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Ach, lieber Winterschlaf.

Verfasst: Freitag 10. Januar 2014, 12:46
von Nael Rabensang
Balg
Während es kalt im Norden wurde, und der Schnee langsam aber sicher alles unter sich begrub, sodass die Wege mühsam und das Land unwirtlich wurde, zog sich die Läuferin aus Lameriast immer häufiger in ihre Höhle zurück um sich dort auf das Frühjahr vorzubereiten. Sie war gut ausgestattet, hatte Getreide und Pökelfleisch, sogar ein Fässchen Wein und eine Menge Handwerkszeug. Stahlnadeln aus den Essen Berchgards und Knochenahlen, die sie selbst hergestellt hatte, festes Garn, Kupferdraht und Bast - die Dinge, die bei der Täglichen Arbeit unverzichtbar waren, sei es um Kaninchenfallen zu bauen, ihre Kleider zu flicken oder Wildbret abzuhängen. Außerdem hatte sie über das Jahr hinweg Felle und Leder erjagt, von denen sie einen Teil in den Städten getauscht hatte, den größten Teil aber selbst verarbeiten wollte. Aus Menek'ur hatte sie einen Löwenpelz mitgebracht, vom Abendessen blieb immer wieder mal ein Kaninchenpelz übrig und aus den tiefen Gruben hatte sie die Häute von Gargylen und wilden Echsen geholt, sogar die Schuppen eines Drachen fanden sich in ihren Vorräten. Sie wusste, dass ihre Rüstung, ein Flickwerk aus Oger- und Zweikopfleder, sie nur mäßig gegen die Bestien der tiefen Wege schützte, dass Dämonen und Vielaugen nur darauf warteten, sie mit ihren schändlichen Zaubern zu verwirren und dass sie im Feuer der Elementare vergehen würde, wie Butter in der Sonne. Möglicherweise war es der Ehrgeiz mit den stolzen Kriegern der Wüste mithalten zu können, mit ihren Freunden, die sich mit einer leichtigkeit in ihren Eisenhemden bewegten, die es einem schwindelig werden ließ. Sie machte sich allerdings keine Illusionen. Sportlich zu sein und ausdauernd war etwas anderes als das jahrelange Kampftraining der Kinder der Wüste. Viel zu oft hatte sie ihnen beim Waffentanz zugesehen, um zu wissen, dass das nichts für sie war. Zwar besaß sie eine Silberrüstung aus menekanischer Hand, aber im Wald klirrte sie und war ohnehin viel zu schwer. Die Gelenkverstärkungen machten das drehen der Arme zur Qual und man ermüdete schnell. Auf den Schutz wollte sie aber dennoch nicht verzichten und begann Stück für Stück ihre abgewetzte Rüstung auszubessern: Mit Echsenleder verlängerte sie das Oberteil, das bis dato bauchfrei war um in der Hitze der Wüste nicht zu sehr zu schwitzen. Sie hatte erst vor ein paar Tagen die grausam verstümmelten Leichen von Menschen gefunden, aufgeschlitzt und mit zerfetzten Gewändern - dieses Schicksal wolle sie auf keinen Fall teilen. Zusätzlich bekam ihre Rüstung ein paar Ärmel aus Gargylenhaut, die, wie sie wusste, besonders widerstandsfähig gegen magie war, sodass sie sich nicht die Arme im magischen Feuer verbrennen würde. Schließlich nickte sie zufrieden und ließ die Arbeit für eine Weile ruhen. Der Winter war lang und kalt, und gut Ding wollte Weile haben. Hatte Nael in der Wüste auch lange das Feuer in ihrer Seele kennengelernt, so war sie doch ein Kind Lameriasts und gerade im Winter trat das friedliche, geduldige Gemüt deutlicher hervor denn je.

