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Eilboten preschen nach Lichtenthal

Verfasst: Sonntag 27. Oktober 2013, 16:43
von Der Erzähler
„Bringt ihn rein. Und passt auf den Kopf auf, nicht dass er ihn sich noch anstößt, bevor man ihn abschlagen kann!“
„Wer ist denn das?“
„So ein Fahnenflüchtiger aus Lichtenthal. Der Herzog hat persönlich angeordnet, dass wir das übernehmen. Scheint, als wäre der Fall brisant. Irgendwas mit Diplomatie.“

Grimmig und schweigend sahen beide zu, wie der Mann mit dem Sack über dem Kopf aus der Karre gezogen und in den Zellentrakt verfrachtet wurde. Dann löste einer der beiden einen Trinkschlauch vom Gürtel. Der Tee darin war beinahe kalt, schmeckte aber noch immer schön würzig. Beide genehmigten sich einen Schluck und nach einem Moment der Stille wisperte wieder eine empörte Stimme durch die Nacht.

„Kannst dir das vorstellen? Nen Gefangenen soll er rausgelassen haben. Einfach so. Dabei stand der unter dem Verdacht, mit den Raben zu paktieren.“
„Der Soldat?“
„Nee. Also doch. War ja auch ein Soldat.“
„Wie jetzt?“
„Na, der Kerl hier soll nen alten Kameraden rausgelassen haben, der wohl ein bisschen viel Nähe zu den Rabendienern gehabt hat.“
„Also noch ein Verräter?“
„Sieht so aus.“
„Die in Lichtenthal haben wohl ein bisschen was zu tun.“
„Kein Wunder, dass die den loswerden wollten.“



Zwei Wochen später. Ein Bote, in Adoran mit dem ersten Schiff des Tages angekommen, macht sich auf den Weg, um Nachrichten zu verteilen. Eine Ausfertigung erreicht das Regiment Lichtenthals, gerichtet an Oberst von Tannhoeh. Ein weiteres Exemplar erhält die Gräfin von Meerswacht, ein drittes erhält die Schreibstube seiner Majestät zur Vervollständigung der Unterlagen. Es entpuppt sich als eine Mitteilung aus Nharam, die einen Prozessverlauf zusammenfasst.

Nachdem man sich durch eine Reihe von Grußformeln und Höflichkeitsfloskeln gearbeitet hat, kommt man zu dem eigentlichen Kern des Briefes:

[...] Durch nachdrückliche Fragen des Oberstleutnants konnte der Gefangene schließlich überzeugt werden, seine Version der Verhaftung zu beschreiben. Demnach hatte er ein Gespräch belauscht, aus dem für ihn hervor ging, dass der ihm gegebene Schutz nicht mehr gewährleistet sei. Er hielt es daher aus einer nicht ganz nachvollziehbaren Eingebung heraus für das Beste, Lichtenthal und seinem Regiment seine Überlegenheit zu beweisen. In Bezug auf die Festnahme decken sich seine Aussagen mit dem Überstellungsbericht aus Meerswacht.[...]

[...] Befragt zum eigentlichen Tatvorwurf haben sich die Dienstpläne und Erinnerungsprotokolle der zum in Frage kommenden Zeitpunkt diensthabenden Soldaten als hilfreich erwiesen. Auch die Umstände seiner Fahnenflucht trugen dazu bei, dass er im Laufe der Unterhaltung bereit war, den genauen Ablauf zu schildern. So gab der Gefangene an, an jenem Abend eher zufällig im Kerkertrakt gewesen zu sein. Erstaunt hatte er seinen ehemaligen Kameraden in einer der Zelle erkannt. Nach einem kurzen Wortwechsel sah er die Unschuld des Mannes als erwiesen an und aufgrund falsch verstandener Loyalität entließ er ihn in einem unbeobachteten Moment aus der Zelle. Da ihm bewusst war, dass man ihn gesehen haben könnte, obwohl eigentlich nicht im Dienst und ihm ebenfalls bewusst war, dass er sich eines Vergehens schuldig machte, in dem er einen Gefangenen der Gerichtsbarkeit Meerswachts entzog, packte er übereilt ein paar Habseligkeiten und verlies Adoran noch in dieser Nacht. [...]

[...] Zu seinem Versteck bis zum Zeitpunkt der Festnahme sagt er aus, nach seiner Flucht aus Adoran zunächst ein paar Tage durch Gerimor gestreift zu sein und an wechselnden Orten genächtigt zu haben. Dann beobachtete er, wie ein Trupp Soldaten des Regiments sowie ihre Erlaucht von Dornwald persönlich bei einem Fischerdorf namens Bajard nach ihm suchten. Ihm gelang die Flucht und bei nächster Gelegenheit veränderte er sein Aussehen dahin gehend, dass er sich andere Kleidung besorgte, die Haare schnitt und färbte. Im Laufe der Befragungen erwähnte er, dass er bereits überlegt hatte, in den Reihen des Feindes Schutz zu suchen, bis ihn das Gerücht erreichte, dass einer der Kaluren ihn suche.

Hier schilderte er ausführlich den inneren Zwispalt, da er die Auslieferung nach Adoran fürchtete. Schlussendlich aber habe er sich doch durchgerungen und den Kontakt zu einem Mann der Sippe „Getwergelyn“ gesucht. Zu seiner persönlichen Erleichterung erfuhr er so, dass man keineswegs vorhatte ihn auszuliefern, sondern viel mehr vor den vermeintlich falsch liegenden Lichtenthalern zu verbergen. Es wurde eine List ersonnen, durch die er seinen eigenen Namen ablegen und eine neue Identität annehmen konnte. Es sei hiermit festgehalten, dass die Mutmaßungen aus Lichtenthal bestätigt wurden. Fortan nannte er sich nicht mehr Angus Cantor, sondern Carlo Regendorn. Es folgte eine lange Litanei an Huldigungen der Sippe Getwergelyn und ihrer Verbündeten, die ihn vor der „Grausamkeit und Unfähigkeit“ Lichtenthals bewahrten und dass jene den Begriff der Treue wirklich verstanden. In seiner auf sich bezogenen Wahrnehmung wertete er auch das an den Vorfällen rund um seine Person zerbrochene Bündnis zwischen Kaluren und Lichtenthal als Erfolg. Durch ihn habe man sich erst aus den Fesseln dieses Bandes befreien können. [...]

[...] Ihm war nicht bekannt, dass es nach Ausrufen des Handelsembargos und dem daraus resultierten Entzug des Rüstrechtes für die Khaz-Aduir zu einem Gespräch zwischen der ehrenwerten Gräfin von Meerswacht und dem Diplomaten Ingosch Felshammer gekommen war, in dem sich herausstellte, dass nicht alle Kaluren dem Weg der Sippe Getwergelyn folgen wollten. Er hatte lediglich wahrgenommen, dass sich die Stimmung bezüglich seines Aufenthaltes veränderte. Einer inneren Eingebung folgend, machte er sich wie zuvor beschrieben auf den Weg. [...]

[...] ... wurde er des Hochverrats in Tateinheit mit Fahnenflucht für schuldig befunden. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang und wurde bereits vollstreckt. [...]

Es folgen einige abschließende Erklärungen und gute Wünsche, ehe man schließlich das Amtssiegel aus der Schreibstube seiner herzöglichen Hoheit von Nharam darunter prangen sieht. Damit gilt die Causa Cantor als abgeschlossen.