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Das Lied des Waldes..

Verfasst: Sonntag 15. September 2013, 14:27
von Rean Waldlied
Rean wanderte durch den nächtlichen Wald, umzingelt von Geräuschen aller Art. Leise strich der Wind durch das Laub, die Bäume und seine Haare. Dabei brachte er erfrischende Kühle mit sich. Von links und rechts war Rascheln zu vernehmen. Auch wenn die Nacht schon weit vorangeschritten war, schlief der Wald nicht, sondern lebte und alles ging seinen Lauf. Der Mond stand hoch am Himmel und warf sein silbriges Licht durch die Zweige.

Mit jedem Schritt spürte Rean den weichen Waldboden zwischen seinen Zehen. Er trug keine Schuhe. Diese hatte er schon lange abgelegt. Damals zu einer anderen Zeit und in einem anderen Leben. Jetzt verhüllte ihn lediglich eine ockerfarbene Robe, ein zerschlissenen dunkles Hemd und eine grünliche Hose. Alles Geschenke eines alten Mannes, der seine Taten bereute und, von Schicksalsschlägen geplagt, versuchte seine Schuld zu begleichen.

Lange Zeit besuchte dieser Rean regelmäßig auf seiner Lichtung und erzählte Geschichten. Er vergaß sein tristes Dasein und öffnete sich einem anderen Horizont. Nun ist er auf einer langen Reise, einer Reise zurück zum Anfang, dem Ende seines Wegs und Beginn eines Neuen - für etwas oder jemand anderes. Er starb in Reans Beisein und einem befreiten Gesichtsausdruck. Vor wenigen Stunden erst trug Rean den alten Mann in seine kleine Höhle in der er jahrelang gelebt hatte. Dort bettete er ihn zur Ruhe und bedeckte ihn mit Laub. Einen Moment hielt Rean inne und lauschte der Melodie. Der Gesang des Windes im Laubdach der Bäume und das plätschern des kleines Baches, der vor der Höhle einen Bogen schlug. Hier und da war ein Rascheln zu vernehmen oder das Knarren eines Astes, der sich bewegte. All diese Geräusche verschmolzen zu einem einzigen Lied in Reans Ohren. Er schloss die Augen und tippte mit seinen Fingern den Rhythmus der Klänge auf seinen Oberschenkeln mit. Ein innerer Friede machte sich in ihm breit und sein Gesicht entspannte sich dabei. Er empfand kein Bedauern für den alten Mann, sondern freute sich für ihn. Er freute sich darüber, dass seine Reise nun weiterging und er wusste, dass es nicht das Ende war. Er würde sich in dem Kreislauf weiterbewegen, den Rean in den Jahren des Nachsinnens und Beobachtens für sich erkannte. Tiere starben und Pflanzen starben. Vergangenes Leben schuf Platz für Neues und nährte Altes. Diese Erkenntnis zog Rean aus seinen Erfahrungen.

Nun war auch der Alte verstorben und öffnete Rean nun die Pforten zu neuen Pfaden. Rean packte seinen alten Lederranzen mit seinen Habseligkeiten aus der Zeit davor und machte sich auf den Weg das Danach zu erkunden.


[Fortsetzung folgt..]

