Seite 1 von 1

Anaan's Durrah - Sohn der Wüste

Verfasst: Mittwoch 14. August 2013, 13:05
von Sinan Vahid
Kapitel I: تاريخ - Vergangenheit


Die Wüste scheint förmlich zu Flimmern unter der glühenden, erbarmungslosen Sonne. Hoch und mittig steht diese am Himmel und taucht die schutzlose, ausgesetzte Umgebung aus Sanddünen in grelles Licht. Nur wenige Pflanzen schaffen es in dieser unbarmherzigen Gegend zu überleben. Kakteen, die das wenige Wasser, welches ihnen zur Verfügung steht im Inneren als klebrigen Saft speichern. Äußerlich bedeckt mit einer Schicht aus spitzen, teilweise mit Widerhaken versehenen Stacheln, um die lebensnotwendige Flüssigkeit zu schützen. Die Kinder der Wüste haben von klein auf gelernt, wie sich die Kakteen aufschneiden lassen, die Stacheln abtrennen und das, mit Flüssigkeit versehene Fleisch genießbar wird.
Abgesehen von Kakteen und Dornenbüschen findet sich vereinsamter, ausgedorrter Baum in der Wüste, der schon sehr lange keine Blätter oder Früchte mehr austrägt, aber für etwas wertvollen Schatten sorgt. Dicht unter diesem, um jedes Fleckchen des Schutzes zu nutzen stehen ein paar wenige Kamele. Um nach Nahrung oder gar Wasser zu suchen, hatte sich die Karawanenbemannung auf den Weg gemacht. Lediglich mit dem Können, den Stand der Sonne zu deuten ausgerüstet sowie dem Wissen, in welcher Himmelsrichtung das Lager liegt, war die spärliche Gruppe an Menekanern losgezogen.

Nach einer alles anderen als profitablen Erkundungsrunde kehrt Sinan zusammen mit seiner Schwester Nadira und dem Rest der Gruppe in Richtung der Kamele zurück. Durstig von dem anstrengenden Weg und in Sehnsucht nach etwas Schatten, werden die Schritte der beiden Geschwister rascher, als beide die Kamele nur noch wenige Dünen entfernt wissen. Sinan kneift die bernsteinbraunen Augen zu Spalten zusammen, als Wind aufkommt, der einige Sandkörner in seine Richtung trägt. Bereitwillig lehnt er seine athletische, von Tüchern verhüllte Gestalt in den Wüstenwind. Nadira, die einen Kopf kleiner ist als er selbst, schreitet flink durch den lockeren Sand und blickt zu ihrem Bruder auf. 'Ich weiß, wo unsere Cousine noch etwas Kokoswasser versteckt hält.' flüstert sie ihm zu, sodass es die folgenden Menekaner nicht hören können. Voller Sehnsucht nach dem Geschmack, da die letzte Oase bereits wieder Tage zurück liegt, blickt Sinan zu ihr hinunter und zieht abwägend die makellosen Augenbrauen zusammen. 'Und wo?' Sinan's Worte ähneln einem Krächzen, da seine Kehle nach Wasser verlangt. 'Wenn du schneller dort bist als ich, verrate ich dir wo.' Er kann Nadira's überlegenes Lächeln bereits erahnen, dass sich um die mandelförmigen Augen legt, die als einziges vom Schleier ausgespart werden. Als die Sonnenstrahlen Sinan's Augen in glänzende Bernsteine zu verwandeln scheinen, schiebt sich die typische Sturheit seiner Familie in jene. Als wäre eben dieser Ausdruck der Startschuss für das kleine Wettrennen unter Geschwistern, packt Nadira nach dem langen Gewand und gibt ihren Füßen etwas Platz um los zu eilen.

