Alles im Dienst des Herrn
Verfasst: Mittwoch 24. Juli 2013, 19:09
- Ausdauer ist das Fundament aller Tugenden.
Honoré de Balzac
„Zeit aufzustehen und zu laufen. Da wir heute Tempo machen, lass die Steine ruhig hier.“
Ich wartete nicht, bis sie soweit war, sondern ging direkt ins Badezimmer, um mich zu waschen, vorzugsweise mit eiskaltem Wasser, um nicht gleich wieder im Stehen einzuschlafen. Je wacher ich wurde, desto mehr stieg die Vorfreude auf das Kommende. Nachdem ich die Morgentoilette hinter mich gebracht hatte, kehrte ich ins Schlafzimmer um, schnappte mir meine Rüstung und schleppte sie nach unten, wo mehr Platz war, um sie anzulegen. Unterbekleidung, Rüstungsteile, bis ich damit fertig war, würde es ohne Hilfe zweifellos einige Verrenkungen kosten und etwas länger dauern, aber ich wollte Alin dafür auch nicht gerade davon abhalten selber fertig zu werden.
Etliche Flüche später, sämtliche Teile angelegt, vom Helm einmal abgesehen, die Waffengurte saßen, Alin war ebenfalls fertig, gingen wir hinaus zum Mitteltor. Dort warteten wir auf die anderen, die noch kommen sollten. Mein Blick irrte nochmal nach Osten, der Himmel war dort mittlerweile in ein helleres diffuses Licht getaucht. Es dauerte nicht lange, als wir Schritte vernahmen. Sowohl die Ritterin, als auch Adrian und Sophie gesellten sich zu uns. Nach der üblichen und sich gehörenden respektvollen Begrüßung wurde dann auch nicht allzu viel Zeit verloren und wir setzten uns in Bewegung. Die Absprache lautete: Jeder nach seinem Tempo, Ziel Übungsplatz der Garde vor Rahal.
Ab nun hieß es im Laufschritt gen Rahal, und beim Allmächtigen, die Ritterin legte ein sehr gesundes Tempo vor. Ich war mir nicht so sicher, ob ich da bis zum Ende mithalten konnte. Zu Anfang fiel es mir noch leicht, aber ich wusste nur zu gut, wie schnell sich das ändern würde. Ihr Tempo war definitiv nicht meines, selbst wenn ich allein lief. Soweit war ich sicherlich noch nicht. Aus Vorfreude wurde allmählich Zorn – immerhin auch ein Ansporn. Der richtete sich auf mein Unvermögen und trieb mich ordentlich an. Auch als die Beine zu schmerzen begannen, von der Lunge mal ganz zu schweigen, war ich nicht gewillt nachzulassen.
Der angebrochene Tag versprach erst noch heiß zu werden, aber schon jetzt hatte ich das Gefühl von der Sonne gebraten zu werden, dabei lungerte sie just erst über die Baumkronen hinweg zu uns herüber, und hatte ihre volle Kraft noch nicht annähernd entwickelt. Nach der halben Strecke etwa, stolperte ich dann und wann über meine eigenen Füße, fingerte mit etwas Mühe den Wasserschlauch ab und gönnte mir sowohl einen Schluck, als auch eine kleine Extradusche, lief dabei aber weiter. Ganz mithalten konnte ich nicht mehr und fiel etwas hinter der Ritterin zurück. Inwieweit die anderen mitkamen, bekam ich nicht mal mehr mit. Ich kämpfte meinen stillen Krieg mit den Schmerzen, von denen mein Körper mir erzählte. Dass eine Rüstung so unendlich schwer werden konnte, wusste ich zwar schon, aber selten war es mir so bewusst, wie in diesem Moment.
Auf der letzten Meile atmete ich noch einmal tief ein und bemühte mich aufzuholen. Der Abstand war mittlerweile gehörig geworden, aber klein beigeben wollte ich nicht. Stur, wie ein Esel, kratzte ich die letzten Reserven zusammen und machte etwas mehr Tempo. Der Abstand verringerte sich nur frustrierend schleichend. Als wir an dem Gelände ankamen, sie etwa zwanzig rasende Herzschläge vor mir, wollte ich einfach nur noch sterben. Wie ich mich dazu zwang wenigstens noch eine Weile lang weiter zu gehen und stehen zu bleiben, anstatt mich der länge nach ins Gras fallen zu lassen, hätte ich später nicht mehr sagen können. Eines konnte ich dazu allerdings mit Gewissheit noch sagen: Ich wollte mir diese Blöße einfach ums Verrecken nicht geben.
Geht nicht, gibt’s nicht.
Mir war nur zu klar, dass es damit noch nicht vorbei war. Es stand noch der Waffengang aus. Ich vermutete, ich würde noch mal sterben an diesem Tag, vielleicht auch dreimal, viermal, oder sechsmal. Einerlei wie oft, ich biss mich an meinem Zorn und der Sturheit fest durchhalten zu wollen. Ich leerte den Wasserschlauch fast auf dreiviertel, einen Teil trank ich, einen Teil kippte ich mir einfach über den glühenden Kopf. Die Verschnaufpause sollte nicht lange gehen. Wundervoll. Selbst zum Fluchen fehlte mir noch immer der Atem.
Dennoch, ich griff zu der Übungswaffe, dem Schild und nahm Aufstellung an – und ließ mich am Ende gnadenlos verdreschen, weil ich nicht mal annähernd dazu in der Lage war eine Verteidigung aufrecht zu halten vor Erschöpfung.
Versager.
Ich fand mich irgendwann auf dem Boden wieder, keuchend, unfähig mich zu rühren und hörte nur noch die Worte: „Ihr seid tot.“ Das forderte mir allenfalls ein Grunzen ab. Gefühlt war ich tatsächlich etwa sechs Mal schon gestorben. Alle Sturheit nutzte nichts. Ich vermochte mich einfach nicht mehr zu bewegen. Also blieb ich liegen, bis irgendwer einen Kübel Wasser über mich auskippte und mich prustend und schnaufend hinsetzte. Ich fing an den Tag zu hassen.
- Wer hundert Meilen laufen muss, sagt sich am besten, dass neunzig erst die Hälfte sind.
Aus China