Verfasst: Sonntag 22. September 2013, 11:13
von Rean Waldlied
Rean wanderte über Stock und über Stein. Unermüdlich stapfte er weiter und spürte dabei jeden einzelnen Zweig und jede einzelne Baumfrucht unter seinen Füßen. Die Sonne schimmerte über den Baumwipfeln und hier und da fiel ein einzelner Sonnenstrahl durch das dichte Blattwerk. Rean bewunderte das Spiel des Lichts in den Baumkronen und auch ihm war spielerisch zu Mute. Er raffte seine Robe und beugte seine Knie, wobei er seinen Oberkörper leicht nach vorne beugte. Er suchte sich mit seinen Füßen halt und sog die feuchte Waldluft mit einem tiefen Atemzug auf. Dann presste seine Füße in den Boden und stieß sich nach vorne ab und stürzte in einem Sprint davon. Blätter, Äste und Bäume rauschten förmlich an ihm vorbei, während er unermüdlich durch das Unterholz stürmte und sich dabei über umgestürzte Bäume schwand oder über kleine Gräben sprang. Jedes Mal, wenn er langsamer wurde und dachte er hätte keine Kraft mehr, durchzuckte ihn neue Energie und er drückte sich mit seinen Füßen erneut in den lockeren Waldboden, um neuen Schwung zu holen.
Es schienen nur Minuten vergangen zu sein, doch die Sonne stand schon etwas tiefer am Horizont, als Rean auf einen Bach stieß. Das kühle und klare Wasser plätscherte fröhlich vor sich dahin und das Blattwerk am Ufer raschelte mit dem Fließgewässer im Einklang im Wind. Rean ließ die Riemen seines Rucksacks von seinen Schultern gleiten und ließ diesen in das knöchelhohe Gras am Ufer fallen. Er ging wiegenden Schrittes und nach einem solchen Sprint zu wenig erschöpft an das Ufer, wo er sich hinab kniete und seine Hände zu einer Schale formte. Diese tauchte er in das Wasser und schöpfte etwas von dem erfrischenden Nass, was er sogleich an seine Lippen führte. Er legte seinen Kopf in den Nacken und nahm einen großen Schluck. Er spürte, wie sich Kühle in seinem Mund breit machte und sie sich seinen Rachen hinab in den Magen stürzte, wie ein Wasserfall am Berghang ins Tal. Er schloss genüsslich die Augen und seufzte zufrieden, als sich das restliche Wasser durch seine Finger davon stahl und seine Arme hinab lief. Seine Robe saugte das herablaufende Wasser ebenso durstig auf, wie Rean zuvor gewesen war. Rean erhob sich und ging zu einer Erle hinüber, die über den Bach ragte. Er lehnte sich an den massiven Baumstamm und glitt an ihm herunter. Zwischen den Wurzeln rutschte er mit seinem Gesäß ein wenig hin und her und versuchte es sich gemütlich zu machen. Die bereits rötlich funkelnde Sonne spiegelte sich in den kleinen Wogen des Baches und der Wind wehte durch Blattwerk und zupfte verspielt an Reans rotlonder Mähne. Er ließ seinen Blick über das Ufer schweifen und leichte Müdigkeit überfiel ihn ohne Ankündigung. Er gähnte.
Plötzlich kam eine kräftige Böe auf und wehte vom anderen Ufer zu ihm herüber. Der Luftzug peitschte Staub und Laub die Böschung hinauf auf Rean zu. Er kniff die Augen zusammen und ein rotgoldener Lichtstrahl blendete ihn, der von den aufgebrachten Wasser reflektiert wurde. Rean hob schützend die Arme vor sein Gesicht. Es verging kein Augenblick, da war es auch schon vorbei. Er hielt einen Atemzug inne und ließ seine Arme langsam sinken. Ihm entging die merkwürdige Stille nicht. Es bewegte sich kein Blatt und der Bach schwieg vor sich hin. Es schien, als hielte der Wald den Atem an, um bloß kein Geräusch von sich zu geben. Rean blickte nach oben und es schien, als waberte ein nebliger Dunst über ihn in den Bäumen, der das Sonnenlicht verschluckte. Aber es war nicht weniger dunkel als zuvor. Sein Blick sank auf das andere Ufer und es war ihm, als blickte er durch einen weißen Schleier. Auf der anderen Seite erblickte er einen braunen Wolf. Er saß einfach am Ufer und legte seinen Kopf von der einen auf die andere Seite und musterte Rean. Rean beugte sich nach vorne und kam auf alle Viere. Langsam und behutsam krabbelte er nach vorne, den Blick fest auf den Wolf gerichtet. Am Ufer angekommen trafen sich ihre Blicke. Die Augen des Wolfes schimmerten in allen Farben des