicht, etwas in dir lässt dich nicht weglaufen, abhauen aus Angst sondern will forschen, nachsehen was dieses Geräusch hervor gerufen hat.


Der Schnee knarzt unter deinen schweren Schritten. Du trägt deine derzeitige Rüstung, sowieso ist es ein sehr reales, passendes Bild das dir im Traum begegnet. Selbst der Wald scheint dir bekannt zu sein. Ein zweiter Aufschrei des wilden Tieres und deine Schritte beschleunigen sich sogleich gar automatisch. Die korrekte Richtung hast du gewählt, das Geräusch erscheint dir näher. Du sprintest schon fast, da ertönt es ein drittes mal, gequält, fast als wäre das Tier im Kampf um Leben und Tod. Nun, erkennst du was vorgeht. Ein Panther kämpft gegen einen Menschen, ein tief schwarzer Panther, die Figur des All-Einen, des Herren, des Einzigen. Es vergeht nicht lange, da trittst du in das Bilde, der Panther blutet schwer, kämpft weiter doch scheint den Menschen mit Waffe nicht erreichen zu können.


Ein Rabenschrei folgt hart, dem durch den Wald erklingenden aufeinandertreffen von Metall. DU, Darios Soiradur stellst dich vor den Panther. DU weißt, was dir gegenüber steht. Der Mensch ist ein verfluchter. Einer, des falschen Glaubens. Kurz wirkt dieser verwirrt ehe auch ihm klar wird, worauf es hinaus läuft. Der Kampf um Leben und Tod für das Tier, wird zum Kampf für den Menschen. Nach dem Gegenüberstehen folgt der Tanz. Und so beginnt es. Mehrfach treffen sich Zug um Zug die Klingen, dein Gegenüber hat eine gewisse Kampferfahrung. Doch du bist überzeugter. DU hast einen Panther hinter dir, ein Wesen das für all das steht was du dir wünschst. So obsiegst du, treibst deinem Gegenüber die Klinge in die Brust, und lässt ihn an deiner Klinge hinab leblos zu Boden sinken. Als du dich umdrehst betrachtest du einen Moment den Panther. Dieser betrachtet auch dich und ein warmes Gefühl umgibt dich... der Panther wendet sich, geht, der Strudel beginnt sich zu drehen .....

Verfasst: Sonntag 12. Januar 2014, 12:19
von Darios Soiradur
....als du wach wirst richtest du dich erst einmal stockgerade auf, fährst dir mit den Händen durch das Gesicht und versuchst einen tieferen Sinn hinter dieser Begegnung, hinter diesem Traum mit Todesfolge zu erblicken und zu erkennen. War es als ein Zeichen des All-Einen zu sehen? War es ein Zeichen, ein Zeichen zu setzen und einen Adoraner hinzurichten? War es vielleicht einfach nur Zeit für ein menschliches Opfer oder war es die Erkennung, dem Herren mit dem erfolgten Lebenswandel näher gerückt zu sein? Du, Darios, versuchst dich von deiner letzten Überlegung überzeugen zu lassen, wiegst und kämpfst aber nach wie vor in Gedanken um eine wirkliche Entscheidung. Deine wachstarre hält noch ein oder zwei Stunden in dem sich die Kreise immerwieder gleich um deine traumhafte Begegnung drehen dann schläfst du endlich ein und ... träumst nicht...


Als du dich dann am nächsten Tag erhebst, fühlst du dich zermürbt. Deine Überlegungen haben an deinen Kräften gezehrt und scheinen dich auch trotz keinem Traums wohl nicht gänzlich in Ruhe gelassen zu haben. Trotzdem begibst du dich wieder an dein Tagewerk. Stundenlang schändest du Orks, Zyklopen, Oger, Trolle und viele, seltsame Wesen denen du noch nicht recht einen Namen zuordnen willst. Der Lethare begleitet dich zumeist dabei, deine Dankbarkeit dazu versuchst du durch bestmögliche, kämpferische Leistung auszugleichen. Fast scheint es dir, als würdest du in einer gewissen Gunst des Letharen stehen. Erkennt er was du bist? Weiß er, was alles, das großes in dir steckt? Sicherlich ...


... Immerhin vergehen die Tage fixer denn je zuvor, ist man den ganzen Tag nunmehr schließlich beschäftigt und betätigt sich an körperlich schwerer Arbeit. Der Abend kommt wieder schneller als du es dir erhofftest. Die Tage machen dir in letzter Zeit, fast ja, fast spaß. Ein Wort, das dir schon längere Zeit, mehrere Jahre nicht mehr in den Sinn kam. Und so kommt es, dass du dich alsbald wieder zu Bette legst, als dich der Lethar in deine freiheit, deinen Abend in dem du aufgrund deiner Müdigkeit nichts mehr tun wirst, entlässt. Es einverleibt dich also der altbekannte, unangenehm wild tosende Strudel, der dich in der Gedankenwelt Darios wieder neue und alte Bilder und Erinnerungen erkennen lässt...



...Du erkennst dich an altbekanntem Bilde wieder. Vor dir ziehen Rauchschwaden, dick und schwarz aus deiner geliebten Stadt hinauf. Rahal brennt. Rahal brennt wieder!! Und als du, die Umgebung, den alten Baum zur linken, die Feuerstelle zur rechten, die Kutsche, zerfallen und zerbrochen vor dir stehend, so gut erkennst, so real alles wirkt, da stürmst du voran. Als du so voran stürmst, merkst du, dass sich dein Aussehen, dein Verhalten, deine Gangart, dein Alter geändert, verändert hat. Du bist nicht wie im ersten Traume über die geliebte Stadt ein alter Sack, ein Greis... DU bist der zukünftige Darios Soiradur, der in tiefschwarzer, seinen Körper perfekt schützender Rüstung mit wehementen, trainierten und unbarmherzig harten Schritten auf die Stadt zugeht. Als du dein Schwert ziehst, erkennst du spätestens hier wer du bist. DU, Darios S., DU bist ein Ritter Alatars. Ein gleissendes Gefühl geht durch dich, deinen Körper, durch den träumenden Darios Soiradur. Purer Hass wird von dir ausgestrahlt, als du dich deinem ersten Gegner zuwendest und diesem mit nur einem galanten, jahrelang geübtem Streich den Kopf vom restlichen Körper trennst. Rollend kommt der Kopf erst zu Fuße deines nächsten Gegners zum erliegen. Dieser Schrei, dieser Schnitt und natürlich der Kopf zu Fuße lässt einen Paladin auf dich aufmerksam werden und so entzündet sich dieserTraum, der demletzt so aprupt endete zu einem ewig andauernden. Klinge an Klinge tanzt du dich nahezu mit dem Paladin durch die Szenerie, durch die brennende Stadt, ewig kommt dir dieser Traum vor. Selten sahst du an dir selbst derlei galante Bewegungen, ahntest so sehr die Bewegungen deines Gegenübers wie heute. Selten, nein noch nie durchströmte dich im Traum solch ein Gefühl. Ein Gefühl von Macht, Willensstärke, Blutgier und Opferbereitschaft für den All-Einen. Immerwieder parrierst du seine, er deine Schläge. Es scheint wahrlich, als wärest du nun im ewigen Kampfe, dann plötzlich .... beginnt sich der Strudel zu drehen und du, der echte reale Darios erwacht schweißgebadet, schwer angestrengt atmend...


"Was ist mit mir geschehen..." hauchst du in in deiner durch Durst dunkel und kratzig wirkende Stimme in die Nacht hinein, dann erhebst du dich, weiter leise entfleucht dir ... "Ich weiß nun was zu tun, was zu töten ist. All-Einer deine Gunst wird mein Wille sein...." ... ein Ruf gleich eines Wolfes fast, doch immernoch erkennbaren Wortes ergeht nun ein letztes mal von Darios..."Hail Alatar!!"... dann sackt der junge Mann zu Boden und träumt. Dir jedoch, bleibt dieses eine mal der Traum verschlossen. Einzig ein zucken der Mundwinkel, ein kurzes lächeln gar, erkennst du dabei in seinen so mitgenommen wirkenden Gesichtszügen...

Re: Der Weg der Rache

Verfasst: Dienstag 28. Oktober 2025, 13:28
von Darios Soiradur
[Triggerwarnung: Die nächsten Abschnitte enthalten Brutalität, Mord, Alkoholismus, Fanatismus und Kindstod – Bilder KI generiert, Texte eigenverfasst]



Das Flüstern im Staub der Vergangenheit


Elf verfluchte Jahre der Suche. Elf verfluchte Jahre ohne Ergebnis.


Du fandest nicht, wonach es dein Herz trachtete. Was bist Du nun? Was ist von Dir geblieben? Mehr noch als die rastlose Hülle eines toten Gedankens?


...Dein Griff zur Flasche...


Die Flut, die deine Gedanken in der Unwirklichkeit ertränken sollen, mündet im unentwegt gleichen: Durst, der seit Jahren nicht mehr gestillt werden kann.

Statt gestochen scharf und giftig grün drängen sich aus deinem wettergegerbten und der Unbarmherzigkeit der Gezeiten ausgesetzten Antlitzes milchig grüne Augen, als wäre die einstige Schärfe längst ertrunken. Langes, filziges schwarzes Haargewucher und Wildwuchs umringen dein eingefallenes, verbrauchtes Gesicht. Der einzig klare Fokus dreht sich um den nimmer ruhigen Durst. Deine Kleidung abgegriffen und fahl, alter Glanz: erloschen. Fetzen dessen, was sie einst waren. Deine Hände gleich deiner Stimme bewegen und tönen zittriger als die eines Greises. Gestik und Mimik gleichen der eines wandelnden Untoten. Kein Stück Ganz mehr, sondern um Nacht zu Nacht, um Flasche zu Flasche weniger. Gebrochen ist, was du, Darios Soiradur, bist.


...Die Gedanken kreisen. Trüb, unwirklich, hoffnungslos. Schemenhaft ergibt sich ein Bild vor deinem geistigen Auge...

Bild



Ein halbes Jahr Buidheann. Der Startpunkt deiner langen, deiner erfolglosen Suche. Hoffnungsvoll standest Du nach Landung, nach Tagen auf der schwergängigen und rauen See. Ewig bist du die Küsten der vielzähligen, zerstreuten Landstriche abgegangen. Nichts hast du gefunden. Nichts außer Kargheit, zerklüfteten Ländereien und wortkargen Hüllen ohne Zweck der Existenz. Dein Wille war entschlossen, deine Kraft groß und dein Körper stark, trotzend der Karg- und Wildheit. Und doch fandest du sie nicht.

Ein halbes Jahr durchstreiftest du die fruchtbaren Weiden und sonnige Landschaft Shevanors. Du sahst, wo einstige Schlachten geschlagen und der Grundstein, die Saat eines edlen Tropfens geboren wurde. Dein Herz war erfüllt von der Schönheit des Landes, dein Gaumen angetan, entzückt von dem Dargebot – doch du fandest sie nicht.

Ein Jahr hast du dem regen Handel, der klingenden Münze und den wuseligen Markttagen Seranyths deine Aufmerksamkeit geschenkt. Du hast Wegelagerer in die Flucht geschlagen und deinen unbeugsamen Willen, deine unbändige Kraft Tag über Tag und Nacht für Nacht unter Beweis gestellt. Deine Suche nach ihr führte dich in die entlegensten Gegenden des Landstrichs und doch: Du fandest sie nicht.

Vier Jahre Weidenheim. Ein riesiges Land, geprägt von Holz, Erzen, Rohstoffen und Reichtümern. Wälder mit gesunder Natur, ausgeprägter Vegetation – ein Land voller Leben. Der Tempel Bärentrutz’, dessen Erscheinung seines gleichen sucht. Ein Glaubensanker, der dich damals vereinnahmte. Eine Frau, dessen Liebe dir zuteilwurde – ein Gefühl, dass du zuvor niemals spürtest. Ein Kind, das dir geschenkt wurde. Leben, das du schützen wolltest. Und ein Land in dem alles, was Du liebtest, wofür dein Herz brannte...genommen wurde. Deine Suche nach ihr: erst durch das Schöne in Vergessenheit verdrängt, dann bei all dem Verlust prägnant, erfolglos, marternd.

Ein Jahr Eisenau. Gipfel, die bis in den Himmel selbst zu ragen scheinen. Tag und Nacht erbrodelt es in den mächtigen Schmieden an Kriegswerkzeug, ummantelt von düsteren Rauchschwaden, die die Erschaffung des eigenen Unheils bereits vorverkünden. Schicksal wohl, dieses Land nach all deinen Verlusten zu durchkämmen. Schließlich trifft ewiges Leid auf wachsende Hoffnungslosigkeit. Und doch: sie ist nicht hier, sie war wohlmöglich nie hier. Du zweifelst. Dein Wille ist gebrochen, dein Durst erdrückend und unbändiger wohl als die ständigen Schläge der Schmiede aufs Metall.

Zwei Jahre Cantir. Bauerndörfer, Fischerdörfer - das einfache Leben. Der Kornspeicher der Welt. Dein Einfinden hier schlecht, nirgends anders lässt sich der Durst nach Kornbrannt und Schnaps wohl leichter stillen, die Kehle wohl unmittelbarer feuchten. Du ergibst dich. Deinem Schicksal, deiner Sucht – deinem Versagen. Deine Hoffnung, sie erlischt wie die Flamme einer Kerze ohne neuerliche Luft. Sie ist nicht hier, sie war nie hier – hatte die Suche jemals Sinn?

Und nun zwei Jahre Drakon. Dein Körper ein Mahnmal für einen jeden, der jemals zu viel getrunken hatte. Dein Gesicht als Diener eines Abbilds einer untoten Erscheinung. Deine Hände zittriger als die Stimme einer alten Frau. Deine Kleidung lediglich Reste eines stolzen Ansinnens. Du bist, was du niemals sein wolltest. Du bist Diener der Hoffnungslosigkeit, Zeitzeuge des eigenen Versagens, Mörder der elfjährigen Suche. Sie ist nicht hier. Sie war nie hier. Sie...ist nicht mehr.


Bild


Dein trüber Blick manifestiert sich wieder im Hier und Jetzt. Tristesse, Hunger, Durst, Armut, Drakon.


Was ist zu tun, wenn das Herz entzweit?

Was ist zu tun, wenn keine Hoffnung mehr bleibt?



In Zeitlupe nur wandert der zittrige Blick zur linken. Auf den nassen, abgenutzten Planken der elendig anmutenden Fischerhütte liegt dein alter Dolch. Die Antwort liegt nah, lediglich ein greifen entfernt. Wimpernschläge ohne Tun, harren ohne Handlung und bedacht mit marterndem Gedanken. Dein Blick wandert zur rechten. Noch richtest Du nicht final über dich selbst, noch ist ein Schluck in der Flasche, die das Vergessen birgt.

Der Abend naht und damit die fortwährende und nie vergessene Angst. Angst davor wieder zu träumen, Angst vor dem Schmerz vergangener Zeit, Furcht vor der Erinnerung, bohrend wie ein Dolchstich ins innerste, dem Herzen. Rasch nimmst du den letzten, den verbliebenen Schluck aus der Flasche. Möge er deinen Geist so trüben, auf dass du ohne Traum bleibst. Dein stetig wehleidender Kopf sinkt zur Brust, ein Windzug umfasst das von Salzluft und Fett durchzogene Haar. Die Augen schließen sich.


“Darios...”



Haucht es Dir im Traum, dem gefürchteten Räuber des kurzen Seelenfriedens. Kühl und klar, säuselnd und giftig. Dein Herz erstarrt. Du hältst den Atem an, lauschst.


“...Elf Jahre hast du geschwiegen. Elf Jahre hat Er deiner Armseligkeit trotzend stumm gelauscht...”



Im Traum gefangen kämpfst Du mit der Stimme – Bekannt und doch fremd. Giftig und doch zugeneigt. Langsam öffnest Du die Augen. Das Dunkel der Nacht säumt um dich wie ein Schleier, schmiegt sich an die Hülle, die du Eigen nennst. Nicht real. Die Luft um dich surrt, bebt, spannt sich unnatürlich an und ab. Deine milchig grünen Augen, sie stieren voran und suchen, tasten, sehen: nichts. Plötzlich ebbt das Beben ab. Vor dir huscht, nicht weit entfernt, Schemenartiges. Die alten, schmutzigen Ohren zucken, lauschen, ahnen: nichts. Plötzlich ein Sprung des Wesens in deine Richtung, Katzenartig, lautlos, dunkel – schwarz.