Ebenso von der Sehnsucht getrieben, kämpft sie sich überaus flink die Dünen hinauf und gleitet mit vorsichtigen Bewegungen auf der gegenüber liegenden Seite wieder hinab. Sinan kann noch die anfeuernden Rufe sowie verständnisloses Brummen aus seinem Rücken hören, als er seiner jüngeren Schwester nachsetzt. Agil und mit schlanken und dennoch muskulösen Beinen gesegnet müht er sich die Düne hinauf, wobei sein höheres Gewicht ihm dieses Unterfangen deutlich erschwert. Er kann den kleinen Wirbelwind von Schwester bereits am Fuße der nächsten Düne ausmachen, was den Ehrgeiz nur noch steigert. Die beiden bieten sich einen erbitterten Wettlauf, jedoch zwingt Sinan die letzte Düne vor dem Ziel in die Knie, als er mit dem Bein in eine, vom Wind verursachte Ausbuchtung rutscht. Unter der Hitze und stickigen Luft schwer keuchend drückt er die bloßen Handflächen in den heißen Sand und drückt sich wieder auf. Schließlich auf der Düne angekommen, kann er seine Schwester bereits erspähen, wie sie das Ziel erreicht, nur kurz klingt das triumphierende, wenn auch erschöpfte Lachen auf.

Atemlos kommt Sinan kurz vor den Kamelen zum Stehen und blickt sich um, als er die sanfte, wenn auch schadenfrohe Stimme seiner Schwester ersehnt. 'Fidah?' Raunt er mit ausgetrockneten Lippen und lässt den Blick schweifen. Ein erstickter Atemzug erweckt seine Aufmerksamkeit und er fährt herum, wobei die Tücher in Wallung geraten, welche seinen Körper bedecken. Die großen, moccabraunen Augen starren ihm geweitet und entsetzt entgegen, während Nadira sich hilflos in den Klauen ihres Angreifers windet. Augenblicklich versteift sich die Haltung des jungen Salzschürfers, als die scharfe, wenn auch kleine Messerklinge in der Sonne aufblitzt, die sich an den zierlichen Körper anschmiegt. Die Sonne brennt auf die Drei hinab, während Sinan nach wenigen, hektischen Herzschläge die Situation realisiert.

Der Wüstenräuber lehnt seinen verhüllten Kopf dicht an Nadira's bedeckten Haarschopf. Es ist nicht schwer abzuschätzen, dass der Angreifer wenige Fingerbreit größer ist als Sinan. Er versucht sein Temperament und seine Wut zu zügeln, die in ihm hoch kommt und sich zu beruhigen. 'Was willst du? Gold, Schmuck, Edelsteine? Ich gebe dir alles was hier ist, aber lass sie los.' Das Tuch, welches die Lippen des Räubers bedeckt bewegt sich leicht, als dieser triumphierend grinst und Sinan wissend anstarrt. 'Ich habe wohl den wertvollsten Schatz dieser Karawane bereits in meinen Händen.' Panik flackert erneut in Nadira's aufgerissenen Augen auf, ihre Atmung geht stoßweise und sie verrenkt den jungen Körper, um dem Fremden in der unfreiwilligen Umarmung so fern wie möglich zu sein.
'Bleib brav hier, meine Schöne.' haucht der Fremde Nadira in fast schon zärtlicher Manier zu. Der Sand knirscht, als Sinan ungehalten einen Schritt voran wagt. 'Wir verstehen uns wohl neda. Du bleibt genau wo du bist oder sie stirbt hier und jetzt.' Seine Schwester schüttelt vage den Kopf, als Sinan erstarrt und die Brauen dicht zusammen zieht.

Ein paar Momente in der brennenden Hitze verstreichen, in denen Sinan sich zwingt, tief zu atmen. Die Untätigkeit brennt in seinen Adern und wird mit der glühenden Hitze und dem noch immer ungestillten Durst unerträglich. Nadira zappelt einen Moment schluchzend in dem Griff des Fremden, was die Aufmerksamkeit des drohenden Blickes in Sinan's Richtung kurzzeitig ablenkt. So rasch, dass es kaum einer der Beiden realisieren kann, schießt Sinan mit langen Schritten nach vorne und packt das Handgelenk mit dem Messer.
Beidhändig zerrt er mühsam die Waffe aus der Gefahrenzone und stößt seinen Ellenbogen ablenkend in Richtung des Angreifers, sodass sich seine Schwester aus dessen Griff winden kann. Nach wenigen, stolpernden Schritten verharrt sie regungslos im Sand, die zitternden Hände vor den bedeckten Mund geschlagen, unfähig einzugreifen. Keuchend und schnaubend ringen die beiden Menekaner miteinander. Sinan stößt angestrengt die Luft aus, als der Ellenbogen des Fremden in seinen Brustkorb stößt. Er sackt vor dem Angreifer auf ein Knie und hält sich den Rippenbogen, während die freie Hand dessen Fußknöchel packt. Im selben Moment schreit Nadira lauthals nach dem Rest der Gruppe, die langsam wie eine Fata Morgana die letzte Düne erreicht.