Beschlag
Einige Zeit später, nachdem sie einige schadhafte Stellen der Rüstung ausgebessert hatte, die das Leben in der Wildnis an ihr hinterlassen hatte, griff sie ihre Idee wieder auf, die Rüstung zwar stärker, aber auch flexibler zu gestalten. Sie hatte vor einer Weile alte Rüstungsteile erbeutet, die viel zu groß und zu schwer für die Läuferin gewesen wären. Aber sie waren mit Schuppen beschlagen. Roten, Blauen und Silbern funkelnden Metallplättchen, die versetzt und überlappend angeordnet waren um Klingen daran abgleiten zu lassen und gleichsam flexibel zu bleiben. Wie die Schuppen einer Baumnatter, ging es ihr durch den Kopf, als sie mit geduldig Stück für Stück die Schuppen von der Rüstung zog. Mit Nieten aus Metall und Kupferdraht befestigte sie die Schuppen schließlich an ihrem Rüstwerk. Nicht überall, versteht sich, aber dort wo es wichtig war. An den gelenken, den außen liegenden Seiten der Gliedmaßen und dort, wo Wunden tödlich wären. Es mochte aussehen wie Flickwerk, doch niemand kannte ihren Körper so gut, wie sie selbst, ihre Bewegungsabläufe und Schwächen im Kampf. Sie wusste, dass sie flink war und sich schnell ducken konnte - aber wenn sie Angriff, ob mit Speer oder Schwert, waren ihre Arme oft ungeschützt. Also bekamen die Unterarme Metallschienen, genau wie die Oberschenkel und Schienbeine. Eben diese Schienen bog und formte sie aus den Resten der zerpflückten Rüstungsteile, bis sie passgenau für ihren Körper waren. Es kostete Zeit und Geduld, aber von beidem hatte sie in diesem Winter genug. Sie befand schließlich, dass es ihr gut gelungen war und legte die Rüstung beiseite. Der Winter war lang, es gäbe später Gelegenheit fortzufahren.

Brünieren
In einer der langen nächte, als sie am Lagerfeuer in ihrem Höhleneingang damit beschäftigt war, ihre schwarzen Pfeile zu schäften, erkannte sie den größten Makel ihrer nun ziemlich soliden Rüstung: Im Feuerschein funkelten und glitzerten die Schuppen ihres Lederhemdes in allen erdenklichen Farben. Es war vor allem das Pyrian, das die Farben des Feuers wie begierig aufsog und wiederspiegelte. Die Abenddämmerung, selbst der Vollmond waren so dazu geeignet, sie für jeden bereits von weitem sichtbar zu machen. Sie ließ das Pfeilwerk für den Abend ruhen und nahm also das Lederhemd zur Hand. Jede der unzähligen Schuppen wurde wieder abgelöst und in einer Paste aus Leinöl, Asche und den zerstoßenen Knochen von Dämonen im Feuer geschwärzt und abgestumpft, sodass sie das Licht verschluckten anstatt zu funkeln. Das ganze fußte wohl eher auf dem Aberglauben, dem die Läuferin anhing, dass Dämonen die Fähigkeit besaßen, sich vor ihren Opfern verbergen zu können. Dass sie das Licht selbst krümmten, verschlangen und als Feuer zurück in die Welt spiehen. Das war höchstwahrscheinlich Unsinn, aber zumindest waren die Metallschuppen nach der Prozedur rostrot, braun oder violett und stumpf. Nael war zufrieden und befestigte sie eine nach der anderen wieder an der ursprünglichen Stelle, ehe sie das Feuer herunterbrennen ließ, die Glut sorgsam in einem Topf verbarg und sich unter den Sternen, in einem Haufen weißer Felle zur Ruhe begab. Es würde eine kurze Nacht werden, denn am Morgen hatte sie vor, im Eis fischen zu gehen.