Du erwachst. Schweißgebadet und verängstigt öffnen sich nur schwer, doch schneller als sonstiger Tage, die mit Schlafsand verklebten, hoffnungslosen Augen. Dein erstes Schmatzen des Tages dünkt nach Blut und billigem Gesöff. Die Glieder schmerzen. Ächzend, gleich einer alten Hafendiele reckst du Kopf, dann Körper in die Höhe. Kurzweilig nur wird der Geist dem erlebten nachsinnen. Was war es, dass du in der Nacht erlebtest? Rasch dann weicht der Gedanke an den so unwirklichen Traum einem prägnanteren, wirklicheren, süchtigen: Nachschub. Die zittrigen Hände reibst Du, ob der kühle des rauen Morgens ineinander, hauchst wärme in die untoten Glieder. Wild peitscht die graublaue See gegen die von Muscheln übersäten Stege, die glitschig glatt kalten Planken. Unbarmherzig fegt der Wind durch jede Ritze der heruntergekommenen Fischerhütte, schafft mit roher Kraft gleich neue Risse. Nachschub. Erst dann schaffst Du einen klaren Gedanken, den du brauchst. Nachschub, erst dann kommt das bisschen Lebensessenz zum Wabern, das bleibt. Mehr untot als lebendig, mehr schlurfend als gehend reckst du Zug um Zug den fauligen Körper zum nächstgelegenen Ort. Vorbei an fleißigen Fischern, die deine Hülle nichtmehr wahrnehmen, vorbei an Frauen, die ihren Männern guten Fang wünschen. Vorbei am Leben, hin zum eigentlichen streben. Gestohlenes versetzt, wird der Triumph, der Nachschub, von Dir an die trockene Kehle gesetzt. Die ersten Züge bringen Dir leben, die nächsten regen den Wunsch nach vergessen. Aber: Du kannst nicht.

Was war dieses katzenartige Wesen, das sich deiner annahm? Was dich angriff, einverleiben wollte?


Schlurfend und mit Nachschub versehen erreichst Du dein heutiges Tagesziel, den Startpunkt deines Tages. Stinkig, modrig, fischig. So riecht deine Heimat. Windig, nass kalt, so erfühlt sie sich. Du platzierst dich auf einem angeranzten Fell, fällst mehr, als dass du dich setzen würdest und: trinkst.

Re: Der Weg der Rache

Verfasst: Samstag 6. Dezember 2025, 16:44
von Darios Soiradur
Der Schlaflose



Ohne erbarmen peitscht an diesem Tag die See gegen Steg und Planke. Grausames pfeift der Wind durch die Ritzen und Löcher der modrigen, knarzenden, und der dem Tode nahen alten Fischerhütte. Kalt, nass und ungebändigt dringt der Wind durch das Stück Stofffetzen, was sich noch deine Kleidung schimpft. Rot und triefend deine Nase, von Alkohol gezeichnet, vom Wind erkaltet. An der klammen und zugigen Wand lehnst Du, trinkst Du, malträtierst Du dich selbst und deinen Geist.

Was war dieses katzenartige Wesen, das sich deiner annahm? Was dich angriff, einverleiben wollte?

Doch ist die Antwort wirklich so fern? So abwegig und nicht erfassbar für deinen Geist? Du weißt besser. Seufzend vergräbst Du dein Gesicht in deine knorrigen, kalten Hände, kauerst in der schmutzigen Hütte, die deine Seele spiegelt. Tränen winden sich ihren Weg aus deinen Augen hinab in den Schoß. Herzschweres schluchzen der Furcht, der Trauer, der Wut. Tief verwurzelt, die Tränen keimend: die Angst des Scheiterns. Die unentwegte Verzweiflung reißt die Narben deines Herzens immer weiter auf.

Dein Tod ist, was Du im Traum erkanntest. Er ist nah, du ahnst es. Dein Scheitern greifbar, du spürst es. Der Verlust zu groß, um noch weiter ertragen zu werden. Dein Platz in Nileth Azhur: entfernter denn je. Du trinkst. Mehr und mehr, Schluck um Schluck bis sich der Schlaf deiner erbarmt.

Mit einem Ruck reißt du deine Augen auf. Ein schmales Licht dringt durch das alte Fenster deiner Hütte und wirft einen fahlen Schatten auf dich, wie Du dort kauerst, noch die leere Flasche in der Hand, den letzten Schluck Stille bereits einverleibt. Deine Augen stumpf, deine Lippen spröde, die Wangen hohl. Gealtert, gezeichnet von den Jahren der Sucht, der Enttäuschung, von Nächten, die zu tief in Dich hineingeschnitten haben. Zu sehr geprägt von Verlusten, die zu groß sind für ein einzelnes Herz. Der Sturm über Nacht abgeebbt, noch zart, säuselnd. Stierend, flimmernd wandert dein Blick durch die Hütte. Du atmest schwer, richtest das, was noch Körper ist, suchst nach einer neuen Flasche. Nichts. Der Moment der sich andeutenden, anbahnenden Trockenheit in der Nacht. Angst vor der Ewigkeit, der möglichen Qual, des drohenden Entzugs.

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Im Mondlicht schimmert, was nicht mehr fern als Gedanke rankt. Er lächelt, deutet sich als Lösung, als ewiges Ende von all dem Schmerz, all der Sucht, all dem Streben. Deine Hand ragt nach ihm, greift ihn, wiegt ihn behutsam in der Hand.

Beende es.


Pocht dir der Gedanke säuselnd im Kopf. Drängend, drohend, entschlossen. Ist es schließlich nicht der einzige Ausweg, der bleibt, wenn das Herz ist zerrissen, das Herz entzweit? Vorsichtig, fast in Zeitlupe setzt Du dir die Klinge an die Brust, richtest die Spitze aufs langsame, müde, süchtige Herz. Mit beiden knöchrigen Händen umgreifst du das in Leder geschlagene Ende des Dolches, richtest die Klinge und ... haderst.

“Tue es...” der Griff wird fester. Die Mimik ernster.
“...Noch nicht...” der Griff lockert sich. Die Mimik sanfter.
“...Was bleibt anderes?” der Griff wird fester. Die Mimik entschlossen.
“...Was, wenn doch etwas bleibt? Etwas, das das Herz wieder heilt? ...” der Griff lockert sich.
Ein sanftes lächeln.

“Geliebte Frau, geliebte Tochter...ohne euch:
Kein Grund.
Kein Wille.
Kein Leben.
Kein Herz mehr, das ist entzweit.”

Der Griff wird fest, eine Träne, die sich den Weg die Wange nach unten bahnt. Die Mimik traurig und doch lächelnd.

Du drückst die Klinge in den Leib.

Das Lumpenhemd färbt sich wabernd, stetig mit dem eigenen Leibessaft. Dunkles rot, umschlungen vom Schatten der Nacht fleucht zum Boden. Die Augen flimmern, die Hände zittern. Der Blick schwindet vom hier und jetzt – ist es Aelyn? Ist es Maev? Sind es deine Liebsten, die dort in der Ferne lächeln und Dich, den Entzweiten, erwarten? - schwarz.

Re: Der Weg der Rache

Verfasst: Sonntag 28. Dezember 2025, 13:30
von Darios Soiradur
Leben Nummer zwei


“Theo! ... Komm raus!

...Mama hat verboten den Fremden zu besuchen!”

Die Kinderstimme eines Mädchens dringt an dein Ohr. Der Junge antwortet etwas, das Du nicht verstehst. Entfernt klingen die Stimmen. Unwirklich, wie in einem Traum. Dumpf, als wärst Du unter Wasser. Alles schmerzt. Der Atemzug, die Bewegung, der Versuch die Augen zu öffnen. Dein Geist entschwindet wieder, traumlos. Licht und Schatten wechseln sich eilig. Tage vergehen, während Du liegst und mit dem Tode ringst.


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“Wie lange soll ich diesen Kerl noch durchfüttern? Was hast Du dir nur dabei gedacht diesen Versager...”

Ein weiterer Gesprächsfetzen, der dich kurz aus dem Delirium reißt. Genug, ums Hirn ans Matern zu bringen. Genug für eine, deine einzige Frage: Scheitertest Du gar beim Versuch dich selbst zu richten?

“Josef, er ist eine verlorene Seele! Was hätte ich tun sollen? Es ist Großvaters Hütte - hätte ich Ihn sterben lassen sollen? Was hätten die Leute von uns gedacht – was wären wir...."


Dringt eine zarte, weibliche Stimme an dein Ohr, die abrupt unterbrochen wird.

“...Wir hätten dem Willen des Herrn entsprochen! Nun haben wir seinen Zorn auf uns gelenkt!”

Entgegnet eine markante, bassige männliche Stimme jedwede Zartheit zerreißend an dein Ohr, die dich aus dem Gedanken über die eigene Hinrichtung, die Flucht aus dem Weltlichen reißt. Du unternimmst einen abermaligen Versuch die Augen zu öffnen und schwerlich zwar, doch langsam, gelingt es Dir. Auch wenn wohl die Dämmerung der Nacht schon ihr wirken beginnt schmerzt das restliche Licht deine lange verschlossen gehaltenen Augen. Klebrig, müde, schwächlich hebst und senkst du die Augenlieder, blinzelst, suchst Fokus, erhaschst einen Blick über deine Umgebung. Eine kleine Fischerhütte erkennst Du mehr und mehr. Das ein oder andere brauchbare Netz ziert die Kammer, zwei Fenster, ein Nachtschränkchen an der Seite deiner einfachen Pritsche. Eine kleine Feuerstelle spendet Wärme, ein Gefühl, welches Dir schon gar unbekannt erscheint. Ein kleiner Tisch, zwei Stühle und darüber an der Wand ein einfaches Familienbildnis als Kohleschraffur. Zwei Kinder, zwei Eltern – die Familie wohl, die dich hier zu beherbergen scheint? Kurze Zeit später beben deine Nasenflügel, ziehen Luft, ziehen den Duft einer Mahlzeit tiefer in deinen schwachen Körper. Suchend schweifen deine Augen, bis sie die Türe mit einem offenen Spalt erblicken. Hunger. Dein Versuch dich zu bewegen, gar aufzurichten scheitert kläglich und abrupt. Die Schwäche, die Anstrengung der Nutzung deiner Sinne überkommt dich sodann erneut, die Augen fallen wieder zu. Du fällst in einen traumlosen Schlaf zurück.

Am nächsten Tag kitzeln Sonnenstrahlen deine Nase, Wärme dringt in die kleine Kammer. Wieder schwerlich öffnest Du deine Augen, lässt den Blick schweifen, verharrst mit dem Blick auf dem kleinen Nachttisch, der neuerlich von einem Stück Brot und einem kleinen Wasserkrug geziert wird. Der Anblick von Wasser schürt den Durst, lässt dich trocken Husten...und belebt offensichtlich das Haus der kleinen, glücklichen Familie. Kurze Zeit später hörst Du entfernt, doch nahendes getrippel. Kinderfüße. Du kennst die Geräusche aus deiner eigenen Vergangenheit. Diese unbändige Neugierde, die Lust nach Abenteuer, das zögerliche und doch mutige, die in den zaghaften und unbeholfenen Tritten liegt. Wärst Du nicht so schwach, würdest Du lächeln, würdest weinen, deines eigenen Kindes gedenkend. Deine Augen wandern vom Wasser zum Türspalt und lange musst Du nicht warten, da schauen dich kleine blaue Kinderaugen an. Die überaus kurze Stille des gegenseitigen Anblickens wird jäh unterbrochen, als der kleine Blondschopf mit den blauen Augen laut und durchdringend:

“Papaaaaaa! ...”

ruft. Die Augen verschwinden eilig und werden vom geflitzte der Kindertrippel begleitet. Andersartige Schritte bahnen sich an. Unkreativ, schwer, nach Arbeit und Lebensschwere strotzend enden sie mit dem Aufschieben der Türe an der eigenen Kammer. Glatze, blaue Augen, ein Mann mit dem Gesicht und dem Körper eines Feldarbeiters, wettergegerbt steht in der Türe und mustert Dich, den Schwachen und Liegenden abschätzend.

“Ich hätt’ dich verrecken lassen, sags Dir. Wer sich selbst richtet verdient kein zweites Leben.”


Die Stimme dabei ernst und tief, kalt und entschlossen.

“Jetzt friss was, sauf was. Naht der Herbst, dann hilfste auf dem Feld die Ernte einzufahren. Hilfste nich’ dann landeste in der Kälte ... Knecht.”

Ohne Umschweife dann schließt die Türe wieder ins Schloss und Du bist allein mit der Auskunft, der Bewertung ... mit deinem neuen Stand. Wohl das erste Mal seit langer Zeit netzt du selbst Lippen und Kehle mit Wasser, schaffst dich ein Stückchen zu recken. Der Durst... er bleibt. Je mehr du zu Kräften kommst, so scheint es, je mehr Durst bekommst Du. Es ist nicht das Wasser, was dich dürstet. Je mehr Du zu Kräften kommst, desto länger werden Tag und Nacht. Der Entzug nimmt für die nächsten Tage in Gänze deinen Geist und Leib ein. Du kämpfst, schüttelst Dich, krampfst, zermürbst dich am Zittern, an den Qualen die Körper und Geist widerfahren ohne eine Chance auf Nachschub. Ohne eine Chance auf Vergessen. Ohne ein probates Mittel gegen Träume, die du so fürchtest.

Die nächsten Tage, gefühlte Dekaden, gehen ins Land und immer häufiger siehst Du aus dem Bett heraus, wie sich braun gefärbte Blätter durch den Wind entzückt vom Baum vorm Haus gen Boden tänzeln. Das Essen schmeckt fahl, der Durst bleibt. Doch die Kraft, das bisschen was ist, kommt langsam in den untoten Leib zurück. Und je mehr das Leben außerhalb des Hauses zu schwinden scheint, umso mehr kommt deine eigene Kraft zurück. Erst schaffst Du, dich im Bett aufzurichten. Zwei, drei Tagesläufe später berühren deine Füße in aufrechter Haltung deiner selbst wieder den holzigen Boden der Bauernhütte. An den Wänden stützt du dich, wie ein Trunkenbold kurz vor dem Delirium und ächzt unter schwerer Anstrengung Fuß um Fuß durch die Kammer. Du verachtest dich. Zu schwach, um dich selbst zu richten. Zu schwach um ohne eine Wand im Rücken Schritte zu setzen. Zu schwach, deine Gier nach Schnaps und Trunkenheit zu befriedigen – zu schwach sich ihr zu widersetzen. Vor einem fahlen Spiegel enden deine Gehversuche. Das tote Gesicht blickt an sich selbst hinab, flimmernd harrt der Blick lange auf Deiner Narbe direkt oberhalb des Herzens. Wulstig, dick mutet sie an – wie konntest Du nur daran nicht sterben? Was hinderte den sicheren Eintritt des Todes, der ewigen Ruhe deiner Süchte? Dem Ende deiner Träume?

“Papa tobt, Bruno! Er will nicht länger auf dich warten...”

Theo steht abermals in deiner Tür. Der Neugierige. Du blickst über den Spiegel zu ihm und hebst und senkst dein Haupt als Zustimmung.

“Morgen. Morgen fang ich an...”


Ächzt Du Theo zu. Deine Stimme klingt gebrochen, trocken, kratzig, fahl. Ein Schatten der markanten, bassigen Tonlage, die du einst dein Eigen nanntest. Schmier, ohne Macht, ohne Vertrauen und eine ausgeprägte Note des Versagens schwingt in deiner Antwort. Der Weg zum Bett dauert lange. Kaum liegst Du werden ein letztes Mal Kehle und Lippen ohne den tieferliegenden Durst zu stillen benetzt.

Du entschwindest abermals in einen traumlosen Schlaf mit dem Bewusstsein, morgen das erste Mal seit langer Zeit wieder der Kühle der Gezeiten ausgesetzt zu sein.

Re: Der Weg der Rache

Verfasst: Donnerstag 15. Januar 2026, 22:03
von Darios Soiradur
Bäuerliche Knechtschaft


Mit Kraft fliegt die Türe der kleinen Kammer auf, schlägt gegen die Rückwand und offenbart einen kalten Windzug ins Innere.


“Anziehn, rauskommn, arbeitn ... Knecht!”


Tönt der Bauer dunkel und markant in einer Art, die offensichtlich keinerlei Erwiderung benötigt, keine Ausrede zulässt. Du hättest auch nicht widersprochen, selbst wenn es eine Option darauf gäbe. Einen guten Zeitpunkt gäbe es so oder so nicht um Dein zweites Leben zu beginnen. Schließlich wolltest du es nicht einmal und doch: Die Familie konnte nichts für ihre Schwäche dich zu retten. Sie konnte nichts dafür, dass du es nicht schafftest dich selbst zu richten. Sie konnte auch nichts für deine Qualen des Entzugs, für den fortwährenden, grausamen Anblick deiner selbst. Oder für die schwelende Narbe, wulstig, als fortwährendes Mahnmal des Scheiterns. Und am meisten konnten sie wohl nichts für Vergangenes. Für die gescheiterte Suche. Für Verlust. Für den niemals aufhörenden Schmerz deines gebrochenen Herzens.



Die Schuld war es also, die Dir keinen Widerspruch erlaubte. Und dein Hass gegenüber diesem Gefühl der Schuld, der verpflichtenden und auferlegten Dankbarkeit für etwas, um das du nie gebeten hattest, lodert. Er entbindet jedoch nicht. Ohne Trotz schwingst Du dich in die Reste, die sich deine Kleidung schimpfen, nimmst einen tiefen Zug der warmen Luft der Kammer und stiefelst nach draußen.



Das erste Mal seit Wochen, seit Monaten vermutlich lässt du die stille Kammer hinter dir. Kalt war es geworden, der Herbst schon näher des Winters, als du anfangs glaubtest. Zum ersten Mal blickst du weiter, als der Ausguck deiner Kammer reichte. Diese Bauersfamilie hat Land, viel Land und ... eindeutig zu wenig Knechte. Für mehr als ein bedeutsames Brummen bist du nicht fähig. Lange hattest du geschwiegen, aus dir, Darios, war Bruno geworden. Der Einfachheit halber, nicht weil du dich selbst verraten wolltest. Du hattest Theo deinen Namen sagen wollen, doch mehr als ein “Brmmm..” kam anfänglich nicht heraus. Und der Kreativität dieses Kerls geschuldet heißt du nun also so. Bruno, der Knecht. Offengestanden hattest du nichts dagegen, nicht du selbst, nicht Darios zu sein.


