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Gedanken und Taten über einen Werdegang

Verfasst: Mittwoch 10. Juli 2013, 00:07
von Khalida Yazir
Es war bereits das zweite Treffen gewesen, dass der Erhabene mit ihr abgehalten hatte. Die zweite Zusammenkunft, in der er ihr manches bekannte, und manches fremdartige Gedankengut in den Kopf zu pflanzen begann. Auch wenn sie es nicht zugeben würde. Der Zeitraum der zwischen diesen beiden Tagen vergangen war, machten ihr zu schaffen. Die Fülle an Dingen und Geschehnissen die sich dazwischen häuften, liesen das ein oder andere gesprochene Wort wieder verblassen. Er wollte von ihr wissen, ob sie sich über all die Dinge Gedanken gemacht hatte.. hatte sie natürlich nicht. Sie ging nach dem ersten Tag, und schob all die leckeren Ideen beiseite. Ideen, die gerade sie eigentlich hätten jubeln lassen müssen.

Gleichheit. Auch wenn er es nicht so ausgedrückt hatte. Für sie war das ein Lohn, den sie nach all den Jahren im Dienst des Hauses Omar erhalten sollte. Es war so unvorstellbar, dass sie noch immer an der Wahrheit zweifelte. Sie war eine Hierarchie gewohnt, und vor allem war sie die Benachteiligung gewohnt. Es gehörte zu ihrem Leben wie der Lederriemen zu einer Sandale. Wann immer sie einen Soldaten befehligte, stand sie über, oder unter ihm. Aber niemals gab es eine Augenhöhe. Genau das war es aber, was der Erhabene selbst ihr gegenüber aussprach. Gleichheit. Jeden anderen, zu jedem anderen Zeitpunkt, an jedem anderen Ort hätte sie dafür mitleidig belächelt. Bis jetzt war es ihr noch nicht allzu deutlich, dass es nur zwischen einem winzigen Personenkreis so sein würde. Ein Kreis, dem sie niemanden gegenüber jemals erwähnen darf. Überhaupt musste ihr Mund über jedes einzelne Wort was sie sprachen und austauschten versiegelt bleiben.

Erst heute, die letzte Nacht vor der Schlacht, hatte sie Zeit und den Kopf frei, um darüber nachzudenken. Sie war sogar froh drum, sich an diesen Eindrücken festhalten zu können. Neben ihr lag ihr frisch Angetrauter - oder vielmehr ihr neuer Besitzer. Hinter ihr lagen Tage von Quälerei, Freude, Trauer, und Warterei. Und vor ihr? Vielleicht das Ende. Vielleicht eine Gelegenheit. Sicher jedoch ein weiteres Kapitel, entweder für sich - mindestens aber für Menek'Ur. Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln über ihr Gesicht. Rahal würde eine kleine Ewigkeit brauchen, sich von diesem Krieg zu erholen, und vielleicht würden die tanzenden Soldaten aus Adoran die Gelegenheit nutzen um in die Fußstapfen der Janitshare zu treten.

Der Dschinn. Diese Kreatur, dieses Ding, machte sie neugierig. Sie hatte es bei ihrer damaligen Freundin und späteren Esra Safiya schon erleben dürfen. Wie konnte man sich den Körper mit einer fremden Macht teilen? Einer Macht, die man nur mit Bitten und Wünschen kontrollieren konnte. Würde sie sich überhaupt auf ihn - oder sie - verlassen können? Der Emir demonstrierte ihr sein können an einem kleinen Wasserspiel. Eine Schnur aus Wassertropfen hob sich aus dem Wasser, und stob nach wenigen Sekunden einfach wieder auseinander. Eine Spielerei, sie hatte es bei sovielen Liedbegabten schon gesehen. Jala zog sich das Wasser immer aus den Fingern. Sie wollte das mit dem Nuckeln irgendwann nochmal probieren...
Die Esra übte damals mit Wüstensand. Wir schlossen diese winzigen Körner in durchsichtige und undurchsichtige Gefäße, zwangen Safiya sich damit zu beschäftigen. Den Dschinn, sich damit zu beschäftigen. Für gewöhnlich mussten wir beide danach den Sand aus dem Mund und jeder Körperritze spülen - und die Rüstung putzen. Die Esra hatte schon einen verdammt ungnädigen Geist erwischt. Zumindest hatte er seine eigene Art von Humor wenn man ihn lies.
Über diese Liedgeister brannten ihr noch Fragen auf der Zunge. Aber sie schämte sich davor, sie zu stellen. Sie waren sehr persönlich, eigen, nichts was sie sich trauen würde den Erhabenen zu fragen. Noch jedenfalls nicht.