Zierwerk
Nach dem Jahreswechsel fasste die Läuferin einen Entschluss: Man sollte sehen, dass sie eine vom Waldvolk war, dass sie die verborgenen Wege kannte und unabhängig und frei unter den Sternen zog. Man sollte sehen, dass sie das Erbe der Lameriaster in sich trug und dass sie Riesen und schlimmerem nachstellte. Ihre Beute sollte zur Trophäe werden. Sie nahm das übrige, was sie an Fellen noch nicht getauscht hatte und suchte die schönsten und edelsten Stücke heraus. Sie nähte einen Kragen aus dem Pelz eines großen Bären, brämte ihre Stiefel mit den Resten des Pelzes und nähte mit geschwärztem Kupferdraht Flicken aus Löwen- und Pantherfell auf die Ärmel um das blasse rosa der Gargylenhaut zu verdecken. Langsam, Stück für Stück wurde die Rüstung zu einem Sammelsurium aus Farben, was ihr ein Muster verlieh, dass in den Farben der Natur nur zu leicht aufgehen würde. Im Herbstwald würde sie kaum auffallen, wohl auch nicht im Unterholz des Frühlings. Und für den Winter nähte sie einen Pelzumhang aus Eisbärenfell, unter dem sie sich im Schnee leicht verbergen könnte. Zuletzt versah sie den Kragen der Rüstung mit einer Metallfibel, die einen angriffslustigen Skorpion zeigte - ein Andenken aus Menek'ur, das einem aufmerksamen Beobachter vielleicht auffallen würde, unter Pelz und Leder wohl aber leicht aus den Augen geriet. Als sie ihre Rüstung schließlich anprobierte, erfüllte sie ein gewisser Stolz. Vielleicht war es für sie wie ein Ritual, das sie von einer einfachen Bäuerin, einer Sklavin ohne Heimat und Familie zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau der Wildnis machte.

Eibenherz & Rabensang.

Verfasst: Donnerstag 6. Februar 2014, 18:11
von Nael Rabensang
Die klirrend kalten Nächte hielten den Norden noch immer mit eisigen Krallen gefangen, doch inzwischen hatte sich die Gegend, durch die unsere Läuferin dieser Tage zog, lag inzwischen unter einem Panzer aus Firn und Eis begraben. Jeder Schritt hinterließ unter leisem Knacken tiefe Stiefelabdrücke, die es schwer machten, die Spuren zu verwischen. Das wiederum zwang sie ein Weilchen in den Tiefen ihrer Höhle zu verschwinden und sich um etwas anderes zu kümmern: Um ihre Waffen. Vor einer Weile hatte sie ihren Bogen zur Verteidigung im Kampf eingesetzt und er war so stark beschädigt um mit einer kleinen Reparatur wieder gebrauchsfertig gemacht zu werden, also setzte sie sich an die grundlegende Konstruktion eines neuen.

Das Eibenherz
Gut gelagertes Bogenholz für einen durchgehenden Bogenkern hatte sie bereits seit einer ganzen Weile in ihrer Höhle. Eigentlich war es nicht für sie gedacht, aber sie würde einen neuen Bogen brauchen, bevor das neue Jahr in Blüten stand. Im Morgenrot war sie in die Berge gezogen und hatte dort im Windschatten einer kleinen Höhle ein Feuer entfacht, dass ihr nicht nur dazu diente, Wasser für Tee aufzukochen und etwas Wildbret aufzutauen und zu braten, sondern im Nachgang auch um Eis in einem Topf zu schmelzen und ordentlich Dampf zu erzeugen. In der kleinen Höhle wurde es im Laufe der Zeit ziemlich warm, vor allem, da die Läuferin wieder und wieder Holz und sogar Kohle verfeuerte, die sie mitgebracht hatte. Im Dampf bog sie das Holz mit der nötigen Sorgfalt und Ruhe - ein Prozess der mehrfach wiederholt werden musste und sie zwang mehrere Tage und Nächte in den Bergen zu verbringen. Schließlich hatte der Kern eine elegante, geschwungene Form.

Die Siyah
Schließlich setzte sie an die Enden der Wurfarme fest verleimt nach vorn zeigende Holzstücke oben und unten, die die Menekaner als "Siyahs" bezeichneten und die dem Bogenzug einen zusätzlichen Schwung verleihen würden. Auch wenn das wohl keinem, als einem Menekaner auffallen würde, war dieses Detail für sie eine Respektsbekundung vor der Schießkunst der Säbler, die mit ihren Reiterbögen fast genauso gut umgehen konnten, wie mit ihren gebogenen Klingen. Mit ihrem Hakenmesser bearbeitete sie sie noch, verjüngte die Enden und schliff sie so glatt, dass das Holz glänzte. Jeder Makel im Holz wäre ihr an dieser Stelle aufgefallen, aber es zeigte sich, dass sie beim Aussuchen des Bogenholzes ein gutes Auge hatte.