“Glotzte nur oder machste auch wat?”


Und mit dieser direkten Freundlichkeit reicht dir dein “neuer Herr” die Sense. Vielleicht solltest Du einfach ... Du verwirfst den Gedanken, schließlich wiegt die Schuld gegenüber der Familie schwerer, als es ein kurzfristiger Gedanke tilgen könnt. Also fängst Du an und unterliegst dabei zu Beginn einer überaus strengen Beobachtung.



Jeder Zug, der folgt, schmerzt dich. Zum einen die Bewegungen, die anstrengen und auf die Stelle lasten, die so prägnant unter deinen Lumpen schlummert. Mehr noch aber die Erinnerung an vergangene Tage, glückliche Tage deines ersten Lebens die trüb in deinem Hinterkopf wandeln und schlimmer wohl als die Kettung an einen Pfahl den Geist statt des Leibes martern. Auch du hattest Land, Weizen, Tiere, einen eigenen Knecht. Allein bei dem Gedanken, was Du alles hattest, hältst du inne.



Für einen Moment stützt du dich auf die Sense, dein Kopf sackt kraftlos ab. Eine Träne bahnt sich langsam dein schmutziges, lumpiges Antlitz hinab. Du vermisst sie so sehr. Dieser Schmerz, er sitzt so tief. Unendlich, fortwährend, nimmerruhend, in deiner Seele für immer Gefangen. Diese Schuld, die alles überwiegt. Deine Schuld. Dieser Verlust wird immer deine schuld sein, für immer werden sie ...


“Hee! Du hörst auf, wenn ichs sach!”


So tief in den Gedanken an deine Liebsten klingt die Stimme fern, fast wie in einem deiner Träume. Und doch: sie reißt dich zurück in die Wirklichkeit. Reißt dich zurück ins Hier und Jetzt. Zerrt dich zurück an die Sense, zurück an die Arbeit. Zurück ins zweite Leben.



Scheiß Weizen.


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Du setzt die Sense wieder an.

Über Statuten und das einfache Leben

Verfasst: Freitag 16. Januar 2026, 14:55
von Darios Soiradur
Über Statuten und das einfache Leben



Deine letzten Tage, die letzten Wochen waren lang.


Noch vor dem ersten Licht des Tages schlug die Kammer auf, stand Josef in der Tür mit ernster Mimik und Entschlossenheit. Es war weniger kalte Härte, die in seinem Gesicht von Dir erkannt wurde. Vielmehr war es Entschlossenheit, die Josef zeichnete. Und genau das machte es für dich noch schlimmer.


Keinen Moment der Ruhe sollte dir gewährt werden.

Keinen Moment am Zweifel deiner Arbeit.

Keinen Moment an Gedanken der vergangenen Zeiten, Taten, Verluste und Schuld.


Du standest auf und wie jeden verdammten Tag fühlten sich die Glieder schwer, der Kopf dumpf an. Der Mund trocken auf eine Weise, die nichts mit Durst zu tun hatte. Dieser verdammte Entzug. Entzug war nur eine Umschreibung für dein Gefühl, dass dir glich, als würde jemand langsam und mit großer Wonne deine Haut abziehen wollen, dein Inneres nach Außen kehren. Solange du Bettlägig warst und zu schwach für jede Bewegung war es noch nicht so aufgefallen. Jetzt, mehr Kraft, mehr Leben zurück im Leib war es eindeutig. Bei jedem Griff, jeder Bewegung zittern als Geleit, innerer Hunger, Durst auf verwehrtes. Josef sah es. Josef wusste es. Josef sagte nichts.


Und so früh die Tage begannen, so endeten sie auch in Dunkelheit. Bis zum späten Abend hin war es nur die Sense, die deine erlaubte Beschäftigung war.


Sensen.

Dengeln.

Wetzen.

Essen.

Schlafen.


Mehr nicht.


Offengestanden gab es schlechteres, schlimmeres, das dir bereits zuteilwurde. Du hattest Jahre an den Fronten unterschiedlicher Provinzen verbracht, im Dreck gelegen, gesoffen, gehurt. Hattest gemordet und den Tag ohne Gedanken genommen, wie er eben kam. Tod war auch damals schon dein ständiger Begleiter. Tod links, Tod rechts, irgendwo dazwischen du. Anfangs noch mit Mut als Getränk. Mit Tatendrang als Speise. Zuletzt jedoch mit halbleerer Flasche, mit dem Nichts im Blick zur unvollbringbaren Sättigung.


Hier auf dem Hof der zu wenigen Knechte galt Dir ein klarer Ablauf. Klare Regeln. Struktur ohne Kompromisse. Uneingeschränkte Hingabe dem Weizen. Dem scheiß Weizen.


Und genau darin erkanntest du eine neue, eine weitere Schuld.


Josef gab dir Halt. Ordnung. Einen Rahmen, in dem du funktioniertest – in dem du funktionieren musstest. Du hasstest ihn dafür. Zugleich gab es da diese widerwärtige Dankbarkeit, die sich wie ein Fremdkörper in dir festsetzte. Eine weitere Schuld die du nicht abschütteln kannst. Nicht mit der bisschen Arbeit, Schweigsamkeit oder dem lodernden Zorn deines inneren.


Du schuldest ihm etwas, weil er dich zwingt zu bleiben.


Gedanken daran hielten dich fortwährend wach. Ein paar weitere Tage der Feldarbeit gingen ins Land. Und plötzlich, wurdest du an diesem einen Tag nicht von Josefs stürmischen Auftritt wach. Sonne kitzelte deine Nase.


Zügig zwangst du dich in deine Lumpen, suchtest Josef und der hatte nur genau drei Wörter für dich übrig, als er deine Ungläubigkeit erkannte:

“Heut is frei.”

Frei. Schnaubtest du innerlich. Er sagte es so beiläufig, nüchtern. Dann wirft er dir etwas zu. Ein Buch, neuwertig. Gebunden, fest und schlicht. “Die Gebote des Herrn” prangert auf dem Titel. Wenig Zeit vergeht, bis du es einsteckst. Noch weniger Zeit vergeht, einen Gedanken an etwas verlorenes zu wecken. Fast hattest du es vergessen. Schande über dich. Wie konntest du bisher keinen Gedanken an das verwenden, was bis zur menschlichen Liebe und Gelüst dein Leben so prägte, bestimmte, lebenswert machte.


Dein freier Tag brachte dich dorthin, wo dein erstes Leben geendet hatte. Du gingst zur Hütte.


Sie stand noch dort. Schief, modrig und von Wind und Wetter gezeichnet. Dein alter Unterschlupf, der Ort an dem du dich langsam selbst aufgelöst, selbst richten wolltest. Der Geruch schlug dir wie ein gezielter Faustschlag entgegen. Alt, feucht, abgestanden ... hoffnungslos. Darunter, so empfandest du wohl mehr als du es riechen konntest: Alkohol. Eingezogen ins Holz, den Boden, deine Erinnerung.


Es brauchte nicht lange um zu finden, weshalb du hier warst. Was du verdrängt, vergessen hattest. Dein altes Gebetsbuch. Aufgequollen, die Seiten wellig, die Schrift fast vollständig verlaufen. Kaum noch brauchbar. Und doch deins. Deine Worte, deine Bitten, deine Schwüre.


Um das Buch herum leere und zerschlagene Flaschen. Doch jener Anblick widerte dich nicht. Er brachte deinen Durst zurück. Nicht bittend, sondern fordernd. Drängend und gierig. Dein Mund wurde trocken, dein Magen krampfte. Dein Kopf pochte vor Anstrengung, ob der wilden und wiedererstarkten, süchtigen Gedanken.


In der Nacht des freien Tages, zurück auf dem Hof, griffst du zu. Heimlich und niederträchtig. Sich selbst verachtend, sich selbst hassend stecktest du eine Flasche ein. Der Gedanke an den ersten Schluck war stärker als dein Wille. Stärker als Josefs Worte. Stärker als deine Gedanken in diesem Moment an den Herrn selbst.


Mit im Haus gestohlenem genetzt, wird der Triumph, der Nachschub, von Dir an die trockene Kehle gesetzt. Die ersten Züge bringen Dir leben, die nächsten regen den Wunsch nach vergessen. Aber: Du kannst nicht.


In dieser Nacht träumtest du von Aelyn. Von eurem Hof. Klein und einfach aber auch friedvoll, suchtfrei. Von ihr. Von einer Erinnerung wie ihr dort standet. Wie sie dort stand. Hochschwanger, das Licht sanft, weicht auf ihrem Gesicht. Du hörst sie lachen, ohne Zweifel, ohne Angst. Ihre liebevolle Art wärmt dich. Ihre uneingeschränkte Liebe zu dir belebt dich. Diese unendliche Bedingungslosigkeit.


Der Schmerz trifft dich ungebremst, abermals. Er trifft weniger als ein Schlag mit endender Wirkung. Er trifft dich aufbrechend, zerbrechend. Ewig fortwährend.


Du ringst um Worte im Traum, willst sie ansprechen. Doch deine Stimme versagt.

Du sagst nichts.

Du willst ihre Hand greifen, sie berühren.

Du kannst nicht.

Sie entschwindet dir, deinem Traum. Und zurück bleiben nur dein Schmerz, deine Trauer und dein Wissen, dass du sie, dass du es, gehabt hattest. Liebe. Glück. Herrlichkeit. Kurz und echt. Und dann rankt deine fortwährend dich marternde Erkenntnis abermals, dass du es, dass du sie verloren hast.

Für immer.
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Mit nassgeschwitztem Gesicht, bereits angetrockneten Tränen und zusammengebissenen Zähnen erwachst du in der Tiefe der Nacht. Die Schuld liegt schwer auf dir. Doch unter dieser Schuld, trotz des Erlebten, trotz des Hasses, trotz des Verlusts schlummert abermals dieser Gedanke: Leise, unerwünschte Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass Josef dir ermöglichte zu bleiben. Dankbarkeit für seine gegebene Struktur. Dankbarkeit für das zweite Leben, das die Familie dir schenkte.


Und du hasstest dich dafür.

Nicht sie.


Dein letzter Gedanke in dieser Nacht greift abermals nach Vergangenem. Doch diesmal kurzfristig, nah und nicht in die gefühlte Ewigkeit zurück.


Was ist zu tun, wenn das Herz entzweit?

Was ist zu tun, wenn keine Hoffnung mehr bleibt?


Und mehr im Kopf als auf der Zunge ragt dir eine Antwort.


Wenn alles bricht und nichts mehr bleibt, du dich gerichtet ob dem Leid, dann ist es der Glaube, der dich treibt.


Und du erinnerst dich an etwas, was dort stand, in deinem aufgequollenen Buch mit dem rahalischen Einband. An Anker, an Grundsatz.


1. Gebet:
Über die Statuten.

All-Einer, richte mein Herz fest auf Deine Gebote.
Nimm mir Zweifel, nimm mir Schwanken.
Lehre mich zu hören, ehe ich rede,
zu gehorchen, ehe ich frage.
Dein Wille sei Gesetz in mir.

Über Rückfall und Standhaftigkeit

Verfasst: Montag 19. Januar 2026, 21:19
von Darios Soiradur
Über Rückfall und Standhaftigkeit



Der Morgen danach war grau.

Nur langsam bekamst du überhaupt deine Augen auf. Klebrig, übernächtigt, schwer von Traurigkeit.

Du rochst an dir selbst, nahmst einen tiefen Zug. Deutest:


Schweiß,
Alkohol,
Schuld.


Der Kopf pochte dumpf. Kein Schmerz, eher ein Gewicht. Ein dicker Stein, der nicht nachgab. Marterte.

Josef stand in der Tür. Er schwieg, beobachtete.

Die gestohlene Flasche des Hochprozentigen stand offen neben dem Bett, dreiviertel geleert. Josefs scharfer, unbeugsamer Blick blieb darauf hängen. Dein müder, klebriger und trostloser Blick folgte. Dann wagtest du einen Blick zu ihm hinauf. Auch er hob den Blick.

Es war nicht Wut, nicht die Enttäuschung – etwas anderes. Etwas Schwereres wog sich nun in seinem Blick mit.

Kein Wort von dir. Schweigen, Egalität.

Josef trat näher, nahm die Flasche, prüfte sie, begutachtete sie. Dann dich.


“Anziehn, rauskommn, arbeitn ... Knecht!”



Er ging, die Flasche in der Hand auch.

Die Tür blieb offen, etwas mehr Wärme eilte sich mit einem Zug herein. Und dir kam die Erkenntnis deiner Tat: Du hattest wieder versagt. Du hattest wieder für neue Schuld gesorgt.

Am Feld, Stunden später, fühlte sich die Luft anders an.

Schwerer, kälter. Der Winter wollte wohl den Herbst übergehen. Schon das Land in eisige Stille hüllen. Der Wind kam vom Norden. Aber vielleicht war es auch einfach die vielzählige Schuld, die es kälter werden lies.

Deine Gedanken schweiften ab. Abermals in Gedanken an Aelyn. An den Traum, an ihr Lächeln, an das, was du verloren hast. Das Feuer zueinander, jeder Kälte trotzend. Es brennt, beim Gedanken an sie in dir. Das Feuer knistert stiller als früher. Mehr Glut noch als wilde, offene Flamme. Statt feuriger Freude herrscht ewig glimmender Zorn ob des Verlustes.

Du würdest sie wiedersehen. Eines Tages. Nicht mehr im Leben aber vielleicht bei Seinen Prüfungen, vielleicht in Nileth Azur.

Denn der All-Eine vergisst nicht.

Josef stand wieder da. Beobachtete dich aus der Ferne. Nichtssagend. Aber er sah, dass du kämpfst – nicht mit der Arbeit, sondern mit dir selbst.

Und vielleicht ist das der Grund, warum er dich nicht fortjagte. Vielleicht erkannte er in dir etwas, das du längst verlernt hattest zu sehen: den Willen, trotz allem zu bleiben. Nicht nur auf dem Hof, sondern im Leben.

Der Abend kam früh. Die Sonne entschwand. Die Nacht drängte gleich des Winters um Einzug.
Allein standest du auf der Anhöhe vor dem geernteten Feld, lehntest an einem schweren Fels. Beobachtetest wie der halbleere Mond immer mehr nach oben stieg. Die Sense ergänzte sich deinem Bild am Stein. Wachsam, ruhend und doch hungrig nach mehr.

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Dann eine weitere Erinnerung. Ein Bruchstück deines alten Buchs – deines alten Ichs.

Die Hände fanden ineinander, Erinnerungen an Worte wurden gesprochen, die kaum noch dir gehörten. Zögernd, brüchig, leise flüsternd:

2. Gebet
Über Zeugnis und Standhaftigkeit

Allmächtiger, gib mir Stimme und Haltung,
dass mein Glaube nicht im Stillen verrottet,
sondern getragen wird von meinem Schritt,
meinem Wort, meiner Tat und meinem Blick.


Mögen die Suchenden durch mich Dich finden
und die Zweifelnden an mir erkennen, wem ich gehöre.


Mit Dir steht freier Wille.
Lass ihn Zeuge meiner Standhaftigkeit sein.


Die Worte gesprochen verweiltest du noch einen Augenblick am Fels. Beobachtetest wie der halbvolle Mond weiter und weiter stieg. Dieser verbliebene Rest des Glaubens...auch er war wie eine Glut geworden, wie die einstige Flamme deiner Frau. Doch hier gab es noch den Funken, der zur Wiederstarkung führen könnte. Und vielleicht, wenn du ihn entzünden könntest, wenn du die Prüfungen durchhieltest, würde Alatar dich nicht mehr nur richten – sondern hören.

Über Flamme, Blut und den Winter

Verfasst: Mittwoch 21. Januar 2026, 14:35
von Darios Soiradur
Über Flamme, Blut und den Winter



Herbst und Winter nahmen einige Tage, einige Wochen später nun vollends den Kampf gegeneinander auf. Die frischen Tage wichen zu Beginn noch wieder laueren, wärmeren. Doch mit mehr und mehr einkehrender Dunkelheit und tiefstehender Sonne übermannte der Winter letztlich das, was golden und farbenfroh war.

Die Bäume waren kahl geworden, hatten ihr Gewand geworfen, ihre Nahrung abgetragen. Die Erde glich sich den Umständen an, entwickelte Härte und versiegelte damit neuen Wuchs und neues Leben. Und mit der dunklen Zeit wurden deine Tage zwar kürzer, doch nie war es ein geringerer Aufwand, der durch die Jahreszeit Prägung erhielt. Er blieb gleich, wenn auch Aufgaben wechselten. Zuletzt dann ergab sich das Wasser dem Winter. Der ewige Strom des Baches, der sich anfangs noch tieferliegend weiterbahnte, hielt inne.

Weit vor dem ersten Licht stand Josef jeden Tag in der Tür. Er sagte nichts. Wie immer. Er musste nichts sagen. Wie immer. Er stand einfach da, breit im Rahmen, die Hände locker an den Seiten, als hätte er alle Zeit der Welt. Diese widerwärtige Entschlossenheit. Diese Routine.