Regenbogens und zeugten von einer unglaublichen Tiefe. Funkelten die Augen blau, so fand sich Rean inmitten eines Meeres - endlos, weit und unergründlich. Schlug das Blau in Grün um, so fand er sich auf einer Frühlingswiese. Wandelte sich das Grün in Rot, so sah er rote Früchte - prall und saftig. Fast verlor er sich in den Augen des Wolfes und eine Sehnsucht überkam ihn, die jäh gebrochen wurde, als sich der Wolf langsam erhob und sich abwandte. Er ging einige Schritte und blickte dann zu Rean zurück. Es schien, als warte er auf ihn. Sein Blick schrie förmlich danach, dass er dem Tier folgen sollte. Rean sprang sofort auf die Beine und stieß sich, die Füße und die Zehen tief in den Waldboden grabend, kräftig nach vorne ab und setzte über den Bach hinweg. Der Wolf stürzte nun los, Rean tat es ihm gleich und nahm die Verfolgung auf - die Jagd begann.
Sie liefen nicht lange und doch hat die Nacht schon ihr Sternbesticktes Tuch über den Wald gelegt. Eine Mondsichel leuchtete in sattem Silber kräftig über den Baumwipfeln und tauchte den Wald in einen mystischen Schein. Sie rannten weiter. Auf einen silbernen Schleier zu, der den Wald zu begrenzen schien. Der Wolf machte einen gewaltigen Satz und sprang durch den leuchtenden Vorhang. Rean stürzte ihm nach und auch er trat durch das silberne Licht. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnte, sah er nur noch wie sich der Wolf von der Nasenspitze an bis zur Schwanzspitze in Nebel auflöste und dahin waberte. Rean fand sich auf einer Waldlichtung wieder. Er wusste zwar nicht, wo er war, doch fühlte es sich richtig an hier zu stehen. Sein Blick wanderte suchend über die Lichtung und dann sah er sie. Vermummte Gestalten traten aus den Schatten auf der anderen Seite der kleinen Lichtung und sammelten sich in einer Gruppe auf der Mitte der Lichtung. Das Mondlicht fiel auf sie herab und ihre Gesichter waren nur Schemen. Sie streckten Rean die Hände entgegen. Rean hatte das Gefühl die Gestalten zu kennen. Das Gefühl der Vertrautheit machte sich breit und das Gefühl der Geborgenheit legte sich wärmend um sein Herz. Rean schritt langsam auf die Gestalten zu und auch er streckte seine Hand nach ihnen aus. Kurz bevor sich die Fingerspitzen berührten, spürte Rean einen mächtigen Zug hinter sich. Die Szene wurde plötzlich auseinander gezogen und was eben noch so nah, so greifbar erschien, zog sich nun auseinander. Der Wald zog an ihm vorbei und die Lichtung und die Gestalten entfernten sich in rascher Geschwindigkeit. Das silberne Mondlicht verzog sich mit einem Mal und wandelte sich in den rotgoldenen Schein der dämmernden Sonne. Mit einem sanften Ruck stieß Rean gegen den Baumstamm der Erle und er fand sich aufgeschreckt am Bachufer wieder. Er rieb sich die Augen und schüttelte seinen Kopf. Seine Haare umrahmten sein blasses Gesicht, als er den Kopf nach vorne neigte. Der Wind rauschte wieder und das Wasser plätscherte. Es ging alles seinen gewöhnlichen Gang. Doch jetzt war es nicht mehr gewöhnlich.
War es nur ein Traum? Diese Frage drehte in Reans Kopf ihre Kreise. Augenblicke vergingen, ehe Rean seinen Kopf schüttelte und sich langsam erhob. Er beantwortete die Frage mit einem sehnsüchtigen Seufzen: "Nein, kein Traum. Es war zu echt.." Er blickte sich um und erkannte die Stelle, an der der Wolf saß. Eine unglaubliche Anziehung ging von diesem Ort aus und dem Pfad dahinter. Er schritt mit energischen Schritten zum Ufer und hob dabei beiläufig den Rucksack auf, den er sich auf den Rücken schwang. Er rutschte die kurze Böschung hinab und watete durch den Bach. Auf der anderen Seite griff er nach einer hervorragenden Wurzel und zog sich an ihr hoch. Oben angekommen hielt er noch einen kurzen Augenblick inne. Er blickte zurück. Sein Weg führte ihn an diesen Bach und zu dieser Erle. Genau dort öffnete sich ihm ein neuer Weg und diesen gedachte er nun zu beschreiten. Er schüttelte seine Gedanken von sich und leerte seinen Kopf. Frei von Ballast machte er sich nun auf, den Pfad des Wolfes in die Richtung zu folgen, in die er davonjagte.