Schädelknochenleim
Nael setzte für den weiteren Prozess einen kleinen Topf auf um den nötigen Knochenleim zu kochen. Die Knochen eines Schwarzbären, den sie vor einiger Zeit erlegt hatte, fanden so ihre Verwendung, schließlich wurde nichts vergeudet und der Bär mit seiner Kraft war eine Inspiration für Zähigkeit und Stärke. Sie raute schließlich die Wurfarme des Bogenkerns mit Sand etwas auf, damit er den Leim gut halten würde und ließ ihn schließlich abermals ruhen um sich den Belägen zu widmen, die dem Bogen die herausragenden Eigenschaften eines Kompositbogens geben würde.

Dämonenhornbeläge
Für die Rückseiten der Wurfarme nahm sie das Horn der verdorbensten Kreaturen, die sie kannte, von einem Dämon. Immerhin war dies die Seite des Bogens, die sie immer mahnen würde, worauf die andere Seite zu richten war. Und gleichsam war es tragischerweise Dämonenhorn, das sich als äußerst stabil und widerstandsfähig erwies. Zugegebenermaßen stand hier der Nutzen vor dem Gefühl, aber Läufern stand ein gewisser Pragmatismus ja zu. Die Hornbeläge würden letztlich beim Auszug des Bogens einen Großteil der Kraft absorbieren, ihn stabiler machen und im Schwung den Bogen in seine ursprüngliche Form schnellen lassen. Kompositbögen mit Hornplatten hatte sie schon in ihrer Heimat kennengelernt und so sollte auch ihr Bogen diese Eigenschaft haben um altes Wissen zu ehren. Mit dem Knochenleim verband sie die glatt geschliffenen Hornplatten mit dem Bogenkern und ließ sie lange trocknen, bis sie ganz sicher war, dass beides untrennbar verbunden war.

Hirschsehnenbeläge
Aus den stärksten Sehnen eines Hirschs, denen die in der Ferse verlaufen und den Fuß am Einknicken hindern, würde sie die vorderseitigen Beläge für die Wurfarme schaffen. Sie kannte kein Tier, das das Haupt edler gekrönt trug und erhabener schritt als ein Vielendiger Hirsch, der König des Waldes, und so würden seine Sehnen dem Bogen nur zu gut stehen. Immerhin war das der erste Bogen, den sie ohne Hilfe schuf - ihr Meisterstück gewissermaßen, auch wenn sie sich wohl niemandem beweisen musste, abgesehen von ihr selbst und sie fand, dass ihr erster Bogen die Balance finden sollte, in der auch sie sich sah. Dem Grausamen, dem Todbringenden einer gefährlichen Schusswaffe sollte das erhabene des Waldvolks an die Seite gestellt werden, das jedem Tod seinen Sinn gab und nicht leichtfertig, sondern wohlüberlegt war. Sicher waren solche Überlegungen Details, die wohl niemand auf einen Blick erkennen würde, aber der Bogen war gewissermaßen das Spiegelbild ihres Wesens und ohne Frage das Kernstück ihres täglichen Überlebens. Die Sehnen wurden fest um den Bogen gelegt und ebenfalls verleimt und würden dem Bogen zusätzliche Stabilität verleihen.

In mehreren Wochen schuf sie so in der Abgeschiedenheit der Berge den Bogen der sie verkörperte, auch wenn er seine Geschichte wohl nie von allein erzählen konnte. Der Kern aus Eibenholz verkörperte den Aspekt der Treue, denn er war in einer traditionellen Form geschaffen, die auf Lameriast üblich gewesen war. Die Siyahs standen für den Aspekt der Demut, denn sie war Sklavin bei den Menekanern und gleichsam beeindruckt von deren Kampfkunst. Der Bärenknochenleim, der die Teile zusammenhielt verkörperte den Aspekt der Stärke und die Dämonenknochen für den der tödlichen Jagd. Die Hirschsehnen zuletzt standen für die Erhabenheit und das Edle seiner Trägerin - die letzte Eigenschaft, von der sie sich nach der Zeit der Dienerschaft selbst überzeugen musste.