Du hasstest sie. Weil sie dich hier hielt. Vielleicht auch weil sie dir gewissen Halt gab. Neben der wachsenden Schuld, die du nach deinem Empfinden nicht mit einfacher Arbeit abtragen konntest.

Und auch wenn dein Wille erstarkt war, gierte dein Körper weiterhin nach deiner Sucht. Alkohol war für dich kein Genuss. Er war Werkzeug. Etwas, das man ansetzt, nutzt, um innere Stille zu erlangen. Etwas, das du ansetzt um zu vergessen aber auch zu erinnern. Aber es gab nichts mehr davon. In der ein oder anderen Nacht hattest du danach gesucht. Heimlich, ekelnd doch erregt im Gedanken. Niederträchtig, schamlos, Gottlos.

Josef hatte alles fortgebracht. Sorgfältig und in der unerbittlichen Gründlichkeit, zu der nur dieser Bauer der Standhaftigkeit in der Lage war. Kein Tropfen war dir mehr geblieben. Nicht einmal etwas Dünnes, Verächtliches, mit dem man sich hätte vergnügen und kurzweilig belügen können.

Also blieb nur Arbeit. Es war inzwischen nicht mehr das Weizenfeld was deinen Tag prägte. Du hattest jeden einzelnen Halm gerichtet, der auf den Feldern zur Reife anwuchs. Hattest ihn gedroschen, ihn gewaschen, ihn gereinigt.

Eines Morgens stand Josef nicht nur stumm in der Türe bis du dich aufgerichtet hattest. Er hatte etwas gesagt, das zu deiner Verpflichtung geführt hatte.


„Wird n Winter wie früher. Holz bis ich sag ´s reicht.“


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Bedeutungslose Worte? Nicht aus dem Mund dieses Kerls. Er sprach, als wäre es eine Vorsehung. Er würde womöglich Recht behalten. Und so hacktest du die Scheite auseinander bis die Arme brannten und du keinen Hieb mehr fähig warst. Es half beim Wiedererstarken. Beim zulegen von Kraft.Bei der Ablenkung. Bei der Stärkung deines Willens, deines Geistes.

Zeitgleich hattest du zusätzliche Aufgaben bekommen von dessen Deutung du noch fern warst. Ställe ausmisten, Tiere füttern, tränken. Sollte das Verantwortung lehren?

Eis aufschlagen, Wasser holen, Schilf schlagen, Reet trocken lagern. Sollte das für Gedanken an Zukunft sorgen?

Die Arbeit hörte nicht auf, weil du müde warst. Sie hörte nur dann auf, wenn es zu dunkel für die eigene Hand vorm Gesicht wurde. Nur für den Moment einer kurzen Rast, einer kurzen Nacht, ein wenig Schlaf.

Oft inzwischen war Theo bei deiner Arbeit dabei, beobachtete dich, schätzte wohl deinen Wert ein. Der Junge war für sein Alter verdammt scharfsinnig – und redefreudig. Unangenehm und doch beeindruckend. Nicht aufdringlich oder offen sein Verhalten. Mehr wie ein zufälliger Blick vom Seitenrand, über die Schulter – doch immer tiefer als aufs Äußere bedacht. Kein Wort ging über deine Lippen ihm gegenüber. Was solltest du ihm auch groß sagen? Jedes Wort barg Gefahr und du fürchtetest sie. Fürchtetest falsch zu platzieren. Schweigen war vielsagend genug. Fortwährend ward das Schweigen deiner Schuld bedacht.

Während Mara, die Frau des Bauern sich dir nur selten zeigte und viel ohne Gewicht sagte, brachte Inga, die Tochter, dir die Mahlzeit, die Suppe, das scheiß Weizenbrot. Sie war genauso gut wie du im Nichtsagen. Manchmal blieb sie einen Atemzug zu lang stehen. Manchmal sah sie dich an, als wolle sie etwas sagen und entschied sich dagegen. Du nicktest nur. Dankbarkeit auszusprechen war für dich schwerer zu tragen als die Eimer, schwerer zu schlagen als das Holz.

Die Nächte waren schlimmer als die Tage. Auch hier gab es Arbeit. Die Ruhe schuf sie. Die Arbeit anderer Natur. Der Körper verlangte nach dem, was ihm genommen worden war. Nicht bittend sondern fordernd. Ständiges zittern, kalter Schweiß. Ein Druck hinter den Augen, der keine Ruhe zulassen wollte.


Du lagst wach und wusstest:
Das ist der Preis dafür, noch da zu sein.


Eines Nachts hörtest du Theo draußen mit Josef sprechen. Er zweifelte an Dir. Zweifelte an deinem Glauben, monierte dein stilles Gebet. Josefs Antwort darauf blieb dir fremd, unhörbar. Doch du warst sicher, seine Worte sprachen wahr.

Warum beschäftigte es dich überhaupt was andere dachten? War dir diese Familie wichtig geworden? Bedeutete sie dir etwas? Oder war es lediglich die Furcht vor neuer Schuld, um die sich deine Gedanken rankten? Es ließ dich nicht los. Sinniertest.

Du warst anders im Gebet, ja. Du suchtest dir deinen Tempel, deine Hallen des Herrn nicht durch offensichtliches. Brauchtest nicht ein weltliches Gebäude, das dich Andächtig werden ließ. Träume erzeugten deine heiligen Hallen. Das Weizenfeld im Mondschein erschuf Steine, die zu deinen Tempelmauern wurden. Du brauchtest keine Worte zu sagen um Tiefe und Verbindung zu schaffen.
Taten sollten dein zweites Leben bestimmen, nicht Worte die Hülsen unverstandener Tiefsinnigkeit waren.


Du glaubtest, indem du die Axt hobst um Holz zu spalten. Trotztest, obwohl Hände erkaltet waren.

Du glaubtest, indem du Eis zerschlugst und Eimer um Eimer trugst. Trotztest, obwohl die Arme zitterten.

Du glaubtest, in dem du bliebst. Auf dem Hof, bei Dir, entgegen der Sucht nach endlicher Aufgabe.

Du glaubtest, in dem du der Ordnung Respekt zolltest.


Eines Morgens, beim Hacken, rutschte die Axt. Ein scharfer Schmerz, plötzlich und klar. Blut tropfte auf den Schnee. Du sahst es dir an, länger als nötig. Das Rot im Weiß, wie es waberte. Warm und unübersehbar.

Es war Wirklichkeit. Kein Gefühl gedämpft von Rausch. Kein erzwungenes Vergessen. Es war Ursache und Folge. Und Ursache und Folge formten deinen nächsten kurzweiligen Gedanken der Pause, ehe du wieder ansetztest:


Wenn ich schon lebe – dann nicht für das Falsche.
Wenn ich schon blute – dann nicht umsonst.



Und am Abend dann gabst du dem Tag einen Namen. Dem Richtigen, dem Wichtigen. Dem Leben, dem Blut. Lange lagst du wach, dann formtest du still und andächtig im Tempel der Gedanken leise Zeilen, die aus Erinnerung neu erwuchsen.


3. Gebet
Über Flamme und Blut

Vater des Zorns,

Du hast mich geschaffen
mit Feuer in der Seele
und Blut im Herzen.

Entflamme, was in mir erkaltet.
Reinige, was in mir entartet.

Lass mich brennen für die All-Eine Sache
und mache mich zum Werkzeug des einzig Wahren.

Über Fieber und die Aufrichtigkeit

Verfasst: Samstag 24. Januar 2026, 01:36
von Darios Soiradur
Über Fieber und die Aufrichtigkeit



Die Tage waren kurz, übervoll und erschöpfend. Kaum blieb Raum für jene süchtigen Gedanken, die sich sonst mit Wonne ungebeten einnisteten. Ausnahme bildeten nur die Nächte, die nichts vergaßen. Kaum blieb Zeit für Gedanken, die sich einer Zukunftsvorstellung wagten. Und kaum, am allerwenigsten, für Dich selbst und für die schwer lastende Masse der Schuld, die Du sorgsam beiseiteschobst, um nicht an ihr zu zerbrechen.

Josef stand in der Tür. Wie jeden Morgen. Er sagte nichts – er sagte wie jeden Morgen alles. Noch vor dem ersten Licht entfachtest Du das Feuer. Versorgtest die Tiere. Schlugst Holz. Und immer wieder führte Dich dein Weg zu jener Wasserstelle, unter dessen Oberfläche noch etwas zu fließen schien, das man Leben nennen konnte.

Tollpatschigkeit war Dir fremd, gehörte nicht zu Dir – und doch geschah sie. Ein einziges Überhören, ein einziges Missachten des feinen Knackens unter deinen Füßen. Kein rettender Satz zurück ans Ufer. Das Eis unter dir gab mit einem Mal nach.

Wasser, kälter als manches Frauenherz, schloss sich um Dich und drang ohne Vorwarnung und ohne Gnade bis in den innersten Kern deines Körpers. Du warst diese Situation nicht gewohnt und so strampeltest Du – unkoordiniert, panisch – im eisigen Nass, bis Du es schließlich schafftest, lebendig zurück ans Ufer zu gelangen.


Du verdammter Dummkopf, dachtest Du. Dein erstes Urteil über Dich selbst war nüchtern: Dein Handeln hätte Dich das Leben kosten können.

Du törichter Narr, folgte der zweite Gedanke: Ob es nicht vielleicht leichter gewesen wäre, auch dieses zweite Leben gleich mit zu beenden.


Nach dieser Idiotie führte Dich dein Weg ins Innere des Hauses. Du trocknetest Dich, wärmtest Dich am Kamin, den Du am Morgen selbst entfacht hattest. Inga schüttelte den Kopf, belustigt über Deinen frierenden, zitternden Anblick. Es war das erste Mal, dass ihre Reaktion tatsächlich einer „feurigen“ Emotion glich. Immerhin hatte dein unachtsames Handeln einen Zweck erfüllt.

Aufgewärmt, aber nicht erleichtert, brachtest Du den Tag zu einem trockenen Ende. Tiere versorgen. Holz schlagen. Reet lagern. Wasser holen.

Und dann begann es in der Nacht. Du hattest gehofft durch die Schwächung endlich leichter in den Schlaf zu fallen, einfach mal nicht dem fortwährenden Kreisen deiner Gedanken ausgesetzt zu sein.
Ein Zittern setzte ein – als wärst Du erneut in das Eisloch eingebrochen. Ein schmerzhaftes Frieren, das sich nach innen zog, sich sammelte, formte, bis es zu einem Beben wurde, als hätte dein Körper den Stillstand endgültig verlernt. Mit jedem Moment, mit jedem zittern wanderte die Decke weiter hinauf, bis Du schließlich vollständig im kratzigen Stoff vergraben lagst.

Auf die Kälte folgte Hitze. Nicht langsam, nicht vorbereitend – sie war plötzlich da. Hart und unerbittlich. Sie brannte im Hals, in der Brust, in den Schultern, im Nacken. Überall. Du schwitztest. Deine Haut glich eines zu eng gewordenen Kleidungsstücks, dem du dich am liebsten entledigen wolltest. Die eigene Haut hättest Du abgezogen, hätte es Dir deine schwächliche Kraft gewährt.

Als Josef am Morgen eintrat erkanntest Du ihn zunächst nicht. Dein Blick war so trüb wie die Erinnerung an eine durchzechte Nacht.

„Bleib liegen.“

Mehr sagte er nicht. Seine Stimme klang fern, obwohl er direkt vor Dir stand. Du wolltest widersprechen, wolltest sagen, dass Arbeit wartete, dass der Hof nicht von selbst der Kälte trotzen würde. Doch schon der Gedanke daran war zu viel. Also nicktest Du – oder glaubtest es zumindest zu tun. Dein Körper ergab sich der Schwäche und der Schlaf zog Dich fort vom Hof.


Einige Tage später war Dein Zustand unverändert. Das Bett war zur Qual geworden. Das Stroh stach, die Decke kratzte. Dein eigener Geruch schien Dich zu ätzen, die Hitze des Kamins zu brennen. Mit jedem Wimpernschlag meintest Du, Dich wenden zu müssen: vom Rücken auf die Seite, von der Seite auf den Bauch, vom Bauch zurück auf den Rücken. Die Zeit dehnte sich, wurde zäh, nahezu ewig.

Fieberträume begannen damit Deine Gedanken zu erobern. Mal warst Du wieder auf dem Hof, hörtest das Vieh, spürtest den gefrorenen Boden unter den Füßen. Mal befandest Du Dich in der Hütte an der Küste Drakons, der Wind salzig und schneidend, das Meer so laut, dass es jeden Gedanken übertönte. Für schmerzhafte Augenblicke erschien sogar Deine Frau vor Dir – niemals klar, eher wie ein Bildnis im Sand, das die nächste Böe bereits forttrug.

Eines Nachts jedoch veränderte sich der Strudel der Träume. Vor Deinem inneren Auge tat sich das Nichts auf. Schwärze umgab Dich, schwer und zähflüssig wie Öl, jede Bewegung erstickend. Zu schwer für klare Gedanken, zu schwer selbst für Erinnerungen. Auch Deine Ohren fühlten sich an, als seien sie mit diesem Öl gefüllt. Dumpf und nichts begreifend. Nur undeutlich nahmst Du etwas wahr, das einem Herzschlag ähnelte.


Nicht Deinem.


Er war langsam. Beharrlich. So gleichmäßig, dass er Dich mehr beunruhigte als jeder Schmerz. Du versuchtest, Dich auf ihn zu konzentrieren, seinen Ursprung zu begreifen – doch je genauer Du hinhörtest, desto weniger wusstest Du, ob Du ihn wahrnahmst oder ob er Dich vielmehr von innen her durchdrang. Das Öl blieb. Der Herzschlag blieb. Das Dumpfe blieb. Und Du lagst ohne Gegenwehr, ohne Möglichkeit, das Nichts zu verlassen.

Inga besuchte Dich regelmäßig. Du wusstest es nur, weil das Tuch auf Deiner Stirn gewechselt wurde, weil jemand Dir Wasser an die Lippen hielt. Ein Teil von Dir wollte dankbar sein. Ein anderer wünschte, sie möge aufhören, Dich zu berühren. Dein Körper fühlte sich fremd an – wie etwas, das Du lange nicht mehr benutzt hattest. Wie etwas, über das Du nicht länger Herr warst.

Einmal spürtest Du eine Hand auf Deiner Schulter. Groß. Rau. Josefs Hand, dachtest Du. Sie hielt Dich nicht fest. Sie lag einfach da – schwer genug, um Dich nicht ganz im Nichts verloren gehen zu lassen.
Nach gefühlter Ewigkeit dann kehrte das Brennen unter Deiner Haut zurück. Stärker als zu Beginn des Fiebers. Kein zerstörendes Feuer, sondern eines, das Glut entflammen wollte, das dem Öl und dem Nichts zu widerstehen drohte. Es war, als würde etwas in Dir geöffnet, ohne dass Du wusstest, was es war.

Und dann – plötzlich – war da Dein Name.

"Darios."

Weder hatte jemand gesprochen, noch hattest Du gehört. Er war einfach da, an jener Stelle in Dir, an der sonst nur die tiefe Schuld wohnte. Du wolltest antworten, doch Dein Mund war trocken, die Zunge schwer wie Stein. Jeder Versuch, einen Laut zu formen, schmerzte, als leisteten die Worte selbst Widerstand.

Stattdessen begann das ölgetränkte Nichts sich zu bewegen. Es waberte, drückte, nahm Dir jede Orientierung. Kein Oben, kein Unten, kein Links, kein Rechts. Und dann durchbrachen Erinnerungen den dicken Film, eine nach der anderen, und fielen auf Dich herab.


Deine verlorene Suche.
Deine Freunde.
Dein Hof.
Deine Frau.
Deine Tochter.
Deine Hand um die Flasche.
Dein Messer in deiner Brust.


Alles übereinandergelegt, ineinanderfließend und doch von grausamer Ordnung. Du konntest nichts wegschieben. Nichts entschuldigen. Nichts verkleinern. Es war da – vollständig und schwer. Alles und nichts von Dir verlangend.

Du wolltest fliehen. Wolltest Deinen Körper fortzerren von diesen Bildern. Doch Du rührtest Dich nicht. Du konntest nicht. Du starrtest nur auf das, was zerfloss und sich neu formte.

Und irgendwo tief in Dir entstand zum ersten Mal wieder ein Gedanke, so klar, dass er beinahe schmerzte:

All das, was Du so lange verachtet hattest – Deine Schwäche, Deine Wut, Deine Schuld – war nicht bloß Gewicht. Es war etwas, das Du nicht ablegen konntest, gleich wie sehr Du Dich darum bemühtest. Etwas, das Dich für immer krumm halten wollte. Und doch etwas, dem Du Dich ergeben musstest, um wieder aufrecht stehen zu können. Ein Gewicht, das nicht nur getragen, sondern verstanden werden wollte.


Dann wurde es still.

Das Fieber ließ nach, so abrupt, dass Du zunächst meintest, es habe Dich ganz verlassen. Dein Atem wurde ruhiger, Dein Kopf klarer. Als Du die Augen aufschlugst, war die Hütte unverändert. Das Feuer im Ofen fast erloschen. Inga saß neben Dir, den Kopf in die Hände gestützt, schlafend.

