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Joshuas Geschichtsband

Verfasst: Donnerstag 19. Dezember 2013, 09:01
von Gast
Oder auch 'Die Enzyklopädia Yehraanicon' ..

Ein dicker Wälzer, gebunden aus abgegriffenem Leder, doch die Seiten des von gut erhaltener Qualität und gefüllt mit einer kleinen, aber pedantisch ordentlichen Schrift. Immer mal wieder dazwischen kleinere oder größere Zeichnungen, die allesamt aussehen, als hätte der Zeichner sich einige Zeit genommen für Details und Schattierungen, um einem Bild zu entsprechen, das vor seinem inneren Auge klar zu erkennen war. Oder seine Gedanken zu sortieren für die nachfolgenden Zeilen.

Zuweilen mag man den blonden Mann mit genau diesem Buchband erblicken, gemütlich vor dem Kamin im Hort des Wissens nahe Grenzwarth, wie er weitere Zeilen darin verewigt.

(Gedacht für Geschichten und Erzählungen, wann immer mich die Muse packt.)

Winters kalter Hauch . Kapitel

Verfasst: Donnerstag 19. Dezember 2013, 09:02
von Gast
WINTERS KALTER HAUCH

1. KAPITEL

'ANGETRETEN!' donnerte die Stimme des Leutnants über den von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Exerzierplatz. Zackig, aber frierend versammelten sich die Soldaten in Reih und Glied, strahlendes Abbild der Allmacht des Herren.
'ACHTUNG!' folgte kurz darauf der Ruf, und stramm standen sie dort, während der Kommandant an ihnen vorüber wanderte, mit zornigem Blick. Dann erhob dieser das erste Mal selbst die Stimme.

'Armselig. Schwach. Erfüllt von Zaudern und Furcht vor der eigenen Stärke! Diese Schwäche, wir werden sie Euch austreiben in den kommenden Tagen. Ihr werdet marschieren. Marschieren! Und ich will keine Klagen hören. Umarmt die Kälte, denn sie stört sich nicht an eurer Schwäche. Sie wird erkennen, wer von Euch zum Soldaten geschaffen wurde. Und wer als Futter für die Raben endet.'
Eine Weile dauerte die Standpredigt noch an, bevor der nächste Befehl erklang. 'RECHTS - UM!' und voller Dankbarkeit wendete sich der Trupp herum, in freudiger Erwartung, durch ein wenig Bewegung wohlmöglich die Kälte vertreiben zu können. - Wie sie sich irren sollten ..

Zwei Tage später waren die Vorräte erschöpft und die Soldaten noch mehr. Das letzte Stück des Weges mussten zwei der Pferde geschlachtet werden und der Versorgungsunteroffizier wurde für sein Versäumnis und die schlechte Vorbereitung ausgepeitscht. Es dauerte nicht lange und auch die Feldscher bekamen zu tun. Leichte Erfrierungen, die sich mit nicht ganz so leichten Erkältungen abwechselten, bishin zu blutenden Fleischwunden, hervorgerufen durch die wilde Tiere, die immer mal wieder aus dem Halbdunkel gesprungen kamen in der Hoffnung auf etwas Nahrung.

Unmut machte sich unter den Soldaten breit. 'Wir werden hier draußen erfrieren!' sagte der eine. 'Oder gefressen werden!' stimmte der andere zu. Und sie waren sich allesamt nicht sicher, was nun das erstrebenswertere Schicksal wäre. Die Nacht über schlugen sie ihr Lager auf, Zelt an Zelt, mit zwei Wachposten, welche sich abwechselnd schlafen legen sollten. Und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis beide tief und fest schliefen, von Kälte und von Erschöpfung gezeichnet. Niemand wachte außer dem Mond. Und es sollte zumindest an diesem Abend kein schlimmes Ende nehmen.

Zwei weitere Tage später erreichten die Soldaten ausgezehrt ihr Ziel: Eine alte Angurenfestung, weit in den Bergen. Ein einsamer Pfad führte dicht am Berghang zu den steinernen Mauern empor, die sich mächtig vor ihnen an den Fels schmiegte und dort Wind und Wetter trotzte. Das erleicherte Aufatmen der Soldaten währte nur kurz, als sie erkannten, dass ein gutes Stück dieses Pfades verschüttet und von Geröll versperrt war. Es dauerte einige Stunden, bis mit Hilfe von diversen Seilen und unter ungeduldigen Anweisungen der sich wenig nützlich machenden Offiziere die verfrorenen Soldaten über dieses Geröll geklettert waren. Die Pferde wurden zurückgelassen und Jäger ausgesandt, um etwas Essbares zu besorgen.