Verfasst: Samstag 1. März 2014, 00:59
von Nael Rabensang
Fremde Zungen
Irgendwann zwischen den Jahren, als es nächtens so kalt war, dass Gras und Laub vor Frost leise knisterten und den Wald nicht still werden ließen, glomm irgendwo in der Dunkelheit einer Neumondnacht ein kleines Feuer auf einer Lichtung. Unter den Sternen saßen dort zwei zusammengesunkene, in Pelze gewickelte Gestalten und wisperten einander Geschichten zu, die von älteren Tagen erzählten. Märchen, Legenden - und Wahrheiten, die zu hören es einen Fremden bedurfte, um die eine Seele zu erleichtern ohne die andere zu beschweren. Nael saß dort, zusammen mit einem vom Waldvolk, einem stämmigen Kerl, der weniger Worte als jeder andere verwandte und doch das kälteste Herz zu Tränen rührte, wenn er seine Laute anstimmte. Eine leise Melodie, kaum mehr als Geklimper und Begleitung war noch in einiger Entfernung zu hören, doch die Worte, die Nael dazu sprach, drangen nicht so weit vor.
"Ich stamme aus Lameriast", wisperte das blonde Mädchen unter ihrer Fellkapuze und den Worten hing der Schwermut einer Totenklage an. Der stämmige Lautenschläger nickte langsam und rang sich ein Lächeln ab, aus dem nur schlecht verhohlen Mitleid zu lesen war, "der toten Insel." Für ein Weilchen schwieg sie und nur die Melodie und das leise Knistern des Waldes im Frost war zu hören.
"Ich weiß, du magst das Südvolk nicht, aber du kennst sie nicht; Du weißt nicht, wie sie wirklich sind - hinter ihren Masken und Schleiern." Ein prüfender Blick vom Kerl, eine der buschigen Brauen hob sich merklich: "Wie sind sie denn?"
Nael sank nachdenklich rückwärts an den Findling, der ihr Lehne und Windschutz war und neigte den Kopf in den Nacken, so dass sich ihr Blick im sternenklaren Himmel verlor. "Sie sind stolz und grob zu Fremden, das ist wahr - und doch bringen sie es nicht über's Herz ein Mädchen, dessen Eltern der Orksturm gefressen hat, sich selbst zu überlassen." Ihre Stimme verfiel in ein ruhiges erzählen, begleitet vom Spiel des Hörers. "Sie haben mich in ihrem Haus aufgenommen und willkommen geheißen, als ich nichts und keine Zukunft hatte. Natürlich betrachten sie das Fremde bestenfalls als Eigentum, wenn es nicht stört und ich konnte gut mit Tieren umgehen, das wussten sie. Sie gaben mir Kleider und Nahrung und verlangten nur, dass ich den Haushalt erledigte. Und all das ohne ein Wort, das ich kannte." Nael riss sich von den Sternen los und sah dem vertrauten Fremden in die Augen, ehe sie weitersprach: "Ich bin nicht dumm, ich habe Hände und Füße - und ein gutes Gehör, weißt du? Am Anfang ist es ein Nachahmen und deuten. Ein Gestikulieren und Verzweifeln, aber manches Wort gibt es in jeder Sprache. Aiwa, das ist Ja - ich glaube, das erste Wort, das ich verstanden habe - und sie verwenden es oft. Ich weiß, es geht schwer von der Zunge - aber du gewöhnst dich daran, wenn sich die Stimme am Ende eines Satzes zu einer Frage hebt, 'Aiwa' zu sagen. Dann lächeln sie, als wärst du ein dressiertes Haustier. Possierlich, ein bisschen unnütz vielleicht - aber folgsam." Ihr Zuhörer verspielte sich auf seiner Laute, als ein tiefes, wohlwollendes Lachen über seine Lippen kam, das Nael zu einem Grinsen ansteckte. "Dhabir, das ist das schwerere. Nicht allein, weil es seltsam klingt, sondern auch, weil es verlangt, dass du deinen Stolz schluckst. Dhabir ist Danke - und ich kann es heute noch nicht richtig sprechen. Dabbi. Verstehst du? Danke." Nael stocherte mit einem eisernen Bratenspieß in der Glut herum um sie etwas anzufachen und die Gesichter der beiden in flackerndes Orange zu tauchen. Der Blick blieb in den Flammen, als würde sie das Feuer an Menek'ur erinnern: "Alles Lauschen und Nachahmen reicht nicht, wenn es darum geht, alles richtig zu machen. Am Ende stehst du schweigend da, um nichts falsches zu sagen, dass