Zum Aufrichten warst Du noch zu schwach. Dein Körper fühlte sich leer an, ausgelaugt. Aber Du lebtest. Du hattest Erkenntnis. Und ein weiterer, leiser Fetzen der Erinnerung band sich um Deinen Glauben. Um das Buch, das Dich in diesen Tagen nie verlassen, sondern wiedergefunden hatte – trotzend der unlesbaren Zeilen auf Papier.


4. Gebet
Über die Aufrichtigkeit


All-Einer der Ordnung,


Du hast mein Handeln weder unterbunden
noch meine Hand gelenkt.


Du hast mir die Augen geöffnet,
doch mir nicht gedeutet, wohin ich blicken soll.


Du hast mich stehen lassen
unter dem Gewicht dessen, was ich bin,
ohne Ausflucht,
ohne Milde.


Nicht um mich zu stürzen,
sondern damit ich erkenne:

Aufrecht ist nur der,
der sein Fallen nicht verleugnet
und sich selbst darin nichts erlässt.

Ueber Maev

Verfasst: Samstag 28. Februar 2026, 11:42
von Darios Soiradur
Über Maev



Das Fieber hatte dich noch nicht gänzlich verlassen. Vielmehr hatte es seine Form gewandelt. Was zuvor meist Hitze und Zittrigkeit glich, verwandelte sich nun in eine bleierne Schwäche. Dein Kopf war klarer als in den Tagen und Nächten zuvor. Diese Klarheit jedoch brachte keinen Halt, sondern ließ alles ungefiltert an dich heran, was du während deines Fiebers nicht mehr fassen konntest.

Josef stand jeden Morgen in der Türe. Wie immer. Er beobachtete und sagte nichts, ließ dich ruhen. Die Tage vergingen zäh. Wieder lagst du untätig, ans Bett gefesselt. Wieder herrschte Stille, wurden keine Worte gesprochen. Inga brachte nach wie vor Wasser, wechselte das Tuch auf deiner Stirn und prüfte, ob es nicht nur noch dein Körper war, der dort lag.

Nur langsam, nur schwerlich trat Besserung ein. Deine klarer werdenden Gedanken kreisten an diesen Tagen viel über die Fieberträume, über Vergangenes, über Dinge, die du lange verdrängt hattest. Nicht zum Schutz anderer. Aus Furcht, aus Schutz deiner selbst. Aus dem Bewusstsein des Versagens. Und je mehr du versuchtest, drängte „es“ sich auf. Aber „es“ war nicht etwas, kein „Ding“, das du vergessen und verdrängen wolltest. Es war sie. Es war immer sie.


Maev


Dein Gedanke an ihren Name allein reichte, um dich zusammenbrechen zu lassen. Es war das Bild an ihre Erinnerung, welches dein Herz abermalig und immer wieder in tausend Stücke zerfallen ließ. Die Erinnerung an ihre Stimme war mehr nur als dumpfer Druck unterhalb des Brustbeins. Es war Raum, der nie wieder gefüllt werden konnte. Und eigentlich, wusstest du, war es nicht die Leere die schmerzte. Nicht die Erinnerung die den Druck unterhalb des Brustbeins, unterhalb deiner schwelenden Narbe auslöste.

Es war das scheitern innerhalb deiner Verantwortung ihr gegenüber. Es war die Schuld gegenüber deiner Tochter, die du niemals mehr, jemals wieder, begleichen könntest. Und jeder einzelne Gedanke war ein weiterer Dolchstoß, der dein Herz entzweite.


„Lass mich Wasser holen.“


Vielleicht erahnte Josef den Schmerz hinter deinen Worten. Stumm nickte er des Morgens, im Türrahmen lehnend. Stumme Zustimmung zu etwas, das du dir nicht hättest verwehren lassen. Du brauchtest, den letzten Zügen des Fiebers trotzend, etwas zur Ablenkung. Bewegung, Fortschritt… andere Gedanken.

Der Schnee hatte bereits damit begonnen dem wiedererstarkenden Leben zu weichen. Es war langsam, zögernd und mit einer Selbstverständlichkeit geschehen, die Dingen nun einmal widerfahren, wenn Zeit Reife verspricht. Erde kam zum Vorschein. Dunkel und feucht, schwer getränkt vom Versprechen neuen Lebens. Das Wasser suchte sich neue Wege, brach das Eis, griff nach abermaliger Überhand über vorhergegangenen Stillstand.

Mit der Axt geschultert stapftest du durch die Feuchte hin zum Fluss. Deine Schritte gleichmäßig, doch lahmend. Der Atem ruhig, doch bei jeder Steigung aufbäumend. Grau-blaue, anmutig wabernde Schmelzwassermassen empfingen dich. Sie waren klar, kalt und nahmen mit selbstverständlicher Lautstärke die Umgebung ein. Am Bach angekommen sacktest du auf die Knie. Deine Hände tauchten tief ins kühle Nass, dessen Kälte sich sogleich in deine Knochen fraß und damit Schmerz erzeugen sollte, der Hoffnung auf Vergessen brachte. Du hofftest, harrtest lang mit deinen Händen darin - doch das Vergessen trat nicht ein.

Deine Ohren zuckten. Es war kein Laut, kein Ruf, kein klares Geräusch das dort an dein Ohr drang. Es war mehr… ein Lachen. Leicht und unbedacht. Dein Körper reagierte darauf schneller, als dein Verstand im Stande war zu verbieten. Dein Atem stockte und auch dein Herz schien für den Moment zu starr um auch nur einen Schlag verlautbaren zu können.


Maev


Barfuß im feuchten Moos. Als würde Kälte nicht existieren. Ihr Haar zu hell für diese Welt. Ihre Haut trug die Farbe des ersten Schnees – jenes Schnees, der noch ungesehen, unberührt und perfekten Anmuts war. In ihrer Hand hielt sie eine Blume.


Unmöglich für diese Jahreszeit.
Unmöglich für diesen Ort.
Unmöglich für dich.


Sie stand dort nicht krank. Nicht geschwächt. Nicht so gebrechlich, dass du Angst haben müsstest, sie zu berühren. Sie stand, als gehörte sie an diesen Ort. Sie stand dort, als wäre sie nie fort gewesen. Darin lag für dich Grausamkeit. Darin lag für dich ein Bild, das alles schwerer machte. So hättest du sie, zum eigenen Schutz, nie mehr sehen dürfen. Nicht seit der Nacht, in der das Fieber nicht mehr gewichen war. Nicht seit der Stunde, in der du an ihrem Bett gesessen, ihre Hand gehalten und erkaltende Erkenntnis darin fandest, wie wenig Kraft noch in ihr war. Nicht seit der Minute die für immer als grausame Ewigkeit in dir flammen würde, in welcher ihr letzter Atemzug, ihr letzter Wimpernschlag, ihre letzte Wärme und schließlich ihr letzter Funke hinfort getragen wurde.

Jedes Detail an die Wochen ihres Kampfes durchdrang klaffend und reissend deine Erinnerung. Die Hitze unter ihrer Haut, die in keinem Verhältnis zu ihrer Schwäche gestanden hatte. Ihren flachen, zähen Atem, den du zähltest, weil zählen dir das Gefühl gegeben hatte, etwas zu tun. An die Momente in denen ihr Atem kurz stockte, ihre wundervollen Augen lebendig aufzuckten, in denen Hoffnung loderte, sie würden ihren Weg zu dir wiederfinden.


Du hattest ihre Hand gehalten.
Du warst da.
Du hattest nichts versäumt.
Und doch hattest du nichts getan.
Und doch hattest du sie nicht retten können.
Und doch warst du untätig und hattest versagt.
Und doch hattest du dein eigenes Kind verloren.
Für immer.

„Du hast dich verlaufen.“

riss sie dich aus der Unendlichkeit. Ihre helle, kindliche Stimme war ruhig, frei von Vorwurf, und gerade deshalb schnitt sie tiefer, als es jede Waffe im Stande wäre. Du wolltest sprechen, wolltest irgendetwas sagen, das Ordnung schuf, doch deine Hand krallte sich nur fester um den Axtgriff.

In dir riss mit ihrem Anblick, mit ihrer Stimme etwas auf, das viel zu lange verschlossen gewesen war. Verschlossen, nicht weil es geheilt war, sondern weil du es nicht gewagt hattest, es anzurühren. Weil du nicht den Mut hattest, deiner eigener Tochter zu gedenken.

„Ich warte schon lange auf dich.“

sagte sie. Liebevoll, warm, sehnsüchtig, ehrlich, lächelnd.

„Warum kommst du so spät?“

fragte sie. Ohne Vorwurf, Verachtung, Schuld, Traurigkeit, Wut.

In Zeitlupe und mit mehr Gewicht als der ganzen Welt bedacht gelang dir endlich ein Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück. Ihr Blick enthielt keine Anklage oder Zorn. Genau darin lag die unendliche Schwere, die Unbegreifbarkeit.

„Ich liebe dich“


überwandest du schließlich die Mauern deines Schweigens mit einem halblauten ächzen. Pure Wahrheit liegt in deinen Worten, und doch waren sie zu spät, nutzlos.

„Das weiß ich doch“


sagte sie, nur wie sie es sagen konnte. Diese Selbstverständlichkeit in ihrer wundervollen Stimme. Diese stoische Zweifellosigkeit in ihrem Blick.

Sie setzte sich ans Wasser. Streckte die Beine aus, stützte die Arme ab, lächelte friedvoll zu dir hinauf. Behutsam, als hättest du Angst sie zu verschrecken, Angst zu blinzeln, Angst vor abermaligen Verlust, folgtest du, hocktest dich zu ihr, nahmst sie in deine Arme, mühtest dich zu einem schmerzvollen doch liebevollen lächeln.

Bild

Sie sah dich für einen Augenblick stumm an. In ihrem Blick lag eine Ruhe, die dir jegliche Bewegung, jede Angst, jede Ausflucht nahm.

„Er sieht dich.“

flüsterte sie.

„Auch dann, wenn du flüchtest, wenn du die Augen schließt.“

Du wolltest etwas sagen. Wolltest ihr sagen, dass du geblieben warst. Wolltest ihr davon erzählen, dass du ihre Hand gehalten hattest. Das du ihr einen Kuss zum Abschied gabst und sie niemals vergessen würdest. Du wolltest ihr sagen, dass du nichts ändern konntest. Wolltest ihr deine Schwäche gestehen. Sie ließ Dir keinen Raum dafür. Ihr Blick durchbohrte dein innerstes. Ihr Blick war nicht prüfend oder wartend. Sie hatte schon längst verstanden, dass Worte dir keinen Halt mehr geben könnten.

„Du bist geblieben. Und doch hast du gehofft, dass ich gehe.“

Der Satz legte sich auf dich. Er wirkte. Schwer, endgültig. Augenblicklich erkanntest du die Wahrheit ihrer Worte. Du hattest nicht mehr um ihr Leben gebetet, du hattest um ein Ende gebetet, das DU ertragen konntest. Ein Ende, das DU dir selbst verzeihen könntest, noch bevor es überhaupt etwas zu verzeihen gab. Tränen bahnten sich deine Wangen hinab. Kurz rückte dein Blick von ihr fort, hin zum grau-blau des Flusses.

Du wolltest sie drücken, ihre wärme spüren, deinen Blick ohne Zweifel auf sie zurück richten, nie mehr abwenden, doch: mit dem nächsten Wimpernschlag war sie nicht mehr. Dein Griff, er ging ins Leere, in die Kälte, ins Nichts. Zurück bliebst Du. Und die Blume.


Unmöglich für diese Jahreszeit.
Unmöglich für diesen Ort.
Unmöglich für dich.



Eine Weile noch bliebst du. Hörtest dem einnehmenden Rauschen des Wassers zu, hofftest, sie würde einfach wieder in deinen Armen mit dem nächsten Wimpernschlag auftauchen.

Als du zum Hof zurückkehrtest lehnte Josef am Zaun. Sein Blick fiel auf dich, auf die Blume in deiner Hand. Er nickte, selbstverständlich. Er nickte, als habe er gesehen, was du gesehen hattest. Wie immer sagte er nichts.

In dieser Nacht bliebst du schlaflos. Wie hättest du auch schlafen können. Abermals übermannte dich die bereits tausendfach ertragene Erkenntnis, dass ein Vater den Tod seines Kindes nicht überlebt. Es war nur eine Existenz seiner Hülle, die weiter wandelte. Und du hattest die Erkenntnis, dass es keinen Trost in der Tatsache gibt, dass man nichts hätte tun können. Hattest Erkenntnis darin, das Gefühl nicht loswerden zu können, trotzdem untätig gewesen zu sein.


Ihr letzter Satz blieb stehen.


„Du bist geblieben. Und doch hast du gehofft, dass ich gehe.“



Er arbeitete. Er setzte sich nicht als Gedanke fest, sondern als Gewicht.
Als etwas, das sich langsam verteilte, bis kein Teil von dir mehr unberührt blieb.

Du dachtest nicht daran, dich zu verteidigen.
Nicht daran, dass du etwas hättest entgegnen können.
Nicht daran, dass du ihre Hand gehalten hattest, bis zum verdammten, letzten Augenblick.
Nicht daran, dass es nichts gegeben hatte, was du hättest tun können.

All das war wahr.
Und all das war bedeutungslos.


Du begriffst in dieser Nacht, nach dieser Begegnung, dass Vergebung ein Ausweg gewesen wäre.
Eine Bewegung zur Seite, die das Geschehene abschließt.
Ein inneres Nicken, das sagt: "Ich habe getan, was möglich war."

Und genau das durftest du nicht. Niemals.

Nicht, weil du schuldig warst im Sinne von Versagen. Sondern weil Vergebung hier Verrat bedeuten würde. Verrat an ihr, an dem Gewicht dessen, was sie gewesen war. An dem, was sie für immer für dich sein wird.

Du verstandest, dass du dir selbst nicht vergeben durftest, weil Vergebung bedeutet hätte, den Verlust zu beschwichtigen. Den Verlust erträglich zu machen. Ihn in etwas zu verwandeln, das man tragen und schließlich ablegen kann.

Maev war nichts, das abgelegt werden durfte.

Du würdest nicht nur sie sondern dich selbst verraten. Würdest stehen bleiben mit etwas, das niemals Stillstand finden wird. Nicht zu vergeben würde die einzige Form von Aufrichtigkeit sein, die dir bleibt. Schuld nicht als Makel, sondern Bindung. Bindung die dich am Boden halten würde. Bindung, die dir wahrhaftige Aufrichtigkeit lehren würde.

Und in der Erkenntnis, dass ein Vater nicht daran zerbricht, schuldig zu sein, sondern daran, dass es keinen Zustand gibt, in dem diese Schuld je geringer wird, entschwandest du dieser Nacht nicht mit Gedanken an dein Gebetsbuch, sondern mit Gedanken an sie.

Nur an sie.


Maev.



5. Gebet
Über Maev

Alatar,

nimm mir nicht das Gewicht,
das meine Schuld bezeugt,
denn Leichtigkeit wäre falsches Zeugnis.

Unrecht zu stehen hieße,
etwas als überwunden zu bekennen,
das niemals überwunden werden darf.

Führe mich nicht zur Entlastung,
sondern zur Ordnung unter diesem Gewicht.

Lass mich auch das Wandelsame bestehen,
ohne mich von dem zu lösen,
was mich bindet.

Über Bruno und Zorn

Verfasst: Dienstag 10. März 2026, 17:55
von Darios Soiradur
Über Bruno und Zorn


Sie nannten dich Bruno.

Das taten sie nicht aus Verachtung, aus Kalkül, nicht um dich kleiner zu machen als du vielleicht warst. Sie wussten es nicht besser. Wie auch? Es war dein Schweigen, dein Brummen, dein Groll. Es war aus deiner Vorsicht heraus, aus dem Blick auf dich selbst, auf das was von Dir noch übrig, wo vieles andere verloren oder zerfallen war. Ein Name hat Bedeutung. Nicht im Sinne von Stand oder Adel. Vielmehr ist er Anspruch, er trägt Erinnerungen, er zeigt die rechte Richtung. Und dein echter Name, Darios? Er war zu dieser Zeit mehr Last als Gewissheit. Mehr Schwere als echte Bedeutung.

Also warst du Bruno.

Vielleicht, weil der Name etwas an sich hatte, das zu dem passte, was du dort für eine Weile sein wolltest. Nicht Darios Soiradur mit all den Bruchlinien, dem zerbrochenen Herzen, dem Selbstmord, den verfehlten Wegen und dem ungestillten Hunger nach Sinn.

Nur Bruno.

Ein Knecht. Ein Mann für Holz, Wasser, Stall und Schweigen. Einer, dessen Hände und Taten sprechen, bevor der Mund sich öffnet. Einer, der sich in die einfache doch strenge Ordnung eines Hofes fügt, nicht weil sie seinem Wesen ganz gerecht würde, sondern weil sie ihm für eine Weile erlaubte, nicht an dem zu zerbrechen, was sonst in ihm sprach.

So war dieser Name ein grobes Gewand. Ein brauchbares. Schutz genug für Tage, an denen du nichts weiter sein musstest als ein Leib unter Pflicht.