*Eine Zeichnung geht an dieser Stelle über die halbe Seite, Kohlestift, mit viel Liebe zum Detail. Eine Gruppe von vielleicht zwanzig oder dreißig Gerüsteten und einigen wenigen Pferden, auf einem schmalen Pfad, gerade breit genug, als dass zwei oder drei von den Männern und Frauen nebeneinander Platz finden konnten. Einer der in der ersten Reihe stehenden Soldaten hat den Arm gehoben, deutet entlang des Weges. Und dort, umgeben von Schnee und Eis, ein Bollwerk geschaffen für die Ewigkeit. Eine alte Angurenfestung, tief in den Bergen versteckt und lange Vergessen. Anscheinend wurde sich viel Zeit genommen, um die Zeichnung fertigzustellen, scheint es doch fast, als kröche ein klammes, fröstelndes Gefühl den Rücken empor, wenn man sie zu lange betrachtet.*

Als schließlich die Dunkelheit hereinbrach kauerten die Soldaten neuerlich um das Feuer in dem verlassenen Hof der Festung, in der Hoffnung, alsbald einen Weg in das Innere der Festung freiräumen zu können. Die Zeit hatte mit Schnee und Eis diese Eingänge derart festgefroren, dass es schier keinen Weg zu geben schien, die eisernen Tore zu öffnen, die ihnen den Zugang verwehrten. Als bereits die Ersten schliefen erklangen mit einem Mal aus weiter Ferne grausige Geräusche. Nur einen kurzen Moment dauerte es und viele der Soldaten standen gemeinsam, wenn auch etwas verschlafen, im Innenhof und versuchten diesen auf den Grund zu gehen.

Panischer wurden die Geräusche. 'Es sind unsere Pferde' meinte mit einem Mal der Zeugwart und voller Grauen richteten sie die Blicke in die Dunkelheit. Es erschien fast wie dieser eine erste Schritt, der von einem der mutigeren Soldaten gemacht wurde, in Folge dessen ein gewaltiges Donnern erklang, als wäre der Berg selbst in Bewegung geraten. Die Erde bebte unter den Füßen der Soldaten, gestandenen Männern, die der Kälte trotzten und doch war in diesem Moment keiner unter ihnen, dem nicht das Entsetzen auf die Züge geschrieben stand. Danach .. Stille.

In dieser Nacht schlief keiner der Wachtposten. Doppelt aufgestellt, Schwerter und Bögen in den klammen Händen, der Blick wachsam in die Dunkelheit gerichtet. Ihnen allen hallten noch das panische Wiehern in den Ohren, wie auch die endgültige Stille, die sich im Anschluss ausgebreitet hatte. Leise und verstohlen murmelte einer der Soldaten zu seinen Kameraden. 'Waren es doch bloß die hohen Rösser unserer noch höheren Anführer. Wir wären ohnehin gelaufen. Schaden kann es Ihnen nicht, auch einmal ihre Füße wund zu laufen, wenn sie uns schon hier ins Nirgendwo schicken, ohne uns zu sagen, was wir hier überhaupt sollen.' Und auch wenn allgemeines Nicken eine gewisse Zustimmung signalisierte, so konnte sich kaum einer von Ihnen auch nur zu einem Lächeln durchringen.

Es war auch diese Nacht, in der einer der jüngeren Soldaten einen leisen Schrei von sich gab, der Blick von seinem Wachtposten aus scheinbar in das Nichts der sie umgebenden Dunkelheit gerichtet. 'Etwas war dort!' sagte er am nächsten Morgen, als einer seiner Kameraden sich mit unsicherem Lachen über ihn lustig machte. 'Etwas, groß wie ein Pferd, doch ich konnte es in der Dunkelheit nicht erkennen. Es schien eins zu sein mit der Nacht, mit dem Schnee, mit all dem Übel, dass hier begraben liegt!' Ein schriller Ton mischte sich in die immer lauter werdende Stimme und lähmende Stille breitete sich neuerlich aus unter den Soldaten aus, bis einer von ihnen sich ein Herz fasste und mit grollender Stimme erwiderte: 'Wenn Pferdegeister das einzige sind, was uns hier begegnet, dann haben wir wohl nichts zu befürchten, Männer.' - Wie er sich irren sollte ..

(Fortsetzung folgt.)