Leidenschaft, Hingabe, Bestimmung- Wahnsinn?
Verfasst: Freitag 29. November 2013, 14:41
„Ein Leben kann abenteuerlich sein, ein Leben kann spannend und abwechslungsreich sein, ein Leben kann immer neue Wendungen und Überraschungen mit sich bringen. Es kann allerdings auch ruhig sein, gemächlich verlaufen, frei von Turbulenzen sein und einem ein friedvolles Dasein bescheren. Und dann gibt es da noch jene, deren Leben all das irgendwie zusammengewürfelt ist, sie es aber nicht einmal merken.“
Verinheim war ein kleines Dorf, auf dem Festland keine großartige Bemerkung wert, vielleicht genug um einen kleinen dunklen Punkt auf einer Landkarte zu rechtfertigen, nicht mehr und nicht weniger. Einige Häuser gefertigt aus Holz und Stein, eine kleine Taverne, ein Kontor mit den nötigsten Handwerksvertretern, das war das kleine, idyllische Verinheim, wo nicht viel geschah; weder Götterkrieg noch ländliche Streitereien, Intrigen oder dergleichen, die Bewohner des Dörfchens blieben davon verschont und das höchste der Gefühle war vielleicht einmal der Streit darum, wieso die eigenen Hühner mal wieder auf das Gut des Nachbarn gekommen sind. Manch einer hätte Verinheim langweilig genannt, die Dorfbewohner nannten es „einfach“ und sie mochten es. Doch zwei-, dreimal im Jahr änderte sich dieser Umstand für einen ganzen Tag. Zu dieser Zeit fand sich, sehr zur Freude der ansässigen Burschen und Mädchen, nämlich eine fahrende Truppe von Schaustellern ein; Akrobaten, Musiker, mächtige Zauberer mit ihren Tricks und allerlei sonderliche Gestalten. Verinheim lag auf dem Weg zur nächsten Hafenstadt und so machte die Truppe ein jedesmal Halt in dem kleinen Dorf um gegen Speis und Trank, sowie einem Dach über dem Kopf, die Anwohner einen Abend lang ein wenig von ihrem Alltag zu befreien.
Auch heute war die Truppe wieder in ihren bunten Wägen eingetroffen welche gefüllt waren mit den seltsamstem Kleidungsstücken, Gerüchen und anderen Besonderheiten. Die Kinder scharrten sich schon früh um die hölzernen Wägen um einen Blick hinein zu erhaschen und nach den teils vertrauten, teils unbekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Kräftige Gesellen errichteten wie im Fluge eine improvisierte Bühne, zusammengebaut aus einigen Brettern und so verharrten die Dorfbewohner bis zum Abend; wo das Spektakel dann auch beginnen sollte.
Feuerschlucker erhellten die Nacht mit ihren gespienen Flammen, der Magier erschuf Spiegelbilder von Menschen, wo gar kein Spiegel war und der Führer der Bande höchstpersönlich leitete den Hauptteil der Vorstellung, in dem er mit seinen bloßen Muskeln mehrere Frauen auf Stühlen sitzend in die Höhe hob und auf seinen Händen balancierte. Die Stimmung war ausgelassen und heiter als der vorletzte Akt folgen sollte.
Man kannte die Gestalt die nun auf die Bühne trat. Sie war ein fester Bestandteil der Schausteller, sie war schon immer dabei gewesen, selbst die Älteren bestätigten dies mit einem Nicken. Zwei filigrane Füße setzten sich auf dem Holz der Bühne ab, die nackten Füße tasteten beinahe über die raue Oberfläche und ignorierten die paar Splitter, die sich in das weiche Fleisch drücken wollten. Die Füße endeten in zwei langen und schlanken Beinen, gingen über in einen grazilen und agilen Oberkörper welcher komplett in ein farbenfrohes Kostüm gestülpt war. In allen möglichen Variationen schimmerte es mal rot, grün, gelb oder blau, Glocken hingen an den Ärmeln des Kostüms, welches sich eng an den Körper anschmiegten.
