„Schau mal, eine Kröte!“
Verfasst: Dienstag 16. Juli 2013, 15:04
Als sie zu sich kam, dröhnte der jungen Frau der Schädel. Die Augen wollten sich kaum öffnen lassen und als sie es taten, drehte sich alles vor ihnen. Gnädigerweise erfüllte den Raum, in dem sie erwachte, ein dämmeriges Dunkel. Sie unterdrückte ein aufwallendes Gefühl von Übelkeit, richtete sich zu einer halb sitzenden Position auf und versuchte, mit dem Blick einen Punkt festzuhalten.
Da war ein Geräusch ganz dicht links von ihr. Ein paar Schuhe, auf der anderen Seite eines Gitters. Irgendwas ist mit dem einen Fuß. Schwindel überkam sie und um nicht einfach zurück auf den Boden zu sinken, von dem sie nur eine Schicht von Stroh trennte, verlagerte sie das Gewicht und lehnte sich an die Metallstäbe.
Schuhe. Ja, der Alte! Die Kameraden in Berchgard. Der Sire.
Sie hatte den Mann in Berchgard angetroffen. Einen älteren, grauhaarigen Kerl namens Jonathan, der sich auf einen Stock stützte. Obgleich sie schon auf dem Weg war, den Dienst antreten zu wollen, willigte sie ein ihm zu helfen: Seinen Neffen suche er und habe sich auf dem Weg zum Kloster verirrt, gab er an.
Auf dem Weg nach Adoran wollte sie ihm die richtige Abzweigung zeigen und sich dann beeilen, um noch mit den Kameraden, die sie kurz am Osttor Berchgards getroffen hatten, an einer Kampfübung teilzunehmen. Auch dem Sire von Schwertfluren waren sie, zu Marjories großer Freude, über den Weg gelaufen. Doch dann war doch alles anders gekommen.
„Schau mal, eine Kröte!“
Noch ein wenig vor der Stelle entfernt, wo der Weg rechts in Richtung Kloster abzweigte, lenkte der Alte sie kurzzeitig ab und schnappte plötzlich nach ihr... eine Rangelei hatte sich entsponnen, daran erinnerte sie sich.
So ganz wehrlos war Marjorie selbst unbewaffnet nicht, immerhin wurde im Regiment für den Kampf ausgebildet. Aber arglos, wie der Mann schien, hatte sie den ersten Fehler – ihm den Rücken zuzukehren – schon begangen. Er war nicht gebrechlich und schon gar nicht schwach.
Den Gehstock, den der Angreifer zuerst noch an ihre Seite presste und nutzen wollte, um sie am Fliehen zu hindern, musste er ins Gras werfen, um sie trotz des erbitterten Widerstands umklammern zu können. Seine Hand wollte ihr dann ein Tuch auf Mund und Nase pressen... mit einem verdächtig stechenden Geruch, der alle Alarmglöckchen in ihrem Kopf schrillen ließ und den Körper mit mehr als dem füllte, was sie sonst an Kräften aufbieten konnte.
So hatte ihr verzweifelter Versuch, seinen Griff durch einen ablenkenden Schmerz zu lockern, ihm vermutlich mindestens eine Zehe gebrochen. Vielleicht würde er ein paar Tage humpeln.
Trotzdem war es dem Mann schließlich gelungen, ihre zermürbenden, vergeblichen Abwehrversuche zu unterbinden und ihr die Hand so vor die Atemöffnungen zu drücken, dass sie unweigerlich durch das mit seinem Mittel getränkte Tuch Luft holen musste … wenn sie nicht ersticken wollte. Von den Seiten des Blickfelds her begann der Weg zu verschwimmen. Sie wollte noch nach dem vergessen im Gras liegenden Gehstock greifen, doch zu spät. Der Wald dahinter? Ein … dunkler Abgrund, der immer weiter auf sie zuzog, schneller, als sie nun fühlte, wie man sie rückwärts davon weg schleifte. Schließlich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen und ...Schwärze.
Schuhe.
Als sie den Blick bis zum Gesicht des Fremden hinaufwandern ließ, der in den Schuhen steckte, und die Augen zwang sich im Halbdunkel darauf zu fokussieren, revoltierte ihr Magen, und kurz fragte sie sich, ob sie ihm einfach auf die Füße kotzen würde. Das Gesicht kam ihr höchstens vage bekannt vor. Der Alte war es jedenfalls nicht.
Eine Feldflasche tauchte zwischen den Gitterstäben auf und schwebte dort, bis ihr die zu dem Mann gehörende Hand bewusst wurde. Jetzt sprach er, aber alles drang nur wie durch eine dicke Schicht Watte zu ihr durch. Ihre eigenen Versuche, sich verständlich zu machen, wurden auf dem Weg vom Gedanken in ihrem Kopf bis zu dem Wort auf ihren Lippen so verzerrt, dass sie es vorerst aufgab.
Geistesgegenwärtig streckte sie die Hände aus und ergriff die Flasche, schaffte es auch, zwei oder drei Schlucke daraus zu trinken. Wie zufällig setzte sie die Flasche auf der anderen Seite ab, fern des Gitters und Händen, die sie ihr womöglich wieder wegnehmen wollten. Langsam ließ das Schwindelgefühl nach, aber die Übelkeit blieb.
Etwas von „Schmerzen“ drang bis an ihr Ohr. Und ein Name.