Fortsetzung folgt..

Verfasst: Samstag 16. Mai 2015, 17:29
von Gast
Nach einer Weile erreichte er eine kleine Lichtung im Schatten eines Berges. Es war eine saftig grüne Wiese und Blumen in satten Farben leuchteten in der Mittagssonne. Etwas abseits am Rand der Lichtung erhob sich eine alte Weide, deren Äste im einer sanften Brise schaukelten.
Die alten knorrigen Wurzeln gruben sich ineinander geknotet tief ins Erdreich. Rean schritt an den Baum heran und legte eine Hand auf die raue und trockene Rinde. Er fuhr langsam mit der Hand über sie und erspürte jede Unebenheit. Dann sank er seufzend zwischen zwei der starken Lebensadern des Baumes und lehnte sich erschöpft mit den Rücken an den Stamm.
Den halben Tag hechtete er durch das Unterholz. Er kramte in seinem Rucksack und hob einen kleinen Glaskrug heraus. Er war schlicht und ohne Verzierungen. Das kristallklare Wasser schimmerte im Sonnenlicht, als er den Krug in seiner Hand hin und her drehte. Er entkorkte ihn rasch und nahm behutsam einen tiefen Schluck.
Es dauerte nicht lange, bis ein Mann am Rand der Lichtung erschien. In seiner Hand glitzerte ein silberner Dolch. Er trug eine feingewebte Robe und ging mit wippenden Schritten über die Wiese. Hier und da bückte er sich und schnitt eine Handvoll Kräuter vom Boden.
Rean folgte ihm mit neugierigen Blicken. Er hat schon längere Zeit keinen anderen Menschen mehr gesehen, außer dem Alten, den er in seiner alten Höhle am Bach zur letzten Ruhe gebettet hat. Es dauerte einen Augenblick, bis Rean seine Stimme wiedergefunden hatte. "Hehda", rief er dem Mann entgegen. Dieser hob lächelnd den Kopf und nickte Rean freundlich entgegen. "Einen schönen guten Tag!"
Was Rean zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte ist, dass diese Begegnung ihn an eine neue Weggabelung auf den Pfaden des Lebens führen sollte. Der Mann stellte sich als Earon Auenbacher vor. Er schien sehr vertrauenswürdig, freundlich und interessiert an Reans Geschichte. So offenbarte er ihm, dass ihn ein Traum in diese Richtung führte. Earon gestand, dass auch er an diesem Tage nicht nur zum sammeln auf diese Lichtung hinausgegangen ist, sondern auch aufgrund einer Ahnung.
Das Gespräch verdichtete sich zu einer philosophischen Diskussion und Rean merkte, dass er sehr wenig über die Welt und die Dinge auf ihr wusste. Schließlich stellte ihn Earon vor eine Wahl, die Wahl der Gemeinschaft, der er angehört, zu folgen und ein Teil dieser zu werden, oder einem anderen Pfad zu folgen. Rean musste nicht lange überlegen, denn der Keim der Wissbegierde, den Earon pflanzte, keimte bereits und er spürte instinktiv, dass es richtig wäre, dass er genau dorthin gehörte.

So folgte Rean ihm also. Er wählte an dieser Weggabelung seinen Weg - einen langen, beschwerlichen und steinigen Weg. Doch Rean wusste, dass er diesen Pfad nicht alleine gehen muss, sondern gestützt wird, durch die Gemeinschaft, der er bald angehören würde, und Menschen wie Earon.


Fortsetzung folgt..

Verfasst: Montag 22. Juni 2015, 18:35
von Gast
Rasch fand er sich in seinem neuen zu Hause zurecht. Seine Brüder führten ihn umher und zeigten ihm die Wunder Vernementons und berichteten ihm von vielen Dingen. Er freute sich endlich wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein, einer Familie. Es erinnerte ihn an früher, an Geborgenheit und Vertrauen. So war er gewillt tüchtig zu sein und seinen Dienst an der Natur, der Schöpfung, dem Leben und gar Eluive selbst respektvoll, aufrichtig und zuverlässig zu erfüllen.

Um dies zu bewerkstelligen würde er allerdings mehr Wissen benötigen. Die Unterrichtstunden sind zwar immer sehr lehrreich gewesen und haben ihn viele Male zum Nachdenken angeregt und ihn zur Meditation veranlasst, aber genauso selten fanden diese leider statt. So hat er beschlossen Bruder Ove, ein älterer aber auch sehr weiser Mann, um Hilfe zu bitten. Er dachte, dass es draußen, außerhalb des Hains, vielleicht Bücher und Wälzer gibt, die klassische Lehren oder Wissen in sich beherbergen. Gewiss würden es keine Geheimnisse der Bruderschaft sein, aber es würde sein Wissen mehren. Er könnte Grundlegendes über die Welt und ihre Geschichte lernen, über Völker, Fauna und Flora.
Er sah seinen bisherigen Wissensschatz als kleinen Teich, welcher durch ein kleines Rinnsal gefüllt wird. Hin und wieder ergoss sich auch ein flutartiger Strom in den Teich und füllte ihn schneller. Könnte er nur lesen, so würde dieser Teich binnen Wochen zu einem See an Details und Fakten anschwellen und das Wissensrinnsal zu einem Wissensfluss heranwachsen.