Doch das Narrenkostüm war nie lange das Zentrum der Aufmerksamkeit wenn sie auf die Bühne kam. Nein, es war ihr Gesicht. Es waren immer jene Blicke, diese Mischung aus Unsicherheit, Faszination und auch Abscheu, fast als wisse das Gesicht nicht, was es nun genau auszudrücken habe. Das Gesicht war schneeweiß, die Schminke lag perfekt auf ihrer haut auf, ließ sie surreal und bizarr erscheinen, doch war nur jene weiße Farbe ein Teil der Schminke.
Der Rest ihres Gesichtes war auf eine andere Art und Weise verziert; um das rechte Auge herum lag ein rotes Karo, das Sehorgan als Zentrum einfassend, während ein Teil ihrer linken Gesichtshälfte von einem breiten, schwarzen Strich verziert war, der von der Stirne, entlang an ihrem linken Auge bis hinab zum Kinn verlief und dabei nur die Lippen unversehrt ließ. Doch handelte es sich hierbei nicht um frische Farbe. Viele erkannten es im ersten Moment nicht, gaben sich der Illusion hin, dass diese Verzierungen nicht mehr waren als die Schminke die ihr Gesicht so erbleichen ließ; doch hätte diese Vermutung nicht ferner liegen können. Die Bewohner wussten darum, sie kannten sie, kannten die Tätowierungen welche ihr ins Gesicht gestochen waren, wussten um die Ewigkeit, welche diese in sich hatten. Und so war die „Närrin“ eine morbide Faszination, die Frage, wieso jemand solcherlei Schmerzen auf sich nehmen würde um sich so zu verändern.
[img]http://img834.imageshack.us/img834/7185/w57h.jpg[/img]
Doch die Blicke wichen auch sehr bald wieder von ihrem Antlitz, denn sie gab ihnen selten Zeit sie zu begaffen, sie anzustarren. Innerhalb kürzester Zeit begann sie ihr Spiel, ihre Leidenschaft und ihre Bestimmung. Ein sachtes Vorbeugen, die Narrenkappe stets fest auf den Schopf, die Arme nach vorne und die Handflächen auf den Boden gestützt; ein Handstand, gefolgt von einem Rad, mehreren Salti … all dies begleitet von einer Eleganz und Leichtigkeit, welche nicht nur Übung war, nein, für die junge Frau war es ein Teil ihrer selbst; das, was sie ihr ganzes Leben ausgemacht hatte. Und am Ende jubelten sie, sie pfiffen freudig auf, und ihre grüngelben Augen sahen zum Publikum, und sie lächelte.
Stunden später war das Spektakel vorbei und es wurde gefeiert. Selten war die Taverne so sehr gefüllt wie an diesen Abenden. Schausteller und Dorfbewohner tranken und lachten zusammen und auch die junge Frau saß unter ihnen, die Narrenkappe nun nicht mehr auf dem Kopf, so dass das kurze Haar nun ersichtlich wurde, die Schminke vom Gesicht gewaschen, doch die Verzierungen blieben. Sie sprach nie viel, sie war still und leise und antwortete meistens nur dann, wenn sie direkt angesprochen wurde; doch sie genoss die Menschen, ihre Anwesenheit.
Zu späterer Stunde dann, als nur noch die Schausteller über waren, war „er“ es, der einmal in die Hände klopfte um die Aufmerksamkeit der Truppe für sich zu gewinnen und sofort lagen alle Augen auf ihm.