Langsam drückte sie sich hoch. Eigentlich hatte sie Amar versprochen, ihn diese Nacht richtig zu quälen. Er hatte sie immernoch nicht angefasst, und würde es diese Nacht ziemlich sicher auch nicht. Sie verschwand still und heimlich aus dem Zimmer. Der Erhabene hatte ihr einen Auftrag gegeben. Zwar sagte er, es gäbe keine Prüfungen, aber so ganz richtig war das wohl nicht. Sie sollte in den Palast, ohne gesehen zu werden und ihm seinen Dolch wiederbringen den er in einem der Blumentöpfe zurücklassen würde. Es war ein bisschen lächerlich, dass ausgerechnet sie in den Palast einbrechen sollte. Die Schlüssel musste sie dank ihres vorlauten Mundwerkes und dummen Grinsens abgeben. Wäre auch zu einfach gewesen. So blieb ihr entweder der Weg durch den Palastgarten, durch den Haupteingang, durch die Oase oder.. über die Stadtmauer.
Der Haupteingang war zu gefährlich. Wachen davor, Wachen im Thronsaal. Sie konnte sich nicht unsichtbar machen, bestenfalls mit Magie und Alchemie, und das verbot ihr für diesen Auftrag der eigene Spieltrieb.
Nass werden wollte sie auch nicht. Damit fiel auch der Weg durch die Oase aus. Abgesehen davon: Niemals hätte sie sich durch die Ein -und Auslässe im Palast zwängen können. Da würde sie Werkzeuge für brauchen. Der Erhabene hätte sicher Verständnis dafür gehabt, wenn sie sein Badezimmer ramponiert
Der Palastgarten war verlockend, aber die Stadtmauer noch viel einfacher. Sie kannte die Wachwechsel, und sie kannte ihre Soldaten. Rauf auf den Turm im richtigen Moment und von dort aus dann weiter über den Dach des Palastes. Das Zurechtfinden in den Gängen war das kleinste Übel, das holen des Dolches auch keine große Schwierigkeit. Was sie nicht genau wußte, wie der Erhabene auf die Art und Weise, wie sie ihm den Dolch zurückbrachte, reagieren würde. Eine frische Dattel fand sie im Palastgarten. Sie wurde vorsichtig an einer Seite geöffnet, und der Kern mit dem Dolch herausgepuhlt. Diese drei Sachen brachte sie dann in die privaten Gemächer des Erhabenen. Die Dattel legte sie auf das hölzerne Wandregal, und mit dem Dolch durchbohrte sie den Kern, und stieß Den Dolch dann mit sanfter Gewalt in das Holz, auf dass er aufrecht und gut sichtbar stecken blieb.
Ihre Arbeit war getan. Vor Jahren hätte sie den Rest der Nacht vermutlich im Harem des Emirs verbracht. Darauf würde sie heute "ausnahsmweise" verzichten.

Verfasst: Samstag 11. Januar 2014, 01:56
von Khalida Yazir
Sie konnte nicht von sich behaupten, einem langweiligen Leben unterworfen gewesen zu sein. Wenn es auch immer einer gewissen Ordnung unterlag, so fehlte ihr doch die beständige Richtung - oder sie war einfach unfähig eben Jene mit eigener Kraft eizuhalten. Vielleicht sollte sie das auch gar nicht, von wollen konnte jedenfalls keine Rede sein. In frühen Jahren bereits in den Dienste des Palastes, hatte sie nicht nur Herrscher kommen und gehen sehen, und auch heute noch durfte sie, nicht ganz ohne Stolz, die Geschichten über die Vergangenen Helden manchesmal erzählen. Namen von großer Bedeutung - zumindest für sie und dem sich schlängelnden Pfad den sie ihr Leben nannte. Dennoch, mit jedem Jahr was sich zur ihrer verronnenen Zeit gesellte, wuchs auch die Verantwortung, und mit ihr - ob sie es wollte oder nicht - auch die Beständigkeit.

Hin und wieder sehnte sie sich nach den Tagen, wo es gleichgültig schien was sie tat, wo Konsequenzen nicht bedacht, und eine Strafe eher noch wie ein an und vorwärtstreibender Stachel empfunden wurde. Das Leben in der Perle der Wüste schnürte ein Korsett, gleichsam eng wie nachgiebig. Das durfte sie schon öfter spüren, aber dafür lag so vieles plötzlich nah beieinander. Nur hier konnte man die Geschicke und Entscheidungen vollends verstehen oder sogar ein Teil von ihnen werden. Der Erhabene Ghadir Tazim ermöglichte ihr diesen Weg, und wie die meisten großen Männer in ihrem Leben gab auch er ihr wieder eine Richtung vor. Meist mit Worten, manchmal mit Befehlen, und hin und wieder auch mit einem Stock, der eine ähnliche Nachgiebigkeit hatte wie die feste Schnürung. Verdammt wenig.

Sie hatte ihre Schwierigkeit, sich auf das Thema einzustellen, was er heute mit ihr besprechen wollte. Den Glauben. Etwas was sie instinktiv tat, etwas was ihr einfach richtig erschien, wie das Atmen oder Laufen. Was sollte sie dazu sagen, darüber sprechen? Der Glaube erschien ihr vertraut, solang man sie nicht nach ihren Beweggründen und Motiven fragte. Dann wurde es schwierig. Der Grund warum sie kämpfte waren diejenigen die mit ihr standen. Ihre Familie, das Hause Omar, Menek'Ur. Vielleicht mochte sie die Ifrey im Moment nicht sonderlich und hatte sie auch mit den Bashir hier und da so ihre Probleme. Doch alles war notwendig um dort zu sein, wo sie jetzt waren. Ein gewisser Wettstreit zwischen den Häusern war wichtig. Ohne ihn würden sie anfangen im eigenen Saft zu schmoren. Grenzwarth war notwendig. Es hielt die Soldaten in Lohn und Brot und sie sahen einen Sinn in ihrem Dasein. Sie wußten wofür sie kämpften, sie hatten einen Feind, und damit eine Bestimmung. Aber der Grund warum sie Gebete sprach? Es war ihr selten ein Bedürfnis, meist wenn sie völlig allein war, und das war selten geworden. Sie hasste nichts mehr als einen ganzen Raum für sich alleine zu haben. Aber an Eluiv' hatte sie in diesen Augenblicken nie gedacht. Ein Fehler? Unwissenheit? Ein bisschen von beidem vermutlich. Zumindest die Fragen brachten sie dazu, darüber nachzudenken. Die Wunder die die Göttin ihnen jeden Tag schenkte, nicht immer als gegeben hinzunehmen. Sie liebte das Leben, und sie genoss und nahm aus vollen Zügen. Und Eluiv' gab.