Ein verborgener Name war besser als ein verlorener. Ein falscher Name besser als gar keiner. Für Josef warst du der Knecht, der tat, was getan werden musste. Für Inga warst du der schweigsame Mann, der zuhörte, glaubte und dessen Gegenwart nicht drängte, sondern still am Rand der Dinge stand und wachte. Für die Welt jenseits des Hofes warst du niemand.

Doch ein Niemand zu sein bedeutet nicht etwa blind zu sein. Das warst du nie.

Der Frühling nahm Fahrt auf. Das Eis wich von Tag zu Tag schneller, Knospen drängten sich vermehrt aus dem sonst ersteiften Boden ohne jegliche Barmherzigkeit. Zwischen dem flach gedrückten, toten Gras drängte ein immer grüner werdendes Farbspektrum hervor. Leben nahm Einzug, auf unterschiedlichste Art und Weise.

Josef hatte zwei neue Knechte geholt. Männer aus dem Süden. Massiv wie Schränke, grob in der Bewegung und auf eine unerquickliche Art und Weise laut und dämlich. Gut für die Arbeit. Sie tranken zu viel, sprachen zu viel und lachten über alles, was sie nicht verstehen konnten. Ihr Lachen war jene Art von Lärm, mit der Menschen die Stille unterdrücken wollen. Unterdrückung aus Furcht. Schließlich könnte die Stille ihnen selbst etwas über sie verraten, das zu noch mehr Furcht führen könnte. Es war allem voran etwas ungebändigtes. Abgestandene, selbstzufriedene Verwilderung und Verrohung des Geistes. Mangel an Intelligenz, Mangel an Ordnung, Mangel an Ehrfurcht. Sie verspotteten, was sie nicht verstanden. Sie verspotteten dich.

Anfangs war es beiläufig. Ein verächtlicher Blick, wenn du beim ersten Licht die Lippen zum leisen Gebet bewegtest. Ein Grinsen, wenn du vor dem Essen innehieltest und den Wert schätztest. Später offener. Alatar, der All-Eine, er hatte keine Bedeutung für sie. Ordnung, gerichteter Zorn, deine Schuld. Alles, was in dir längst Gewicht trug, wurde in ihren Mündern leicht, schmutzig und lächerlich. Sie lachten über deinen Glauben, weil ihr eigener Geist zu flach war. Sie hielten Stille für Schwäche, Disziplin für Furcht. Und deine Zurückhaltung? Für sie eine dümmliche Form von Knechtschaft, die man nur abschütteln müsse um stark zu wirken. Sie erkannten nicht die Schwere, die in deinem Schweigen lag. Sie verstanden nicht dein Bewusstsein darüber, dass du um die Gewalt deiner Worte wusstest, nicht leichtfertig mit ihnen um dich warfst. Sie hatten nicht die tiefere Erkenntnis, dass was einmal ausgesprochen, nicht mehr ungesagt wird.

Du hörtest sie und du sagtest nichts. Auch Josef schwieg. Wie immer.

Nicht aus Milde oder Nachsicht. Du hattest aus deiner Vergangenheit etwas gelernt. Hattest aus deiner Zeit auf dem Hof verstanden, dass nicht jeder Schlag geführt werden darf, sobald die Faust juckt. Du wusstest, wie rasch Zorn sich als Gerechtigkeit verkleidet, wenn er ungeprüft und ungeführt bleibt. Du wusstest, wie leicht ein Mann sich selbst belügt, wenn er seine eigene Härte für einen göttlichen Auftrag hält. Zu vieles hattest du bereits an dir selbst gesehen, um jedem inneren Aufbäumen blind zu trauen. So ließest du ihre Worte an dir abgleiten wie Wasser an einem Stein. Tage lang. Wochen lang.


Bis zu jenem Abend.

Der Tag war lang und hart gewesen. Das Licht stand bereits tief und hatte einen stumpfen Goldton angenommen. Ein letztes Aufbäumen vor der nahenden Dunkelheit der Nacht. Der Wind kam von den Bergen und trug die letzten Erinnerungen des Winters in sich. Du standest hinter der Scheune und ergötztest dich an dem was dir ruhigen Schlaf ermöglichte: Holz. Jeder Schlag, jedes spalten eines Scheits fuhr dir durch Schultern und Rippen. Harz klebte an deinen Fingern. Das Holz roch frisch und die Arbeit hatte jene stumpfe, beinahe gnädige Eintönigkeit, die den Leib bindet und den Geist für kurze Zeit von der Selbstmarterung erlöst.

Dann hörtest du Stimmen.

Zuerst nichts Ungewöhnliches. Ein gröberes Wort. Ein kurzes, selbstzufriedenes Lachen. Doch da war etwas anderes. Kein Schrei oder Ruf. Eher ein Laut, der gepresst klang. Harmlos, wenn man nicht genau genug hinhörte. Ein Wimmern. Kurz und unterdrückt. Die Art von Laut, die ein Mensch ausstößt, wenn er noch die Hoffnung hat durch unterdrückten Schmerz das Schlimmste abzuwenden. Dieser Laut zog deinen Leib zusammen und brachte deinen Körper eher in Bewegung als dein Geist verstand. Du gingst um die Ecke der Scheune und bereits bei den Schritten dann realisierte dein Geist, was Körper bereits verstanden hatte. Wahrheit die direkt ins Fleisch schnitt, anstatt den Geist unnötig lange zu bemühen. Die Axt hattest du, bewusst oder unbewusst, in deiner Hand mitgeführt. Sie lag schwer, sie lag bereit.

Und da sahst du, was du nicht gehofft, jedoch gehört hattest.

Die beiden Knechte, so besoffen, dass kein Recht mehr für sie galt. Ihre Hände befanden sich dort, wo sie nicht hingehörten. Wo keine Hand jemals hingehörte. Die gesamte Scheune stank nach Suff, nach Alkohol, nach Schande. Das Lachen der zwei war feucht, schamlos und stumpf vor jener widerwärtigen Selbstverständlichkeit, mit der manche Männer glauben, der Leib einer Frau werde zu etwas Verfügbarem, sobald kein Vater, kein Bruder, kein Herr in Sicht ist, der das Recht über ihre Unversehrtheit mit Gewalt zurückfordert.

Inga. In diesem Augenblick war sie nicht mehr die Tochter des Hauses. Sie war nicht die, die dir Wasser gebracht, dein Lager gerichtet und mit jenem stillen Ernst auf dich geblickt hatte, der mehr Vertrauen enthielt als viele Worte ausdrücken könnten. Sie war nur noch ein Mensch in einer Lage, in der alles Gewicht der Welt auf einen Punkt zusammenschrumpft: Hilfe jetzt – oder nie.

Ihr Blick traf dich und sofort riss etwas in dir. Nicht langsam, nicht gedämpft. Schlagartig, wie ein Seil, das zu lange auf Spannung gehalten wurde. Mit einem Knall, der einem Peitschenhieb glich. Was in dir antwortete war kein Gedanke, kein Gebet, keine Entscheidung im eigentlichen Sinn. Es war Wille. Freier Wille – und: gebündelter Zorn.

Deine Hand um die Axt verfestigte sich und der erste Hieb traf den Knecht so hart, dass aus ihm augenblicklich das Leben wich. Dumpf das Geräusch seines leblosen, ehrenlosen Körpers, als er zu Boden klatschte und die Scheune mit Blut tränkte. Der zweite Knecht hatte vermutlich nicht mal begriffen was seinem Mittäter soeben widerfuhr, da knackten auch bereits seine Knochen, da schied auch bereits aus ihm das Leben für immer. Ihm stand dumpfe Empörung im Gesicht. Diese Empörung, die Verbrecher manchmal zeigten, wenn es jemand wagt, ihren „Hunger“ nicht als rechtens zu behandeln.

Dann war Stille.

Keine friedliche Stille, die Dingen Raum lässt. Sondern die gewaltsame. Die Stille, die sich einstellt, wenn eben noch etwas geschrien, gerungen, gelacht, gedrängt hat und plötzlich alles abbricht. Eine Stille, in der das Blut in den Ohren pocht. In der jedes kleine Geräusch wie ein Urteil klingt.
Inga kroch zurück. Ihre Lippen waren blutig. Ihr Kleid verrutscht. Ihr Blick zersplittert zwischen Schock, Angst und dem ungeheuren, kaum fassbaren Umstand, dass sie noch lebte.
Du standest dort, die Axt in der Hand, Blut an Fingern, Gesicht, Griff und Ärmeln. Für einen Augenblick hatte die Welt jede Richtung verloren. Nur dein Herz schlug laut und schwer, mühte sich die entartete Flamme, deinen Zorn wieder zu beruhigen – dich wieder in einen Takt zu bringen.


Bild



Dann kam Josef.

Er war nicht schnell. Vielleicht empfandest du es auch nur so, als würde er in Zeitlupe schreiten. Vielleicht war es diese unbestimmte Art, wie Zeit sich dehnt, wenn man weiß, dass alles, was nun folgt, nichts mehr heilen wird. Josef sah auf die Körper. Josef sah zu dir. Josef sah zu Inga. Sein Blick flackerte, ging über alles hinweg und blieb doch nirgends wirklich stehen. Sah er was geschehen war? Sah er was, sah er wieso du es getan hattest?

„Du hast gemordet!“

Urteil. Keine Suche, keine Frage, kein Verständnis. Wäre mehr von ihm zu viel verlangt? War es vielleicht leichter dich zum Täter zu machen, als zu begreifen, was wenige Augenblicke zuvor fast mit seiner Tochter passiert wäre? Vielleicht war es das Einzige was als Vater blieb. Vielleicht würde er sonst an dem zerbrechen, was er nicht hätte schützen können. Vielleicht hasste er dich, weil du ihm jene Wahrheit unübersehbar aufgezeigt hattest: seinen Fehler, seine falsche Wahl.

Du sahst ihn an und sahst nicht nur seinen Zorn, sondern auch seine Hilflosigkeit. Sein Entsetzen, gemischt mit Ohnmacht. Den alten Mann, der geglaubt hatte, ein paar Knechte und ein sauber geführter Hof genügten, um die Welt aus dem Haus zu halten.

„Ich habe gerichtet“, sagtest du. „Und meine Schuld beglichen.“

Es war keine Rechtfertigung oder ein ärmlicher Versuch ihn zu überzeugen. Es war dein Bekenntnis. Vielleicht galt es mehr dir selbst als ihm. Noch ehe die letzten Worte deinen Mund verlassen hatten, wusstest du, dass er sie nicht hören würde. Er würde sie nicht so verstehen, wie du sie meintest.
Der Moment des Stillstands, der Zeitlupe zerbrach. Er kam auf dich zu. Zu nah, zu hart und voll jener aufgerissenen Kraft, die Menschen entwickeln, wenn sie nicht wissen, wohin ihr Schmerz gehört. Worte entwickelten sich zu Geschrei. Du hörtest nicht mehr alles, alles pochte. Nur Bruchstücke drangen an deine Ohren: Mörder, Wahnsinniger, Verlorener, Verfluchter.

Seine Hände an dir, packend, zerrend, nicht wie die Hände eines Mannes, der Klarheit sucht, sondern wie die eines, der etwas von sich wegstoßen muss, ehe es ihn selbst erreicht.

Eine Bewegung reichte und deine blutigen Hände drückten ihn weg von dir. Nicht aus Hass, nicht mit voller Kraft. Es war Instinkt. Es war Reflex militärischer Schule. Dein suchen nach Raum, Distanz, Abstand.

Er stürzte hart.

Und auch dieser Laut blieb in deiner Erinnerung. Er war anders als die vorherigen. Nicht brutal unterbrochen, sondern dumpf. Er enthielt Schwere, eine Endgültigkeit.

Inga weinte.
Josef rang nach Atem.

Die Axt glitt dir aus den Fingern und traf den Boden mit einem metallischen Klang, der lächerlich klein war gegen das, was gerade zerbrochen war.

Du sahst auf ihn hinab.

Da lag kein Feind oder Richter. Da lag kein Allwissender, kein gerechter Mann, der sich in Härte erhob. Nur ein alternder Bauer, der dich aufgenommen hatte, als du niemand mehr gewesen warst. Ein Mann auf der Erde, zwischen seiner Tochter, den Toten und dir. Unfähig zu begreifen, in welchem Augenblick sein Haus sich von einer Zuflucht in einen Ort verwandelt hatte, an dem nichts je wieder an seinen alten Platz zurückkehren würde.

In diesem Augenblick wusstest du es: Es war nicht mehr dein Ort. Es war nicht mehr dein Hof, dein Zimmer, dein Stall, dein Leben.

Es würde kein Schweigen mehr am Morgen geben. Kein stilles Nicken des alten Bauern im Türrahmen. Kein Wasserkrug, den Inga brachte. Kein Zaun, an dem Josef mit dir stand und ins Land sah. Kein verborgener Name, unter dem du noch eine Weile hättest atmen können. Alles, was an diesem Hof für kurze Zeit Form, Ordnung oder gar so etwas wie Frieden geworden war, hatte in wenigen Schlägen seine Gestalt verloren. Du warst erneut gestorben. Nicht als Darios. Als Bruno. Bruno war tot.

„Sie hätten sie dir genommen“, sagtest du leise, fast flehend, doch bewusst, dass es nichts mehr ändern wurde.


„Ich habe sie dir bewahrt, Josef. ER richtet durch mich, auch wenn du es nicht verstehst!“ sagtest du grollend, urteilend, in Klarheit abermalige Schuld aufgeladen zu haben.

Vielleicht war das anmaßend, vielleicht war es Verzweiflung. Wahrscheinlich beides zugleich. Aber in diesem Augenblick war es das Einzige, was der Wahrheit nahekam, die sich in dir zu formen begann. Nicht, weil du dich für rein hieltest. Nicht, weil du glaubtest, unfehlbar gehandelt zu haben. Sondern weil du spürtest, dass es Augenblicke gibt, in denen Schuld und Notwendigkeit gemeinsam auftreten und den Menschen zwingen, beides zugleich zu tragen.

Josef antwortete nicht.

Vielleicht konnte er nicht. Vielleicht wollte er nicht. Vielleicht gibt es Antworten, die in derselben Stunde nicht gesagt werden können, in der ein Vater Unverzeihliches nahe seiner Tochter sieht.

Du holtest dein Bündel: Deinen Dolch, dein Buch, deine Blume.

Der Wind hatte gedreht und es roch nach Regen und nach nasser Erde. Es roch so, als wäre es Zeit zu gehen.

Weder hastig, noch heimlich. Kein Fliehen, wie du es sonst so gerne getan hattest. Es war ein Verlassen. Es war ein Band, das unumkehrbar zertrennt wurde – etwas, das nie mehr Heilung finden würde. Der Wald nahm dich eilig auf, ohne zu fragen. Du gingst ein paar Stunden, so weit dich die müden Beine tragen konnten. Am Rand einer kleinen Lichtung innerhalb des Waldes schlugst du dein Lager auf. Die Flammen brannten niedrig. Die Ränder der Glut trugen Schwärze, die nicht bloß vom Holz kam. Kein Trost, keine Wärme lag darin.

Da wusstest du:
Dies war keine Strafe.

Strafe hätte Ordnung bedeutet. Ein klares Verhältnis zwischen Tat und Folge. Ein Gewicht, das sich messen, benennen und vielleicht eines Tages abtragen ließe. Dies hier war etwas anderes. Etwas Schwereres. Eine Prüfung. Die Morde waren jedoch nicht die eigentliche Prüfung. Ja, sie waren nicht leicht für die Seele, nicht leicht im Sinn irgendeiner billigen Rechtfertigung – aber leicht im Vollzug. Ein Schlag. Noch einer. Dann Stille.

Weiterleben war die Prüfung. Das abermalige Weiterleben mit dem Wissen, dass du getan hattest, was nötig war, und dennoch Blut an dir trugst. Weiterleben mit dem Bewusstsein, dass Schutz nicht ohne Zerstörung gekommen war. Weiterleben mit der Erkenntnis, dass selbst richtige Handlungen den Menschen nicht rein zurücklassen. Vielleicht war genau das die Ordnung des All-Einen: nicht, dass der Gerechte unbefleckt blieb, sondern dass er der Befleckung nicht ausweicht, wenn das Notwendige sie fordert.

Du legtest die Hände zusammen.

Sie zitterten leicht. Nicht vor Kälte. Nicht vor Furcht. Eher vor dem Nachhall dessen, was durch sie gegangen war. Dein Blick blieb fest auf die Glut gerichtet. Die Worte mussten nicht gesucht werden.

Sie waren einfach da.



6. Gebet – Über Zorn

All-Einer,
nimm mir den Zorn nicht,
doch forme ihn zu meinem Willen.

Bewahre mich davor,
aus Zorn Hochmut zu machen,
doch auch davor,
ihn feige zu verleugnen.

Was durch meine Hand geschah,
soll ich tragen.

Nicht rein,
doch aufrecht.

In Deinem Blick
und im Schatten Deiner Ordnung.


Die Nacht wurde tiefer, doch die Kälte zehrte kaum an deinem Leib. In dir war keine Ruhe jedoch auch kein Zweifel in einer einfachen Form, die alles wieder in Gut und Böse scheiden will.