„Eine gute Arbeit alle zusammen, wirklich. Heute habt ihr euch noch einmal selbst übertroffen. Umso mehr schmerzt mich der Gedanke dass es wohl das letzte mal gewesen ist. Morgen brechen wir gen Valoris auf und dort werden sich die Wege vieler von uns trennen. Die letzten zwei Jahre waren schwer; die Leute haben immer weniger was sie uns überlassen können, der Winter naht und einige fürchten dass wir es nicht über die Runden schaffen; eine Sorge die ich leider teile. Ich weiß dass uns diese Entscheidung nicht leicht fiel, nicht nach all diesen Jahren die wir zusammen waren; doch gibt es keine Alternative. Genießt den Abend, ruht euch aus … morgen heißt es Aufbruch“
Stille hatte sich im Raum breit gemacht. Es war als hätte an jenem Abend jeder für den Moment vergessen wie die Zukunft aussehen würde und so getan als ob nie etwas anderes entschieden worden wäre. Ambitionen, Sorgen und knurrende Mägen hatten am Ende dazu geführt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Truppe erklärt hatte, sich auf eigene Faust durchzuschlagen, und damit den Untergang des Ganzen besiegelt. Keiner sprach mehr groß, alle gingen sie schlafen … nur die junge Frau blieb auf ihrem Platz sitzen und starrte ins Leere.
Das Narrenkostüm lag immer noch fest an ihrer Haut an und sie wusste nicht, ob sie es überhaupt ablegen wollte, denn schließlich war es ein Teil von ihr, ein Teil ihrer Bestimmung, ein Teil ihrer Selbst. Ihr halbes Leben war sie mit diesen Menschen gereist, hatte an ihrer Seite gelebt, mit ihnen gelacht, geweint und wilde Abenteuer erlebt – sie war vollkommen gewesen und nun würde sie es nicht mehr sein.
Für den Moment bemerkte sie nicht einmal wie er sich neben sie setzte und sie musterte. „Kala … wir werden etwas für dich finden, das verspreche ich. Wenn wir in Valoris sind nehmen wir ein Schiff zur Insel Gerimor, dort werden wir einen Weg finden, in Ordnung?“ seine raue Stimme war Balsam für ihre Seele, doch sie konnte nur den Kopf schütteln.
„Da wird nichts sein. Der Winter ist kalt, die Nacht ist kälter. Wir wandern auf eisigen Pfaden.“ ihre Stimme war sanft, zart und zerbrechlich , so wie ihr Gesicht in diesem Moment wirkte. „Ich bin nicht mehr ich ohne sie. Ich brauche meine zweite Haut.“
Er seufzte. Kala war nie einfach gewesen, schon seit Anbeginn als sie das Mädchen gefunden und aufgenommen hatten war sie „anders“ gewesen. Sie war nicht dumm, sie hatte einen scharfen Verstand und noch viel mehr Talent; doch sie sah die Welt aus anderen Augen als er es tat. Sie hatten ihr eine neue Heimat geschenkt, niemals Fragen gestellt und Kala als ein Teil ihrer kleinen Familie aufgenommen; und als sie das Narrenkostüm für sich entdeckt hatte war sie aufgeblüht.
Bestimmung, so hatte sie es damals genannt, Leidenschaft und Hingabe, so hatte er es bezeichnet und als sie sich die Nadeln hatte ins Gesicht stechen lassen wollten sie viele aufhalten, sie davon abhalten, doch er hatte gesehen was es für Kala im Endeffekt bedeutete. Nun war jene Welt zerbrochen und schon seit der Beschluss gefasst worden war, hatte sich die junge Frau immer tiefer in sich selbst zurückgezogen, in eine Welt, aus der sie meistens dann hervortrat wenn sie in ihrem Kostüm steckte. Dazwischen hatte sie oft klare Momente in denen sie ganz normal sprach und dann wiederum … dann waren da solche wenn sie in Rätseln und Bildern sprach, so wie jetzt.
„Wir finden einen Weg Kala, ich schwöre es dir.“ sagte er und richtete sich auf.