Es hatte seine Zeit gebraucht, bis diese Erkenntnis sich ein wenig wandelte. Eluive stand für Wärme, Geborgenheit, Zuversicht und Leben. Khalida war der festen Überzeugung, dass alles, wenn die Göttin selbst es denn wollte, nach ihrem Plan verlief. Die Prehaatim Nazeeya fasste all das auch meist in nur einem Wort zusammen: Harmonie. Sie mochte Harmonie. Aber wie alles im Leben, hat Schönheit seinen Preis. Zu erhalten und bewahren, was einst als vollendeter Kreis geschenkt wurde, war eine Aufgabe. Eine, die von außen nicht immer mit Eluive in Einklang gebracht werden konnte. Wer verband eine Mutter schon mit Gewalt, mit Krieg oder grausamen Notwendigkeiten? Der Erhabene hatte ihr bereits gesagt, dass mehr dazugehört die Kinder der Wüste zu beschützen als das bloße Gebet. Aber warum nur musste ihr diese Erinnerung immer bei einer Niederlage kommen?

Verfasst: Samstag 1. Februar 2014, 23:19
von Khalida Yazir
Wieder vergingen einige Tage, Tage in denen sie dem Kampf mit dem Säbel frönte, und der ein oder anderen Auseinandersetzung mit den Männern ihres Hauses - allen voran ihrem Angetrauten Amar. Wenngleich sie wusste, wie wahnsinnig ihn die ständigen Reibereien machten, konnte sie doch nicht ohne - der Reiz das Fass zum Überlaufen zu bringen, war einfach zu verlockend.
Nachdem Ghadir sich den Visionen und der Zukunft des Landes zugetan hatte, und damit aus dem öffentlichen Leben nahezu vollständig verschwunden war, nahm sich Imraan ihrer an, und das gleich mit einer Aufgabe, die ihr eher die Tränen der Verzweiflung trieb, anstelle des freudigen Lächelns wie man eigentlich vermutet hätte.
Sie sollte - ausgerechnet! - Dazen Wolfseiche einen Besuch abstatten. Als hätte sie mit diesem Quälgeist nicht genug Ärger. Vergiftete Federn einer Blutharpie, noch frisch glänzend mit dem roten Lebenssaft aus deren eigenen Wunden, sollte sie in dessen Wohnhaus verteilen. Sie stand vor einem Problem, dessen Lösung im ersten Moment irgendwo weit am Horizont schien. Mit Jala und Anisah hatte sie immerhin zwei kundige Freundinnen, die ihr bei dem Problem mit dem Gift helfen konnten. Denn ein einfaches, todbringendes Gift wäre ja zu einfach gewesen. Das was für Dazen angedacht war, sollte ihm für einige - möglichst viele Stunden - sein loses Mundwerk lähmen. Aber er würde wohl kaum an den Federn anfangen herumzulutschen, wenn er sie in der Wohnung fände. Die beiden selbsternannten Kräuterfeen präsentierten ihr dann auch eine aktzeptable Lösung: Ein bestimmter Pilz mit Sporen. Sie selbst wußte absolut nichts darüber, aber eine gewisse Dummheit und Ignoranz war ihr ohnehin in die Wiege gelegt worden. Teufelsbovist nannte man ihn, aber wo er genau zu finden war, das konnten sie ihr nicht verrraten - nur Vermutungen mitteilen: Nilzadan. Wenn es irgendwo Pilze im Überfluss gab, dann dort. Sollten die Sporen inhaliert und eingeamtet werden, würden sie dem armen Atmenden den ein oder anderen Muskel im Mund entgleißen lassen, für die ein oder andere Stunde. Sie würde dem ganzen Wunsch von Imraan wohl nicht nachkommen können. Keine frischen, blutigen Federn, es würde die Sporen verkleben, und kein richtiges Gift - aber den Sinn würde es wohl trotzdem nicht verfehlen.