Also bat er Bruder Ove um Hilfe. Natürlich hätte er die Bitte, Lesen und Schreiben zu lernen, einem jungen Knaben aus der Wildnis niemals abgeschlagen und so trafen sie sich regelmäßig am frühen Abend, um diese Fähigkeiten zu erlernen und an ihnen zu feilen, bis Rean in der Ausübung dieser vollkommen sicher sein würde.


Forstetzung folgt..

Verfasst: Samstag 27. Juni 2015, 15:24
von Gast
Die Tage flogen wie Blätter im Herbst nur so dahin. Es sind wieder Wochen vergangen, in denen Rean viele neue Lektionen erwarteten. Eines schönen frühen Abends traf er einen seiner Brüder im Gemeinschaftshaus an. Es dauerte nicht lange und beide fanden sich in einem tief schürfenden Gespräch wieder. Beide saßen am Tisch. Rean funkelte Earon aus neugierigen und wissbegierigen Augen an. Earon musterte seinen jungen Bruder mit einer großen Gelassenheit und lauschte mindestens genauso aufmerksam den Worten Reans, wie umgekehrt. Sie unterhielten sich ohnehin immer recht angeregt, wenn sie denn mal aufeinander trafen. Es dauerte nicht lange und sie fanden sich vorm Gemeinschaftshaus wieder und betrachteten einen roten großen Stein. Vor diesem Stein züngelte ein großes Lagerfeuer und verschlang hungrig die vorbeiziehende Luft und fraß sich langsam aber sicher immer tiefer in die Holzscheite hinein und ließ nichts als verkohlte Reste zurück. Von dem gewaltigen Stein ging etwas urtümliches aus. Rean vermochte es nur vage zu spüren und konnte es nicht einordnen. Überhaupt hatte er noch wenig Gespür für das Wesen des Liedes und die Urkräfte der Schöpfung. Earon erklärte ihm, dass dieser Stein ein Menhir sei und, dass er von seinen Vorgängern der Urkraft des Feuers geweiht wurde. Rean wunderte sich, da er nur die vernichtende und verzehrende Wirkung des Feuers kannte, doch Earon wusste ihn eines Besseren zu belehren, da Feuer nicht nur verschlingt, sondern auch Wärme spendet und ohne dieses Element kein Leben möglich wäre. Rean musste darüber nachdenken, bis er schließlich verständnisvoll nickte. Earon führte ihn weiter durch den Hain und stellte ihm zwei weitere besondere Orte vor, die den Elementen Luft und Erde geweiht wurden. Auch hier gab Earon Rean Zeit für Fragen und erklärte ihm, was es mit diesen Elementen auf sich hatte.
Schließlich wurde Rean von seinem weisen Lehrer zum letzten der vier den Elementen geweihtem Steine geführt. Rean kannte diesen Ort nur zu gut. Seit dem ersten Tag zog es ihn immer wieder instinktiv dorthin, obwohl er noch nichts über diesen Ort und vor allem über die Bedeutung der geweihten Steine wusste. Beide standen nun vor dem kleinen Strom, der ein kleines Uferstück von dem Rest des Hains trennte. Alte feuchte Holzplanken, die auf größeren Felsen abgelegt wurden, dienten als Brücke zwischen den beiden Landstrichen. Das kleine Ufer schmiegte sich an die Berge, die sich schützend um das lebendige und blühende Tal legten, und beherbergte neben dem Menhir und einigen Kristallformationen noch den ein oder anderen Baum. Neben dem Landstück ergoss sich rauschend von weit oben ein Wasserfall. Wassermassen stürzten hier mit lautem Gebrüll in die Tiefe und zerstreuten sich beim Aufprall in eine schäumende Krone und hüllten das kleine Ufer in einen dunstigen Schleier aus feinsten Wassertropfen. Noch während Earon über den Menhir und das Wesen des Wassers berichtete, schienen Reans blaugrüne Augen sanft zu schimmern. Der Nebel kribbelte auf seiner Haut und löste ein tiefes Wohlbehagen in ihm aus. Rean wirkte zutiefst gelassen und entspannt, was auch Earon nicht entgangen ist. Er sagte zunächst jedoch nichts, sondern beendete die Lehrstunde, nachdem Rean aus seiner Trance erwacht war und beide machten sich wieder auf den Weg in Richtung des Gemeinschaftshauses.