„Warte ...“ sie hob den Blick und sah ihm direkt ins Gesicht, die grüngelben Augen durchstachen die Tätowierungen für einen Moment als sie mehr flüsternd fragte „Darf ich sie behalten? Darf ich meine zweite Haut … an mir lassen?“
Er seufzte tief, doch nickte dann. „Ja, sicher Kala. Du darfst.“
Und für den Moment lächelte sie wieder. Es war ein Anfang.
Verinheim war ein kleines Dorf, auf dem Festland keine großartige Bemerkung wert, vielleicht genug um einen kleinen dunklen Punkt auf einer Landkarte zu rechtfertigen, nicht mehr und nicht weniger. Einige Häuser gefertigt aus Holz und Stein, eine kleine Taverne, ein Kontor mit den nötigsten Handwerksvertretern, das war das kleine, idyllische Verinheim, wo nicht viel geschah; weder Götterkrieg noch ländliche Streitereien, Intrigen oder dergleichen, die Bewohner des Dörfchens blieben davon verschont und das höchste der Gefühle war vielleicht einmal der Streit darum, wieso die eigenen Hühner mal wieder auf das Gut des Nachbarn gekommen sind. Manch einer hätte Verinheim langweilig genannt, die Dorfbewohner nannten es „einfach“ und sie mochten es. Doch zwei-, dreimal im Jahr änderte sich dieser Umstand für einen ganzen Tag. Zu dieser Zeit fand sich, sehr zur Freude der ansässigen Burschen und Mädchen, nämlich eine fahrende Truppe von Schaustellern ein; Akrobaten, Musiker, mächtige Zauberer mit ihren Tricks und allerlei sonderliche Gestalten. Verinheim lag auf dem Weg zur nächsten Hafenstadt und so machte die Truppe ein jedesmal Halt in dem kleinen Dorf um gegen Speis und Trank, sowie einem Dach über dem Kopf, die Anwohner einen Abend lang ein wenig von ihrem Alltag zu befreien.
Auch heute war die Truppe wieder in ihren bunten Wägen eingetroffen welche gefüllt waren mit den seltsamstem Kleidungsstücken, Gerüchen und anderen Besonderheiten. Die Kinder scharrten sich schon früh um die hölzernen Wägen um einen Blick hinein zu erhaschen und nach den teils vertrauten, teils unbekannten Gesichtern Ausschau zu halten. Kräftige Gesellen errichteten wie im Fluge eine improvisierte Bühne, zusammengebaut aus einigen Brettern und so verharrten die Dorfbewohner bis zum Abend; wo das Spektakel dann auch beginnen sollte.
Feuerschlucker erhellten die Nacht mit ihren gespienen Flammen, der Magier erschuf Spiegelbilder von Menschen, wo gar kein Spiegel war und der Führer der Bande höchstpersönlich leitete den Hauptteil der Vorstellung, in dem er mit seinen bloßen Muskeln mehrere Frauen auf Stühlen sitzend in die Höhe hob und auf seinen Händen balancierte. Die Stimmung war ausgelassen und heiter als der vorletzte Akt folgen sollte.
Man kannte die Gestalt die nun auf die Bühne trat. Sie war ein fester Bestandteil der Schausteller, sie war schon immer dabei gewesen, selbst die Älteren bestätigten dies mit einem Nicken. Zwei filigrane Füße setzten sich auf dem Holz der Bühne ab, die nackten Füße tasteten beinahe über die raue Oberfläche und ignorierten die paar Splitter, die sich in das weiche Fleisch drücken wollten. Die Füße endeten in zwei langen und schlanken Beinen, gingen über in einen grazilen und agilen Oberkörper welcher komplett in ein farbenfrohes Kostüm gestülpt war. In allen möglichen Variationen schimmerte es mal rot, grün, gelb oder blau, Glocken hingen an den Ärmeln des Kostüms, welches sich eng an den Körper anschmiegten.