Verfasst: Freitag 7. Februar 2014, 01:49
von Khalida Yazir
Ziemlich dunkel war es in Nilzadan, aber mit einer von Anisahs Drogen wurde das wenige, verfügbare Licht von den erweiterten Pupillen aufgenommen. Es war vermutlich ihr Glück, dass die Zwerge sich wenig um die Pilze in ihrem Land kümmerten, so brauchten sie keine Angst haben für Diebe gehalten zu werden. Komische Blicke würden sie trotzdem ernten. 3 Menekanerinnen, die suchend durch die hochgewachsenen Pilze und Felsen wanderten, und Pilze untersuchten. Zuerst bemühten sie sich um ein kalurischen Führer, aber wahrscheinlich konnten die kräftigen Kurzen das Vorhaben riechen, und hielten sich wohlweislich mit Hilfe zurück. Auf sich allein gestellt, folgten sie den Schienen und Wegen, bis sie in einer trockenen Steinkolonie schließlich fündig wurden: Kaum von einem der grauen Steine zu unterscheiden, wuchs der Teufelsbovist zwischen ihnen. Ein Schlag oder Erschütterung würde genügen, um ihn aufplatzen zu lassen. Und dann? Dann würde er seine lähmende Sporen freigeben, die sich hoffentlich in dem feuchten Mund und Rachenraum eines Opfers festsetzen um dann selbst den fleißigsten Redner mit einer feuchten Aussprache zu segnen. Jetzt galt es aber erstmal den explosiven Körper sicher nach Menek'Ur zu bringen. Jala formte aus dem Dreck und Matsch eine irdene Hülle, die am Ende den gesamten abgetrennten Riesenpilz umschloss. Vom Aussehen her glich er einer riesigen, glatten Kartoffel oder einem aufgeblähten Sitzkissen. Kaum auszudenken was passieren könnte, würde man eine volle Ladung der Sporen einatmet. Vielleicht war ein menschlicher, erstickter Körper der beste Nährboden...?
Zuhause würden sie ihn vorsichtig in einem feuchten, großen Ledersack mit einem Schlag öffnen und warten, bis der Staub in dem Beutel sich beruhigt. Der Rest war nur noch fleißarbeit für ruhige Hände.

Der Körper und die Sinne

Verfasst: Sonntag 8. Juni 2014, 18:45
von Gast
Der Körper

Ein Sprichwort besagt: "Man solle darum beten, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei." An diesen Tagen war es unschwer zu erkennen, wieviel die Kombination aus beidem Wert war. Ein Schnitt, solang wie eine Handfläche breit war, raubte ihr nicht nur den Schlaf für einige Tage, sondern schwächte auch ihren Leib unter wachsenden Entbehrungen. Das Essen schmeckte nicht, kam nach nichtmal einer Stunde sowieso den Weg zurück, den es beim Essen genonmmen hatte. Gerade einmal wässrige Suppe oder Wasser selbst blieb, wo sie es haben wollte. Der erste Tag war noch der Erträglichste gewesen, wenn man von den Lügen absah, die sie ihrer Familie auftischte um von der Verletzung abzulenken. Zumindest hatte sie den Tag ausgeruht begonnen und es übte eine gewisse Faszination aus zuzusehen, wie das Gift die Adern rund um die Schnittlinie dunkler färbte. Jetzt lächelte sie noch über Imraans Worte, der sie schon früh darauf hinwies, dass es eine schwierige Prüfung werden würde. Davon war jetzt noch nichts zu merken. Ja, das sie nichts mehr zu essen vermochte hinterlies im wahrsten Sinne des Wortes einen faden Geschmack am Ende - Immerhin hatte sie es wenigstens einmal ausprobiert. Aber welcher Janitschar hatte nicht schon die Entbehrungen erlebt, wenn das Essen einmal ausblieb. Noch war auch die Sorge ihrer Familie ein störendes Detail, auf dass sie lieber verzichtet hätte. Selbst in Atiyas Worte trugen eine gewisse Sorge mit sich. Allerdings könnte das auch der Angst geschuldet sein, dass sie einen neuen Herren bekam, der weniger vorsichtig mit ihr umging - Khalida wußte es nicht. Erst in der Nacht dämmerte ihr, was der Kalif da wirklich mit seinem Dolch in ihre Venen injiziert hatte. Sie fing an die gleichmäßigen Atemzüge der anderen Frauen im großen Zimmer zu zählen wie manch anderer die Schäfchen, doch Schlaf war ihr nicht vergönnt.
So erwachte sie auch am nächsten Tag, wie gerädert, und zu der Schlaflosigkeit stellte sich auch noch ein anderes Gefühl ein. Hitze. Es war, als würde sie jemand zur besten Mittagszeit in der prallen Sonne im Sand herumwälzen. Sie legte keinen großen Wert darauf, das Frauenzimemr in diesem fiebrigen Zustand zu verlassen und war dankbar, dass die Sklavin ihr ein paar kühlende Tücher und kaltes Wasser bereithielt. Es war erst der zweite Tag, und die Augen lagen schon in tiefen Höhlen und selbst ein Schleier konnte nicht mehr über den körperlichen Zustand hinwegtäuschen. Am dritten Tag wußte sie, wie ein Zombie sich fühlen musste. Der eigene Verstand wie hinter einer Mauer eingesperrt, kratzte ab und an daran um an die Oberfläche zu gelangen und alles in ihr wollte nur eins: Schlafen. Aber sie konnte nicht. Selbst das sprechen fiel ihr schwer, die Zunge fühlte sich an wie ein tauber Klotz der ihr eher in die Kehle rutschen würde, als Worte zu formen. Was sagte Imraan noch gleich, als er sie verabschiedete? Sie solle um die Gnade der Göttin beten. Das Lächeln war ihr vergangen. und sie hätte ein paar Finger für einige Stunden traumlosen Schlaf gegeben. Es sollte ihr erst hinterher bewußt werden, wie oft ihr Gefühl an diesen Tagen zwischen Gleichgültigkeit, wofür sie sich selbst am meisten hasste und Hilflosigkeit, dafür machte sie Imraan verantwortlich, schwankte. Aber all das würde ihr Nichts nutzen. Sie hatte eingewilligt und selbst wenn es ein Gegengift gab war es schon seit Tagen zu spät. Es hatte sich im ganzen Körper ausgebreitet und selbst der stärkste Aderlass würde es nicht aus ihr herausbekommen. So blieb sie einfach liegen und versuchte am Leben zu bleiben, während sie unter den kühlenden Tüchern ruhelos die Augen schloss.