Als sich der Wüstenräuber nach Nadira wendet, umklammert Sinan dessen Bein mit beiden Händen, um ihn zurück zu halten. Die kurzzeitige Atemlosigkeit und das Rasen seines Herzens schwächen ihn deutlicher, als befürchtet. Dann nimmt er eine flüssige, durchgängige Handbewegung wahr, die nach seinem Gesicht zielt, ein paar Tropfen tiefrotes Blut beflecken den hellen Sand und Nadira stößt einen hellen, entsetzten Schrei aus. Sinan's Kopf schwankt kraftlos zurück und dunkle Flecken legen sich so penetrant auf seinen Blick, dass er bereits nach wenigen Herzschlägen nicht mehr fähig ist zu sehen. Er wird unfreiwillig in die Bewusstlosigkeit gezerrt, auch wenn sich sein Geist dagegen wehrt, während er spürt, wie der warme Lebenssaft von seiner Augenbraue hinab in seine Augenhöhle läuft.
Er realisiert nur noch am Rande, wie der Fremde von dem Rest der Gruppe vertrieben wird und der eigene Körper in den Schatten gezerrt wird. Wasser trifft in sein brennendes Gesicht und wird auf seine ausgedörrten Lippen geträufelt, bis der Schluckreflex einsetzt. Ein kühlendes, mit Wasser getränktes Tuch tupft seine verletzte, linke Augenbraue ab. Dennoch ist es erst die sanfte, beruhigende Stimme seiner Schwester, die ihn langsam wieder ins Bewusstsein zurück holt. 'Fadrim.. wach auf.' Sinan blinzelt gegen das klebrige Blut auf dem linken Augenlid an und schlägt vorerst nur ein matt leuchtendes Auge auf. Die Luft wird ihm sanft aus den Lungen gepresst, als seine Schwester ihn erleichtert in eine Umarmung schließt.


Die Wellen stoßen sanft auf den Sand und kühlen diesen mit Hilfe der nächtlichen Brise. Die Vorhänge zum Schlafzimmer geraten leicht in Wallung und der Stoff knistert bei der Bewegung. Sinan liegt wach und von den Gedanken an seine Vergangenheit aufgewühlt im Bett und blickt starr zur Decke hinauf. Langsam drückt er sich auf die Beine und streicht die locker anliegenden Kleidungsstücke zurecht. Vor dem aufgehangenen Wandspiegel macht er Halt und betrachtet sein eigenes Gesicht in dem reflektierenden Glas. Die langen, schlanken Finger zeichnen den Verlauf der Narbe nach, welche die linke Augenbraue schräg verlaufend unterbricht und sich bis zum äußeren Augenwinkel fort zieht.

Dieses Markenzeichen würde ihn immer daran erinnern, dass er seine Schwester nicht hätte beschützen können, wäre der Rest der Gruppe nicht zeitig zurück gekehrt. Durch den Spiegel ermöglicht blickt er sich selbst in die Augen und kann selbst im matten Kerzenschein die Entschlossenheit in den Augen erkennen. Auch wenn er sich als Salzschürfer vor allem dem Suchen von Eluive's Tränen verschrieben hat, so hatte er es nie als abwegig empfunden die zusammengetragenen Erze zu verarbeiten und zu nutzen. Er hat so viele Klingen gefertigt und untersucht, dass es sich förmlich angeboten hat, den Umgang mit selbigen zu erlernen. Seit dem Angriff auf seine Schwester übt er sich im Kampf mit dem Säbel und gewöhnt sich an das Gewicht von Metall besetztem Leder.

Er ist dazu verpflichtet seiner Familie und den Natifahs in seiner Nähe Schutz zu sichern zu können. Dieser Entschluss ist mir einer derartigen Selbstverständlichkeit in ihm verankert, dass seine Prioritäten vor allem darauf zielen jeden Tag besser zu werden, um möglicherweise eines Tages seine eigene Rani mit jeder Faser seines Daseins beschützen zu können.