Du wusstest, dass du versagt hattest. Kein Versagen darin die beiden aufzuhalten. Nicht darin, Inga zu schützen. Sondern in allem, was darüber hinausging. Darin, dass du auf einem Hof Zuflucht gefunden und doch keine Zukunft bewahrt hattest. Darin, dass aus deinem Schutz wieder Verlust geworden war. Vielleicht war genau das der Kern deiner Schuld: Es war nicht die Gewalt selbst, sondern Gewissheit darüber, dass durch dich niemals nur Rettung, sondern immer auch Bruch kommen würde.

Beides stand nebeneinander. Unvereinbar, unauftrennbar, konsequent.

Der Ungläubige sucht Entlastung. Der Narr sucht Reinheit. Wer sich aber unter die Ordnung des All-Einen begibt, begreift, dass der Mensch manches Richtige nur zu einem Preis tun kann: fortan nicht mehr ungebrochen vor sich selbst zu stehen.

Die Dunkelheit der Nacht übermannte dich und in ihr lag etwas, das wartete. Nicht drohend oder tröstend, lediglich gegenwärtig. Als sei dies nicht Ende, sondern der erste wirkliche Schritt. Ein Schritt auf einem Weg, der längst unter deinen Füßen gelegen hatte. Fälschlich war dein Glaube daran, dich unter einem fremden Namen verbergen zu können.

Etwas rief dich,
etwas sah dich.


Nicht Bruno,
sondern Darios.

Über die Schatten

Verfasst: Mittwoch 11. März 2026, 12:07
von Darios Soiradur
Über die Schatten

Der Weg führte dich immer weiter vom Bauernhof fort.

Du sprachst mit Dir selbst, sprachst Dir zu. Du wurdest nicht verjagt. Du bist gegangen. Und so führte dich dein Schritt nicht wie der eines Verjagten sondern wie der es eines gegangenen. Still und Schritt für Schritt. War es dadurch leichter? Beschloss der Boden dadurch selbst, dich weiterzutragen, weil an dem Ort hinter dir nichts mehr war, das dich noch halten durfte – oder wollte? Der Hof blieb zurück. Und damit blieben Josef, Inga, Theodor, Mara, das Holz, die Scheune, die Tröge, der Zaun und letztlich auch der scheiß Weizen zurück. Alles verschwand nicht auf einmal, sondern langsam, mit jeder Biegung des Pfades, mit jedem Schatten eines Baumes, mit jedem Stück Weg, das sich zwischen dich und das Vergangene legte.

Du gingst.

Nicht, weil du wusstest, wohin. Bleiben hatte in diesem Fall einfach keinen Bestand und keine Form mehr.

Deine Heimat lag fern. Rahal. Irgendwo jenseits von Nebel, Wasser und Erinnerung. Jenseits der rauen See. Jenseits dessen, was ein müder Leib in Tagen ermessen konnte. Es war nicht Ziel in jener ersten Zeit. Nur Richtung. Ein Name, der noch nicht trug, weil der Weg selbst größer war als alles, was an seinem Ende liegen mochte.

Und du hattest Zeit. Zu viel Zeit.

Die Tage verloren bald ihre Zählbarkeit. Morgen wurde zu Licht, Abend zu Kälte, Nacht zu einer anderen Art von Wachsein. Du gingst, aßest, wenn etwas da war, trankst aus Bächen, schliefst flach und ohne wirkliche Ruhe, erwachtest mit jener Schwere im Leib, die nicht von der Strecke kam, sondern von dem, was mitging. Jeder neue Schritt trug nicht nur dich, sondern auch das Blut, das an dir haftete, obgleich Wasser längst deine Hände gereinigt hatte.

Du hast gerichtet. Ein Satz der blieb. Nicht als Trost oder als Rechtfertigung. Es war mehr wie das Bildnis eines Steins, den man in der Hand hält und von dem Du noch nicht recht weißt ob er eine Waffe, ein Zeichen oder ein Gewicht ist.

Du hast getan, was nötig war. Auch das war wahr.

Dennoch brannte etwas in dir, als hättest du gesündigt. Nicht, weil du Zweifel daran hattest, dass die beiden hätten sterben müssen, wenn Inga nicht unter ihnen zugrunde gehen sollte. Nicht, weil du etwas wie Milde in dir entdecken könntest. Sondern weil jede Gewalt, selbst wenn sie in Ordnung geschieht, eine Spur hinterlässt. Nicht im Fleisch der Getroffenen allein, sondern auch in dem, durch den, der sie führte. Eine dich dünkende, wabernde, bittere Einsicht: Das Notwendige schont nicht den Menschen, der es vollzieht.

Nach Tagen als stummer Wanderer kam der Zorn zurück.

Nicht wild. Nicht in einer rohen, knirschenden Form, mit der junge Männer nach Streit suchen, um sich selbst in der Wucht des Aufpralls zu spüren. Auch nicht wie ein tosendes Feuer, das alles in derselben Hitze verschlingt. Er kam anders. Sein Zustand hatte sich auf eine Weise gewandelt, die dir bisher verschlossen geblieben war. Dein Zorn war klar. Er war kühl. Gebündelt. Wie Stahl, der aus dem Feuer gezogen wurde und gerade deshalb gefährlicher ist, weil er aufgehört hat zu glühen.

In der Art deiner Haltung merktest du die Veränderung zuerst. Wie sich dein Rücken anders aufrichtete. Wie die Müdigkeit zwar blieb, aber nicht mehr drückte, dich bückte. Wie deine Schritte nicht mehr bloß weitergingen, sondern Richtung annahmen. Es war, als habe etwas in dir, das lange zu ungeordnet, zu wund, zu stumpf gewesen war, plötzlich wieder Linie gefunden. Kein Friede oder etwa Milde. Viel einfacher. Simpel: Linie.

Zorn war nicht dein Feind. Die Schritte trieben dich voran und es war kein Gedanke im Wort selbst. Es war zuerst ein Empfinden. Erst dann wurde es zum Satz, letztlich formtest du es zu deinem höchsteigenen Bekenntnis: Zorn ist Wahrheit.

Zorn entspringt nicht dem blinden Begehren, wie die Schwachen glauben. Zumindest nicht jener Zorn, der dich zukünftig tragen sollte. Dieser hier wuchs nicht aus gekränkter Eitelkeit, nicht aus Hunger, nicht aus Narben, die um ihrer selbst willen schreien. Er entstand aus Erkenntnis. Aus dem Sehen dessen, was nicht sein darf. Aus den Erlebnissen, die dich geprägt und gebogen haben. Vielleicht war nur derjenige wirklich blind, der keinen Zorn kennt. Denn wer sieht, wie Unordnung sich an Menschen vergreift, wie Gier sich als Recht aufspielt, wie Schwäche andere dem Bösen preisgibt, der kann nicht unberührt bleiben. Der Sehende erkennt. Und wer erkennt, richtet innerlich längst, noch ehe seine Hand sich bewegt.

Der innere Monolog entwickelte sich zu echten, leisen, zaghaften Selbstgesprächen. Nicht laut zuerst. Mehr in jener Form, in der Gedanken nicht bloß durch einen hindurchgehen. Es war mehr ein aufstehen, ein aufbäumen, ein sich vor dich stellen, als würden die Gedanken antworten verlangen, statt zu fragen.

„Der Herr hat mich nicht für Milde erschaffen.“

Der Satz kam und blieb.

Du wurdest nicht für Nachsicht erschaffen, geformt, gebogen. Auch nicht für jene Wärme, in der jede Grenze weich wird und jedes Urteil in Entschuldigung zerfließt.

Die Schaffung deiner selbst stand für Klarheit.

Erst als du ihn ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal dachtest, sprachst du ihn hörbar aus. Leise nur. Doch in der Stille zwischen den Bäumen trug selbst die leise Stimme weit. Deine Stimme entfernte sich nicht von dir, lief nicht wirklich durch den Wald. Eher kehrte sie zu dir zurück. Verändert durch das, was in dir bereit war, sie anzunehmen.

Für einen Augenblick glaubtest du gar, Antwort zu hören.

Kein Wort oder sanfter Laut. Kein Wunder, das sich plump in die Welt drängt und damit alles Gewöhnliche beleidigt. Es war nur dieses Gefühl, dass der Satz nicht verloren ging. Dass er nicht bloß aus dir kam, sondern an etwas rührte, das über dich hinausreichte. Vielleicht war das schon Antwort genug.

Am Abend hattest du dein kleines Lager aufgeschlagen. Vor dir lag der Wald, hinter dir ein kleines Bergmassiv an dem die Schatten der Flammen des jungen Feuers tanzten. Das Feuer war klein, vielleicht sogar mehr Glut als wahrhaftige Flamme. Der Wind hatte gedreht und trug den Geruch von altem Holz zu dir, von morscher Rinde, von vergangenem Regen, von Rauch, der sich in Stoff und Haar setzt und selbst am Morgen noch nicht ganz verflogen ist. Das Licht warf sich schwach. Es reichte gerade aus, die eigenen Hände sichtbar zu machen und den dunklen Raum dahinter noch größer erscheinen zu lassen.

Und in dieser Stille, der Großartigkeit deiner Erkenntnis wogen dennoch Schatten mit. Da kam, was du sonst so verurteiltest: Gier.

Nicht plötzlich oder als brutaler Stoß. Eher wie etwas, das sich von außen an die Gedanken legt und prüft, ob dort noch eine Tür offensteht. Ein sanftes aber durchdringendes klopfen. Kein Durst im einfachen Sinn. Kein Mangel des Körpers. Es war die Sehnsucht. Ein sehnen nach Brennen im Hals. Nach dem einen Augenblick, in dem ein Schluck alles stumpf genug macht, damit die inneren Kanten nicht mehr schneiden. Damit der Geist ruht, das Fleisch entspannt. Ein Ruf nach Vergessen, nicht als endgültiger Verlust der Kontrolle, sondern vielmehr als kurze Beurlaubung von dir selbst.

Dein Griff glitt, automatisch, fast ohne es zu wollen, in die Tasche, zu deinen Habseligkeiten.

Mit jener Selbstverständlichkeit, mit der alte Gewohnheiten ihren Weg durch die Finger finden, noch ehe der Geist sie ganz bemerkt. Doch statt einer Flasche, statt eines Beutels, statt irgendeines Restes, der das Brennen zurückbringen könnte, trafen deine Finger auf etwas anderes.

Das Gebetsbuch.

Rau unter den Fingern. Zerknittert. An den Rändern weich geworden vom Tragen, von den Tagen des Regens. Ein Stück deines vergangenen Ichs und zugleich etwas, das dir nicht vergangen sein durfte. Du hieltest die Hand darauf, ohne es hervorzuziehen, als würdest du prüfen, ob in einem Brustkorb noch ein Herz schlägt. Nicht stark. Nicht ruhig. Aber da.

Deine Finger verharrten. Die Gier gab nach.

In diesem kleinen Innehalten lag mehr Kampf als in manchem Schlag.

Dann formten sich ganz von selbst prägsame Worte.

„Nicht Schwäche soll mich führen, nicht der Hunger, nicht die Angst.“

Die Worte waren schlicht. Gerade deshalb hielten sie. Du brauchtest keine großen Formeln, keine Verzückung, keinen heiligen, pathetischen Ton. Nur die Wahrheit. Knapp genug erdacht und gesprochen, um nicht vor sich selbst auszuweichen.

„Der Herr prüft den, der strebt, und zerschlägt den, der ruht.“

Kein Schweigen im Wind, doch er verlor für einen Moment jedes Gewicht. Das Feuer knackte. Irgendwo im Dunkel arbeitete Holz im Auskühlen. Du dachtest an Josef. Nicht an den Zorn in seinem Gesicht, sondern an sein Schweigen im Türrahmen. An Inga. An ihre aufgerissenen Augen. An Theodor. An deine geliebte Frau, Aelyn. An Maev, dein Ein und Alles. Und dann, ganz zuletzt: An dich.

Nicht aus Eitelkeit. Nicht, weil du dich wichtig genommen hättest. Sondern weil du der Ort warst, an dem alles zusammenlief: Schuld, Hunger, Gier, Zorn, Gehorsam, Leere, Wille. Der Mensch kann seinen eigenen Mittelpunkt nicht verlassen. Er kann ihn nur ordnen oder verwildern lassen.


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Am nächsten Morgen war der Himmel klar.

Die Sonne stand hell über dem Land, wärmte, trieb deine Schritte Stück für Stück weiter voran. Der Weg führte weiter über Felder, auf denen der Frost nachts, nur wenn er stark genug, hart genug gekämpft hatte, noch einmal hauchdünn zurückkehrte. Dein Weg führte über Steine, die durch deine Sohlen drückten. Über Erde, die nach Leben dürstete, austrieb, auf Fortschritt wies. Du gingst durch den Schatten deiner eigenen Schritte, als würde die Welt dir zeigen wollen, dass selbst im Licht immer etwas Dunkles mitgeht.

Manchmal sprachst du Gedanken laut. Nicht, weil jemand da gewesen wäre, der dich hätte hören sollen. Sondern weil manche Gedanken, solange sie nur im Inneren kreisen, zu weich bleiben. Erst das ausgesprochene Wort macht sie schneidend genug, dass ein Mensch an ihnen nicht vorbeigleiten kann.

Du sprachst, als würdest du Alatar erklären, warum du noch lebst. Warum du immer noch weitergehst. Warum das Blut an deinen Händen nicht genügt, dich zu verwerfen. Warum die Gier nicht gesiegt hat. Warum der Zorn dich nicht blind, sondern aufrecht macht. Vielleicht war darin Vermessenheit. Vielleicht Gebet. Vielleicht war zwischen beidem in jenen Tagen kaum ein Unterschied.

Und vielleicht hörte Er zu.

Denn als der Tag sich neigte und der Wind abermals durch das matte Gras strich, sahst du etwas. Nur kurz. Am Rand des Blickfelds, aus den Augenwinkeln. Nicht im Himmel aber auch nicht ganz auf der Erde. Mehr in jenem Zwischenraum, in dem Bewegung manchmal mehr bedeutet, als sie sichtbar hergibt. Ein Schatten. Flüchtig. Nicht schwer genug für ein Tier. Nicht geformt genug für einen Menschen. Nur der Eindruck eines Blickes aus einer anderen Wirklichkeit. Als wäre etwas da gewesen, das dich nicht bedrohte, nicht tröstete, sondern bloß wahrnahm.

Gesehen zu werden ist eine andere Last, wenn man lange geglaubt hat, sich verbergen zu müssen.

Du bliebst stehen.

Die Stille um dich herum war weit. Kein Dorf. Kein Hof. Kein Klirren von Geschirr, kein Husten aus einer Stube, kein Ruf über einen Acker. Nur Wind, nur Gras, nur dein Atem.

Das Gebet kam.

Nicht als aufgesagte Zeilen. Nicht in jener Ordnung, die aus Büchern stammt. Es ergab sich wie Wahrheit. Als deine Wahrheit.

7. Gebet
Über Weisheit und Bedächtigkeit


Allwissender,

kläre meinen Blick,
damit ich sehe, was vor Dir wahr ist,
und nicht, was mein Schmerz dafür halten will.

Lass meinen Zorn nicht blind werden.
Scheide in mir Wunde von Erkenntnis,
damit ich nicht aus Kränkung richte,
sondern aus Ordnung.

Nimm meiner Hand nicht die Kraft,
sondern die Verblendung.
Nimm meinem Herzen nicht das Feuer,
sondern den Hochmut,
der sich selbst zum Maßstab macht.

Lehre mich zu erkennen,
was geduldet werden darf
und was zerschlagen werden muss.

Bewahre mich vor dem hastigen Schlag
und vor dem schuldigen Zögern.
Gib mir den Schritt,
der erst prüft
und dann ohne Furcht geht.

Denn ich begehre nicht Milde,
wo Urteil gefordert ist,
und nicht Schonung,
wo Schwäche das Böse nährt.
Ich begehre den geraden Blick
und die Hand,
die Deinem Willen folgt.



Vielleicht lag in diesen Zeilen etwas neues. Ein Wissen, dass Worte und Weg sich einander annäherten. Dass jeder Schritt etwas langsamer wurde. Doch nicht aus Müdigkeit, sondern aus Sammlung. Bewusster und fester.

Und deine Gedanken waren klar. Ein stilles, dunkles Wissen, das sich nicht aufdrängt und gerade deshalb bleibt:

„Zorn ist kein Feuer, das verzehrt.“

Nicht, wenn er geordnet ist. Nicht, wenn er sieht. Nicht, wenn er sich der Hand nicht bemächtigt, sondern von ihr getragen wird wie eine Klinge, die nur dann rein schneidet, wenn sie nicht aus wildem Schwung, sondern aus rechter Führung fällt.


„Zorn ist das Feuer, das richtet.“


Und in diesem Wissen führtest du deinen Weg fort.

Nicht erlöst und sicherlich nicht rein. Aber gerader. Womöglich gerader als jemals zuvor.

Über das Wort

Verfasst: Freitag 13. März 2026, 07:52
von Darios Soiradur
Über das Wort


Der Tag des guten Wetters verging. Regen folgte. Kalter, schwerer Regen, als wolle er ersaufen, was der Boden mühsam Frühling zu nennen begann.

Es war kein Regen, der den Staub nur für einen Augenblick band oder den Wegen Glanz verlieh. Es war einer von jener zähen, kalten Art, die nicht wäscht, sondern schleift.