Die Sinne
Eluive hatte sie am Leben gelassen, und dafür war sie dankbar. Trotzdem wollte sie sich nicht die Blöße geben und Schwäche zeigen. Schon gar nicht vor dem Kalifen. So stand sie alsbald wieder in einem großen, fast leeren, dunklen Raum tief unter dem Tempel mit ihm, und einem großen Beutel. In dem Moment ahnte sie noch nicht, dass die Dunkelheit für die nächsten Tage ihr Begleiter sein würde. Genauso wie einige Schrammen und Beulen. Eine Übung mit Augenbinde? Das kannte sie schon, er hatte sie schon einmal den Weg nur mit Fingerspitzengefühl aus den langen Gängen des Tempels zurück nach oben finden lassen. Natürlich protestierte sie nicht, wer nahm denn nicht gerne einfache Aufgaben an. Die Selbstsicherheit verschwand allerdings in dem Moment, als der Kalif anfing sie mit Nüssen zu bewerfen. Großen, schweren Kokosnüssen. Der Säbel in den Händen der sonst Sicherheit versprach, kam ihr jetzt so sinnvoll vor wie die Rute in den Händen von Kindern, die den großen Janitscharen nacheiferten. Das Ausweichen solcher Geschosse war noch der größte Erfolg den sie verbuchen konnte, während viele andere sie am Körper trafen und schmerzhafte, blaue Flecken hinterliesen. Sie sehnte das Ende der Munition so langsam herbei, denn sogut ihre Ohren die Dunkelheit nun auch schon durchdringen konnten, und so sehr sie sich auch bemühte den sich bewegenden Füßen von Imraan zu folgen, so aussichtslos war doch das espern nach den hartummantelten Wurfgeschossen. Einmal machte sie den Fehler, und raffte eine der Nüsse die sie mit dem Schild auf ihrem Rücken abfing an sich, und schmiss sie grob in die Richtung wo sie den Kalifen in diesem Moment vermutete. Das Ergebnis war ein Stakatto. Das einzig gute daran war, dass der Beutel danach endgültig leer war. Das Schlechte, dass sie gar keine Chance mehr hatte auch nur einer einzigen Nuss auszuweichen, geschweige denn mit dem Säbel abzuwehren.
Sie hätte sich denken können, dass alle Aufgaben die er ihr auferlegte nicht mehr in ein paar Minuten oder Stunden zu erfüllen waren. Auch diesmal schickte er sie mit der künstlichen Behinderung nach Hause. Wieder musste sie die Familie über die Herkunft dieser Verletzung belügen. Es brauchte keine Sehkraft um zu bemerken, dass man ihr diese Geheimnistuerei und das abwehrende Verhalten auf Fragen und Griffe unter die Augenbinde nicht mehr wirklich glaubte. Dennoch lies man Khalida damit durchkommen, sie würde sich schon bemerkbar machen, wenn sie nicht mehr zurecht käme. Helfende Hände führten sie auch häufig zu den gewünschten Orten, und das ohnehin schon vertraute Familienhaus war kein Ort wo sie viel Hilfe brauchte. Sie war erstaunt, wie schnell sich die Ohren an die zusätzliche Belastung gewöhnten, wie schnell sie ein Gefühl dafür bekam, wann ein Hindernis vor ihr auftauchte. Besonders Hilfreich waren die Anfänge, wenn sie gegen die Front oder den Rücken eines Familienmitglieds lief, die da nicht hätten stehen sollen, oder Kleinigkeiten und Unordnung, die irgendwer - vermutlich sogar die Blinde selbst - auf dem Boden herumliegen liesen. Es brauchte ein paar Tage, bis sie sich trotz der Augenbinde wieder der Rüstung und Waffen annahm. Erste Übungskämpfe mit Holz und Leder auf dem Kasernengelände gaben ein vages Gefühl über den Säbelkampf zurück. Trotzdem war unverkennbar, dass fehlendes Augenlicht durch die anderen Sinne nicht auszugleichen war. Soviel sie auch halfen, sie würden sie gegenüber einem gleichstarken Gegner wie einen unbeholfenen Zwerg wirken lassen, der leicht zu entwaffnen, und noch leichter zu töten war. Es würde unglaublich viel Training, Jahre, brauchen, um die alte Stärke zu erlangen.
Sie war dankbar über den Moment, als Imraan sie zu sich zitierte, um ihr den verlorenen Sinn zurückzugeben. Er lies es sich natürlich nicht nehmen, wieder einen Sack mit Nüssen mitzuschleppen und das Spielchen vergangener Tage mit der Blinden erneut zu führen. Sie fühlte das sie mit den Hieben näher war, als das letzte mal - tat trotzdem weh, wenn die hartschaligen Nüsse trafen.
Zu kämpfen, zu schützen, und vor allem loyal dienen zu können, selbst wenn einem die Sinne schwinden, Unsicherheit oder vielleicht sogar Angst den Körper lähmen, das würde er sie lehren. Es war eine unblutige Variante, ihr Häppchenweise Fähigkeiten abzuhacken. Nur dann würde sie lernen, den Rest voll auszuschöpfen.
Auch Tage danach noch, wiederholte sie die Übung, heimlich, mit Atiya - nur mit Datteln, anstelle mit Nüssen. Immerhin waren die deutlich schwieriger zu treffen.