dir Schläge einbringt, oder schlimmeres. Und dann plötzlich nehmen sie die Masken ab und sprechen in der gemeinen Zunge zu dir. Natürlich nur hinter verschlossenen Türen. Ich glaube, dass die Menekaner stolz auf alles Menekanische sind, dass die Gemeinsprache ihnen ein Greuel ist und der Akzent den sie dabei an den Tag legen, der Beweis dafür ist, dass sie sich nicht zu genau damit befassen wollen. Aber sie sprachen mit mir, erklärten mir, wie ich mich zu kleiden und zu benehmen hatte - und die Menekaner haben seltsame Sitten. Sie tragen im Haus keine Schuhe - es ist ein Affront sie anzubehalten - und sie bedecken ihr Haupt und manchmal ihr Gesicht in der Öffentlichkeit. Ich glaube, es ist ein Zeichen von Ehrbarkeit, vor allem für Frauen. 'Natifah' sagen sie, Wüstenblume - das ist poetisch, findest du nicht?" Der Hörer lächelte still und nickte ihr zu. "Vielleicht nahmen sie das schönste der Durrah und nannten es nach dem was ihr fehlte: Nach Blümchen. Diese Poesie findet man nicht in den ersten Tagen, sie kommt mit der Zeit. Ich glaube, ich habe das erst verstanden, als sie mich in die Obhut des Basars und der Herrin Pazia gaben. Sie sollte uns die Sprache und Schrift beibringen. Im Gegenzug haben wir Sklaven die Tiere versorgt, wann immer wir Zeit dafür hatten." Die Läuferin angelte mit dem Eisenspieß zwei in Lehm gehüllte Klumpen aus dem Feuer und ließ sie im Schnee abkühlen, ehe sie fortfuhr: "Herrin Pazia hat uns das meiste beigebracht, denke ich. Von da aus kannst du die Sprache allein lernen - so wie ein Handwerker, der sein Werkzeug zu gebrauchen gelernt hat." Nael klopfte die beiden Klumpen mit ihren Dicken Handschuhen auf dem Stein auf und brach sie entzwei um eine dem Hörer anzubieten, die andere aber für sich zu behalten. Dampfende, heiße Kartoffeln, in Lehm gegart wurden nun in stiller Eintracht verspeist. Ein karges Mahl, aber die Hasenfallen waren in dieser Nacht leer geblieben und so würden es auch die Bäuche der beiden bleiben.
Einige Zeit später, das Feuer war inzwischen fast herunter gebrannt und die Nachtwache der beiden neigte sich dem Ende, kamen sie erneut auf das Thema: "Du hast gesagt, ich würde die Menekaner nicht verstehen. Was ist nun anders an ihnen, als an uns?" Nael schwieg ein Weilchen, ehe sie antwortete: "Nichts. Sie sind Eluives Kinder. Sie lieben das Leben und sind stolz auf ihr Werk - was also unterscheidet sie von uns? Nur die Masken..." Die Läuferin klang überzeugt und lächelte ihn an. "Und Masken sind doch uns nichts Fremdes. Sie schützen uns, ob als Wort, das niemand außer den Freunden versteht, oder die Geste, die sich nicht erklärt oder das Gesicht, das in Menek'ur nur aus den Augen besteht. Du lernst dennoch, sie beim Lächeln zu ertappen, wenn sie sprech-"
Das Bersten von gefrorenem Holz ließ sie verstummen und fast zeitgleich herumfahren. Flinke Hände griffen nach Bögen im Schnee, nach den schwarz gefiederten Pfeilen und Stiefel scharrten rasch Schnee in die Glut um sie zu ertränken. In der Schwärze der Nacht lauerten zwei Augenpaare auf ein neuerliches Geräusch. Abermals ein Krachen, dann schwere, stampfende Schritte im Schnee. "Oger-", zischte der stämmige Kerl, dessen flinke Bewegungen kaum zu seiner Körperform passen wollten, als er die Feuerstelle im Rücken ließ und sich zwischen den Findlingen auf die Lauer legte. Nael ließ den Bogen locker an einer Schlaufe Baumeln und schwang sich in die Äste eines kahlen Baumes um dort die Waffe bereit zu machen und ebenfalls Ausschau zu halten. Wieder das schwere Stampfen, deutlich schneller nun und das tiefe, verzerrte Brüllen der Kreatur als sie auf das kleine Lager anstürmte. Das leise Singen von Sehnen und Gefieder beendete den Spuk schnell. Das blubbernde Gurgeln nach dem dumpfen Aufschlag war Beweis genug, dass beide ihr Ziel getroffen hatten.