Dein Pfad, dessen Richtung du selbst kaum kanntest, war unter deinen Füßen längst keiner mehr, sondern nur noch eine dunkle, aufgeweichte Spur zwischen Feldern, durchzogen von Wasserfurchen und alten Wagenrinnen, in denen sich Himmel und Dreck gleichermaßen sammelten. Dein Umhang, der mehr Fetzen als Schutz war, trug das Wasser nicht mehr ab, sondern hielt es. Deine Schultern waren schwer davon. Deine Haare klebten sich zu einem Gesamtbild mit dem wilden Bart.

Und doch trugen sich, je mehr du dem Weg folgtest, unterschiedlichere Spuren zusammen. Es schien als gäbe es etwas, das erreichbar sei – das sich für viele hier aus dieser Region gegen Tristesse stellte, sich als Ziel anbot. Als wolle der Himmel dich auf den letzten Schritten noch verhöhnen, ging der Regen härter nieder. Dann sahst du etwas, das nach Zuflucht aussah. Das Haus stand schief im Wind, einstöckig und niedrig. Es schien als würde der eine Balken den anderen halten. Ein Kunstwerk, könnte man meinen. Je näher du kamst, desto langsamer wurde dein Schritt bis du letztlich erkanntest, an was du herangetreten warst.

Über der Tür hing ein Schild, dessen Farbe das Wetter längst gefressen hatte. Darauf stand, mühsam lesbar, der Name der Schenke.

Bild

Zur weissen Krähe.



Du sahst das Schild länger an, als nötig gewesen wäre.

„Krähen.“

Aasfresser, dachtest du. Geduldige Zeugen von Verfall. Tiere, die nicht jagen müssen, weil die Welt ihnen früher oder später etwas vor die Füße legt, das bereits den letzten Kampf hinter sich hat. Es war ein passender Name, ein ehrlicher. Vielleicht ehrlicher, als die meisten Wirte zu sein pflegten.

Die Tür knarrte, und unter deinem ersten Schritt ächzte die Diele nicht weniger schwer. Die Wärme, die dir wuchtig entgegentrat, war keine Wohltat. Sie traf dich wie ein dumpfer Schlag. Rauch hing unter der Decke. Es roch nach Bier, Schmorfraß, abgetragener Kleidung und zu vielen Menschen, die zu lange im selben Raum saßen. Stimmen liefen durcheinander. Einer lachte zu laut. Irgendwo schlug ein Krug auf Holz.

Du bliebst einen Moment in der Tür stehen. Lang genug, damit sich ein paar Köpfe drehten.

„Tür zu!“, rief ein dürrer Riese vom Kamin her. „Du stehst da wie ’n Hund vorm Schlachter!“

Ein paar lachten. Bauern, die sonst wenig zu lachen hatten, dachtest du.

Du zogst das was sich Tür schimpfte ins Schloss und trugst Dreck und Regen weiter hinein. Deine Spur war unverkennbar, deuchte nach Tagen der Wanderung. Deine Augen überflogen die Möglichkeiten. Nicht an den Kamin, nicht an die Theke, nicht nahe dem Ausgang zum Abort, nicht ins Licht. Du nahmst einen Tisch weiter hinten, von dem aus du den Raum überblicken konntest und möglichst keinen im Rücken hattest. Dort setztest du dich und zogst langsam die Fetzen deiner Handschuhe aus. Deine Finger waren aufgequollen wie ein Schwamm von der fortwährenden Nässe. Als du die Hand in deine wenigen Habseligkeiten gleiten ließest, fanden deine Finger zuerst das Buch.

Du zogst es hervor und packtest es zu Tisch. Nicht aus fremder Bedeutsamkeit, nicht feierlich. Eher aus Notwendigkeit. Als müsstest du etwas zwischen dich und den Raum stellen, ehe du den nächsten Atemzug tatest.

Der Einband war dunkel vom Regen. Die Kanten waren weich geworden. Dennoch lag es fest auf dem Holz.

Eine Schankmaid kam, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah dich an, als sei noch nicht entschieden, ob du ein Gast oder nur ein Problem seist.

„Was brauchst du?“ fragte sie.
„Wasser. Brot.“ brummtest du, trocken und kehlig.

Sie nickte knapp und ging. Du sahst in den Raum und mühtest, nicht in Flucht vor zu viel Gesellschaft zu verfallen.

Männer saßen in kleinen Gruppen beieinander. Drei würfelten um ein paar Kupferstücke. Zwei andere stritten halblaut über ein Pferd, das wohl keiner von beiden je besessen haben konnte. Ein alter Mann trank allein am Fenster und tat, als höre er nichts. Die meisten redeten nicht, weil sie etwas zu sagen hatten. Sie redeten, damit es nicht still wurde.

Du kanntest diese Art von Ort. Du hattest ihn in der Vergangenheit bereits zu vielzählig besucht. Und vielleicht war es gerade das, was dir missfiel. Zu viele Augen. Zu viele Stimmen. Zu viele Menschen, die Nähe ahmen, weil sie nichts Besseres haben als Lärm.

Die Maid brachte das Wasser und ein Stück Brot. Du fühltest dich wie ein Tier. Eingepfercht und beobachtet, auch, wenn nur wenige Blicke wirklich auf dir lagen. Das Brot war irgendwie passend zu dem Ort, zu den Menschen, zu dem wie du dich fühltest: Weizen.

Kurz darauf kam der Wirt selbst. Zuerst hatte er dich einen guten Moment im Schutz der Theke beobachtet, sich mit der Schankmaid, sicherlich seiner Frau, besprochen. Sicherlich wollte er ihre Erkenntnis darüber benannt bekommen, ob du nun Gold oder Problem seist. Einige Augenblicke vergingen. In seiner Hand schließlich hielt er einen Krug Bier und schwappte damit in deine Richtung. Prall gefüllt, eine leichte, eher seichte Schaumkrone. Mit einem „Klonk!“ landete jenes kühle Nass auf deinem Tisch.

„Hab ich nich bestellt“, sagtest du. Schroff und bestimmt.

Trotzdem stand er dort.

„Bestellt nicht“, sagte er. „Aber brauchen vielleicht.“

Brauchen. Du schnaubtest. Wenn er wüsste, welche Beziehung du und das Bier bereits über Jahre hinweg gepflegt hattet. Der Wirt war ein breiter, vielmehr fetter Mann mit rötlichem Gesicht und Händen, die mehr von der Arbeit des Abkassierens und des Tragens als vom Kämpfen kamen. Seine Augen blieben erst am Krug hängen, dann an dir, letztlich am Buch.


„Hilfts?“ der Blick der Wirts weilte auf deinem Buch.

Du sahst ihn nicht an. Mühtest dich allem um dich herum kein neuerliches Gewicht zu geben, fragtest: „Wobei?“

Er tippte mit einem Finger auf den Bierkrug. „Dagegen.“

„Manchmal.“ mehr grollend als sprechend.

„Dann ist es ein nützliches Buch.“ doch spürtest du, wolltest vielleicht auch nur spüren, wie Spott mitschwappte.

Jetzt hobst du den Blick. Direkt, stierend auf sein Antlitz. „Es ist kein Werkzeug.“

Der Wirt zog die Brauen hoch. „Sagen nur Leute, die es noch nich‘ oder bereits zu oft gebraucht haben.“

Er blieb einen Herzschlag länger stehen, als nötig war, dann ging er wieder.

Der Geruch des Bieres stieg hoch. Bitter und Schwer. Vertraut und Süß. Dein Kopf marterte. Deine Hand hingegen mühte sich zum Buch, zitterte unmerklich in feinen Zügen. Nur ein prüfen – ist es noch da?

Ein Verzicht war leicht. Du hattest den Regen hinter dir, den Tisch vor dir, das Buch unter der Hand. Der erste Widerstand war schlicht: Der Krug stand da, und du griffst nicht danach. Mehr brauchte es noch nicht.

Doch je länger der Krug dort stand und die Zeit sich zog, desto stärker wurde das Verlangen. Das Brot blieb trocken, das Wasser nahm den Durst, nicht jedoch den Wunsch nach Wärme. Die Stimmen im Raum begannen sich in deinem Kopf zu verhaken. Jemand lachte wieder. Ein anderer schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Einer der Würfelnden verlor und schimpfte, als sei ihm etwas Großes genommen worden.

Du merktest, wie dich das beschäftigte, einverleiben wollte. Nicht nur der Durst. Die Menschen selbst. Ihre Nähe. Ihre Gerüche. Ihr loses Reden. Nach so langer Zeit allein auf dem Weg wurde jeder Laut zu etwas, das gegen dich drängte.

Der Wirt kam zurück, nahm einen leeren Teller vom Nachbartisch und sah im Vorbeigehen auf deinen Krug.

„Steht noch“, sagte er, süffisant grinsend.

Du sagtest nichts.

„Dann hilft das Werkzeug wohl doch.“, ergänzte er, zielgerichtet.

Ein kleiner, dürrer Kerl einen Tisch weiter hörte das und grinste in deine Richtung, lautstark: „Lies dem Wirt was vor. Vielleicht trinkt er dann aus Frömmigkeit auch nicht mehr.“


Wieder Gelächter. Diesmal breiter.


Du bliebst still. Dein Daumen strich einmal über den nassen Rand des Einbands.

Der Wirt blieb stehen, äugte abermals darauf. „‘N Gebetsbuch, hm?“

„Ja.“ schlicht, vielsagend genug.

„Was steht drin? Glaube gegen Bier?“

„Nichts für Männer, die ohne Becher klein werden.“, der Satz kam schärfer heraus, als du gewollt hattest.

Das Grinsen des Wirtes verzog sich nur wenig. „Dann taugt es hier wenig.“

Einer der Männer lachte. „Vielleicht taugt ER hier wenig.“ und der krumme Finger des Kerl zeigte auf dich.


Da hobst du den Kopf. Nicht schnell. Aber deutlich, nachdrücklich genug, dass der Mann sein Lachen nicht zu Ende führte.

Du sahst zurück auf den Krug. Ein Blick reichte nun nicht mehr. Das Zittern der Hand ebbte mit dem Moment ab, mit dem du ihn in die Hand nahmst.

Nicht weil der Spott dich getroffen hatte, sagtest du dir. Nicht weil du klein beigeben wolltest. Sondern weil du dachtest, darüber zu stehen. Ein Schluck, dachte etwas in dir. Nur ein Schluck. Dann bleibt es deine Entscheidung und nicht die Macht eines Bechers über dich.

Du trankst.

Wenig. Gerade genug, dass der bittere Geschmack über die Zunge ging und die Wärme im Hals ankam. Es war kein Rausch. Nicht einmal Nähe zum bekannten Gefühl. Nur ein Nachgeben. Eine kleine Lockerung. Eine falsche Erleichterung.

Du stelltest den Krug wieder ab. Deine Hand haftete daran. Ein kleinerer Schluck folgte auf den ersten. Doch nun war es kein Irrtum mehr. Der Wirt sah es und sagte nichts. Machte es das schlimmer? Die ausbleibende Häme?

Du zogst die Hand zurück und legtest sie wieder auf das Buch. Das Leder fühlte sich kalt an.

„Na also“, sagte der kleine Kerl neben dir. „Geht doch.“

Der Satz war harmlos, doch schnitt er tief, wie Worte im rechten Moment es nunmal vermögen.

„Schweigen geht auch“, grolltest du, bevor du dachtest.

Einige im Raum wurden stiller. Nicht wegen der Worte selbst, sondern wegen des Widerstands darin.

Der Mann lehnte sich zurück, grinste hämisch, meinte: „Ein Mann mit Buch der nicht drüber reden will – das gibts auch nicht aller Tage!“

Du hättest schweigen können. Du hättest vielleicht sogar schweigen sollen. Du hättest den Blick senken, das Brot essen, das Bier stehenlassen und warten können, bis der Abend vergeht.

Stattdessen sagtest du: „Nur nich mit dir.“

Das traf. Nicht tief, aber sichtbar. Der Mann verzog den Mund. „Hältst dich für was besseres?“
Jetzt sahen mehrere zu euch hinüber.

Du spürtest das. Spürtest auch, dass die zwei Schlucke dir nichts genommen hatten, was du hättest benennen können. Nur etwas gelockert. Genug, damit das Wort schneller kam. Dein inneres tobte.


„Halts Maul, oder ich stopfs dir“, fuhrst du ihn an.

Der Mann stieß seinen Stuhl zurück, baute sich zu lächerlicher Größe auf. „Große Worte für einen, der allein sitzt.“

Der Wirt trat dazwischen, noch ehe mehr daraus wurde. Nicht mit den Händen. Nur mit seiner Stimme.

„Lasst es.“


Dann sah er zu dir.

„Wenn du Ruhe willst, sei selbst ruhig.“, kein Reiz. Keine Drohung. Aber du merktest, dass er recht hatte.

Das machte dich nur hitziger. Dein Fehler ließ dir keinen Rückzug, er drängte dich weiter nach vorn.

„Ich wollte Ruhe“, sagtest du. „Hast Du nich‘ im Angebot.“

Nicht laut. Nicht theatralisch. Aber zu viel?

Der Wirt sah erst dich an, dann das Buch, dann den Krug. Sein Gesicht wurde nicht dunkel. Es wurde leerer.

„Dann hättest du draußen bleiben sollen.“

Für einen Augenblick sagtest du nichts. Deine Finger lagen auf dem Buch. Neben ihnen stand der Krug, den du nicht hättest anrühren sollen. Vor dir der Mann, der nicht dein Feind war, und hinter ihm ein Raum voller Leute, die dir nichts schuldeten.

Allem zum Trotz kochte in dir etwas hoch, das mit Erkenntnis wenig zu tun hatte und viel mit Müdigkeit, Stolz und zu vielen fremden Stimmen. Du wolltest dir einen Augenblick, einen Moment zur Abkühlung einräumen aber wenn Menschen Schwäche erahnen, spüren, sehen, dann folgt der nächste Hieb.

„Verpiss dich, Hohlkopf“, kam es verächtlich von einem der drei Kerle herüber, die um Kupfer würfelten.

Dein Stuhl schrammte zurück. Du standest auf und gingst auf ihn zu. Bautest dich vor ihm auf. Mit jedem Moment wurde er kleiner, doch war das Knirschen der Kiefer der anderen fast schon hörbar, die Spannung in der Luft ertastbar.

Ein paar wenige nur senkten die Blicke. Der Rest frönte im Gedanken bereits an das, was folgen könnte. Der Wirt stellte den Teller in seiner Hand ab.


„Genug.“



Der Raum kannte den Ton. Du auch.

Du atmetest einmal durch. Dann noch einmal. Erst jetzt sahst du klar genug, was geschehen war. Nicht viel. Kein großer Sturz. Kein Blut. Kein Kampf. Nur zwei Schluck Bier, die alles verschoben. Nur ein einzelner Fehler und ein ganzer Raum stand gegen dich, standest du gegen einen Raum, der es nicht einmal zwingend verdiente.

Das war das Bittere daran. Es wäre leichter gewesen, wenn dir ein wirklicher Feind gegenübergestanden hätte. Trotzdem kam dir in diesem Moment ein Gedanke, klein und schmutzig genug, um gefährlich zu sein: Der Wirt hatte dich reizen wollen. Er hatte den Krug hingestellt. Hatte mitgespielt. Er hatte den Raum gegen dich gewollt.

Es war kein guter Gedanke, ein bequemer. Ein Urteil, das keine Notwendigkeit besaß.

„Geh“, sprach der Wirt.

Und du dachtest, alle der Anwesenden hätten es im Kanon zu dir gesprochen. Es war kein Ort für dich, noch nicht. Es war nicht die rechte Zeit für dich, deinen Weg zu pausieren.

Du nahmst das Buch vom Tisch, stecktest es ein und gingst zur Tür. Keiner hielt dich auf. Keiner sagte noch etwas. Zeigtest du damit weitere Schwäche? Gabst du damit neuerliche Schuld zu? Würde es Nachspiel haben?

Draußen schlug dir die kalte Luft entgegen. Der Regen war feiner geworden. Kein harter Guss mehr, nur noch ein dichter Schleier, der in der Dunkelheit hing. Du bliebst vor der Tür stehen und atmetest tief ein. Hinter dir hörtest du die Taverne gedämpft weiterleben. Nicht mehr dieselbe Lautstärke, die vor deinem Besuch herrschte. Karger, unfreudiger, vielleicht nachspieliger.

Du legtest die Hand auf dein Buch. Diesmal zogst du es nicht heraus, führtest deinen Weg fort und sprachst nach einer ganzen Weile der Wanderschaft letztlich leise in den Regen.

8. Gebet
Über das Wort

All-Einer,

lass mich nicht reden,
um zu herrschen,
und nicht schweigen,
um mich zu schonen.

Gib meinem Wort Gewicht ohne Hochmut,
Härte ohne Eitelkeit,
Klarheit ohne Trug.

Lehre mich, erst zu prüfen,
dann zu sprechen,
und nach dem Gesagten zu stehen.

Bewahre mich vor dem losen Wort,
das aus Stolz geboren wird,
und vor dem feigen Schweigen,
das schwacher Lüge dient.

So sei meine Zunge fest
und mein Wille lauter,
damit mein Wort nicht mir,
sondern Dir gehorche.



Als du den Blick hobst, war der Himmel noch immer geschlossen. Der Regen hing grau über dem Weg.