Verfasst: Sonntag 3. August 2014, 10:05
von Gast
Der vertraute Anblick der goldenen Sonnenscheibe am Himmel lies sie die gleichzeitige erbarmungslose Hitze für einen Moment vergessen. Die Stockhiebe von Imraan, die sie Tags davor durch eigenes Unvermögen erwischt hatten, schienen die Sonne voller Inbrunst in diesen Momenten anzubeten - oder sie verhöhnten auch einfach nur ihre Trägerin durch beständiges, leichtes, heilendes Pochen. So schnell sie auch war, so kräftig sie - zumindest für eine Frau - auch ist, und sämtlicher Erfahrung zum Trotz: Die Übungen mit Imraan hinterliesen öfter ein Gefühl, als wäre sie gerade verprügelt worden. Auf einem schmalen Grad sollte sie laufen und einen Becher der fast bis zum Rand mit Wasser gefüllt war zum anderen Ende bringen. Ein Tropfen auf dem Boden bedeutete die Niederlage. Eine einfache Aufgabe, wäre da nicht dieser Kalif gewesen der gezielt auf Beine, Schenkel, Po, Rücken oder Brust mit einem langen Stock zielte, immer darauf bedacht die balancierende Janitschar zum Straucheln zu bringen.

Die ersten Schritte lies er es langsam angehen, die Schläge kamen tief, einfach zu überwinden. Auch noch die Schläge von hinten waren das kleinere Übel - nach vorne ausweichen brachten sie schließlich nur ihrem Ziel näher. Aber als der Stock dann um seinen Körper kreiste, und sie von vorn in den Bauch traf, lief ihr das Wasser schon über die Hand. Der Schmerz das 'Spiel' verloren zu haben war in dem Moment präsenter als die Tatsache, dass sie gerade jemand mit einem Stock geschlagen hatte. Einem letzten, rettenden Reflex folgend schlürfte sie das Wasser von der Hand und einen Teil aus dem Becher. Schade nur, dass Imraan diesen Plan nicht gelten lies. Einen Emir könnte man sich im Zweifel auch nicht einverleiben um ihn zu schützen. Wie immer ging sie mit einer Niederlage nach Hause, wenn sie von ihm kam. Aber es wäre auch zuviel erwartet gewesen, ihren Lehrmeister in seinen Aufgaben zu schlagen, zumal es auch ein durchaus schlechtes Zeichen gewesen wäre.

Im Familienhaus angekommen war Jala die Erste, die ihr über den Weg lief. Meistens guter Dinge, war ihre Laune auch in diesem Moment ansteckend. Sie war auch die Erste die sich das Leiden Khalidas anhören durfte. Natürlich nicht die Niederlage an sich, sondern vielmehr die Suche nach einer Lösung. Wie weicht man mit üppiger Bewaffnung, einem Becher voll Wasser in der Hand und einem schmalen Grad folgend einem Widersacher aus? Der sie auch noch genau in der Höhe schlug, wo man sich weder anständig wegducken, noch drüberspringen konnte - ohne alles zu verschütten oder trinken zu müssen.

Mit dem Aussichtspunkt am Handelsweg fanden die zwei einen geeigneten Platz. Khalida hätte mit der zweiten Frau ihres Mannes lieber ein paar andere Dinge getan, aber man konnte die Zeit zusammen auch schlechter verschwenden. Die etwas jüngere Gelehrte brauchte nichtmal ihre Zauberei, um hilfreich zu sein. Stattdessen zeigte sie ihr etwas, was vermutlich jeder Wasserträger wußte und schonmal beobachtet hatte, ohne es irgendwie auskosten zu können. Das Wasser konnte im Becher bleiben, selbst wenn man ihn umdrehte. Solang die Bewegungen schnell genug waren und das Nass durch geschicktes Schleudern gegen den Gefäßboden gepresst wurde. Es enthob sie einer Schwierigkeit: den Becher in der Waage halten zu müssen. Es gab ihr, bis auf ein paar Einschränkungen, fast einen ganzen Arm zurück. Trotzdem klang alles einfacher als es am Ende werden würde. Sie war keine Säbeltänzerin, eigentlich war sie überhaupt keine Tänzerin. Diesen Teil ihrer Kultur hatte sie immer den richtigen Frauen überlassen - und genau zu jenen würde sie jetzt gehen müssen. Die ein oder andere Frau die im Harem dient oder gedient hat, würde ihr sicher ein paar Lehrstunden geben.

