- Der Stein, der viel gerührt wird, bemoost nicht.
Deutsches Sprichwort
Der Aufbau des Lagers ging sich relativ gut an. Es hätte sicherlich hier und da etwas besser laufen können, aber die die da waren packten alle fleißig mit an. Wo es Anfangs ein wenig an Koordination fehlte, fand schließlich jeder seinen Platz und Anteil, wo etwas zu tun war. Holz schlagen, Pallisaden errichten, Vorräte und Material ins und vor das Zelt packen.
Während die anderen beiden Knappen, ein paar der Reichsgarde und Oy’xerax darauf achteten, dass in Ruhe gearbeitet werden konnte, blieb ich bei den Handwerkern und Gardisten, die beim Aufbau halfen, und packte überall dort mit an, wo es nötig war. Die Rüstung war dabei zwar ein wenig hinderlich, aber dennoch gab es für mich da kein Zögern, wenn es einer oder zweier weiterer Hände bedurfte.
Körperliche Arbeit war mir schließlich nicht fremd.
- Für den Schaffenden gibt es keine Armut und keinen armen, gleichgültigen Ort.
Rainer Maria Rilke
Tatsächlich gefiel es mir, wenn ich am Abend körperlich erschöpft war und wusste, was ich geleistet hatte. Die Zwischenfälle mit den Menekanern kamen mir dabei eher gering vor, zumal es nicht einmal zu einer richtigen Auseinandersetzung kam. Mir war durchaus bewusst, dass sie neugierig waren, wissen wollten, was wir trieben. Diese Neugier würde uns noch ein paar mehr Probleme verursachen. Das waren noch meine Gedanken an dem ersten Abend, als alles zur Ruhe kam, die Handwerker heimwärts strebten und nur ein paar Leute blieben, um das Lager zu bewachen. Teils Gardisten, zudem noch Charlie und ich.
Charlie hatte mich an diesem Tag überrascht. Ein oder zwei Tage vorher trug ich ihr auf in Grenzwarth zu erscheinen und mit anzupacken. Zwar hatte Althan gesagt, er wolle, dass sie in Rahal blieb, aber dort gab es nichts zu tun für sie. Im Grunde war es ein Experiment bezüglich ihrer Verlässlichkeit. So konnte sie etwas für das Reich tun und sich unter gegebenen Umständen beweisen. Was sie auch tatsächlich tat. Sie packte ohne zu murren mit an, klemmte sich im Eifer ihren Finger ein und selbst da gab es keine Klage.
Damit gewann sie einen kleinen Hauptgewinn und die Erlaubnis zwischen dem Lager und Rahal pendeln zu dürfen, ohne Umwege.
Nicht, dass ich ihr vertraute. Letztlich aber musste sie ja auf den Prüfstand gestellt werden.
- Und wieder geht’s mit neuem Fleiß an den gleichen Scheiß.
Unbekannt
Das Lager nahm allmählich Gestalt an, die Materialien wurden hergeschafft, es konnte mit dem eigentlichen Vorhaben endlich begonnen werden. Inzwischen gab es auch so genug, worüber ich mich maßlos ärgern konnte. Allen voran mal wieder meine Frau. Ich hing der festen Überzeugung an, Alatar verschonte sie nur deshalb, damit ich in Ruhe meinen Weg weiter gehen konnte. Etwas anderes konnte es bald schon nicht mehr sein.
Da wollte sie tatsächlich diese kleine hörige Sklaven – von mir aus auch ehemalige, im Grunde war sie es doch noch immer – fast ins Lager, damit die auch ja alles in vollem Umfang erfassen konnte. Nach einigem hin und her wurde das Weibstück von Teron und Savar fortgeschafft. Elende Spitzel. An dem Abend war ich schwer geneigt allen Schnüfflern, die ich kannte, den Garaus machen zu wollen. Und meiner Frau gleich mit. Diese impertinente Kurzsichtigkeit ließ den Zorn so richtig hochkochen.
Dem Fass schlug es dann den Boden aus, als ich erfuhr, dass sie es so halten wollte, um das Früchtchen an der Nase herum zu führen. Im Lager, das kaum andere Schlüsse zuließ, als die, wozu es errichtet worden war! Großartig.
Ich nahm mir in dem Moment vor, ihr den Vorschlag zu unterbreiten Aushänge anzubringen und Flugblätter in Menek’Ur zu verteilen.
Allmählich weckte ihr Verhalten ohnehin mehr und mehr Misstrauen.
Sie werden nicht angreifen.
Woher wollte sie das wissen? Das war am Abend des geplanten Erdrutsches gewesen. Woher verdammt nochmal wollte sie die Gewissheit nehmen, dass die Menekaner nicht angriffen? Es klang so, als stünde es fest, über jeden Zweifel erhaben. Und das, zusammen genommen mit der Spitzel im Lager, wollte mich zu einem verflucht schnellen Urteil hinreißen lassen, gegen das ich mich allmählich nur noch schwerlich wehren konnte, wenn überhaupt.
Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, was sie über einige dort dachte, oder gedacht hatte, wie labil und wankelmütig sie dahingehend war ihre Ansichten über Leute von heute auf morgen hierhin oder dorthin zu ändern. Dieses Tagebuch… Flugblätter. Hätte mich in dem Moment jemand gefragt, ob ich keine Angst hätte, sie würde dort bleiben – ich hätte gesagt, sie könnten sie behalten.
Das kleinste Vielleicht an der Sache war mittlerweile die Möglichkeit, dass ich ihr unrecht tat. Dabei hielt sich sie nicht einmal von Grund auf für einen schlechten Menschen, oder gar für völlig fehlgeleitet. Sie kümmerte sich nur um Dinge, die nicht ihre waren, dafür nicht um ihre eigenen. Und dabei dachte sie nicht sehr weit voraus. Noch viel ärgerlicher daran war – sie lernte nicht dazu.
Die Frage, die ich mir allerdings immer öfter stellte inzwischen: Wie gehst du weiterhin damit um, Dazen?
- Das Wort Fleiß ist abgeleitet von einem Verbum,
welches ursprünglich so viel als kämpfen, streiten bedeutet.
So ist also Fleiß ein Ringen nach einem Besitz und der Seele ursprünglich eigen,
denn die Seele ist Kraft, und es liegt in dem Wesen einer Kraft,
dass sie sich betätige.
Hermann Kahle
Auf in den Kampf. Es war an der Zeit den Aufbau zu beginnen. Alles stand bereit. Darauf sollte ich mich erst einmal konzentrieren. Inzwischen, bei etlichen Nachtwachen, hatte ich beschlossen tagsüber die Wache anderen zu überlassen. Sobald die Handwerker eintrafen, wollte ich mit anpacken. Wie die anderen beiden Knappen es halten wollten, überließ ich ihnen selbst. Der Überblick am Bau selbst ließ sich am besten behalten, wenn ihn jemand auch vor Ort behielt.
Ich hoffte, dass unser Plan alsbald aufging und wir uns anderen Aufgaben widmen konnten. Es gab noch genug zu erledigen.
Ebenso wenig schadete es mir, mich auch körperlich auf die nächste Aufgabe vorzubereiten. Immerhin war die damit verbunden einiges schleppen und an den rechten Platz setzen zu müssen. Einen Schrein bauen. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, wie so etwas aussehen sollte. Aber vielleicht brachten die andern beiden ja die zündende Idee dazu. Und wohin damit? Bei Grenzwarth. Düstersee und Rahal hatten ihre Tempel. Alatar, ich wollte mir noch immer selbst in den Hintern beißen für meine mangelnde Selbstbeherrschung.
Noch während die Sonne aufging verließ ich meinen Wachposten und nickte den anderen zu, die dort für den Schutz des Lagers sorgten, holte die Pläne raus und legte sie auf die Truhe im Zelt. Während ich die Pläne noch einmal studierte, begann ich die Rüstung abzulegen und zog mir alte Kleider an. An Stelle des morgendlichen Laufs, der die letzten Tage ohnehin ausfiel deshalb, steckte ich den Plan in meine Hosentasche und machte ich mich kurze Zeit später daran die Steine schon einmal dort hin zu bringen, wo sie gebraucht werden würden. Es war mühsam und schweißtreibend, kräftezehrend und trotzdem befreiend die Steine auf den Karren zu hieven und diesen dann an die Stelle zu zerren, wo sie wieder ausgeladen werden konnten. Sorgefältig schichtete ich die Steine dort wieder auf und schlug einige direkt zurecht, die nicht die rechte Passform hatten.
Ich hatte wenig Ahnung von Holz und dem rechten Umgang darin. Das war eher etwas für meinen Bruder. Aber Gestein schlagen, dass man es zum Bau nutzen konnte, das hatte mir mein Vater beigebracht, als wir die Scheune damals auf unserem Hof errichteten. Garvin wäre hier nützlich, aber wie immer machte er sich rar, wenn es nach Arbeit roch, dieser faule Bastard.
Während ich schuftete, beschäftigten meine Gedanken sich mit etwas anderem. Etwas, das so gar nicht zu mir passen wollte: Einem süßen Bären in zweierlei Hinsicht.
- Mit dem Fleiße bringt ein mittelmäßiger Kopf es weiter,
als ein überlegener ohne denselben.
Die Arbeit ist der Preis, für den man den Ruhm erkauft;
Was wenig kostet, ist wenig wert.
Baltasar Gracián y Morales