Nein, es war kein Traum... und ebenso wenig der schlimmste Kater, den sie je gehabt hatte. Ganz allmählich kehrten noch mehr Fetzen von Erinnerung zu Marjorie zurück, bunt und bildhaft, wie um ihr die eigene Dummheit nur umso deutlicher vor Augen zu führen. Sie tanzten hinter ihren Augen einen Reigen, wisperten mit koboldhaften Stimmen und lachten sie aus.
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Da war ein Geräusch ganz dicht links von ihr. Ein paar Schuhe, auf der anderen Seite eines Gitters. Irgendwas ist mit dem einen Fuß. Schwindel überkam sie und um nicht einfach zurück auf den Boden zu sinken, von dem sie nur eine Schicht von Stroh trennte, verlagerte sie das Gewicht und lehnte sich an die Metallstäbe.
Schuhe. Ja, der Alte! Die Kameraden in Berchgard. Der Sire.
Sie hatte den Mann in Berchgard angetroffen. Einen älteren, grauhaarigen Kerl namens Jonathan, der sich auf einen Stock stützte. Obgleich sie schon auf dem Weg war, den Dienst antreten zu wollen, willigte sie ein ihm zu helfen: Seinen Neffen suche er und habe sich auf dem Weg zum Kloster verirrt, gab er an.
Auf dem Weg nach Adoran wollte sie ihm die richtige Abzweigung zeigen und sich dann beeilen, um noch mit den Kameraden, die sie kurz am Osttor Berchgards getroffen hatten, an einer Kampfübung teilzunehmen. Auch dem Sire von Schwertfluren waren sie, zu Marjories großer Freude, über den Weg gelaufen. Doch dann war doch alles anders gekommen.
„Schau mal, eine Kröte!“
Noch ein wenig vor der Stelle entfernt, wo der Weg rechts in Richtung Kloster abzweigte, lenkte der Alte sie kurzzeitig ab und schnappte plötzlich nach ihr... eine Rangelei hatte sich entsponnen, daran erinnerte sie sich.
So ganz wehrlos war Marjorie selbst unbewaffnet nicht, immerhin wurde im Regiment für den Kampf ausgebildet. Aber arglos, wie der Mann schien, hatte sie den ersten Fehler – ihm den Rücken zuzukehren – schon begangen. Er war nicht gebrechlich und schon gar nicht schwach.
Den Gehstock, den der Angreifer zuerst noch an ihre Seite presste und nutzen wollte, um sie am Fliehen zu hindern, musste er ins Gras werfen, um sie trotz des erbitterten Widerstands umklammern zu können. Seine Hand wollte ihr dann ein Tuch auf Mund und Nase pressen... mit einem verdächtig stechenden Geruch, der alle Alarmglöckchen in ihrem Kopf schrillen ließ und den Körper mit mehr als dem füllte, was sie sonst an Kräften aufbieten konnte.
So hatte ihr verzweifelter Versuch, seinen Griff durch einen ablenkenden Schmerz zu lockern, ihm vermutlich mindestens eine Zehe gebrochen. Vielleicht würde er ein paar Tage humpeln.
Trotzdem war es dem Mann schließlich gelungen, ihre zermürbenden, vergeblichen Abwehrversuche zu unterbinden und ihr die Hand so vor die Atemöffnungen zu drücken, dass sie unweigerlich durch das mit seinem Mittel getränkte Tuch Luft holen musste … wenn sie nicht ersticken wollte. Von den Seiten des Blickfelds her begann der Weg zu verschwimmen. Sie wollte noch nach dem vergessen im Gras liegenden Gehstock greifen, doch zu spät. Der Wald dahinter? Ein … dunkler Abgrund, der immer weiter auf sie zuzog, schneller, als sie nun fühlte, wie man sie rückwärts davon weg schleifte. Schließlich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen und ...Schwärze.
Schuhe.
Als sie den Blick bis zum Gesicht des Fremden hinaufwandern ließ, der in den Schuhen steckte, und die Augen zwang sich im Halbdunkel darauf zu fokussieren, revoltierte ihr Magen, und kurz fragte sie sich, ob sie ihm einfach auf die Füße kotzen würde. Das Gesicht kam ihr höchstens vage bekannt vor. Der Alte war es jedenfalls nicht.
Eine Feldflasche tauchte zwischen den Gitterstäben auf und schwebte dort, bis ihr die zu dem Mann gehörende Hand bewusst wurde. Jetzt sprach er, aber alles drang nur wie durch eine dicke Schicht Watte zu ihr durch. Ihre eigenen Versuche, sich verständlich zu machen, wurden auf dem Weg vom Gedanken in ihrem Kopf bis zu dem Wort auf ihren Lippen so verzerrt, dass sie es vorerst aufgab.
Geistesgegenwärtig streckte sie die Hände aus und ergriff die Flasche, schaffte es auch, zwei oder drei Schlucke daraus zu trinken. Wie zufällig setzte sie die Flasche auf der anderen Seite ab, fern des Gitters und Händen, die sie ihr womöglich wieder wegnehmen wollten. Langsam ließ das Schwindelgefühl nach, aber die Übelkeit blieb.
Etwas von „Schmerzen“ drang bis an ihr Ohr. Und ein Name.
Nein, es war kein Traum... und ebenso wenig der schlimmste Kater, den sie je gehabt hatte. Ganz allmählich kehrten noch mehr Fetzen von Erinnerung zu Marjorie zurück, bunt und bildhaft, wie um ihr die eigene Dummheit nur umso deutlicher vor Augen zu führen. Sie tanzten hinter ihren Augen einen Reigen, wisperten mit koboldhaften Stimmen und lachten sie aus.
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- So fest sitzt keiner, ward er erst gefangen,
wie der aus Witz in Torheit eingegangen.
William Shakespeare