Verfasst: Montag 11. August 2014, 12:40
von Gast
Man hatte ihm einen Rohling hingeworfen, den er nun bearbeiten musste. Seine Fertigkeiten als Lehrmeister waren schon einige Male geprüft worden, doch in diesem speziellen Weg hatte er zuvor noch keine Schüler. Damals war es Aasim, der dafür zuständig war. Er dachte, dass eigentlich Ghadir sich um die Ausbildung kümmern würde, doch dieser war schon seit etlichen Mondläufen verloren. Jetzt hatte er diesen harten Brocken vor sich. Khalida war stur und sicherlich auch gewissenhaft, wenn es darum ging bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Sie konnte einem der Wüstensöhne absolut Konkurrenz machen, was die Diskussionen mit ihr nicht einfach machte. Sie war immer noch eine Natifah, auch wenn sie sich nicht so sah.

Er musste sich an seine Ausbildung zurück erinnern, als es hieß, dass er tatsächlich dem Orden beitreten sollte. Heute leitete er ihn, wobei bei der Anzahl der Mitglieder das kein wirklich großes Hexenwerk war. So war es allerdings schon immer. Man konnte an einer Hand abzählen, welche Ordensbrüder oder Schwestern er wirklich erleben durfte. Allerdings war das auch genau der Punkt - die Ausbildung war hart, die Dschinn wählten mit Bedacht aus. Kriterien, die einem nicht viel Auswahl bei der Aufnahme eines Schülers lassen. Was gehörte wirklich zur Ausbildung? Man musste sich spezialisieren - das Wesentliche filtern und aufnehmen. Glauben, Magie, Kriegskunst. Von allem etwas musste einverleibt werden, um dieses schnell und korrekt einsetzen zu können.

Sie hatte ihre Ausbildung durch die Palastwache erhalten und konnte inzwischen selbst Unterricht geben. Damit war sie für ihre Loyalität ausgezeichnet worden. Sie hatte das Recht einen Sandläufer reiten zu dürfen. In der Vergangenheit stand sie den Omar immer zur Seite. Manchmal mit Säbel und Schild, andere Male mit ihrem viel zu vorlauten Mundwerk. Darauf hatte er sie schon mehrfach hingewiesen, doch offenbar gab es diese spezielle Riege bei den Yazir, die so waren und die man nicht mehr erziehen konnte. Eine davon hatte er sogar geheiratet.

Die letzten Mondläufe hatte er ihren Körper an die Leistungsgrenze getrieben. Nur wenn man seine Grenzen kennt, kann man diese auch ausreizen und weiter entwickeln. Das Gift sollte ihren Körper auf äußere Einflüsse dieser Art vorbereiten. Sie würde dadurch sicherlich keine Resistenz oder Immunität aufbauen, doch sollte sie sich dieser Lage rechtzeitig bewusst sein, um später den Dschinn eingreifen zu lassen. Die Sinne wurden ihr nacheinander geraubt, damit sie geschickt und schnell auf andere Mittel ausweichen konnte. Gehör ersetzte die Sicht und so ließ er sie tagelang in der Dunkelheit umher irren. Nachsicht durfte er keine zeigen, so wie sie auch ihm nicht gezeigt wurde. Er hatte Balanceakte von ihr gefordert und sie mit Stockhieben bestraft, wenn sie ihre Aufgaben nicht erfüllte. Das waren alte Lehrmethoden, die jeder moderne Ausbilder wohl scheute. So war jedoch auch sein Orden. Seine Ahnen hatten ihn gegründet und sind zusammen gestorben. Er wurde nach den alten Traditionen gegründet und die Dschinn sahen es mit Wohlgefallen. Das war der richtige Impuls, um auch ihm zu zeigen, dass das der einzig richtige Weg ist. Alte Methoden für alten Ruhm.

Die Ausbildung würde weiter gehen, auch wenn er glaubte, dass er sie bald an diesem Punkt hatte. Er hoffte, dass er diesen einen Gefährten für sie finde würde. Die Liedgeister mussten nur gehört werden.

Verfasst: Samstag 23. August 2014, 21:00
von Gast
Es war schon einige Tage her, seit sie mit dem noch-Kalifen eine Nacht in der Oase verbracht hat. Doch selbst jetzt noch, Tage danach, kamen die Erinnerungen Stückweise hoch. Bisher hatte sie mit niemandem über das gesprochen, was an diesem Abend genau passiert war, und in den falschen Ohren konnte es sicher auch mehr als leicht falsch verstanden werden. Es war nichts, was man mit Worten treffend hätte beschreiben können, oder worauf es eine gute Vorbereitung gegeben hätte. Er hatte sie auf eine Reise mitgenommen...

Sie hockten beide am Rand der Oase. Sie roch die Blumen und Pflanzen, wenn sie sich darauf konzentrierte. Sie hörte das leise Rauschen und Glucksen der winzigen Wellen, wenn sie darauf lauschte. Sie fühlte den lauen Wind auf der Haut, wenn sie sich entspannte. Es war keine einfache Aufgabe, alles und nichts auf sich wirken zu lassen und sie dämmerte lange vor sich hin, vertrieb aufkeimende Gedanken und machte ihren Geist frei. Frei, damit der Kalif das was ohne Körper noch übrig blieb packen konnte.