Doch das Narrenkostüm war nie lange das Zentrum der Aufmerksamkeit wenn sie auf die Bühne kam. Nein, es war ihr Gesicht. Es waren immer jene Blicke, diese Mischung aus Unsicherheit, Faszination und auch Abscheu, fast als wisse das Gesicht nicht, was es nun genau auszudrücken habe. Das Gesicht war schneeweiß, die Schminke lag perfekt auf ihrer haut auf, ließ sie surreal und bizarr erscheinen, doch war nur jene weiße Farbe ein Teil der Schminke.
Der Rest ihres Gesichtes war auf eine andere Art und Weise verziert; um das rechte Auge herum lag ein rotes Karo, das Sehorgan als Zentrum einfassend, während ein Teil ihrer linken Gesichtshälfte von einem breiten, schwarzen Strich verziert war, der von der Stirne, entlang an ihrem linken Auge bis hinab zum Kinn verlief und dabei nur die Lippen unversehrt ließ. Doch handelte es sich hierbei nicht um frische Farbe. Viele erkannten es im ersten Moment nicht, gaben sich der Illusion hin, dass diese Verzierungen nicht mehr waren als die Schminke die ihr Gesicht so erbleichen ließ; doch hätte diese Vermutung nicht ferner liegen können. Die Bewohner wussten darum, sie kannten sie, kannten die Tätowierungen welche ihr ins Gesicht gestochen waren, wussten um die Ewigkeit, welche diese in sich hatten. Und so war die „Närrin“ eine morbide Faszination, die Frage, wieso jemand solcherlei Schmerzen auf sich nehmen würde um sich so zu verändern.
[img]http://img834.imageshack.us/img834/7185/w57h.jpg[/img]
Doch die Blicke wichen auch sehr bald wieder von ihrem Antlitz, denn sie gab ihnen selten Zeit sie zu begaffen, sie anzustarren. Innerhalb kürzester Zeit begann sie ihr Spiel, ihre Leidenschaft und ihre Bestimmung. Ein sachtes Vorbeugen, die Narrenkappe stets fest auf den Schopf, die Arme nach vorne und die Handflächen auf den Boden gestützt; ein Handstand, gefolgt von einem Rad, mehreren Salti … all dies begleitet von einer Eleganz und Leichtigkeit, welche nicht nur Übung war, nein, für die junge Frau war es ein Teil ihrer selbst; das, was sie ihr ganzes Leben ausgemacht hatte. Und am Ende jubelten sie, sie pfiffen freudig auf, und ihre grüngelben Augen sahen zum Publikum, und sie lächelte.
Stunden später war das Spektakel vorbei und es wurde gefeiert. Selten war die Taverne so sehr gefüllt wie an diesen Abenden. Schausteller und Dorfbewohner tranken und lachten zusammen und auch die junge Frau saß unter ihnen, die Narrenkappe nun nicht mehr auf dem Kopf, so dass das kurze Haar nun ersichtlich wurde, die Schminke vom Gesicht gewaschen, doch die Verzierungen blieben. Sie sprach nie viel, sie war still und leise und antwortete meistens nur dann, wenn sie direkt angesprochen wurde; doch sie genoss die Menschen, ihre Anwesenheit.
Zu späterer Stunde dann, als nur noch die Schausteller über waren, war „er“ es, der einmal in die Hände klopfte um die Aufmerksamkeit der Truppe für sich zu gewinnen und sofort lagen alle Augen auf ihm.