Sie sprachen in dieser Nacht nicht mehr und Nael behielt für sich, dass sie fortgeschickt wurde, dass sie die Wildnis zu ihrer Heimat machte, weil ein Mann in Menek'ur über die Frauen herrschte. Sie liebte das Südvolk zu sehr um diesen Makel offenbar zu machen. Stattdessen tauschten sie wortkarg, was sie brauchten, Angelsehnen gegen Nadeln, Käse gegen Katzengold und zogen noch vor dem Anbruch des neuen Tages in verschiedene Richtungen. Nael zog es in den Westen, nach Rahal, wo es wenige ihres Schlages gab, der Hörer aber zog nach Osten und würde diese Geschichte als eine von vielen bewahren. Vielleicht erzählte er in einer anderen Nacht, an einem anderen Feuer einem anderen Läufer von dem Mädchen aus Lameriast, das in der Wüste sprechen lernte.

Verfasst: Samstag 1. März 2014, 01:01
von Nael Rabensang
Vertrauter Klang
"Fehlt nur noch eine Prise Salz." Unbewusst hatte Nael das menekanische Wort für Salz in den Satz geflochten, was ihr natürlicher vorkam. Immerhin gab es kein Volk das ein älteres Wort dafür besaß, für die Tränen der Eluive, mit denen die Menekaner seit jeher gesegnet waren. Sie kniete an einem kleinen Feuer, ihr zur Seite eine Läuferin aus dem Osten, mit der sie zusammen das erlegte Wild zubereitete und hielt die Linke erwartungsvoll auf. Als das erhoffte Salz ausblieb, sah sie zur Seite, in eine fragende Miene und wurde sich ihrer Worte bewusst. "Salz.", korrigierte sie sich langsam, "Die Menekaner haben ein anderes Wort dafür. Eigentlich seltsam, dass es nicht jeder kennt." Sie griff selbst nach dem Beutelchen, indem sie das Salz vor der Feuchtigkeit bewahrte und streute ein wenig davon in den Sud in dem das Fleisch langsam garte. Sie lächelte in den Spiegel der dunkelbraunen Brühe, in der geschnittenes Wurzelgemüse und Pilze schwammen und hob an zu erzählen:
"Ich hab auch so ungefähr geguckt, wie du jetzt, als ich gelernt hab, zu kochen. Ist schon zwei, drei Jahre her, vielleicht länger. Und mit 'kochen' meine ich kochen, wie es die Menekaner tun. Skorpion, Schlange und Dattelmus, weißt du?" Mit einem geschnitzten Kochlöffel rührte sie in der Suppe, während ihre Begleiterin Fleischwürfel hineingab, ohne etwas dazu zu sagen. "Ich kannte ja nur die Worte, die wir in Lameriast verwendet haben - und mit Salz haben wir nur selten gekocht, weil es recht teuer war, also hab ich versucht, mich mit diesen Worten verständlich zu machen, als ich für die Hausherren gekocht hab. Die Frau, der ich gehörte, hat mir immerhin ein paar Dinge erklärt, auch wenn sie ungefähr so gut gekocht hat, wie ein totes Wiesel im Hufprofil eines Rappen. Nichts für Ungut, aber das, was die dort als Gulasch gegessen haben, als ich ankam, würde ich nicht einmal in den Mund nehmen, wenn ich sonst hungern müsste.", sie grinste breit in die Suppe. "Völlig zerkochtes Fleisch, kaum Gemüse und an Gewürzen gab es außer Pfeffer und Salz dort auch nicht wirklich etwas. Ist eigentlich auch nicht verwunderlich, dort gibt es ja kein fruchtbares Ackerland." Sie kostete eine Löffelspitze und schmatzte