Die Welt in die er sie brachte war eine Düstere, das wovor sich die Kinder fürchteten, und die Alten in ihren Spukgeschichten warnten. Das Erste was sie bewußt wahrnahm, waren graue Schleier, die wie Leviathane durch ihr Blickfeld zogen und von grellen Lichtblitzen Stellenweise aufrissen um dann auseinander zu treiben. All das geschah so gleichmäßig und fließend, dass es ihr zu beginn schwerfiel, Anfang und Ende der nebulösen Wesen zu bestimmen, und doch unterlag alles einer gewissen Ordnung. Sie wußte nicht, ob es an ihrer Anwesenheit lag, dass sich die Szenerie in ihrem unmittelbarem Umfeld langsam etwas beruhigte. Sie hatte die Vermutung, dass sie ein wenig Rücksicht auf die Gäste nahmen, oder Imraan sorgte auf irgend eine verdrehte Art und Weise dafür, dass die Sinne seines Schützlings langsam die Situation durchdrangen. Aber je mehr sich die einzelnen Formen wahrnehmen liesen, umso erdückender und größer schien die Last zu werden, die auf sie niederdrückte. Wenn es einen Ort gab, an dem Gegensätze miteinander existieren konnten, dann war es hier. Die eigene Neugierde wurde dann auch regelrecht hinweggefegt, und machte einer Regung platz, von der sie nicht wußte, dass sie dazu noch fähig war: Angst. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal gefürchtet hat, aber jetzt kroch ihr die Kälte in jede Faser. Mit jeder Sekunde wurde ihr mehr und mehr bewußt, dass nicht sie es war, die hier etwas zu entscheiden hatte oder jetzt noch einen Einfluss auf das Geschehen hatte. Der Erhabene hatte sie mit hierher gebracht. Nicht damit sie eine Wahl treffen konnte, sondern damit sie gewogen würde. Sie würden keine Rücksicht nehmen, kein Mitgefühl, und keine Gnade würde man ihr gewähren, wenn sie in dieser Prüfung versagte.

Je mehr sich das Bild vor ihrem geistigen Auge beruhigte, umso öfter glaubte sie Worte zu hören. Nein, nicht zu hören. Sie entstanden direkt in ihrem Kopf. Verräterin., hallte es für einige Sekunden in ihrem Kopf wieder. Mörderin. und mit jedem Wort, jedem Begriff, schien eine glühende Nadel in ihren Körper gejagt zu werden. Aggressiv. Sie wollte sich krümmen, zurück zu ihrem Körper, und dieser Hölle entkommen. Feigling. hämmerte es daraufhin in ihrem Schädel wieder, und erst jetzt wurde ihr bewußt, dass kein Gedanke und keine Regung an diesem Ort verborgen blieb. Sie war wie eine durchsichtige Wand, in der man jede Unreinheit, jeden Riss und jeden Makel erkennen konnte. Aber hatte sie nicht schon genug bewiesen? Hatte sie nicht dem Volke Menek'Urs und dem Hause Omar stets treu gedient? Stärke. Das hatte sie. Ihr halbes Leben stand sie schon im Dienste des Palastes und führte den Säbel wie kaum eine andere. Das heute war keine Schlacht, die sie bereit war zu verlieren. Sie würde dem Kalifen keine Enttäuschung sein.Loyal. Erst jetzt bemerkte sie, dass es nicht eine Stimme war, die ihr die Worte in den Kopf pflanzte, sondern eine Vielzahl. Sie schienen sich von einem Moment ihres Lebens zum Nächsten zu arbeiten und filetierten alles minutiös. Hungrig. Lächelte sie gerade? War sie zu einer solchen Regung in dieser Umgebung fähig? Sie wußte genau, dass sie sich nicht auf das Loch in ihrem Magen bezogen, sondern ihre Gier nach Einfluss und Bestimmung. Aber sie wußte damit umzugehen, und so selbstgefällig sie auch war, so zielstrebig war sie in dem, was sie tat.

Langsam verblassten die Eindrücke, und ihr wurde einmal mehr klar, warum sie der Meditation bisher nichts abgewinnen konnte. Sie fühlte sich weder ausgeruht, noch ausgewogen, noch in irgend einer Weise erfrischt. Sie war aufgewühlt und durcheinander, und es würde eine Weile brauchen, bis sie alles verarbeitet hatte. Imraan konnte ihr jetzt nicht weiterhelfen, vielleicht hatte er nicht einmal das Selbe gehört und gesehen wie sie. Aber zumindest wußte er, wie es um sie stand. Er stellte keine Fragen. Er war nicht einmal mehr da, als sie sich taumelnd erhob und ihre kribbelnden Gliedmaßen rieb und das Leben in ihren Körper zurückkehren fühlte. Am Ende wußte sie nicht einmal mehr, wie sie an das andere Ende der Stadt gelangt war, und das vertraute Gesicht von Mariyah zu sehen bekam und gefragt wurde, wo sie den letzten Tag gewesen ist...