„Eine gute Arbeit alle zusammen, wirklich. Heute habt ihr euch noch einmal selbst übertroffen. Umso mehr schmerzt mich der Gedanke dass es wohl das letzte mal gewesen ist. Morgen brechen wir gen Valoris auf und dort werden sich die Wege vieler von uns trennen. Die letzten zwei Jahre waren schwer; die Leute haben immer weniger was sie uns überlassen können, der Winter naht und einige fürchten dass wir es nicht über die Runden schaffen; eine Sorge die ich leider teile. Ich weiß dass uns diese Entscheidung nicht leicht fiel, nicht nach all diesen Jahren die wir zusammen waren; doch gibt es keine Alternative. Genießt den Abend, ruht euch aus … morgen heißt es Aufbruch“
Stille hatte sich im Raum breit gemacht. Es war als hätte an jenem Abend jeder für den Moment vergessen wie die Zukunft aussehen würde und so getan als ob nie etwas anderes entschieden worden wäre. Ambitionen, Sorgen und knurrende Mägen hatten am Ende dazu geführt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Truppe erklärt hatte, sich auf eigene Faust durchzuschlagen, und damit den Untergang des Ganzen besiegelt. Keiner sprach mehr groß, alle gingen sie schlafen … nur die junge Frau blieb auf ihrem Platz sitzen und starrte ins Leere.
Das Narrenkostüm lag immer noch fest an ihrer Haut an und sie wusste nicht, ob sie es überhaupt ablegen wollte, denn schließlich war es ein Teil von ihr, ein Teil ihrer Bestimmung, ein Teil ihrer Selbst. Ihr halbes Leben war sie mit diesen Menschen gereist, hatte an ihrer Seite gelebt, mit ihnen gelacht, geweint und wilde Abenteuer erlebt – sie war vollkommen gewesen und nun würde sie es nicht mehr sein.
Für den Moment bemerkte sie nicht einmal wie er sich neben sie setzte und sie musterte. „Kala … wir werden etwas für dich finden, das verspreche ich. Wenn wir in Valoris sind nehmen wir ein Schiff zur Insel Gerimor, dort werden wir einen Weg finden, in Ordnung?“ seine raue Stimme war Balsam für ihre Seele, doch sie konnte nur den Kopf schütteln.
„Da wird nichts sein. Der Winter ist kalt, die Nacht ist kälter. Wir wandern auf eisigen Pfaden.“ ihre Stimme war sanft, zart und zerbrechlich , so wie ihr Gesicht in diesem Moment wirkte. „Ich bin nicht mehr ich ohne sie. Ich brauche meine zweite Haut.“
Er seufzte. Kala war nie einfach gewesen, schon seit Anbeginn als sie das Mädchen gefunden und aufgenommen hatten war sie „anders“ gewesen. Sie war nicht dumm, sie hatte einen scharfen Verstand und noch viel mehr Talent; doch sie sah die Welt aus anderen Augen als er es tat. Sie hatten ihr eine neue Heimat geschenkt, niemals Fragen gestellt und Kala als ein Teil ihrer kleinen Familie aufgenommen; und als sie das Narrenkostüm für sich entdeckt hatte war sie aufgeblüht.
Bestimmung, so hatte sie es damals genannt, Leidenschaft und Hingabe, so hatte er es bezeichnet und als sie sich die Nadeln hatte ins Gesicht stechen lassen wollten sie viele aufhalten, sie davon abhalten, doch er hatte gesehen was es für Kala im Endeffekt bedeutete. Nun war jene Welt zerbrochen und schon seit der Beschluss gefasst worden war, hatte sich die junge Frau immer tiefer in sich selbst zurückgezogen, in eine Welt, aus der sie meistens dann hervortrat wenn sie in ihrem Kostüm steckte. Dazwischen hatte sie oft klare Momente in denen sie ganz normal sprach und dann wiederum … dann waren da solche wenn sie in Rätseln und Bildern sprach, so wie jetzt.
„Wir finden einen Weg Kala, ich schwöre es dir.“ sagte er und richtete sich auf.
„Warte ...“ sie hob den Blick und sah ihm direkt ins Gesicht, die grüngelben Augen durchstachen die Tätowierungen für einen Moment als sie mehr flüsternd fragte „Darf ich sie behalten? Darf ich meine zweite Haut … an mir lassen?“
Er seufzte tief, doch nickte dann. „Ja, sicher Kala. Du darfst.“
Und für den Moment lächelte sie wieder. Es war ein Anfang.