zufrieden, ehe sie noch etwas Salz dazu gab. "Und dann haben sie verlangt, dass ich koche. Haben auf das Gewürzregal gezeigt und immer wieder das Wort 'Kochen' gesagt. Lesen konnte ich ja nicht und selbst dann wären ja alle Rezeptbücher auf Menekanisch gewesen. Also hab ich halt gekocht, was ich konnte - Brot, Eintopf, solche Sachen. Hat ihnen nicht geschmeckt, glaube ich. Sie waren andere Sachen gewohnt. Und was für Sachen: Eines Tages hat eine der Töchter des Hauses verlangt, dass ich ihr eine Schlange brate. Die zweite Sklavin des Hauses kam von Cabeza - und die hat genauso angewidert geguckt, wie ich, als es um die Schlange ging. Aber wir haben es hinbekommen. Knusprig, durchgebraten, mit Salz und Pfeffer - das war garnicht übel, ehrlich gesagt. Manchmal brachten sie auch Skorpion, das wird fast so zubereitet wie Hummer, und auch fast genauso gegessen. Du wirfst sie in kochendes Wasser und wartest. Ungefähr so einfallsreich, wie gekochte Kartoffeln, aber die Soße, die es dazu gab." Sie war so sehr mit der Erzählung beschäftigt, dass sie garnicht merkte, wie gierig der Blick ihrer Begleiterin auf das Essen gerichtet war, in dem sie seelenruhig rührte. Die Frau hatte vielleicht seit Tagen nichts gegessen und bekam nun etwas von menekanischer Kochkunst erzählt. Grausame Läuferin. Die sah erst nach links, als ihre Begleiterin mit knurrendem Magen nach dem Löffel griff und etwas schneller rührte, ehe sie ein wenig kostete - und sich natürlich fluchend die Zunge verbrühte. Die Läuferin lachte leise. "Aiwa, Gier bestraft die Göttin mit Feuer! Warte halt ab, bis es gar ist. Oder nasch solange ein bisschen davon..." Sie hielt der Begleiterin ein Stück Süßholz unter die Nase, genau das Richtige für zwischendurch. "Dein Salzbeutel ist übrigens fast leer, aber ich gebe dir einen Rat für den Tag, an dem du bei den Menekanern mehr davon besorgst: Verlang nicht nach Salz, frag lieber nach den 'Tränen der Eluive' - das ist die wörtliche Übersetzung und ein viel Respektvolleres Wort dafür. Vielleicht verkaufen sie es dir dann für weniger Gold? Aber jetzt essen wir erstmal und du erzählst von den Neuigkeiten aus dem Osten. Die Fürsten geben ein Fest hast du gesagt?"
Und während sie am Feuer saßen und ihr Abendmahl genossen, erzählte ihre bis dato schweigsame Begleiterin von einem rauschenden Fest in Adoran, von im Wind flatternden Wimpeln und Bannern und Nael sehnte sich nach den farbenfrohen Tagen in der Hitze Menek'urs zurück. Sie würde es sich kaum eingestehen, aber ihr fehlte das beständige Schnattern der Sandleute, während sie in der offenen Küche am Herd stand und sie nebenan im Kreis auf ihren Kissen saßen. Einer bunter gekleidet als der andere, sich in der Lautstärke beständig übertreffend und auch wenn sie dabei für die Ohren der Nordleute immer klangen, als würden sie fluchen, genügte schon ein kleines Bisschen Kenntnis von der menekanischen Sprache um zu verstehen, dass in diesem Kreis ein Friede herrschte, eine Familienbande, die stärker war als man es aus dem Norden kannte.