Es verstrichen wieder einige Tage, bis sich Rean wieder mit seinem Lehrer zusammengetan hatte. Wieder saßen beide im Gemeinschaftshaus, aber diesmal in der gemütlichen Sitzecke auf den weichen Kissen. Es war wie immer eine freundliche und ruhige Atmosphäre und beide tauschten sich aus. Earon wollte ihm in dieser Stunde das Fundament für das Liedverständnis legen und begann Rean zunächst zu erklären, auf wie vielfältige Weise die Lebewesen der Schöpfung das Lied Eluives wahrnehmen können, sofern sie denn mit dem Gespür dafür gesegnet wurden. Er berichtete von Elfen, Magiern, Hexen und sogar Letharen, die eine eher verdrehte und unheilige Herangehensweise haben. Schließlich kam er auch zu sich selbst, der Bruderschaft und wie jeder einzelne seinen Zugang zum Lied Eluives über Meditation gefunden hatte. So lehrte er ihm das Handwerkzeug, um erfolgreich meditieren zu können, aber wie Rean es letztlich für sich selbst schaffen könnte, so sagte er ihm, müsse er durch intensives Training selbst herausfinden.

Nach der Lehrstunde erinnerte sich Rean an die Führung, an den geweihten Menhir des Wassers und wie entspannt er dort gewesen ist. So machte er sich also auf den Weg dorthin. Schon aus der Ferne hörte er das angenehme Rauschen des Wasserfalls und das sanfte Plätschern des Flusses. Rean trat in den feuchten und kühlen Nebel und inhalierte die erfrischende Atemluft. Er fühlte sich direkt reiner. Es schien ihm, als träfen hier alle Qualitäten des Wassers auf einmal zusammen: die unberechenbare Kraft und Wildheit des Wasserfalls, das elegante und anpassungsfähige Strömen des Flusses und die reinigende Stille des Nebels. Irgendwie fühlte er sich mit diesem Ort verbunden und die Worte seines Bruder klangen leise in seinen Ohren, wie ein jeder der Bruderschaft mit einer besonderen Affinität zu einem der vier Elemente geboren wurde. Vielleicht war ihm dieses Element vergönnt. Rean ließ sich links neben dem Menhir des Wassers unterhalb eines kräftigen Baumes nieder. Er setzte sich mit aufrechter Körperhaltung in den Schneidersitz und legte seinen knorrigen Wanderstab neben sich. Die Arme legte er mit nach oben gewendeten Handflächen auf seinen Knien ab. Sein rötliches gelocktes und unbändiges Haar umrandete sein blasses Gesicht und fiel ihm sanft über die Schultern. Langsam schloss er die Augen und gab sich der Dunkelheit hin. Zunächst machte er einige tiefe Atemzüge, während er tief in sich hineinhorchte um seinen Herzschlag wahrzunehmen. Nach einigen Atemzügen passte er seine Atmung der Herzfrequenz an, sodass er in einem festgelegten Rhythmus atmete. Das Rauschen und Plätschern wurde immer klarer und nach kurzer Zeit immer leiser, bis ihn vollkommene Stille umfing. Seine Gedanken hatten nun viel Raum, welchen sie auch nutzten. Es verging einige Zeit bis er sie ordnen konnte, um nun auch diese beiseite zu schieben, um sich vollkommen auf einen ihm neuen, aber auch sehr basalen Sinn zu konzentrieren. Er übte lange an diesem Tag, denn als er die Augen wieder öffnete dämmerte es bereits. Er hatte zwar noch nicht bewusst das Lied wahrnehmen können, jedoch hat er diesmal diesen Zustand tiefster innerer Ruhe schneller erreicht, als in der Unterrichtsstunde. Das war immerhin ein Anfang, dachte sich Rean.


Fortsetzung folgt..